Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Part 14

Chapter 143,726 wordsPublic domain

Er wachte gerührt, ja erschüttert, mit Tränen in den Augen auf. »Es wäre besser, du existiertest überhaupt nicht, sondern wärest die Schöpfung eines begeisterten Künstlers, ich würde nicht von der Leinwand weichen, oh, ich würde dich ewig anschauen und dich unaufhörlich küssen. Du wärest mein Leben, mein ganzes Sein die herrlichste Phantasie, und ich wäre glücklich. Ich hätte keinen Wunsch außer nach dir! Wie meinen Schutzengel würde ich dich anrufen, im Schlafe und wenn ich wach wäre, und wenn ich etwas Göttliches und Heiliges darstellen müßte, so würde ich auf dich warten, daß du mir erscheinest. Doch nun, was für ein entsetzliches Leben! Sie lebt -- aber was nützt es mir! Ist denn das Leben eines Wahnsinnigen eine Freude für seine Angehörigen und seine Freunde, die ihn einstmals liebten?! Mein Gott, was ist unser Leben! Ein ewiger Streit zwischen Illusion und Wirklichkeit!« -- Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten ihn unaufhörlich. Andere Interessen hatte er nicht, er dachte an nichts und aß fast gar nichts; voller Ungeduld und mit der Leidenschaft eines Liebhabers wartete er auf den Abend und die ersehnte Erscheinung. Diese beständige Richtung seiner Gedanken auf ein Ziel gewann schließlich solch eine Gewalt über sein ganzes Sein und seine Einbildungskraft, daß das ersehnte Bild fast täglich vor seinem inneren Auge erschien, aber immer in einer Umgebung, die der Wirklichkeit geradezu widersprach, denn seine Gedanken waren rein wie die Gedanken eines Kindes. Der Gegenstand seiner Liebe wurde durch seine Träume verwandelt und veredelt.

Der Gebrauch des Opiums erhitzte seine Gedanken immer mehr; wenn es einmal einen bis zum höchsten Grade des Wahnsinns ungestümen, qualvoll und verzehrend Verliebten gegeben hat, so war _es_ dieser Unglückliche.

Der schönste von allen seinen Träumen war dieser: Er fand sich in seinem Atelier wieder, war froh gestimmt und saß selig mit der Palette in der Hand da. Auch sie war zugegen und war seine Frau. Sie saß neben ihm, stützte sich mit ihrem zierlichen Ellenbogen auf die Lehne seines Stuhles und sah zu, wie er arbeitete. In ihren dunklen, müden Augen lag eine lastende Fülle des Glücks, alles im Zimmer war durchtränkt von Seligkeit, überall herrschte Helligkeit, Ordnung und Sauberkeit. Himmlischer Gott! sie lehnte ihr herrliches Köpfchen an seine Brust ... Einen schöneren Traum hatte Piskarjow noch nie gehabt und er fühlte sich frischer und weniger zerstreut als vorher. Wundersame Gedanken regten sich in seinem Hirn: »Vielleicht,« so dachte er, »vielleicht ist sie durch irgendeinen unverschuldeten, schrecklichen Zufall dem Laster verfallen, vielleicht sehnt sich ihre Seele nach Buße, vielleicht verlangt sie selbst danach, sich aus ihrer entsetzlichen Lage zu befreien. Darf man denn gleichgültig zusehen, wie sie zugrunde geht? wo es sich vielleicht nur darum handelt, ihr die Hand entgegenzustrecken und sie vor dem Ertrinken zu retten!« Und seine Gedanken eilten immer weiter: »Mich kennt niemand,« sagte er zu sich selbst, »wer kümmert sich um mich, und um wen brauche ich mich zu kümmern?! Wenn sie aufrichtig bereut und ihren Lebenswandel ändert, so -- will ich sie heiraten. Ja, ich muß sie heiraten, ich werde verständig handeln! Wieviel Menschen gibt es, die ihre Wirtschafterinnen und manches Mal sogar ganz verwerfliche Geschöpfe heiraten; meine Tat wird uneigennützig und vielleicht sogar groß sein. Ich werde der Welt eine ihrer schönsten Zierden wiedergeben!«

Während er solch leichtsinnige Pläne schmiedete, fühlte er die Röte in seine Wangen steigen; er trat vor den Spiegel und erschrak über seine eingefallenen Züge und die Blässe seines Gesichts. Diesmal kleidete er sich sorgfältig an, wusch sich, kämmte sein Haar, warf sich in seinen neuen Frack und zog eine feine Weste an, legte den Mantel um und ging auf die Straße. Gierig sog er die frische Luft ein und fühlte ein Wohlbehagen in seinem Innern wie ein Genesender, der sich nach einer langwierigen Krankheit zum erstenmal entschlossen hat, an die Luft zu gehn. Als er sich der Straße näherte, die er seit der verhängnisvollen Begegnung nicht mehr betreten hatte, fing sein Herz heftiger an, zu pochen.

Lange suchte er nach dem Hause; es schien, das Gedächtnis versagte ihm den Dienst. Zweimal ging er die Straße auf und ab und wußte nicht, wo er stehnbleiben sollte. Endlich glaubte er das Haus gefunden zu haben. Schnell lief er die Treppe hinauf und klopfte an die Tür: die Tür öffnete sich, -- und wer trat ihm entgegen? Sein Ideal! sein geheimnisvolles Traumbild, das Original seiner Phantasien -- sie, die sein Alles, sein Leben, sein ganzes furchtbares, qualvolles und doch so süßes Leben ausmachte -- sie stand vor ihm. Er erbebte; ganz überwältigt von der Freude, konnte er sich vor Schwäche kaum auf den Füßen halten. Sie stand vor ihm, noch ebenso schön wie ehemals; obgleich ihre Augen etwas trübe waren und eine leichte Blässe auf ihren nicht mehr ganz so frischen Zügen lag, war sie doch immer noch wunderschön.

»Oh,« rief sie aus, als sie Piskarjow erblickte, und rieb sich die Augen. Es war schon 2 Uhr nachmittag. »Warum sind Sie damals weggelaufen?«

Piskarjow ließ sich ganz erschöpft auf einem Stuhle nieder und blickte sie an.

»Ich bin erst eben aufgewacht; man hat mich um 7 Uhr nach Hause gebracht. Ich war ganz betrunken!« fügte sie mit einem Lächeln hinzu.

»Oh! wärest du doch stumm, wärest du der Sprache beraubt, statt solche Reden zu führen!« Wie in einem Panorama, so hatte sie ihm in diesem Augenblick ihr ganzes Leben aufgerollt. Trotz alledem aber nahm er all seine Kraft zusammen: er wollte den Versuch machen, ob seine Ermahnungen keinen Eindruck auf sie ausüben würden. Nachdem er sich ermannt hatte, fing er mit zitternder Stimme an, ihr in glühenden Farben die Schrecken ihrer Lage zu schildern. Sie hörte ihn mit Aufmerksamkeit und mit dem Gefühl des Staunens an, wie wir es wohl beim Anblick von etwas völlig Unerwartetem und Merkwürdigem zu äußern pflegen. Mit einem kaum merklichen Lächeln blickte sie auf ihre Freundin, die in der Ecke saß, in ihrer Arbeit -- sie reinigte gerade einen Kamm -- innehielt und dem neuen Propheten gleichfalls aufmerksam zuhörte.

»Es ist wahr, ich bin arm!« schloß Piskarjow nach einer langen und erbaulichen Ermahnung, »aber wir werden arbeiten, wir werden uns beide, einer wie der andere, um die Wette bemühen, unsere Lage zu verbessern. Es gibt nichts Schöneres, als alles seiner eigenen Kraft zu verdanken. Ich werde Bilder malen, du wirst mit einer Arbeit beschäftigt neben mir sitzen und mich zum Schaffen begeistern; es soll uns an nichts fehlen.«

»Wie wäre das möglich!« unterbrach sie ihn in seiner Rede mit dem Ausdruck tiefer Verachtung. »Ich bin doch keine Wäscherin oder Näherin, daß ich arbeiten sollte!«

Mein Gott! in diesen Worten kam die ganze Häßlichkeit dieses verächtlichen Lebens zum Ausdruck, eines Lebens voller Eitelkeit und Müßiggangs, dieser treuen Gefährten des Lasters.

Hier fiel die Freundin, die bis jetzt still in der Ecke gesessen hatte, frech ein: »Heiraten sie mich! Wenn ich verheiratet bin, werde ich immer so dasitzen.« Hierbei verzog sie ihr erbärmliches Gesicht zu einer dummen Grimasse, und dies amüsierte die Schöne aufs höchste und brachte sie zum Lachen.

Oh! das war zuviel! das war unerträglich! Er stürzte hinaus, wie von Sinnen und als ob er den Verstand verloren hätte. Seine Gedanken verwirrten sich; ohne Sinn und Ziel, blind, taub und gefühllos, so trieb er sich den ganzen Tag über herum. Niemand wußte, ob er irgendwo geschlafen hatte oder nicht, erst am nächsten Tage kehrte er, von einem törichten Instinkt getrieben, in seine Wohnung zurück, er war in einem schrecklichen Zustande, sein Gesicht war bleich, die Haare waren verwühlt, und in seinen Zügen machten sich Anzeichen von Wahnsinn bemerkbar. Er schloß sich in seinem Zimmer ein, ließ niemand zu sich herein und nahm nichts zu sich. Es vergingen vier Tage, ohne daß sich sein verschlossenes Zimmer auch nur einmal geöffnet hätte, es verging eine Woche, und das Zimmer blieb noch immer verschlossen. Man rüttelte an der Tür, man rief nach ihm, aber es erfolgte keine Antwort; endlich brach man die Tür auf und fand einen leblosen Körper mit einer durchschnittenen Kehle. Das blutige Rasiermesser lag am Boden. Aus den krampfhaft verrenkten Armen und den furchtbar verzerrten Gesichtszügen konnte man schließen, daß seine Hand gezittert und daß der Selbstmörder sich noch lange gequält hatte, bevor seine sündige Seele sich von ihrer Hülle befreit hatte. So starb der arme, stille, bescheidene, schüchterne, kindlich-schlichte Piskarjow, ein Opfer der wahnsinnigen Leidenschaft: er der den Funken eines Talentes in sich getragen, das sich vielleicht zu einer hohen, hellen Flamme hätte entwickeln können! Niemand weinte um ihn, niemand warf einen Blick auf seinen leblosen Körper als der Polizeikommissar und der Stadtarzt, diese gewohnten Gestalten mit ihren gleichgültigen Mienen. Man trug seinen Sarg ganz still ohne jede religiöse Zeremonie nach Ochta, ein einziger Wächter begleitete ihn -- aber auch der weinte nur, weil er ein Glas Schnaps über den Durst getrunken hatte. Selbst der Leutnant Piragow, der ihm bei Lebzeiten seine hohe Protektion erwiesen hatte, erschien nicht, um dem Leichnam des Unglücklichen einen letzten Blick zu weihn. Er hatte übrigens ganz andere Dinge im Kopfe: er war mit einem außerordentlichen Erlebnis beschäftigt. Aber wenden wir uns lieber ihm zu: ich liebe die Toten nicht, und es ist mir immer unangenehm, wenn ein Begräbniszug mit dem alten Invaliden, der wie ein Kapuziner gekleidet ist und seinen Tabak mit der linken Hand schnupft, weil er in der rechten eine Fackel trägt, meinen Weg kreuzt. Ich spüre immer etwas wie Verdruß, wenn ich einem kostbaren Katafalk und einem mit Sammet bezogenen Sarg begegne; aber mein Verdruß mischt sich mit Wehmut, wenn ich einen Lastfuhrmann sehe, der einen kahlen, toten Sarg eines Armen mit sich führt, begleitet von einer Bettlerin, die zufällig des Weges daherkam und dem Sarge folgte, da sie gerade nichts anderes zu tun hatte.

Ich glaube, wir haben den Leutnant Piragow verlassen, als er sich gerade von dem armen Maler Piskarjow trennte und der schönen Blondine nacheilte. Diese Blondine war ein leichtsinniges und interessantes Geschöpf. Sie blieb vor jedem Kaufladen stehn und betrachtete die in den Schaufenstern ausgelegten Gürtel, Halstücher, Ohrringe, Handschuhe und sonstigen Kleinigkeiten, drehte sich hin und her, blickte nach allen Seiten und sah sich fortwährend um. »Mein Täubchen!« sagte Piragow selbstbewußt, setzte seine Verfolgung fort und verbarg sein Gesicht, um nicht von seinen Bekannten erkannt zu werden, in dem Kragen. Doch es ist vielleicht Zeit, den Leser etwas näher mit Piragow bekannt zu machen.

Aber bevor wir erzählen, wer Piragow eigentlich war, ist es am Platze, etwas über die Kreise zu sagen, zu denen Piragow gehörte. Es gibt in Petersburg Offiziere, die gewissermaßen eine Mittelklasse bilden. In Gesellschaften, bei Diners von Staatsräten oder Wirklichen Staatsräten, die sich diesen Titel durch vierzigjährigen Dienst erworben haben, kann man immer den einen oder den anderen Offizier dieser Kategorie treffen. Ein paar höhere Töchter, so bleich und farblos wie Petersburg selbst, von denen einzelne schon recht verblüht aussehen, ein Teetisch, ein Klavier, ein häuslicher Tanz -- dies alles ist nicht denkbar ohne die blitzenden Epauletten, die man beim Lampenschein zwischen den sittsamen Blondinen und den schwarzen Fracks der Brüder und Hausfreunde glänzen sieht. Es ist sehr schwer, diese kaltblütigen Jungfrauen aufzumuntern und sie zum Lachen zu bringen, dazu gehört eine große Kunst, oder besser gesagt, dazu bedarf es gar keiner Kunst. Man muß nicht allzu klug und auch nicht allzu komisch reden, und in allem muß jene Hohlheit und Nichtigkeit liegen, die das weibliche Geschlecht so liebt. Doch in dieser Hinsicht muß man den Herren Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie verstehen es ausgezeichnet, sich bei diesen faden Jungfrauen Gehör zu verschaffen und sie zum Lachen zu reizen. Rufe, die von Gelächter erstickt werden, wie: »Bitte, hören Sie auf! Schämen Sie sich doch, einen so zum Lachen zu bringen!« sind häufig die schönste Belohnung für diese Art Leute. In der besseren Gesellschaft begegnet man ihnen nur selten, oder richtiger gesagt, nie. Hier werden sie ganz von den Leuten verdrängt, die man in diesen Kreisen die Aristokratie nennt. Übrigens aber hält man sie für gelehrte und wohlerzogene junge Leute. Sie lieben es, sich über Literatur zu unterhalten, loben Bulgarin, Puschkin und Gretsch, und sprechen mit Verachtung und geistreichen Sticheleien über A. A. Orlow. Auch versäumen sie keinen öffentlichen Vortrag, ob in ihm nun von der Buchhaltung oder vom Forstwesen die Rede ist. Stets ist der eine oder der andere von ihnen im Theater zu finden, ganz gleichgültig, was für ein Stück gerade aufgeführt wird, es müßte denn eine ganz dumme Posse sein, die ihrem anspruchsvollen Geschmack nicht genügt; sonst aber sind sie immer im Theater. Für die Theaterdirektionen ist das das beste Publikum. In den Stücken sind es hauptsächlich schöne Verse, die sie schätzen; auch rufen sie stets die Schauspieler mit lautem Beifall vor die Rampe; viele von ihnen unterrichten in staatlichen Lehranstalten oder sie bereiten die Zöglinge für diese Anstalten vor, und schließlich schaffen sie sich ein paar Pferde und ein Kabriolett an. Dann wird ihr Wirkungskreis noch ausgedehnter; zum Schluß führen sie eine Kaufmannstochter, die Klavier spielt und etwa 100000 Rubel in bar und einen Haufen bärtiger Verwandter mitbringt, zum Altar. Dieser Ehre werden sie jedoch nie früher teilhaftig, als bis sie wenigstens zum Oberst avanciert sind; denn obgleich die russischen Bartträger[6] immer noch etwas nach Kraut riechen, wollen sie doch ihre Töchter mindestens als Generalsfrauen oder doch als Oberstinnen sehen. Dies sind die wichtigsten Charakterzüge dieser Art junger Leute. Jedoch der Leutnant Piragow hatte noch eine Menge anderer Talente, die nur ihm persönlich eigen waren. Er verstand es ausgezeichnet, Verse aus »Dimitri-Donskoj« und »Wehe dem Gescheiten« zu deklamieren, und wußte vortrefflich Rauchringe aus der Pfeife aufsteigen zu lassen, manches Mal konnte er ein ganzes Dutzend nebeneinander aufreihen! Er konnte vorzüglich davon erzählen, daß »die Kanone etwas an und für sich und daß das Einhorn auch etwas an und für sich« sei ... Übrigens ist es außerordentlich schwer, alle Talente aufzuzählen, mit denen das Schicksal den Leutnant Piragow ausgestattet hatte. Er sprach gern über eine Schauspielerin oder eine Tänzerin, aber nicht mit der Schärfe, wie sich gewöhnlich Leutnants über solche Gegenstände auszulassen pflegen. Mit seinem Leutnantsrang, zu dem er erst vor kurzem avanciert war, war er sehr zufrieden, obgleich er häufig sagte, während er sich aufs Sofa streckte: »ach ja, alles ist eitel, was hat denn das zu bedeuten, daß ich Leutnant bin«; aber in seinem Innern fühlte er sich doch sehr durch die neue Würde gehoben, und in der Unterhaltung bemühte er sich häufig darauf anzuspielen; ja als ihm einmal auf der Straße ein Schreiber begegnete, der ihm unhöflich zu sein schien, hielt er ihn sofort an und gab ihm in kurzen aber scharfen Worten zu verstehen, daß vor ihm ein _Leutnant_ und nicht ein xbeliebiger Offizier stehe -- und da in diesem Moment zwei allerliebste Damen vorübergingen -- bemühte er sich, sich besonders hübsch auszudrücken. Piragow trug überhaupt eine Leidenschaft für alles Schöne zur Schau und daher protegierte er auch den Künstler Piskarjow: vielleicht kam es übrigens auch nur daher, weil er es so sehr wünschte, sein männliches Gesicht auf der Leinwand zu sehen. Aber nun sei es genug von den Tugenden Piragows. Der Mensch ist ein so erstaunliches Wesen, daß es unmöglich ist, alle seine Vorzüge mit einemmal aufzuzählen, je länger man ihn anschaut, desto mehr neue Eigentümlichkeiten kommen zum Vorschein, und man fände nie ein Ende, wenn man sie alle herzählen wollte.

[Fußnote 6: d. h. Kaufleute.]

Piragow fuhr also fort, die Unbekannte zu verfolgen; von Zeit zu Zeit unterhielt er sie mit Fragen, auf die sie kurz und scharf oder mit unverständlichen Lauten antwortete. Sie gingen durch das dunkle Kasansche Tor und bogen in die Meschtschanskaja, diese von kleinen Tabak- und Kramlädenbesitzern, deutschen Handwerkern und finnischen Nymphen bevölkerte Straße, ein. Die Blondine beschleunigte ihre Schritte sichtlich und schlüpfte in die Pforte eines ziemlich schmutzigen Hauses. Piragow folgte ihr. Sie lief eine schmale, dunkle Treppe hinauf, öffnete eine Tür und trat ein, während ihr Piragow mutig folgte. Plötzlich befand er sich in einem großen Zimmer mit schwarzen Wänden und einem verräucherten Plafond. Ein ganzer Haufen von eisernen Schrauben, Schlosserwerkzeugen, Instrumenten, glänzenden Kaffeekannen und Leuchtern lag auf dem Tisch, und der Boden war mit eisernen und kupfernen Sägespänen bestreut. Piragow begriff sofort, daß dies die Werkstätte eines Handwerkers war. Die Unbekannte verschwand weiter durch eine Seitentür. Piragow besann sich einen Augenblick, dann aber folgte er der russischen Maxime und entschloß sich, »vorwärts« zu eilen. Er trat in ein andres Zimmer, das dem ersten durchaus nicht ähnlich sah: es war sehr sauber und ordentlich, und man erkannte sofort, daß der Wirt ein Deutscher war. Ein überaus merkwürdiges Bild setzte Piragow aufs höchste in Erstaunen: vor ihm saß _Schiller_ -- nicht jener Schiller, der den Wilhelm Tell und die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges geschrieben hat, sondern der _bekannte_ Schiller, ein Schlossermeister aus der Meschtschanskistraße. Neben Schiller stand _Hoffmann_, aber wiederum nicht der Dichter Hoffmann, sondern ein tüchtiger Schuhmachermeister dieses Namens aus der Offizierstraße und ein großer Freund Schillers. Schiller war betrunken, saß auf einem Stuhl, stampfte mit dem Fuß und sprach mit großem Eifer auf den andern ein. Dies alles hatte Piragow noch nicht in Erstaunen gesetzt; was seine Verwunderung erregte, war die höchst merkwürdige Stellung dieser beiden Gestalten. Schiller saß da, hielt den Kopf in die Höhe und streckte seine ziemlich dicke Nase vor; Hoffmann aber hatte diese Nase mit zwei Fingern gefaßt und fuhr mit der Schneide eines Schustermessers über ihre Oberfläche hin und her. Beide sprachen Deutsch, und daher konnte Leutnant Piragow, der außer »guten Morgen« kein Wort Deutsch konnte, nichts von der ganzen Sache verstehen. Im übrigen aber hatten Schillers Reden folgenden Inhalt: »Ich will sie nicht, ich brauche keine Nase!« sagte er und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. »Allein für diese Nase verbrauche ich 3 Pfund Tabak monatlich. Und ich zahle in einem elenden russischen Laden -- weil die deutschen Läden keinen russischen Tabak haben -- ich zahle in einem elenden russischen Laden 40 Kopeken pro Pfund: das macht also 1 Rubel 20 Kopeken -- und zwölfmal 1 Rubel 20 Kopeken, das macht wiederum 14 Rubel 40 Kopeken. -- Hörst du's, mein Freund Hoffmann, allein für die Nase 14 Rubel und 40 Kopeken. An Feiertagen schnupfe ich Rapé -- denn an einem Feiertage will ich doch keinen scheußlichen russischen Tabak schnupfen. Das Jahr über schnupfe ich 2 Pfund Rapé zu 2 Rubel das Pfund -- 4 Rubel und 14 Rubel das macht im ganzen 18 Rubel 40 Kopeken allein für Tabak. Das ist mein Ruin! Freund Hoffmann, ich frage dich, habe ich nicht recht?« Hoffmann, der auch angetrunken war, gab seine Zustimmung. »20 Rubel 40 Kopeken. Ich bin ein Schwabe, ich habe einen König in Deutschland! Ich will keine Nase mehr haben! schneide sie mir ab, da, da ist meine Nase!«

Und wenn nicht das unerwartete Eintreten des Leutnants Piragow dazwischengekommen wäre, dann hätte Hoffmann sicherlich ohne viele Umstände Schillers Nase abgeschnitten, denn er hatte ja schon das Messer in der Hand, wie wenn er eine Schuhsohle zuschneiden wollte.

Schiller war sehr verdrießlich, daß plötzlich ein unbekannter, ungebetener Fremdling ihn im ungelegensten Moment störte. Obgleich er sich ganz im Banne des Bier- und Weinrausches befand, fühlte er doch, daß sein Zustand und die Beschäftigung, bei der er angetroffen wurde, in Gegenwart eines fremden Zeugen etwas Unschickliches haben mochte. Piragow verbeugte sich leicht und sagte mit der ihm eigenen Zuvorkommenheit: »Sie entschuldigen doch!«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!« sagte Schiller gedehnt.

Diese Antwort verblüffte den Leutnant Piragow. Solch eine Behandlung war ihm ganz neu. Das Lächeln, das eben auf seinen Zügen gespielt hatte, verschwand plötzlich. Im Gefühl seiner gekränkten Würde sagte er: »Ich muß mich sehr wundern, mein Herr ... wahrscheinlich haben Sie nicht bemerkt ... daß ich Offizier bin ...«

»Was ... Offizier? Ich bin ein Schwabe! Ich (und hierbei schlug Schiller mit der Faust auf den Tisch) werde bald selbst Offizier sein, anderthalb Jahre Junker, zwei Jahre Leutnant, und gleich morgen bin ich Offizier! So mach' ich's mit einem Offizier! Aber ich will nicht dienen, pfff ....«

Hierbei hielt er sich die Hand vors Gesicht und blies drauf.

Der Leutnant Piragow sah ein, daß ihm nichts andres übrigblieb, als sich zu entfernen; aber diese unziemliche Behandlung seines Standes war ihm doch sehr unangenehm. Ein paarmal blieb er auf der Treppe stehn, wie wenn er Mut fassen wollte und darüber nachdächte, wie er Schiller seine Frechheit büßen lassen könnte. Endlich kam er zu dem Schluß, daß Schiller zu entschuldigen sei, da sein Hirn mit Bier und Wein angefüllt wäre, auch fiel ihm die reizende Blondine wieder ein, und so entschloß er sich, das alles zu vergessen. Am folgenden Tage betrat der Leutnant Piragow frühmorgens die Werkstatt des Schmiedes. Im ersten Zimmer kam ihm die hübsche Blondine entgegen und fragte ihn mit recht unfreundlicher Stimme, die ihr sehr gut zu Gesicht stand: »Was wünschen Sie?«

»Ah, guten Tag, meine Schöne! Sie erkennen mich wohl nicht? Sie kleiner Schelm! was für schöne Augen Sie haben!«

Hierbei wollte ihr der Leutnant Piragow in liebenswürdiger Weise einen Finger unters Kinn legen und es emporheben, aber die Blondine stieß einen erschrockenen Laut aus und fragte ihn ebenso unfreundlich: »Was wünschen Sie?«

»Nur Sie zu sehen, sonst wünsche ich nichts!« erwiderte der Leutnant Piragow freundlich lächelnd und trat näher, aber als er merkte, daß die ängstliche Blondine nach der Tür strebte, setzte er hinzu: »Ich möchte ein Paar Sporen bestellen, meine Liebe, können Sie mir ein Paar Sporen machen? Um Sie liebzuhaben, brauche ich allerdings keine Sporen, im Gegenteil, eher noch Zügel! Was für reizende Händchen!«

Der Leutnant Piragow war bei solcher Art Liebeserklärungen immer sehr höflich.

»Ich werde gleich meinen Mann rufen!« rief ihm die Deutsche laut zu, ging hinaus und einige Minuten darauf erblickte Piragow Schiller, der noch ganz verschlafen und kaum von seinem gestrigen Rausch ernüchtert ins Zimmer trat. Als er den Offizier erkannte, stieg die gestrige Szene wie ein Traum vor ihm auf. Eine klare Erinnerung hatte er in diesem Zustande nicht, aber er fühlte, daß er irgendeine Dummheit begangen hatte, und empfing daher den Offizier mit recht verdrießlicher Miene.

»Weniger als 15 Rubel kann ich für die Sporen nicht nehmen!« sagte er, um Piragow so schnell wie möglich loszuwerden, denn es war ihm, dem ehrlichen Deutschen, sehr peinlich, dem Manne gegenüberzustehn, der ihn in solch einer peinlichen Situation gesehen hatte. Schiller liebte es, nur mit zwei, drei guten Freunden und ohne Zeugen zu zechen, daher schloß er sich für diese Zeit ein und verbarg sich selbst vor seinen Arbeitern.

»Warum sind Sie denn so teuer?« sagte Piragow freundlich.

»Es ist doch deutsche Arbeit!« erwiderte Schiller kaltblütig und strich sich das Kinn. -- »Ein Russe wird sie Ihnen für 2 Rubel anfertigen.«

»Schön, um Ihnen zu beweisen, daß ich Sie liebe und Ihre Bekanntschaft zu machen wünsche, will ich Ihnen 15 Rubel bezahlen!«