Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom
Part 12
Doch je mehr der Zeiger gegen 2 Uhr vorrückt, um so mehr verringert sich die Zahl der Pädagogen, Gouvernanten und Kinder und schließlich werden sie ganz von ihren zärtlichen Vätern verdrängt, die ihre buntgekleideten, nervenschwachen Gefährtinnen am Arme führen. Allmählich gesellen sich auch noch die zu ihnen, die ihre so wichtigen häuslichen Angelegenheiten erledigt haben: sie mußten mit ihrem Arzt über das Wetter sprechen, ihm einen kleinen Pickel zeigen, der sich auf der Nase gebildet hatte, mußten sich nach dem Befinden ihrer Kinder und Pferde erkundigen, welch erstere übrigens eine große Begabung an den Tag legten; dann mußten sie einen Theaterzettel und einen wichtigen Zeitungsartikel über die neu angekommenen und abgereisten Personen lesen und endlich mußten sie noch ihren Kaffee trinken; ferner gesellen sich auch noch die zu ihnen, denen ein beneidenswertes Schicksal den segensreichen Beruf eines Beamten für besondere Aufträge bescherte; auch die schließen sich ihnen an, die in den ausländischen Ämtern dienen und sich durch die Vornehmheit ihrer Beschäftigung und ihrer Manieren auszeichnen. Mein Gott! was gibt es doch für herrliche Ämter und Berufe, wie erheben und erquicken sie unser Herz! Aber ach! ich selbst stehe nicht im Staatsdienst und habe nicht das Vergnügen, die feinen Umgangsformen eines Vorgesetzten an mir zu erproben. Alles, was man auf dem Newsky sieht, strotzt förmlich von Würde und Wohlanständigkeit; die Herren in ihren langen Röcken mit den Händen in den Taschen und die Damen in ihren rosa, weißen oder hellblauen Atlasjacken und ihren koketten Hütchen! hier kann man ganz ungewöhnlichen Backenbärten begegnen, die mit einer besonderen, geradezu staunenerregenden Geschicklichkeit hinter die Halsbinde gesteckt sind[5], herrlichen sammetweichen Backenbärten, die wie Atlas glänzen, und schwarz sind wie der feinste Zobel oder ein Stück Kohle; aber ach! leider gehören diese immer nur Ausländern an. Denen, die in den andern Departements dienen, hat die Vorsehung die schwarzen Bärte versagt, und sie müssen zu ihrem großen Leidwesen rote tragen. Ferner trifft man hier so herrliche Schnurrbärte, daß keine Feder und kein Pinsel imstande wären, sie abzuschildern; Schnurrbärte, deren Pflege weitaus die größere Hälfte des Lebens gewidmet wird, die der Gegenstand einer dauernden Sorge bei Nacht und bei Tage sind; Schnurrbärte, die mit den herrlichsten Parfüms und Düften getränkt und mit den kostbarsten und seltensten Pomaden bestrichen sind; die des Nachts in das feinste Velinpapier gewickelt werden, die sich der rührendsten Anhänglichkeit ihrer Besitzer erfreuen und die den Neid aller Vorübergehenden erwecken. Hier wird jedermann geblendet durch die tausend verschiedenen Arten von Hüten, Kleidern und durch all die bunten und leichten Tücher, denen ihre Besitzerinnen häufig ganze zwei Tage lang die Treue bewahren. Es ist, als hätte sich ein ganzes Meer von Faltern von den zarten Blumenblüten erhoben und schwebe nun als leuchtende Wolke über den schwarzen Käfern, die durch das männliche Geschlecht repräsentiert werden. Hier begegnet man solchen Taillen, wie man sie nicht einmal im Traum zu sehen bekommt: feinen, schmalen Taillen, nicht dicker wie ein Flaschenhals, so daß man bei einer Begegnung mit ihren Besitzerinnen ehrerbietig zur Seite tritt, um nur nicht in unvorsichtiger Weise mit seinen unhöflichen Ellbogen gegen sie anzustoßen; es übermannt einen eine Schüchternheit und eine wahre Angst, daß man am Ende gar durch einen unvorsichtigen Atemzug dieses herrliche Gebilde der Natur und der Kunst zerstören könnte. Und was für Frauenärmel man auf dem Newsky antrifft! Nein, welch eine Pracht! Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit zwei Luftballons, daß man meint, die Dame müßte sich plötzlich in den Äther emporschwingen, wenn der Herr sie nicht festhielte; denn es ist ebenso angenehm und leicht, eine Dame in die Höhe zu heben, wie ein volles Champagnerglas an die Lippen zu setzen. Nirgends begrüßt man sich so würdevoll und so ungezwungen wie auf dem Newsky-Prospekt. Hier kann man einem Lächeln begegnen, einem Lächeln, das einzig in seiner Art und über alle Kunst erhaben ist; man möchte mitunter dahinschmelzen vor Vergnügen über solch ein Lächeln; aber es gibt auch ein Lächeln, vor dem man ganz klein wird und zusammenknickt wie ein Grashalm, so daß man das Haupt senkt, und dann gibt es wieder eines, bei dem man sich höher fühlt als der Admiralitätsturm, und das uns wieder hoch emporhebt. Hier hört man mit außergewöhnlichem Anstand und einem hohen Gefühl der eigenen Würde von Konzerten und vom Wetter reden. Hier begegnet man einer Unzahl unergründlicher Charaktere und Erscheinungen. Gott im Himmel! was für sonderbaren Charakteren begegnet man nicht auf dem Newsky! Es gibt eine Menge von Menschen, die uns bei einer Begegnung stets auf die Füße sehen, und wenn wir vorübergegangen sind, sich umkehren und unsere Frackschöße betrachten. Ich kann bis jetzt nicht begreifen, was das zu bedeuten hat. Anfänglich meinte ich, es seien Schuhmacher, aber keine Spur davon! Gewöhnlich dienen sie in irgendeinem Departement, und viele von ihnen schreiben ausgezeichnete Berichte, die von einer Behörde an die andere gesandt werden, oder es sind Leute, die sich mit Spazierengehen oder in verschiedenen Konditoreien mit dem Lesen von Journalen beschäftigen, mit einem Wort, es sind meist sehr achtbare Menschen. Um diese gesegnete Zeit zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags könnte man den Newsky-Prospekt die auf und ab wogende Hauptstadt nennen. Dann gleicht er einer Ausstellung der allerschönsten Erzeugnisse der Menschheit. Der eine läßt seinen feinen Rock mit dem schönsten Biberkragen sehen, ein anderer eine wundervolle griechische Nase, ein dritter einen herrlichen Backenbart, eine vierte ein Paar wunderbare Augen und ein reizendes Hütchen, ein fünfter einen Ring mit einem Talisman, den er am wohlgepflegten Daumen trägt, eine sechste einen Fuß in einem entzückenden Stiefelchen, ein siebenter eine staunenerregende Halsbinde, ein achter einen verblüffenden Schnurrbart, ... aber die Uhr schlägt drei -- die Menschen verlaufen sich, und die Ausstellung verödet.
[Fußnote 5: Zur Zeit Nikolaus I. waren die Bärte verboten.]
Um 3 Uhr findet ein neuer Dekorationswechsel statt! Auf dem Newsky wird es plötzlich Frühling! er füllt sich ganz mit Beamten in grünen Amtsfräcken. Hungrige Titulär-, Hof- und andre »Räte« suchen aus allen Kräften ihre Schritte zu beschleunigen. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre beeilen sich noch schnell, ihre freie Zeit auszunutzen und sich auf dem Newsky zu zeigen, und kommen mit einem Anstand einhergegangen, als hätten sie bei Leibe keine sechs Stunden im Bureau gesessen. Dagegen kommen die _alten_ Kollegiensekretäre, Titulär- und Hofräte schnell und mit gesenktem Kopfe vorbeigeschritten, sie haben keine Zeit, sich die Spaziergänger anzuschauen und haben sich noch nicht völlig von ihren Sorgen losgerissen; in ihren Köpfen summt und brummt es, da steckt ein ganzes Archiv von angefangenen und noch nicht abgeschlossenen Arbeiten, und statt der Kaufläden sehen sie nichts wie Konvolute von Akten und das runde Gesicht ihres Bureauchefs.
Von 4 Uhr an ist der Newsky leer, dann trifft man dort kaum noch einen Beamten. Höchstens eine Näherin, die mit einem Karton in der Hand über die Straße läuft oder das arme Opfer eines menschenfreundlichen Tischvorstehers in einem Friesmantel, einen zugereisten Sonderling, dem alle Stunden des Tages gleich viel bedeuten, eine lange, steife Engländerin mit einem Pompadour und einem Buch in der Hand, einen Bureaudiener, einen Russen mit einem dürftigen Bart, in einem baumwollenen Rock, dessen Taille beinahe oben am Halse sitzt, einen Menschen, dem man sofort die ganze Haltlosigkeit seiner Existenz ansieht, und bei dem sich alles bewegt, der Rücken, die Hände, die Füße und der Kopf, wenn er behutsam auf dem Trottoir einhergeht; oder man begegnet etwa noch einem kleinen Handelsmann -- sonst trifft man um diese Zeit niemand auf dem Newsky-Prospekt.
Sobald sich jedoch die Dämmerung auf die Häuser und Straßen hinabsenkt und ein in eine Bastmatte gewickelter Nachtwächter langsam die Leiter besteigt, um die Laternen anzuzünden, sobald aus den niedrigen Fenstern der Kaufläden die Kupferstiche hervorgucken, die sich im Laufe des Tages nicht sehen lassen durften, dann belebt der Newsky sich wieder, dann kommt wieder Leben und Bewegung in ihn. Jetzt bricht jene geheimnisvolle Zeit an, wo die Lampen allen Dingen einen so verlockenden, wunderbaren Schimmer verleihen. Um diese Zeit begegnet man vielen jungen Leuten, meistenteils Hagestolzen in warmen Röcken und Mänteln. Um diese Zeit fühlt man, daß dieses alles einen Zweck, ein Ziel oder besser gesagt etwas Ähnliches wie ein Ziel bekommt, etwas ganz Besonderes und Unbestimmtes; jetzt beschleunigen alle ihre Schritte und bleiben dann wieder stehn, es kommt etwas Ungleichmäßiges, Unruhiges in ihre Bewegungen. Lange Schatten huschen über die Mauern und über das Pflaster hin und reichen mit ihren Köpfen fast bis zur Polizeibrücke. Junge Kollegienregistratoren, Gouvernements- und Kollegiensekretäre promenieren lange hin und her, während die alten Kollegienregistratoren, Titulär- und Hofräte größtenteils zu Hause sitzen, entweder weil sie verheiratet sind oder weil ihre deutschen Köchinnen so gut kochen. Jetzt trifft man wieder die alten, ehrwürdigen Herren, die mit so viel Würde und einem erstaunlichen Anstand um 2 Uhr auf dem Newsky spazierengingen. Allein, jetzt sieht man sie ebenso laufen wie die jungen Kollegienregistratoren, um einer von Ferne herannahenden Dame unter den Hut zu gucken. Die vollen, mit dicker roter Schminke bedeckten Lippen und Wangen gefallen nämlich vielen Spaziergängern, hauptsächlich jedoch den Handlungskommis, den Bureaudienern und den Kaufleuten, die lange deutsche Röcke tragen und Arm in Arm scharenweise daherkommen.
»Halt!« rief um diese Zeit der Leutnant Piragow und hielt einen befrackten und in einen Mantel gehüllten jungen Mann, der neben ihm daherging, am Arme fest, »hast du gesehn?«
»Gewiß habe ich sie gesehn: eine echt peruginische Bianka!«
»Ja, von welcher sprichst du eigentlich?«
»Von ihr, von der da mit den dunklen Haaren; was für Augen, Gott! was für Augen! diese Figur, diese Züge, dies Oval des Gesichts -- ein wahres Wunder!«
»Ach was, ich spreche von der Blonden, die hinter ihr nach jener Seite ging. Nun, warum gehst du denn der Brünetten nicht nach, wenn sie dir so gefällt?«
»Ich bitte dich, wo denkst du hin!« rief tief errötend der junge Mann im Frack. »Als ob sie zu denen gehört, die des Abends auf dem Newsky herumspazieren; das ist gewiß eine feine Dame« -- fuhr er seufzend fort -- »ihr Mantel allein kostet sicherlich 80 Rubel.«
»Du Grünschnabel!« rief Piragow und stieß ihn mit Gewalt nach jener Richtung, wo ihr leuchtender Mantel wehte. »Geh, Einfaltspinsel, sonst entwischt sie dir! ich gehe der Blonden nach!« Und beide Freunde trennten sich.
»Wir kennen euch!« dachte Piragow mit einem selbstzufriedenen und selbstbewußten Lächeln; er war davon überzeugt, daß es keine Schöne gab, die ihm widerstehen könnte.
Der junge Mann im Frack und im Mantel ging schüchtern und ängstlichen Schritts nach jener Seite, wo fern von ihm der bunte Mantel flatterte; wenn das Licht der Laterne auf ihn fiel, so leuchteten seine Farben grell auf, um dann wieder fern im Dunkel zu verschwinden. Das Herz des jungen Mannes schlug heftig, und er beschleunigte unwillkürlich seine Schritte. Er wagte gar nicht daran zu denken, daß er die Aufmerksamkeit der sich entfernenden Schönen auf sich ziehen könnte, und noch viel weniger konnte er einen so schwarzen Gedanken zulassen, wie Piragow ihn angedeutet hatte; aber er wollte gern das Haus sehen und sich die Wohnung dieses herrlichen Geschöpfs merken, das direkt vom Himmel auf den Newsky herabgeflogen zu sein schien und wahrscheinlich wieder, Gott weiß wohin, entschwinden würde; und er rannte so schnell vorwärts, daß er in einem fort allerhand solide Herren mit ergrauten Backenbärten vom Trottoir herunterstieß.
Dieser junge Mann gehörte einer Klasse von Menschen an, die bei uns eine recht merkwürdige Erscheinung bilden und ebensowenig unter die Einwohner Petersburgs gehören wie unsere Traumbilder in die reale Welt. Man begegnet diesem außerordentlichen Typus nur ganz selten in einer Stadt, wo fast alle Bewohner Beamte, Kaufleute oder deutsche Handwerker sind. Das war ein Künstler! Nicht wahr, das ist doch eine merkwürdige Erscheinung? Ein Petersburger Künstler! Ein Künstler im Lande des Schnees! im Lande der Finnen, wo alles naß, eben, glatt, blaß, grau und neblig ist! Diese Künstler haben durchaus keine Ähnlichkeit mit den italienischen Künstlern, die stolz und leidenschaftlich sind wie das italienische Land und der italienische Himmel, im Gegenteil, die Petersburger Künstler sind meistens ein braves, schlichtes Völkchen, sie sind schüchtern und sorglos, lieben im stillen ihre Kunst, trinken im kleinen Stübchen ihren Tee mit zwei guten Kameraden, reden bescheiden von ihrem Lieblingsthema und träumen nicht einmal von Luxus oder Überfluß. Stets laden sie irgendein altes Bettelweib zu sich ein und lassen es sechs Stunden bei sich sitzen, um ihr jämmerliches, stumpfes Gesicht auf die Leinwand zu werfen. Sie malen die Perspektive ihres Zimmers, in dem sich allerhand malerischer Plunder herumtreibt: Gipshände und -füße, die mit der Zeit durch den Staub eine kaffeebraune Farbe angenommen haben, zerbrochene Staffeleien, eine hingeworfene Palette, ein Freund, der Guitarre spielt, Wände, die mit Farbenklecksen beschmiert sind, oder ein offenes Fenster, durch das man in der Ferne die blasse Newa und ein paar arme Fischer in roten Hemden sieht. Die Arbeiten dieser Künstler haben fast immer ein graues, trübes Kolorit -- diesen unauslöschlichen Stempel des Nordens. Trotz alledem sind sie stets mit wahrhaftem Genuß bei der Arbeit. Häufig lebt in ihnen ein echtes Talent, und wenn nur die frische Luft Italiens sie umwehte, so würde es sich sicherlich ebenso frei, ungehemmt und herrlich entwickeln, wie eine Pflanze, die man aus dem Zimmer in die frische, reine Luft trägt. Diese Künstler sind sehr schüchtern; ein Stern oder eine dicke Epaulette bringen sie schon in solch eine Verwirrung, daß sie sofort mit dem Preis für ihre Werke herabgehen. Manches Mal lieben sie es, sich zu putzen und schön zu machen, aber ihre Eleganz wirkt immer herausfordernd und macht den Eindruck eines Flickens auf einem alten Kleidungsstück. Zuweilen sieht man sie in einem ausgezeichneten Frack und einem schmutzigen Mantel oder in einer teuren Sammtweste und einem ganz befleckten Rock daherkommen. Dann erinnern sie an eine ihrer unvollendeten Landschaften, auf der man häufig eine auf dem Kopf stehende Nymphe entdecken kann, da der Künstler die Landschaft einfach auf eine schon bemalte Leinwand, ein altes Bild, das er einstmals mit Begeisterung begonnen, hingemalt hat, weil er gerade keine andere Leinwand zur Verfügung hatte. Solch ein Künstler sieht niemand gerade ins Auge; wenn er einen ansieht, so ist sein Blick trübe und unbestimmt; er durchbohrt Euch nicht mit dem Habichtauge des Forschers oder mit dem Falkenblick eines Kavallerieleutnants. Dies kommt daher, weil er stets Ihre Züge und zugleich die irgendeines Herkules aus Gips beobachtet, der bei ihm im Zimmer steht, oder weil ihm das Bild vorschwebt, das er demnächst malen will. Daher gibt er Euch auch oft falsche und unzusammenhängende Antworten, und die Gedanken, die in seinem Hirn durcheinanderschwirren, vergrößern noch seine Schüchternheit.
Zu dieser Art von Leuten gehörte auch der oben erwähnte junge Mann -- der Künstler Piskarjow; er war sehr schüchtern und bescheiden, aber in seiner Seele lebte doch ein Funke von Gefühl, der im gegebenen Moment zur Flamme werden konnte. Mit einem geheimen Bangen eilte er dem Gegenstande seiner Bewunderung nach, der einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und er schien sich selbst über seine Dreistigkeit zu wundern. Die Unbekannte, die seine Augen, seine Gefühle und seine Gedanken so ganz gefangengenommen hatte, wendete plötzlich ihr Köpfchen und sah ihn an! Gott! welch göttliche Züge! Die herrliche, blendend weiße Stirn war von wundervollen Haaren eingerahmt, die schwarz waren wie Achat; sie kräuselten sich in prachtvollen Locken, ein Teil fiel unter dem Hut hervor und berührte die von der abendlichen Kälte leicht getöteten Wangen. Um ihre fest geschlossenen Lippen spielte ein Schwarm von entzückenden Träumen. Alles, was uns von den Erinnerungen unserer Kindheit übrigbleibt -- alles, was beim Schein des Lämpchens vor dem Heiligenbilde unsere Schwärmerei und stille Begeisterung weckt -- alles dies schien sich auf diesen Lippen voll wundersamer Harmonie zu vereinigen, ineinanderzufließen und widerzuspiegeln. Sie sah Piskarjow an, und sein Herz erzitterte bei diesem Blick, sie sah ihn voller Strenge an, und ein Gefühl der Empörung über diese freche Verfolgung sprach aus ihren Zügen; aber auf diesem herrlichen Antlitz hatte selbst der Zorn etwas Bezauberndes. Von Scham und Schüchternheit übermannt, blieb er stehen und schlug die Augen nieder; aber wie konnte er nur diese Gottheit aus den Augen verlieren, ohne das Heiligtum kennen gelernt zu haben, in dem sie sich niedergelassen hatte. Solche Gedanken schossen unserem jungen Schwärmer durch den Kopf, als er sich entschloß, ihr zu folgen. Damit dies jedoch nicht bemerkt würde, folgte er ihr aus weiter Ferne, blickte sich sorglos nach allen Seiten um und sah sich die Schilder an den Häusern an, ließ aber dabei die Unbekannte keinen Moment aus den Augen. Die Zahl der Spaziergänger wurde geringer, und auf der Straße wurde es stiller, da sah sich die Schöne um, und es schien ihm, als kräusele ein leichtes Lächeln ihre Lippen. Ein Zittern lief ihm durch alle Glieder: er wollte seinen Augen nicht trauen. Nein, es war wohl nur die Laterne, die ihm mit ihrem trügerischen Licht dies Lächeln vorgegaukelt hatte. Allein, der Atem stockte in seiner Brust, alles in ihm erzitterte, alle seine Sinne erglühten, und ein seltsamer Nebel hüllte alles vor ihm ein. Das Trottoir bewegte sich unter seinen Füßen, die Wagen und die vorüberjagenden Pferde schienen stillzustehn, die Brücke dehnte sich immer mehr in die Länge und barst über ihrem Bogen auseinander, die Häuser standen auf dem Kopfe, ein Wächterhäuschen stürzte auf ihn zu, und die Hellebarde des Wächters, die goldenen Buchstaben der Schilder mit der darauf gemalten Schere: alles leuchtete und blitzte unmittelbar vor seinen Augenwimpern auf. Und dies alles hatte der einzige Blick, die eine Wendung des schönen Köpfchens hervorgerufen. Taub, blind und gedankenlos folgte er den zarten Spuren der niedlichen Füßchen und versuchte die Hast seiner Schritte, die nach dem Takt seines Herzschlages dahinstürmten, zu mäßigen. Manches Mal packte ihn der Zweifel: war wirklich der Ausdruck ihres Gesichtes so freundlich gewesen? -- und er blieb einen Augenblick stehn, aber das Pochen seines Herzens, eine unüberwindliche Gewalt, die Erregung all seiner Sinne trieb ihn immer wieder vorwärts. Er merkte gar nicht, wie sich auf einmal ein vierstöckiges Haus vor ihm erhob, das mit seinen vier erleuchteten Fensterreihen auf ihn herabsah, und wie er plötzlich gegen das eiserne Geländer vor der Einfahrt stieß. Er sah, wie die Unbekannte die Treppe hinaufflog; dann aber drehte sie sich um, legte den Finger auf die Lippen und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Seine Knie zitterten ihm, seine Gefühle und Gedanken glühten, ein wunderbares Glücksgefühl traf wie ein Blitz mit schneidender Schärfe sein Herz. Nein, das war _doch_ kein Traum! Gott! so viel Glück in einem einzigen Augenblick! welch herrliches Leben in diesen kurzen zwei Minuten.
Aber war es auch wirklich kein Traum? War sie, für deren himmlischen Blick er bereit war, sein ganzes Leben zu opfern, deren Wohnstätte nahe zu sein, er schon für ein unaussprechliches Glück hielt -- war sie denn wirklich jetzt eben so freundlich und so aufmerksam gegen ihn gewesen? Er flog die Treppen hinauf. Er war keines irdischen Gedankens fähig, und keine irdische Leidenschaft loderte mehr in ihm. Nein, in diesem Augenblick war er rein und makellos wie ein reiner, keuscher Jüngling, den nur ein unbestimmtes, geistiges Liebesbedürfnis erfüllte. Und was in einem lasterhaften Menschen kühne und häßliche Wünsche geweckt hätte, das läuterte _seine_ Gefühle nur noch mehr. Das Vertrauen, das ihm das herrliche schwache Geschöpf entgegenbrachte, dies Vertrauen verpflichtete ihn zu dem Gelübde, mit ritterlicher Strenge und sklavischer Unterwerfung all ihre Befehle zu erfüllen. Er wünschte nur, daß die Aufgaben, die sie ihm stellen würde, so schwer als möglich, ja, geradezu unausführbar wären, damit er mit voller Anspannung aller seiner Kräfte hinfliegen könnte, sie zu überwinden. Er zweifelte nicht daran, daß irgendein geheimnisvolles und wichtiges Ereignis die Unbekannte bewogen hätte, sich ihm anzuvertrauen, daß sicherlich bedeutende Dienstleistungen von ihm gefordert werden würden, und er fühlte schon die Kraft und die Entschlossenheit in sich, die ihn zu allem fähig machte.
Die Treppe wand sich immer mehr hinauf, und mit ihr drehten sich seine Träume und Gedanken im Kreise herum. »Steigen Sie vorsichtiger hinauf,« erklang eine Stimme gleich einer Harfe und ließ all seine Sinne von neuem erbeben. Auf dem dunklen Treppenabsatz des vierten Stockwerkes klopfte die Unbekannte an die Tür; sie öffnete sich, und sie traten zusammen ein. Eine hübsche Frau kam ihnen mit einem Licht entgegen; allein, sie sah Piskarjow so eigentümlich und frech an, daß er unwillkürlich die Augen senkte. Sie traten ins Zimmer. Er erblickte in drei verschiedenen Ecken drei weibliche Figuren. Die eine legte Karten, die zweite saß vor einem Klavier und spielte mit zwei Fingern etwas wie eine elende Melodie einer altmodischen Polonäse, die dritte saß vor dem Spiegel und kämmte ihr langes Haar mit einem Kamm, und es fiel ihr nicht ein, beim Eintritt des Fremden ihre Beschäftigung zu unterbrechen. Überall herrschte eine peinliche Unordnung, wie man sie sonst nur im Zimmer eines sorglosen Hagestolzen antrifft. Die noch ziemlich gut erhaltenen Möbel waren mit Staub bedeckt, ein Spinngewebe überzog die Stuckarbeit des Gesimses, durch die halbgeöffnete Tür des benachbarten Zimmers sah man einen mit einem Sporn versehenen Stiefel und den roten Aufschlag eines Uniformrockes, und den Eintretenden drang ganz ungeniert eine laute männliche Stimme und das Gelächter einer Frau entgegen.