Part 16
»Wahrhaftig, was bin ich für ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich liege bloß meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofür mir ein guter Mensch gedankt hätte? Ich habe nur immer gebummelt und gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, daß Herz und Seele sich dabei wohl fühlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder nüchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein Hundeleben, das ich führe!«
Die schöne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes Händchen auf die Schulter und murmelte halblaut: »Nicht wahr, Onißko, du wirst nie mehr trinken.«
»Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Für dich könnte ich alles tun.«
Das Mädchen sah ihn gerührt an, und der Küchenmeister schloß sie begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer von Küssen, wie ihn der ruhige und gemütliche Gemüsegarten schon lange nicht erlebt hatte.
Kaum aber hatte der Laut der verliebten Küsse die Luft erschüttert, als eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des Donners das Ohr des sich zärtlich liebkosenden Paares traf. Der Küchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem Zaune stehende Ssimonicha.
»Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe weiß man noch nicht, wie Burschen und Mädel sich küssen, wenn der Vater nicht zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lämmchen! Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lüge. So also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ...«
Mit Tränen im Auge mußte sich das schöne Mädchen in die Hütte zurückbegeben, wußte sie doch, daß sie den giftigen Reden der Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte.
»Wenn dir doch jemand ein Schloß vor den Mund hängte, alte Hexe!« sagte der Küchenmeister. »Was geht denn dich das an?«
»Was mich das angeht?« fuhr die unermüdliche Schankwirtin fort. »Das ist noch schöner! Die Burschen machen sich einen Spaß draus, über den Zaun und in fremde Gärten zu klettern, die Mädchen locken die Burschen zu sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebäugeln und küssen sich -- und das sollte mich nichts kümmern! Hast du's gehört, Karno?« schrie sie plötzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an einen vorübergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam einherschreitenden Kuh. »Hast du's gehört? Steh doch einen Augenblick still. Was das für eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...«
»Pfui Teufel!« schrie der Küchenmeister, indem er zur Seite spuckte und völlig die Geduld verlor. »Der Teufel selbst hat sich vermummt und die Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen!«
Und der Küchenmeister setzte seinen Fuß auf den Zaun und war einen Augenblick später im Garten des Herrn.
Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten. Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen, warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so leichten Kaufes davongekommen.
»Nein, Herr Lehrer!« murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, »die Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!« Und nachdem er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern.
Das Weib
»Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift, das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt, verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ: lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du schufst das Weib.«
So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf die jugendliche Brust des Jünglings herab.
»Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du kennst das Weib nicht.«
Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl, das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen, in eine einzige schmerzliche Klage.
Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger, wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und Gefühlen zu künden.
»Kannst du denn auch lieben, Telekles?« fragte er ihn mit ruhiger Stimme.
»Ob ich lieben kann!« fiel der Jüngling rasch ein, »frag' doch den Zeus, ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern vermag. Frag' Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?«
»Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen, die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren Haupte verscheuchen möge.
»Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast: wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann? Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen -- dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib? -- Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne. Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen Gefühlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das unsterbliche Bild des Künstlers fällt, -- was sucht es, was ergreift es in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist, und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfältigkeit der Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt. Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele, wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brüder, d. h. Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind, findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.«
Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein, selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen entstieg.
Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden Wangen.
Fragmente
Gedichte und poetische Versuche
Sturm
»Warum so trüb?« -- »Einst war ich heiter,« Sag' ich zu meiner Lust Genossen. »Ich hab' mein Herz dem Schmerz erschlossen; Die Freude starb: ich lebe weiter. Jung war ich, und mein heller Blick hat Trauer nicht und Mißgeschick Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin, Stirbt wie der Herbst, und ich verblute Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute. Die Freude lockt nicht meinen Sinn.« Die Freunde lachen: »Was du nur Zu weinen hast! Das Wetter ist So heiter klar, und die Natur Nicht halb so trüb, wie du es bist.« Und ich: »Mir gilt das alles nichts. Ob Tag zu Tag und Jahr sich türmt, Ob's hell, ob's dunkel ist, was ficht's Mich an, wenn mir's im Herzen stürmt.« --
Albumblatt
Das Licht verliert im Auge des Träumers schnell seine Wärme. Er findet die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfüllt, seine Erwartungen unbefriedigt, und die Glut des Genießens verraucht in seinem Herzen ... Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie glücklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage erkennt: der Tage einer glücklichen Kindheit, da er die keimenden Zukunftsträume von sich warf und seine Freunde verließ, die ihm von ganzem Herzen ergeben waren.
Hans Küchelgarten
Eine Idylle in ** Bildern von W. Alow 1827
Deutsch von Ulrich Steindorff
Das vorliegende Werk hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht besondere Umstände, die nur für den Verfasser von Bedeutung sind, die Veranlassung dazu gegeben hätten. Dies Werk ist eine Frucht seiner achtzehnjährigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil über die Vorzüge oder Mängel dieser Dichtung abzugeben -- das überlassen wir dem Publikum -- wir wollen nur bemerken, daß viele von den Bildern dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir rechnen es uns indessen zum Verdienst an, daß wir dem Publikum, soweit dies möglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes kennen zu lernen.
Erstes Bild
Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt. Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel. Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald. Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt, Da steht behaglich unter Lindenschatten Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt Von seinem greisen Herrn und arg verfallen. Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz, Von blüh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk; Die Fenster windschief. Aber immer ist Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis Der Welt wär' es dem Alten feil. -- Dort steht Die Linde, sein geliebter Ruheplatz. Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten In ihrem Dunkel und erfüllen Garten Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall. -- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden, Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier Ein wenig in der Frische noch zu schlummern. Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren.
Wer ist die Schöne, die mit Blicken Ihm naht, in denen alle Glut, Des Morgens ganze Frische ruht, Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken, Wie sie mit lilienweißer Hand Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken, Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken. Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand Zur Welt, sprach er, die Lider kaum Geöffnet, leise wie im Traum:
»Du wunder-, wunderbarer Gast, Der du mein Heim besuchet hast, Warum füllt Kummer mich und schwillt Durch meine Seele. Was bewegt Mich Greisen denn dein Engelsbild So tief, so seltsam tief, und regt Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt, Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt Und allem, was da lebt, längst kalt.
Seit ich mich tot in mir verscharrte, Ist's Ruhe nur, auf die ich warte, Die ich begehre immerfort. Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort. Und nun kommst du, du Junge, mir Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir? Ach nein, aus deinem lichten Munde Flammt einer neuen Hoffnung Kunde. Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde Bin ich bereit. Allein mir fehlt Die Würde. Meine Sündenlast Ist groß. Ich war in dieser Welt Ein arger Streiter und gehaßt Von Hirt und Herde. Grausamkeit War mir nicht fremd. Allein ich schwor Den Teufel ab, und ich verlor Zur Buße keinen Tag, allzeit Entsühnend die Vergangenheit.«
Voll schwerer Sorge und verwirrt Fragt sie sich bang: »Soll ich's ihm sagen, -- Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, -- Sag' ich ihm, daß er phantasiert?« Doch Nebel des Vergessens hängt Um ihn, den neuer Schlaf umfängt. Sie neigt sich über ihn, verstohlen. Wie sanft er schläft, wie still er ruht! Kaum merklich hebt beim Atemholen Die Brust sich. Licht in Ätherflut Hält ihn ein Engel in der Hut, Und paradiesisch Lächeln flicht Sich leuchtend um sein Angesicht.
Nun öffnet er die Augen: »Wer, Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach; Mir träumte -- --, du, wo kommst du her? Bist, Wildfang, du so früh schon wach? Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer.« --
»Großvater, nein, 's ist hell und klar. Im Walde blitzt das Sonnenlicht. Und schon am frühsten Morgen war Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht Ein Blatt. -- Weißt du, warum ich kam? Es gibt ein Fest. Wir feiern heut. Der alte Geiger Lodelham Und auch der Fritz sind längst bereit. Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --!« Den Greis Umspielt ein weises Lächeln. Still Hört er, was sie erzählen will, Das sorglos junge Blut. »Ich weiß, Großväterchen, nur du hast Macht, Ein bitter großes Weh zu bannen. Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht Und bald am Tag schleicht er von dannen Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht, Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt, Dann hört er gar nicht, was man sagt. Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht, So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz Noch lange quält, geht er zugrund. >Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund Das harte Wort gebraucht, mein Herz. Meinst du, daß er vielleicht mit mir Nicht mehr zufrieden ist, daß er Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir, Du Engelsguter!« -- Und sie schlang Die Arme fest um ihn. Kaum ging Ihr Atem, als sie an ihm hing In ihrer Liebe so verwirrt und bang. Als sich die Träne ihr ins Auge stahl, Wie war sie schön in ihrer Qual.
»Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein. Schämst du dich nicht?« Der Pfarrer mühte Sich tröstend um sie. »Gottes Güte Wird dir Geduld und Kraft verleihn. Wenn du ihn innig bittest, wirst Du auch bei ihm Erhörung finden. Hans lebt ja nur für dich. Du irrst. Du mußt die Zweifel überwinden. Du darfst dir nicht mit solchen leeren Gedanken deine Ruhe stören.« -- --