Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom
Part 13
Mein Gott, wo war er hineingeraten! Anfangs traute er kaum seinen Augen und fing an, sich die Gegenstände im Zimmer genauer anzusehen; aber die nackten Wände, die Fenster, die durch kleine Vorhänge verhängt waren, deuteten durchaus nicht auf die Gegenwart einer sorgsamen Hausfrau; die schlaffen gealterten Züge dieser elenden Geschöpfe, von denen das eine sich gerade vor seine Nase hingesetzt hatte und ihn ebenso ruhig betrachtete, wie einen Fleck auf einem fremden Kleide, alles überzeugte ihn davon, daß er in eins jener häßlichen Asyle geraten sei, wo das gemeine Laster, das von einer falschen Überkultur und der großen Übervölkerung der Hauptstadt erzeugt wird, sich eine Wohnstätte gegründet hatte -- eins jener Asyle, wo der Mensch alles Reine und Heilige, das unser Leben verschönt, schändet und erstickt, wo das Weib, dies schönste Wunderwerk dieser Welt, die Krone der Schöpfung, sich in ein merkwürdiges, zweideutiges Wesen verwandelt hat, wo es mit dem Verlust seiner Seelenreinheit auch alle Weiblichkeit verliert, sich in widerwärtiger Weise die Manieren und das freche Wesen der Männer aneignet, und wo es aufhört, das herrliche, schwache Geschöpf zu sein, das sich seiner ganzen Natur nach so sehr von uns unterscheidet. Piskarjow maß sie vom Kopf bis zu den Füßen mit seinen Blicken, als wolle er sich noch einmal davon überzeugen, ob sie auch wirklich dasselbe Wesen sei, das ihn auf dem Newsky so bestrickt und so weit mit sich fortgeführt hatte. Aber auch jetzt war sie, wie sie da vor ihm stand, noch immer so schön wie vorhin; ihr Haar war noch ebenso herrlich, und ihre Augen erschienen ihm noch immer wahrhaft göttlich. Sie war jung und frisch, kaum 17 Jahre alt -- man sah es ihr an, daß das furchtbare Laster sie erst vor kurzem ergriffen hatte! Es hatte sich noch nicht an ihre Wangen herangewagt, sie waren noch frisch, zart und rosig; mit einem Wort, sie war wunderbar schön.
Ganz in ihren Anblick versunken stand er da, und schon wollte er sich in seiner schlichten Weise, wie früher seinen Träumereien hingeben. Aber dieses lange Schweigen langweilte die Schöne; sie lächelte bedeutungsvoll und sah ihm gerade in die Augen. Allein dieses Lächeln hatte etwas Gemeines und Freches, war so sonderbar und paßte so schlecht zu ihrem Gesichte, wie etwa der Ausdruck der Frömmigkeit zu der Fratze eines bestechlichen Beamten oder ein Kontobuch zu einem Poeten. Piskarjow erbebte. Sie öffnete ihre reizenden Lippen und fing an zu reden, aber was sie sagte, war alles so dumm und abgeschmackt ... wie wenn zugleich mit der Tugend auch der Verstand den Menschen verließe! Er wollte nichts mehr hören ... und machte einen furchtbar komischen und einfältigen Eindruck wie ein Kind! Statt ihr Entgegenkommen auszunutzen, statt sich über solch einen Zufall zu freuen -- über den sich jeder andere an seiner Stelle ohne Zweifel gefreut hätte -- stürmte er, so schnell ihn seine Füße trugen, wie ein Reh auf die Straße.
Gesenkten Hauptes und die Hände in den Schoß gelegt, saß er in seinem Zimmer wie ein armer Bettler, der am Meeresufer eine kostbare Perle gefunden hat und sie wieder ins Wasser fallen ließ. »So eine Schönheit! Solch göttliche Züge! Doch wo mußte ich sie finden? an welchem Ort! ...« das war alles, was er sagen konnte.
Wahrlich, nie werden wir mächtiger vom Mitleid erfaßt, als beim Anblick der Schönheit, die der verderbliche Odem des Lasters gestreift hat. Ja, wenn sich noch das Häßliche mit ihm verbände, aber die Schönheit, die zarte Schönheit! ... Nur mit der Tugend und mit der Reinheit vereint sie sich in unseren Gedanken. Das schöne Mädchen, das den armen Piskarjow so bestrickt hatte, war wirklich eine wundersame und ungewöhnliche Erscheinung. Aber ihre Anwesenheit in diesem verächtlichen Kreise erschien um so unerklärlicher. Ihre Züge waren so herrlich geformt, der Ausdruck des schönen Gesichts war so edel, daß man durchaus nicht glauben konnte, das Laster habe schon seine Krallen in sie hineingeschlagen. Für einen leidenschaftlichen Gatten wäre sie eine Perle, für die kein Preis zu hoch, seine ganze Welt, sein Paradies, sein ganzer Reichtum gewesen; in einem bescheidenen Familienkreise hätte sie wie ein herrlicher, stiller Stern geleuchtet und mit einer Bewegung ihres wunderschönen Mundes ihre süßen Befehle erteilt. In einem von Menschen erfüllten Saale auf blankem Parkett, bei Kerzenglanz wäre sie eine Gottheit gewesen; eine Schar von Verehrern hätte in wortloser Anbetung zu ihren Füßen gelegen. Aber ach, der furchtbare, teuflische Wille des bösen Geistes, der darnach lechzt, die Harmonie dieses Lebens zu zerstören, hatte sie mit Hohngelächter in diesen schrecklichen Abgrund gestürzt.
Völlig hingenommen von herzzerreißendem Mitleid, saß Piskarjow vor der zusammengeschmolzenen Kerze. Die Mitternacht war längst vorüber, die Turmuhr schlug halb eins, aber er saß noch immer unbeweglich, schlaflos und gedankenlos vor sich hindämmernd da. Schon wollte der Schlummer seine Unbeweglichkeit benützend, ihn leise überwältigen, das Zimmer fing an, vor seinen Blicken zu versinken, und der Kerzenschimmer blinkte noch leise durch die ihn gefangen haltenden Träume, als plötzlich ein Klopfen, das an der Türe ertönte, ihn aufschreckte und wieder ermunterte. Die Tür öffnete sich, und ein Diener in einer eleganten Livree trat ein. Noch nie hatte eine so reiche Livree sein einsames Zimmer aufgesucht. Und noch dazu zu dieser ungewöhnlichen Stunde ... er begriff nichts und starrte mit ungeduldiger Neugierde auf den eintretenden Diener.
»Die Dame,« sagte der Diener, sich höflich verneigend, »bei der Sie die Güte hatten, vor ein paar Stunden vorzusprechen, bittet Sie, zu ihr zu kommen, und hat den Wagen nach Ihnen geschickt.«
Piskarjow stand in sprachloser Verwundrung da, ein Wagen und ein Livreediener! ... Nein, hier lag sicher ein Mißverständnis vor ...
»Hören Sie, mein Lieber,« sagte er schüchtern, »Sie haben sich gewiß in der Tür geirrt. Wahrscheinlich hat Ihre Herrin Sie zu einem anderen Herrn geschickt und nicht zu mir.«
»Nein, mein Herr, ich irre mich nicht. Sie haben doch die Dame zu Fuß nach Hause begleitet: bis in ihr im vierten Stock gelegenes Zimmer in der Liteinaja?«
»Ja, das habe ich getan.«
»Nun, dann kommen Sie bitte schnell mit mir, meine Herrin will Sie durchaus sehen und bittet Sie, zu ihr ins Haus zu kommen.«
Piskarjow lief die Treppe hinab. Auf dem Hofe stand wirklich ein Wagen. Er setzte sich hinein, die Tür schlug zu, die Pflastersteine erdröhnten unter den Rädern und Hufen der Pferde, und die erleuchteten Fassaden der Häuser mit den grellen Schildern und Laternen flogen an den Wagenfenstern vorüber. Während der Fahrt zerbrach sich Piskarjow den Kopf, er wußte nicht, wie er sich dies Abenteuer erklären sollte. Ein eigenes Haus, der Wagen, der Livreediener ... dies alles stimmte durchaus nicht zu dem Zimmer im vierten Stock, zu den staubigen Fenstern und dem verstimmten Klavier. Der Wagen hielt vor einer hell erleuchteten Einfahrt, und zu seinem Erstaunen erblickte Piskarjow eine Reihe Equipagen und hell erleuchtete Fenster, er vernahm die Unterhaltung der Kutscher, Musik usw. ... Ein vornehmer Livreediener hob ihn aus dem Wagen und führte ihn ehrfurchtsvoll in ein mit Marmorsäulen verziertes Vorhaus; der goldstrotzende Portier und die umherliegenden Mäntel und Pelze, alles war von dem grellen Lichte einer Lampe erleuchtet. Eine luftige Treppe, mit einem blitzenden Geländer, führte, umfächelt von aromatischen Düften, nach oben. Ohne recht zu wissen wie, hatte er sie erstiegen und nun trat er in den ersten Saal, aber schon beim ersten Schritt fuhr er erschreckt durch die vielen Menschen zurück.
Die ungewöhnliche Buntheit der anwesenden Gäste brachte ihn vollends in Verwirrung; es schien ihm, daß irgendein Dämon die ganze Welt in eine Menge winziger Stücke zerbröckelt und dann diese Stücke ohne Sinn und Verstand durcheinandergewirbelt hätte. Blendende Frauenschultern, schwarze Fräcke, Kronleuchter und Lampen, duftige, fliegende Gazeschleier, ätherische Bänder und ein dicker Konterbaß, der über dem Geländer des wundervollen Chors hervorlugte, dies alles glänzte und glitzerte vor seinen Augen. Plötzlich sah er so viele ehrwürdige Greise und ältere Männer mit Sternen auf den Fräcken, und Damen, die so leicht, stolz und graziös über das Parkett schwebten oder in langen Reihen nebeneinander saßen, er hörte so viele französische und englische Wörter, und die jungen Leute in den schwarzen Fräcken trugen einen so edlen Anstand zur Schau, sprachen oder schwiegen mit so viel Würde, verstanden es so vorzüglich, nur das Allernotwendigste zu sagen, scherzten so herablassend, lächelten so höflich, hatten solch herrliche Backenbärte und wußten so geschickt ihre schönen Hände zu zeigen, indem sie ihre Halsbinde zurecht rückten; die Damen waren so duftig, so ganz hingenommen von einer absoluten Selbstzufriedenheit und Wonne, sie senkten so entzückend die Augen, -- daß ... Aber schon das völlig verschüchterte Wesen Piskarjows, der sich ängstlich an eine Säule drückte, ließ seine vollständige Verwirrung erkennen. Währenddessen hatte die Gesellschaft einen Kreis um eine tanzende Gruppe gebildet. Die Tänzerinnen schwangen sich in durchsichtige Schöpfungen der Pariser Modekunst, in Stoffe gehüllt, die ganz aus Luft gewebt schienen, im Kreise herum; sie berührten das Parkett nur ganz oberflächlich mit ihren funkelnden Füßchen und erschienen dadurch noch ätherischer, als wenn sie es überhaupt nicht berührt hätten. Eine von ihnen war noch schöner, kostbarer und glänzender gekleidet als die andern. Ihr ganzes Kostüm zeugte von einer wundersamen Harmonie und einem erlesenen Geschmack, und dabei hatte es den Anschein, als kümmerte sie sich gar nicht darum und als hätte sich diese Harmonie von selbst über sie ergossen. Sie schien die sie umgebende Schar der Zuschauer wohl zu bemerken und bemerkte sie auch wieder nicht, die schönen, langen Wimpern waren gleichgültig gesenkt, und ihre blendendweiße Gesichtsfarbe fiel noch mehr in die Augen, wenn bei einer leichten Senkung des Köpfchens ein schwacher Schatten auf ihre entzückende Stirn fiel.
Piskarjow strengte alle seine Kräfte an, um sich einen Weg durch die Masse der Zuschauer zu bahnen, um sie besser sehen zu können, aber zu seinem größten Verdruß verdeckte ein ungeheurer Kopf mit schwarzem Lockenhaar in einem fort die Tänzerin; dabei sah er sich bald so von der Menge eingezwängt, daß er weder vorwärts noch rückwärts zu gehen wagte, aus Furcht, mit irgendeinem Geheimrat zusammenzustoßen. Endlich jedoch war es ihm auf irgendeine Art gelungen, sich bis nach vorne vorzudrängen und er warf einen Blick auf seine Kleider, um sie ein wenig in Ordnung zu bringen. Aber allmächtiger Gott: Was war das? Er hatte seinen alten Rock an, der voller Farbenflecken war; in der Eile des Aufbruchs hatte er es nämlich ganz vergessen, sich in einen anständigen Anzug zu werfen. Er wurde rot bis über die Ohren, ließ den Kopf hängen und wollte in die Erde versinken, aber es war wirklich keine Versenkung da, in der er hätte verschwinden können: hinter ihm stand eine ganze Mauer von eleganten Kammerjunkern in hochfeinen Uniformröcken. Er wünschte sich so weit fort als nur möglich von der Schönen mit der herrlichen Stirn und den entzückenden Wimpern. Voller Angst hob er die Augen, um zu sehen, ob sie ihn wohl gar anblickte. O Gott, sie stand ja vor ihm! Aber was war das? Was war das? -- »Sie ist es!« schrie er fast mit Aufgebot all seiner Kräfte. Es war wirklich dieselbe Schöne, die er auf dem Newsky-Prospekt getroffen und die er dann nach Hause begleitet hatte.
Unterdessen aber hatte sie die Wimpern erhoben und sah alle mit ihrem klaren Blick an. »O Gott, wie schön ist sie! ...« das war alles, was er stockenden Atems sagen konnte. Sie suchte den ganzen Kreis mit ihren Augen ab; alle lechzten förmlich darnach, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber sie blickte nur mit einer gewissen Ermüdung und Gleichgültigkeit wieder weg, und ihre Augen begegneten denen Piskarjows. Welch ein Himmel! Welch ein Paradies lag in diesem Blick! Allmächtiger Gott! Woher wollte er die Kraft nehmen, ihn zu ertragen, sein Herz vermochte ihn nicht auszuhalten, es mußte zerreißen und die Seele mit sich entführen! Sie gab ihm ein Zeichen, aber nicht mit der Hand, noch durch eine Neigung des Kopfes, nein -- dieses Zeichen lag in dem Blick ihrer verführerischen Augen, in einem so feinen, unmerklichen Ausdruck, daß niemand ihn bemerken konnte; -- er aber bemerkte -- _er_ verstand ihn. Der Tanz dauerte lange, die müde Musik schien ersterben und erlöschen zu wollen, aber sie raffte sich wieder auf und tönte kreischend und laut schmetternd durch den Saal; da endlich -- war der Tanz zu Ende! Die schöne Frau setzte sich nieder, ihr Busen hob und senkte sich unter den zarten Wolken des Gazestoffes; ihre Hand (Gott, was war das doch für eine wundervolle Hand!) sank auf ihre Knie, und fiel schwer auf das durchsichtige Kleid; dem Kleide schien unter dieser Berührung Musik zu entströmen, und die zarte Fliederfarbe ließ das blendende Weiß der schönen Hand noch deutlicher hervortreten. Nur einmal diese Hände berühren -- und dann nichts mehr! Keinen anderen Wunsch mehr -- jeder andere wäre zu kühn gewesen ... Er stand hinter ihrem Stuhl und wagte es nicht, etwas zu sagen oder Atem zu holen -- »Sie haben sich wohl gelangweilt?« fragte sie, »ich habe mich auch gelangweilt. Ich merke es wohl, daß Sie mich hassen,« fügte sie hinzu und senkte ihre langen Wimpern.
»Sie hassen? ich? ..« wollte der völlig fassungslose Piskarjow ausrufen und er hätte gewiß noch eine ganze Menge unzusammenhängender Worte hervorgebracht, aber in diesem Augenblick trat ein Kammerherr mit einem sehr schönen, gelockten Toupet hinzu und machte ein paar witzige und angenehme Bemerkungen. Er lächelte freundlich, ließ hierbei eine Reihe schöner Zähne sehen und schien mit jedem Witz einen Nagel in Piskarjows Herz zu treiben. Zum Glück wandte sich endlich einer von den Anwesenden mit einer Frage an den Kammerherrn.
»Wie unerträglich ist das!« sagte sie und hob ihre himmlischen Augen zu ihm empor. -- »Ich will mich am andern Ende des Saales hinsetzen, kommen Sie zu mir!« Sie glitt durch die Menge und entschwand seinen Blicken. Halb wahnsinnig machte er sich zwischen den Leuten hindurch Bahn und war gleich darauf an ihrer Seite.
»Ja, das war sie!« Sie saß da wie eine Königin, schöner und herrlicher als alle andern, und suchte ihn mit den Augen.
»Sie sind hier?« sagte sie leise. »Ich will aufrichtig gegen Sie sein: die Art unserer Begegnung ist Ihnen gewiß sonderbar erschienen. Konnten Sie wirklich glauben, daß ich zu jener verächtlichen Menschenklasse gehöre, in deren Mitte Sie mich trafen? Mein Betragen scheint Ihnen merkwürdig, aber ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Sind Sie auch imstande,« sagte sie und sah ihm forschend in die Augen -- »es nie jemand zu verraten?«
»O gewiß, ich schwöre Ihnen ...«
Aber in diesem Augenblick trat ein ältlicher Herr an sie heran, fing an, in einer Sprache, die Piskarjow unverständlich blieb, mit ihr zu reden, und reichte ihr den Arm. Sie warf Piskarjow einen flehenden Blick zu und gab ihm ein Zeichen, er solle auf seinem Platz bleiben und ihre Rückkehr abwarten, aber in seiner Ungeduld fühlte er sich außerstande, irgendeinen Befehl, und wäre es selbst der ihrige gewesen, zu empfangen. Er wollte ihr folgen, doch im Gedränge wurden sie voneinander getrennt. Er konnte das fliederfarbige Kleid nicht mehr entdecken, in höchster Unruhe eilte er aus einem Zimmer ins andere und stieß alle, die ihm entgegenkamen, unbarmherzig zur Seite. Allein in den Zimmern saßen nur vornehme und reiche Herren beim Whist und hüllten sich in ein stumpfes Schweigen. In einem Winkel stritten ein paar ältere Leute über die Vorzüge des Militärdienstes gegenüber denen des Zivildienstes, und in einer anderen Ecke machten einige junge Leute in eleganten Fräcken flüchtige Bemerkungen über das mehrbändige Werk eines ernsten Poeten. Piskarjow fühlte, wie ein ältlicher Herr von ehrwürdigem Äußeren ihn bei einem Knopf seiner Rocks ergriff und ihm eine sehr richtige Antwort auf eine Bemerkung von ihm erteilte, aber er stieß ihn grob von sich, ohne zu bemerken, daß der Herr einen recht hohen Orden um den Hals trug. Piskarjow lief in ein anderes Zimmer, sie war nicht da, dann in ein drittes -- auch da war sie nicht zu finden. »Wo ist sie nur? Führt mich zu ihr! Oh! ich kann nicht ohne ihren Anblick leben! ich will wissen, was sie mir zu sagen hatte!« Aber all sein Suchen war umsonst. Müde und ängstlich drückte er sich in eine Ecke, und blickte in die Menge vor ihm, doch seine müden Augen stellten ihm alles in unbestimmten Formen und Konturen dar. Endlich fing er an, die Wände seines eigenen Zimmers zu erkennen. Er blickte auf: vor ihm stand ein Leuchter, die Kerze war fast ganz heruntergebrannt und war im Begriff, zu verlöschen, das Licht war dahingeschmolzen, und der Talg hatte sich über den alten Tisch ergossen.
Er hatte also nur geschlafen. Gott, welch ein schöner Traum! warum mußte er nur wieder erwachen?! warum hatte er nicht noch eine Minute warten können! Gewiß wäre sie zurückgekommen! Das aufdringliche Morgengrauen, das ihn mit seinem trüben Lichte peinigte, blickte durchs Fenster hinein. Das Zimmer lag grau und trübe da: überall herrschte Unordnung ... Oh, diese abscheuliche Wirklichkeit, was war sie im Vergleich mit dem Traume? Er kleidete sich schnell aus, legte sich ins Bett und hüllte sich in die Decke ein, ganz von dem einen Wunsche erfüllt, das entflohene Traumbild wieder zurückzurufen. Der Traum zögerte auch nicht, sich einzustellen, aber er ließ ihn nicht sehen, was er sehen wollte: bald erschien der Leutnant Piragow mit einer Pfeife im Munde, bald der Diener aus der Akademie, bald ein Wirklicher Staatsrat, dann wieder der Kopf einer Finnländerin, die er einst gemalt hatte, und ähnlicher Unsinn.
Bis zum Nachmittag lag er im Bett, weil er wieder einschlafen wollte -- aber die Schöne wollte nicht erscheinen. Wenn sie doch nur für einen Augenblick ihre wundervollen Züge vor ihm enthüllt, wenn er doch nur für einen Augenblick ihren leichten Schritt vernommen hätte, wenn ihr entblößter Arm nur für einen Moment, wie eine schneeweiße Wolke an seinen Blicken vorübergeschwebt wäre!
Er hatte alles von sich geworfen und alles vergessen und saß nun mit einer trost- und hoffnungslosen Miene da, ganz in sein Traumgesicht versunken. Er dachte nicht mehr daran, etwas zu unternehmen; teilnahmslos und leblos starrten seine Augen durchs Fenster auf den Hof, wo ein schmutziger Wasserträger Wasser ausgoß, das in der Luft gefror, und wo ein Verkäufer mit meckernder Stimme seine Ware feilbot: »_alte Kleider zu verkaufen_.« Alles Wirkliche und Alltägliche berührte sein Ohr fremd und seltsam. So saß er bis zum Abend da, dann warf er sich leidenschaftlich ins Bett. Lange kämpfte er mit der Schlaflosigkeit, aber endlich besiegte er sie. Wieder fing er an zu träumen, aber diesmal war es ein fader, häßlicher Traum. »Gott, erbarme Dich! Oh, laß mich sie sehen, wenn auch nur für einen Augenblick, für einen einzigen Augenblick!« Er wartete wieder auf den Abend, schlief wieder ein und träumte von einem Beamten, der ein Beamter und zu gleicher Zeit ein Fagott war. »Oh! das ist unerträglich!« rief er da. Endlich erschien sie ihm, ihr Köpfchen, ihre Locken ... sie sah ihn an ... aber ach, nur ganz kurze Zeit! Wieder senkte sich ein Nebel herab, ... und abermals versank er in einen dummen Traum.
Allmählich bildeten seine Träume den ganzen Inhalt seines Lebens, und von dieser Zeit ab nahm sein Leben eine merkwürdige Richtung an: man konnte sagen, er schlief -- wenn er wach war, und er war wach -- wenn er träumte. Wenn ihn jemand gesehen hätte, wie er ganz stumm vor seinem leeren Tisch saß, oder wie er auf der Straße einherging, er hätte ihn für einen Nachtwandler oder einen durch Alkohol vergifteten Narren gehalten; sein Blick war völlig ausdruckslos, seine angeborene Zerstreutheit entwickelte sich bis ins Maßlose und verjagte herrisch alle Bewegung und Empfindung aus seinem Gesicht, nur beim Anbruch der Nacht belebten sich seine starren Züge wieder.
Dieser Zustand zerrüttete seinen Organismus, aber die größte Qual brach erst für ihn an, als der Schlaf endlich anfing, ihn ganz zu fliehen. Vom Wunsche verzehrt, diesen seinen einzigen Schatz zu retten, wandte er alle Mittel an, um ihn wiederzuerlangen. Er erfuhr, daß es ein Mittel gäbe, das einem den Schlaf wiederbringt, dazu brauche man nur Opium zu nehmen. Aber wo sollte er sich dies Opium verschaffen! Piskarjow erinnerte sich eines Persers, der Ladenbesitzer war, mit persischen Schals handelte und ihn bei jeder Begegnung gebeten hatte, ihm doch ein schönes Frauenbildnis zu malen. In der Überzeugung, daß der Perser Opium besäße, entschloß er sich, zu ihm zu gehen.
Der Perser empfing ihn, mit verschränkten Beinen auf dem Diwan sitzend: »Wozu brauchst du Opium?« fragte er ihn.
Piskarjow erzählte ihm von seiner Schlaflosigkeit.
»Gut, ich will dir Opium geben -- aber male mir ein schönes Frauenbildnis dafür. Es muß jedoch wirklich schön sein! Sie muß schwarze Brauen und große Sammetaugen haben, und ich selbst will neben ihr liegen und meine Pfeife rauchen! Hörst du, aber schön muß sie sein, wunderschön, hörst du?«
Piskarjow versprach ihm alles. Der Perser ging auf einen Augenblick hinaus und kehrte dann mit einem Fläschchen, das mit einer schwarzen Flüssigkeit angefüllt war, zurück; vorsichtig goß er einen Teil davon in ein anderes Fläschchen und gab es Piskarjow mit der Weisung, nicht mehr als sieben Tropfen in Wasser zu nehmen. Piskarjow griff nach dem kostbaren Fläschchen, das er für keinen Goldklumpen wieder hergegeben hätte und lief Hals über Kopf nach Hause.
Kaum war er zu Hause angekommen, so goß er sich einige Tropfen in ein Glas Wasser, trank es hastig aus und warf sich auf sein Lager.
Mein Gott! welche Wonne war dies! Da war sie! Da war sie wieder, aber jetzt erschien sie ihm in einer ganz anderen Welt. Oh, wie reizend war das! da saß sie am Fenster eines hellen Landhäuschens; ihre Kleidung war von einer Schlichtheit, wie nur ein Poet sie ersinnen konnte. Ihre Haartracht ... Heiliger Gott, wie einfach war sie, und doch wie kleidsam! Der kurze Zopf fiel ihr auf ihren schlanken Nacken herab, alles an ihr war bescheiden, geheimnisvoll und deutete auf einen wunderbar edlen, feinen Geschmack. Wie graziös war ihr Gang, wie harmonisch der Takt ihrer Schritte und das Rauschen ihres schlichten Kleides! wie schön ihr Arm mit dem aus Haaren geflochtenen Armband! Mit Tränen in den Augen sagte sie zu ihm: »Verachten Sie mich nicht, ich bin nicht das, wofür Sie mich halten! Sehen Sie mich an! Blicken Sie mich aufmerksam an und sagen Sie dann: sollte ich denn wirklich dessen fähig sein -- woran Sie denken? -- O nein, nein, der solches zu denken wagte ... soll ...«