Part 2
Wie der Mond heute nacht aussieht! Es steckt Seltsames in ihm. Ist es nicht ein seltsames Bild? Es sieht aus wie ein wahnsinniges Weib, ein wahnsinniges Weib, das überall nach Buhlen sucht. Und nackt ist, ganz nackt. Die Wolken wollen seine Nacktheit bekleiden, aber das Weib läßt sie nicht. Es stellt sich nackt am Himmel zur Schau, wie ein betrunkenes Weib, das durch die Wolken taumelt . . . Gewiß, es sucht nach Buhlen. Sieht es nicht aus wie ein betrunkenes Weib? Es steckt heut etwas im Mond wie ein wahnsinniges Weib, nicht?
Herodias
Nein, der Mond ist wie der Mond, das ist alles. Wir wollen hineingehn . . . Wir haben hier nichts zu tun.
Herodes
Ich will hier bleiben! Manasseh, leg Teppiche hierher! Zündet Fackeln an! Bringt die Elfenbeintische heraus und die Tische von Jaspis! Die Luft ist süß hier. Ich will noch Wein mit meinen Gästen trinken. Wir müssen den Gesandten des Cäsar alle Ehren erweisen.
Herodias
Nicht um ihretwillen willst du bleiben.
Herodes
Doch; die Luft ist sehr süß. Komm, Herodias, unsere Gäste warten auf uns. Ah! Ich bin ausgeglitten! Ich bin in Blut getreten! Das ist ein böses Zeichen, das ist ein sehr böses Zeichen. Warum ist hier Blut? . . . Und dieser Tote? Was soll dieser Tote hier? Denkt ihr, ich sei wie der König von Ägypten, der seinen Gästen kein Fest gibt, ohne ihnen einen Leichnam zu zeigen? Wer ist der Tote? Ich will ihn nicht sehen.
Erster Soldat
Es ist unser Hauptmann, Herr. Es ist der junge Syrier, den Ihr erst vor drei Tagen zum Hauptmann der Leibwache ernannt habt.
Herodes
Ich erließ keinen Befehl, daß er getötet würde.
Erster Soldat
Er hat sich selbst getötet, Herr.
Herodes
Aus welchem Grund? Ich hatte ihn zum Hauptmann meiner Leibwache ernannt!
Zweiter Soldat
Wir wissen es nicht, Herr. Aber mit eigener Hand hat er sich getötet.
Herodes
Das scheint mir seltsam. Ich habe gedacht, nur die römischen Philosophen töteten sich selbst. Nicht wahr, Tigellinus, die Philosophen in Rom töten sich selbst?
Tigellinus
Es gibt dort einige, die sich selbst töten. Es sind die Stoiker. Die Stoiker sind Leute ohne Bildung. Es sind lächerliche Leute. Ich für meinen Teil halte sie für ganz und gar lächerlich.
Herodes
Ich auch. Es ist lächerlich, sich selbst zu töten.
Tigellinus
Alle Welt in Rom lacht über sie. Der Kaiser hat eine Satire gegen sie geschrieben. Man trägt sie überall vor.
Herodes
Ah! Er hat eine Satire gegen sie geschrieben? Cäsar ist erstaunlich. Er kann alles . . . Es ist seltsam, daß der junge Syrier sich getötet hat. Es tut mir leid, daß er sich getötet hat. Es tut mir sehr leid. Denn er war schön zu sehen. Er war sehr schön. Er hatte so schmachtende Augen. Ich erinnere mich, ich sah seine schmachtenden Augen, wenn er Salome ansah. Wahrhaftig, ich dachte: er sieht sie zuviel an.
Herodias
Es gibt noch andere, die sie zuviel ansehen.
Herodes
Sein Vater war ein König. Ich vertrieb ihn aus seinem Reich. Und seine Mutter, die eine Königin war, machtest du zur Sklavin, Herodias. Er war also sozusagen mein Gast, und darum ernannte ich ihn zu meinem Hauptmann. Es tut mir leid, daß er tot ist. He! Warum habt ihr den Leichnam hier liegen lassen? Er muß fortgebracht werden. Ich will ihn nicht sehen -- fort mit ihm! Sie tragen den Leichnam weg. Es ist kalt hier. Es weht ein Wind. Weht nicht ein Wind?
Herodias
Nein, es weht kein Wind.
Herodes
Ich sage euch, es weht ein Wind -- Und in der Luft höre ich etwas wie das Rauschen von Flügeln, wie das Rauschen von mächtigen Flügeln. Hört ihr es nicht?
Herodias
Ich höre nichts.
Herodes
Jetzt höre ich es nicht mehr. Aber ich habe es gehört. Es war das Wehen des Windes. Es ist vorüber. Horch, jetzt höre ich es wieder. Hört ihr es nicht? Es ist genau wie ein Rauschen von Flügeln.
Herodias
Ich sage dir, es ist nichts daran. Du bist krank. Wir wollen hineingehen.
Herodes
Ich bin nicht krank. Aber deine Tochter ist krank zu Tode. Niemals habe ich sie so blaß gesehen.
Herodias
Ich habe dir gesagt, du sollst sie nicht ansehen.
Herodes
Schenkt mir Wein ein. Es wird Wein gebracht. Salome, komm, trink Wein mit mir. Ich habe hier einen köstlichen Wein. Cäsar hat ihn mir selbst geschickt. Tauche deine kleinen roten Lippen hinein, dann will ich den Becher leeren.
Salome
Ich bin nicht durstig, Tetrarch.
Herodes
Hörst du, wie sie mir antwortet, diese deine Tochter?
Herodias
Sie hat recht. Warum stierst du sie immer an?
Herodes
Bringt reife Früchte. Es werden Früchte gebracht. Salome, komm, iß mit mir von diesen Früchten. Ich sehe den Abdruck deiner kleinen Zähne in einer Frucht so gern. Beiß nur ein wenig von dieser Frucht hier ab, dann will ich essen, was übrig ist.
Salome
Ich bin nicht hungrig, Tetrarch.
Herodes zu Herodias
Du siehst, wie du diese deine Tochter erzogen hast.
Herodias
Meine Tochter und ich stammen aus königlichem Blut. Du aber, weißt du, dein Vater war Kameltreiber! Dein Vater war ein Dieb und ein Räuber obendrein!
Herodes
Du lügst!
Herodias
Du weißt wohl, daß es wahr ist.
Herodes
Salome, komm, setz dich zu mir. Du sollst auf dem Thron deiner Mutter sitzen.
Salome
Ich bin nicht müde, Tetrarch.
Herodias
Du siehst, wie sie dich achtet.
Herodes
Bringt mir -- Was wünsch ich denn? Ich hab es vergessen. Ah! Ah! Ich erinnere mich.
Die Stimme des Jochanaan
Siehe, die Zeit ist gekommen! Was ich vorhersagte, ist eingetroffen. Der Tag, von dem ich sprach, ist da.
Herodias
Heiß ihn schweigen. Ich will seine Stimme nicht hören. Dieser Mensch beschimpft mich fortwährend.
Herodes
Er hat nichts gegen dich gesagt. Überdies ist er ein sehr großer Prophet.
Herodias
Ich glaube nicht an Propheten. Kann jemand sagen, was sich in Zukunft ereignen wird? Niemand weiß das. Auch beschimpft er mich fortwährend. Aber ich glaube, du hast Angst vor ihm. Ich weiß wohl, daß du Angst vor ihm hast.
Herodes
Ich habe keine Angst vor ihm. Ich habe vor niemand Angst.
Herodias
Ich sage dir, du hast Angst vor ihm. Wenn du keine Angst vor ihm hast, warum lieferst du ihn nicht den Juden aus, die seit sechs Monaten nach ihm schreien?
Ein Jude
Wahrhaftig, Herr, es wäre besser, ihn in unsere Hände zu geben.
Herodes
Genug davon. Ich habe euch meine Antwort schon gegeben. Ich werde ihn nicht in eure Hände geben. Er ist ein heiliger Mann. Er ist ein Mann, der Gott geschaut hat.
Ein Jude
Das kann nicht sein. Seit dem Propheten Elias hat niemand Gott gesehen. Er war der letzte, der Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut hat. In unseren Tagen zeigt Gott sich nicht. Gott verbirgt sich. Darum ist großes Übel über das Land gekommen.
Ein anderer Jude
In Wahrheit weiß niemand, ob Elias in der Tat Gott gesehen hat. Möglicherweise war es nur der Schatten Gottes, was er sah.
Ein dritter Jude
Gott ist zu keiner Zeit verborgen. Er zeigt sich zu allen Zeiten und an allen Orten. Gott ist in dem Schlimmen ebenso wie in dem Guten.
Ein vierter Jude
Du solltest das nicht sagen. Es ist eine sehr gefährliche Lehre. Es ist eine Lehre, die aus Alexandria kommt, wo die griechische Philosophie gelehrt wird. Und die Griechen sind Heiden. Sie sind nicht einmal beschnitten.
Ein fünfter Jude
Niemand kann sagen, wie Gott wirkt. Seine Wege sind sehr dunkel. Es kann sein, daß die Dinge, die wir schlimm nennen, gut sind, und daß die Dinge, die wir gut nennen, schlimm sind. Wir wissen von nichts etwas. Wir können nur unser Haupt unter seinen Willen beugen, denn Gott ist sehr stark. Er bricht den Starken in Stücke, wie den Schwachen, denn jeder gilt ihm gleich.
Erster Jude
Du sagst die Wahrheit. Fürwahr, Gott ist furchtbar. Er bricht den Starken und den Schwachen in Stücke, wie man Körner in einem Mörser zerreibt. Aber was diesen Menschen angeht, der hat Gott nie gesehen. Seit dem Propheten Elias hat niemand Gott gesehen.
Herodias
Heiß sie schweigen. Sie langweilen mich!
Herodes
Doch hab ich davon sprechen hören, Jochanaan sei in Wahrheit euer Prophet Elias.
Der Jude
Das kann nicht sein. Seit den Tagen des Propheten Elias sind mehr als dreihundert Jahre vergangen.
Herodes
Welche sagen, der Mann sei der Prophet Elias.
Ein Nazarener
Mir ist es sicher, daß er der Prophet Elias ist.
Der Jude
Keineswegs, es ist nicht der Prophet Elias.
Die Stimme des Jochanaan
Siehe, der Tag ist nahe, der Tag des Herrn, und ich höre auf den Bergen die Schritte Dessen, der der Erlöser der Welt sein wird.
Herodes
Was soll das heißen: der Erlöser der Welt?
Tigellinus
Es ist ein Titel, den Cäsar führt.
Herodes
Aber Cäsar kommt nicht nach Judäa. Erst gestern hatte ich Briefe von Rom. Es stand nichts von dieser Sache darin. Und Ihr, Tigellinus, Ihr wart ja den Winter über in Rom. Ihr habt nichts von dieser Sache gehört, was?
Tigellinus
Herr, ich habe nichts von der Sache gehört. Ich wollte nur den Titel erklären. Es ist einer von Cäsars Titeln.
Herodes
Aber Cäsar kann nicht kommen. Er wird zu sehr von der Gicht geplagt. Es heißt, seine Füße seien wie die eines Elefanten. Es sprechen auch politische Erwägungen mit. Wer Rom verläßt, hat Rom verloren. Er wird nicht kommen. Indessen, Cäsar ist der Herr, er wird kommen, wenn es ihm so beliebt. Trotzdem glaube ich, er wird nicht kommen.
Erster Nazarener
Herr, die Worte, die der Prophet sprach, haben sich nicht auf Cäsar bezogen.
Herodes
Wie? Nicht auf Cäsar bezogen?
Erster Nazarener
Nein, Herr.
Herodes
Auf wen bezogen sie sich denn?
Erster Nazarener
Auf den Messias, der gekommen ist.
Ein Jude
Der Messias ist nicht gekommen.
Erster Nazarener
Er ist gekommen, und allenthalben tut er Wunder.
Herodias
Oho! Wunder! Ich glaube nicht an Wunder. Ich habe ihrer zu viele gesehen. Zu dem Pagen: Meinen Fächer.
Erster Nazarener
Der Mann tut wirkliche Wunder. Zum Beispiel hat er bei einer Hochzeit, die in einer kleinen Stadt in Galiläa stattfand, Wasser in Wein verwandelt. Zuverlässige Leute, die dabei waren, haben es mir berichtet. Ferner heilte er zwei Aussätzige, die vor dem Tore von Kapernaum saßen, durch einfaches Berühren.
Zweiter Nazarener
Nein, zwei Blinde heilte er in Kapernaum.
Erster Nazarener
Nein, es waren Aussätzige. Aber er hat auch Blinde geheilt, und man hat ihn auf einem Berge im Gespräch mit Engeln gesehen.
Ein Sadduzäer
Es gibt keine Engel.
Ein Pharisäer
Es gibt Engel, aber ich glaube nicht, daß der Mann mit ihnen gesprochen hat.
Erster Nazarener
Eine große Menge Volkes hat ihn gesehen, wie er mit Engeln sprach.
Herodias
Wie diese Menschen mich langweilen! Sie sind lächerlich! Sie sind alle miteinander lächerlich. Zu dem Pagen: Nun! Mein Fächer? Der Page gibt ihr den Fächer. Du blickst drein wie ein Träumer. Du sollst nicht träumen. Nur kranke Menschen träumen. Sie schlägt den Pagen mit ihrem Fächer.
Zweiter Nazarener
Dann geschah ferner das Wunder mit der Tochter des Jairus.
Erster Nazarener
Jawohl, das ist gewiß. Niemand kann es bestreiten.
Herodias
Diese Menschen sind verrückt. Sie haben zu lange in den Mond gesehen. Befiehl ihnen, daß sie schweigen!
Herodes
Was ist das für ein Wunder mit der Tochter des Jairus?
Erster Nazarener
Die Tochter des Jairus war tot. Der Mann erweckte sie von den Toten.
Herodes
Wie! Er erweckt die Menschen vom Tode?
Erster Nazarener
Jawohl, Herr, er erweckt die Toten.
Herodes
Ich will nicht, daß er das tue. Ich verbiete ihm, das zu tun. Ich erlaube niemandem, die Toten zu erwecken. Der Mann muß gefunden werden, und man soll ihm sagen, daß ich ihm verbiete, die Toten zu erwecken. Wo ist der Mann zur Zeit?
Zweiter Nazarener
Herr, er ist überall, aber es ist schwer, ihn zu finden.
Erster Nazarener
Es heißt, er sei jetzt in Samaria.
Ein Jude
Man kann leicht sehen, daß er nicht der Messias ist, wenn er in Samaria ist. Nicht zu den Leuten von Samaria soll der Messias kommen. Die von Samaria sind verflucht. Sie bringen keine Opfer zum Tempel.
Zweiter Nazarener
Vor ein paar Tagen verließ er Samaria. Ich glaube, im Augenblick ist er in der Nähe von Jerusalem.
Erster Nazarener
Nein, dort ist er nicht. Ich bin erst aus Jerusalem gekommen. In zwei Monaten haben sie keine Nachricht von ihm gehabt.
Herodes
Tut nichts! Er soll gefunden werden, und man soll ihm sagen: So spricht Herodes, der König: "Ich will nicht dulden, daß du die Toten erweckest." -- Wasser in Wein verwandeln, Aussätzige und Blinde heilen . . . derlei Dinge mag er tun, wenn er will. Ich sage nichts gegen diese Dinge. In Wahrheit, ich halte es für eine gute Tat, einen Aussätzigen zu heilen. Aber niemand soll die Toten erwecken . . . Es müßte schrecklich sein, wenn die Toten wiederkämen.
Die Stimme des Jochanaan
O über dies geile Weib! Diese Hure! Ha! die Tochter Babylons mit ihren Goldaugen und ihren gleißenden Lidern! So sagt der Herr unser Gott: Eine Menge Menschen werden sich gegen sie sammeln. Und sie werden Steine nehmen und sie steinigen . . .
Herodias
Befiehl ihm, er soll schweigen!
Die Stimme des Jochanaan
Die Kriegshauptleute werden sie mit ihren Schwertern durchbohren, sie werden sie unter ihren Schilden zermalmen.
Herodias
Wahrhaftig, es ist schändlich!
Die Stimme des Jochanaan
Es ist so, daß ich alle Verruchtheit von der Erde austilgen werde, und daß alle Weiber lernen werden, nicht auf den Wegen ihrer Greuel zu wandeln.
Herodias
Du hörst, was er gegen mich sagt? Du duldest es, daß er die schmähe, die dein Weib ist!
Herodes
Er hat deinen Namen nicht genannt.
Herodias
Was tut das zur Sache? Du weißt wohl, daß ich es bin, die er zu schmähen sucht. Und ich bin dein Weib -- oder nicht?
Herodes
In der Tat, teure und vieledle Herodias, du bist mein Weib, und zuvor warst du das Weib meines Bruders.
Herodias
Nämlich du rissest mich aus seinen Armen.
Herodes
In der Tat war ich stärker als er . . . Aber wir wollen von dieser Sache nicht reden. Ich wünsche nicht, davon zu reden. Es handelt sich um die schrecklichen Worte, die der Prophet gesprochen hat. Am Ende bedeuten diese Worte, daß Schlimmes geschehen wird. Wir wollen von dieser Sache nicht reden. Edle Herodias, wir sind gegen unsere Gäste nicht aufmerksam. Füll du mein Glas, Vielgeliebte. He! Füllt die großen Pokale von Silber und die großen Pokale von Glas mit Wein. Ich will auf Cäsar trinken. Es sind Römer hier, wir müssen auf Cäsar trinken!
Alle
Cäsar! Cäsar!
Herodes
Siehst du nicht, wie blaß deine Tochter ist?
Herodias
Was kümmert es dich, ob sie blaß ist oder nicht?
Herodes
Nie hab ich sie so blaß gesehen.
Herodias
Du brauchst sie nicht anzusehen.
Die Stimme des Jochanaan
Es kommt ein Tag, da wird die Sonne finster werden wie ein schwarzes Tuch, und der Mond wird werden wie Blut, und die Sterne des Himmels werden auf die Erde fallen wie unreife Feigen vom Feigenbaum, und die Könige der Erde werden erzittern.
Herodias
Haha! Den Tag möcht ich sehen, von dem er spricht, wenn der Mond wie Blut wird und die Sterne wie unreife Feigen zur Erde fallen. Dieser Prophet schwatzt wie ein Betrunkener . . . aber ich kann den Klang seiner Stimme nicht ertragen. Ich hasse seine Stimme. Befiehl ihm, er soll schweigen.
Herodes
Ich will nicht. Ich kann nicht verstehen, was das sein soll, wovon er spricht, aber vielleicht ist es ein Zeichen.
Herodias
Ich glaube nicht an Zeichen. Er spricht wie ein Betrunkener.
Herodes
Kann sein, er ist trunken vom Weine Gottes.
Herodias
Was ist das für ein Wein, der Wein Gottes? Auf was für Weinbergen ist er gewachsen? In welcher Kelter findet man ihn?
Herodes
sieht von diesem Augenblicke ab fortwährend Salome an
Tigellinus, als Ihr jüngst in Rom wart, sprach der Kaiser mit Euch über . . . ?
Tigellinus
Worüber, Herr?
Herodes
Worüber? Ach, ich fragte Euch etwas, nicht? Ich habe vergessen, was ich Euch fragen wollte . . .
Herodias
Du fängst wieder an, meine Tochter anzusehn. Du sollst sie nicht ansehn. Ich habe es schon gesagt.
Herodes
Du sagst nichts anderes.
Herodias
Ich sage es nochmals.
Herodes
Und dann der Ausbau des Tempels, von dem sie so viel geredet haben, wird da etwas geschehn? Sie sagen, der Vorhang zum Allerheiligsten sei verschwunden, nicht wahr?
Herodias
Du hast ihn selber gestohlen. Du schwatzest in den Tag hinein und sinnloses Zeug. Ich will nicht hier bleiben. Wir wollen hineingehn.
Herodes
Tanz für mich, Salome.
Herodias
Ich will nicht haben, daß sie tanzt.
Salome
Ich habe keine Lust zu tanzen, Tetrarch.
Herodes
Salome, Tochter der Herodias, tanz für mich.
Herodias
Sei still! Laß sie in Frieden.
Herodes
Ich befehle dir zu tanzen, Salome.
Salome
Ich will nicht tanzen, Tetrarch.
Herodias lachend
Du siehst, wie sie dir gehorcht.
Herodes
Was kümmert es mich, ob sie tanzt oder nicht? Das gilt mir gleich. Heut nacht bin ich glücklich. Ich bin ausnehmend glücklich. Ich bin nie so glücklich gewesen . . .
Erster Soldat
Der Tetrarch blickt finster drein. Sieht er nicht finster drein?
Zweiter Soldat
Ja, er sieht finster drein.
Herodes
Warum sollte ich nicht glücklich sein? Cäsar, der der Herr der Welt ist, Cäsar, der der Herr über alles ist, liebt mich gar sehr. Er hat mir höchst kostbare Geschenke übersandt. Auch hat er mir versprochen, den König von Kappadozien, der mein Feind ist, nach Rom vorzuladen. Kann sein, daß er ihn in Rom ans Kreuz schlagen läßt, denn er ist imstande, alles zu tun, wonach ihm der Sinn steht. Cäsar ist in Wahrheit ein Herr. Darum tue ich wohl daran, glücklich zu sein. Ich bin sehr glücklich, nie bin ich so glücklich gewesen. Nichts in der Welt kann mein Glück stören.
Die Stimme des Jochanaan
Er wird auf seinem Throne sitzen. Er wird gekleidet sein in Scharlach und Purpur. In seiner Hand wird er einen goldenen Becher halten, der voll ist seiner Lästerungen. Und der Engel des Herrn wird ihn darniederschlagen. Er wird von den Würmern gefressen werden.
Herodias
Du hörst, was er über dich sagt. Er sagt, du wirst von den Würmern gefressen werden.
Herodes
Er spricht nicht von mir. Er spricht nie gegen mich. Er spricht von dem König von Kappadozien, der mein Feind ist. Der wird von den Würmern gefressen werden. Ich bin es nicht. Nie hat er ein Wort gegen mich gesprochen, dieser Prophet, außer, daß ich sündigte, als ich das Weib meines Bruders zum Weibe nahm. Kann sein, er hat recht. Denn in der Tat, du bist unfruchtbar.
Herodias
Ich bin unfruchtbar, ich? Das sagst du, du, der fortwährend meine Tochter ansieht, du, der sich an ihrem Tanze weiden möchte? Du sprichst wie ein Narr. Ich habe ein Kind geboren. Du hast kein Kind gezeugt, nein, nicht mit einer einzigen deiner Sklavinnen. An dir liegt es, nicht an mir!
Herodes
Still, Weib! Ich sage, du bist unfruchtbar. Du hast mir kein Kind geboren, und der Prophet sagt, daß unsere Ehe keine rechte Ehe ist. Er sagt, daß es eine Ehe der Blutschande ist, eine Ehe, die Unheil bringen wird . . . Ich fürchte, er hat recht; es ist mir sicher, daß er recht hat. Aber es ist nicht die Stunde, von diesen Dingen zu sprechen. Ich möchte glücklich sein heute. Wahrhaftig, ich bin glücklich. Es gibt nichts, was ich misse.
Herodias
Ich bin froh, daß du heut nacht so gut gelaunt bist. Es kommt nicht oft vor bei dir. Aber es ist spät. Wir wollen hineingehen. Vergiß nicht, daß wir bei Sonnenaufgang zur Jagd gehen. Alle Ehren müssen Cäsars Gesandten erwiesen werden, nicht?
Zweiter Soldat
Der Tetrarch blickt finster drein.
Erster Soldat
Ja, er blickt finster drein.
Herodes
Salome, Salome, tanz für mich. Ich bitte dich, tanz für mich. Ich bin traurig heut nacht. Als ich hierher kam, bin ich in Blut getreten, und das ist ein böses Zeichen; auch hört ich in der Luft ein Rauschen von Flügeln, ein Rauschen von riesengroßen Flügeln. Ich weiß nicht, worauf das deuten mag . . . Ich bin traurig heut nacht. Drum tanz für mich. Tanz für mich, Salome, ich bitte gar sehr. Wenn du für mich tanzest, kannst du von mir begehren, was du willst, ich werde es dir geben. Ja, tanz für mich, Salome, und was du immer von mir begehren magst, das will ich dir geben, und wär’s die Hälfte meines Königreichs.
Salome steht auf
Willst du mir wirklich alles geben, was ich von dir begehre, Tetrarch?
Herodias
Tanze nicht, meine Tochter!
Herodes
Alles, was du von mir begehren wirst, und wär’s die Hälfte meines Königreichs.
Salome
Du schwörst es, Tetrarch?
Herodes
Ich schwöre es, Salome!
Herodias
Tanze nicht, meine Tochter!
Salome
Wobei willst du das beschwören, Tetrarch?
Herodes
Bei meinem Leben, bei meiner Krone, bei meinen Göttern. Verlange, was du willst, ich will es dir geben, und wär’s die Hälfte meines Königreichs, wenn du nur für mich tanzen willst. O Salome, Salome, tanz für mich!
Salome
Du hast einen Eid geschworen, Tetrarch!
Herodes
Ich habe einen Eid geschworen!
Herodias
Meine Tochter, tanze nicht!
Herodes
Und wär’s die Hälfte meines Königreichs. Du wirst unermeßlich schön sein als Königin, Salome, wenn es dir gefällt, die Hälfte meines Königreichs zu begehren. Wird sie nicht schön sein als Königin? Ah, es ist kalt hier! Es geht ein eisiger Wind und ich höre . . . warum hör ich in der Luft dies Rauschen von Flügeln? Ah! Es ist doch so, als ob ein ungeheurer schwarzer Vogel über die Terrasse schwebte. Warum kann ich ihn nicht sehen, diesen Vogel? Das Rauschen seiner Flügel ist schrecklich. Der sausende Wind von diesen Flügelschlägen ist schrecklich. Es ist ein schneidender Wind. Aber nein, er ist nicht kalt, er ist heiß. Es ist zum Ersticken. Gießt mir Wasser über die Hände. Gebt mir Schnee zu essen. Macht mir den Mantel los! Schnell, schnell, macht mir den Mantel los! Doch nein, laßt ihn. Mein Kranz drückt mich, die Rosen meines Kranzes. Die Blumen sind wie Feuer. Sie haben mir die Stirn verbrannt. Er reißt das Gewinde vom Kopf und wirft es auf den Tisch. Ah! Jetzt kann ich atmen. Wie rot diese Rosenblätter sind! Sie sind wie Blutflecken auf einem Gewande. Doch lassen wir’s. Es ist töricht, in allem, was man sieht, nach Bedeutung zu spüren. Es bringt zu viel Entsetzen ins Leben. Es wäre besser zu sagen, daß Blutflecken so lieblich wie Rosenblätter sind. Es wäre ferner besser zu sagen, daß . . . Aber wir wollen nicht davon sprechen. Ich bin jetzt glücklich. Ich bin über die Maßen glücklich. Hab ich nicht das Recht, glücklich zu sein? Deine Tochter will für mich tanzen. Wirst du nicht für mich tanzen, Salome? Du hast versprochen, für mich zu tanzen.
Herodias
Ich will nicht haben, daß sie tanzt.
Salome
Ich will für dich tanzen, Tetrarch.
Herodes
Du hörst, was deine Tochter sagt. Sie will für mich tanzen. Du tust recht, wenn du für mich tanzest, Salome. Und wenn du für mich getanzt hast, vergiß nicht, von mir zu begehren, was zu begehren dir in den Sinn kommen mag. Alles, was du verlangst, werde ich dir geben, und wär’s die Hälfte meines Königreichs. Ich habe es geschworen -- oder nicht?
Salome
Du hast es geschworen, Tetrarch.
Herodes
Und ich habe immer mein Wort gehalten. Ich bin keiner von denen, die ihre Eide brechen. Ich verstehe mich nicht aufs Lügen. Ich bin der Sklave meines Worts, und mein Wort ist das Wort eines Königs. Der König von Kappadozien trug immer Lügen im Mund, aber er ist kein echter König. Er ist ein Wicht. Er schuldet mir auch Geld, das er nicht heimzahlt. Er hat sogar meine Gesandten beleidigt. Er hat Worte gesprochen, die kränkend waren. Aber Cäsar wird ihn ans Kreuz schlagen lassen, wenn er nach Rom kommt. Ich weiß, Cäsar wird ihn kreuzigen lassen. Und wenn er ihn nicht kreuzigen läßt, wird er doch sterben und von den Würmern gefressen werden. Der Prophet hat es prophezeit. Nun! Warum zögerst du, Salome?
Salome
Ich warte, bis meine Sklavinnen mir Salben und die sieben Schleier bringen und die Sandalen von meinen Füßen lösen.
Sklavinnen bringen Salben und die sieben Schleier und nehmen Salome die Sandalen ab.
Herodes
Ah, du wirst mit nackten Füßen tanzen! ’s ist gut! ’s ist gut! Deine kleinen Füße werden wie weiße Tauben sein. Sie werden wie kleine weiße Blumen sein, die auf den Bäumen tanzen . . . Nein, nein, sie wird auf Blut tanzen!
Da auf dem Boden ist Blut vergossen! Sie soll nicht auf Blut tanzen! Es wäre ein böses Zeichen.
Herodias