Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 7

Chapter 73,666 wordsPublic domain

Bald darauf erschien der Verwalter. Das war ein Mann von etwa vierzig Jahren; er hatte ein glattrasiertes Kinn und einen Gehrock an, offenbar führte er ein sehr ruhiges Leben, denn sein Gesicht war rundlich und wohlgenährt, die gelbe Hautfarbe und die kleinen Äuglein waren ein Beweis dafür, daß er mit weichen Daunendecken und Plumeaus aufs beste vertraut war. Man sah sofort, daß er seine Laufbahn vollendet hatte, gleich allen Leibeigenen, die die Güter ihrer Herrn verwalten; erst war er ein gewöhnlicher Junge gewesen, der im Hause seines Herrn aufgewachsen und Lesen und Schreiben gelernt hatte; dann hatte er irgend eine Agaschka, die Wirtschafterin war und bei der Hausfrau in besonderer Gunst stand, geheiratet, und war dann selbst Hausmeister und endlich Verwalter geworden. In seinem neuen Amt als Verwalter benahm er sich natürlich genau so wie alle Verwalter: er verkehrte und befreundete sich mit den reicheren Leuten im Dorf, legte den Ärmeren noch neue Lasten auf, stand morgens früh gegen neun Uhr auf, wartete auf seine Teemaschine und trank Tee.

»Hör mal, mein Lieber! Wieviel Bauern sind bei uns gestorben, seit wir die Revisionsliste zum letztenmal eingereicht haben?«

»Wie meinen Sie das. Wie viele? Seitdem sind viele gestorben,« sagte der Verwalter, rülpste und hielt sich die Hand wie ein Schild vor den Mund.

»Ja, ja, das habe ich mir auch gedacht,« nahm jetzt Manilow das Wort, »es sind sehr viele gestorben!« Hierbei wandte er sich an Tschitschikow, indem er noch hinzufügte: »Wirklich sehr viele!«

»Und wieviel werden es ungefähr sein?« fragte Tschitschikow.

»Ja, wie viele ungefähr?« fiel Manilow ein.

»Ja, wie soll ich sagen -- wie viele ungefähr. Das weiß man ja nicht, wie viele gestorben sind. Niemand hat sie gezählt.«

»Natürlich,« sagte Manilow, indem er sich an Tschitschikow wandte, »das dachte ich mir gleich, die Sterblichkeit war sehr groß; wir wissen gar nicht, wie viele gestorben sind.«

»Bitte, zähle sie doch einmal,« sagte Tschitschikow, »und stelle mir ein ausführliches Verzeichnis aller Namen auf.«

»Jawohl, aller Namen!« sagte Manilow.

Der Verwalter sagte: »Zu Befehl!« und entfernte sich.

»Und aus welchem Grunde interessieren Sie sich dafür?« fragte Manilow, nachdem der Verwalter fortgegangen war.

Diese Frage schien dem Gast einige Verlegenheit zu bereiten: in dem Ausdruck seines Gesichtes machte sich eine gewisse Anstrengung bemerkbar, die ihn sogar ein wenig erröten ließ -- die Anstrengung, die man macht, wenn man etwas aussprechen will, und die Worte wollen sich nicht fügen. Und in der Tat, was Manilow endlich zu hören bekam, waren so seltsame und unerhörte Dinge, wie sie noch nie ein menschliches Ohr vernommen hat.

»Sie fragen mich: aus welchem Grunde? Der Grund ist folgender: ich hätte Lust, die Bauern zu kaufen,« sagte Tschitschikow, fing an zu stottern, und schloß seine Rede.

»Und darf ich mir die Frage erlauben,« sagte Manilow, »wie wollen Sie die Bauern kaufen, mit dem Lande, oder um sie mitzunehmen, d. h. also ohne Land?«

»Nein, ich will eigentlich keine Bauern,« sagte Tschitschikow, »ich möchte tote ... haben.«

»Wie? Verzeihen Sie ..., ich höre ein wenig schlecht, mir schien, ich hätte ein ganz seltsames Wort gehört ...«

»Ich möchte die toten Bauern kaufen, die aber nach der letzten Revision noch als lebendig eingetragen sind,« erklärte Tschitschikow.

Manilow ließ die Pfeife auf den Boden fallen, machte den Mund weit auf und saß ein paar Minuten lang mit offenem Munde da. Die beiden Freunde, die noch soeben von den Annehmlichkeiten der Freundschaft gesprochen hatten, blieben unbeweglich sitzen und starrten sich gegenseitig an wie zwei Porträts, die man in der guten alten Zeit zu beiden Seiten des Spiegels aufzuhängen pflegte. Endlich hob Manilow die Pfeife auf und sah seinem Gast von unten ins Gesicht, wie um zu erforschen, ob nicht ein Lächeln um seine Lippen spiele, und ob er sich nicht bloß einen Spaß erlaubt hätte: aber er konnte nichts derartiges entdecken, im Gegenteil, das Gesicht erschien ihm noch ernster und würdevoller als gewöhnlich. Dann überlegte er ein wenig, ob der Gast nicht plötzlich verrückt geworden sei, und sah ihn aufmerksam und mit einigem Grauen an, aber seine Augen waren ganz klar, er konnte nichts von jenem wilden, unruhigen Feuer in ihnen entdecken, wie es im Auge des Wahnsinnigen flackert: alles war in Ordnung, ganz wie es sich gehört. Und so sehr Manilow auch darüber nachsann, was nun geschehen sollte und was hier zu tun sei, es wollte ihm nichts andres einfallen, als den Tabakrauch in feinen Strahlen auszublasen.

»Ich möchte also wissen, ob Sie mir diese zwar tatsächlich toten, aber vom Standpunkt der gesetzlichen Form noch lebenden Seelen, überweisen oder abtreten wollen, wie es Ihnen am besten erscheint.«

Aber Manilow war so verwirrt und verlegen, daß er ihn nur ansah, ohne ein Wort finden zu können.

»Mir scheint, Sie können sich nicht dazu entschließen?« bemerkte Tschitschikow.

»Ich ... oh nein, das ist es nicht,« sagte Manilow, »aber ich kann nicht verstehen ... entschuldigen Sie ... ich war natürlich nicht in der Lage, mir eine so glänzende Bildung anzueignen, von der gewissermaßen jede Ihrer Bewegungen Zeugnis ablegt; auch besitze ich nicht die hohe Gabe, mich so kunstvoll auszudrücken .... Vielleicht ... verbirgt sich hier ... hinter Ihrer Erklärung, die Sie soeben abgaben ... etwas andres ... Vielleicht war es nur eine stilistische Schönheit, um deretwillen Sie sich so auszudrücken beliebten?«

»Oh nein!« fiel hier Tschitschikow lebhaft ein, »nein, ich nehme den Gegenstand ganz buchstäblich, ganz so wie er ist, d. h. ich meine die Seelen, die tatsächlich schon gestorben sind.«

Manilow kam ganz aus der Fassung. Er fühlte, daß hier etwas geschehen, daß er ihm irgend eine Frage stellen müsse, und doch konnte nur der Teufel wissen, was das für eine Frage war. Der einzige Ausweg, den er schließlich fand, bestand wiederum darin, daß er eine Wolke Tabakrauch ausblies, diesmal aber nicht durch den Mund, sondern durch die Nasenlöcher.

»Wenn die Sache also keine Schwierigkeiten hat, so können wir mit Gottes Hilfe gleich an die Aufstellung des Kaufvertrages gehen,« sagte Tschitschikow.

»Wie? Ein Kaufvertrag über tote Seelen?«

»Nein! Das nicht!« antwortete Tschitschikow. »Wir sagen natürlich, sie seien lebendig, wie es ja in der Tat in den Revisionslisten steht. Ich pflege nie von den bürgerlichen Gesetzen abzuweichen; und obwohl ich schon oft im Dienste darunter zu leiden hatte, ich kann nun mal nicht anders; die Pflicht ist mir heilig, und das Gesetz ... vor dem Gesetz muß ich verstummen.«

Die letzten Worte erregten Manilows Beifall, obgleich er den eigentlichen Sinn der Sache noch immer nicht erfassen konnte; statt zu antworten, nahm er ein paar so heftige Züge aus seiner Pfeife, daß diese zu tönen begann wie ein Fagott. Es war fast so, als ob er sich aus der Pfeife eine Ansicht über diesen geradezu unerhörten Fall herausholen wollte; die Pfeife aber gab nur heisere Töne von sich und sonst nichts.

»Vielleicht haben Sie noch irgend einen Zweifel?«

»Nicht doch! Nicht im geringsten! Sie dürfen nicht etwa glauben, ich hätte ein ... gewissermaßen kritisches Vorurteil in bezug auf Ihre Persönlichkeit. Aber darf ich mir die Frage gestatten: wird dieses Unternehmen ... oder um mich sozusagen deutlicher auszudrücken ... dies Geschäft ... wird dieses Geschäft nicht am Ende im Widerspruch mit den bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rußlands stehen?«

Bei diesen Worten machte Manilow eine lebhafte Kopfbewegung und sah Tschitschikow mit bedeutungsvoller Miene gerade ins Gesicht; hierbei lag in all seinen Zügen und besonders in den zusammengepreßten Lippen ein so ernster Ausdruck, wie man ihn wohl noch nie an einem Menschenantlitz beobachtet hat, es sei denn bei einem ganz ungewöhnlich klugen Minister, und auch bei dem nur, während er über ein ganz besonders schwieriges Problem nachsann.

Aber Tschitschikow erklärte einfach, ein solches Unternehmen oder Geschäft könne den bürgerlichen Satzungen und den weiteren Perspektiven Rußlands durchaus nicht zuwiderlaufen, und fügte nach einem Augenblick noch hinzu, es würde dabei sogar noch etwas für den Fiskus abfallen, da der Staat ja seine gesetzlichen Gebühren erhalte.

»So meinen Sie also ...?«

»Ich glaube, es geht sehr gut!«

»Nun, wenn es gut geht, ist es freilich eine andre Sache. Dann habe ich nichts dagegen,« sagte Manilow völlig beruhigt.

»Jetzt müssen wir uns noch über den Preis einigen ...«

»Wie? über den Preis?« sagte Manilow wieder ein wenig verblüfft. »Sie glauben doch nicht, daß ich Geld für Seelen nehmen werde, die doch gewissermaßen ... ihr Dasein vollendet haben? Aber selbst wenn Sie eine, ich möchte sagen, so phantastische Laune anwandelte, dann würde ich für meinen Teil sie Ihnen ohne jede Vergütung überlassen und auch den Kaufvertrag auf mich nehmen.«

Der Geschichtsschreiber, der über die hier mitgeteilten Begebenheiten berichtet, verdiente sicherlich den schärfsten Tadel, wenn er an dieser Stelle zu erwähnen unterließe, daß unser Gast von einer hohen Freude erfüllt wurde, als er Manilow solche Worte aussprechen hörte. So gesetzt und besonnen er auch war, er hätte am liebsten einen Luftsprung gemacht, wie ein Ziegenbock, was, wie bekannt, nur im Ausbruche höchster Freude geschieht. Er drehte sich so heftig im Lehnstuhl um, daß der wollene Stoff, mit dem der Sitz überzogen war, platzte; auch Manilow wurde aufmerksam und betrachtete ihn mit einigem Erstaunen. In seiner überquellenden Dankbarkeit _überschüttete_ ihn der Gast förmlich mit Worten der Anerkennung, bis jener ganz verlegen wurde, errötete, eine abwehrende Bewegung mit dem Kopfe machte und endlich erklärte, das sei ja ein reines Nichts, er habe ihm eigentlich nur einen Beweis für seine herzliche Zuneigung und den magnetischen Zug seiner Seele geben wollen, und tote Seelen -- das sei doch sozusagen eine Bagatelle -- die reinste Lumperei.

»Durchaus keine Lumperei,« sagte Tschitschikow und drückte ihm die Hand.

Hierbei stieß er einen sehr tiefen Seufzer aus. Wie es scheint, hatte er große Lust, sein Herz auszuschütten; und nicht ohne Ausdruck und Gefühl sprach er zuletzt folgende Worte: »Oh! wenn Sie wüßten, was Sie einem Menschen ohne Namen und Titel mit diesem Geschenk, das anscheinend nur eine Kleinigkeit ist, für einen Dienst erwiesen haben. Wahrlich! Was habe ich nicht alles gelitten! Wie ein einsamer Kahn inmitten wütender Wogen ... Was für Verfolgungen hatte ich nicht zu erdulden! Welcher Schmerz blieb mir erspart! Und weswegen? Weil ich der Wahrheit treu blieb, mein Gewissen rein bewahrte, weil ich meine Hand den hilflosen Witwen und armen Waisen entgegenstreckte!« Und hierbei wischte er sich sogar eine Träne aus dem Auge.

Manilow war ganz gerührt. Beide Freunde drückten sich fortwährend die Hand und sahen sich lange stumm in die Augen, in denen schöne Tränen blinkten. Manilow wollte die Hand unseres Helden durchaus nicht aus der seinen lassen und fuhr fort, sie so herzlich zu drücken, daß jener kaum noch wußte, wie er sie befreien solle. Nachdem er sie endlich sanft zurückgezogen hatte, sagte er, es wäre gut, wenn man den Kaufkontrakt gleich aufsetzen könnte und wenn Manilow selbst in der Stadt die nötigen Erkundigungen einziehen wollte; dann nahm er seinen Hut und verabschiedete sich.

»Wie? Sie wollen schon fahren?« fragte Manilow, der wie aus einem Traum erwachte und beinahe erschrocken war.

In diesem Augenblick trat Frau Manilow ins Zimmer.

»Lisanka!« sagte Manilow mit etwas kläglicher Miene, »Pawel Iwanowitsch will uns verlassen!«

»Pawel Iwanowitsch ist unser wohl überdrüssig,« versetzte Frau Manilow.

»Gnädige Frau!« sagte Tschitschikow, »hier, sehen Sie hier« -- und dabei legte er seine Hand aufs Herz -- »Ja hier werde ich mir die Erinnerung an die schönen Stunden bewahren, die ich mit Ihnen verlebt habe! Und glauben Sie mir, ich kann mir keine größere Seligkeit vorstellen, als mit Ihnen, wenn auch nicht in einem Hause, so doch wenigstens in nächster Nachbarschaft zu leben!«

»Wissen Sie was, Pawel Iwanowitsch!« sagte Manilow, dem dieser Gedanke offenbar sehr gefiel, »es wäre doch wirklich herrlich, wenn wir so zusammen unter einem Dach leben, im Schatten einer Ulme miteinander philosophieren und uns gemeinsam in die Dinge vertiefen könnten ...«

»Oh, das wäre himmlisch!« sagte Tschitschikow mit einem Seufzer. »Leben Sie wohl, gnädige Frau!« fuhr er fort, indem er Frau Manilow die Hand küßte. »Leben Sie wohl, verehrter Freund! und vergessen Sie meine Bitte nicht!«

»Oh, seien Sie ganz ruhig!« erwiderte Manilow, »wir trennen uns doch nicht auf länger als zwei Tage!«

Sie betraten das Speisezimmer.

»Adieu, meine lieben Kleinen!« sagte Tschitschikow, als er Alcid und Themistokljus erblickte, die mit einem hölzernen Husaren spielten, der übrigens weder Hände noch Nase mehr hatte. »Lebt wohl, liebe Kinder. Verzeiht, daß ich euch nichts zum Naschen mitgebracht habe, aber ich muß gestehen, ich wußte ja gar nicht, daß ihr auf der Welt seid. Aber wenn ich das nächstemal wiederkomme, bringe ich euch sicher etwas mit. Dir bringe ich einen Säbel. Willst du einen Säbel haben? Wie?«

»Ja!« antwortete Themistokljus.

»Und dir bringe ich eine Trommel mit. Nicht wahr, du möchtest doch eine Trommel haben?« fuhr Tschitschikow fort, indem er sich über Alcid beugte.

»Ja, eine Prommel,« sagte Alcid leise, indem er den Kopf senkte.

»Schön also, ich will dir eine Trommel kaufen. -- Weißt du eine feine Trommel. Die wird immer Trrr .... ru ... tra, ta, ta, tra, ta, ta machen. Leb wohl, Herzchen! Adieu!« Er küßte ihn auf den Kopf und wandte sich mit jenem Lächeln an Manilow und seine Frau, mit dem man sich an alle Eltern zu wenden pflegt, wenn man ihnen zu verstehen geben will, wie unschuldig doch die Wünsche ihrer Kinder sind.

»Ach bleiben Sie doch noch ein wenig, Pawel Iwanowitsch!« sagte Manilow, als schon alle auf die Freitreppe hinausgetreten waren. »Sehen Sie doch, was dort für Wolken heraufziehen!«

»Das sind nur kleine Wölkchen,« meinte Tschitschikow.

»Kennen Sie aber auch den Weg zu Sabakewitsch?«

»Danach wollte ich Sie gerade fragen.«

»Erlauben Sie, ich will ihn Ihrem Kutscher erklären!« Und Manilow machte dem Kutscher die Sache in der liebenswürdigsten Weise klar, und sagte sogar einmal _Sie_ zu ihm.

Als der Kutscher hörte, daß er zwei Wegkreuzungen abseits liegen lassen und erst bei der dritten einbiegen müsse, sagte er: »Wir werden's schon finden,« und Tschitschikow fuhr davon, begleitet von den Abschiedsgrüßen der Gatten, die noch lange auf den Fußspitzen standen und ihre Taschentücher schwenkten.

Manilow blieb noch lange auf der Treppe stehen und folgte dem davonrollenden Wagen mit den Augen, und als dieser schon längst nicht mehr zu sehen war, stand er noch immer mit der Pfeife im Munde da. Endlich ging er wieder ins Haus zurück, ließ sich auf einem Stuhl nieder und versank in Sinnen, von Herzen froh, daß er seinem Gast eine kleine Freude bereitet hatte. Dann schweiften seine Gedanken, ohne daß er es merkte, zu anderen Gegenständen hinüber, um endlich, Gott weiß wo, zu landen. Er dachte an die Seligkeiten der Freundschaft, wie schön es doch wäre, mit dem Freunde am Ufer eines Flusses zu leben, dann baute er in Gedanken eine Brücke über den Fluß und darauf ein Haus mit einem gewaltigen Pavillon, von dem aus man sogar Moskau sehen konnte, und er stellte sich vor, wie herrlich es sein müßte, dort abends im Freien seinen Tee zu trinken und sich über angenehme Gegenstände zu unterhalten; oder er malte es sich aus, wie er und Tschitschikow, in eleganten Equipagen zu einer Abendgesellschaft fahren und alle Anwesenden durch ihr feines Benehmen in Entzückung versetzen, und wie dann der Kaiser, der von der Freundschaft der beiden gehört hatte, sie zu Generälen ernennt, und so träumte er immer weiter; was nun noch alles folgte, weiß Gott allein, wußte er es doch selbst nicht mehr genau. Aber plötzlich drängte sich Tschitschikows seltsame Bitte jäh in seine Träumereien, und dieser Gedanke wollte ihm nicht recht in den Kopf: er mochte ihn drehen und wenden soviel er wollte, er konnte sich nicht klar über ihn werden. So saß er noch lange mit der Pfeife im Munde da, bis das Abendessen auf dem Tische stand.

Drittes Kapitel

Unterdessen saß Tschitschikow vergnügt in seinem Wagen, der schon seit einiger Zeit auf der Landstraße dahinrollte. Aus dem vorigen Kapitel konnten wir schon erfahren, was der eigentliche Gegenstand seiner Neigung und seines Geschmacks war, und es war daher auch kein Wunder, wenn er sich bald mit Leib und Seele in ihn versenkte. Die Vermutungen, Überschläge und Berechnungen, die er anstellte und die sich auf seinem Gesichte spiegelten, mußten höchst angenehmer Art sein, denn sie hinterließen in einem fort die Spuren eines vergnügten Lächelns auf seinen Zügen. Ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, achtete er gar nicht darauf, was für treffende Worte sein Kutscher, der offenbar von dem Empfang durch die Bedienten und Knechte Manilows äußerst befriedigt war, an den Schecken, das rechte Beipferd richtete. Dieser Schecke war sehr schlau, und _tat_ bloß so, als ob er den Wagen auch vorwärts ziehe, während sich das mittlere braune und der Fuchs, das linke Beipferd, das den Namen Assessor trug, weil man es irgend einem Assessor abgekauft hatte, aus allen Kräften abquälten, das Gefährt weiter zu bringen, so daß man ihnen das Vergnügen, welches ihnen das bereitete, von den Augen ablesen konnte: »Brauch soviel Listen als du willst! Es hilft dir doch nichts! Ich will dich doch überlisten!« sagte Seliphan, indem er sich etwas erhob und dem Trägen einen Peitschenhieb versetzte. »Tu deine Pflicht, du deutscher .......! Der Braune ... das ist ein braves Pferd, der tut seine Schuldigkeit; darum gebe ich ihm auch gern ein Maß Hafer mehr, weil er ein braves Pferd ist. Und der Assessor -- der ist auch ein gutes Pferd ... Nun, was schüttelst du die Ohren? Dummkopf, paß auf, wenn man mir dir spricht! Ich werde dich schon nichts Schlechtes lehren, du Esel! Seh einer, wo der hin will!« Hierbei gab er ihm wieder eins mit der Peitsche und murmelte: »Uf! Barbar! Bonaparte, Verfluchter!« Dann rief er allen miteinander ein: »He! Ihr Lieben!« zu, und gab allen dreien eins mit der Peitsche, nicht etwa, um sie zu strafen, sondern zum Beweise, daß er mit ihnen zufrieden war. Nachdem er ihnen diese kleine Freude bereitet hatte, wandte er sich wieder an den Schecken: »Du glaubst, es wird dir gelingen, dein schlechtes Betragen zu verbergen. Nein, mein Lieber, tue recht, wenn du willst, daß man Achtung vor dir haben soll. Siehst du! Die Leute des Herrn, bei dem wir waren -- das sind gute Menschen! Mit einem guten Menschen plaudere ich immer gern, ein guter Mensch -- das ist mein Freund und lieber Kamerad; mit ihm setze ich mich gerne zu Tisch oder trinke mein Glas Tee mit ihm. Ein guter Mensch wird von jedermann geachtet! Unseren Herrn zum Beispiel -- den achten alle Leute, hörst du wohl, weil er unserem Kaiser gut gedient hat und Skollegenrat ist ....«

In dieser Weise ging es weiter, bis Seliphan bei den entferntesten und abstraktesten Materien angelangt war. Hätte Tschitschikow aufmerksam zugehört, er hätte noch manche Einzelheit erfahren, die auf seine Person Bezug hatte; aber seine Gedanken waren so sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, daß erst ein heftiger Donnerschlag ihn aus seinen Träumen weckte und ihn veranlaßte, sich ein wenig umzusehen; der ganze Himmel war mit Wolken bedeckt, und große Regentropfen trafen die staubige Chaussee. Ein zweiter noch stärkerer Donnerschlag folgte dem ersten aus noch größerer Nähe, und plötzlich prasselte der Regen in Strömen wie aus Gießkannen nieder. Zuerst fiel er in schräger Richtung herab und peitschte bald die eine Seite, bald die andere Seite des Kutschbocks, dann änderte er seine Angriffsmethode und rieselte senkrecht auf den Kutschbock nieder, bis die Tropfen Tschitschikow ins Gesicht spritzten. Er ließ also das lederne Wagendeck mit den zwei kleinen runden Fensterchen aufspannen, die eine freie Aussicht auf die Landschaft gestatteten und befahl Seliphan, schneller zu fahren. Seliphan, mitten in der Rede unterbrochen, sah wohl auch ein, daß jetzt nicht Zeit zum Säumen war, holte etwas wie einen Mantel aus grauem Stoff unter dem Bock hervor, steckte die Hände in die Ärmel, ergriff die Zügel und spornte die drei Gäule durch einen Zuruf an, welche unter dem Eindruck seiner erbaulichen Reden eine angenehme Schwäche in den Beinen spürten und sie kaum vom Flecke brachten. Aber Seliphan konnte sich absolut nicht erinnern, wieviel Wegekreuzungen sie bereits hinter sich hatten, ob es zwei oder drei waren. Nachdem er sich die Sache überlegt und über den Weg nachgedacht hatte, kam er zur Überzeugung, daß sie schon manchen Weg gekreuzt und links liegen gelassen hatten. Da aber ein Russe im entscheidenden Augenblick die Fassung nie verliert und, ohne lange nachzudenken, immer irgend einen Ausweg findet, so machte er bei dem nächsten Kreuzweg eine Wendung nach rechts, indem er den Pferden zurief: »Hüh! liebe Freunde!« und dann jagte er im Galopp dahin, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, wohin sie der eingeschlagene Weg führen werde.

Der Regen schien indessen nicht bald aufhören zu wollen. Der Staub, der die Landstraße bedeckte, verwandelte sich schnell in weichen Dreck, es wurde den Pferden mit jedem Augenblick schwerer, den Wagen fortzubewegen. Tschitschikow geriet bereits in eine lebhafte Unruhe, da noch immer nichts von dem Gute Sabakewitschs zu sehen war. Seiner Berechnung nach hätten sie schon längst da sein müssen. Er blickte nach beiden Seiten zum Fenster hinaus, aber es war stockfinster, und er konnte nichts sehen.

»Seliphan!« rief er endlich, indem er den Kopf aus dem Fenster steckte.

»Ja, Gnädiger Herr?« antwortete Seliphan.

»Schau dich mal um; ist das Dorf noch nicht zu sehen!«

»Nein, gnädiger Herr, es ist nichts zu sehen!« und Seliphan schwang seine Peitsche und stimmte etwas wie einen Gesang an. Ein Lied konnte man es nicht nennen, denn es dehnte und zog sich so in die Länge, daß es gar kein Ende nehmen wollte. Seliphan brachte alles darin unter, alle aufmunternden und anspornenden Rufe, mit denen man im weiten Rußland, von einem Ende bis zum andern, die Pferde zu beglücken pflegt, und alle nur möglichen Adjektiva, ohne jede Auswahl, wie sie ihm gerade auf die Zunge kamen. Schließlich ging er sogar so weit, daß er seine Pferde Sekretäre nannte.

Jetzt aber machte Tschitschikow die Entdeckung, daß sein Wagen von einer Seite auf die andre schwankte, wobei der Insasse jedesmal einen kräftigen Stoß erhielt; das brachte ihn auf den Gedanken, daß sie von der Straße abgekommen seien und wahrscheinlich über ein gepflügtes Ackerfeld führen. Auch Seliphan mußte es wohl bemerkt haben, aber er sagte kein Wort.

»Auf was für einem Wege fährst du eigentlich? du Spitzbube!« schrie Tschitschikow.

»Was ist zu machen, gnädiger Herr, es ist halt schon spät am Abend. Ich sehe nicht einmal meine Peitsche, so finster ist es!« Bei diesen Worten neigte sich der Wagen so sehr auf die Seite, daß Tschitschikow sich mit beiden Händen festhalten mußte. Erst jetzt bemerkte er, daß Seliphan einen tüchtigen Rausch hatte.

»Halt! Halt! Du wirfst mich um!« rief er ihm zu.