Part 7
Der Pfarrer hatte es recht eilig, den Plattenhof zu besuchen. Der schöne Hof lag ihm doch recht sehr am Herzen, und daß der Karli auf seine alten Tage noch solche Streiche machen sollte, wollte ihm gar nicht in den Kopf. Es gab eine heftige Auseinandersetzung, und die Euphrosyne, die hinter der Tür horchte, rieb sich vergnügt die Hände. Der Karli trumpfte ordentlich auf, und der Pfarrer ärgerte sich über den verstockten Sünder und sprach von Ärgernis für das ganze Dorf und von dem Kummer der braven tugendsamen Jungfrau Euphrosyne, die immer zum Guten rede, gar erbaulich. Der Karli verstummte schließlich verstockt, und Euphrosyne fand es nun an der Zeit, mit unbefangener Miene in die Stube zu kommen, um die beiden mit guter Manier auseinander zu bringen. Ihr Samen würde jetzt schon aufgehen, mehr Eifer von Seiten des Pfarrers konnte ihr nur schaden. Und sie überschüttete den Pfarrer mit einem Redeschwall und komplimentierte ihn zur Tür hinaus, nicht ohne eine ansehnliche Geldgabe für heilige Messen: „Sie wisset scho, fürs b’sondere Aliege, daß alles guet usgoht.“
Und ein paar Nächte darauf sah der Gottlieb im Dunkeln den Karli um die Kammertür der Resi herumschleichen, aber der Karli sah auch den Gottlieb, und er blieb lauernd stehen, um zu sehn, ob der wohl hineinginge. Und wie sie so lautlos im Dunkeln warteten, hörten sie ganz deutlich hinter der Kammertür ein leises Kichern, dann eine unterdrückte tiefe Stimme und ein hastiges Tappen und Huschen, und unwillkürlich machten beide einen Schritt nach der Kammer zu und blieben dann verlegen voreinander stehn. „O des Mensch, des schlecht,“ sagte Gottlieb. Karli nickte bedächtig: „Also bischt du’s nit gsi!“ „Jo, wo denksch au hi,“ meinte leis der Gottlieb, „i werd mi do nit uf mini alti Däg so zum Narre halte lo von so me junge Mensch ... Aber us em Hus muß se mer, morge no,“ setzte er in erneutem Ärger hinzu. „Jo, ’s wird ’s G’schitescht si,“ meinte der Karli, „weisch, mer sind in de Müler vom ganze Dorf, mir händ si’s gsait geschtern,“ und er lachte leise in sich hinein, „der Pfarrer hät g’meint, i hät se uf schlechte Weg brocht.“ „Us em Hus mueß se mer,“ wiederholte der Gottlieb, „d’Euphrosyne soll se morge in der Frueh fortschicke, i will’s gar nimmi sehe, des schlecht Maidli des; in unserm christliche Hus so e Lotterlebe z’führe.“ Brummend zogen sich die Brüder jeder in seine Kammer zurück.
Und drin in der Kammer der Resi streckte sich die Euphrosyne recht behaglich unter das dicke Federbett. Sie hatte sich ohne Wissen der Brüder für ein paar Nächte bei der Resi einquartiert. „Weisch, i han au so ängstliche Träum in der letzte Zit, un do möcht mer doch gern e lebigi Seel um si habe,“ hatte sie der Resi als Vorwand gesagt. Sie hatte das Knarren der Diele und das Flüstern der Brüder gehört und ihre Schlüsse draus gezogen. Sie wußte, daß sie jetzt auf dem Hof bleiben konnte bis zu ihrem Sterbestündlein, und ein guter Platz im Himmel war ihr auch sicher, wo doch der liebe Gott den schönen Hof bekam. Eine große Kerze gelobte sie noch der lieben Mutter Gottes, die ihren Plan, ohne Unfrieden das fremde Mädel fortzukriegen, hatte gelingen lassen. Und der Resi sollte auch nichts passieren. Sie hatte sich das schon zurecht gelegt. Am Morgen wollte sie sich mit ihr aufs Bernerwägeli setzen und zur Bas über den Berg fahren; die suchte eine Hilfe, bei ihrer Gicht konnte sie so schon lang ’s Vieh nicht mehr ordentlich besorgen. Daß die Resi gleich dort blieb, das wollte sie schon einrichten. Dann schlief die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne befriedigt ein, und so gut und traumlos hatte sie schon seit Monaten nicht mehr geschlafen wie diese Nacht. Das ruhige Gewissen und das gute Einvernehmen mit dem lieben Gott und seinen Dienern auf Erden verlor sie nicht bis sie achtundsiebzigjährig als letzte der drei Geschwister selig verstarb.
Und der Pfarrer hielt ihr eine so erbauliche Grabrede, daß das ganze Dorf Rupertsweiler einsehen mußte, wie sehr es im Unrecht gewesen war mit seiner Abneigung und wie wohl verdient die Inschrift auf dem Grabstein war:
Hier ruht bei ihrem Heiland die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne Platner.
Sie lebte ohne Lug und Fehl, Und gut geht’s ihrer armen Seel; Auch weil sie all ihr Gut und Hab Dem lieben Gott zu eigen gab. Sonst wollt’ sie nur den Grabstein haben. Gott möge ihre Seele laben.
Amen.
Fußnote:
[1] Im Schwarzwald übernimmt der Jüngste den Hof.
Das Gespenst
Beim Walzenbauer geisterte es; die Knechte und Mägde des Hofes flüsterten es sich untereinander zu und erzählten es, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, bald da bald dort einem Knecht oder einer Dirn vom Nachbarhof. Der Bauer und die Bäuerin wußten es auch, das hatten die „Völker“ schon gemerkt; aber es war nicht gut Kirschenessen mit dem Walzenbauer, und so hüteten sich die Leute wohl, laut darüber zu sprechen. Und gar so fromm war der Bauer und die Bäuerin, und der Pfarrer kam jedes Jahr in der Dreikönigswoche und segnete Haus und Stall und Hof und zeichnete die drei Buchstaben ~C~ † ~M~ † ~B~ † über Haus- und Stalltür. Und im Herrgottswinkel steckten hinter dem Kruzifix die geweihten Palmbuschen vom Palmsonntag, und in der Schlafstube stand riesengroß die Statue vom heiligen Joseph, dem Namenspatron des Walzenbauern. Und doch -- gerade in der Schlafstube hatte das Gespenst zuerst sich gezeigt, wie die Mägde sich zu erzählen wußten, und von der Schlafstube aus kam’s immer, wenn sich’s bald da bald dort im Haus verzeigte. Der Bauer war sichtlich gedrückt von dieser Gespenstergeschichte; sein Hof war immer ein Musterhof gewesen, und wie’s seine Großeltern auf dem Hof gehalten hatten, so ward’s jetzt gehalten, und seine Großeltern und seine Eltern waren brave, fromme Leute gewesen und hatten sich nichts zuschulden kommen lassen in ihrem Leben; die brauchten nicht als friedlose Seel’ jetzt in ihrem Hof herumzugeistern, und wenn’s eine fremde Seel’ war, die hatt’ erst recht nichts auf dem ehrbaren Hof zu suchen. Und der liebe Gott meinte es nach des Bauern geheimster Herzensmeinung überhaupt nicht gut mit ihm, der doch rechtschaffen lebte und niemand ein Unrecht tat.
Seine Frau hatte ihm statt des Stammhalters, der mal den schönen Besitz hätte übernehmen können, eine einzige Tochter geboren.
Wie oft hatte er’s dem Pfarrer vorgeklagt: „No ja, klage kunt i nit, recht wär sie, die Resi, schaffig un immer lustig un zum Anschauen wär sie au nit übel, i wüßt im Dorf kei schöneres un kei braveres Maidle z’nenne, wenn i eini hätt’ nennen sollen, als ’s Resi, des müssener selber sage, Herr Pfarrer, daß dös so isch. Aber a Stammhalter isch’s halt doch nit, un des war nit recht vom liebe Gott, Gott verzeih mer d’ Sünd. Un gar jetzt, wo des Resi en riche Buresohn hirate sollt, jetzt hat sie sich der Waltertoni in de Kopf g’setzt, der Großknecht, he jo, alles was recht isch, schaffig isch er un a brave Bua. Aber gleich g’hört zu gleich, Herr Pfarrer, un der Waltertoni isch a Häuslerbua, un des paßt mer nit für’s Walzebauereresi.“ Oft schon hatte der Pfarrer gut zugeredet, der hätte dem Resi und dem Toni gern geholfen, aber der Bauer blieb hartnäckig bei seinem „Gleich g’hört zu gleich“. -- Und als die Resi immer hartnäckiger auf ihrem Willen bestand, da hatte der Walzenbauer zwar nicht den Großknecht fortgeschickt, der war nicht so bald zu ersetzen, denn er schaffte für drei jetzt in der Erntezeit; aber ’s Resi hatte er hergenommen und es mit allen Strafen des Himmels und der Erde bedroht, wenn er sie noch einmal ein Wort mit dem Toni sprechen sehen würde.
Und ’s Resi durfte nimmer mit der Großmagd zusammen schlafen in den Mädlekammern, das kleine Kämmerle hinter der ehelichen Schlafstube wurde der Resi eingeräumt, mit dem einzigen Ausgang durch die Schlafstube der Eltern, und das Fenster nagelte der Bauer eigenhändig zu, nicht das kleinste Schieberchen ließ er offen. Ein paar Tag lang lief ’s Resi mit verschwollenen Augen herum, aber dann warf’s wieder den Kopf in die Höh wie in guten Tagen und sang im Haus herum, so lustig wie immer. Und gerad da, wie im Hof scheinbar aller Unfriede wieder aufgehört hatte und der Bauer stillvergnügt sich die Hände rieb und zu seiner Frau sagte: „Siehsch Annelies, mer muß dem Maidle nur zurede, no läßt’s die Narreposse scho si“, gerade in den Tagen fing die Gespenstergeschichte an. Und die Bäuerin hatte bald Grund über ihr Resi den Kopf zu schütteln, ihr schien immer mehr, als wär’s mit der Heiterkeit der Resi nit gar weit her. Als der Bauer wieder einmal sein diplomatisches Talent gar sehr rühmte, meinte sie: „I weiß it, au gar so schreckhaft isch des Maidli, heut hän i mit em de Rosekranz bettet un beim letzschte G’setzli han i noch a Bittgebet ag’hängt, daß uns au der heilig Joseph behüte un bewahre soll vor dem G’schpensterwese, do hatt’s z’hüle ag’fange, so daß es gar nit hät mit bette könne, grad der Bock hät’s g’stoße. Mir g’fallt ’s Maidle nit,“ schloß die Bäuerin bedächtig. Aber der Bauer wollte nichts davon wissen; „warum soll’s nit hüle,“ meinte er brummig, „’s isch au grad a Schand für unsere Hof, ’s hät ganz recht, des Maidle, wenn’s braiget, un bigoscht, i hann’s au satt, un wenn der heilig Joseph uns nit besser b’schütze ka, Gott verzeih mer d’Sünd, no kann er mer g’schtohle werre,“ setzte er in vollem Zorn hinzu. Die Bäuerin bekreuzigte sich voller Entsetzen. „Jesus, Maria und Joseph, Gott verzeih der d’Sünd. Dei heiliger Namenspatron! Bauer, so b’sinn di doch au!“
Aber der Bauer blieb verstockt und sein Entschluß, im Zorn gefaßt, sollte nun durchgeführt werden, die Geisterei duldete er nicht mehr auf seinem ehrbaren Hof. Am nächsten Samstag war Sichelhenke, dann war Zeit, er würde den Pfarrer bitten, am darauffolgenden Montag das Haus auszuweihen und dem Spuk durch den Segen der Kirche ein Ende zu machen. Und Samstag in aller Früh fuhr er in seinem Bennewägele nach der nahen Stadt, und das riesengroße Paket, das er auf dem Sitz neben sich mit zurückbrachte, das ließ er, ohne auf die Neugier seiner Frau zu achten, unausgepackt ins Schlafzimmer tragen. Der Pfarrer mochte dem angesehenen Bauern seine Bitte, das Haus neu auszuweihen und den Geisterspuk zu vertreiben, nicht abschlagen. Am Sonntag früh ging der Bauer und seine Frau zur Beicht und Kommunion. Einen Strich durch seine Rechnung machte das Resi dem Bauern, die konnte vor argen Halsschmerzen nicht mit zur Kirche, sie war so heiser, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Aber der liebe Gott würde schon mit dem guten Willen zufrieden sein, er und sein Haus wollten bereit sein, daß die Segnungen der Kirche am Montag auch Kraft hätten. Am Sonntag abend nach dem gemeinsamen Abendgebet verkündete der Bauer seiner Frau und Tochter und dem Gesinde: „Morge glei nach ’em Nüniesse kommener alli do in die Stube, mit änem subere Häs, i wer euch dann was verkündige. Un jetzt gut Nacht mitenander.“ Das Gesinde verteilte sich in die Kammern und wunderte sich, was wohl morgen „verkündigt“ werden würde. Frau und Tochter bestürmten den Bauern um Auskunft. Der wehrte aber mit einem ruhigen „I gang jetzt schlofe, bhüt Gott Resi“ alle Fragen ab, und Resi mußte in ihr Kämmerle schlüpfen. Im Ehebett mußte der Bauer seiner Frau wohl Rede stehen; denn einmal hörte die Resi einen Ausruf der Mutter, der fast nach Schreck klang, aber mehr konnte sie, so nah sie auch ihr Ohr an die solide Holztür anlegte, nicht hören. Und der Morgen kam heran, und die Arbeit auf dem Hof wollte heute keinem recht von der Hand gehen; wo zwei zusammenstießen, tauschten sie immer wieder ihre Meinung aus, was wohl geschehen würde. Aber endlich kam die neunte Stunde, das Nüni wurde schnell verschluckt, alle vertauschten den Arbeitsanzug mit dem Sonntagsgewand, und verlegen, oder, je nach Gemütsart, mit geheucheltem Gleichmut trat Gesinde und Frau und Tochter in die Stube zum Bauern, der im Herrgottswinkel saß, auch in seinem Kirchenrock.
„I han euch herbschtellt,“ fing der Bauer an, „weil i will, daß alli dabei sin, wenn jetzt der Herr Pfarrer kommt un unsere Hof neu ausweiht.“ Eine kleine Pause machte er, dann fuhr er fort: „I han no nit mit euch dodrüber g’sproche, aber ihr werret’s alli wisse, daß sitener a paar Woche sich Eins verzeigt, un dem will i a End mache. Mir Walzebauere sin alli ehrbare Lüt gsi, solang der Hof steht, un i wüßt nit, wodermit mer so ne Heimsuchung verdient hätte. Mir hän alliweil der Kirche gä, was der Kirche g’hört, un so soll denn jetzt au d’Kirche helfe un dene Spuk vertreibe. So, un bis der Herr Pfarrer kommt,“ der Bauer sah nach der großen Standuhr in der Ecke, -- „er muß äneweg gli do si, so lange bette mer jetzt no d’Litanei von alle Heilige. Resi bett vor“, schloß der Bauer. Aber ’s Resi war nicht imstand vorzubeten. Als der Bauer sagte, daß der Geistliche zum Austreiben des Spuks kommen würde, war ’s Resi totenbleich und halb ohnmächtig auf die Ofenbank gesunken, und da kauerte es noch und stierte nach dem Großknecht, als wär’s von Sinnen. Der machte einen Schritt nach dem Ofen zu, als wollte er ’s Resi an sich reißen, aber er blieb dann doch stehen und winkte unmerklich mit der Hand. Der Bauer wollte auffahren, als er das Mädle sah, aber die Bäuerin kam begütigend dazwischen: „I hab der ja gsait, daß des Maidle so schreckhaft isch, wenn von dem Geistersach d’Red isch, laß es nur si.“ Und resolut fing sie an: „Herr erbarme dich unser. Christus erbarme dich unser“, und das Gesinde mit dem Bauer fiel ein mit den Antworten. Und dann sahen sie den Pfarrer im Chorrock zum Hoftor hereinkommen mit zwei Ministranten, der eine trug den großen Weihwasserkessel, der andere das Rauchfaß. Der Bauer stand auf mit Frau und Gesinde und ging dem Pfarrer bis unter die Haustür entgegen. Auf seinen Wink betete die Bäuerin weiter und der Pfarrer respondierte, so gingen sie, der Pfarrer voran, in die Stube zurück und beteten erst die lange Litanei ganz zu Ende. Beim letzten Amen trat der Bauer auf den Geistlichen zu und sagte: „I dank au schön, daß Ihr komma seid, Herr Pfarrer.“ Und der sagte: „Ich bin gern gekommen, Walzenbauer, um Euern frommen Wunsch zu erfüllen; aber bevor ich weitergehe, muß ich doch von Euch und von Euern Leuten bestätigt erhalten, was ich bis jetzt doch nur sehr ungenau gehört. Sonst weiß ich nicht, wie ich vorzugehen habe, mit was für einer Art Erscheinung wir hier zu tun haben. Wollt Ihr, Walzenbauer, also zuerst Euere Beobachtungen erzählen, und wer dann noch etwas bemerkt hat, der rede dann.“
„Jo, Herr Pfarrer, i kann Euch nit viel anders verzähle, als i Euch scho gsait ha, wie i bei Euch war. ’s wird jetzt so zwei Monet her si, do bin i in der Nacht am a Grumpel in der Schlofstube verwacht, i han grad kei leise Schlof, ’s muß also scho a übernatürlichs Grumpel gsi si, daß i dervo verwacht bin. I han mer aber nix denkt z’erscht. I han nur grufe: ‚Wer isch do?‘ ’s hät kei Antwort gä und ’s isch müslischtill im Zimmer gsi. No han i Licht mache wolle, derweil isch aber d’Büeri ufg’wacht un hät mi am Ärmel zupft. Wie i mi zu ere dreh, um z’froge, was sie will, zeigt sie ufs Bettend, un do stoht was Langs, Wißes, des grad uf un abi zuckt. ‚Alli guti Geischter lobe Gott‘, murmelt d’Büeri und zieht mi mit G’walt unter d’Bettdecke. No höre mer nur no a Krach, wie wenn mer a Türe mit aller G’walt zuschlagt. No war’s schtill. Noch ere Wile hän i mer denkt, ’s wär am End die Türe zur Maidlikammer gsi, i han also g’rufe, aber ’s Resi hät kei Antwort gä. Erscht wia ni schier überlaut gschraue hab, no hät’s Maidli g’rufe: ‚Jo Vater, was isch?‘ ‚Häsch du nix g’hört?‘ han i g’fragt. ‚Nei, Vater, i han g’schlofe, was isch au?‘ fragt’s. Un da han i g’wußt, daß des a übernatürliche Erscheinung gsi isch, denn wenn des Maidli nix g’merkt hat vo dem Grumpel un dem Türeschlage, no isch des grad nur für mi so laut gsi. I han ’s Resi beruhigt, un d’Büeri un i, mir han a G’setzli bettet für die abgschiedene Seele. Ja, un derno, Herr Pfarrer, war’s a paar Nächt wieder ruhig, aber dann hät’s wieder spektakelt, un immer ärger isch’s worre, d’Bettdecke wegzoge hät’s uns, d’Leuchter vom Nachttischli runterg’worfe, kalt anblose wie aus ere Totegruft raus hät’s uns. ’s war schier nimmi usz’halte, was mir in dene Nächt usghalte hän, Herr Pfarrer. Un dann han i au no g’merkt, daß die Sach widersch goht. D’ Mägd hän’s im Resi gsait, daß es in de Nächt bald da bald dort rumort, der Büeri hät’s d’Großmagd gsait. I han dergleiche tu, ’s wär dumms G’schwätz, i han nix davo wisse wolle, denn i han g’merkt, wie d’Leut d’Köpf z’sammeschtecke, un derno isch mer’s doch z’arg worre, i will nit ha, daß unser Hof in Verruf kommt, un so han i mer denkt, der Herr Pfarrer muß her, un dere Sach muß e End g’macht werre.“ So schloß der Bauer. Und dann erzählte die Großmagd, daß sie schlürfende, tappende Schritte durch den Gang vor ihrer Kammertür gehört hätte. „Un“ sagte sie, „i han mer denkt, ’s isch eini von de Mägd, die uf urechte Weg isch; i bin ufgschtande un han d’Türe ufg’macht; kaum han i aber der Kopf in der Gang nausgschtreckt, do isch mer was Kalts, Weichs übers G’sicht g’fohre, un i ha nix meh g’sehe un nix meh g’hört, un in de andere Nächt, wenn i wieder was g’hört ha, han i halt für die arm Seel a G’setzli bettet.“ Und die Mägde und Knechte wollten alle ähnliche Sachen gehört oder gefühlt haben. Nur ’s Resi wußte von nichts; sie war sichtlich unruhig und verstört, aber selbst das Zureden des Pfarrers brachte nichts aus ihr heraus. Der wandte sich denn auch ohne weiteres Zögern an den Bauern: „Wenn’s Euch recht ist, Walzenbauer, so wollen wir jetzt tun, was unsere heilige Kirche für solche Fälle vorschreibt.“ „I möcht schön bitte, Herr Pfarrer,“ sagte der Bauer, „daß Sie in unserer Schlofschtube afange, do hätt’s sich’s z’erscht verzeigt, do muß es au z’erscht ustriebe werre.“ Ohne Antwort abzuwarten ging er voran und machte die Tür zur Schlafkammer auf. Der Pfarrer folgte mit den beiden Ministranten und die übrigen drängten nach. Und die Bäuerin und die Resi sahen zuerst: der heilige Joseph war von seinem Postament verschwunden, und auf einem Stuhl stand, neu, in goldschimmerndem Gewand, ein Jesuskind mit der Krone auf dem Haupt, die Weltkugel in der einen Hand, die andere segnend erhoben. Noch einmal trat der Bauer vor: „I tät au bitte, Herr Pfarrer, daß Sie des Jesuskindli weihe täte, des soll unser Schlofkammer b’schütze un b’hüte; der heilige Joseph, der bis jetzt do war, han i fort, wie Ihr sehe.“ Der Pfarrer nickte und begann nun seine Gebete aufzusagen, und andächtig sekundierten die übrigen. Feierlich schritt der Pfarrer von Ecke zu Ecke des Zimmers, in jede spritzte er Weihwasser aus dem großen Kessel, den der Ministrant ihm hinhielt, legte dann noch Weihrauch auf die glühenden Kohlen des Rauchfasses, das ihm jetzt der andere zureichte, schwang es in Kreuzesform dreimal nach den Himmelsrichtungen, und beschwörend klangen die lateinischen Worte, mit denen er jeden bösen Geist bannte. Zuletzt trat er vor die neue Statue und weihte sie und stellte sie auf das Postament, dann fing er die Litanei der Kindheit Jesu an, und die Anwesenden gaben ergriffen von der Weihe des Moments die Antworten. Nach den ersten Bitten schritt der Geistliche mit den Ministranten voran durch die Tür in den Gang und die übrigen schlossen sich betend an. So gingen sie durch alle Gänge und Kammern des Hauses, und vor jeder Tür machte der Pfarrer das heilige Kreuzzeichen und besprengte in Kreuzform Schwelle und Tür mit Weihwasser und räucherte mit Weihrauch. Als jedes Winkelchen des weitläufigen Hofes geweiht war, entließ der Bauer das Gesinde wieder zur Arbeit, und mit Weib und Tochter setzte er sich zum Pfarrer in den Herrgottswinkel, und die Großmagd trug Speck und Kirschenwasser auf und schnell gebackene Sträuble.
Dem Pfarrer war das verstörte Wesen der Resi schon aufgefallen während des Umgangs; jetzt saß sie gar da, wie ein Häuflein Unglück. Irgend etwas war da nicht in Ordnung, und da wäre er gar gerne dahintergekommen, ein bissel neugierig war er schon. Nachdem sie lang genug übers Wetter und die Kornpreise geredet hatten, stand der Pfarrer auf, und bevor er sich verabschiedete, sagte er beiläufig: „Ich mein, Walzenbauer, Ihr könntet für die Ruhe von der armen Seele noch eine Novene halten, und so wie Ihr mit der Frau am Sonntag zur Kommunion komme seid, könntet Ihr zum Samstag d’Resi und die übrigen Hausleute zur Beicht schicken. Wir wollen doch nix versäumen, daß Ihr dann jetzt auch ganz Ruh habt.“ Der Bauer dankte für den guten Rat und gelobte die Novene und sagte auch für’s Resi und sein Gesinde zu. Soviel Zucht war auf dem Hof, daß keiner einem solchen Gebot zu widersprechen gewagt hätte.
Nur ’s Resi lief mit verschwollenen Augen herum, minutenlang konnte sie mitten in der Arbeit bewegungslos stehenbleiben und vor sich hinstarren oder gar in Tränen ausbrechen. Vater und Mutter ging sie soweit wie möglich scheu aus dem Weg. Am Donnerstag nachmittag saß sie mit den Mägden beim Flachshecheln und lustig sangen und lachten die Maidli, denn abends gab’s Freitrank, um den Staub hinunterzuspülen, und ’s Hecheln selbst war gar lustige Arbeit, so schön wirblig und übermütig wurd’s einem im Kopf dabei, gerad, als hätt’ man ein bissel schon getrunken. Aber ’s Resi sang heute nicht mit, wie sonst wohl, verdrossen saß sie da, und schließlich stand sie auf, schüttelte den Staub so gut’s ging ab, nahm das Tuch von Kopf und Hals, das zum Schutz gegen die Fasern umgebunden war und ging zur Mutter in die Stube. „I han Kopfweh, Mutter,“ meinte sie kurz, „i kann nimmi mit hechle, i mein alls, i gang a weng zur Lenebas, der bin i scho lang wieder amal a Bsuch schuldig, un ’s wird mer gut tue.“ Das Maidle sah wirklich schlecht aus, und so mochte die Mutter nichts einwenden: „Jo, so gang halt un grüß mer ’s Lene’, und sie soll au sich wieder amol bschaue lasse bi uns,“ und sie schüttelte erstaunt mit dem Kopf, als das Resi wie sie ging und stand zur Tür hinauseilte, ohne Gruß. Sie sah ihr nach, bis sie aus dem Hoftor verschwand. „Dem Maidli isch was,“ brummelte sie vor sich hin, „itzt lauft sie gar ohne Kopftuch ins Dorf nei.“ Und sie schüttelte bei ihrem Spinnrad noch oft den Kopf wegen dem Maidli. Die rannte unterdessen wie gejagt ins Dorf hinein. ’s Lenebas, ihr Götte, daß sie daran nicht früher gedacht hatte, die konnte helfen, wenn eines helfen konnte! Die Lene war die unverheiratete, ältere Schwester der Walzenbäuerin; sie saß auf ihrem eigenen Hof, den sie nur mit Mägden regierte und bestellte. Man munkelte, daß sie den, den sie gern gehabt hätte, nicht bekommen hätte, und so war sie ledig geblieben und hatte zuerst voll Trotz den Menschen zeigen wollen, daß ein „einschichtiges“ Frauenzimmer auch was leisten kann und zufrieden werden kann. Und sie hatte das Gut, das bei der Erbteilung ihr zufiel, zur Musterwirtschaft gemacht, und ihre Geflügelzucht war bald weitberühmt und brachte ihr schönen Ertrag und manch Ehrung durch Preise und Diplome. Aber mehr noch als durch ihre Hühner, Enten und Tauben war sie im Dörfle geehrt als Friedensstifterin. Wenn irgendwo zwischen Eheleuten oder zwischen Kindern und Eltern Meinungsverschiedenheiten waren, ging immer eins oder ’s andere zur Lenebas, und die wußte immer einen Rat oder das rechte Wort, und es fiel immer zum Guten aus, was sie sagte. Es gab keinen im Dorf, der nicht schließlich nachgegeben hätte, wenn die Lenebas einmal ihre Meinung sagte. Sie mischte sich nie ungerufen in Dinge anderer Leute, aber wenn sie gefragt wurde, nahm sie die Sache in die Hand und hatte immer mehr ausgerichtet als selbst der Herr Pfarrer.