Rupertsweiler Leut

Part 8

Chapter 84,130 wordsPublic domain

Das ging dem Resi durch den Kopf, als sie die halbe Stunde vom Hof zum Gute der Lenebas im Dörfle hinuntereilte. Warum hatte sie nur nicht schon längst die Lenebas gerufen! Allerdings, die Lenebas war krank gewesen, und da hatte sie ihr nicht auch noch mit ihren Sorgen ’s Herz schwer machen wollen, und dann hatte sie auch gedacht, sie würde allein zum Ziel kommen. Jetzt war aber alles schlimmer als je, und sie wußte sich keinen Rat mehr. Da stand sie nun vor dem Häuschen der Lene, und dort beim kleinen Weiher sah sie die Bas; inmitten ihrer Enten und Gänse saß sie auf einem kleinen Hocker und hielt ein junges Entlein im Schoß, das jämmerlich schnatterte und kreischte. Resi klinkte die kleine Tür im Gatter auf und schritt auf die Lene zu. „Grüß Gott, Götti,“ rief sie ihr entgegen. Die schaute auf. „Grüß Gott, Resi, schau’sch au amal wieder nach deiner Götti, no b’sonders buschber schausch au nit grad aus. Wo hatt’s denn dir’s Feld verhaglet? Aber komm, wenn de grad do bisch, hilf mer amol des Entli halte, dem hat der Enterich ’s Bein broche der dumm Kerl; sieht nit, daß des Tierli noch z’jung isch für soni Sprüng; hitigetags fangt scho ’s uvernüftig Vieh a dumm z’werre, i will’s grad schiene; derno setze mer’s in Schtall un gange dann a Kaffeeli trinke, dann komme deini brochene Beinli dra.“ Während sie so sprach, hatte sie geschickt dem kleinen Entlein das Bein mit Schindelstückchen geschient und ’s Resi hatte, so gut sie’s vermochte, dabei geholfen. Dann trug die Lene das Tierlein zurück und rief der Magd, die da beim Stall hantierte zu: „’s Liese soll a gute Kaffee koche un au Strübli derzu backe, mer hän B’such kriegt, ’s Walzebauereresi isch do.“ Dann wandte sie sich zum Resi: „Bisch vom Flachshechle fortg’laufe? Häsch noch alles vollere Fäserli! Nei, sag nix,“ wehrte sie ab, als Resi eine Entschuldigung sagen wollte, und ohne ein weiteres Wort führte sie sie durch die Scheuer über den Heuboden in den obern Stock des Hauses, zu ihrem Schlafzimmer. Da beugte sie sich über die große Eichentruhe, die an der einen Wand der Stube entlang stand. „Da hasch a Bürscht,“ meinte sie, „mach di a weng ordentli, i han di hinterum da aufi g’führt, i möcht nit gern, daß d’Mägd dich so sähe täte,“ und als ’s Resi blutrot im Gesicht vor den kleinen Spiegel trat und Rock und Frisur von den Fäserchen säuberte, reichte die Lene ihr noch ein Kopftuch. „Da des nimsch mit, so gangsch mer nit durchs Dorf z’ruck, de willsch doch nit in d’Mäuler vom ganzen Dorf komme, wenn de ohni Kopftuch doher laufsch, des han deini Eltere nit an dir verdient, daß es heißt: ’s Walzebauereresi isch a Schlampe, wenn sie nit no was bessers wisse.“ „O Götti, wenn Ihr wüßtet, wie’s mir z’mut isch,“ brach nun ’s Resi los. „Arms Tschole, i han mir’s denkt, wie i di g’sähe hab, daß do allerlei letz isch, aber schau, Maidli, ordentli un sufer muß eins doch blibe; wenn mer auße immer ordentli un sufer isch, no kommt mer au inne ehr wieder in der Rank. Un schau, so wie ich’s dir an deine verschtrubelte Haar agsehe hab, daß inne was nit sufer isch, so könnte’s anderi Lüt au sehe, un ’s Dorf braucht’s doch it z’wisse, daß ’s Walzebauereresi Dreck am Stecke hät.“ „Nei, Götti,“ fuhr nun ’s Resi auf, „des isch au nit wahr, Angscht hab i, jo, aber Dreck am Stecke han i nit. Dummheite han i g’macht, jo, un der heilig Joseph, jo der, der kann wütig uf mi sei, des isch wahr, aber nix Schlechts nit hab i tu, un i kann nix derfür, daß er jetzt im Winkel uf em Spicher schtoht, un e großmächtige Busche hab’ i ihm nuftrage uf de Spicher un grad gsait hab i’s ihm, daß i nix derfür ka, daß er do schtoht, un der Toni hät gsait, mer stellen nen dann uf de Ehreplatz im Herrgottswinkel, wenn mer der Hof hän ...“ Lachend hielt die Lenebas sich die Ohren zu. „Jo, Resi, willsch mi denn von Verschtand schwätze, i bitt di au, was soll i jetzt von dem verschtoh. ’s g’freut mi, daß de so uftrumpft hesch, un de Dreck am Stecke, den i dir vorg’worfe hab, grad nur so um z’schaue, was de drauf sagsch, i sag dir’s ehrli, daß de der des nit g’falle lasch, des g’freut mi un i glaub’s der. Aber jetzt erzähl mer au vom Afang a. Was hesch mit dem heiligen Joseph?“ „Jo, Götti, Ihr wisset doch,“ fing ’s Resi an, „der Toni un ich ...“ „Jo, des brauchsch mer nit z’verzähle, des weiß i grad gnua“, fiel die Lene ein, „un wenn mer au suscht de Eltere folge soll, do bin i Euch nit z’wider, ’s hät mi scho g’ärgeret, daß du deswegen nit zu mer komme bisch, des isch grad a Vernageltheit von dim Vater, daß er des nit isehe will, daß ihr a guts Pärle wärt, du häsch Geld gnua, mei Sach krigsch au amal, du brauchsch a brave, schaffige Ma, wenn er jetzt au grad nit uf de Geldsäck hockt, un was dei Vater alliweil sait: ‚Gleich g’hört zu gleich‘, der Toni isch a Buresohn, wenn’s au arme Häusler sin, sini Eltere, un d’Gleichheit bschtoht bigott nit i de gleichgroße Geldsäck. Aber i weiß immer no nit, was des mit dem heiligen Joseph z’tua hät.“

„Ja, Götti, lasset Ihr mi denn rede, wenn i’s verzähle soll, muß i doch vom Afang afange, suscht wisset Ihr wieder nit, wo Ihr dra seid,“ lachte nun ’s Resi. „I hab gar nit g’wußt, daß i so a schwatzhafts Weiberstück bin,“ brummte die Lenebas halb ärgerlich, „also verzähl halt, un fang meintswege beim Adam im Paradies a, i bin schtill, aber mach au, daß de fertig wirsch vor d’Strüweli fertig sin, i riech scho der Anke.“ „Also schau,“ fing nun ’s Resi an, „der Vater hät doch gsait, er schlag mer d’Knoche im Leib z’samme, wenn er mi no amal sicht mit em Toni schwätze.“ „O die siebemal g’scheite Mannsbilder die,“ fuhr die Lene dazwischen, schlug sich aber rasch auf den Mund, „i bin scho schtill, mach nur witersch.“ „Ja un derno hät mer der Toni emol gsait, i soll doch au z’Nacht zu em uf der Spicher komme, er hätt mer was Wichtigs z’sage.“ „Jo,“ nickte die Lene schmunzelnd, „sell wissemer, was d’verliebti Mannslüt ime Maidle z’sage hän Wichtigs.“ „O ganget,“ schmollte ’s Resi, „Ihr wisset ganz gut, daß der Toni nix Unrechts nit will. Er hät halt g’sehe, daß es mir schier ’s Herz abdruckt, daß i au gar kei guts Wörtle meh mit em rede ka. Jo, und do hab i mer amal a Herz g’faßt, er hät gsait, er wartet jedi Nacht uf mi, drobe im Heuschober. Wia ni d’Eltere amol au gar so fescht hab schnarche höre, do bin i durch d’Kammere durchg’schlupft un zum Toni uf der Spicher.“ „Jo, un hesch do der heilig Joseph mit nuf g’nomme als Schutzpatron, oder wie isch der sunscht uf der Spicher komme, vo selber wird er doch nit nachg’wandelt si.“ „Jo, triebe nur Gschpött mit mer, Ihr werre glei sehe, daß do nix z’lache isch,“ und ’s Resi fing an zu weinen. Die Lene klopfte ihr beruhigend den Rücken. „I halt scho ’s Mul, Resi, de weisch jo, i mach halt gern mei Gschpäßli; a guts Lache hät mer scho mengis mol g’holfe, wenn i g’meint hab, der Himmel wär über mer eig’schtürzt. Aber schau, i bin ganz grausig neugierig, wie der heilige Joseph uf euer Spicher ufikomme isch.“ ’s Resi schluckte noch ein bissel, dann erzählte sie weiter. „Wie i amol z’ruck komme bin...“ „I sag nix, aber i derf mi doch wundere, daß der Toni also in einere Nacht mit der wichtige Sach nit fertig wore isch. Resi, Resi!“ und halb ernsthaft drohend hob die Lenebas den Finger. „Mer hän uns au viel z’sage ghett; denk doch au, der ganz Tag hän mer jo kei Wörtli mitenander rede dürfe, jo, un do bin i amol übere Schtuhl g’scholpert in der Schlofstube. Der Vater isch verwacht un hät glei g’rufe: ‚Wer isch do?‘ I hab g’meint, d’Knie breche mer z’samme, so verschrocke bin i, un wie i g’merkt hab, daß er Licht mache will, da isch mer grad ’s Herz schtill g’schtande un i hab nix gwußt als: jetzt isch’s us, jetzt schlagt er mi tot un der Toni au. Un do han i, i ha schier nimmi g’wußt was i tua, do han i des Handtuch, was grad nebe mir an der Wand ghenkt isch, des han i mer über de Kopf g’worfe, i han nit grad bitrüge wolle, Götti, aber schau, i han denkt, vielleicht verschreckt der Vater un i kan derweil i mei Kammere schlupfe.“ Ganz erstaunt unterbrach sich das Resi in ihrer eifrigen Erzählung, denn die Lenebas lachte hell auf, lachte, daß ihr die Tränen herunterliefen. „O du Dundersmaidli du,“ rief sie endlich, als sie wieder atmen konnte, „du Dundersmaidli, du bisch also des Gschpenst gsi, des der Walzebur so g’ärgert hätt. Do isch er gsi un hät uf unsere liebe Herrgott un alli heilige Schutzpatrone g’schumpfe, daß in seim ehrbare Hof so a armi Seel rumgeischtere soll. I han’s em glei usrede wolle; weisch, bei mir wärsch dodermit nit an d’Recht komme, i hätt di am Schlafittli kriegt un nit ‚Alli gute Geischter lobe Gott‘ bettet, i hätt dir was andersch gsait. Aber der Walzebur hät mer vu sinere Mannsbildg’scheidheit runter -- weisch, drei Kirchtürm höher als mei eifache Wiberverschtand -- hät er mer gsait: ‚I ha’s g’sehe, mit dene meine eigene Auge‘. Derno hab i halt ’s Mul g’halte un hab mer mei Teil denkt. No warsch’s du natürli au, die d’Großmagd so verschreckt hät. Dei Mutter hät mer’s verzählt.“

„Jo,“ meinte ’s Resi nun selber lachend, „weisch, die hät ihr Nas immer gern in allem drin un hätt mi immer gern scho usschpioniert; daß i der, i han ere nur ’s Fürtuch im Vorbilaufe um der Kopf g’schlage, daß i der so a Schreck g’macht hab, des raut mi heut no nit.“ Die Lene murmelte wieder ein anerkennendes „Du Dundersmaidli du,“ und ’s Resi war sehr erleichtert, daß die Patin die Sache so auffaßte, aber ganz beruhigt war sie noch nicht. „Jo, aber Götti, ’s Ärgschst kommt noch,“ fing sie verzagt an. „Hän Ihr’s denn nit g’hört, der Vater hät jo der Herr Pfarrer komme lo un ’s Hus uswihe lo un die böse Geischter vertreibe lo, un weil der heilig Joseph nit gut gnug g’hütet hät, hät er en uf der Spicher gschtellt un a Jesusstatue in d’Schtube ...“ Aber wieder konnte sie nicht weiter erzählen, denn die Lenebas war von der Truhe, auf der sie saßen, aufgesprungen und schlug sich mit beiden Händen auf die Knie und rief: „Des gunn i em, des gunn i em, Jesses nei, Resi, warum hesch mer des nit au früher verzählt, daß i do hätt derbi sei könne, wie sie die böse Geischter ustriebe hän, un derno mitte im schönschte Weihe hätt i ne d’Gschicht ins Gsicht gschrie, schau, des hätsch mer au gunne könne.“ „Jesses, Götti,“ schrie die Resi auf, als könnte das noch geschehen, „was denket er au, der Vater hätt mi jo in sinere erschte Wut grad z’sämmeg’schlage.“

„Jo, hesch recht,“ beruhigte die Lene, „er hät kei Sinn für a Gschpaß, der Walzebur. Uf sim ehrbare Hof wachst des Gwächs nit, i bin nur froh, daß du i mei Art schlagsch.“ „Jo, aber Götti, was soll i jetzt mache, der heilig Joseph isch durch mi in Unehre komme, im hinterschte Winkel uf em Spicher stoht er; o nei, lachet nit,“ bat sie, als sie der Lene ins Gesicht sah; „mir isch’s Hölleangscht, un am Samstig solle mer alli uf em Hof bichte go un derno muß es jo der Pfarrer höre, daß i an der ganze Gschpensterg’schicht schuld bi, un die Blamasch, die vergißt er mer nit.“

„I will der was sage, Resi,“ sagte nun die Lenebas ganz ernst, „du häsch mer a Schpaß g’macht, wie i scho lang keine mehr g’hett hab, so g’lacht han i scho lang nimi, un zum Dank derfür tät i der scho helfe, wenn mer des Gschperr vo deim Vater nit sowieso scho lang z’dumm wär. G’ärgert han i mi, daß du nit zu mer komme bisch, Rats hole, du weisch, i blos nit, was mi nit brennt; aber z’helfe isch dir licht, un scho lang könntesch im Toni sei Büeri sei, wenn de zu mer komme wärsch. Dei Vater hät sich nur grad verstift uf si ‚Gleich ghört zu gleich‘, und weil er ä Mannsbild isch, meint er, dodruf muß er jetzt schto bliebe, wie a Schildwache uf em Poschte. Aber schau Resi, wenn’s dir recht isch, no vermach i mei Sach im Toni un a Ussteuer kann i em glei gä, dazu längt’s mer scho, un dann hät der Toni emol soviel wie a mancher Buresohn nit ..“ Weiter konnte die Lenebas vorerst nicht reden, denn die Resi flog ihr um den Hals und gab ihr einen Kuß nach dem andern ins runzlige Gesicht. Als sie wieder zu Wort kam -- so ein kleines Rührungstränlein mußte sie sich erst heimlich aus den Augen wischen -- meinte sie mit pfiffigem Schmunzeln: „D’ Hauptsach hätte mer also in Ordning, i will nit d’Lenebas si, wenn dei Vater mine Gründ nit nachgäbet. Vo dere Gschpenschtergschicht sage mer em lieber nix, er hät kei Sinn für a Gschpaß, ’s könnt en höllisch ärgere, ’s wär nur so für der ärgscht Notfall -- aber ’s isch sicher nit nötig. Aber jetzt häsch jo noch a Buckel voll Sorge wege dere Bicht. Aber Maidli, du müscht nit mei Göttli sei, wenn de nit wisse tätsch, was de do z’sage häsch. Daß dei Vater sei Maidli für a Geischt asieht un der Pfarrer ihm des glaubt, jo da kannsch du doch nix derfür, des isch doch kei Sünd vo dir, du wirsch im ganze Bichtspiegel kei Frag finde: Hast du gegeistert? Was nit im Bichtspiegel stoht, isch au nit z’bichte. ’s viert G’bot, do häsch dich anz’klage, ung’horsam bisch gsi, des weisch selber. Du häsch mit dem Toni gschproche gege ’s Verbot von dim Vater, un wenn der der Pfarrer recht der Kopf wascht derfür, no gschiehts der recht, denn g’horsam müsse mer si unsere Elter, des stoht im vierte Gebot, un wenn der der Pfarrer verbiet, daß de sowas no amol tuasch, no hätt er recht, aber i hoff, de hesch’s au nit nötig.“ Und wieder mußte die gute Götti sich umhalsen lassen, bevor sie weiterreden konnte. „Jetzt blibt nur no der heilig Joseph, un do weiß i der kei andere Rot, als daß de der vom Toni a schöni, großi Wachskerze kaufe lasch, anschtatt eme andere Kirwikram, un die im heilige Joseph stiftesch, no wird er scho versöhne sich lo, un b’sunders wenn de dann als Büeri ihm der Ehreplatz gisch un di Lebtig brav lebsch, derno wird er scho mit sich rede lo.“

„O Götti, was bisch du für a liabi Götti,“ konnte das Resi nur sagen, und die hellen Tränen standen ihr in den Augen. Aber für Rührung hatte die Lenebas nicht gern Gesellschaft; das zeigte sie nicht gern, und bei andern war sie auch nicht gern Zeuge. So machte sie denn rasch die Tür auf und rief: „I wett, d’Strüweli sin hart wie Ledersohle, so lang hän mer sie warte lo, jetzt komm weidli, a Tasse Kaffee un frischbachene Strüweli, des hält Leib und Seel z’samme.“

Und am andern Tag kam die Lenebas zum Walzenbauern, und als er hörte, daß die Lenebas ihren schönen Hof und die soliden badischen Staatspapiere der Kirche vermachen würde oder aber dem Toni, wenn er der Mann von der Resi würde, da griff er rasch zu. Da war der Toni ein recht annehmbarer Schwiegersohn; „und wenn ’s Resi halt au gar so vernarrt in den Bu isch un doch so brav g’folgt hät un uf der Vater g’hört hät, dann will i au nit hart si, no soll sie halt ihre Wille ha,“ schloß er.

Und in vier Wochen war Hochzeit auf dem Walzenhof, und der heilige Joseph stand in der Schlafstube des jungen Paares, und er tat rechtschaffen seine Pflicht und beschützte den Hof, denn gegeistert hat’s nicht mehr.

Die Leich’

Der Blasibauer liegt im Sterben. Im Sommer schon hatte der Arzt dringend geraten, in ein Bad zu fahren oder doch wenigstens aus dem luft- und lichtlosen Hinterstübchen auszuziehen. Aber in dem Kämmerchen hatten schon die Urgroßeltern des Bauern geschlafen und waren als alte Leute gestorben, warum sollte er so „nimodische Nücke“ mitmachen und gar die Wohnstube mit dem Glasschrank voll alter Tassen und Kannen und mit dem „Schäppeli“, dem Brautkranz aller Frauen des Hofes seit Urgroßmutters Zeiten, zur Schlafstube herabsetzen. Und jetzt, mit den ersten Herbstnebeln, lag er da und konnt es „schier nimme verschnufe“. Wie er am Morgen gar so schwer atmete, war die Bäuerin zur Nachbarin, zur Lickertsbrigitt, gesprungen, die hatte den Blick für Kranke, die sah jedem gleich an, ob „Zit isch zum Versehe“ oder ob es mit den Sterbesakramenten noch keine Eile hat. Auf deren Ausspruch hin wurde sofort zum Pfarrer geschickt, und als der bald darauf, mit dem klingelnden Küster vorneweg, das Allerheiligste zum Sterbenden trug, folgte fast aus jedem Häuschen des kleinen Schwarzwalddörfchens der eine oder der andere Bewohner zum „schterbe helfe“. Auf der Treppe und im dunkeln Hausflur knieten die Leute nieder, während der Pfarrer allein zum Sterbenden hineinging, seine letzte Beichte zu hören. Mit lauter Stimme beten die draußen die Litanei zu allen Heiligen um einen guten Tod, drin hört das leise Flüstern bald auf, der Pfarrer spricht mit lauter Stimme die Absolutionsworte, und die ganze Schar drängt nun in die Kammer. Wachsbleich und verfallen liegt der Kranke in den buntgewürfelten Kissen. Die Bäuerin stellt sich ans Kopfende des breiten Ehebettes und schluchzt nur leise in sich hinein, um die heilige Handlung nicht zu stören. Ehrfürchtig richtet sie den Sterbenden auf, als der Priester die Hostie ihm reicht. Mühselig schluckt der Kranke, er wird blau im Gesicht vor Anstrengung; ängstlich schaut die Bäuerin eine Weile zu, dann fragt sie leise: „Häsch unseren Heiland scho g’schluckt oder wotsch no a weng Wasser?“ Die Lickertsbrigitt hat ihr schon ein Glas gereicht, und mit einem Schluck Wasser gelingt es dem Blasibauer, die Hostie hinunterzuschlucken. Ganz erschöpft liegt er da, während der Pfarrer geschäftig Öl und Watte richtet zur heiligen Ölung. „~Per istam sanctam unctionem~“, murmelt er und betupft mit einem im heiligen Öl getränkten Wattebäuschchen die Augen des Kranken, „~indulgeat tibi dominus, quidquid per visum deliquisti~“, und er wechselt das Bäuschchen und betupft die Ohren „~per auditum~“, die Nase „~per odoratum~“, die Zunge „~per loquelam~“, die Hände „~per tactum~“, die Füße „~per gressum~“. Andächtig hören die Nachbarn dem Murmeln zu und verfolgen die eiligen Bewegungen des Priesters mit aufmerksamen Augen. Der Priester ist fertig, die getränkten Wattebäuschchen werden an der geweihten Kerze verbrannt. Noch einmal macht der Priester das Zeichen des Kreuzes über den mühsam Atmenden, dann verabschiedet er sich mit dem Versprechen, am Abend wiederzukommen. Mit ihm schlupfen zwei Bauern zur Tür hinaus, und während die drei die Treppe hinuntergehen, hören sie schon das Gebetmurmeln der Zurückbleibenden. „Der macht’s nimme lang, was meinet Se, Herr Pfarrer?“ frägt der Burgerbeck. Der zuckt die Achseln, ohne zu antworten; aber der Burgerbeck erwartet auch keine Antwort, er fährt fort: „Ja, wisset, ’s isch wege der Lich; er isch doch üse Füerwehrhauptmann gsi, da mün mer nen do mit der Musi bigrobe, und ’s isch scho grusig lang, daß mer kai Lichemarsch meh gschpielt hän. I mei alls, i go gli zum Lehrer un mer probe hit no.“ -- „Scho, scho,“ fiel der andere Bauer ein, „aber der Blasibuer hät jo alliwil de Trompet blose, die Signal un alls, un wenn mer nem Kamerode ’s letzschtmal übers Grab blose hän, hät’s als kainer könnt als der Blasi. Wer soll denn etzt blose? Un ohni Trompet isch’s do kai rechti Füerwehrmusi!“ -- „Do mün Er halt der Lehrer froge,“ meinte der Pfarrer und verabschiedete sich von seinen Pfarrkindern. Die beiden Bauern gingen vom Pfarrhof quer hinüber zum Schulhaus.

Auf dem Blasihof schleicht der Tag langsam hin, die Nachbarn wechseln ab im Beten, das Rosenkranzmurmeln dringt den ganzen Tag über vom Hinterstübchen in die kleine Dorfgasse hinaus. In der Kammer ist eine dicke, heiße Luft, und dem sterbenden Bauern stehen die dicken Schweißperlen auf der Stirn. Von Zeit zu Zeit wischt die Bäuerin ihm das Gesicht ab oder gibt ihm einen Schluck Wasser oder Kirschwasser, dann versinkt sie wieder in dumpfes Brüten oder betet ein paar Gesetzel Rosenkranz mit. Der Bauer hat nicht mehr genug Atem zum Sprechen, vielleicht hat er auch nichts mehr zu sagen, nur seine Augen streifen unruhig von einem Winkel der Kammer in den anderen oder suchen die Gebetsworte auf den Lippen der Betenden. Da klingen plötzlich falsch und schrill die ersten Takte des Chopinschen Trauermarsches in die kleine Kammer. Drüben im Wirtshaus, nur durch den Garten vom Blasihof getrennt, üben die Kameraden die Musik ein fürs Begräbnis. Die Betenden verstummen und lauschen andächtig. Der Sterbende winkt und bewegt die Lippen, endlich versteht die Bäuerin: „Machet au ’s Fenschter uf.“ Es geschieht, und in vollem Strom klingen jetzt die grellen Töne ins Zimmer. Es ging mühsam vorwärts drüben im Wirtshaus, immer mußte wieder abgebrochen und die einzelnen Takte von neuem probiert werden, aber geduldig hörten hier in der Sterbekammer die Leute zu. Nur die Bäuerin schluchzte laut auf, als die Musik anfing, und nun weint sie ohne Unterlaß fast schreiend. Die Lickertsbrigitt möchte sie trösten, aber ungeduldig wehrt die Bäuerin ab: „Nei, sag was de witt, des isch emol it rächt, mi Ma hätt’s am End scho no emol überschtande, mit Gottes Hilfe, aber des isch a bösi Vorbedütung, mer bigrobt doch d’Lüt nit, wenn si no läbig sin ... Jessesmaria,“ schreit sie auf, als jetzt polternde Schritte auf der Treppe laut wurden, „sie wänn en scho hole, un er isch jo no läbig.“ Der eintretende Burgerkarl steht erst eine Weile fast verlegen an der Tür, ehe er mit seinem Anliegen herausrückt: „I soll a schöne Grus sage vo der Füerwehr, un wenn’s im Blasibur rächt wär, so möcht er us doch si Trompet gä, mer bruchet se für d’Lich, he jo -- un i tät mer scho traue z’blose druf.“ -- Der Blasibauer macht eine Anstrengung, zu sprechen, aber ein verständliches Wort kommt nicht mehr heraus, er winkt die Bäuerin, die den Burgerkarl gern barsch abgefertigt hätte, heftig zu sich heran, und in altgewohntem Gehorsam sucht sie nach dem Schlüssel zur Lade, wo die Trompete liegt, schließt auf und zeigt dem Bauern die blanke, leuchtende Trompete; der nickt und nickt noch einmal, als der Burgerkarl fast gierig danach greift und mit einem „Grüß Gott mitenander!“ zur Tür hinauseilt.

Drüben im Wirtshaus haben sie endlich den Trauermarsch ohne Unterbrechung in einem Stück heruntergespielt und stärken sich jetzt nach der schweren Arbeit mit einem tüchtigen Trunk. Man hört laute Rufe und Gläserklingen in der plötzlichen Stille. Der Bauer röchelt schwer, und den Nachbarn fällt ihre Pflicht ein, ihm mit ihrem Beten zu einem guten Tod zu verhelfen. „Wenn do der Pfarrer no emol komme wollt, er hätt am End no ebbes uf em G’wisse, daß er au gar so schwer schterbe will,“ meint die Lickertbrigitt. Ihre Nachbarin, die alte Theres, stupft sie in die Seite und zwinkert nach der Bäuerin hin: „He jo, weisch denn it -- d’Großmutter, die hätt sich doch verhängt, weil er ihr’s so wüscht g’macht hätt, die laßt ihn etzt it in Ruah schterbe“ -- die Lickertbrigitt nickt nur, und eifrig und laut beten sie jetzt um einen guten Tod.

Da klangen hell und laut die Feuerwehrsignale über die Straße. Der Blasibauer griff hastig um sich: „Mi Trompet, gän mer mi Trompet,“ stöhnte er. „O lasset etzt die Narresposse si,“ meinte die Lickertbrigitt und machte das Fenster zu, „denket etzt an Euere Sünd un ans ewig Himmelreich.“ Der Sterbende hörte sie wohl nicht mehr, er griff mit den Händen noch ein paarmal in die Luft; die Brigitt leuchtete ihm mit der rasch angezündeten Sterbekerze ins Gesicht, drückte sie dem Bauer in die rechte Hand und murmelte, halb zur Bäuerin: „I mein alls, etzt isch’s us.“ Drüben im Wirtshaus spielten sie: „Jetzt woll’n wir lustig sein, lustig sein, tanzen und trinken.“ Denn das mußten sie auch noch einüben, für die Rückkehr vom Friedhof.

Wortverzeichnis

Die mundartlichen Formen sind nach dem Gehör niedergeschrieben, nicht nach einem wissenschaftlichen System. Die Aussprache ist übrigens nicht die gleiche bei allen Personen und wechselt auch im Munde der einzelnen, weil die Nähe einer größeren Stadt die Individualsprachen beeinflußt hat, je nach Beruf und Bildungsgrad, und weil die einzelnen Menschen ihre Mundart mehr oder weniger unverfälscht sprechen, je nachdem sie es mit Bauern oder mit Städtern zu tun haben. Folgende Worte bedurften wohl einer besonderen Erklärung: