Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I

Part 27

Chapter 273,593 wordsPublic domain

Doch es wird endlich Zeit, daß wir zum Schluß noch etwas darüber sagen, was denn eigentlich unsere Poesie überhaupt darstellt, wozu sie da ist, welchem Zwecke sie gedient und was sie für unser ganzes russisches Vaterland geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der Gesellschaft beeinflußt, hat sie jeden einzelnen je nach dem Platz, den er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner Erziehung beigetragen, hat sie der Gesamtheit, gemäß dem Geist des Landes und den wurzelhaften Kräften des Volkes, die die treibenden Mächte des Staates sein müssen, höhere Begriffe eingepflanzt? Oder war sie lediglich ein treues Abbild unserer Gesellschaft -- eine vollständige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel unseres Lebens? -- Sie ist weder das eine noch das andere gewesen und hat weder das eine noch das andere getan. Sie ist fast völlig unbekannt geblieben, unsere Gesellschaft wußte so gut wie nichts von ihr; unser Publikum genoß damals eine andere Erziehung unter der Leitung französischer, deutscher und englischer Gouverneure, fremder Auswanderer aus aller Herren Länder, aus allen Ständen und Berufen, von Menschen ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundsätze und Anschauungen. -- Unsere Gesellschaft wurde -- was bisher noch mit keinem Volke geschehen ist, mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis ihres eigenen Landes -- erzogen. Selbst die eigene Sprache war vergessen, so daß unserer Poesie alle Mittel und Wege abgeschnitten waren, um bis ans Ohr unseres Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber doch einmal glückte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so geschah dies stets auf unnatürlichen Seitenwegen: entweder eine glücklich erfundene Musik trug ein Gedicht bis in die Salons der vornehmen Gesellschaft, oder die unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein minderwertiges Gedicht, das den fremdländischen -- freigeistigen Ideen, die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden Gouverneur beigebracht worden waren, nicht entsprach, wurde der Anlaß, daß das Publikum etwas von der Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte aufhielt.

Kurz -- unsere Poesie hat weder zur Belehrung und Erziehung unserer Gesellschaft beigetragen, noch war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft. Sie schwebte die ganze Zeit über gleichsam hoch _über_ der Gesellschaft, wie im Gefühl, daß ihre Bestimmung nicht innerhalb der modernen Gesellschaft liege, und wenn sie sich einmal bis zu ihr herabließ, so nur zu dem Zwecke, um sie mit der Geißel der Satire zu treffen, nicht aber, um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist höchst merkwürdig: trotz alledem waren wir selbst Gegenstand unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir uns in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten Seiten vor Augen stellt, scheint er uns zu übertreiben und wir wollen nicht recht daran glauben, was Dershawin uns über uns selbst sagt. Wenn aber ein Schriftsteller die häßlichen und unwürdigen Züge unseres Wesens schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und wir halten das Bild, das er von uns entwirft, für eine Karikatur. In der Tat, in beiden Fällen ist irgendwo eine übertriebene, übersteigerte Kraft oder Potenz vorhanden, und doch ist tatsächlich nichts übertrieben. Der Grund für die erstere ist der, daß unsere lyrischen Dichter die Gabe haben, schon in dem Keim, der dem gewöhnlichen Auge fast verborgen bleibt, die künftige herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres Wesens in gereinigter, geläuterter Gestalt vor uns erstehen lassen. Der Grund der zweiten Erscheinung ist der, daß unsere satirischen Schriftsteller, wenn auch in verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen alles Häßliche und Gemeine in den wirklich existierenden Repräsentanten des Russentums nur um so deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Empörung verlieh ihnen die Fähigkeit, eine Sache weit klarer und schärfer zu beleuchten, als sie dem gewöhnlichen Menschen erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in der letzten Zeit von allen unseren Charakterzügen -- die Spottlust am allerstärksten entwickelt hat. Bei uns lacht und spottet ein jeder über seine Mitmenschen; ja im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas, eine Neigung, über alles zu spotten: über das Alte wie über das Neue, und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, was nie veraltet und was ewig ist. So also hat unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in seiner Vollständigkeit dargestellt, weder in dem _Ideal_, das er erreichen _soll_, noch in seinem wirklichen _Dasein_, wie er heute in Wirklichkeit _ist_. Sie hat lediglich eine schier unendliche Zahl von Nuancen unserer verschiedensten Charaktereigenschaften aufgehäuft, sie hat nur alle einzelnen Züge unserer vielseitigen Natur wie in einer Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das Gefühl, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, uns vollständig und allseitig darzustellen, uns unserer Eigenart zu rühmen, daß wir uns vielmehr erst organisieren, uns selbst finden und Russen werden mußten. Unsere russische Natur ist heute erst soweit erweicht und vorbereitet, um die ihr entsprechende Form annehmen zu können; noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe aller Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von überall her in unser Land verpflanzt wurden; noch ist jeder von uns der Schauplatz, auf dem sich Fremdes und Eigenes in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir nur ein unreifes unvernünftiges Resultat, um dessentwillen Gott diese Mischung, dieses Zusammentreffen der Elemente angeordnet hat. Das haben unsere Dichter gefühlt; aus diesem Gefühl heraus war es gleichsam ihre stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Züge unseres Wesens nicht untergehen zu lassen. Sie nahmen dies Beste überall, wo sie es fanden, und beeilten sich, es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu fragen, welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht der arme Besitzer eines Hauses, das ein Raub der Flammen wird, alles Wertvolle, was es birgt, zu retten, ohne sich viel um das übrige zu kümmern. Unsere Poesie hat nicht für ihr Zeitalter getönt, sie ließ ihre Stimme erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit endlich anbrechen würde, wo der Gedanke einer inneren Erbauung und Verkörperung des Menschen im Bilde, für das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Geheiß aus den eigenen urwüchsigen Materialien unseres Landes errichten sollte, ganz Rußland ergreifen und zum sehnlichsten Wünsche aller Russen werden würde -- damit wir uns dann darüber klar wären, was alles an Gutem und Schönem und Eigenem in uns verborgen liegt, und nicht vergessen, es bei diesem Bau zu verwenden. Unsere eigenen Schätze werden sich uns immer mehr enthüllen, je aufmerksamer wir uns in unsere Dichter hineinlesen werden. In dem Maße, als wir sie mehr und besser kennen lernen werden, werden wir auch ihre anderen höheren Eigenschaften verstehen lernen, die bisher noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, daß sie nicht bloß die Hüter unserer Schätze und Kostbarkeiten, sondern zum Teil auch unsere Baumeister waren, sei es nun, daß sie sich dessen bewußt waren oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich zu uns so viel höheren Natur und Veranlagung einen unserer nationalen Charakterzüge zur Darstellung gebracht, der in ihnen zu weit kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung gekommen ist, um sich uns in seinem ganzen Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthüllen. Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen Mannes von einer ungeheuren, fast biblischen Größe zu zeichnen, hatte nichts Willkürliches: den Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die mächtigen Züge eines großen und gewaltigen Menschen sind in ganz Rußland überall so lebendig, daß selbst Ausländer, die etwas von Rußland kennen gelernt haben, darüber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten und Gebräuchen unseres Landes vertraut gemacht haben. Vor kurzem erst hat einer von ihnen seine Memoiren herausgegeben, um Rußland Europa von einer recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag seine Verwunderung über die schlichten Bewohner unserer Bauernhütten nicht zu verhehlen[5]. Mit Staunen betrachtete er unsere ehrwürdigen weißhaarigen Greise, die an der Schwelle der Hütten sitzen; erschienen sie ihm doch wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen Zeiten. Mehr als einmal mußte er gestehen, daß ihm in keinem Lande Europas, das er bereist hatte, das Bildnis des Menschen in solch einer an die patriarchalisch biblische Größe gemahnenden Erhabenheit erschienen war. Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, das von einem mächtigen Haß gegen unser Volk erfüllt ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese Feinfühligkeit, dieser scharfe _Instinkt_, der sich besonders bei Puschkin mit solcher Stärke äußert, ist eine unserer nationalen Eigentümlichkeiten. Man denke bloß an die Ausdrücke, mit denen das Volk selbst diesen eigentümlichen Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an den Spitznamen _Ohr_, den man einem Menschen beilegt, in dem jede Fiber zittert und zu sprechen scheint und der keinen Augenblick untätig sein kann. Oder man denke an die Bezeichnung _Allerweltskerl_ für einen Menschen, dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und die Zahl derartiger Ausdrücke, die die verschiedensten Nuancen und Schattierungen dieses Charakterzugs bezeichnen, ist ganz außerordentlich groß.

[Fußnote 5: Der Marquis Custin.]

Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes, das Dershawin gezeichnet hat, wäre noch nicht vollständig und würde noch nicht die ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen über die Schönheit der Schöpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden weiß, wie wir ihn besonders bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow äußert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht, das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrücken vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische Erziehung und Bildung verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser Bauer versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und über ihm Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, während wir es häufig nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür aber einmal in einem von uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich vorhanden ist, dann genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie gestatten würde, ihm nimmt niemand etwas übel. Alle unsere Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmütigsten unter ihnen und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser _jugendliche Wagemut_ und dieser stürmische Drang, seine Kräfte für alles Hohe und Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet, sich für eine große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen -- solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze bunte, mit sich im Streit liegende Masse in einem mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher Streit, alle engherzigen persönlichen Interessen -- alles ist vergessen, und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale Eigentümlichkeiten unseres Volks, die in ihnen bloß schärfer und deutlicher zur Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor. Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher noch nie bekannten Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß nicht, ob die Dichter irgendeiner andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versmaß und seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten, hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu sein scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte Vers Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten, dieser leichte ätherische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer Äolsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers und häufig von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut durchdrungene Vers Wjasemskis -- sie alle haben wie verschieden abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flöten einer herrlichen Orgel einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen. Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie _die_ glauben mögen, die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde auserprobt, hat die Einflüsse der Literatur aller Völker erfahren, hat der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache geschaffen, um alle Menschen für eine größere Aufgabe vorzubereiten. Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige, sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewußte junge Dichtergeneration leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen -- so schön und beglückend ein solcher Dienst auch sein mag --, ohne ihre höhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar zu sein, wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin läßt sich nicht wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch durch die stolze Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter eine höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der Poesie. Wie sie während der Kindheit der Völker dazu diente, die Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken, so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, höheren Kampf aufzurufen -- zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um unsere zeitlichen Güter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen hält. Zahlreiche Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft alles wahrhaft Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das sinnlose Leben von heute geraubt ward. Nein, diese künftigen Dichter werden keinem von unseren früheren Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel lebendiger und kräftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener eigene urwüchsige Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug, der schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strömte, als selbst das Wort _Poesie_ noch in keines Menschen Munde war. Noch immer erscheint dieser unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren Liedern entgegentönt, und über das Leben und sogar über das Lied selbst hinweg in unbekannte Fernen stürmt, noch erscheint uns dieser glühende, verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt -- wie ein Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren vieläugigen Sprichwörtern verborgen ist, völlig Fleisch und Blut geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen und Schlüsse zu ziehen, als dem Menschen in Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren, als er noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu leben; so sind sie uns eine lebendige Mahnung, was für gewaltige Folgerungen der moderne Mensch in Rußland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen. Noch ist vielen diese Lyrik -- dies Produkt einer höchsten Verstandsreife und Nüchternheit -- ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt und die Seele unserer Dichter noch unbewußt begeistert, wie ihm die heimatlichen Klänge unserer Lieder unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthält sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen, von den kräftigsten bis herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der biblischen Kirchensprache schöpft und sich andererseits die treffendsten Ausdrücke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt, aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich in ein und derselben Rede bis zu einer Höhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen, die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich ist; -- eine Sprache, die selbst und an und für sich schon dichtet, und die nicht umsonst für eine geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen worden war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles Häßliche und Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdländischen Bildung angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und ausplauderten, damit alle die unklaren Töne und die ungenauen Bezeichnungen für die Dinge -- diese Produkte ungeklärter und verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen -- die kindliche Klarheit unserer Sprache nicht mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurückkehren konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch Felsblöcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen mächtigen Impuls verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen anklingen, und selbst die rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der Ehrfurcht erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland ans Licht rufen -- unser russisches Rußland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen wollen, nein, das Rußland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns hinstellen wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mögen, einstimmig ausrufen werden: »Ja, das ist _unser_ Rußland; hier fühlen wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der Fremde!«

XXXII Auferstehungstag

Der Russe nimmt einen besonders warmen Anteil an der Feier des Auferstehungstages. Das empfindet er mit besonderer Lebhaftigkeit, wenn er um diese Zeit in einem fremden Lande weilt. Wenn er sieht, wie dieser Tag sich überall in allen andern Ländern kaum von den andern Tagen unterscheidet -- alles geht seiner gewohnten Tätigkeit nach, das Leben nimmt seinen gewöhnlichen Lauf, auf allen Gesichtern ruht der gleiche alltägliche Ausdruck -- wenn der Russe das sieht, so wird er traurig und seine Gedanken schweifen unwillkürlich nach Rußland hinüber. Es will ihm so dünken, als ob dieser Tag dort schöner gefeiert wird, als ob dort der Mensch heiterer und besser sei, als an anderen Tagen und als ob auch das Leben dort ein anderes und nicht so alltägliches Gewand trage. Er denkt an die feierliche Mitternacht, an das Glockengeläute, das das ganze Land durchhallt und alle Stimmen der Erde gleichsam in einem dumpfen Ton verschmelzen läßt, er denkt an den Ruf »Christ ist erstanden«, der an diesem Tage an die Stelle aller andern Grüße tritt, an diesen Kuß, den man nur bei uns vernimmt, und er ist beinahe so weit, daß er ausrufen möchte. »Nur in Rußland wird dieser Tag so gefeiert, wie er in Wahrheit gefeiert werden sollte!«

Freilich ist das nur ein Traum, der sofort verschwindet, wenn er tatsächlich nach Rußland versetzt wird, und sich bloß daran erinnert, daß dies ein Tag voll schläfrigen Hin- und Herrennens, voll törichten Getriebes, sinnloser Besuche, bewußten Nichtzuhausetreffens, statt eines Tages voll froher Begegnungen ist -- wenn man sich an diesem Tage wirklich einmal trifft, so hat das stets einen recht eigennützigen Grund; man braucht nur daran zu denken, daß sich der Ehrgeiz an diesem Tage weit lebhafter regt, als an allen anderen Tagen und daß nicht etwa von der Auferstehung Christi, sondern davon geredet wird, was für eine Belohnung einen jeden erwartet und was ein jeder wohl für ein Geschenk erhalten wird; ja daß selbst das Volk, das doch in dem Rufe steht, sich an diesem Tage am meisten zu freuen, sofort nach Beendigung der Festmesse und noch ehe die Sonne über der Erde aufgegangen ist, trunken über die Straße schwankt. Ein Seufzer entringt sich der Brust des armen Russen, wenn er an all dieses denkt [und erkennt, daß das höchstens eine Karikatur und ein Hohn auf diesen Festtag ist und daß es einen solchen Festtag gar nicht gibt]. Im besten Fall gibt ein Vorgesetzter einem Invaliden, um die Form zu wahren, einen schmatzenden Kuß auf die Backe, um den unter ihm stehenden Beamten zu beweisen, wie man seinen Bruder lieben muß, oder ruft irgendein [rückständiger] Patriot voll Empörung über unsere Jugend, die unsere alten russischen Volkssitten schlecht macht und behauptet, bei uns gäbe es überhaupt nichts Ordentliches, wütend aus: »Wir haben alles: ein schönes Familienleben, schöne Familientugenden, die Sitten werden bei uns heilig gehalten, wir erfüllen auch unsere Pflicht und Schuldigkeit, so wie dies nirgends in Europa geschieht, kurz, wir sind ein Volk, das die Bewunderung aller Menschen verdient.«