Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

Part 4

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Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt, die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet -- kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade _die_ Pflicht, die seine irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich, der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte, daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft, die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens beitragen, kurz -- ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben und Fähigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft, von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen, seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur über den _ganzen_ Menschen, sondern auch über seine Stellung und das Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist), da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse -- um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen. Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar werden.

Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre. Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers, und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah, daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in sich selbst tragen -- kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen, daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen, sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern -- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden. Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken, daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu sagen: »Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!«

Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat, wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens, besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen, daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen verantwortlich zu machen und anzuklagen.

Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen. Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden, sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein, schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben. Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß, warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war -- das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen, -- und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen sollte.

Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen, den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen, den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können. Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen, ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen oder nicht zu berücksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen. Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur entdeckt hätte.