Salome: Tragödie in Einem Akt

Part 3

Chapter 33,236 wordsPublic domain

Was kümmert es dich, ob sie auf Blut tanzt? Du hast tief genug darin gewatet . . .

Herodes

Was kümmert es mich? Ah, sieh den Mond an! Er ist rot geworden. Er ist rot geworden wie Blut. Ah, der Prophet hat wahr prophezeit. Er prophezeite, daß der Mond wie Blut werden würde. Hat er das nicht prophezeit? Ihr alle habt gehört, wie er es prophezeite. Und jetzt ist der Mond wie Blut geworden. Seht ihr es nicht?

Herodias

O ja, ich sehe es gut, und die Sterne fallen wie unreife Feigen, nicht? Und die Sonne wird finster wie ein schwarzes Tuch, und die Könige der Erde erzittern. Das wenigstens kann man sehen. Darin wenigstens hat der Prophet recht behalten mit seinem Wort, denn fürwahr, die Könige der Erde zittern . . . Wir wollen hineingehen. Du bist krank. Sie werden in Rom sagen, daß du verrückt bist. Wir wollen hineingehen, sage ich.

Die Stimme des Jochanaan

Wer ist Der, der von Edom kommt, wer ist Der, der von Bozra kommt, dessen Kleid mit Purpur gefärbt ist, der in der Schönheit seiner Gewänder leuchtet, der mächtig in seiner Größe wandelt? Warum ist dein Kleid mit Scharlach gefleckt?

Herodias

Wir wollen hineingehen. Die Stimme dieses Menschen macht mich wahnsinnig. Ich will nicht haben, daß meine Tochter tanzt, während er fortwährend dazwischenschreit. Ich will nicht, daß sie tanzt, während du sie auf solche Art ansiehst. Mit einem Wort, ich will nicht haben, daß sie tanzt.

Herodes

Steh nicht auf, mein Weib, meine Königin, es wird dir nichts helfen. Ich gehe nicht hinein, bevor sie getanzt hat. Tanze, Salome, tanze für mich!

Herodias

Tanze nicht, meine Tochter!

Salome

Ich bin bereit, Tetrarch.

Salome tanzt den Tanz der sieben Schleier.

Herodes

Ah! Wundervoll! Wundervoll! Siehst du, sie hat für mich getanzt, deine Tochter. Komm her, Salome, komm her, du sollst deinen Lohn haben. Ah! Ich zahle denen königlichen Preis, die mir zur Lust tanzen wollen. Ich will dich königlich belohnen. Ich will dir alles geben, was dein Herz begehrt. Was willst du haben? Sprich!

Salome kniend

Ich möchte, daß sie mir gleich in einer Silberschüssel . . .

Herodes lachend

In einer Silberschüssel? Gewiß doch, in einer Silberschüssel! Sie ist reizend, nicht? Was ist es, das du in einer Silberschüssel haben möchtest, o süße, schöne Salome, du, die schöner ist als alle Töchter Judäas? Was sollen sie dir in einer Silberschüssel bringen? Sag es mir! Was es auch sein mag, du sollst es erhalten. Meine Reichtümer gehören dir. Was ist es, das du haben möchtest, Salome?

Salome steht auf

Den Kopf des Jochanaan.

Herodias

Ah! Das sagst du gut, meine Tochter.

Herodes

Nein, nein!

Herodias

Das sagst du gut, meine Tochter.

Herodes

Nein, nein, Salome. Das ist es nicht, was du begehrst. Hör nicht auf die Stimme deiner Mutter. Sie hat dir immer schlechten Rat gegeben. Achte nicht auf sie.

Salome

Ich achte nicht auf die Stimme meiner Mutter. Zu meiner eigenen Lust will ich den Kopf des Jochanaan in einer Silberschüssel haben. Du hast einen Eid geschworen, Herodes. Vergiß es nicht, du hast einen Eid geschworen!

Herodes

Ich weiß es. Ich habe einen Eid geschworen, bei meinen Göttern habe ich geschworen. Ich weiß es wohl. Aber ich beschwöre dich, Salome, verlange etwas anderes von mir. Verlange die Hälfte meines Königreichs von mir. Ich will sie dir geben. Aber verlange nicht von mir, was deine Lippen verlangt haben.

Salome

Ich verlange von dir den Kopf des Jochanaan.

Herodes

Nein, nein, ich will ihn dir nicht geben.

Salome

Du hast einen Eid geschworen, Herodes.

Herodias

Ja, du hast einen Eid geschworen. Alle haben es gehört. Du hast es vor allen geschworen.

Herodes

Still, Weib! Zu dir spreche ich nicht.

Herodias

Meine Tochter hat wohl daran getan, den Kopf des Jochanaan zu verlangen. Er hat mich mit Schimpf und Schande bedeckt. Er hat unsägliche Dinge gegen mich gesagt. Man kann sehen, daß sie ihre Mutter lieb hat. Gib nicht nach, meine Tochter. Er hat einen Eid geschworen, er hat einen Eid geschworen.

Herodes

Still! Sprich nicht zu mir! . . . Salome, ich beschwöre dich, sei nicht trotzig. Ich bin immer gut zu dir gewesen. Ich habe dich immer lieb gehabt . . . Kann sein, ich habe dich zu lieb gehabt. Darum verlange das nicht von mir. Das ist etwas Schreckliches, etwas Grauenvolles, was du von mir verlangst. Sicher, ich glaube, du willst scherzen. Der Kopf eines Mannes, der vom Rumpf getrennt ist, das ist ein übler Anblick, nicht? Es ziemt sich nicht, daß die Augen eines Mädchens auf so etwas fallen. Was für eine Lust könntest du darin finden? Du könntest keine Lust darin finden. Nein, nein, das begehrst du nicht. Horch, was ich sage. Ich habe einen Smaragd, einen großen Smaragd, einen runden, den Cäsars Freundin mir hergeschickt hat. Wenn du durch diesen Smaragd siehst, kannst du sehen, was weit weg vor sich geht. Cäsar selbst trägt solch einen Smaragd, wenn er in den Zirkus geht. Aber mein Smaragd ist der größere. Ich weiß es, er ist der größere. Er ist der größte Smaragd in der ganzen Welt. Den willst du haben, nicht wahr? Verlange ihn von mir, ich werde ihn dir geben.

Salome

Ich fordere den Kopf des Jochanaan.

Herodes

Du hörst nicht zu. Du hörst nicht zu. Laß mich zu dir reden, Salome.

Salome

Den Kopf des Jochanaan.

Herodes

Nein, nein, du möchtest das nicht haben. Du sagst das nur, um mich zu quälen, weil ich dich so angesehen und es den ganzen Abend nicht gelassen habe. Es ist wahr, ich habe dich angesehen und hab’s den ganzen Abend nicht gelassen. Deine Schönheit hat mich verwirrt. Deine Schönheit hat mich maßlos verwirrt, und ich habe dich allzuviel angesehen. Aber ich will dich wahrhaftig nicht mehr ansehen. Man sollte gar nichts ansehen. Weder Dinge noch Menschen sollte man ansehen. Nur in Spiegel sieht es sich gut, denn Spiegel zeigen uns bloß Masken. O! O! Bringt Wein! Mich dürstet! . . . Salome, Salome, laß uns wie Freunde zueinander sein. Bedenk dich! . . . Ah! Was wollte ich sagen? Was war’s! Ah! Ich weiß es wieder! . . . Salome -- komm doch näher her zu mir, ich fürchte, du hörst sonst meine Worte nicht -- Salome, du kennst meine weißen Pfauen, meine schönen weißen Pfauen, die im Garten zwischen den Myrten und den hohen Zypressenbäumen wandeln. Ihre Schnäbel sind mit Gold bemalt, und die Körner, die sie fressen, sind vergoldet, und ihre Füße sind mit Purpur gefärbt. Wenn sie ihren Schrei ausstoßen, kommt Regen, und der Mond zeigt sich am Himmelszelt, wenn sie ihr Rad entfalten. Zwei und zwei wandeln sie zwischen den Zypressenbäumen und den dunkeln Myrten, und für jeden ist ein Sklave da, der ihn pflegt. Manchmal fliegen sie über die Bäume weg, und zuweilen ruhen sie im Gras und rund um die Teiche. In der ganzen Welt gibt es keine so wunderbaren Vögel. Ich weiß, Cäsar selbst hat nicht so schöne Vögel, wie meine Vögel sind. Ich will dir fünfzig von meinen Pfauen geben. Sie werden dir folgen, wohin du gehen willst, und inmitten ihrer Schar wirst du wie der Mond sein in einer großen, weißen Wolke . . . Ich will sie dir geben, alle. Ich habe bloß hundert, und in der ganzen Welt lebt kein König, der Pfauen hat, wie meine Pfauen sind. Aber ich will sie dir alle geben. Nur mußt du mich von meinem Eid entbinden und mußt nicht von mir verlangen, was deine Lippen von mir verlangt haben.

Er leert seinen Becher.

Salome

Gib mir den Kopf des Jochanaan!

Herodias

Gut gesagt, meine Tochter! Und du, du bist lächerlich mit deinen Pfauen!

Herodes

Still! Was kreischest du denn immer? Du kreischest wie ein Raubvogel. Du mußt nicht so kreischen. Deine Stimme peinigt mich. Still, sag ich dir! . . . Salome, bedenke, was du tun willst. Es kann sein, daß der Mann von Gott gesandt ist. Er ist ein heiliger Mann. Der Finger Gottes hat ihn berührt. Gott hat schreckliche Worte in seinen Mund gelegt. Im Palast wie in der Wüste ist immer Gott bei ihm . . . Es kann wenigstens sein, daß er bei ihm ist. Man kann es nicht sagen, aber es ist möglich, daß Gott bei ihm ist und ihm beisteht. Wenn er daher stirbt, kann mich vielleicht ein Unheil treffen. Er hat wirklich gesagt, an dem Tage, da er stirbt, wird irgend jemanden Unheil treffen. Wen sollte es treffen, wenn nicht mich? Denk daran, ich trat in Blut, als ich hierher kam. Und hörte ich nicht auch in der Luft ein Rauschen von Flügeln, ein Rauschen von ungeheuren Flügeln? Das sind schlimme Zeichen. Und es war noch anderes da. Ich bin sicher, es war noch anderes da, ich habe es nur nicht gesehen. Du möchtest nicht, daß mich ein Unheil trifft, Salome? Hör jetzt auf mich.

Salome

Gib mir den Kopf des Jochanaan!

Herodes

Ach! Du willst nicht auf mich hören. Sei ruhig. Ich, siehst du, ich bin ruhig. Ich bin ganz und gar ruhig. Höre. Ich habe an diesem Ort Juwelen versteckt -- Juwelen, die selbst deine Mutter nie gesehen hat! Juwelen, die wundervoll zu sehen sind. Ich habe ein Halsband mit vier Reihen Perlen. Sie sind wie Monde, die an silberne Strahlen gekettet sind. Ja, sie sind wie ein halbes Hundert Monde, die man in goldenem Netz gefangen hat. Auf der Elfenbeinbrust einer Königin haben sie geruht. Du sollst schön sein wie eine Königin, wenn du sie trägst. Ich habe zwei Arten Amethyste; die einen sind wie dunkelschwarzer Wein, und die andern sind rot wie Wein, den man mit Wasser vermengt hat. Ich habe Topase, gelb wie die Augen der Tiger, und Topase, die sind hellrot wie die Augen einer Waldtaube, und grüne Topase, die sind wie Katzenaugen. Ich habe Opale, die immer funkeln, mit einem Feuer, das kalt wie Eis ist, Opale, die den Geist der Menschen traurig stimmen und die das Dunkel nicht ertragen können. Ich habe Onyxe gleich den Augäpfeln einer toten Frau. Ich habe Mondsteine, die ihre Farbe wechseln, wenn der Mond wechselt, und erblassen, wenn sie die Sonne sehen. Ich habe Saphire so groß wie ein Ei und so blau wie blaue Blumen. Das Meer wogt in ihnen, und der Mond wandelt nie das Blau ihrer Wellen. Ich habe Chrysolithe und Berylle und Chrysoprase und Rubine, ich habe Sardonyx- und Hyazinthsteine und Steine von Chalcedon -- und ich will sie dir alle geben, alle, und will noch andere Dinge dazutun. Der König von Indien hat mir jetzt eben erst vier Fächer geschickt, die aus Papageifedern gefertigt sind, und der König von Numidien ein Gewand von Straußfedern. Ich habe einen Kristall, in den zu schauen keinem Weibe erlaubt ist, und junge Männer dürfen ihn nur betrachten, wenn sie vorher mit Ruten gestrichen wurden. In einem Perlmutterkästchen habe ich drei wunderbare Türkise. Wer sie an seiner Stirne trägt, kann Dinge schauen, die nicht wirklich sind, und wer sie in der Hand trägt, kann einer Frau die Fruchtbarkeit benehmen. Das sind große Schätze. Es sind unbezahlbare Schätze. Aber das ist nicht alles. In einem Kästchen aus Ebenholz habe ich zwei Becher aus Bernstein, die sind wie Äpfel von reinem Gold. Wenn ein Feind Gift in diese Becher gießt, werden sie Äpfel von Silber. In einem Kästchen, das mit Bernstein verziert ist, habe ich Sandalen, die mit Glas eingelegt sind. Ich habe Mäntel, die man aus dem Lande der Serer gebracht hat, und Armspangen, rundum mit Karfunkeln und Achaten besetzt, die aus der Stadt Euphrates kommen . . . Was begehrst du noch sonst, Salome? Sage mir, was du begehrst, ich will es dir geben. Alles, was du verlangst, will ich dir geben -- nur eines nicht. Ich will dir alles geben, was mein ist -- nur nicht das Leben dieses einen Mannes. Ich will dir den Mantel des Hohenpriesters geben. Ich will dir den Vorhang des Allerheiligsten geben . . .

Die Juden

O! O!

Salome

Gib mir den Kopf des Jochanaan!

Herodes sinkt auf seinen Sitz zurück

Man soll ihr geben, was sie verlangt! Sie ist in Wahrheit ihrer Mutter Kind!

Der erste Soldat tritt näher. Herodias zieht dem Tetrarchen den Todesring vom Finger und gibt ihn dem Soldaten, der ihn auf der Stelle dem Henker überbringt. Der Henker sieht erschrocken drein.

Herodes

Wer hat meinen Ring genommen? Ich hatte einen Ring an der rechten Hand. Wer hat meinen Wein getrunken? Es war Wein in meinem Becher. Er war mit Wein gefüllt. Es hat ihn jemand ausgetrunken! O! Gewiß wird Unheil über einen kommen. Der Henker geht in die Zisterne hinunter. O! Warum hab ich einen Eid geschworen? Von jetzt ab soll kein König mehr einen Eid schwören. Wenn er ihn nicht hält, ist es schrecklich, und wenn er ihn hält, ist es auch schrecklich.

Herodias

Meine Tochter hat recht getan.

Herodes

Ich bin sicher, es wird ein Unheil geschehen.

Salome lehnt sich über die Zisterne und horcht

Es ist kein Laut zu vernehmen. Ich höre nichts. Warum schreit er nicht, der Mann? Ah! Wenn einer mich zu töten käme, ich würde schreien, ich würde mich wehren, ich würde es nicht dulden . . . Schlag zu, schlag zu, Naaman, schlag zu, sag ich dir . . . Nein, ich höre nichts. Es ist alles still, eine schreckliche Stille. Ah! Es ist etwas zu Boden gefallen. Ich hörte etwas fallen. Es war das Schwert des Henkers. Er hat Angst, dieser Sklave. Er hat das Schwert fallen lassen. Er traut sich nicht, ihn zu töten. Er ist eine Memme, dieser Sklave! Schickt Soldaten hin. Sie sieht den Pagen der Herodias und redet ihn an. Komm hierher. Du warst der Freund des Toten, nicht? Wohlan, ich sage dir, es sind noch nicht genug Tote. Geh zu den Soldaten und befiehl ihnen, hinabzusteigen und mir zu holen, was ich verlange, was mir der Tetrarch versprochen hat, was mein ist. Der Page weicht zurück, sie wendet sich den Soldaten zu. Hierher, ihr Soldaten! Geht ihr in diese Zisterne hinunter und holt mir den Kopf des Mannes. Tetrarch, Tetrarch, befiehl deinen Soldaten, daß sie mir den Kopf des Jochanaan holen.

Ein riesengroßer schwarzer Arm, der Arm des Henkers, streckt sich aus der Zisterne heraus, auf einem silbernen Schild den Kopf des Jochanaan haltend, Salome greift darnach. HeroDES verhüllt sein Gesicht mit dem Mantel. Herodias fächelt sich zu und lächelt. Die Nazarener sinken in die Knie und beginnen zu beten.

Salome

Ah! Du wolltest mich deinen Mund nicht küssen lassen, Jochanaan. Wohl! Ich will ihn jetzt küssen. Ich will mit meinen Zähnen hineinbeißen, wie man in eine reife Frucht beißen mag. Ja, ich will ihn küssen, deinen Mund, Jochanaan. Ich hab es gesagt; hab ich’s nicht gesagt? Ich hab es gesagt. Ah, ich will ihn jetzt küssen . . . Aber warum siehst du mich nicht an, Jochanaan? Deine Augen, die so schrecklich waren, so voller Wut und Verachtung, sind jetzt geschlossen. Warum sind sie geschlossen? Öffne doch deine Augen! Erhebe deine Lider, Jochanaan! Warum siehst du mich nicht an? Hast du Angst vor mir, Jochanaan, daß du mich nicht ansehn willst? . . . Und deine Zunge, die wie eine rote, giftsprühende Schlange war, sie bewegt sich nicht mehr, sie spricht kein Wort, Jochanaan, diese Scharlachnatter, die ihren Geifer auf mich spie. Es ist seltsam, nicht? Wie kommt es, daß die rote Natter sich nicht mehr rührt? . . . Du wolltest mich nicht haben, Jochanaan! Du wiesest mich von dir. Du sprachst böse Worte gegen mich. Du benahmst dich gegen mich wie gegen eine Hure, wie gegen ein geiles Weib, gegen mich, Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa! Nun wohl, ich lebe noch, aber du bist tot, und dein Kopf gehört mir. Ich kann mit ihm tun, was ich will. Ich kann ihn den Hunden vorwerfen und den Vögeln der Luft. Was die Hunde übriglassen, sollen die Vögel der Luft verzehren . . . Ah! Jochanaan, Jochanaan, du warst der Mann, den ich allein von allen Männern liebte! Alle andern Männer waren mir verhaßt. Doch du warst schön! Dein Leib war eine Elfenbeinsäule auf silbernen Füßen. Er war ein Garten voller Tauben und Silberlilien. Er war ein silberner Turm, mit Elfenbeinschilden gedeckt. Nichts in der Welt war so weiß wie dein Leib. Nichts in der Welt war so schwarz wie dein Haar. In der ganzen Welt war nichts so rot wie dein Mund. Deine Stimme war ein Weihrauchgefäß, das seltene Düfte verbreitete, und wenn ich dich ansah, hörte ich geheimnisvolle Musik. O! Warum hast du mich nicht angesehen, Jochanaan! Mit deinen Händen als Mantel und mit dem Mantel deiner Lästerworte verhülltest du dein Gesicht. Du legtest über deine Augen die Binde Eines, der seinen Gott schauen wollte. Wohl, du hast deinen Gott gesehen, Jochanaan, aber mich, mich, mich hast du nie gesehen! Hättest du mich gesehen, so hättest du mich geliebt! Ich sah dich, und ich liebte dich! O, wie liebte ich dich! Ich liebe dich noch, Jochanaan! Ich liebe nur dich . . . Ich dürste nach deiner Schönheit; ich hungre nach deinem Leib; nicht Wein noch Äpfel können mein Verlangen stillen. Was soll ich jetzt tun, Jochanaan? Nicht die Fluten noch die großen Wasser können dies brünstige Begehren löschen. Ich war eine Fürstin, und du verachtetest mich, eine Jungfrau, und du nahmst mir meine Keuschheit. Ich war rein und züchtig, und du hast Feuer in meine Adern gegossen . . . Ah! Ah! Warum sahst du mich nicht an? Hättest du mich angesehen, du hättest mich geliebt. Ich weiß es wohl, du hättest mich geliebt, und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes . . .

Herodes

Sie ist ein Ungeheuer, deine Tochter; ich sage dir, sie ist ein Ungeheuer. In Wahrheit, was sie getan hat, ist ein großes Verbrechen. Mir ist gewiß, es ist ein Verbrechen gegen einen unbekannten Gott.

Herodias

Ich bin ganz zufrieden mit meiner Tochter. Sie hat recht getan. Und ich möchte jetzt hier bleiben.

Herodes steht auf

Ah! Da spricht meines Bruders Weib! Komm! Ich will nicht an diesem Orte bleiben. Komm, sag ich dir! Sicher, es wird Schreckliches geschehen. Manasseh, Issachar, Osias, löscht die Fackeln aus! Ich will all die Dinge nicht sehen, ich will nicht leiden, daß all die Dinge mich sehen. Löscht die Fackeln aus! Verbergt den Mond! Verbergt die Sterne! Wir wollen uns selber im Palast verbergen, Herodias. Ich fange an zu erzittern.

Die Sklaven löschen die Fackeln aus. Die Sterne verschwinden. Eine große Wolke zieht über den Mond und verhüllt ihn völlig. Die Bühne wird ganz dunkel. Der Tetrarch beginnt die Treppe hinaufzusteigen.

Die Stimme der Salome

Ah, ich habe deinen Mund geküßt, Jochanaan; ich hab ihn geküßt, deinen Mund. Es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. Hat es nach Blut geschmeckt? . . . Nein; doch schmeckte es vielleicht nach Liebe . . . Sie sagen, daß die Liebe bitter schmecke . . . Doch, was tut’s, was tut’s? Ich habe deinen Mund geküßt, Jochanaan, ich hab ihn geküßt, deinen Mund!

Ein Strahl des Mondlichts fällt auf Salome und beleuchtet sie.

Herodes wendet sich um und erblickt Salome

Man töte dieses Weib!

Die Soldaten stürzen vor und zermalmen Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa, unter ihren Schilden.

Übertragen von Hedwig Lachmann

Druck von Bernhard Tauchnitz in Leipzig

Insel-Verlag zu Leipzig

Oscar Wilde:

Die Erzählungen und Märchen. Übertragen von Felix Paul Greve und Franz Blei. Mit 10 Vollbildern sowie Initialen von Heinrich Vogeler-Worpswede. 65.--82. Tausend. In Pappband M. 6.50

Zwei Gespräche von der Kunst und vom Leben. Übertragen von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. Geheftet M. 4.--, in Halbleder M. 8.--

Das Bildnis des Dorian Gray. Ein Roman. Übertragen von Hedwig Lachmann und Gustav Landauer. 16.--25. Tausend. In Halbleinen M. 6.--

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