Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I
Part 19
Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das Gericht muß erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches Gericht muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür, daß dies in Gegenwart von Zeugen geschieht, und daß hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht und der andere unrecht hat. Daneben müssen Sie aber noch in anderer Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem Rechte: hierbei müssen Sie _beide_, den Schuldigen sowohl wie den, der _recht_ hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, daß er selbst daran Schuld war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen Sie dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung aus, weil er Christus selbst in seinem Bruder gekränkt hat. Beiden aber erteilen Sie eine Rüge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgesöhnt, sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte alles beichten und bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden, werden Sie aus höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen, vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und wahrhaftes Wissen daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden, über die einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden sie den Geist des Landes, die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen, die sie fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege könnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von allen Völkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke entsprungen und lebendig ist, daß es keinen gerechten Menschen gibt und daß Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein unerschütterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke, und wird hierdurch befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der höheren Kreise haben kein Gefühl, kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir uns nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche Begriffe von der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten bloß darüber, wer recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere Streitigkeiten genau untersuchen, so können wir sie alle auf einen Nenner bringen, nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig sind. Und dann erkennt man, daß die Kommandantin in Puschkins Erzählung »Die Hauptmannstochter« ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade wegen einer Schöpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei folgende Instruktion mitgab: »Untersuche, wer recht und wer unrecht hat, und bestrafe alle beide.«
1845.
XXVI Rußlands Schrecken und Grauen An die Gräfin ***
Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen, Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlässigen Persönlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird. Was mich dazu veranlaßte, war der Umstand, daß mein Brief vielleicht auch manchen andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit. Wenn ich Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich weiß ohne Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann würde sich Ihr Geist verfinstern, es würde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie würden nur noch daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. Wohin aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch schwieriger als die Rußlands. Der Unterschied ist bloß der, daß es dort noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberfläche eines oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den Zeitschriften in Form frühreifer Folgerungen und übereilter Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in jenen so wohlgeordneten Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemühen und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf, solche furchtbare Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt überall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird ausrichten können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland vor unseren Augen sehen. In Rußland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer späteren Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: »Alle lassen den Mut sinken wie in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals« treffen in der Tat das Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: »_sauve qui peut_«. So liegen die Dinge heute wirklich, und so muß es auch sein. Gott hat gewollt, daß es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verächtlichen irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich selbst zu retten suchen, während er mitten im Herzen des eigenen Staates weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig auf den himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies kann keiner gerettet werden. Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland von ehedem, sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines andern himmlischen Reiches wäre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, gegen die Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen, sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so erfüllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat. Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine große Bedeutung beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefühl oder unserer Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt -- wir müssen immer im Auge behalten, daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und daß wir es darum so verwalten müssen, wie kein anderer als Christus es uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die _ägyptische Finsternis_, die uns König Salomon so gewaltig geschildert hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte. Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten des hellen Tages; von allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen unaufhörlich vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie alle eine furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefühle, alle Regungen, alle Kräfte schwanden ihnen dahin außer der einen einzigen Furcht, und dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten im Licht und im Tage.
Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. Beten Sie lieber und bitten Sie Gott, daß er Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen können, wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr für Scherze. Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher, zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. Vielleicht ist sie von jener schwächlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was glänzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt genießt. Vielleicht birgt sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir besitzen, zu vernichten vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darüber zu erschrecken, was in uns selbst, als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. Was aber die Schrecken und Grauen Rußlands anbelangt, so sind auch sie nicht ohne Nutzen. Sie waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege eröffnet hat, hat bei vielen schlummernde Fähigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem einen Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten Wirkungskreisen Männer von echter Lebensweisheit und wahre Helden des Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg, sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europäischen Märkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen viele Leute nennen, die einstmals die Zierde Rußlands sein und ihm zu unvergänglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts sei es gesagt, daß die Zahl solcher _Frauen_ größer ist als die der Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Töchtern zu beginnen, die es mir so lebendig zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel mächtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft (Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner Seele erfüllt haben) -- Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen Sie kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht nie etwas hören werden, die aber noch weit vollkommener sind als die, von denen Sie etwas gehört haben -- Sie alle gleichen einander kaum, und jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche Erscheinung. Nur Rußland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren schwierigen Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden überragt von einer, die ich nicht persönlich kenne und nicht gesehen habe, und von der nur ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine so kluge und großmütige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen, wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht einmal der Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und das ganze Verdienst auf die andern abzuwälzen, so daß diese sich des von jener vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, in der festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht haben, -- es sich so klug im voraus zu überlegen, wie man dem entgehen könne, daß der Name der Urheberin bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut von sich künden und sie bekanntmachen mußte, und dies alles dennoch zu vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine ähnliche hohe Weisheit habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als blaß und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der Fiebertraum der Phantasie gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes. Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen, die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders schwierig geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere Verhältnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und Unruhe versetzen.
1846.
XXVII An einen kurzsichtigen Freund
Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet und glaubst nun, ein richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben. Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung ist ohne Gott gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot, sie ist nur ein verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr finden, sondern nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Rußland ist nicht Frankreich, das französische Element ist nicht das russische Element.] Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben Ereignisse die gleiche Wirkung auf jedes Volk ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das Eisen, auf das er herniedersaust. Deine Gedanken [über die Finanzen] beruhen auf der Lektüre ausländischer Bücher und englischer Zeitschriften und sind darum tote Gedanken. Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger Mensch, dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwüchsig entfalten könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch nicht, daß du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden Witzes nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während du den Brief schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen, obwohl du dies gerne möchtest, und deine Taten werden nicht die Früchte tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schönsten Absichten kann man Böses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren Kräften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wärest, aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und großen Verstand mit allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen gefährlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du wirst auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten dazu besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt über dich wachen. Führe die Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, daß man heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Böses anrichten kann. Schon aus deinen gegenwärtigen Projekten spricht mehr Ängstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet, in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart besorgt sein. Gott will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu großes Selbstvertrauen: du glaubst schon alles zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und Verhältnisse [in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß es niemand gibt, von dem du etwas lernen könntest. Du bist aus allen Kräften darum bemüht, jenen (Staats)-Leuten ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze glänzende Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso schnell wieder verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, um sehr viel Gutes zu vollbringen, ja die sogar von dem glühenden Wunsche durchdrungen waren, Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen ist: wie ein Ring auf dem Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden, und noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung auf ihre großen Männer hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein großer Mann ist, klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas _Dauerndes_ hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von Taten übereinander auf -- die doch zugleich mit uns wie Staub vom Angesicht der Erde hinweggeweht werden. »Du bist stolz,« sage ich dir, und muß es dir immer wieder sagen: »du bist stolz.« Wache über dich und rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich zu allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste von allen bist und daß du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mußt, klüger zu werden. Höre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind noch ein Rätsel für dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen. Dann wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder daß du von einer schweren Erschütterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er möge dir diese Erschütterung senden, daß dir irgendeine unerträgliche Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch finden möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft, so daß du nicht weißt, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie sehr haben wir es nötig, einmal öffentlich und in Gegenwart aller eine Ohrfeige zu empfangen.
1844.
XXVIII An einen hochgestellten Mann