Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I

Part 18

Chapter 183,415 wordsPublic domain

Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so würden sich alle sofort empört gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen die andern Künstler würden laut werden, und man würde sie der Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende würde gar ein dramatischer Dichter ein rührsames Drama über dieses Sujet schreiben, das Publikum bis zu Tränen rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts wie lauter Lüge und Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode schuld wäre. Nur _ein_ Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser Mensch wäre -- ich. Ich habe mich in einer ganz ähnlichen Lage befunden, habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewälzt. Nun liegt sie auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem auch noch eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem Gemälde gearbeitet hat und daß er während dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drängten]. Sparen Sie nicht mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fängt man überall an, den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des Künstlers noch nicht in vollem Maße widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemälde wird vollendet werden [-- dann wird auch der ärmste Fürstenhof in Europa gern soviel dafür bezahlen, wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemälde erzielen selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, daß ihm die Prämie nicht für sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf daß dies Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre nötig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: daß man allen Lockungen des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man nicht aufhören dürfe, zu lernen, und sich stets für einen Schüler halten solle wie Iwanow, daß man die größten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow, daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten des Anstands außer acht lassen muß wie Iwanow, daß man alle Leiden auskosten und selbst bei einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne einen für verrückt erklären und überall das Gerücht verbreiten, man sei nicht bei Verstande, so daß man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören muß, wie Iwanow dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedürfnis für unsere jungen Künstler und für die, die ihre Künstlerlaufbahn erst eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich feine Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, daß die Hilfe und Unterstützung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil wird, die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit ihren Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr ganz aufgehen wie ein Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß wäre, damit sich alle anderen unwillkürlich hinter den Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß er diese Summe nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte. Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen. Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Künstler besser kennt als irgendein Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte. Weiß Gott, was ein Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur Frau, oder er kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und denen er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter kann einen großen Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch behaupten, daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die Augen zu streuen, und Geld dafür verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist, auf dem er später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie dies Iwanow getan hat, -- mit dem verhält es sich ganz anders. Ihm kann man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden, besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und man sollte doch nicht zulassen, daß solche Menschen vor Hunger sterben. Wenn es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von den andern zurückzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja selbst in dem Falle, wenn es seine _eigene_ Sache ist und er nur sagt, daß diese Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als ob er den Menschen wissentlich diente, und für seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen. Damit Sie sich aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist, weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was für einen Lebenswandel er führt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden Gedanken an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begründen, von sich gewiesen hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag und Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann sind keine langen Überlegungen am Platz, sondern dann muß man ihm die Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drängen und anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne uns vorwärts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große Pension bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus und halten Sie die Lockungen und Verführungen der Welt von ihm fern. Es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen. Der Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen hat. Aber wen Gott für würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten, und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn für keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen.

1846.

XXIV Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann

Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tüchtig auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fähig, sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner Ansicht nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit elender als die jener Menschen, die tief im Unglück und im Elend zu stecken meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche des Gemüts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten, und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr über sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter einen _starken Willen_ zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefühl für diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet, um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu wirklichen Leistungen anspornt. Und _Sie_ haben ihn geheiratet, damit er Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide zerfließen und gehen im Leben auf wie ein Stück Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um _Kraft und Willensstärke_. Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und Willensstärke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernünftig: _bete und rudere auf das Ufer zu_, sagt ein russisches Sprichwort. Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein ganzes Ich in mir selbst zusammen und stärke mich!« Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu und zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt müssen Sie auf Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre Hände gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen Überschlag über den gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine Übersicht über all Ihre Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben müssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur Deckung der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung, Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wände Ihres Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite Haufen muß das Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause leben, enthalten. Der dritte Haufen sei für den Stall, für den Wagen, den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich auf diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen müssen die Unkosten für die Garderobe, d. h. für alles, was Sie beide brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte Ihr Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche Ausgaben, die ja häufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Möbel, einer neuen Equipage, oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn er plötzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der siebente Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben für die Kirche und für die Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert für sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Führen Sie über jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen während dieser Zeit auch noch so günstige Kaufgelegenheiten bieten sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so sehr zum Kaufe reizen sollte -- dürfen Sie ihn nicht kaufen. Das können Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich genügend gefestigt und gekräftigt haben. Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen, daß Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und daß diese Erwerbung fürs erste weit wichtiger für Sie ist als jede andere. Seien Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, dürfen Sie doch nicht mehr ausgeben, als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält. Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden Jammers und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein müssen, und wenn Sie sehen, daß hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen Sie dennoch unter keinen Umständen einen von den andern Haufen angreifen. Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen Ihre Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen möglichen Erniedrigungen aussetzen und sogar den öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf daß Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschränken und im voraus daran zu denken, so daß am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die Armen übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden, werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich plötzlich einen Schmuckgegenstand für Ihren Tisch oder Kamin kaufen, wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht geneigt sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen, sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche und Launen werden auf diese Weise unwillkürlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen, und schließlich wird es so weit kommen, daß Sie selbst das Gefühl haben werden, Sie brauchten nicht mehr als _einen_ Wagen und ein Paar Pferde und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann werden Sie erkennen, daß man seine Gäste ebensogut mit einem einfach servierten Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu befriedigen vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht _comme il faut_, sondern Sie werden selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon überzeugen werden, das wahre _comme il faut_ sei das, das Der von dem Menschen fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der allerhand Satzungen und Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die Bilanz über die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen Haufen beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen, um wievielmal notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes, und damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen Gegenstand Sie im Fall der Not zuerst verzichten müssen, und so die Kunst lernen, zu erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist.

Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng an diese Grundsätze. Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie während der ganzen Zeit zu Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen -- dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist dies: daß in dem Menschen wenigstens _etwas_ stark und unerschütterlich werde. Hierdurch kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles andere. Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden Sie unwillkürlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung, setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann, sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur Tätigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß er sich ganz der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen muß -- [sein eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja gerade darum geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich ganz dem Vaterlande zu widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst behindert wird, sondern gerade um ihn für den Dienst zu stärken und zu kräftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung wieder begegnen und sich so übereinander freuen, als hätten Sie sich viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen Sie ihm alles, was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und lassen Sie sich alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement für den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen unbedingt darüber unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht, Sie müssen wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten er an jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich während eines Jahres alles von ihm erzählen lassen und aufmerksam zuhören, so werden Sie im folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen können, wenn ihm im Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt, wie Sie ihm behilflich sein können, über sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt hätte. So werden Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schönen und Guten werden.

Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er möge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst festzuhalten. Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände und Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer meiner Freunde, mit dem Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz Rußland kennt, folgendermaßen definiert: »Die Freiheit besteht nicht darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune _Ja_ sagt, sondern darin, daß man auch _Nein_ zu ihr zu sagen vermag.« Und er hat recht wie die Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch starkes _Nein_ zuzurufen. Ich vermag nirgends einen _Mann_ zu entdecken. So muß denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so seltsam und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem Manne befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein.

1845.

XXV Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit Aus einem Briefe an M.

Vernachlässigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen Umständen. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein hierdurch können Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen. Richten -- das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht, was es Höheres gibt. Nicht umsonst wird im Volke _der_ so hoch geehrt, der es versteht, ein gerechtes Urteil zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern werden zu Ihnen hinströmen, wenn sie erfahren, daß Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie keinen von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und übernehmen Sie das Richteramt in allen Fällen, selbst bei einem unbedeutenden Streit oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermöchten, da Sie nichts finden könnten, woran Sie anknüpfen sollen.