Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I

Part 25

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Während unsere beiden Damen eine so höchst verworrene und komplizierte Sache so glücklich und mit soviel Scharfsinn geklärt und entwirrt hatten, trat der Staatsanwalt mit seinem starren und ewig unbeweglichen Gesicht, den dichten Augenbrauen und dem blitzenden Auge in den Salon. Beide Damen teilten ihm sofort alle Neuigkeiten mit, erzählten ihm von dem Kauf der toten Seelen, von Tschitschikows Absicht, die Tochter des Gouverneurs zu entführen und redeten so lange auf ihn ein, bis er ganz konfus wurde. Verwirrt stand er auf demselben Fleck, blinzelte mit dem linken Augenlid, staubte sich mit einem Taschentuch den Tabak von seinem Bart ab, und verstand auch nicht ein Wort von dem, was er vernahm. In einer solchen Verfassung überließen ihn die Damen sich selbst und stürmten davon, jede in ihrer Richtung, um die Stadt in Aufruhr zu setzen. Dieses Unternehmen gelang ihnen in kaum mehr als einer halben Stunde. Die Stadt war in ihrem Innersten aufgewühlt, alles befand sich in wilder Gährung und bald begriff kein Mensch überhaupt noch etwas. Die Damen verstanden es, einen solchen Rauch und Nebel zu erzeugen, daß alle, besonders aber die Beamten, ihrer Sinne kaum noch mächtig waren. Ihre Lage glich im ersten Moment der eines Schuljungen, dem seine Kameraden während des Schlafes eine Papierdüte mit Tabak, oder wie man's bei uns nennt »einen Husaren« in die Nase gesteckt haben. Schnaufend und mit der ganzen Gewalt des Schnarchenden zieht der Schläfer den Tabak ein, erwacht, springt auf, sperrt die Augen auf, sieht sich nach allen Seiten um, wie ein Narr, und kann nicht begreifen, wo er sich befindet, und was mit ihm vorgeht; doch nun erkennt er die Mauer, auf die der schwache Lichtreflex eines Sonnenstrahles fällt, das Gelächter der Kameraden, die hinter der Ecke hervorgucken, das nahende Morgenlicht, das heiter durch das Fenster strahlt, den erwachenden Wald, aus dem tausende von Vogelstimmen wiedertönen, das in der Morgensonne erstrahlende Flüßchen, hie und da zwischen Schilfrohr versteckt, in dessen glänzender Flut sich unzählige feuchte Knabenleiber tummeln, und zum Bade laden -- und nun erst merkt er, daß ihm der Husar in der Nase steckt. Genau so war im ersten Moment die Lage der Bewohner und Beamten unserer Stadt. Ein jeder blieb stehen wie ein Hammel und sperrte die Augen weit auf. Die toten Seelen, die Tochter des Gouverneurs, und Tschitschikow; dies alles wogte und wirbelte in wunderlichster Weise in ihren Köpfen durcheinander; erst später, nachdem die erste Verwirrung sich gelegt hatte, fingen sie an diese verschiedenen Dinge einzeln voneinander zu unterscheiden, eins vom andern zu trennen, Rechenschaft zu fordern, und sie wurden zornig, als sie sahen, daß durchaus keine Klarheit über die ganze Angelegenheit zu gewinnen war. »Was ist denn das für eine Fabel, nein wirklich, was ist das für ein Gefasel von den toten Seelen? Wo bleibt denn da die Logik in dieser Geschichte mit den toten Seelen? Wie kann man denn tote Seelen kaufen? Wo gibt es denn einen solchen Esel, der so etwas täte? Und für was für ein unnützes Geld wird er sie denn kaufen? Und schließlich, wozu kann er diese toten Seelen bloß brauchen? Und dann: was hat nur die Tochter des Gouverneurs mit der Sache zu tun? Wenn er sie aber wirklich entführen wollte, warum sollte er zu diesem Zwecke der toten Seelen bedürfen? Und wenn er sich tote Seelen kaufen will, was braucht er dann die Tochter des Gouverneurs zu entführen? Wollte er ihr etwa die toten Seelen schenken? Was für einen Unsinn sie da in der Stadt verbreiten! Was ist das wieder für eine Ordnung: man darf sich kaum bewegen, dann werden sofort Geschichten über einen verbreitet ... Und wenn die Sache nur überhaupt irgend einen Sinn hätte! ... Andererseits aber muß doch etwas dahinter stecken, sonst wäre doch dies Gerücht nicht entstanden. Irgend einen Grund muß es doch haben. Aber was könnten die toten Seelen für ein Grund sein? Da fehlt es doch sogar an einem vernünftigen Grunde! Das ist doch wirklich fast so wie: »ein hölzernes Eisen«, »ein paar weichgekochte Stiefel« oder »ein gläserner Stelzfuß!« Mit einem Wort, man sprach, man klatschte, man tuschelte, und die ganze Stadt redete von nichts anderem als von den toten Seelen und von der Tochter des Gouverneurs, von Tschitschikow und von den toten Seelen, von der Tochter des Gouverneurs und von Tschitschikow, und alles kam in Bewegung. Wie ein Wirbelwind ging es durch die Stadt, die bisher in Schlaf versunken schien. Sämtliche Faullenzer und Stubenhocker, die jahrelang in ihren Schlafröcken hinter dem Ofen hockten und die Schuld bald auf den Schuster, der ihnen zu enge Stiefel gemacht hatte, bald auf den Schneider oder auf ihren betrunkenen Kutscher schoben, kamen aus ihren Höhlen gekrochen, all die, welche längst alle Beziehungen zu ihren Freunden und Bekannten abgebrochen hatten und nur noch mit den beiden Gutsbesitzern Herrn Bärenhäuter und Herrn Ofenhocker verkehrten (zwei berühmte Namen, die von den Ausdrücken »auf der Bärenhaut« liegen und »hinterm Ofen hocken« abgeleitet und bei uns sehr beliebt sind, ebenso wie die Redensart: Herrn Schnarchelaut und Schlummersüß einen Besuch abstatten jenen totenähnlichen Schlaf auf der Seite, auf dem Rücken und in allen möglichen anderen Lagen, bezeichnen soll, der von einem kräftigen Schnarchen, sanftem Zephyrsäuseln durch die Nase und allem sonstigen Zubehör begleitet ist); alle die, welche man nicht einmal durch die Aussicht auf eine teure Fischsuppe mit meterlangen Sterlets und allen nur erdenklichen Pasteten, die einem auf der Zunge zergehen, aus ihrem Hause locken konnte, kamen hervor; mit einem Worte, es zeigte sich, daß die Stadt menschenreich und groß war, und daß ein so lebhafter Verkehr in ihr herrschte, wie man es nur wünschen konnte. Es tauchten sogar ein Herr Ssyssoi Pafnutjewitsch und ein Herr Makdonald Karlowitsch auf, von denen man bis dahin noch nie etwas gehört hatte; in den Salons erschien plötzlich ein baumlanger Kerl mit einem durchschossenen Arm, ein wahrer Riese, von einer Größe, wie sie überhaupt noch nie dagewesen war. Auf den Straßen sah man gedeckte Wagen, vorsintflutliche Droschken, Klapperkästen, Rumpelkutschen -- und der Brei war eingerührt. Zu einer anderen Zeit und unter anderen Umständen hätten diese Gerüchte vielleicht gar keine Beachtung gefunden, aber die Stadt N. war schon lange ohne Neuigkeiten geblieben. Ja, es war während der letzten drei Monate so gut wie gar nichts passiert, was man in der Hauptstadt eine Kommerage oder eine Klatschgeschichte zu nennen pflegt und was bekanntlich für eine Stadt unter Umständen ebenso wichtig ist, wie die rechtzeitige Zufuhr der Lebensmittel. Die Bevölkerung der Stadt teilte sich plötzlich in zwei völlig entgegengesetzte Parteien, die zwei ganz verschiedene Standpunkte vertraten: die männliche und die weibliche. Der Standpunkt der Männer war ganz unvernünftig und töricht; sie legten das Hauptgewicht auf die toten Seelen. Die weibliche Partei beschäftigte sich dagegen ausschließlich mit der Entführung der Tochter des Gouverneurs. In dieser Partei -- zur Ehre der Damen sei es gesagt -- herrschte weit mehr Umsicht, Ordnung und Überlegung. Es ist offenbar schon mal Bestimmung der Frauen, gute Wirtinnen zu sein und überall für die richtige Ordnung zu sorgen. Bei ihnen nahm alles sehr bald ein bestimmtes lebendiges Ansehen, scharfe und handgreifliche Formen an, alles klärte sich und wurde durchsichtig und deutlich wie ein vollendetes scharf umrissenes Gemälde. Jetzt kam es an den Tag, daß Tschitschikow schon längst in jene Person verliebt war, daß sie sich im Garten beim Mondenschein getroffen, daß der Gouverneur Tschitschikow seine Tochter längst zur Frau gegeben hätte, weil jener reich wie ein Jude war, wenn nicht Tschitschikows Frau, die von ihm verlassen worden war, dazwischen gestanden hätte (woher man erfahren hatte, daß er verheiratet war, wußte niemand anzugeben), daß diese Frau, die eine hoffnungslose Liebe in ihrem Herzen hegte, einen rührenden Brief an den Gouverneur geschrieben, und daß sich Tschitschikow angesichts der entschiedenen Weigerung von Mutter und Vater, zu einer Entführung entschlossen habe. In manchen Häusern wurde diese Geschichte allerdings etwas anders erzählt: darnach hatte Tschitschikow überhaupt keine Frau, hätte aber als der feine und stets sicher gehende Mann, sich, da er die Tochter haben wollte, zunächst an die Mutter gemacht, und mit dieser eine kleine Herzensaffäre angebahnt, erst später habe er um die Hand der Tochter angehalten; die Mutter aber hätte gefürchtet, hier könne leicht ein Verbrechen geschehen, das den heiligen Geboten der Religion zuwiderlaufe und habe es ihm daher von Gewissensbissen gefoltert ganz kurz abgeschlagen, erst jetzt habe sich Tschitschikow dazu entschlossen, die Tochter zu entführen. Dazu kamen noch eine Menge von Aufklärungen und Richtigstellungen, deren Zahl um so mehr anwuchs, je weiter die Gerüchte sich verbreiteten und bis in die entlegensten Gassen und Winkel der Stadt eindrangen. Bei uns in Rußland haben auch die unteren Schichten der Gesellschaft eine große Vorliebe für Klatschgeschichten, die aus den vornehmen Kreisen kommen, so begann man denn bald auch in solchen Häusern von diesem Skandal zu reden, wo man Tschitschikow überhaupt nicht kannte, und so entstanden bald wiederum neue Erklärungen und Gerüchte. Der Gegenstand wurde jeden Augenblick interessanter, nahm mit jedem neuen Tage immer neue und bestimmtere Formen an und kam so schließlich in voller Bestimmtheit und Abgeschlossenheit der Frau Gouverneurin selbst zu Ohren. Die Gouverneurin fühlte sich, als Mutter einer Familie, und als erste Dame der Stadt, durch diese Geschichten aufs tiefste beleidigt, besonders da sie nichts derartiges auch nur vermutet hatte, und geriet in eine große und auch in jeder Beziehung berechtigte Empörung. Die arme Blondine hatte ein höchst unangenehmes Tete-a-tete mit ihr, wie es nur je ein sechzehnjähriges junges Mädchen zu überstehen hatte. Eine ganze Flut von Fragen, Verweisen, Vorwürfen, Ermahnungen und Drohungen ergoß sie über das arme Mädchen, sodaß diese in Tränen ausbrach und laut zu schluchzen begann, ohne ein einziges Wort von alledem zu verstehen; der Portier erhielt strengste Order Tschitschikow nie wieder und unter keinem Vorwande mehr vorzulassen.

Nachdem die Damen ihre Mission, soweit diese nämlich die Gouverneurin betraf, erfüllt hatten, nahmen sie sich die männliche Partei vor, um sie für sich zu gewinnen. Sie erklärten die Sache mit den toten Seelen für eine pure Erfindung, nur dazu geschaffen, um jeden Verdacht ablenken und so den Mädchenraub ungestört ausführen zu können. Viele von den Männern ließen sich bekehren und schlossen sich der Partei der Damen an, trotzdem sie sich dadurch dem Tadel und den Vorwürfen ihrer Genossen aussetzten, welche sie Pantoffelhelden und Weiberröcke nannten -- zwei Epitheta, die bekanntlich für das männliche Geschlecht einen recht kränkenden Sinn haben.