Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

Part 15

Chapter 153,634 wordsPublic domain

Diese Veränderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spöttereien und Streiche seiner mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhänglichkeit und Sympathie. Mußte man denn auch nicht unwillkürlich Achtung vor ihm empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den Leser darüber aufzuklären, daß ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst zu reden von einem blauen), wenn er bloß nicht aus grauem Stoff gefertigt ist, in den Dörfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen selbst von den trägsten und unbeweglichsten Köpfen die Mützen herab und begeben sich in die Hände ihrer Besitzer; selbst die würdigen mit schwarzen und grauen Schnurrbärten gezierten, sonnengebräunten Häupter beugen sich tief bis zum Gürtel. Die Zahl aller Röcke im Dorfe betrug -- wenn man auch den Mantel des Kirchensängers mitrechnet -- drei; aber so wie ein majestätischer Kürbis sich stolz aufbläht und alle übrigen Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt, also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine sämtlichen Mitbrüder. Was ihm den größten Reiz verlieh, das waren die Knochenknöpfe, die von den in Haufen auf der Straße stehenden Straßenjungen mächtig angestaunt wurden. Nicht ohne Vergnügen hörte unser stutzerhafter Erzieher der Jugend, wie die Mütter ihre Säuglinge auf die Knöpfe aufmerksam machten, und wie die Kleinen ihre Händchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d. h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genuß, zuzusehen, wie würdig und mit welcher Rührung unser ehrenwerter Lehrer mit vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sättigung besorgte. Da gab es kein überflüssiges Wort, keine unnötige Bewegung; er schien sich völlig in seinen Teller zu verfügen und ganz in ihm aufzugehen. Wenn er ihn so gründlich geleert hatte, daß kein gastronomisches Gerät, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand, dessen es sich bemächtigen konnte, schnitt er sich ein Stück Brot ab, spießte es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gerät noch einmal über den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als käme er eben aus der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur äußere Vorzüge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt bezeugten, und der Leser würde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schließen wollte, daß damit alle seine Gaben und Fähigkeiten erschöpft gewesen wären. Der würdige Pädagoge besaß für einen einfachen Mann geradezu unermeßliche Kenntnisse, von denen er einige für sich behielt, wie z. B. die Zubereitung einer Arznei gegen den Biß von tollen Hunden und die Kunst, bloß aus Eichenrinde und Salpetersäure die schönste rote Farbe herzustellen. Außerdem konnte er eigenhändig die herrlichste Stiefelwichse und Tinte herstellen und für den kleinen Enkel Anna Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte er Garn auf und spann er sogar.

Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mägde völlig in ihn vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach seiner Farbe völlig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund, dessen dreisten Ansprüchen die abstehenden Ohren nur mit Mühe eine Schranke zu setzen vermochten, sich fortwährend verzog und verzerrte, indem er sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen eine hellgrüne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie enträtseln? Wie dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_ Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von Garn und seiner großen Lebenserfahrung. Der Haushälterin gefiel am meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden; übrigens hatte auch sie bemerkt, daß der Lehrer eine wundersame gerührte Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen Enkel machten die papierenen Hähne und Männchen außerordentlich viel Spaß. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die Treppe hinaustreten sah, sofort zärtlich mit dem Schweife wedelnd, entgegenzulaufen und ihn ohne alle Förmlichkeit auf die Lippen zu küssen, wenn der Lehrer, die Würde, die seinem Amte gebührte, vergessend, sich unter dem majestätischen Giebel niederzusetzen beliebte. Nur die beiden älteren Enkelkinder und die Jungen, die zum Hause gehörten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_, _Bild_, _Bär_ durchnahm, fürchteten sich vor der beredten, höchst ausdrucksvollen Rute des strengen Pädagogen.

Während seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine Beobachtungsgabe mit dem gebührenden Respekt haften blieb, war, wie der Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht, das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen Zeiten koloriert und den man, seit Gott weiß wie langer Zeit, mit dem Namen »Falte« zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder, erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte schwächliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose Übersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften glühenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die Erinnerung, diese Repräsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft übrigbleibt, wenn das verhängnisvolle siebente Jahrzehnt einem Kälte durch die einstmals von Feuer durchströmten Adern treibt und das Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Übrigens belebten die ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschäftigen und sich zu schaffen zu machen, einigermaßen das schon erloschene Leben in ihren Zügen, und ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, daß ihr noch weitere dreißig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fünf Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heißt bis zur Stunde, wo man sich Ruhe zu gönnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Tätigkeit. Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Räume besucht und den ganzen Haushalt durchmustert: Küche, Keller und Vorratskammern; sie hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hühner und Gänse eigener Zucht, für die sie eine große Vorliebe hatte, zu füttern. Vor dem Mittagessen, das nie später als um zwölf Uhr stattfand, blickte sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloßer Geruch den Pädagogen in eine unerklärliche Aufregung versetzte; besaß er doch eine leidenschaftliche Sympathie für alles, was der geistigen und physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen Mittagessen und Abend gibt's für eine Hausfrau genug zu tun. -- Da gibt's Wolle zu färben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Früchte einzumachen, Liköre zu süßen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und Hausrezepte kommen während dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen Auge unseres Pädagogen konnte es nicht entgehen, daß auch Anna Iwanowna die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene Schüchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen über ihre außergewöhnlichen wirtschaftlichen Künste und Fähigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm, wie er später erfuhr, von großem Nutzen. Die würdige alte Dame verschloß die süßen Liköre und die Gläser mit Eingemachtem nicht eher, als bis Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die außerordentliche Güte des einen wie des anderen gerühmt hatte. Alle übrigen Personen standen im Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebäude im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters enthüllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere Kolorit, das jedem eigentümlich war, und dann erblickte er, fast wie in einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein fortwährendes Geräusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pädagoge verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und sich gleich einem mächtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu erwerben.

Gänzlich unbegreiflich waren allein die Gründe, die ihn veranlaßt hatten, sich dem Küchenmeister anzuschließen. War es die hohe Achtung, die Iwan Ossipowitsch unwillkürlich vor seiner Kunst empfand, oder war es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden. Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch unbegreiflicher war die Macht, die der Küchenmeister über unseren Pädagogen besaß, so daß der von Natur so bescheidene und schüchterne Lehrer, der nichts in den Mund nahm außer einem medizinischen Dekokt von _Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkürlich in die Schenken und überallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Küchenmeister seine Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Küche, die Speicher, die Scheunen, die Ställe und Vorratskammern, die einen unregelmäßigen Kreis um den geräumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem Vergnügen verweilte er bei dem Garten, der üppig in die Breite geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrünen Mäntel gehüllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden und schlummerten oder, sich plötzlich ihren Träumen entreißend, die unbotmäßige Luft wie Windmühlenflügel durchschnitten, und dann ging es wie ein unverständliches Geflüster durch das Blattwerk, und die gemessene majestätische Bewegung ihres ganzen Körpers gemahnte an die alten Mimen, die die großen Schatten der Verstorbenen auf den Gerüsten Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr Objekt und hafteten mehr an den weniger majestätischen Gartenbewohnern, die dafür von unten bis oben mit Birnen und Äpfeln behangen waren, von denen die üppige Ukraine förmlich strotzt. Von hier aus kämpften sie sich bis zur Küche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen, Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kräuter hin, die in die Apotheke der Dorfküche gehören. Nicht ohne besonderes Vergnügen betrat er das reine, sauber geweißte und aufgeräumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel gehüllte Landschaft hinaussah.

Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas über den Eindruck, den unser Lehrer auf die Schönen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die gesenkten Augen, das Geflüster und die tiefen Verbeugungen ließen erkennen, daß seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe Angelegenheit erschien. Übrigens ist es hier wohl am Platze, den freundlichen Leser daran zu erinnern, daß Iwan Ossipowitsch einen Rock aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknöpfen von der Größe eines mächtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten auslegte. Zum Glück oder Unglück jedoch suchte das Gefühl, das der armen Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein wahres Meer von unerträglichen Qualen beschert hat, unseren Pädagogen nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker, und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wußte er doch genau, daß keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hälfte des Menschengeschlechts für nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An solchen Prinzipien, die bei ihm schließlich die Festigkeit von Grundsätzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ... _Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums häufig zu sagen, indem er die Schläge zählte, die er seinen faulen Schülern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres Lehrers heftig erschütterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke von Mißverständnissen bestürmte, ihn, der bisher unbeugsam in den Fußstapfen seiner großen Lehrmeister gewandelt war und sich mit regelmäßigem Pulsschlag in seiner flaschenförmigen Sphäre bewegt hatte.

II. Der Erfolg der Gesandtschaft

(Der Küchenmeister entschließt sich trotz der eigenen Herzenswunde, die er sich ganz plötzlich durch den Anblick der sich am Teiche waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem Lehrer gegeben hat, einzulösen und den Gesandten und Fürsprecher seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in die Hütte des Kosaken Charjka Potyliza.)

Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: »Ach, wenn doch der Lehrer nicht wäre!« wiederholte er mehrmals bei sich selbst; »was hätte es ihn gekostet, wenn er sich's hätte einfallen lassen, sich nur ein klein wenig später zu verlieben?« Und nachdenklich durchmaß er langsamen Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte. Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen Rute auseinander und stand nun vor ihm.

Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung, die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton, bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die unordentlich herumlagen.

Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm, daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen: »Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.«

»_Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_ Was wär' ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?«

Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte.

Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte; er fuhr daher fort: »Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum _Alten_ führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.«

»Ah, ist es das!« sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. »Bitte, tretet ein!« und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu.

In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne, ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. »Bist du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?« fragte sie ihn, indem sie sich auf der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet.

-- Wieso zu Fuß? -- Teufel auch! sollte sie über das, was gestern vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. -- »Gewiß doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten, wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um von einem Hof zum anderen zu gelangen!«

»Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!«

Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf.

-- Nein, du Schelmin! Der Böse selbst ist nicht schlauer als dieses Mädel! wiederholte der Küchenmeister mehrmals bei sich selbst und wünschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft vergessend, die zwischen ihnen bestand.

»Übrigens wäre ich damit einverstanden, daß mir die Karauschen samt den frischgesalzenen Eierschwämmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur noch einmal so lachen wolltest, schönes Mädchen!«

Bei diesen Worten konnte der Küchenmeister sich nicht mehr beherrschen und umarmte sie.

»Nein, das habe ich nicht gerne!« rief Katerina errötend, wobei sie eine zornige Miene machte. »Bei Gott, Onißko, wenn du noch einmal so etwas tust, so werfe ich dir ohne viel Umstände diesen Topf an den Kopf.«

Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf, und das Lächeln, das hierbei über ihr Antlitz huschte, schien deutlich sagen zu wollen: »aber ich wäre dessen nicht fähig!«

»Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so böse zu werden! Als ob das weiß Gott was für ein Verbrechen wäre, -- ein hübsches Mädchen zu umarmen!«

»Sieh, Onißko, ich bin ja gar nicht böse,« sagte sie, indem sie ein wenig von ihm abrückte und wieder ein fröhliches Gesicht machte; »übrigens schien es mir so, als hättest du den Lehrer erwähnt.«

Da aber machte der Küchenmeister ein recht kümmerliches Gesicht, das mindestens um ein paar Zoll länger wurde als gewöhnlich. »Der Lehrer ... Iwan Ossipowitsch soll das heißen ... Pfui Teufel noch einmal! Ich verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlüpfen können, ganz als ob ich Gewürzbranntwein getrunken hätte. Der Lehrer ... Sieh mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in dich verknallt, daß ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben läßt. Er grämt und härmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt aufs Geratewohl hergekommen, um mich für ihn zu verwenden.«

»Da hast du einen schönen Auftrag übernommen,« unterbrach ihn Katerina ein wenig ärgerlich. »Bist du etwa sein Brautwerber oder sein Verwandter? Ich würde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe in die Küche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern um Almosen für sie zu bitten.«

»Das ist schon ganz richtig; indes, ich weiß wohl, daß es dich freut, und sogar sehr freut, daß der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir nachzulaufen.«

»Das sollte mich freuen? Hör' mal, Onißko: wenn du das sagst, um dich über mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du solltest dich schämen, ein armes Mädchen schlecht zu machen! Wenn du aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dümmste Mensch im ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt: ich weiß wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlaßt. Du hast wohl geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.«

Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdärmel eine Träne aus dem Gesicht, die plötzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr über die glühende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen Abendhimmel hinunterschießt.

-- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Onißko bei sich, indem er das glühende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lächeln von vorhin lange Zeit mit dem Ärger kämpfte, um ihn schließlich gänzlich zu verscheuchen.

»Der Donner treffe mich hier auf der Stelle!« rief er endlich aus, da er seine innere Erregung nicht mehr unterdrücken konnte, und umfaßte ihre rundliche Taille. »Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso freut, daß du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn ich ihm sein Spülwasser bringe.«

»Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr grinsen, wenn du erfährst, daß fast alle Mädchen im Dorf dasselbe sagen.«

»Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mädchen haben ihn lieb. Neulich gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwährend ihre Köpfe über den Zaun, wie Frösche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da streckte wieder eine andere ihr Köpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel alle mitsamt dem Lehrer! Ich gäbe ein Viertel vom besten Branntwein dritter Güte dafür, wenn ich von dir erfahren könnte, Katerina, ob du mich auch nur für einen Groschen liebhast?«

»Ich weiß nicht, ob ich dich liebe; ich weiß nur, daß ich um alles in der Welt keinen Trunkenbold heiraten möchte. Wer mag mit so einem zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein Mensch stammt; man mag gar nicht in die Hütte hineinschauen: da gibt's nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen. Nein, nein, nein! Gott behüte! Mich schaudert's schon beim bloßen Gedanken daran! ...«

Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten Hauptes und wie ein Verdammter saß der Küchenmeister in seine Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer Gewissensnöte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen deutlich, daß ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle ungestümen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden Reihe an ihm vorüberzogen.