Salome: Tragödie in Einem Akt

Part 1

Chapter 13,869 wordsPublic domain

Oscar Wilde

Salome

Mit den Zeichnungen von

Aubrey Beardsley

Insel-Bücherei Nr. 247

SALOME

TRAGÖDIE

IN EINEM AKT

VON

OSCAR WILDE

IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG

SALOME

PERSONEN DES SPIELS

HERODES ANTIPAS, Tetrarch von Judäa

JOCHANAAN, der Prophet

DER JUNGE SYRIER, Hauptmann der Wache

TIGELLINUS, ein junger Römer

EIN KAPPADOZIER -- EIN NUBIER

ERSTER SOLDAT -- ZWEITER SOLDAT

DER PAGE DER HERODIAS

EIN SKLAVE

JUDEN -- NAZARENER

NAAMAN, der Scharfrichter

HERODIAS, Gemahlin des Tetrarchen

SALOME, Tochter der Herodias

DIE SKLAVINNEN DER SALOME

Eine große Terrasse im Palast des Herodes, die an den Bankettsaal stößt. Einige Soldaten lehnen sich über die Brüstung. Rechts eine mächtige Treppe, links im Hintergrund eine alte Zisterne mit einer Einfassung aus grüner Bronze. Der Mond scheint sehr hell.

Der junge Syrier

Wie schön ist die Prinzessin Salome heute nacht!

Der Page der Herodias

Sieh die Mondscheibe! Wie seltsam sie aussieht. Wie eine Frau, die aus dem Grab aufsteigt. Wie eine tote Frau. Man könnte meinen, sie blickt nach toten Dingen aus.

Der junge Syrier

Sie ist sehr seltsam. Wie eine kleine Prinzessin, die einen gelben Schleier trägt und deren Füße von Silber sind. Wie eine kleine Prinzessin, deren Füße weiße Tauben sind. Man könnte meinen, sie tanzt.

Der Page der Herodias

Wie eine Frau, die tot ist. Sie gleitet langsam dahin.

Lärm im Bankettsaal.

Erster Soldat

Was für ein Aufruhr! Was sind das für wilde Tiere, die da heulen?

Zweiter Soldat

Die Juden. Sie sind immer so. Sie streiten über ihre Religion.

Erster Soldat

Warum streiten sie über ihre Religion?

Zweiter Soldat

Ich weiß es nicht. Sie tun das immer. Die Pharisäer zum Beispiel sagen, daß es Engel gibt, und die Sadduzäer behaupten, daß es keine gibt.

Erster Soldat

Ich finde es lächerlich, über solche Dinge zu streiten.

Der junge Syrier

Wie schön ist die Prinzessin Salome heute abend!

Der Page der Herodias

Du siehst sie immer an. Du siehst sie zuviel an. Es ist gefährlich, Menschen auf diese Art anzusehn. Schreckliches kann geschehen.

Der junge Syrier

Sie ist sehr schön heute abend.

Erster Soldat

Der Tetrarch sieht finster drein.

Zweiter Soldat

Ja, er sieht finster drein.

Erster Soldat

Er blickt auf etwas.

Zweiter Soldat

Er blickt auf jemanden.

Erster Soldat

Auf wen blickt er?

Zweiter Soldat

Ich weiß nicht.

Der junge Syrier

Wie blaß die Prinzessin ist. Niemals habe ich sie so blaß gesehen. Sie ist wie der Schatten einer weißen Rose in einem silbernen Spiegel.

Der Page der Herodias

Du mußt sie nicht ansehn. Du siehst sie zuviel an.

Erster Soldat

Herodias hat den Becher des Tetrarchen gefüllt.

Der Kappadozier

Ist das die Königin Herodias dort mit dem perlenbesetzten schwarzen Kopfputz und dem blauen Puder im Haar?

Erster Soldat

Ja, das ist Herodias, die Frau des Tetrarchen.

Zweiter Soldat

Der Tetrarch liebt den Wein sehr. Er hat drei Sorten Wein. Den einen bringt man von der Insel Samothrake, er ist purpurn wie der Mantel des Cäsar.

Der Kappadozier

Ich habe Cäsar nie gesehn.

Zweiter Soldat

Der zweite kommt aus einer Stadt namens Zypern und ist gelb wie Gold.

Der Kappadozier

Ich liebe Gold.

Zweiter Soldat

Und der dritte ist ein Wein aus Sizilien. Dieser Wein ist rot wie Blut.

Der Nubier

Die Götter meines Landes lieben Blut sehr. Zweimal im Jahre opfern wir ihnen Jünglinge und Jungfrauen: fünfzig Jünglinge und fünfzig Jungfrauen. Aber ich fürchte, wir geben ihnen nie genug, denn sie sind sehr hart gegen uns.

Der Kappadozier

In meinem Lande sind keine Götter mehr. Die Römer haben sie ausgetrieben. Einige sagen, sie hielten sich in den Bergen versteckt, aber ich glaube es nicht. Drei Nächte bin ich in den Bergen gewesen und habe sie überall gesucht. Ich fand sie nicht, und zuletzt rief ich sie beim Namen, aber sie kamen nicht. Sie sind wohl tot.

Erster Soldat

Die Juden beten einen Gott an, den man nicht sehen kann.

Der Kappadozier

Ich kann das nicht verstehen.

Erster Soldat

Wirklich, sie glauben nur an Dinge, die man nicht sehen kann.

Der Kappadozier

Das finde ich ganz und gar lächerlich.

Die Stimme des Jochanaan

Nach mir wird einer kommen, der ist stärker als ich. Ich bin nicht wert, ihm die Riemen an seinen Schuhen zu lösen. Wenn er kommt, werden die verödeten Stätten frohlocken. Sie werden aufblühen wie die Rosen. Die Augen der Blinden werden den Tag sehen, und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Das Kind wird an der Höhle des Drachen spielen, es wird die Löwen an ihren Mähnen führen.

Zweiter Soldat

Heiß ihn schweigen! Er sagt immer lächerliche Dinge.

Erster Soldat

Nein, nein, er ist ein heiliger Mann. Und er ist sehr sanft. Jeden Tag, wenn ich ihm zu essen gebe, dankt er mir.

Der Kappadozier

Wer ist es?

Erster Soldat

Ein Prophet.

Der Kappadozier

Wie ist sein Name?

Erster Soldat

Jochanaan.

Der Kappadozier

Woher kommt er?

Erster Soldat

Aus der Wüste, wo er sich von Heuschrecken und wildem Honig nährte. Er trug ein Kleid von Kamelhaaren und um die Lenden einen ledernen Gürtel. Er war sehr schrecklich anzusehn. Eine große Schar war immer um ihn. Er hatte auch Jünger, die ihm folgten.

Der Kappadozier

Wovon redet er?

Erster Soldat

Das kann man nie wissen. Manchmal sagt er Dinge, die einen erschrecken, aber es ist unmöglich zu verstehen, was er sagt.

Der Kappadozier

Kann man ihn sehen?

Erster Soldat

Nein, der Tetrarch hat es verboten.

Der junge Syrier

Die Prinzessin verbirgt ihr Gesicht hinter dem Fächer. Ihre kleinen weißen Hände flattern wie Tauben, wenn sie in den Schlag fliegen. Sie sind wie weiße Schmetterlinge. Sie sind genau wie weiße Schmetterlinge.

Der Page der Herodias

Was geht es dich an? Warum siehst du sie an? Du sollst sie nicht ansehn . . . Schreckliches kann geschehen.

Der Kappadozier auf die Zisterne zeigend

Ein sonderbares Gefängnis.

Zweiter Soldat

Es ist eine alte Zisterne.

Der Kappadozier

Eine alte Zisterne? Das muß ein mörderischer Ort zum Wohnen sein.

Zweiter Soldat

O nein! Zum Beispiel, des Tetrarchen Bruder, sein älterer Bruder, der erste Mann der Königin Herodias, war da zwölf Jahre gefangen. Es hat ihn nicht umgebracht. Nach Verlauf der zwölf Jahre mußte man ihn erdrosseln.

Der Kappadozier

Erdrosseln? Wer wagte das?

Zweiter Soldat

deutet auf den Henker, einen riesigen Neger

Der Mann dort, Naaman.

Der Kappadozier

Fürchtete er sich nicht?

Zweiter Soldat

O nein, der Tetrarch sandte ihm den Ring.

Der Kappadozier

Was für einen Ring?

Zweiter Soldat

Den Todesring. Da fürchtete er sich nicht.

Der Kappadozier

Es ist aber doch etwas Schreckliches, einen König zu erdrosseln.

Erster Soldat

Wieso? Könige haben auch nur einen Hals wie andere Leute.

Der Kappadozier

Ich finde es schrecklich.

Der junge Syrier

Die Prinzessin erhebt sich! Sie verläßt die Tafel. Sie ist sehr erregt. Sie kommt hierher. Ja, sie kommt auf uns zu. Wie blaß sie ist. Ich habe sie nie so blaß gesehn.

Der Page der Herodias

Sieh sie nicht an. Ich bitte dich, sieh sie nicht an.

Der junge Syrier

Sie ist wie eine Taube, die sich verirrt hat . . . Sie ist wie eine Narzisse, die im Winde zittert . . . Sie ist wie eine silberne Blume.

Salome tritt ein.

Salome

Ich will nicht bleiben. Ich kann nicht bleiben. Warum sieht mich der Tetrarch fortwährend so an mit seinen Maulwurfsaugen unter den zuckenden Lidern? Es ist seltsam, daß der Mann meiner Mutter mich so ansieht. Ich weiß nicht, was es heißen soll. In Wahrheit -- ich weiß es nur zu gut.

Der junge Syrier

Ihr habt das Fest verlassen, Prinzessin?

Salome

Wie süß die Luft hier ist! Hier kann ich atmen. Da drinnen sitzen Juden aus Jerusalem, die sich einander über ihre närrischen Gebräuche in Stücke reißen, und Barbaren, die trinken und trinken und ihren Wein auf den Estrich schütten, und Griechen aus Smyrna mit bemalten Augen und Backen, mit ihrem gekräuselten Haar und ihren Säulenlocken, und schweigsame, listige Ägypter mit langen Achatnägeln und rostbraunen Mänteln, und brutale ungeschlachte Römer mit ihrer plumpen Sprache. O, wie ich diese Römer hasse! Sie sind grob und gemein und geben sich das Ansehen, als ob sie Fürsten wären.

Der junge Syrier

Wollt Ihr nicht sitzen, Prinzessin?

Der Page der Herodias

Warum sprichst du zu ihr? O, es wird Schreckliches geschehen. Warum siehst du sie an?

Salome

Wie gut ist es, in den Mond zu sehen. Er ist wie eine silberne Blume. Kühl und keusch. Wie eine Jungfrau. Ja, wie die Schönheit einer Jungfrau. Gewiß, wie eine Jungfrau, die rein geblieben ist. Die sich nie Männern preisgegeben hat wie die andern Göttinnen.

Die Stimme des Jochanaan

Siehe! Der Herr ist gekommen. Des Menschen Sohn ist nahe. Die Zentauren haben sich in die Ströme geflüchtet, und die Nymphen haben die Ströme verlassen und liegen unter den Blättern des Waldes begraben.

Salome

Wer war das, der hier gerufen hat?

Zweiter Soldat

Der Prophet, Prinzessin.

Salome

Ach, der Prophet! Der, vor dem der Tetrarch Angst hat?

Zweiter Soldat

Wir wissen davon nichts, Prinzessin. Es war der Prophet Jochanaan, der gerufen hat.

Der junge Syrier

Beliebt es Euch, daß ich Eure Sänfte holen lasse, Prinzessin? Die Nacht ist schön im Garten.

Salome

Er sagt schreckliche Dinge über meine Mutter, nicht wahr?

Zweiter Soldat

Wir verstehen nie, was er sagt, Prinzessin.

Salome

Ja, er sagt schreckliche Dinge über sie.

Ein Sklave tritt ein.

Der Sklave

Prinzessin, der Tetrarch ersucht Euch, wieder zum Fest hineinzugehn.

Salome

Ich will nicht hineingehn.

Der junge Syrier

Verzeihung, Prinzessin, aber wenn Ihr nicht hineingeht, kann Schlimmes geschehen.

Salome

Ist dieser Prophet ein alter Mann?

Der junge Syrier

Prinzessin, es wäre besser, hineinzugehen. Gestattet, daß ich Euch führe.

Salome

Ist der Prophet ein alter Mann?

Erster Soldat

Nein, Prinzessin, er ist ganz jung.

Zweiter Soldat

Man kann es nicht sicher wissen. Welche sagen, es sei Elias.

Salome

Wer ist Elias?

Zweiter Soldat

Ein Prophet dieses Landes aus vergangenen Tagen, Prinzessin.

Der Sklave

Welche Antwort soll ich dem Tetrarchen von der Prinzessin bringen?

Die Stimme des Jochanaan

Jauchze nicht, du Land Palästina, weil der Stab dessen, der dich schlug, zerbrochen ist. Denn aus dem Samen der Schlange wird ein Basilisk kommen, und seine Brut wird die Vögel verschlingen.

Salome

Welch seltsame Stimme! Ich möchte mit ihm sprechen.

Erster Soldat

Ich fürchte, das kann nicht sein, Prinzessin. Der Tetrarch duldet nicht, daß irgendwer mit ihm spricht. Er hat selbst dem Hohepriester verboten, mit ihm zu sprechen.

Salome

Ich wünsche mit ihm zu sprechen.

Erster Soldat

Es ist unmöglich, Prinzessin.

Salome

Ich will mit ihm sprechen.

Der junge Syrier

Wäre es nicht besser, wieder zum Bankett zu gehen?

Salome

Bringt diesen Propheten heraus.

Der Sklave geht ab.

Erster Soldat

Wir dürfen nicht, Prinzessin.

Salome tritt an die Zisterne heran und blickt hinunter

Wie schwarz es da drunten ist! Es muß schrecklich sein, in so einer schwarzen Höhle zu leben. Es ist wie eine Gruft . . . Zu den Soldaten: Habt ihr nicht gehört? Bringt den Propheten heraus. Ich möchte ihn sehen.

Zweiter Soldat

Prinzessin, ich bitte Euch, verlangt das nicht von uns.

Salome

Ich soll wohl warten, bis es euch beliebt?

Erster Soldat

Prinzessin, unser Leben gehört Euch, aber wir können nicht tun, was Ihr von uns begehrt. Und Ihr solltet das wirklich von uns nicht verlangen.

Salome einen Blick auf den jungen Syrier werfend

Ah!

Der Page der Herodias

O, was wird geschehen? Ich weiß, es wird Schreckliches geschehen.

Salome tritt an den jungen Syrier heran

Du wirst das für mich tun, Narraboth, nicht wahr? Du wirst das für mich tun. Ich war dir immer gewogen. Du wirst es für mich tun. Ich möchte ihn bloß sehen, diesen seltsamen Propheten. Die Leute haben so viel von ihm gesprochen. Ich habe den Tetrarchen oft von ihm sprechen hören. Ich glaube, der Tetrarch hat Angst vor ihm. Hast du auch Angst vor ihm, Narraboth, du auch?

Der junge Syrier

Ich fürchte ihn nicht, Prinzessin; ich fürchte niemanden. Aber der Tetrarch hat es ausdrücklich verboten, daß irgendwer den Deckel zu diesem Brunnen aufhebt.

Salome

Du wirst das für mich tun, Narraboth, und morgen, wenn ich in meiner Sänfte an dem Torweg, wo die Götzenbildhändler stehen, vorbeikomme, werde ich eine kleine Blume für dich fallen lassen, ein kleines grünes Blümchen.

Der junge Syrier

Prinzessin, ich kann nicht, ich kann nicht.

Salome lächelnd

Du wirst das für mich tun, Narraboth. Du weißt, daß du das für mich tun wirst. Und morgen früh, wenn ich in meiner Sänfte an der Brücke vorbeikomme, wo man Götzenbilder kauft, werde ich unter den Musselinschleiern dir einen Blick zuwerfen, Narraboth, ich werde dich ansehn, kann sein, ich werde dir zulächeln. Sieh mich an, Narraboth, sieh mich an. Ah! wie gut du weißt, daß du tun wirst, um was ich dich bitte! Wie du es weißt . . . Ich weiß, du wirst das tun.

Der junge Syrier

gibt dem dritten Soldaten ein Zeichen

Laß den Propheten herauskommen . . . Die Prinzessin Salome wünscht ihn zu sehen.

Salome

Ah!

Der Page der Herodias

O, wie seltsam der Mond aussieht! Wie die Hand einer toten Frau, die das Laken über sich ziehen will.

Der junge Syrier

Ja, sehr seltsam! Wie eine kleine Prinzessin, mit Augen wie Bernsteinaugen. Durch die Wolken von Musselin lächelt das Gesicht hervor wie eine kleine Prinzessin.

Der Prophet kommt aus der Zisterne. Salome sieht ihn an und weicht langsam zurück.

Jochanaan

Wo ist er, dessen Sündenbecher jetzt voll ist? Wo ist er, der eines Tages im Angesichte alles Volkes in einem Silbermantel sterben wird? Heißt ihn herkommen, auf daß er die Stimme dessen höre, der in den Wüsten und in den Häusern der Könige gekündet hat.

Salome

Von wem spricht er?

Der junge Syrier

Niemand kann es sagen, Prinzessin.

Jochanaan

Wo ist sie, die vor den gemalten Männerbildern gestanden hat, vor den buntgemalten Bildern der Chaldäer, die sich hingab der Lust ihrer Augen und Gesandte ins Land der Chaldäer schickte?

Salome

Er spricht von meiner Mutter.

Der junge Syrier

O nein, Prinzessin.

Salome

Ja, er spricht von meiner Mutter.

Jochanaan

Wo ist sie, die sich den Hauptleuten Assyriens gab, mit ihren Wehrgehängen und bunten Kronen auf dem Kopf? Wo ist sie, die sich den jungen Männern der Ägypter gegeben hat, die in feinem Leinen und Hyazinthgesteinen prangen, deren Schilde von Gold sind und die Helme von Silber und die Leiber wie von Riesen? Geht, heißt sie aufstehn von dem Bett ihrer Greuel, vom Bett ihrer Blutschande; auf daß sie die Worte dessen vernehme, der dem Herrn die Wege bereitet, und ihre Missetaten bereue. Und wenn sie gleich nicht bereut, sondern verstockt bleibt in ihren Sündengreueln, heißt sie herkommen, denn die Geißel des Herrn ist in seiner Hand.

Salome

O, er ist schrecklich, er ist wirklich schrecklich!

Der junge Syrier

Bleibt nicht hier, Prinzessin, ich bitte Euch.

Salome

Seine Augen sind von allem das Schrecklichste. Sie sind, als ob schwarze Löcher mit Fackeln in einen tyrischen Teppich gebrannt worden wären. Sie sind wie die schwarzen Höhlen, wo die Drachen leben, die schwarzen Höhlen Ägyptens, wo die Drachen hausen. Sie sind wie schwarze Seen, aus denen irres Mondlicht flackert . . . Glaubt ihr, daß er noch einmal sprechen wird?

Der junge Syrier

Bleibt nicht hier, Prinzessin. Ich bitte inständig, bleibt nicht hier.

Salome

Wie abgezehrt er ist! Er ist wie eine dünne Elfenbeinfigur. Er ist wie ein Bildnis aus Silber. Gewiß ist er keusch wie der Mond. Er ist wie ein Mondenstrahl, wie ein Silberschaft. Sein Fleisch muß sehr kühl sein, kühl wie Elfenbein . . . Ich möchte ihn näher besehen.

Der junge Syrier

Nein, nein, Prinzessin.

Salome

Ich muß ihn näher besehen.

Der junge Syrier

Prinzessin! Prinzessin!

Jochanaan

Wer ist dies Weib, das mich ansieht? Ich will ihre Augen nicht auf mir haben. Warum sieht sie mich an mit ihren Goldaugen unter den gleißenden Lidern? Ich weiß nicht, wer sie ist. Ich will nicht wissen, wer sie ist. Heißt sie gehen. Zu ihr will ich nicht sprechen.

Salome

Ich bin Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa.

Jochanaan

Zurück, Tochter Babylons! Komm dem Erwählten des Herrn nicht nahe! Deine Mutter hat die Erde erfüllt mit dem Wein ihrer Lüste, und das Unmaß ihrer Sünden schreit zu Gott.

Salome

Sprich mehr, Jochanaan. Deine Stimme ist wie Musik in meinen Ohren.

Der junge Syrier

Prinzessin! Prinzessin! Prinzessin!

Salome

Sprich mehr! Sprich mehr! Jochanaan, und sage mir, was ich tun soll.

Jochanaan

Tochter Sodoms, komm mir nicht nahe! Vielmehr bedecke dein Gesicht mit einem Schleier und streue Asche auf deinen Kopf und mach dich auf in die Wüste und suche des Menschen Sohn.

Salome

Wer ist das, des Menschen Sohn? Ist er so schön wie du, Jochanaan?

Jochanaan

Weiche von mir! Ich höre die Flügel des Todesengels im Palaste rauschen.

Der junge Syrier

Prinzessin, ich flehe: geh hinein.

Jochanaan

Engel des Herrn meines Gottes, was tust du hier mit deinem Schwert? Wen suchst du in diesem Palast? Der Tag dessen, der im Silbermantel sterben soll, ist noch nicht gekommen.

Salome

Jochanaan!

Jochanaan

Wer spricht hier?

Salome

Ich bin verliebt in deinen Leib, Jochanaan! Dein Leib ist weiß wie die Lilien auf einem Felde, das nie die Sichel berührt hat. Dein Leib ist weiß wie der Schnee, der auf den Bergen Judäas liegt und in die Täler herabkommt. Die Rosen im Garten der Königin von Arabien sind nicht so weiß wie dein Leib. Nicht die Rosen im Garten der Königin von Arabien, im Gewürzgarten der Königin von Arabien, nicht die Füße der Dämmerung, wenn sie auf die Blätter herabsteigt, nicht die Brüste des Mondes, wenn er auf dem Meere liegt . . . Nichts in der Welt ist so weiß wie dein Leib . . . Laß mich ihn berühren, deinen Leib!

Jochanaan

Zurück, Tochter Babylons! Durch das Weib kam das Übel in die Welt. Sprich nicht zu mir. Ich will dich nicht anhören. Ich höre nur auf die Stimme des Herrn, meines Gottes.

Salome

Dein Leib ist grauenvoll. Er ist wie der Leib eines Aussätzigen. Er ist wie eine getünchte Wand, wo Nattern gekrochen sind; wie eine getünchte Wand, wo die Skorpione ihr Nest gebaut haben. Er ist wie ein übertünchtes Grab, voll widerlicher Dinge. Er ist gräßlich, dein Leib ist gräßlich. In dein Haar bin ich verliebt, Jochanaan. Dein Haar ist wie Weintrauben, wie Büschel schwarzer Trauben, die an den Weinstöcken Edoms hängen im Lande der Edomiter. Dein Haar ist wie die Zedern vom Libanon, wie die großen Zedern vom Libanon, die den Löwen und Räubern ihren Schatten spenden, wenn sie sich am Tage verbergen wollen. Die langen schwarzen Nächte, wenn der Mond sein Gesicht verbirgt, wenn den Sternen bange ist, sind nicht so schwarz wie dein Haar. Das Schweigen, das im Walde wohnt, ist nicht so schwarz. Nichts in der Welt ist so schwarz wie dein Haar . . . Laß mich es berühren, dein Haar!

Jochanaan

Zurück, Tochter Sodoms! Berühre mich nicht. Entweihe nicht den Tempel des Herrn, meines Gottes.

Salome

Dein Haar ist gräßlich. Es starrt von Staub und Unrat. Es ist wie eine Dornenkrone auf deinen Kopf gesetzt. Es ist wie ein Schlangenknoten um deinen Hals gewickelt. Ich liebe dein Haar nicht . . . Deinen Mund begehre ich, Jochanaan. Dein Mund ist wie ein Scharlachband an einem Turm von Elfenbein. Er ist wie ein Granatapfel von einem Elfenbeinmesser zerteilt. Die Granatapfelblüten, die in den Gärten von Tyrus wachsen, die glühender sind als Rosen, sind nicht so rot. Die roten Fanfaren der Trompeten, die das Nahen von Königen künden und vor denen der Feind erzittert, sind nicht so rot. Dein Mund ist röter als die Füße der Männer, die den Wein in der Kelter stampfen. Er ist röter als die Füße der Tauben, die in den Tempeln wohnen und von den Priestern ihr Futter bekommen. Er ist röter als die Füße des Mannes, der aus dem Walde kommt, wo er einen Löwen erschlagen und goldfarbige Tiger erblickt hat. Dein Mund ist wie ein Korallenzweig, den die Fischer in der Dämmerung des Meeres gefunden haben, wie die Koralle, die sie für Könige bewahren! . . . Er ist wie der Purpur, den die Moabiter in den Gruben von Moab finden, wie der Purpur, den die Könige von ihnen haben. Er ist wie der Bogen des Perserkönigs, der mit Purpur bemalt und mit Korallen besetzt ist. Nichts in der Welt ist so rot wie dein Mund . . . Laß mich ihn küssen, deinen Mund!

Jochanaan

Niemals! Tochter Babylons! Tochter Sodoms! Niemals!

Salome

Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan. Ich will deinen Mund küssen.

Der junge Syrier

Prinzessin, Prinzessin, die wie ein Garten von Myrrhen ist, die die Taube aller Tauben ist, sieh diesen Mann nicht an, sieh ihn nicht an. Sprich nicht solche Worte zu ihm. Ich kann es nicht ertragen . . . Prinzessin, sprich nicht solche Dinge.

Salome

Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan.

Der junge Syrier

Ah! Er tötet sich und fällt zwischen Salome und Jochanaan.

Der Page der Herodias

Der junge Syrier hat sich getötet. Der junge Hauptmann hat sich getötet. Der mein Freund war, hat sich getötet. Ich habe ihm eine kleine Nardenbüchse und silberne Ohrringe geschenkt, und nun hat er sich getötet. Ach, sagte er nicht, es wird Schlimmes geschehen? Ich sagte es auch, und es ist eingetroffen. Wohl wußte ich, daß der Mond etwas Totes suchte, aber ich wußte nicht, daß er es war, den er suchte. Ach, warum barg ich ihn nicht vor dem Mond! Hätte ich ihn in einer Höhle verborgen, dann hätte er ihn nicht gesehen.

Erster Soldat

Prinzessin, der junge Hauptmann hat sich getötet.

Salome

Laß mich deinen Mund küssen, Jochanaan!

Jochanaan

Wird dir nicht bange, Tochter der Herodias? Habe ich dir nicht gesagt, daß ich im Palaste den Flügelschlag des Todesengels gehört habe, und ist er nicht gekommen, der Engel des Todes?

Salome

Laß mich deinen Mund küssen!

Jochanaan

Tochter der Unzucht, es lebt nur Einer, der dich retten kann. Es ist Der, von dem ich sprach. Geh, such ihn. Er ist in einem Nachen auf dem See von Galiläa und redet zu seinen Jüngern. Knie nieder am Ufer des Sees, rufe ihn an und nenne ihn beim Namen. Wenn er zu dir kommt, und er kommt zu allen, die ihn anrufen, dann bücke dich zu seinen Füßen, daß er dir deine Sünden vergebe.

Salome

Laß mich deinen Mund küssen!

Jochanaan

Sei verflucht! Tochter einer blutschänderischen Mutter, sei verflucht!

Salome

Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan!

Jochanaan

Ich will dich nicht ansehn. Du bist verflucht, Salome, du bist verflucht. Er geht in die Zisterne hinab.

Salome

Ich will deinen Mund küssen. Jochanaan, ich will deinen Mund küssen! . . .

Erster Soldat

Wir müssen den Leichnam an einen andern Ort tragen. Der Tetrarch mag keine Toten sehen, außer wenn er selbst gemordet hat.

Der Page der Herodias

Er war mein Bruder, ja er war mir näher als ein Bruder. Ich gab ihm eine kleine Nardenbüchse und einen Achatring, den er immer an der Hand trug. Abends gingen wir oft am Fluß spazieren und unter den Mandelbäumen, und er erzählte mir gern von seiner Heimat. Er sprach immer sehr leise. Der Klang seiner Stimme war wie der Klang der Flöte, wie wenn einer auf der Flöte spielt. Er hatte auch große Freude daran, im Fluß sein Bild zu betrachten. Ich habe ihn oft darum getadelt.

Zweiter Soldat

Du hast recht, wir müssen den Leichnam verstecken. Der Tetrarch darf ihn nicht sehen.

Erster Soldat

Der Tetrarch wird nicht hierher kommen. Er kommt nie auf die Terrasse. Er hat zu große Angst vor dem Propheten.

Herodes, Herodias und der ganze Hof treten ein.

Herodes

Wo ist Salome, wo ist die Prinzessin? Warum kam sie nicht wieder zum Bankett, wie ich ihr befohlen hatte? Ah! Hier ist sie!

Herodias

Du sollst sie nicht ansehen! Fortwährend siehst du sie an!

Herodes