Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II
Part 27
All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angeführt, um Ihnen zu zeigen, wie oft dieses Volk in die Notlage kommt, eine plötzliche, vorübergehende Hilfe in Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu nehmen. Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele Wucherer, die ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen kleinere Summen leihen. Diese kleinen Wucherer sind viel herzloser und gefühlloser, als die großen, denn sie entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen offen zur Schau stellenden Elend, das der reiche und vornehme Wucherer gar nicht kennt, weil er nur mit solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten Equipage vorfahren, -- und daher erstirbt in ihnen schon früh jedes menschliche Gefühl. Unter diesen Wucherern gab es einen ... aber hier darf ich wohl erwähnen, daß das Geschehnis, welches ich Ihnen erzählen will, in das verflossene Jahrhundert, nämlich in die Regierungszeit der verstorbenen Zarin Katharina II. fällt. Sie können sich vorstellen, daß auch das Äußere Kolomnas und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend verändert haben. Also unter den Wucherern gab es einen, der in jeder Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch war. Er hatte sich schon vor langer Zeit in diesem Viertel niedergelassen und trug stets ein weites, asiatisches Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine südliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich angehörte, ob er ein Inder, Grieche oder Perser war, darüber konnte niemand etwas Bestimmtes aussagen. Der hohe, fast ungewöhnliche Wuchs, das dunkle, magere, verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe und die großen, feurigen Augen mit den finsteren, buschigen Augenbrauen ließen ihn als eine markante Erscheinung unter allen aschgrauen Bewohnern der Hauptstadt hervortreten. Selbst seine Behausung hatte keine Ähnlichkeit mit den einförmigen Holzbaracken Kolomnas. Er wohnte in einem steinernen Hause, wie sie vormals genuesische Kaufleute zu errichten pflegten. Die Fenster hatten eine unregelmäßige Form, waren alle verschieden groß und mit Riegeln und hölzernen Läden versehen. Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen Kollegen, daß er jeden seiner Klienten, ob es nun eine alte Bettlerin oder ein verschwenderischer höherer Beamter des Hofes war, mit einer beliebigen Summe zu versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf einer feinen Weltdame hervorlugte. Man erzählte sich, wie das so gewöhnlich geschieht, daß seine eisernen Truhen mit unermeßlich viel Geld, Diamanten und verschiedenen kostbaren Pfandgegenständen angefüllt seien, daß er aber trotzdem frei von der Habgier gewöhnlicher Wucherer wäre. Er verlieh sein Geld sehr gerne und setzte annehmbare äußerst bequeme Zahlungstermine für seine Kunden an, nur ließ er die Zinsen durch allerhand eigentümliche arithmetische Operationen zu ganz maßlosen Summen anwachsen. So wenigstens urteilte Fama über ihn; was aber am auffälligsten war und auf jeden Fall alle verblüffen mußte, das war das seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. Sie gingen alle auf klägliche Weise zugrunde. Ob es nun aber nur leeres Geschwätz, nur ein sinnloses, abergläubiges Gerede der Menschen oder ein mit Absicht verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen gab es doch einige Fälle, die sich binnen ganz kurzer Zeit vor allen Augen abspielten und die einen tiefen und überwältigenden Eindruck auf die Leute machten. Damals lenkte gerade ein Jüngling aus einer vornehmen aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren im Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit auf sich: ein glühender Verehrer alles Echten und Erhabenen, ein eifriger Förderer menschlicher Geistesarbeit und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch, der ein wahrhafter Mäzen zu werden versprach. So kam es denn, daß er sehr bald nach seinen Verdiensten von der Zarin selbst ausgezeichnet wurde, die ihm ein mit seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen übereinstimmendes bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, auf dem er viel für die Wissenschaften und für alles Gute wirken konnte. Der junge Beamte umgab sich mit Künstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte allen Arbeit verschaffen und alle nach Kräften fördern. Er gab auf eigene Kosten eine Reihe von nützlichen Werken heraus, verteilte eine Menge von Aufträgen und setzte viele Preise aus; auf diese Weise verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schließlich in pekuniäre Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer und hochherziger Charakter war, wollte er nicht von seinem Vorhaben abstehen, er suchte überall Anleihen aufzunehmen und wandte sich endlich an den uns schon bekannten Wucherer. Er erhielt auch eine bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging eine gewaltige Veränderung mit ihm vor: er wurde mit einem Male ein Verfolger und Unterdrücker aller aufstrebenden Geister und Talente. An allem, was ihm vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit brach gerade die französische Revolution aus, und dieses Ereignis gab ihm plötzlich den Anlaß zu allen möglichen Verdächtigungen und häßlichen Taten, überall fing er an, revolutionäre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis schien ihm eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er wurde so argwöhnisch, daß er sich schließlich sogar selbst zu mißtrauen begann; er gab sich zu einer ganzen Reihe abscheulicher und höchst ungerechter Denunziationen her und machte dadurch unzählige Menschen unglücklich. Die Folgen einer solchen Handlungsweise war natürlich die, daß das Gerücht davon bis an den Thron gelangte. Die großmütige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach sich in hochherziger Weise, die der schönste Schmuck gekrönter Häupter ist, darüber aus. Ihre Worte sind uns zwar nicht genau überliefert, aber ihr tiefer Sinn prägte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, es seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die hohen und vornehmen Seelenregungen unterdrückten; in einer solchen Staatsform seien die Werke des Geistes, der Dichtung und der Künste keineswegs verachtet und Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen ihre natürlichen Protektoren, erst unter _ihrem_ hochherzigen Schutze erstände ein Shakespeare, ein Molière usw., während andererseits ein Dante in seinem republikanischen Vaterlande keine Ruhestätte finden konnte. Wahre Genies entfalteten sich nur in den glänzenden Zeitaltern mächtiger Könige und Königreiche und nicht unter dem Einflusse häßlicher politischer Vorgänge und terroristischer Republiken, die der Welt bis jetzt noch keinen einzigen Dichter geschenkt hätten. Sie erklärte, man müsse die Dichter und Künstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten sie vor häßlichen Leidenschaften und Empörung; die Gelehrten, die Dichter und alle schaffenden Künstler seien die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen: sie seien der höchste Schmuck, der das Zeitalter eines großen Herrschers kröne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. Während die Kaiserin diese Worte sprach, war sie unendlich schön und göttlich. Ich erinnere mich, daß die alten Leute nicht anders als mit Tränen in Augen davon sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme für den Fall. Zur Ehre unserer Nation muß hier bemerkt werden, daß sich in dem Herzen eines Russen stets der hochherzige Wunsch regt, die Partei der Bedrückten zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte Vertrauen zu sehr mißbraucht hatte, wurde gebührend bestraft und seines Amtes enthoben, aber noch eine weit peinigendere Strafe war es für ihn, daß er eine unverhüllte und allgemeine Mißachtung aus den Gesichtern seiner Mitbürger lesen konnte. Es läßt sich kaum beschreiben, wie sehr seine eitle Seele darunter litt. Gekränkter Stolz, betrogener Ehrgeiz, vernichtete Hoffnungen: all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer drückenden Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfällen riß sein Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall trug sich gleichfalls vor aller Augen zu. Von den vielen schönen Frauen, an denen unsere nordische Hauptstadt damals nicht arm war, lief besonders _eine_ allen anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer Weise alle Reize unserer nordischen Schönheit mit denen des Südens; das war ein kostbarer Edelstein, wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen zu haben. Alle Vorzüge schienen sich in diesem Wesen vereinigt zu haben: Reichtum, Geld und seelische Anmut. An Bewerbern fehlte es natürlich nicht; der interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war ein Fürst R..., ein vornehmer junger Mann von wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet und von ritterlichem, hochherzigem Wesen, das höchste Ideal aller Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter Grandisson. Fürst R. war leidenschaftlich, ja geradezu wahnsinnig in sie verliebt, und seine Liebe wurde ebenso feurig erwidert. Leider erschien bloß den Verwandten diese Partie als Mesalliance. Die Erbgüter seiner Familie gehörten nämlich nicht mehr ihm, die ganze Familie war in Ungnade gefallen, und der schlechte Zustand seiner Verhältnisse war allgemein bekannt. Plötzlich verläßt der Fürst für eine Zeitlang die Hauptstadt, allem Anscheine nach, um seine Verhältnisse zu regeln, taucht aber bald darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen Prunk und Luxus entfaltete. Seine glänzenden Feste und Bälle machen ihn bald bei Hofe bekannt. Der Vater der Schönen ist ihm wohlgeneigt, und bald darauf findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die überall Aufsehen erregt. Woher diese Veränderung und der ungeheure Reichtum des Bräutigams stammte, darüber konnte freilich niemand genauere Auskunft geben; man tuschelte bloß im geheimen davon, er wäre irgendwelche Abmachungen mit dem rätselhaften Wucherer eingegangen und hätte bei ihm eine größere Anleihe gemacht. Wie dem aber auch war, die Hochzeit beschäftigte die ganze Stadt, und Bräutigam wie Braut erregten den Neid aller Leute. Jedermann wußte, wie heiß und standhaft sie sich geliebt -- und was für lange Qualen beide zu erdulden gehabt hatten; überall schätzte man sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzüge. Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten sich schon im voraus die paradiesischen Wonnen aus, die den jungen Ehegatten bevorständen. Und doch kam alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit dem Gatten eine furchtbare Veränderung vor. Das Gift einer argwöhnischen Eifersucht und Unduldsamkeit schien plötzlich seinen bis dahin vornehmen und makellosen Charakter angefressen zu haben; unerklärliche Launen entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, der seine Frau beständig quälte, und scheute schließlich -- was niemand voraussehen konnte -- nicht einmal vor den unmenschlichsten Taten zurück: er peinigte und schlug seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlängst eine so glänzende Erscheinung gewesen war und Scharen von treuen Anbetern und glühenden Verehrern angezogen hatte. Endlich ließ sie -- unfähig, ihr schweres Los noch weiter zu ertragen -- ein Wort über Scheidung fallen, aber der Gatte geriet schon bei dem leisesten Gedanken daran in Wut. In der ersten Erregung drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer ein, und er hätte sie zweifellos sofort niedergestochen, wenn er nicht überwältigt und festgehalten worden wäre. Ganz außer sich und voller Verzweiflung zückte er sein Messer gegen sich selbst und beschloß sein Leben in schrecklichen Qualen.
Außer diesen beiden Fällen, die sich vor den Augen der ganzen Welt abgespielt hatten, wurde noch eine Reihe anderer erzählt, die sich unter den niedren Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso entsetzlichen Ausgang nahmen. Ehrliche, nüchterne Männer wurden plötzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen ihre Chefs, ein Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch ehrlich und fleißig gedient hatte, erstach auf einmal einen Fahrgast wegen einiger Pfennige. Natürlich mußten solche Erzählungen, die noch dazu meist sehr ausgeschmückt und übertrieben waren, den einfältigen Bewohnern Kolomnas eine Art unwillkürlichen Grauens einflößen. Niemand zweifelte mehr daran, daß dieser Mann mit der Hölle im Bunde stehe. Man erzählte sich, daß er seinen Kunden Bedingungen stelle, die einem die Haare zu Berge steigen ließen, und die der unglückliche Schuldner nie einem andern mitzuteilen wagte; daß sein Geld eine besondere Anziehungskraft ausübe, von selbst zu glühen anfange und seltsame Merkzeichen an sich trage ..., mit einem Worte, es waren viele unsinnige Gerüchte über ihn im Umlauf. Und so ist es denn auch nicht weiter merkwürdig, daß die ganze Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt armer alter Frauen, kleiner Beamter und untergeordneter Schauspieler, kurz, all dieses elenden Volkes, das wir soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die höchste Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer um ein Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme alte Frauen, die es vorzogen, vor Hunger zu sterben, als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem Wucherer auf der Straße begegnete, wurde man unwillkürlich von einer seltsamen Angst ergriffen. Die Passanten wichen ihm furchtsam aus, drehten sich immer wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren Blicken. Schon in seinem Äußern lag so viel Ungewöhnliches, daß jedermann unwillkürlich den Eindruck hatte, es mit einem übernatürlichen Wesen zu tun zu haben. Diese harten, scharf gemeißelten Züge, wie man sie selten bei einem Menschen antrifft, diese glühende, bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten buschigen Augenbrauen, die unerträglich schrecklichen Augen, selbst seine weite, bauschige asiatische Kleidung -- alles schien darauf hinzudeuten, daß alle Leidenschaften anderer Menschen vor denen, die dieser Körper in sich barg, verbleichen mußten. Jedesmal, wenn mein Vater ihm begegnete, blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei solch einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: »Ein Teufel! Ein wahrhaftiger Teufel!« Doch nun muß ich Sie schnell noch mit meinem Vater bekannt machen, der übrigens der eigentliche Held dieser Geschichte ist.
Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwürdiger Mensch. Er war ein seltener Künstler, einer von denen, wie sie nur Rußland aus seinem jungfräulichen Schoße erzeugt, ein Autodidakt, der alle künstlerischen Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die Anleitung der Schule ganz aus sich selbst heraus entdeckt hatte, und in dem mächtigen Drange nach ständiger Vervollkommnung, aus Gründen, die ihm vielleicht selbst unbekannt blieben, immer den Weg ging, den ihm sein Instinkt wies: er war eines jener ursprünglichen Wunder, die von den Zeitgenossen nicht selten mit dem verletzenden Beiwort »ungebildeter Mensch« bezeichnet und die durch Angriffe und eigenes Mißgeschick nicht ernüchtert und abgekühlt werden, sondern nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen schöpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich lassen, die ihnen den oben erwähnten Titel eingebracht haben. Er erkannte in jedem Gegenstand intuitiv die Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm die wahre Bedeutung des Wortes »Historische Malerei« auf, er begriff, warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes Porträt von Raffael, Lionardo da Vinci, Tizian oder Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung hatten, während ein riesiges Gemälde geschichtlichen Inhalts dennoch nur ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller Prätensionen des Malers, damit ein großes historisches Gemälde geschaffen zu haben. Sowohl eigene Neigung als innere Überzeugung führten ihn den religiösen Stoffen des Christentums, der höchsten und letzten Stufe des Erhabenen, zu. Er besaß weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, Eigenschaften, die leider bei so vielen Künstlern einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden. Dies war eine herbe Persönlichkeit, ein ehrlicher, gerader, beinahe grober Mensch, der sich nach außen durch eine harte Rinde gegen die Umwelt abschloß und innerlich nicht ohne Stolz war, der sich jedoch über seine Mitmenschen zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich milde und versöhnlich äußerte. »Wozu soll ich mich nach ihnen richten?« pflegte er gewöhnlich zu sagen; »ich arbeite ja nicht für sie! Ich will meine Bilder ja nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich versteht, wird mir sicher dankbar sein. Einem Mann aus der vornehmen Gesellschaft kann man es nicht weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; dafür versteht er was von Karten, von guten Weinen oder Pferden ... Wozu braucht denn ein großer Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch erst von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln verlegt, dann ist er erst recht nicht zu ertragen. _Suum cuique!_ Schuster bleib bei deinen Leisten! Meiner Meinung nach ist ein Mensch, der es offen eingesteht, wo er nicht Bescheid weiß, einem Heuchler vorzuziehen, der so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von denen er gar keine Ahnung hat, und der nur herumpfuscht und andre Leute schädigt.« Er arbeitete schon für den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel zum Unterhalt seiner Familie und die Möglichkeit zu weiterem Schaffen bot. Auch weigerte er sich niemals, einem andern zu helfen und einem armen Kollegen hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen, frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und das war vielleicht der Grund, daß es ihm so gut gelang, den von ihm gemalten Gesichtern jenen hohen Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches große Talent vergebens strebt. Endlich glückte es ihm, durch unausgesetzte Arbeit und rastlose Verfolgung des einmal vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu erringen, die ihn früher einen ungebildeten Menschen und einen hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam Aufträge, Wandgemälde für Kirchen zu malen, und es fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er gerade durch solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere mich nicht mehr genau an das Sujet und weiß nur noch, daß auf dem Gemälde der gefallene Engel, der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte. Dieses Problem beschäftigte ihn lange Zeit: Wie würde er ihn malen? In der Person dieses Engels mußte der furchtbare Druck und die Pein, die auf dem Menschen lastet, zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl oft das Bild des rätselhaften Wucherers vor, und er dachte sich unwillkürlich: »Das wäre das rechte Vorbild für meinen Teufel!« Und nun stellen Sie sich selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als eines Tages, während er arbeitete, an die Tür seines Ateliers gepocht wurde, und der schreckliche Wucherer bei ihm eintrat. Kein Wunder, daß sein Inneres erbebte, und ein heftiges Zittern seinen ganzen Körper überlief.
»Du bist Maler?« fragte er, ohne viel Umstände zu machen, meinen Vater.
»Ja, ich bin Maler!« versetzte mein Vater verwirrt und gespannt, was nun folgen würde.
»Gut! Dann porträtiere mich! Ich werde vielleicht bald sterben! Kinder habe ich nicht. Aber ich will nicht ganz untergehen, ich will weiterleben. Kannst du mir ein solches Porträt malen, das den vollen Eindruck des Lebens macht?«
Mein Vater dachte: »Was kann ich mir Besseres wünschen? Er bietet sich mir selbst als Modell für den Teufel an!« So willigte er denn ein, sie einigten sich über Zeit und Preis, und gleich am nächsten Tage erschien mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. Der Hof mit den hohen Mauern, die Hunde, die eisernen Tore und Riegel, die bogenförmigen Fenster, die mit merkwürdigen Teppichen bedeckten Truhen und endlich der seltsame Hausherr selbst, der ihm unbeweglich gegenüber saß: all das machte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht unten so verstellt und verhängt, daß das Licht nur von oben hereindringen konnte. »Hol's der Teufel! wie fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!« sagte er vor sich hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er befürchtete, daß die günstige Beleuchtung bald verschwinden könne. »Was für eine Kraft in ihm liegt,« wiederholte er leise; »wenn es mir nur zur Hälfte gelingt, ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er alle meine früheren Arbeiten in den Schatten stellen. Er wird mir wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, wenn ich der Natur auch nur im mindesten treu bleibe. Was für auffallende Züge!« wiederholte er unaufhörlich, indem er noch eifriger arbeitete, und nun sah er selbst, wie schon einige Partien des Gesichts auf der Leinwand erschienen. Aber je mehr er sich ihnen näherte, ein desto stärkeres, ihm selbst unbegreifliches Gefühl der Unruhe und der Furcht überfiel ihn. Trotzdem aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, jeden kleinsten Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu registrieren. Vor allem beschäftigte er sich mit der Darstellung der Augen; in ihnen lag so viel Kraft, daß man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen auf dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich fest vorgenommen, um jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten Töne und Schattierungen aus ihnen herauszuholen und ihr Geheimnis zu ergründen ... Aber kaum hatte er begonnen, sich in sie zu versenken und zu vertiefen, als ein solch unbegreiflicher Druck, ein solch eigentümlicher Widerwille seine Seele erfaßte, daß er für einige Zeit den Pinsel niederlegen mußte, um erst nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. Endlich konnte er es nicht länger ertragen; er fühlte, wie sich diese Augen in seine Seele bohrten und eine sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage wurde dieses Gefühl noch intensiver. Ihm wurde ganz ängstlich zumute. Er warf den Pinsel in die Ecke und erklärte dem Wucherer mit Nachdruck, er könne ihn unmöglich weiter malen. Da hätte man sehen müssen, welche Veränderung diese Worte in dem schrecklichen Manne hervorriefen. Er warf sich plötzlich vor dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Füße und flehte ihn an, das Porträt zu vollenden, er erklärte, daß sein ganzes Schicksal und seine ganze irdische Existenz von diesem Porträt abhingen, schon jetzt habe ja des Künstlers Pinsel seine lebendigen Züge auf der Leinwand festgehalten -- wenn diese Züge genau im Bilde fixiert würden -- werde sein Leben durch eine übernatürliche Macht im Porträt weiter fortbestehen; dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde der Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten meinen Vater; sie erschienen ihm so ungewöhnlich und frevelhaft, daß er Pinsel und Palette wegwarf und jählings aus dem Zimmer stürzte.