Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 3
sagte er: »Derschawin hat nicht ganz recht, die Worte des Dichters sind bereits seine Taten.« Puschkin hat recht. Der Poet soll im Reiche des Worts ebenso einwandfrei und makellos dastehen, wie jeder andere Mensch in seinem Kreise. Wenn sich ein Schriftsteller entschuldigen und bestimmte Umstände für die Unaufrichtigkeit, Unüberlegtheit oder Übereiltheit seiner Worte verantwortlich machen wollte, dann kann auch jeder ungerechte Richter eine Entschuldigung dafür finden, daß er sich bestechen läßt und mit Recht und Gerechtigkeit Handel getrieben hat, indem er die Schuld auf seine beschränkten Verhältnisse, auf seine Frau, oder auf Krankheiten in seiner Familie abwälzt. Finden sich doch immer genug Gründe, die man anführen kann! Ein Mensch gerät plötzlich in schwierige Verhältnisse. Es geht die Nachkommen doch nichts an, wer schuld daran war, daß der Schriftsteller eine Dummheit, etwas Törichtes und Albernes gesagt hat und daß er seinen Gedanken in unüberlegter und unreifer Weise Ausdruck gegeben hat. Sie werden nicht danach fragen, wer seine Hand geführt hat: ein kurzsichtiger Freund, der ihn zu verfrühtem Handeln aufforderte, oder ein Journalist, der nur um den Erfolg seiner Zeitschrift besorgt war. Die Nachwelt wird weder auf Koterien noch auf Journalisten, ja nicht einmal auf seine Armut und seine schwierige Lage Rücksicht nehmen. Ihr Tadel wird sich gegen ihn und nicht gegen sie richten. Warum konntest du dem allem nicht widerstehen? Du hattest doch ein Gefühl für die Ehre deines Standes, du selbst hast ihn doch allen andern, ja den aussichtsreichsten und vorteilhaftesten Ämtern und Berufen vorgezogen und hast dies nicht etwa aus einer Laune, sondern nur darum getan, weil du dich von Gott dazu berufen fühltest. Zu alledem ward dir noch ein Verstand geschenkt, der weiter und tiefer blickte, einen größeren Umkreis von Dingen umspannte, als die, die dich anspornten und vorwärts stießen! Warum also bliebst du ein Kind und wardst nicht ein Mann, wo dir doch alles zuteil geworden war, was dazu gehört, ein Mann zu sein? Kurz, ein gewöhnlicher Schriftsteller könnte sich vielleicht noch mit den Umständen entschuldigen, nicht aber ein Derschawin. Er hat sich selbst viel dadurch geschadet, daß er nicht wenigstens die größere Hälfte seiner Oden verbrannt hat. Diese Hälfte seiner Oden ist höchst merkwürdig und wunderbar: noch nie hat ein Mensch so über sich selbst und über das Heiligtum seiner Überzeugungen und Gefühle gespottet, wie dies Derschawin in dieser unseligen Hälfte seiner Oden getan hat. Wie wenn er sich bemüht hätte, eine Karikatur seiner eigenen Person zu zeichnen: alles, was bei ihm an vielen andern Stellen schön und frei klingt, so durchwärmt ist von der inneren Kraft eines geistigen Feuers, erscheint hier kalt, seelenlos und gezwungen; und was das schlimmste ist, -- all jene Wendungen, jene Ausdrücke, ja ganze Sätze (jene königliche Adlergeste seiner begeisterten beseelten Oden) finden sich hier wieder, aber sie wirken hier bloß komisch und erzeugen einen Eindruck, wie wenn ein Zwerg den Panzer eines Riesen angelegt und ihn überdies noch verkehrt angezogen hätte. Wieviel Menschen urteilen heute über Derschawin lediglich nach seinen banalen Oden! Wie viele zweifeln an der Aufrichtigkeit seiner Gefühle, bloß weil sie den Eindruck haben, daß diese Gefühle an vielen Stellen schwächlich und seelenlos ausgedrückt sind! Was für zweideutige Gerüchte sind über seinen Charakter, die Vornehmheit seines Wesens und über die Unbestechlichkeit der richterlichen Gewalt entstanden, für die er eintrat! Und dies bloß darum, weil er das nicht verbrannt hat, was er dem Feuer hätte übergeben sollen. Unser Freund P*** hat folgende Gewohnheit: sobald er ein paar Zeilen von einem bekannten Schriftsteller entdeckt, veröffentlicht er sie sofort in einer Zeitschrift, ohne es sich gründlich zu überlegen, ob sie dem Autor zur Ehre oder zur Unehre gereichen. Und er besiegelt sein ganzes Werk mit der bekannten Ausrede der Journalisten: »Wir hoffen, die Leser und die Nachwelt werden uns dankbar sein für die Mitteilung dieser wertvollen Zeilen; alles, was von einem großen Mann herrührt, hat Anspruch auf unser Interesse« und dergleichen mehr. Das alles sind Torheiten. Irgendein unbedeutender Leser wird es ihm vielleicht danken, aber die Nachwelt wird diese kostbaren Zeilen gar nicht beachten, wenn sie nur eine seelenlose Wiederholung dessen sind, was bereits bekannt ist, und wenn sie uns nicht einen Hauch von der Heiligkeit dessen fühlen lassen, was wirklich heilig sein soll. Je erhabener eine Wahrheit ist, um so vorsichtiger muß man mit ihr umgehen; sonst verwandelt sie sich in einen Gemeinplatz und Phrasen schenkt man keinen Glauben. Die Atheisten haben bei weitem nicht soviel Unheil angerichtet, wie die Heuchler oder _die_ Propheten Gottes, die noch nicht genügend für ihr Amt vorbereitet waren und sich erdreisteten, Seinen Namen mit ungeweihten Lippen zu verkünden. Man muß redlich mit dem Worte umgehen: es ist die höchste Gabe, die Gott den Menschen verliehen hat. Wehe dem Schriftsteller, der in einem Augenblick ein Wort spricht, wo er unter dem Einfluß leidenschaftlicher Verirrungen, des Ärgers, des Zornes oder einer persönlichen Abneigung steht, kurz, zu einer Zeit, wo seine Seele noch nicht zu voller Harmonie gelangt ist: dann werden ihm Worte entfliehen, die allen Widerwillen und Ekel einflößen, und in solchen Fällen kann man selbst beim reinsten Streben nach dem Guten Unheil anrichten. Unser obenerwähnter Freund P*** kann als Beweis dafür dienen: er war sein ganzes Leben lang eifrig darum bemüht, _seinen Lesern sofort alles mitzuteilen_, sie von allem in Kenntnis zu setzen, was er soeben gelernt hatte, ohne zu überlegen, ob ein Gedanke in seinem eigenen Kopfe auch genügend ausgereift war, um auch allen andern vertraut und verständlich zu sein, mit einem Wort -- er stellte sich vor den Lesern in seiner ganzen Unklarheit und Verworrenheit zur Schau. Und wie? Haben die Leser etwa das edle und schöne Streben bemerkt, das bei ihm so oft durchleuchtete? Haben sie von ihm angenommen, was er ihnen mitteilen wollte? Nein, sie haben nichts an ihm entdeckt als seine innere Zuchtlosigkeit und Unreinlichkeit, die der Mensch zuallererst bemerkt, und haben nichts von ihm angenommen. Dreißig Jahre lang hat dieser Mensch gearbeitet und gestrebt wie eine Ameise, sein ganzes Leben hindurch war er bemüht, alles eiligst an den Mann zu bringen, was sich ihm an Gegenständen darbot, die zur Bildung und Aufklärung Rußlands beitragen konnten, und kein Mensch hat ihm dafür gedankt; ich bin noch nie einem dankbaren Jüngling begegnet, der erklärt hätte, er schulde ihm Anerkennung für ein neues Licht, das er ihm aufgesteckt, oder für das edle Streben nach dem Guten, das sein Wort ihm eingepflanzt habe. Im Gegenteil, ich mußte ihn oft verteidigen und für die Reinheit seiner Absichten und für die Aufrichtigkeit seiner Worte gegenüber solchen Leuten eintreten, die ihn doch wohl hätten verstehen können. Ja, es wurde mir sogar schwer, jemand zu überzeugen, weil er es verstanden hat, sich so vor allen zu vermummen, daß es völlig unmöglich ist, ihn den Leuten in seiner wahren Gestalt vorzuführen. [Wenn er vom Patriotismus spricht, dann spricht er so über ihn, daß es den Anschein hat, als ob sein Patriotismus ein bezahlter Patriotismus sei; spricht er von der Liebe zum Zaren, einem Gefühl, das er warm und aufrichtig und wie ein Heiligtum in seiner Seele hegt, so äußert er sich so, daß man nichts wie Kriecherei und habsüchtige Liebedienerei herauszuhören meint. Seiner aufrichtigen ungekünstelten Empörung über jede Bestrebung, die Rußland schaden kann, leiht er einen Ausdruck, wie wenn er bestimmte Leute, die er allein kennt, denunzieren wollte. Mit einem Wort, auf Schritt und Tritt verleumdet er sich selbst.] Es ist eine große Gefahr für einen Schriftsteller, mit dem Wort Spott zu treiben: »Ein faules Wort gehe nie aus eurem Munde.« Wenn sich dies ohne Ausnahme auf jeden von uns bezieht, um wieviel mehr muß es für die gelten, deren Reich -- das Wort ist und deren Bestimmung es ist, von allem Schönen und Hohen zu reden. Wehe, wenn mit faulen Worten von heiligen und erhabenen Dingen geredet wird; dann ist es schon besser, man redet mit faulen Worten von faulen Dingen. Alle großen Erzieher der Menschheit haben _denen_, die die Gabe des Wortes besaßen, in erster Linie ein langes Schweigen auferlegt und zwar gerade dann und in solchen Augenblicken, wo sich in ihnen der Wunsch am stärksten regte, mit Worten zu prunken, und wenn ihre Seele den Drang fühlte, den Menschen viel Gutes und Nützliches zu sagen; sie fühlten, wie leicht man schänden kann, was man erhöhen will, und wie unsere Zunge auf Schritt und Tritt zur Verräterin wird. »Leg' Tür und Riegel deinem Munde auf«, sagt Jesus Sirach: »Du verzäunest deine Güter mit Dornen; warum machst du nicht vielmehr deinem Munde Tür und Riegel? Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht auch deine Worte auf der Goldwage?«
1844.
V Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen An L**
Ich freue mich, daß man bei uns endlich mit dem öffentlichen Vortrag der Dichtungen unserer russischen Schriftsteller begonnen hat. Man hat nur schon aus Moskau einiges hierüber geschrieben, dort soll man verschiedene Werke der modernen Literatur, darunter auch einige Stücke aus meinen Erzählungen, vorgetragen haben. Ich war immer der Ansicht, daß solche öffentlichen Vorlesungen eine Notwendigkeit für uns sind. Wie es scheint, neigen wir mehr zu gemeinsamem Tun, selbst beim Lesen; wenn wir allein sind, sind wir alle träge, und solange wir sehen, daß sich die andern nicht regen, regen auch wir uns nicht. Ich glaube, wir werden tüchtige Rezitatoren hervorbringen: bei uns gibt es nur wenig Schwätzer, die über die Macht der Rede verfügen und die sich in den Gerichtssälen und Parlamenten hervortun könnten, aber wir besitzen viele Leute, die die Fähigkeit haben, mit jedem andern zu _fühlen_. Eine Empfindung mitzuteilen, sie mit andern zu teilen, das wird bei manchen geradezu eine Leidenschaft, die um so stärker wird, je mehr sie merken, daß sie sich nicht in Worten auszudrücken vermögen (ein Zeichen ist eine ästhetische Natur). Auch unsere Sprache begünstigt die Ausbildung von Rezitatoren; sie ist wie geschaffen für den kunstvollen Vortrag, da sie über alle Klangnuancen verfügt und die kühnsten Übergänge vom Erhabenen zum Einfachen in ein und derselben Rede ermöglicht. Ich glaube sogar, daß die öffentlichen Vorlesungen bei uns mit der Zeit das Schauspiel ersetzen werden. Ich wünschte freilich, daß für diese Vorlesungen, wie sie heute veranstaltet werden, Werke ausgewählt würden, die es wirklich verdienen, öffentlich vorgetragen zu werden, so daß es auch den Rezitator nicht zu gereuen brauchte, Mühe und Arbeit auf die Vorbereitung zu verwenden. In unserer modernen Literatur aber gibt es nichts Derartiges, und es ist ja auch gar nicht nötig, daß durchaus etwas Modernes vorgetragen wird; das Publikum liest es ja doch ohnedies wegen seiner großen Vorliebe für alles Neue. Alle diese neuen Erzählungen (darunter auch meine eigenen) sind gar nicht bedeutend genug, als daß man sie öffentlich vortragen sollte. Wir sollten uns an unsere Poeten halten, an jene hohen Dichtwerke, die in ihrem Kopfe in langem Nachdenken und langer Arbeit ausreiften und an denen auch der Rezitator lange arbeiten sollte. Unsere Dichter sind heute im Publikum so gut wie unbekannt. Man hat in den Zeitschriften viel über sie geredet, sie ausführlich und unter Aufwand vieler Worte analysiert, aber diese Analysen waren eigentlich mehr eine Selbstcharakteristik der Verfasser als eine solche der Dichter. Die Zeitschriften haben damit nur das erreicht, daß sie die Begriffe, die unser Publikum von seinen Dichtern hatte, noch mehr verwirrt und durcheinandergebracht haben, so daß die Persönlichkeit jedes Dichters für unser Publikum zweideutig und widerspruchsvoll geworden ist und daß sich niemand mehr ein klares Bild davon macht, was eigentlich das wahre Wesen eines jeden Dichters ist. Nur ein kunstvoller Vortrag kann einen klaren Begriff von einem Dichter vermitteln. Aber natürlich sollte der Vortrag nur von einem Redner übernommen werden, der jede kleinste, verschwindende Nuance des Werks, das er vorliest, wiederzugeben vermag. Dazu braucht man kein feuriger Jüngling zu sein, der in der Siedehitze der Begeisterung und in einem Zug an einem und demselben Abend eine Tragödie, eine Komödie, eine Ode und wer weiß was sonst noch herunterzulesen imstande ist. Ein lyrisches Gedicht wie es sich gehört vorzutragen -- das ist durchaus keine Kleinigkeit: dazu muß man es erst lange durcharbeiten. Man muß das hohe Gefühl, das die Seele des Dichters erfüllte, aufrichtig mit ihm teilen; man muß jedes seiner Worte mit Herz und Seele nachempfinden und erst dann zum öffentlichen Vortrag schreiten. Solch ein Vortrag wird keineswegs laut und lärmend und nicht aus der Fieberglut geboren sein. Im Gegenteil, er kann sehr ruhig sein, aber die Stimme des Vortragenden wird eine unbegreifliche, nie geahnte Kraft ausströmen, die ein Zeugnis für seine echte innere Rührung ist. Diese Kraft wird sich allen mitteilen und Wunder wirken: auch die, die nie von den Lauten der Poesie ergriffen wurden, werden erschüttert werden. Der Vortrag unserer Dichtwerke kann der Öffentlichkeit sehr zum Nutzen gereichen. In unseren Dichtern gibt es viel Schönes, das nicht bloß gänzlich vergessen, sondern auch verunehrt, schlecht gemacht und dem Publikum in einem gemeinen niedrigen Sinne ausgelegt worden ist, an den unsere hochherzigen Dichter nicht im entferntesten gedacht haben. Ich weiß nicht, von wem der Gedanke stammt, den Ertrag der öffentlichen Vorlesungen den Armen zuzuwenden: dieser Gedanke ist jedenfalls sehr schön. Er kommt besonders heute gerade zur rechten Zeit, wo es in Rußland so viele Menschen gibt, die unter Hungersnot, Feuersbrünsten, Krankheiten und allerhand Mißgeschick zu leiden haben. Wie würden sich die Geister der Dichter, die nicht mehr unter uns weilen, freuen, wenn ein solcher Gebrauch von ihren Werken gemacht würde!
1843.
VI Wie man den Armen helfen soll Aus einem Briefe an A. O. Sm--rn--wa.
Ich komme nun zu Ihren Ausfällen gegen die Torheit der (Petersburger) Jugend, die auf die Idee verfallen ist, ausländischen Sängern und Schauspielerinnen goldene Kränze und Becher zu verehren, während in Rußland ganze Provinzen von der Hungersnot heimgesucht werden. Das ist weder Dummheit noch eine Verhärtung des Herzens, das ist nicht einmal Leichtsinn -- es ist eine Folge der menschlichen Gleichgültigkeit, die ein gemeinsamer Charakterzug von uns allen ist. Die Leiden und Schrecknisse, die eine Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in einer großen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im Innern der Provinz, und nicht vor unseren Augen -- da liegt des Rätsels Lösung, und das erklärt alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel für einen Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am Gesang eines Rubini zu erfreuen, würde sicherlich sein ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er zufällig Augenzeuge eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern der Hungersnot sein müßte, vor denen alle Greuel und Schrecken, wie sie in Melodramen dargestellt werden, verblassen. Mit der Veranstaltung von Sammlungen hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, zu geben. Aber gerade für die Armen ist man heute bei uns nicht allzugern bereit, etwas zu geben, teils, weil nicht jeder davon überzeugt ist, daß seine Gabe auch an ihr Ziel und in die Hände dessen gelangen wird, der sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer Flüssigkeit, die man in der hohlen Hand trägt, und die unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren Bestimmungsort gelangt -- und der Notleidende bekommt nichts zu sehen, als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das ist's, was zuerst überlegt sein will, ehe man mit der Sammlung von Gaben beginnt. Hierüber wollen wir später miteinander reden, weil das durchaus keine unwichtige Sache ist, die es wohl wert ist, daß man sie in verständiger Weise bespricht. Nun aber wollen wir einmal gemeinsam überlegen, wo zuerst und vor allem geholfen werden muß. Man sollte in erster Linie solchen Leuten helfen, die von einem plötzlichen unerwarteten Unglücksfall betroffen wurden, durch den sie mit einem Schlage und in einem Augenblick um alles gekommen sind: es kann sich dabei um eine Feuersbrunst handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis auf den Grund abgebrannt ist, oder um eine Seuche, der das ganze Vieh zum Opfer gefallen ist, oder um einen Todesfall, der einen Unglücklichen seiner einzigen Stütze beraubt hat -- mit einem Wort um jeden plötzlichen Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem Male über einen Menschen hereinbricht, der gar nicht an sie gewöhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am Platze. Dabei aber ist es nötig, daß diese Hilfe auch in wahrhaft christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie bloß in einer Geldunterstützung besteht, dann hat sie gar keinen Wert und kann nichts Gutes wirken. Wenn Sie nicht zuvor selbst gründlich über die ganze Lage des Menschen nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen Rat und keine Unterweisung für ihn mitbringen, wie er von nun an sein Leben einrichten soll, so wird ihm nicht viel Vorteil aus Ihrer Hilfe erwachsen. Der Wert der Unterstützung, die einem Menschen erwiesen wird, kommt selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen beträgt sie selten soviel wie die Hälfte dessen, was der Mensch verloren hat, oft dagegen nur ein Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der Russe ist überall zum äußersten fähig: wenn er erkennt, daß er mit dem wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht mehr das gleiche Leben führen kann, wie früher, ist er imstande, in seiner Verzweiflung alles auf einmal durchzubringen, was ihm gegeben wird, um ihm für längere Zeit einen Lebensunterhalt zu gewähren. Daher müssen Sie ihn belehren, wie er sich mit dem, was ihm durch Ihre Unterstützung zuteil wurde, aus seiner Lage heraushelfen kann; klären Sie ihn über die wahre Bedeutung des Unglücks auf, damit er einsieht, daß es ihm gesandt ward, auf daß er sein früheres Leben aufgebe und ein anderer werde, wie früher, gleichsam ein neuer Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie werden ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, wenn Sie nur seinen Charakter und seine Lebensverhältnisse näher kennen lernen werden. Und er wird Sie verstehen: das Unglück macht den Menschen weicher; sein Wesen wird feiner, zartfühlender, er bekommt mehr Verständnis für Dinge, die die Begriffe eines Menschen übersteigen, der in alltäglichen gewöhnlichen Verhältnissen lebt; er verwandelt sich dann gleichsam in ein Stück warmen Wachses, das man kneten kann, wie man will. Am besten wäre es jedoch, wenn die Hilfe in allen Fällen durch die Vermittlung eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht würde. Nur ein Priester ist imstande, den Menschen über den tiefen heiligen Sinn eines Unglücks aufzuklären, das, in welcher Gestalt und Form es auch immer auf dieser Erdenwelt über einen Menschen hereinbricht, ob er nun in einer ärmlichen Hütte oder in prunkvollen Gemächern wohnt, stets eine Stimme aus dem Himmel ist, die den Menschen auffordert, sein früheres Leben aufzugeben und von Grund aus zu ändern.
1844.
VII Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee An W. M. Jasykow.
Das Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche heraufführen. Die Odyssee ist sicherlich die vollkommenste Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein Werk von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenüber nur eine Episode. Die Odyssee umfaßt die gesamte antike Welt, das öffentliche und das häusliche Leben, alle Sphären der Menschen jener Zeit mit ihren Beschäftigungen, ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es ist beinahe schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthält oder was von ihr übergangen wäre. Während mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der Antike und hierauf allen Dichtern überhaupt eine nie versiegende Quelle gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff für eine unzählige Menge von Tragödien und Komödien; und dies alles machte die Runde durch die Welt und wurde zum Gemeingut aller, während die Odyssee selbst vergessen wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas Seltsames an sich: sie wurde in Europa nicht in ihrem wahren Werte erkannt. Daran ist teils der Umstand schuld, daß es an einer Übersetzung fehlte, die eine künstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der Antike darstellte, teils der Mangel einer Sprache, die reich und vollkommen genug war, um all die unendlichen kaum faßbaren Schönheiten der hellenischen Zunge im allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; und endlich fehlte es auch an einem Volk, das mit einem so reinen jungfräulich unberührten Geschmack begabt gewesen wäre, wie er erforderlich ist, um einen Homer innerlich zu verstehen und nachzuempfinden.
Gegenwärtig wird diese größte Dichtung in die reichste und vollkommenste aller europäischen Sprachen übersetzt.
Schukowskis gesamte literarische Tätigkeit war gleichsam nur die Vorbereitung zu diesem Werk. Er mußte seine Verskunst an Übersetzungen von Dichtwerken aller Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um fähig zu werden, Homers unvergängliche Verse nachzubilden -- sein Ohr mußte der Leier aller Völker lauschen, um so feinhörig zu werden, daß ihm der Eigenton der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er mußte auch von dem glühenden Wunsche durchdrungen werden, alle seine Landsleute zu ästhetischem Nutz und Frommen ihrer Seele, zu solcher Liebe zu Homer zu zwingen, es mußte sich im Innern des Übersetzers selbst vieles ereignen, was seine Seele zu höherer Harmonie stimmte und ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich ist, um ein Werk nachzudichten, das einer solchen ebenmäßigen Harmonie und Ruhe entsprungen ist, er mußte endlich auch noch in tieferem Sinn zum Christen werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, der bereits begriffen hat, was der Sinn des Lebens ist. So viele Voraussetzungen mußten erfüllt werden, damit die Übersetzung der Odyssee nicht zu einer sklavischen Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das _lebendige Wort_ entgegenklingen und ganz Rußland Homer als etwas Verwandtes und Vertrautes aufnehmen konnte.
Dafür ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande gekommen. Das ist keine Übersetzung, sondern eher eine Neuschöpfung, eine Restauration, eine Auferstehung Homers. Die Übersetzung scheint uns noch tiefer in das Leben der Alten einzuführen, als selbst das Original. Der Übersetzer ist gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator Homers geworden, er hat sich gewissermaßen wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den Leser gestellt, das alle unendlichen Schätze Homers noch klarer und bestimmter hervortreten läßt.