Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 6

Chapter 63,528 wordsPublic domain

Nur Gott allein hätte vielleicht sagen können, was Manilow für einen Charakter hatte. Es gibt eine Gattung von Menschen, die man folgendermaßen zu bezeichnen pflegt: nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht dies noch das, in der Stadt nicht Bogdan, noch auf dem Land Seliphan, wie das russische Sprichwort lautet. Vielleicht könnte man Manilow zu _ihnen_ zählen. Äußerlich machte er einen recht stattlichen Eindruck; seine Züge waren nicht unliebenswürdig, aber diese Liebenswürdigkeit war zu stark mit einer gewissen Süßigkeit versetzt; in seinem Betragen und Verhalten machte sich das Bestreben bemerkbar, Vertrauen und Zuneigung zu erwerben. Er lächelte einnehmend, war blond und hatte himmelblaue Augen. Wenn man sich mit ihm unterhielt, hätte ein jeder im ersten Augenblick ausgerufen: »Welch ein angenehmer und freundlicher Mensch!« Im darauffolgenden Augenblick sagt man nichts mehr, und noch einen Augenblick später denkt man sich: >Pfui Teufel!< und macht, daß man fortkommt; oder wenn man ihm nicht entfliehen kann, fühlt man eine geradezu tödliche Langeweile. Nie hörte man ein lebhaftes oder anmaßendes Wort von ihm, wie man es von jedem hören kann, wenn man einen Gegenstand berührt, der ihm am Herzen liegt. Jeder hat sein Steckenpferd: bei dem einen sind es die Windhunde; dem anderen kommt es so vor, als ob er ein großer Musikliebhaber sei, und die ganzen Tiefen dieser Kunst empfinde; ein dritter versteht sich auf ein feudales Mittagessen; ein vierter bemüht sich eine Rolle zu spielen, die um wenigstens einen Zoll höher, als die ihm vorgeschriebene ist; ein fünfter, dessen Ziele weniger hoch gesteckt sind, schläft und träumt davon, wie er bei einem Gartenfeste Seite an Seite mit einem Flügeladjutanten stolz vor allen Menschen, vor seinen Freunden und Bekannten, ja sogar vor denen die er nicht kennt, vorbeispaziert; ein sechster hat eine so kräftige Hand, daß ihm der unnatürliche Wunsch kommt, einem vornehmen Herrn oder auch irgend einer Null einen kleinen Hieb zu versetzen, während die Hand des Siebenten sich durchaus nicht enthalten kann, überall Ordnung zu stiften und sich an die Herrn Stationschefs oder die Postillons heranzumachen -- mit einem Wort, ein jeder hat etwas, was er sein Eigen nennt, nur Manilow hatte nichts derartiges. Zu Hause sprach er sehr wenig und dachte nur nach und philosophierte, worüber er aber nachdachte, das weiß wohl auch nur Gott allein. Man konnte auch nicht sagen, daß er sich mit der Landwirtschaft beschäftigte, denn er fuhr niemals aufs Feld; das ging alles wie von selbst, auch ohne ihn. Wenn der Verwalter zu ihm sagte: »Gnädiger Herr, es wäre doch gut, wenn wir es so und so machten,« dann antwortete er gewöhnlich »Ja, ja, gar nicht übel!« während er ruhig seine Pfeife weiter rauchte, eine Gewohnheit, die er noch zur Zeit seines Dienstes in der Armee angenommen hatte, wo er für einen der bescheidensten und höflichsten Offiziere gehalten wurde. »Ja, ja, durchaus nicht übel!« wiederholte er. Wenn ein Bauer zu ihm kam, sich hinterm Ohr kratzte und sprach: »Gnädiger Herr, darf ich auf einen Tag fortgehen, um mir das Geld für die Steuern zu verdienen,« dann sagte er: »Geh nur!« und fuhr fort, seine Pfeife zu rauchen, wobei es ihm gar nicht in den Kopf kam, daß der Bauer nur fortwollte, um sich zu betrinken. Zuweilen betrachtete er von der Flurtreppe aus seinen Hof und seinen Teich, dann verbreitete er sich wohl darüber, wie schön es doch wäre, wenn man vom Hause aus einen unterirdischen Gang anlegen oder eine steinerne Brücke über den Teich bauen könnte, zu dessen beiden Seiten Buden lägen, wo Kaufleute allerhand Waren, die die Bauern brauchten, feilböten. Hierbei hatten seine Augen etwas ungemein Süßes und sein Gesicht nahm einen äußerst zufriedenen Ausdruck an. Übrigens blieb es trotz aller Projekte stets nur bei den Worten. In seinem Arbeitszimmer lag immer ein Buch mit einem Lesezeichen auf Seite 14 aufgeschlagen, in diesem Buche las er beständig, schon seit zwei Jahren. Im Hause fehlte es immer an etwas; im Salon standen prachtvolle Möbel, die mit eleganten Seidenstoffen bezogen und sicherlich nichts weniger als billig waren; aber der Stoff hatte wohl für die letzten zwei Lehnstühle nicht gereicht, denn sie standen noch immer so da, bloß mit Sackleinwand überspannt; übrigens warnte der Hausherr seine Gäste schon seit vielen Jahren jedesmal davor, sich auf einen der Stühle niederzulassen und sagte: »Setzen Sie sich nicht auf diese Stühle, sie sind noch nicht fertig.« In einzelnen Zimmern standen überhaupt keine Möbel, obwohl Manilow zwei Tage nach der Hochzeit zu seiner Frau gesagt hatte: »Herz, wir müssen morgen dafür sorgen, daß wir uns wenigstens für die erste Zeit Möbel kommen lassen.« Abends wurde ein höchst eleganter Armleuchter aus dunkler Bronze, mit drei antiken Grazien und einem reizenden Perlmutterschirm auf den Tisch gestellt, neben ihm aber stand irgend ein gewöhnlicher kupferner, hinkender, verbogener, und ganz mit Talg bedeckter Invalide, und weder der Hausherr noch die Hausfrau, noch die Diener schienen etwas davon zu bemerken. Seine Frau ..., doch sie waren ja vollkommen mit einander zufrieden. Trotzdem sie schon mehr als acht Jahre miteinander verheiratet waren, schenkten sie sich noch immer Apfelscheibchen, Bonbons oder Nüsse und sprachen mit einer rührend zärtlichen Stimme, welche von inniger Liebe zeugte: »Mach doch dein Mündchen auf, Herzchen, ich will dir dies Stückchen hineinstecken.« Es versteht sich von selbst, daß sich das Mündchen in solchen Fällen äußerst graziös öffnete. Zum Geburtstag bereitete man sich allerhand Überraschungen -- man schenkte sich z. B. ein Perlenfutteral für die Zahnbürste usw. Und es geschah gar nicht selten, daß, während sie beide auf dem Sofa saßen, ohne besonderen Grund _er_ seine Pfeife und sie ihre Arbeit sinken ließ, die sie bis dahin in der Hand hatten, um sich einen langen schmachtenden Kuß auf die Lippen zu drücken, währenddessen man eine kleine Strohhalmzigarre hätte ausrauchen können. Mit einem Worte, sie waren das, was man glücklich nennt. Man könnte freilich einwenden, es gäbe im Hause noch manches andre zu tun, als sich lange Küsse zu geben und Überraschungen zu bereiten, man könnte überhaupt noch vieles andre einwenden. Warum wurden z. B. die Speisen so schlecht und so töricht zubereitet? Warum waren die Vorratskammern so leer? Warum stahl die Haushälterin? Warum waren die Diener immer so unsauber und betrunken? Warum schliefen die Knechte beständig oder lungerten müßig herum? Aber dies alles sind gemeine Dinge, und Frau Manilow war eine Dame von guter Erziehung. Wie bekannt wird die gute Erziehung in Pensionaten erworben, und in diesen Pensionaten gibt es, wie jedermann weiß, drei Gegenstände, die die Grundlage aller menschlichen Tugend ausmachen: die französische Sprache, deren man für das häusliche Glück der Familie bedarf: das Klavierspiel, das dazu dient, dem Gatten ein Paar angenehme Stunden zu bereiten, und schließlich der eigentlich wirtschaftliche Teil: das Häkeln von Geldbeuteln und ähnlichen Überraschungen. Übrigens gibt es mancherlei Verbesserungen und Vervollkommnungen in den Methoden, besonders in neuerer Zeit: es hängt eben alles von der Verständigkeit und der Fähigkeit der Pensionsvorsteherin ab. In gewissen Pensionaten ist es so, daß zuerst das Klavier, dann die französische Sprache und erst zuletzt der wirtschaftliche Teil kommt. Mitunter aber ist es auch gerade umgekehrt: erst kommt der wirtschaftliche Teil: das Häkeln von kleinen Geschenken usw., dann erst die französische Sprache und endlich das Klavierspiel. Die Methoden sind eben verschieden. Doch hier wäre es am Platze, noch die Bemerkung zu machen, daß Frau Manilow .... allein, ich muß gestehen, daß ich mich ein wenig fürchte, über die Damen zu reden, und außerdem ist es längst Zeit, daß ich zu unseren Helden zurückkehre, die schon seit einigen Minuten vor der Türe des Salons stehen und sich gegenseitig bitten, doch voranzugehen.

»Bitte machen Sie sich doch meinetwegen keine Umstände, bitte nach Ihnen,« sagte Tschitschikow.

»Nein, bitte, Pawel Iwanowitsch, Sie sind mein Gast,« antwortete Manilow und zeigte mit der Hand auf die Tür.

»Aber ich bitte, bemühen Sie sich doch nicht, nein, bitte bemühen Sie sich nicht; bitte gehen Sie doch voran,« sagte Tschitschikow.

»Nein, ich bitte um Entschuldigung, ich kann es nicht zugeben, daß mein Gast, ein so liebenswürdiger und feingebildeter Herr, nach mir eintrete.«

»Warum denn feingebildet? Bitte gehen Sie voran!«

»Nein, seien Sie doch so freundlich und treten Sie ein.«

»Warum denn nur?«

»Nun, so!« sagte Manilow mit einem freundlichen Lächeln. Endlich zwängten sich beide Freunde seitwärts durch die Tür, wobei einer den andern leicht zusammendrückte.

»Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Frau vorstelle,« sagte Manilow. »Herzchen! Dies ist Pawel Iwanowitsch.«

Tschitschikow erblickte jetzt eine Dame, die er gar nicht bemerkt hatte, während er und Manilow sich in das Zimmer hineinkomplimentierten. Sie war ziemlich hübsch und trug ein Kleid, das ihr gut zu Gesichte stand. Sie hatte einen hellen Kapott von Seidenstoff an, der ihr sehr gut saß; die kleine schmale Hand ließ schnell etwas auf den Tisch fallen und preßte ein Battisttaschentuch mit gestickten Ecken zusammen. Dabei erhob sie sich vom Sofa, auf dem sie gesessen hatte. Tschitschikow küßte ihr nicht ohne ein gewisses Vergnügen die Hand. Frau Manilow sagte mit ihrer etwas gaumigen Aussprache zu ihm, er habe ihnen eine große Freude mit seinem Besuch bereitet, und es verginge kein Tag, daß ihr Mann sich seiner nicht erinnere.

»Ja!« murmelte Manilow, »meine Frau hat mich oft gefragt: >Warum kommt denn dein Freund nicht?< Ich aber antwortete: >Warte nur, er wird schon kommen!< Und nun haben Sie uns endlich doch noch mit Ihrem Besuche beehrt. Sie haben uns wirklich einen großen Genuß bereitet -- es ist wie ein Maitag, wie ein Fest des Herzens.« ...

Als Tschitschikow vernahm, daß schon von Festen des Herzens die Rede war, wurde er ein wenig verlegen und versetzte, er sei weder ein Mann von berühmtem Namen, noch besitze er einen hohen Rang und Titel.

»Sie besitzen alles,« unterbrach ihn Manilow mit demselben einnehmenden Lächeln, »Sie besitzen alles und sogar noch mehr!«

»Wie haben Sie unsere Stadt gefunden?« fragte jetzt Frau Manilow. »Haben Sie Ihre Zeit angenehm verbracht?«

»Eine vortreffliche Stadt, eine herrliche Stadt!« versetzte Tschitschikow, »ich habe dort wunderschöne Stunden verlebt; die Gesellschaft ist äußerst liebenswürdig und zuvorkommend!«

»Und wie hat Ihnen unser Gouverneur gefallen?« fragte Frau Manilow weiter.

»Nicht wahr? ein äußerst ehrenwerter und liebenswürdiger Mann?« fügte Manilow hinzu.

»Sehr richtig,« sagte Tschitschikow, »ein höchst ehrenwerter Mann! Und wie vortrefflich er seine Stellung ausfüllt, welches Verständnis er für sie hat! Es wäre zu wünschen, wir hätten mehr solche Menschen!«

»Wie er es versteht, einen jeden zu behandeln, und in all seinen Handlungen den richtigen Takt zu wahren,« fuhr Manilow lächelnd fort, und dabei kniff er vor Vergnügen die Augen zusammen wie ein Kater, den man sanft hinter den Ohren krabbelt.

»Ein ungemein liebenswürdiger und höflicher Mann!« sagte Tschitschikow, »und welch ein Künstler! Ich hätte mir gar nicht vorstellen können, daß er so reizende Stickereien und Handarbeiten machen kann. Er hat mir eine Börse gezeigt, die er selbst verfertigt hat; man findet selten Damen, die so schön sticken.«

»Und der Vizegouverneur? Ein reizender Mensch! nicht wahr?« bemerkte Manilow und kniff die Augen wieder zusammen.

»Eine äußerst würdige und hochachtbare Persönlichkeit!« versetzte Tschitschikow.

»Erlauben Sie mir noch eine Frage: Wie hat Ihnen der Polizeimeister gefallen? Auch ein sehr liebenswürdiger Herr? Nicht wahr?«

»Oh, ein äußerst liebenswürdiger Herr! Und wie klug und belesen er ist! Ich habe zusammen mit dem Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten bis zum frühen Morgen Whist bei ihm gespielt. Ein ganz ungemein würdiger Herr!«

»Und wie denken Sie von der Gattin des Polizeimeisters?« fragte hier Frau Manilow. »Finden Sie nicht auch, daß es eine äußerst liebenswürdige Dame ist?«

»Oh, das ist eine der würdigsten und achtbarsten Damen, die ich kennen gelernt habe!« erwiderte Tschitschikow.

Auch der Gerichtspräsident und der Postmeister wurden nicht vergessen; so nahm man allmählich wohl sämtliche Beamten der Stadt durch, und es zeigte sich, daß es lauter höchst ehrenwerte Männer waren.

»Leben Sie immer auf dem Lande?« fragte endlich Tschitschikow.

»Den größten Teil des Jahres!« antwortete Manilow. »Wir fahren auch wohl hin und wieder in die Stadt, um mit gebildeten Menschen zusammen zu sein. Man verwildert ja ganz, wissen Sie, wenn man sich gänzlich vor der Welt verschließt.«

»Sehr wahr, sehr richtig!« versetzte Tschitschikow.

»Es wäre ja natürlich etwas andres,« fuhr Manilow fort, »wenn man angenehme Nachbarn, wenn man z. B. einen Menschen hätte, mit dem man sich sozusagen aussprechen, über die guten Manieren und feinen Umgangsformen unterhalten, irgend eine Wissenschaft treiben könnte, -- wissen Sie, so was fürs Herz, was einen über sich selbst hinaushebt ...« Er wollte noch etwas hinzufügen, da er aber merkte, daß er sich ein wenig vergaloppiert hatte, fuhr er nur mit der Hand durch die Luft und sagte: »Dann hätten natürlich das Land und die Einsamkeit viele Annehmlichkeiten. Aber ich habe tatsächlich niemanden. Höchstens liest man einmal den »Sohn des Vaterlandes«.

Tschitschikow war vollkommen damit einverstanden und fügte hinzu, es könne in der Tat gar nichts Schöneres geben, als ganz für sich allein zu leben, den herrlichen Anblick der Natur zu genießen und nur hin und wieder ein Buch zu lesen ...

»Aber wissen Sie,« versetzte Manilow, »wenn man keinen Freund hat, dem man sich mitteilen kann ...«

»Oh ja, das ist richtig, das ist ganz richtig!« unterbrach ihn Tschitschikow, »was könnten uns denn alle Schätze der Welt helfen? >_Gute Freunde sind besser als alle Reichtümer der Erde_< hat einmal ein weiser Mann gesagt.«

»Und wissen Sie, Pawel Iwanowitsch,« sagte Manilow und machte dabei ein freundliches oder vielmehr unangenehm süßliches Gesicht, gleich einer Mixtur, die der allzu gewandte Arzt in der Absicht, dem Patienten einen besonderen Gefallen zu erweisen, mit garzuviel Syrup versetzt hat, »dann spürt man einen ganz besonderen, sozusagen -- geistigen Genuß ... Wie zum Beispiel gleich heute, wo mir der Zufall das Glück, ich möchte sagen, das seltene, ungetrübte Glück verschaffte, mich mit Ihnen unterhalten und Ihre angenehme Gesellschaft genießen zu können ...«

»Nein, ich muß doch bitten, was für eine angenehme Gesellschaft? ... Ich bin nur ein unbedeutender Mensch und sonst nichts,« erwiderte Tschitschikow.

»Ach, Pawel Iwanowitsch! Lassen Sie mich ganz aufrichtig sein! Ich würde mit Freuden die Hälfte meines Vermögens hingeben, um nur einen Teil Ihrer großen Vorzüge zu besitzen!«

»Im Gegenteil, ich hätte vielmehr allen Anlaß, mich zu freuen ...«

Es läßt sich kaum sagen, wie dieser gegenseitige Gefühlserguß der beiden Freunde geendigt hätte, wenn nicht der Diener eingetreten wäre, um zu melden, das Essen sei aufgetragen.

»Darf ich bitten,« sagte Manilow.

»Sie werden entschuldigen, wenn wir Ihnen nicht mit einem Mittagessen aufwarten können, wie Sie es wohl in den Hauptstädten und in vornehmen Häusern gewohnt sind: bei uns ist's nur einfach, nach russischer Sitte, nichts wie Kohlsuppe, aber es kommt von Herzen. Bitte seien Sie so freundlich.«

Hierauf stritten sie sich noch eine Weile herum, wer zuerst eintreten solle, bis sich Tschitschikow endlich dazu entschloß und sich seitwärts durch die Tür drückte.

Im Speisezimmer warteten zwei Knaben, Manilows Söhne; sie befanden sich in dem Alter, wo man die Kinder schon am Tische mitessen, aber sie noch auf hohen Stühlen sitzen läßt. Neben ihnen stand der Hauslehrer, der sich höflich lächelnd verbeugte. Die Hausfrau setzte sich vor die Suppenterrine; der Gast mußte zwischen dem Hausherrn und der Hausfrau Platz nehmen, der Diener band den Kindern die Servietten vor.

»Was für reizende Knaben!« sagte Tschitschikow mit einem Blick auf die Kinder. »Wie alt sind sie?«

»Der ältere ist sieben Jahre, der jüngere ist gestern sechs Jahre alt geworden,« erklärte Frau Manilow.

»Themistokljus!« sagte Manilow und wandte sich an den älteren, der sein Kinn unter der Serviette hervorzuziehen suchte, die ihm der Diener vorgebunden hatte. Tschitschikow zog die Augenbrauen leicht in die Höhe, als er diesen halbgriechischen Namen hörte, dem Manilow aus einem unbekannten Grunde die Endung _jus_ gegeben hatte; aber er beeilte sich, seinem Gesicht sofort wieder den gewohnten Ausdruck zu verleihen.

»Themistokljus, sage mir doch, welches ist die schönste Stadt in Frankreich?«

Jetzt richtete der Lehrer seine ganze Aufmerksamkeit auf Themistokljus, als wolle er ihm in die Augen springen, aber schließlich beruhigte er sich wieder und nickte nur mit dem Kopf, als Themistokljus antwortete: »Paris.«

»Und welches ist bei uns die schönste Stadt?« fragte Manilow wieder.

Wieder heftete der Lehrer den Blick auf den Knaben.

»Petersburg!« antwortete Themistokljus.

»Und weiter?«

»Moskau,« sagte Themistokljus.

»Ein kluger Knabe! Brav, mein Junge!« sagte Tschitschikow. »Sagen sie bloß ...,« fuhr er fort, indem er sich mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens an Manilow wandte. »So jung und schon ein solches Wissen. Ich muß Ihnen gestehen, dieses Kind hat außerordentliche Fähigkeiten!«

»Oh, Sie kennen ihn noch nicht!« erwiderte Manilow, »er ist ungemein scharfsinnig. Bei dem Jüngeren, Alcid, geht es nicht so schnell, dieser dagegen ... wenn der irgend etwas bemerkt, einen Käfer oder ein Würmchen, da blitzen seine Augen nur so, gleich läuft er hin und merkt sich's. Ich will ihn die diplomatische Karriere ergreifen lassen. Themistokljus!« fuhr er fort, indem er sich wieder an den Knaben wandte, »willst du Gesandter werden?«

»Ja« antwortete Themistokljus, während er an seinem Brot kaute und mit dem Kopfe hin und her wackelte.

Jetzt aber wischte der hinter dem Stuhl stehende Diener dem Gesandten die Nase ab, und das war nötig, sonst wäre ihm ein großer, recht überflüssiger Tropfen in die Suppe gefallen. Das Gespräch wandte sich jetzt den Genüssen des stillen und zurückgezogenen Landlebens zu und wurde nur durch einige Bemerkungen der Hausfrau über das Stadttheater und die Schauspieler unterbrochen. Der Lehrer beobachtete die Sprechenden mit gespannter Aufmerksamkeit, und sowie er bemerkte, daß sie ihre Gesichter zu einem Lächeln verzogen, machte er seinen Mund weit auf und lachte krampfhaft. Wahrscheinlich hatte er ein dankbares Gemüt und wollte sich dem Hausherrn auf diese Weise für die gute Behandlung erkenntlich zeigen. Nur einmal machte er eine ernste Miene und klopfte streng auf den Tisch, wobei er seinen Blick auf die ihm gegenübersitzenden Kinder richtete. Und das hatte seinen guten Grund, denn Themistokljus hatte den Alcid ins Ohr gebissen, welcher die Augen zusammenkniff, den Mund weit öffnete und in ein klägliches Geschrei ausbrechen wollte; da er aber wohl ahnte, daß er dadurch um die süße Speise kommen würde, brachte er den Mund wieder in seine frühere Stellung und begann an seiner Hammelkeule zu nagen, während ihm die Tränen über die Wangen liefen, die nur so vom Fette glänzten.

Die Hausfrau wandte sich mehrmals mit folgenden Worten an Tschitschikow: »Sie essen ja gar nichts, Sie haben sich aber so wenig genommen,« worauf Tschitschikow regelmäßig versetzte: »Ich danke bestens, ich bin satt. Eine angenehme Unterhaltung schmeckt besser als der schönste Leckerbissen.« Dann stand man vom Tische auf. Manilow war äußerst zufrieden und wollte seinen Gast eben in den Salon geleiten, indem er ihm die Hand auf den Rücken legte und ihn sanft unterstützte, als Tschitschikow plötzlich mit höchst bedeutungsvoller Miene erklärte, er müsse ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen.

»Dann möchte ich Sie bitten, mir in mein Zimmer zu folgen,« versetzte Manilow und führte den Gast in ein kleines Gemach, dessen Fenster auf den bläulich schimmernden Wald hinausging. »Dies ist mein kleiner Winkel,« sagte Manilow.

»Ein freundliches Stübchen,« sprach Tschitschikow und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Dieses hatte in der Tat mancherlei Annehmlichkeiten: die Wände waren mit einer undefinierbaren Farbe, halb blau, halb grau angestrichen; das Ameublement bestand aus vier Stühlen, einem Lehnstuhl und dem Tisch, auf dem man das Buch mit dem eingelegten Lesezeichen, das wir schon bei Gelegenheit erwähnt haben, ein paar vollgeschriebene Bogen Papier und vor allem sehr viel Tabak erblickte. Der Tabak war in mancherlei Gestalt vertreten: in Form von Paketen, als Inhalt der Tabaksdose, oder er lag einfach in Häufchen auf dem Tische herum. Auf beiden Fensterbänken sah man auch ein paar Häuflein Pfeifenasche, die sorgfältig in hübschen und regelmäßigen Abständen angeordnet waren. Man hatte den Eindruck, daß diese Beschäftigung dem Hausherrn mitunter zum Zeitvertreib diente.

»Darf ich Sie bitten, in diesem Lehnstuhl Platz zu nehmen,« sagte Manilow. »Hier sitzen Sie bequemer.«

»Erlauben Sie mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen!«

»Erlauben Sie mir, Ihnen das nicht zu erlauben!« sagte Manilow lächelnd. »Dieser Lehnstuhl ist nun einmal für den Gast bestimmt. Ob Sie nun wollen oder nicht -- Sie müssen drin Platz nehmen!«

Tschitschikow setzte sich.

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Pfeife anbiete!«

»Nein danke, ich rauche nicht!« sagte Tschitschikow freundlich und wie bedauernd.

»Warum nicht?« fragte Manilow ebenfalls freundlich und mit dem Tone des Bedauerns.

»Ich bin es nicht gewöhnt und fürchte mich, es mir anzugewöhnen; man sagt, das Rauchen sei schlecht für die Gesundheit!«

»Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß dies ein Vorurteil ist. Ich bin sogar der Ansicht, daß das Pfeifenrauchen weit gesünder ist als das Tabakschnupfen. Wir hatten einen Leutnant in unserem Regiment, einen herrlichen, außerordentlich gebildeten Menschen, der legte die Pfeife nie aus dem Munde, und nicht nur bei Tisch, sondern mit Respekt zu sagen, auch nicht an anderen Orten. Und heute ist er bereits vierzig Jahre alt und Gott sei dank so gesund, wie nur möglich.«

Tschitschikow wandte ein, daß dies in der Tat vorkomme; überhaupt gäbe es viele Dinge in der Natur, die auch ein großer Geist nicht begreifen könne.

»Aber erlauben Sie mir, Ihnen zuvor eine Bitte vorzutragen ...« fuhr er mit einer Stimme fort, in der ein seltsamer, oder doch beinahe seltsamer Ausdruck lag, und dabei sah er sich aus irgend einem Grunde um. Auch Manilow sah sich um, ohne daß man hätte sagen können weshalb. »Wie lange ist es her, daß Sie die Revisionsliste zum letztenmal einreichten?«

»Ja, das ist schon sehr lange her, oder um die Wahrheit zu sagen, ich erinnere mich nicht mehr.«

»Sind Ihnen seitdem viele Bauern gestorben?«

»Das weiß ich leider nicht; darnach muß man den Verwalter fragen. Hollah! Bursch! Ruf doch den Verwalter, er muß heute hier sein.«