Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I

Part 2

Chapter 22,429 wordsPublic domain

Sie glauben, Sie können keinen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben. Ich bin der entgegengesetzten Ansicht. Der Einfluß der Frau kann sehr groß sein, besonders heute, bei der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder -unordnung, die einerseits durch eine matte erschlaffte gesellschaftliche Bildung charakterisiert wird und in der sich andererseits eine seelische Erkaltung und eine moralische Müdigkeit bemerkbar macht, die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. Um jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu bedürfen wir der Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, die die ganze Welt ganz plötzlich wie eine dunkle Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas von der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere beiseite, sehen wir uns einmal in unserem russischen Vaterlande um und achten wir dabei auf das, was wir so häufig bemerken können: auf die zahlreichen Mißbräuche aller Art. Es stellt sich heraus, daß die Mehrzahl aller Fälle von Bestechungen (Mißbräuchen im Dienst), sowie alle übrigen Vergehen, deren man unsere Beamten und die Bürger aller Klassen beschuldigt, entweder auf die Verschwendungssucht der Frauen, die danach lechzen, in der großen und kleinen Welt zu glänzen und zu diesem Zweck Geld von ihren Männern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die Leere in ihrem häuslichen Leben zurückgeführt werden können, das lediglich allerhand idealen Träumereien und nicht den wahren eigentlichen Aufgaben und Pflichten gewidmet ist, die doch weit schöner und erhabener sind als alle Träumereien. Die Männer würden sich auch nicht den zehnten Teil der Mißbräuche zuschulden kommen lassen, die sie jetzt verüben, wenn ihre Frauen auch nur im mindesten ihre Pflicht und Schuldigkeit täten. Die Seele der Frau -- ist für den Mann ein schützender Talisman, der ihn vor vielen moralischen Krankheiten und Ansteckungen behütet; sie ist eine Kraft, die ihn auf dem geraden Wege festhält, und eine Führerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten zurückleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau auch der böse Geist des Mannes sein und ihn für alle Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben das selbst gefühlt und einen so schönen Ausdruck dafür gefunden, wie ihn bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile enthält. Jedoch Sie sagen: alle andern Frauen könnten ein Feld für ihre Betätigung finden, nur Sie allein nicht. Sie finden überall Arbeit für sich, sie können Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken oder mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen -- mit einem Wort, sie können überall fördernd eingreifen, nur Sie selbst finden keine Tätigkeit für sich und wiederholen immer wieder betrübt: »Warum bin ich nicht an ihrer Stelle?« Wissen Sie, daß dies eine allgemeine Verblendung ist? Heute will es jedem so erscheinen, als ob er viel Gutes stiften könnte, wenn er an der Stelle eines anderen stünde oder _sein_ Amt bekleidete, und als ob er es nur in _seiner_ eigenen Stellung nicht könnte. Das ist der Grund allen Übels. Wir alle sollten jetzt darüber nachdenken, wie wir in unsrer eigenen Lage und an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken können. Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden gerade an die Stelle gestellt, an der er steht. Man muß sich nur ordentlich umsehen. Sie sagen: warum bin ich nicht Mutter einer Familie; dann könnten Sie Ihren Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt eine so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: warum liegt mein Gut nicht danieder; das würde Sie veranlassen, aufs Land zu gehen, Gutsbesitzerin zu werden und sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen; Sie klagen: warum ist mein Mann nicht in einem gemeinnützigen Beruf tätig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, dann könnten Sie ihm behilflich sein, Sie könnten die treibende Kraft sein, die ihn erfrischt und aufmuntert; warum gibt es keine anderen Aufgaben und Pflichten für Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in der großen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen Gesellschaft, die Ihnen jetzt einsamer und öder erscheint als eine menschenleere Wüste! Und dennoch und trotz alledem ist diese Welt doch bevölkert, es gibt Menschen in ihr und zwar ganz ebensolche wie überall sonst. Sie dulden und quälen sich ebenso und leiden dieselbe Not, schreien stumm um Hilfe und wissen, ach! nicht einmal, wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem Bettler aber soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Straße hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal die Kraft hat, seine Hand auszustrecken? Sie sagen, Sie wissen nicht und können es sich nicht einmal denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von Nutzen sein könnten; dazu müsse man über so viele verschiedene Mittel verfügen, dazu müsse man eine so kluge und allseitig unterrichtete Frau sein, daß Ihnen schon bei dem bloßen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein brauchte, was Sie bereits sind? Wie, wenn Sie die Mittel bereits besäßen, deren man gegenwärtig gerade bedarf? Alles das, was Sie über sich selbst sagen, ist vollkommen wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie besitzen weder Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, mit einem Wort nichts von alledem, dessen man bedarf, um anderen Menschen geistigen Beistand leisten zu können, vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch die Ihnen nichts unmöglich ist. Erstens sind Sie schön, zweitens sind Sie im Besitz eines unbefleckten, von keiner Schmähung und Verleumdung berührten Namens, und drittens verfügen Sie über eine Kraft, über eine Macht, die Sie selbst nicht in sich vermuten, -- über die Macht der Herzensreinheit. Die Schönheit der Frau ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht vergebens gewollt, daß gewisse Frauen schön sein sollen; es ist nicht umsonst so eingerichtet, daß die Schönheit auf alle Menschen den gleichen mächtigen Eindruck macht, sogar auf die, die gegen alles gleichgültig und gefühllos und die zu nichts fähig sind. Wenn schon die sinnlose Laune einer schönen Frau die Ursache welthistorischer Revolutionen werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand Torheiten veranlassen konnte, wie stände es wohl dann, wenn diese Launen vernünftig und auf das Gute gerichtet wären? Wieviel Gutes könnte wohl dann eine schöne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! Dies ist somit eine mächtige Waffe. Sie aber besitzen noch eine höhere Schönheit -- den reinen Zauber einer besonderen, nur Ihnen allein eigenen Unschuld, die ich nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch jedem Menschen Ihr sanftes Taubengemüt entgegenleuchtet. Wissen Sie, daß die verdorbensten unter unseren jungen Leuten mir gestanden haben, daß ihnen in Ihrer Gegenwart nie ein häßlicher Gedanke eingefallen sei, daß sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut hätten, -- ein Wort zu sagen, -- nicht nur kein zweideutiges Wort, mit dem sie wohl andere Auserwählte erfreuen, nein überhaupt kein Wort, da sie das Gefühl hätten, daß in Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen und unanständig und burschikos klingen würde? Dies ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr Wissen von Ihrer bloßen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart nicht einmal einen häßlichen Gedanken erlaubt, der schämt sich bereits dieser Gedanken, und eine solche Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur einer momentanen Regung entspringt, bereits der erste Schritt des Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine mächtige Waffe. Zu alledem aber haben Sie noch ein von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes Streben oder wie Sie es nennen: _einen Durst_ nach dem Guten. Glauben Sie wirklich, daß Ihnen dieser Durst vergebens verliehen ward, dieser Durst, der Ihnen keinen Augenblick Ruhe läßt? Kaum haben Sie einen edlen, klugen Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine Frau glücklich zu machen, da werden Sie, statt tief in Ihrem häuslichen Glück aufzugehen, in ihm unterzutauchen, schon wieder von dem Gedanken gequält, daß Sie dieses Glückes nicht würdig sind, daß Sie nicht das Recht haben, sich ihm hinzugeben, es zu genießen, während Sie ringsum von soviel Leiden umgeben sind und während jeden Augenblick die Nachricht von allerhand Nöten und Unglücksfällen zu Ihnen dringt: von Hungersnot, Feuersbrünsten, schwerem seelischem Leid und furchtbaren geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes Geschlecht ergriffen haben. Glauben Sie mir, das geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all der lauten Zerstreuungen und Vergnügungen in seiner Seele eine solche himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, ein solches engelhaftes Mitgefühl und Mitleid mit ihnen verschließt, der kann viel, sehr viel für sie tun; der hat stets ein Betätigungsfeld, denn es gibt überall Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie durch Ihre Bestimmung hineingestellt worden sind; hadern Sie nicht mit der Vorsehung. In Ihnen lebt etwas von jener unbekannten Kraft, deren die Welt jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tönen einem jeden, infolge des ständigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen zu Hilfe zu eilen, Töne entgegen, die einen verwandt berühren; wenn Sie zu sprechen beginnen, und Ihr reiner Blick und dieses Lächeln, das niemals von Ihren Lippen schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, Ihre Rede begleitet, so will es jedem so scheinen, wie wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu ihm spräche. Ihre Stimme hat etwas Mächtiges, Unüberwindliches angenommen, Sie können befehlen und ein solcher Despot sein, wie keiner von uns. So gebieten Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloße Gegenwart; gebieten Sie gerade durch Ihre Schwäche und Kraftlosigkeit, über die Sie so empört sind; gebieten Sie gerade durch jene weibliche Schönheit, die die Frau unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit Ihrer ängstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich mehr ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem stolzen Selbstvertrauen bereits alles kennen gelernt und ausgekostet hat. Ihre gescheitesten Gedanken, mit denen sie die heutige Welt auf den rechten Weg zurückführen wollte, würden in Form von boshaften Epigrammen auf ihr Haupt zurückschnellen, dagegen wird sich bei keinem von uns ein Epigramm auf die Lippen zu drängen wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit flehendem Blick auffordern würden, sich zu bessern. Warum haben Sie sich durch die Erzählungen über die Laster und die Verdorbenheit der vornehmen Welt so erschrecken lassen. Diese Laster sind tatsächlich vorhanden, ja noch in weit höherem Maße, als Sie es glauben; aber Sie sollten gar nichts davon wissen. Brauchen Sie sich denn vor den traurigen Lockungen und Sünden der Welt zu fürchten? Stürzen Sie sich nur ruhig mit demselben strahlenden Lächeln in sie hinein; treten Sie ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und Leidenden angefüllt ist, aber nicht als Arzt, der strenge Vorschriften macht und bittre Arzneien verordnet! Sie sollen sich gar nicht darum kümmern, von welchen Krankheiten jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die Fähigkeit, Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, und daher werde ich Ihnen nicht dazu raten, wozu ich jeder andern Frau raten müßte, die dazu fähig ist. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch Ihr Lächeln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus der die Seele einer Schwester zu uns Menschen zu sprechen scheint, einer Schwester, die vom Himmel zu uns herabgestiegen ist -- nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu lange bei jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nächsten weiter, denn man bedarf Ihrer überall. Ach! An allen Enden der Welt harrt und wartet man ungeduldig auf dieses Eine, auf diese lieben verwandten Laute, diese einzige Stimme, die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie mit Weltleuten über Dinge, über die sich diese Leute zu unterhalten pflegen; zwingen Sie sie, darüber zu sprechen, worüber Sie sprechen. Gott bewahre Sie vor jeglicher Pedanterie und vor allen jenen Reden, die den Lippen einer üppigen Weltdame entströmen. Führen Sie jenen schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, jenen Ton, in dem Sie so beredt zu erzählen wissen, wenn Sie sich im Kreise von nahestehenden Menschen und Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte Wort, das Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhört, so erscheint, als rede er mit den Engeln süße Worte über einen himmlischen Kindheitsstand der Menschheit. Solche Gespräche und Reden sollten Sie in die Gesellschaft einführen.

1846.

III Die Bestimmung der Krankheiten Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.

Meine Kräfte lassen von Augenblick zu Augenblick nach, aber nicht mein Geist. Noch nie fühlte ich mich durch die körperlichen Gebrechen so entkräftet. Oft leide ich so sehr, so furchtbar, fühle ich eine so schreckliche Müdigkeit im ganzen Körper, daß ich mich Gott weiß wie sehr freue, wenn der Tag endlich zu Ende geht und wenn man endlich zu Bett gehen kann. Oft rufe ich von geistiger Ohnmacht übermannt aus: Mein Gott, wo ist denn endlich das Ufer, wann kommt das Ende von alledem! Wenn man dann aber Einkehr in sich selbst hält und tiefer in sein Inneres hineinschaut, dann entströmen der Seele nur noch Tränen und Worte des Dankes. O wie sehr bedürfen wir der Leiden! Von dem vielen Guten und Nützlichen, das ich aus ihnen gezogen habe, will ich nur auf eines hinweisen! Ich mag heute sein, wie ich will, ich bin doch besser geworden, als ich früher war; wenn diese Krankheiten und Leiden nicht gewesen wären, so hätte ich gewiß geglaubt, daß ich schon ganz so sei, wie ich sein sollte. Dabei will ich gar nicht einmal davon reden, daß die Gesundheit, die uns Russen immer dazu reizt, über den Strang zu schlagen, und den Wunsch in uns rege hält, unsere Vorzüge vor anderen Leuten zur Schau zu stellen, mich dazu veranlaßt hätte, tausend Torheiten zu begehen. Dazu besuchen mich jetzt in Augenblicken geistiger Frische, die mir die Güte des Himmels schenkt, und während der schlimmsten Qualen zuweilen unendlich viel schönere und bessere Gedanken, als ich sie früher je gehabt habe, und ich sehe es selbst, daß jedes Werk meiner Feder heute weit wertvoller und bedeutsamer sein wird, als alles Frühere. Hätten mich diese schweren und qualvollen Leiden nicht heimgesucht, wie hochmütig wäre ich da wohl geworden, für einen wie bedeutenden Menschen hätte ich mich gehalten! Wenn ich jedoch jeden Augenblick fühle, daß mein Leben an einem Haar hängt, daß meine Krankheit plötzlich meinem Werk, auf dem meine ganze Bedeutung beruht, ein Ende bereiten könne, daß der ganze Nutzen, den meine Seele so innig zu bringen wünscht, nur ein ohnmächtiger Wunsch bleiben und nie Erfüllung werden wird, daß ich nie mit den Talenten, die mir Gott verliehen hat, wuchern, und daß ich verdammt werden würde, wie der schlimmste Verbrecher -- wenn ich dies alles fühle und erkenne, so füge ich mich stets in Demut und finde keine Worte, wie ich der göttlichen Vorsehung für meine Krankheit danken soll. Daher sollten auch Sie jedes Leiden mit Ergebung hinnehmen, in dem Glauben, daß es notwendig ist. Bitten Sie Gott nur um eins: daß Ihnen die wunderbare Bestimmung dieses Leidens und die ganze Tiefe seiner großen Bedeutung aufgehe.

1846.

IV Etwas über die Bedeutung des Wortes

Als Puschkin einmal folgende Verse aus der Ode Derschawins an Chrapowizky las:

»Mag der Satiriker die Worte schmähn, Wenn er nur meinen Taten Achtung zollt«,