Sämmtliche Werke 1: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen I
Part 24
»Ja ein sehr heller lebhafter Stoff! Praskowja Fjodorowna findet aber, daß es hübscher aussehen würde, wenn die Karos noch etwas kleiner und die Pünktchen nicht braun, sondern blau wären. Ich habe meiner Schwester einen Stoff geschickt; der ist so entzückend! ich kann's gar nicht sagen! Denken Sie nur: ganz schmale schmale Streifchen, auf blauem Grunde, so schmal wie man sich's überhaupt nur vorstellen kann und zwischen zwei Streifen immer Äuglein und Pfötchen, Äuglein und Pfötchen .... Mit einem Wort, ganz herrlich! Man kann getrost behaupten, etwas Schöneres hat es noch nie auf der Welt gegeben.«
»Wissen Sie, Liebste, das wirkt zu bunt.«
»Oh nein! Gar nicht bunt!«
»Oh doch! Viel zu bunt!«
Hier muß ich einschalten, daß die in jeder Beziehung angenehme Dame in gewissem Sinne Materialistin war, eine starke Neigung zur Negation und zum Zweifel hatte und sehr vieles an diesem Leben verneinte.
Jetzt aber erklärte die bloß angenehme Dame, daß es durchaus nicht zu bunt sei, und rief: »Ach ja, ich gratuliere, man trägt keine Faltenbesätze mehr!«
»Wieso trägt man keine mehr?«
»Statt dessen werden jetzt nur noch Festons getragen!«
»Ach! Festons sind doch aber nicht hübsch!«
»Ja man trägt nur noch Festons, nichts wie Festons. Pelerinen aus Festons, auf den Ärmeln Festons, Aufsätze aus Festons, unten Festons, mit einem Wort überall Festons.«
»Das ist aber schade Sofja Iwanowna, Festons sind nicht hübsch!«
»Doch Anna Grigorjewna, sie machen sich reizend, ganz entzückend, man näht sie so: erst faltet man sie zweimal, läßt einen breiten Schlitz und oben ... Aber warten Sie, jetzt muß ich Ihnen etwas erzählen, worüber Sie sich wundern werden und sagen werden, daß ... Ja wundern Sie sich nur: die Taillen werden jetzt viel länger getragen, vorn laufen sie ein wenig spitz aus und das vordere Fischbein ragt ganz weit hervor; der Rock wird rings herum gerafft wie bei den alten Reifröcken, und sogar hinten ein wenig wattiert, ganz _à la belle femme_.«
»Nein, wissen Sie, das geht zu weit! Das muß ich denn doch sagen!« rief die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, machte eine empörte Kopfbewegung und richtete sich im Gefühl ihrer Würde stolz auf.
»Sehr richtig, das geht zu weit, das muß ich auch sagen!« antwortete die bloß angenehme Dame.
»Nein, Verehrteste, machen Sie was Sie wollen, aber da tue ich nicht mit!«
»Ich auch nicht ... Wenn man sich vorstellt, was nicht alles Mode wird ... da hört doch alles auf! Ich habe meine Schwester um den Schnitt gebeten, bloß so zum Scherz, wissen Sie. Meine Melanie ist eben am Nähen.«
»Was, Sie haben den Schnitt?« rief die in jeder Beziehung angenehme Dame aus, nicht ohne daß man ihr eine gewisse innere Bewegung angemerkt hätte.
»Natürlich. Meine Schwester hat ihn mitgebracht!«
»Herzchen, geben Sie ihn mir, bei allem, was Ihnen heilig ist!«
»Schade, ich habe ihn schon Proskowja Iwanowna versprochen. Vielleicht nach ihr?«
»Wer wird denn etwas tragen, was Proskowja Iwanowna schon getragen hat? Ich fände das sehr merkwürdig von Ihnen, wenn Sie eine Fremde ihrer nächsten Freundin vorzögen!«
»Aber sie ist doch meine Tante zweiten Grades?«
»Ach, was ist das für eine Tante. Sie sind doch nur durch Ihren Mann mit ihr verwandt ... Nein, Sofja Iwanowna, davon will ich gar nichts hören -- Sie wollen mich beleidigen, Sie haben mich wohl schon satt bekommen und wollen die Bekanntschaft mit mir abbrechen ...«
Die arme Sofja Iwanowna wußte garnicht, was sie anfangen sollte. Sie merkte sehr gut, in welch ein Kreuzfeuer sie geraten war. Das kam von der Wichtigtuerei! Sie hätte sich ihre dumme Zunge mit Nadeln zerstechen mögen.
»Nun, und was macht unser Galan?« fuhr jetzt die in jeder Beziehung angenehme Dame fort.
»Ach Gott, ach Gott. Und da sitze ich die ganze Zeit über mit Ihnen zusammen. Eine schöne Geschichte! Wissen Sie Anna Grigorjewna, was ich Ihnen für eine Neuigkeit mitgebracht habe?« Hier ging ihr der Atem aus, ein ganzer Schwall von Worten drängte sich ihr auf die Zunge wie eine Schar von Habichten, die wie ein Sturmwind dahinjagen und sich in schnellem Fluge zu überholen streben. Es gehörte schon die ganze unmenschliche Härte und Grausamkeit ihrer treusten Freundin dazu, um ihr an dieser Stelle ins Wort zu fallen.
»Loben Sie ihn und heben Sie ihn in den Himmel, soviel Sie wollen,« sagte sie mit einer ungewöhnlichen Lebhaftigkeit. -- »Und ich sage Ihnen -- ich will es ihm meinetwegen selbst ins Gesicht sagen: er ist ein nichtswürdiger Mensch; ein _nichts_würdiger, nichts_würdiger_ Mensch!«
»Ja aber hören Sie doch nur, was ich Ihnen mitzuteilen habe!«
»Da redet alle Welt davon, daß er schön sei, und dabei ist er nichts weniger als schön, nichts weniger -- seine Nase -- er hat eine geradezu widerwärtige Nase.«
»Aber lassen Sie mich, lassen Sie mich Ihnen doch erzählen, Herzchen, Anna Grigorjewna, so lassen Sie mich doch nur erzählen. Das ist ja eine ganze Geschichte, ich sage Ihnen, eine Geschichte >Bö kon apell istoar<,« sprach die Freundin mit dem Ausdruck vollkommenster Verzweiflung und mit flehender Stimme. -- Es ist vielleicht nicht überflüssig, bei dieser Gelegenheit zu erwähnen, daß beide Damen sehr viel fremde Worte und sogar lange französische Phrasen in ihr Gespräch einflochten. Aber so groß die Ehrfurcht ist, die der Verfasser für die französische Sprache hegt, wegen der heilsamen Folgen, die sie für unser Vaterland hat, so groß seine Achtung vor jener löblichen Sitte unserer besseren Kreise ist, welche diese Sprache zu allen Tageszeiten, natürlich nur aus innigster Liebe für ihr Vaterland, zu ihrer Verständigung gebrauchen, er kann es trotzdem nicht über sich gewinnen, einen Satz aus einer fremden Sprache in diese rein russische Dichtung hineinzunehmen, und so fahren wir denn auch russisch fort.
»Was für eine Geschichte?«
»Ach, meine liebste Anna Grigorjewna, wenn Sie sich bloß vorstellen könnten, in was für einer Lage ich mich befand! Denken Sie sich, da kommt heute die Oberpfarrerin, die Frau Oberpfarrer, die Frau des Vater Cyrill zu mir; na, und was denken Sie? unser sanfter Heinrich! Sie wissen schon: der neue Gast, ja was sagen Sie bloß zu ihm?«
»Wie? Er schneidet doch nicht am Ende der Frau Oberpfarrer die Kur?«
»Ach, je! Anna Grigorjewna! Das wäre noch nicht das schlimmste! Nein, hören Sie bloß, was die Frau Oberpfarrer mir erzählt hat! >Denken Sie sich,< sagte sie, >kommt da plötzlich die Gutsbesitzerin Karobotschka bleich wie der Tod zu mir gestürzt und erzählt mir, nein, Sie glauben garnicht, was die mir erzählt hat. Hören Sie doch nur, was die mir erzählt hat! Das ist ja der reinste Roman! Mitten in der Nacht, während im Hause schon alles schlief, hört sie plötzlich einen Höllenlärm, wie man ihn sich schlimmer garnicht denken kann; mit aller Gewalt wird ans Tor geklopft, und sie hört eine menschliche Stimme rufen: >Macht auf! Macht auf! Sonst stoß ich das Tor ein ...< Nun, wie gefällt Ihnen das? Was sagen Sie bloß zu unserm Galan?«
»Ja, ist denn die Karobotschka jung und hübsch?«
»Ach, was! Eine alte Schachtel!«
»Das sind aber schöne Geschichten! Also hat er sich wohl an die Alte rangemacht? Na, unsere Damen haben auch einen guten Geschmack, das kann man wohl sagen. Haben gerade den Rechten erwischt zum Verlieben!«
»Aber nicht doch, Anna Gregorjewna! Es ist ganz anders, wie Sie vermuten. Denken Sie sich, plötzlich steht er bis an die Zähne bewaffnet vor ihr, der reinste Rinaldo Rinaldini, und brüllt sie an: >Verkaufe mir die Seelen derer, die gestorben sind,< sagte er. Die Karobotschka antwortet natürlich ganz vernünftig: >Ich kann sie nicht verkaufen; sie sind doch schon tot.< -- >Nein,< ruft er, >sie sind nicht tot. Das ist meine Sache, zu wissen, ob sie tot sind oder nicht,< sagte er. >Sie sind nicht tot, sind nicht tot!< schreit er. >Sie sind nicht tot!< Mit einem Wort, er macht einen furchtbaren Skandal, das ganze Dorf läuft zusammen, die Kinder heulen, alles schreit durcheinander, kein Mensch versteht den andern, kurz: ein Orrörrr, Orrörrr, Orrörrr! Sie können sich garnicht vorstellen, Anna Grigorjewna, wie erschrocken ich war, als ich dies alles hörte. >Liebe gnädige Frau,< sagt meine Maschka zu mir. >Besehen Sie sich doch in dem Spiegel! Sie sind ganz bleich!< >Ach, jetzt ist mir nicht darum zu tun,< sage ich, >ich muß schnell zu Anna Grigorjewna hinfahren und es ihr erzählen.< Ich lasse sofort anspannen. Mein Kutscher Andruschka fragt mich, wohin er fahren soll, aber ich bringe kein Wort heraus und sehe ihm nur ganz blöde ins Gesicht. Ich glaube wahrhaftig, er hat gedacht, ich sei verrückt geworden. Ach, Anna Grigorjewna, wenn Sie sich nur vorstellen könnten, wie mich das aufgeregt hat!«
»Hm! Das ist sehr merkwürdig!« sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame. »Was hat das wohl zu bedeuten, das mit den toten Seelen? Ich muß gestehen, von dieser Geschichte verstehe ich nichts, rein garnichts. Jetzt höre ich bereits zum zweiten Male von diesen toten Seelen. Und da behauptet mein Mann, daß Nosdrjow lügt! Irgend etwas steckt sicher dahinter!«
»Nein, aber denken Sie sich bloß in meine Lage hinein, Anna Grigorjewna, wie mir zu Mute war, als ich das hörte!»Und jetzt,« sagt Karobotschka, »weiß ich gar nicht, was ich anfangen soll! Er hat mich gezwungen irgend eine falsche Urkunde zu unterschreiben,« sagt sie, »und mir dann fünfzehn Rubel in Papier auf den Tisch geworfen. Ich,« sagt sie, »bin eine unerfahrene hilflose Witwe und verstehe nichts von diesen Sachen.« Das ist 'ne Geschichte! Nein, wenn Sie sich bloß vorstellen könnten, wie mich das alles aufgeregt hat.«
»Nein, sagen Sie was Sie wollen! Hier handelt es sich nicht um die toten Seelen! Da steckt etwas ganz anderes dahinter.«
»Ich muß gestehen, ich dachte schon selbst daran,« sagte die bloß angenehme Dame ein wenig erstaunt. Sie wurde sofort von der heftigsten Begierde gepeinigt, zu erfahren, was wohl dahinter stecken könne, und daher sprach sie gedehnt: »Und was glauben Sie, was dahinter steckt?«
»Nun, was denken Sie wohl?«
»Was ich denke ...? Ich muß sagen ich stehe wie vor einem Rätsel.«
»Ich möchte aber doch wissen, was Sie sich wohl dabei gedacht haben?«
Allein der angenehmen Dame fiel nichts ein und daher schwieg sie. Sie konnte sich bloß über die Dinge aufregen, aber feine Vermutungen und Kombinationen aufzustellen, das war nicht ihre Sache, und daher empfand sie mehr als jede andere ein starkes Bedürfnis nach zärtlicher Freundschaft, Rat und Beistand.
»Nun gut, dann will ich es Ihnen sagen, was diese toten Seelen zu bedeuten haben,« sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame und ihre Freundin horchte auf und war ganz Ohr; ihre Ohren spitzten sich wie von selbst. Sie richtete sich im Sitzen auf, sodaß sie das Sofa kaum noch berührte und obwohl sie etwas kompakt war, wurde sie plötzlich beinahe schlank und leicht wie Federflaum, sodaß man hätte glauben können, ein noch so leichter Lufthauch müßte sie mit sich emportragen.
So scheint ein vornehmer russischer Junker, ein Hundefreund, Jäger und Draufgänger, wenn er sich dem Walde nähert, aus dem eben ein von den Treibern halb tot gehetzter Hase herausspringt, sich mit seinem Roß und der hocherhobenen Koppelpeitsche in der Hand in einem geronnenen Augenblick in ein Pulverfaß zu verwandeln, in das im nächsten Moment der zündende Funke fallen soll. Seine Augen möchten die trübe Luft durchbohren, und für das arme Tier gibts kein Entrinnen mehr. Er setzt ihm unaufhaltsam nach, und selbst wenn tausend wirbelnde Schneefelder sich gegen ihn erhöben, die ihm mit ganzen Garben silberner Sterne Mund und Augen, Schnurrbart, Augenbrauen und die kostbare Bibermütze überschütteten.
»Die toten Seelen ..« sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame.
»Wie? Was?« fuhr die Freundin ganz aufgeregt dazwischen.
»Die toten Seelen ...!«
»Ach so sprechen Sie doch, um Gottes Willen!«
»Sind eine bloße Erfindung und nichts wie ein Vorwand. Hier handelt es sich in Wahrheit um folgendes: er will die Tochter des Gouverneurs entführen.«
Diese Schlußfolgerung kam in der Tat sehr unerwartet und war in jeder Beziehung ungewöhnlich. Als die angenehme Dame dieses hörte, blieb sie wie versteinert auf ihrem Platze sitzen; sie erbleichte, wurde blaß wie der Tod, und geriet diesmal ernstlich in Aufregung. »Oh mein Gott!« rief sie, indem sie die Hände zusammenschlug: »das hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen!«
»Ich muß sagen, Sie hatten kaum den Mund aufgetan, da wußte ich schon, worum es sich handelt« antwortete die in jeder Beziehung angenehme Dame.
»Was soll man aber nach alledem von der Erziehung im Pensionat denken. Die liebe Unschuld!«
»Schöne Unschuld! Ich habe die Dinge reden hören! wahrhaftig ich hätte nicht den Mut gehabt, so etwas auszusprechen.«
»Wissen Sie, Anna Grigorjewna, es ist wirklich zu schmerzlich, wenn man sieht, wie weit heute die Unsittlichkeit geht!«
»Und die Herren sind ganz verschossen in sie. Ich dagegen muß gestehen, daß ich nichts an ihr finden kann.«
»Sie ist schrecklich affektiert, geradezu unerträglich affektiert.«
»Ach liebste Anna Grigorjewna, sie ist kalt wie ein Marmorbild, ohne den geringsten Ausdruck im Gesicht.«
»Nein, wie affektiert, wie schrecklich affektiert sie ist, Gott, wie affektiert! Wer sie das nur gelehrt haben mag? Aber ich habe noch nie ein Mädchen gesehen, das ein so geziertes Wesen gehabt hätte.«
»Liebste, Sie ist eine Marmorstatue, und bleich wie der Tod.«
»Ach, sagen Sie doch das nicht, Sofia Iwanowna, sie legt ja Rot auf, daß es 'ne Schande ist.«
»Nein, was sprechen Sie, Anna Grigorjewna; sie ist ja bleich wie Kreide, ganz wie Kreide.«
»Meine Liebe, ich habe doch neben ihr gesessen, die Schminke sitzt ihr ja fingerdick auf den Wangen, und bröckelt stückweise ab wie der Kalk von der Wand. Das hat sie von ihrer Mutter. Die ist selbst eine abgefeimte Kokette, aber die Tochter ist der Mutter noch über.«
»Nein, erlauben Sie, nein, sagen Sie selbst, wobei ich schwören soll, ich gebe gleich alles hin, meinen Mann, meine Kinder, all mein Hab und Gut, wenn sie auch nur ein bißchen, ein Fünkchen, auch nur einen Anflug von Farbe hat!«
»Ach, was reden Sie bloß, Sofia Iwanowna,« sagte die in jeder Beziehung angenehme Dame, und schlug die Hände zusammen.
»Nein, wie sonderbar Sie sind! wirklich, Anna Grigorjewna, ich sehe Sie bloß an und staune!« sagte die angenehme Dame, und schlug gleichfalls die Hände zusammen.
Der Leser darf sich nicht darüber wundern, daß beide Damen sich durchaus nicht über das einigen konnten, was sie doch fast zu gleicher Zeit gesehen hatten. Es gibt tatsächlich sehr viele Dinge auf der Welt, die diese merkwürdige Beschaffenheit haben; werden sie von _einer_ Dame betrachtet, so sind sie ganz weiß; betrachtet sie dagegen eine andre Dame, so sind sie ganz _rot_, rot wie Preißelbeeren.
»Nun, da haben Sie _noch_ einen Beweis dafür, daß sie blaß ist,« fuhr die angenehme Dame fort: »ich erinnere mich noch ganz deutlich, wie wenn es heute wäre, daß ich neben Manilow saß und zu ihm sagte: >Sehen Sie doch, wie bleich sie ist!< Wirklich, man muß schon so unvernünftig sein, wie unsere Herren, um sich für sie zu begeistern. Und unser Herr Galan ... Herrgott, wie er mir in diesem Augenblick widerwärtig war! Sie können sich garnicht vorstellen, wie er mir widerwärtig war!«
»Und doch gab es gewisse Damen, denen er nicht ganz gleichgültig war.«
»Meinen Sie mich, Anna Grigorjewna? Das können Sie doch wirklich nicht sagen. Niemals, niemals!«
»Ich spreche doch nicht von Ihnen, es gibt doch noch andre Frauen auf der Welt!«
»Niemals, niemals, Anna Grigorjewna. Erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich mich sehr gut kenne; das trifft mich wirklich nicht, aber vielleicht andre Damen, die sich den Schein der Unnahbarkeit zu geben suchen.«
»Nein, verzeihen Sie Sofia Iwanowna, bitte lassen Sie sich sagen, daß ich noch nie in eine solche Skandalgeschichte verwickelt war. So etwas mag vielleicht jeder andern begegnen, aber mir nicht, Sie müssen mir schon gestatten, Ihnen dieses zu bemerken.«
»Warum sind Sie denn so gekränkt? Außer Ihnen waren doch noch andre Damen anwesend, welche den Stuhl an der Türe zu allererst besetzen wollten, um möglichst nahe bei ihm zu sitzen.«
Man hätte meinen sollen, diese Worte der angenehmen Dame hätten unbedingt ein Ungewitter zur Folge haben müssen; aber merkwürdigerweise verstummten beide Damen ganz plötzlich, und der erwartete Sturm blieb aus. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erinnerte sich noch zur rechten Zeit, daß der Schnitt zum neuen Kleide noch nicht in ihrer Hand war, und die bloß angenehme Dame war sich darüber klar, daß sie noch gar keine Einzelheiten über die Entdeckung ihrer besten Freundin wußte, und daher schloß man sehr schnell wieder Frieden. Übrigens kann man nicht sagen, daß beide Damen von Natur das Bedürfnis hatten, sich Unannehmlichkeiten zu bereiten, auch hatten sie nicht eigentlich einen boshaften Charakter, es kam gleichsam ganz von selbst, daß sich während des Gespräches der fast unmerkliche Wunsch in ihnen regte, einander einen kleinen Hieb zu versetzen; da ereignete es sich denn zuweilen, daß es der einen von beiden eine kleine Freude machte, der Freundin bei Gelegenheit ein herzhaftes Wort zu sagen: »Da hast du's! nimm und friß es!« So verschieden sind Herzensbedürfnisse beim männlichen und weiblichen Geschlechte.
»Ich kann nur eins nicht verstehen,« sagte die bloß angenehme Dame, »wie Tschitschikow, der doch hier nur auf der Durchreise ist, sich zu einem so tollkühnen Abenteuer entschließen konnte. Er muß doch irgend welche Helfershelfer haben.«
»Und Sie glauben wohl er hat keine?«
»Und was meinen Sie, wer könnte ihm dabei helfen?«
»Nun, zum Beispiel -- Nosdrjow!«
»Glauben Sie wirklich -- Nosdrjow?«
»Warum nicht. Der ist doch zu allem fähig. Wissen Sie denn nicht, er hat seinen leiblichen Vater verkaufen oder richtiger am Kartentisch verspielen wollen.«
»Gott, was für interessante Neuigkeiten ich von Ihnen erfahre! Ich hätte nie gedacht, daß auch Nosdrjow in diese Geschichte verwickelt sei.«
»Und ich hab es mir gleich gedacht!«
»Wenn man denkt, was in der Welt alles vorfällt! Sagen Sie bloß, wer hätte es damals vermuten können, als Tschitschikow zum Besuch in unsere Stadt kam, daß er solche tolle Sprünge machen würde? Ach Anna Grigorjewna, wenn Sie wüßten, wie mich das aufregt! Wenn ich Sie nicht hätte, Ihre Freundschaft und Ihre Güte .... Ich stände wirklich wie vor einem Abgrund .... Wo sollte ich nur hin? Meine Maschka schaut mich an, sieht daß ich bleich bin wie der Tod, und sagt zu mir: >Liebe gnädige Frau, Sie sind ja bleich wie der Tod!< Und ich sage ihr noch: >Ach Maschka, mir gehen jetzt ganz andere Gedanken im Kopf herum!< Nein so etwas! Und der Nosdrjow steckt auch dahinter! Schöne Geschichte das!«
Die angenehme Dame brannte darauf, noch weitere Details über die Entführung d. h. etwas über den Tag, die Stunde und so weiter zu erfahren, aber sie verlangte zu viel. Die in jeder Beziehung angenehme Dame erklärte ganz einfach, sie wüßte nichts darüber. Und sie log niemals: eine kühne Hypothese aufstellen -- das war eine andre Sache, aber auch dies gelang ihr nur dann, wenn diese Hypothese auf einer tiefen inneren Überzeugung beruhte; war diese innere Überzeugung aber wirklich vorhanden, dann verstand es die Dame auch für sie einzustehen, da hätte es der größte Advokat, der berühmteste Wortfechter und Sieger über fremde Überzeugungen nur versuchen sollen, sich mit ihr im Wettkampfe zu messen --: hier hätte er erst gemerkt, was das bedeutet: eine innere Ueberzeugung.
Daß beide Damen zuletzt ganz fest davon überzeugt waren, was sie vordem auf die bloße Vermutung hin angenommen hatten, das ist durchaus nicht merkwürdig. Unser einer, mit einem Wort wir, die wir uns gescheidte Leute nennen, handeln doch genau ebenso, und der beste Beweis dafür sind unsere gelehrten Erörterungen. So ein Gelehrter geht zuerst auch an die Sache heran wie ein richtiger Gauner, er beginnt ganz vorsichtig und fast schüchtern mit einer ganz bescheidenen Frage: »Hat nicht dies Land seinen Namen von dorther, von jenem Winkel der Erde?« oder »Gehört nicht vielleicht diese Urkunde einer anderen, späteren Zeit an?« oder »Müssen wir nicht dies Volk für das und das Volk halten?« Hierauf zitiert er sofort den und den Schriftsteller des Altertums, kaum aber hat er irgend eine Anspielung entdeckt oder doch etwas was _er_ für eine Anspielung hält, so legt er auch schon im kühnen Galopp los, bekommt Mut, beginnt mit den alten Schriftstellern zu sprechen wie mit seinesgleichen, richtet Fragen an sie, die er sogar selbst in ihrem eigenen Namen beantwortet, und er hat plötzlich ganz vergessen, mit welch bescheidener Hypothese er angefangen hat; jetzt kommt es ihm schon so vor, als sähe er dies alles vor Augen, so klar ist es ihm jetzt und er beschließt seine Betrachtung mit den Worten: »Und so ist es gewesen. Dies Volk also war es. Das ist der Standpunkt, von dem aus dieser Gegenstand beurteilt werden muß!« Und dann wird es feierlich vom Katheder verkündet, daß alle es hören können -- und die neue Wahrheit spaziert in die Welt hinaus, um weitere Anhänger und Bewunderer zu gewinnen.