Part 5
Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen, die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der »Toten Seelen« -- der nicht sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen, jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte, daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfüllen würden, wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der »Toten Seelen« verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte jedoch, die Lektüre der »Toten Seelen« würde die Menschen aufrütteln, besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten. Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten, ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte, daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime Hoffnung, daß die Lektüre der »Toten Seelen« viele auf die Idee bringen würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während der Zeit, als er die »Toten Seelen« schrieb, eine solche Wendung nach Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann. Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten, ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt, daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht.
Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schöpferischen_ Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft nennen will -- eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen, weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will, nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an, darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen -- wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt. Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals, als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor, als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und zu erziehen. Ich wußte nicht, _wie_ das geschehen würde, noch wozu das nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um, wie er sich ausdrückt,
Mich unterm Himmel Afrikas Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen.
Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark, daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte, diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine, daß ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute; ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an fremde Länder zu denken -- und während der ganzen Zeit meines Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen.
Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar, um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung, mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war.
Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte man nicht einmal den Namen »Rußland« aussprechen. Wie mir schien, waren nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten Romanen gelesen hatte. Kurz -- während meines ganzen Aufenthalts in Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen, der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust, jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben, schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren. Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag, armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles, das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit, Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören, wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem »_Briefwechsel mit meinen Freunden_«, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig zu Worte kommen.