Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

Part 6

Chapter 63,662 wordsPublic domain

Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben -- selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die Frage nach dem »Warum« stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem, warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte, Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt, wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen, und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte; ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten könnte, wie ich die »Toten Seelen« und alles, was ich in der letzten Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde, und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder fließen würde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit: begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner: ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig?

Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je, daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen, die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren, erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen, zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist.

Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht: um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht, herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen, denen jedoch die _schöpferische_ Gabe völlig mangelt. Wer dagegen _schafft_, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag, was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln gequält und beunruhigt wird.

Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen; aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt, dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen, den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen: »_Ein Wort ist wie ein Spatz_,« sagt ein russisches Sprichwort, »_läßt du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein_.«

Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten, in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst veröffentlichte Buch »Briefwechsel mit meinen Freunden« ist ein Beweis dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten »Toten Seelen« vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten »Toten Seelen«. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu machen. In den von mir vernichteten »Toten Seelen« ist weit mehr von dem Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende, treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun, die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in Rußland befinden.

Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht, der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen.

Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn -- um ganz aufrichtig zu sein -- das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir, als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte, daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß, nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit, dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der kleinste wie der größte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man, wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht. Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört, man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr. Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der der klügste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaßen für den größten aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte. Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst.