Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 26
Von Krylow werden wir sofort zu einer andern Gattung unserer Poesie, nämlich zur satirischen Form hinübergeleitet. Wir Russen besitzen alle viel Ironie. Sie kommt schon in unseren Sprichwörtern und Liedern zum Vorschein und, was das Merkwürdigste ist, häufig selbst da, wo die Seele ganz offenkundig leidet und wo sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt ist. Die Tiefe dieser urwüchsigen Ironie hat sich uns noch nicht völlig erschlossen, weil wir auf allen Gebieten den Einflüssen der europäischen Bildung unterlegen sind und uns auch in diesem Punkte von unserer heimatlichen Wurzel losgelöst haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir uns indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer Form. Es ist schwer, einen Russen zu finden, in dem sich nicht einerseits die Fähigkeit ehrfürchtiger Hingabe an einen Gegenstand mit der Neigung zum Spott und ehrlichem Lachen vereinigt fände. Alle unsere Dichter haben diese Fähigkeit besessen. Dershawin hat den größeren Teil seiner Oden mit diesem kräftigen Salze gewürzt. Wir finden sie aber auch bei Puschkin, bei Krylow, beim Fürsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei solchen Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, beim Fürsten Dolgoruki; dies ist ein Zug, der uns allen gemeinsam ist. So wird es begreiflich, daß unser Volk geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes hervorbringen konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow sich bemühte, seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton abzustimmen, entdeckte Fürst Kantemir mancherlei Stoffe für die Satire und geißelte in seinen Dichtungen die Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft. Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische Umdichtungen der bekanntesten Dichtungen und alle möglichen Parodien voll Spott und Ironie aus allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur im Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem Talent zeugen. Man denke nur an die Parodien des Fürsten Gortschakow, an die Satire auf die Literaten von Wojeikow »Das Irrenhaus« und an die talentvollen Parodien Michael Dmitrijews, in denen sich die Galle Juvenals mit einer eigentümlichen slawischen Gutmütigkeit mischt. Indes die Satire brauchte bald ein größeres Wirkungsfeld für ihre Entwicklung, und so drang sie allmählig auch in das Drama ein. Das Theater hatte bei uns denselben Ursprung wie überall; wir begannen zunächst mit Nachahmungen; bald jedoch kamen auch originelle Züge zum Vorschein. In der Tragödie regten sich sittliche Mächte und eine Erkenntnis des Menschen, wie er sich unter dem Einfluß einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters darstellte; in der Komödie ergossen die Dichter ihren milden Spott über die lächerlichen Seiten unserer Gesellschaft, ohne sich um die Seele der Menschen zu kümmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, Kapnists, Fürst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, A. Pissarews usw., haben wir ein achtungsvolles Gedächtnis bewahrt, sie alle aber verblassen vor zwei hervorragenden Werken, nämlich vor den beiden Komödien »_Der Landjunker_« von Von _Wisin_ und vor Gribojedows »_Verstand bringt Leiden_«, die Fürst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragödien genannt hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott über die komischen und lächerlichen Seiten der Gesellschaft, hier werden die Wunden und Krankheiten der Gesellschaft und schwere Mißbräuche in ihrem Innern aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen Ironie mit erschütternder Deutlichkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht gestellt werden. Von diesen beiden Komödien hat jede eine besondere Epoche zum Gegenstand; die eine geißelt die Übel, die aus der Unbildung -- die andere die, die aus einer mißverstandenen Bildung entspringen. Die Komödie Von Wisins richtet sich gegen die rohe Brutalität des Menschen, dies Produkt einer stumpfen unerschütterlichen Stagnation der entlegenen Teile und Provinzen Rußlands. Sie schildert die Rinde von Roheit und Brutalität, die die Gesellschaft umgibt, in so furchtbaren Farben, daß man in diesem Stück den Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll tyrannischer Gelüste zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, der Peinigerin ihrer Bauern, ihres Mannes sowie aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres Sohnes? Und doch fühlt man deutlich, daß in keinem Lande, weder in Frankreich noch in England, ein solches Wesen möglich wäre. Diese unsinnige Liebe zu ihrem Kinde -- ist unsere eigene, starke russische Liebe, die sich in einem Menschen, der seine Menschenwürde eingebüßt hat, in so unnatürlicher Weise äußert: in dieser sonderbaren Mischung mit einer tyrannischen Sinnesart; denn je mehr sie ihr Kind liebt, um so mehr haßt sie alles, was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins stellt ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe schwerfällige Mensch, der wiederum gar keine starken und wilden Leidenschaften kennt, geht völlig in einer stillen Liebe zum Vieh auf, die fast etwas Poetisches hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich auf das Tier: die Schweine bedeuten für ihn ebensoviel wie eine Gemäldesammlung für einen Kunstliebhaber. Sodann der Mann der Frau Prostakowa -- dies unglückliche, völlig verschüchterte Geschöpf, in dem selbst die schwachen Kräfte und Regungen, die noch in ihm waren, gänzlich durch die ewigen Nörgeleien seiner Gattin erstickt sind -- in ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser Mitrophan, in dessen Natur keinerlei Bosheit liegt, der niemand etwas Böses antun will, und der doch ganz unmerklich, infolge der übermäßigen Verzärtelung, und weil jeder seiner Wünsche erfüllt wird, zum Tyrannen seiner ganzen Umgebung, am meisten jedoch der Menschen wird, die ihn am innigsten lieben, d. h. seiner Mutter und seiner Wärterin, so daß es ihm geradezu ein Genuß ist, sie zu kränken und zu beleidigen. Kurz, diese Menschen scheinen eigentlich gar keine Russen zu sein, es ist schwierig, überhaupt noch einen russischen Zug in ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der Jeremejewna und dem alten Soldaten. Man erfährt mit Schrecken, daß bei ihnen weder der Einfluß der Kirche noch die guten alten Sitten etwas auszurichten vermögen, von denen sich bei ihnen nichts als das Häßliche und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch das eherne Gesetz zu sprechen. In dieser Komödie erscheint alles wie eine monströse Karikatur auf das Russentum, und doch enthält sie nichts Karikiertes, alles ist mitten aus dem Leben geschöpft und mit tiefster Seelenkenntis beobachtet. Dies sind ungeheuerliche schreckliche Beispiele der Verrohung, wie sie nur ein Mensch, dessen Wiege in Rußland gestanden hat, nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen konnte.
Die Komödie von Gribojedow behandelt eine andere gesellschaftliche Epoche, sie schildert das Übel, das durch eine schlecht verdaute Aufklärung, die oberflächliche Nachäffung mondäner Äußerlichkeiten statt des Kernhaften und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich die Donquichotterien unserer europäischen Bildung, die unorganische Vermischung der Sitten und Bräuche, die die Russen so sehr ihrem eigenen Wesen entfremdet und zu Ausländern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus des Famussow ist ebenso tief erfaßt, wie der der Frau Prostakowa. Mit derselben Naivität, wie Frau Prostakowa sich ihrer Unwissenheit, rühmt _er_ sich seiner Halbbildung, und zwar sowohl seiner eigenen wie der des ganzen Standes, dem er angehört: er ist stolz darauf, daß die jungen Mädchen von Moskau die höchsten Töne singen können, daß sie keine zwei einfache ungezierte Worte zu sagen vermögen, daß seine Türe allen offen steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders aber den Ausländern und daß in seinem Bureau lauter Verwandte sitzen, die nichts zu tun haben. Er ist ein Mann von gutem würdigen Benehmen und zugleich ein Schwerenöter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker und ein Freund opulenter Diners, die ihm drei Tage lang im Magen liegen. Er ist sogar ein Freidenker, wenn er in Gesellschaft ähnlicher alter Herren weilt, wie er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist auf Schußweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen hält er nämlich für jeden bereit, der die Bräuche der vornehmen Welt nicht aufs strengste beobachtet. Im Grunde genommen ist dies einer jener ausgebrannten Menschen, die trotz all ihres weltmännischen »_comme il faut_« gänzlich leer und hohl sind, deren Verweilen in der Hauptstadt und deren Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten für die Gesellschaft ebenso schädlich sind, wie andere Leute sie dadurch schädigen, daß sie dem Dienst zu entfliehen suchen und beständig auf dem Lande sitzen, wo sie vollends verrohen. Erstens leiden schon ihre Güter darunter, da sie ihre Bewirtschaftung gedungenen Arbeitern und Verwaltern überlassen und immer nur Geld für Bälle, sowie große und kleine Diners von ihnen verlangen; damit zerstören sie das gesunde heilige Band, das einstmals den Gutsherrn mit seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nämlich alle Ämter und Posten ausschließlich mit ihren Verwandten besetzen, die nichts zu tun haben und sich dem Müßiggang ergeben, berauben sie den Staat der wirklichen tätigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich aber diskreditieren sie auch noch das Ansehen der Regierung durch ihren zweideutigen Lebenswandel -- denn indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien sie wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, -- verlangen sie von den jungen Leuten, daß sie Tugend heucheln sollen, dabei aber führen sie selbst einen lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend gegen sich auf und pflanzen denen, deren Köpfe nicht allzu widerstandsfähig und zu allerhand Extremen geneigt sind, -- Mißachtung des Alters, wahrer Verdienste und Neigung zu wirklichem Freidenkertum ein. Nicht weniger bedeutsam ist ein anderer Typus: _Sagorezki_, dieser ausgesprochene Lump, über den alle schimpfen und der doch wunderbarerweise überall empfangen wird, ein Lügner und Gauner, der es aber versteht, sich bei allen hochgestellten und einflußreichen Persönlichkeiten beliebt zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen weiß, wofür sie eine schmähliche Schwäche haben; ja er ist, wenn es darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot und ein Vorkämpfer der Sittlichkeit zu werden, einen Scheiterhaufen zu entzünden und alle Bücher, die es auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle Fabeldichter [wegen ihrer ewigen Scherze über die Löwen und Adler] zu verbrennen, womit er übrigens verrät, daß er, der sich vor nichts scheut, -- nicht einmal vor dem elendsten Geschimpf und Gezänk -- dennoch den Spott fürchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder hervorragend ist eine dritte Figur: der törichte Liberale _Repetilow_, dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, in welcher Gestalt sie auch immer erscheinen mag. Die ganze Nacht über eilt er von Versammlung zu Versammlung, und freut sich, Gott weiß wie sehr, wenn es ihm gelingt, Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu finden, in der viel Lärm gemacht und laute Reden über Gegenstände geführt werden, die er nicht versteht, und deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; trotzdem aber hört er sich all die verrückten Phantastereien begeistert an, und er ist überzeugt, daß er sich nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und daß hier wirklich eine große soziale Aufgabe vorliegt: ein Problem, das zwar noch nicht reif ist, dessen wahre Bedeutung sich jedoch schon offenbaren wird, wenn man nur gehörig Lärm macht, sich nachts recht häufig versammeln und heftige Diskussionen führen wird. -- Auf derselben Höhe steht ein vierter Typus: der dumme [Soldat] _Skalosub_, der seinen Dienst so versteht, daß es dabei lediglich darauf ankommt, die verschiedenen Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu können, der dabei aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] Anschauung über die Ränge und Titel festhält. Er erklärt ganz offen, er halte sie für die unentbehrlichen Kanäle, die zum Generalsrang führen; und habe er erst den, dann möge kommen, was da will. Sonst macht er sich keine Sorgen, die Zustände seiner Epoche und seines Zeitalters machen ihm nicht viel Kopfzerbrechen, er ist fest davon überzeugt, daß man Ruhe in der Welt schaffen könne, wenn man ihr einen Feldwebel zum Voltaire gibt. Ein prachtvoller Typus ist ferner auch die alte Chlöstowa, diese traurige Mischung aus der Hohlheit und Trivialität zweier Jahrhunderte. Von dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich deren Torheit und Hohlheit ererbt und für diese fordert sie Achtung von der jungen Generation, sie verlangt, daß dieselben Menschen, die sie verachtet, sie respektieren sollen, überhäuft jeden, der ihr in den Weg läuft, mit Vorwürfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig hingesetzt oder umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das sie liebt und achtet, dafür aber protegiert sie kleine Negerjungen, Möpse und Leute von der Art einer Moltschalin, kurz, sie ist ein widerwärtiges altes Weib im vollen Sinn des Wortes. _Moltschalin_ ist gleichfalls ein glänzender Typus. Diese stumme gemeine Kreatur ist mit außerordentlicher Treffsicherheit erfaßt. Dieser Mensch arbeitet sich ganz still und geräuschlos empor, schlummert doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein künftiger Sagorezki. Ein solcher Haufen von Ungeheuern, deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung, eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernünftigen Sinn in seiner Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, mußte eine Reaktion hervorrufen und zu dem entgegengesetzten Extrem führen, wie es in seiner ganzen Schroffheit durch Tschatzky repräsentiert wird. Tschatzky geht in seinem Ärger und in gerechter Empörung gegen alle diese Leute gleichfalls viel zu weit und bemerkt nicht, daß er gerade dadurch und durch seine unbeherrschte Sprache unerträglich und lächerlich wird. Alle Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr Produkte der Halbbildung, wie die Personen im Drama Von Wisins Produkte der Unbildung, russische Ungeheuer, Krüppel, vorübergehende Zeiterscheinungen sind, die aus einer durch neue Fermente hervorgerufenen Gärung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen stellt einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in keinem von ihnen regt sich der russische Bürger. Der Zuschauer bleibt gänzlich im Ungewissen, wie nun ein Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese Persönlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt nur ein Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten Ziel, und äußert bloß ihre Entrüstung über alles Gemeine und Verächtliche in der Gesellschaft, ohne in Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster und Vorbild aufzustellen.
Beide Komödien erfüllen die Forderungen der dramatischen Technik nur schlecht, in dieser Beziehung ist ihnen jedes noch so minderwertige französische Stück überlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des Dramas wird weder straff geknüpft noch kunstvoll gelöst. Man hat den Eindruck, als hätten die Komödiendichter sich hierfür nur wenig interessiert, als repräsentiere ihnen der Stoff nur einen andern höheren Inhalt, der allein für das Auftreten und den Abgang ihrer Person maßgebend ist. Die Notwendigkeit der Nebenpersonen und Rollen steht gleichfalls in keinem Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden des Stücks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit diese Personen geeignet erscheinen, den Gedanken des Dichters durch ihre Anwesenheit zu erläutern und zu ergänzen und das satirische Gesamtbild zu vervollständigen. Wäre es anders, d. h. hätten die Dichter die notwendigen Forderungen der Bühntechnik erfüllt und jede ihrer Personen, die alle so außerordentlich glücklich erfaßt und gestaltet sind, sich vor dem Zuschauer in einer lebensvollen Handlung und nicht in bloßen Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wären diese beiden Komödien sicherlich zwei großartige Schöpfungen des russischen Genius geworden. Auch jetzt kann man sie zwei echte soziale Komödien nennen; eine so ausdrucksvolle und bedeutende Komödie hat es bisher, wie ich glaube, noch bei keinem Volke gegeben. Bei den Griechen finden wir zwar Ansätze zu einer sozialen Komödie, indessen ließ sich Aristophanes doch mehr durch persönliche Sympathien leiten, er geißelte die Mißbräuche und Fehler einzelner und behielt dabei nicht immer lediglich das Interesse der Wahrheit im Auge: hat er es doch gewagt, was wohl ein genügender Beweis dafür ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere Komödiendichter aber wurden von sozialen und nicht von persönlichen Motiven bewegt, ihre Angriffe richteten sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen unzählige Mißbräuche, gegen Verirrungen der Gesellschaft und ihr Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die Gesellschaft schien in ihnen selbst Fleisch und Blut, schien Körper geworden zu sein; am lyrischen Feuer der Entrüstung entzündete sich ihr kraftvoller schonungsloser Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von Licht und Finsternis, den Peter in Rußland entfacht hat, und der jeden hochherzigen Russen unwillkürlich zu einem Vorkämpfer des Lichts macht. Beide Komödien sind keine eigentlichen Schöpfungen der Kunst, und sind nicht aus der Einbildungskraft des Dichters geboren. Es mußte sich schon viel Schmutz und Unrat in unserem Lande angehäuft haben, damit zwei solche Werke ganz aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes Gewitter an uns vorüberziehen konnten. Und das ist der Grund, weswegen in unserer Literatur kein Werk mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und daß ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr folgen wird.
Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in unserer Literatur zum Stillstand. Das bedeutet jedoch noch keineswegs, daß ihr Geist erloschen ist; im Gegenteil, er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne, und die Trockenheit und die schwüle Luft kündigen sein Nahen an. Schon heute gibt es viele talentvolle Leute unter uns. Aber noch verspüren wir die Nachwirkung der harmonischen Puschkinschen Töne; noch vermag niemand diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, zu entrinnen und zu zeigen, was er selbst vermag. Ja niemand scheint etwas davon zu merken, daß eine neue Zeit angebrochen ist, daß sich neue Lebensgrundlagen herausgebildet haben, und daß neue Fragen laut zu werden beginnen, die wir bisher nicht vernommen haben; daher haben sie alle noch keine eigene Farbe und keine selbständige Individualität. Man tut sogar besser, diese Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, außer dem einen _Lermontow_, der die andern weit überholt hat und der nicht mehr unter den Lebenden weilt. Er hat Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine große Zukunft hätte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern über ihn gewaltet hätte und wenn er sich's nicht in den Kopf gesetzt hätte, daß dieser sein Schicksal lenke. Er war sehr früh in solche Gesellschaftskreise gekommen, denen man wohl mit Recht nur eine vorübergehende und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie ein armes Pflänzchen, das sich vom mütterlichen Boden losgerissen hat, dazu verurteilt waren, traurig durch öde Wüsten zu irren, im sicheren Gefühl, daß sie nie in einem andern Boden Wurzeln schlagen würden und daß es ihr Los sei -- zu verwelken und elend zugrunde zu gehen -- daher diese herzzerreißende Gleichgültigkeit gegen alles in der Welt, die bei ihm schon so früh zum Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein schmerzloser Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbündnisse, die ohne Zweck und Ziel geknüpft und ebenso ziel- und zwecklos wieder gelöst werden, das sind die Gegenstände seiner Gedichte, daher konnte Shukowski das Wesen dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck die Poesie der _Illusionslosigkeit_ kennzeichnen. Lermontows Talent machte diese Stimmung für eine Weile populär und modern. Wie einst unter dem anfeuernden Einfluß Schillers eine Begeisterung durch die ganze Welt ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich zu begeistern, und wie eine Weile nachher unter dem deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie die Enttäuschung, die »Entgeisterung«, die _Desillusionierung_ im Schwange war, die vielleicht nur die Folge einer übermäßigen Begeisterung gewesen sein mag und dann gleichfalls modern wurde, so kam endlich auch die Reihe an die Illusions_losigkeit_, dieses eigenste Kind der Byronschen Enttäuschung und Desillusionierung. Die Zeit, während der diese Stimmung herrschte, war freilich kürzer, als die Dauer der beiden andern Modeströmungen, denn die Illusionslosigkeit hat für niemand etwas Verlockendes. Lermontow glaubte, daß ein Dämon der Verführung Macht über ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, sein Bild zu gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische Darstellung hätte von ihm befreien können. Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen Konturen an, ja es fehlte ihm an jener verführerischen Macht über den Menschen, die der Dichter ihm verleihen wollte. Man merkt es Lermontow an, daß diese Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern der Müdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den Kampf mit dem Dämon aufzunehmen. In einem unvollendeten Gedicht: »Ein Märchen für Kinder« hat diese Gestalt mehr plastische Schärfe gewonnen, ist sie sinnvoller geworden. Vielleicht hätte sich der Dichter, wenn er diese Erzählung, die sicherlich sein bestes Gedicht ist, beendigt hätte, ganz von diesem Dämon und damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit (Anzeichen einer solchen Befreiung kann man bereits im »_Engel_«, im »_Gebet_« und einigen andern Gedichten bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr Achtung und Liebe für sein Talent besessen hätte. Noch nie hat jemand eine _solche_ beinahe prahlerische Mißachtung für sein Können zur Schau getragen, wie Lermontow. Man hat nie den Eindruck, daß er etwas wie Liebe für die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges seiner Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und mit der Zärtlichkeit einer Mutter gehegt und gepflegt. Keins ist in sich gefestigt, ins Gleichgewicht gebracht und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene feste Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an Shukowskis oder Puschkins Verse an. Überall herrscht Überfluß und ein unnötiger Wortreichtum. Lermontows Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch nie hat jemand eine so korrekte, schöne, duftige russische Prosa geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung in das Leben und die lebendige Wirklichkeit, hier kündigt sich der künftige große Maler und Darsteller russischen Lebens an .... Da aber riß der Tod ihn plötzlich von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter hat etwas Schreckliches. Sowie einer von ihnen seine eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe aus den Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem Getriebe der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die er nicht hingehört und in der ein Dichter nicht weilen darf, reißt ihn mit einem Schlage ein plötzlicher gewaltsamer Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden uns einer nach dem andern während eines einzigen Dezenniums in der Blüte ihres Mannesalters und ihrer Kräfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen -- und doch hat das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht: unsere leichtsinnige Generation fühlte sich nicht im geringsten erschüttert.