Rupertsweiler Leut

Part 6

Chapter 64,221 wordsPublic domain

Und am Morgen nach der Frühsuppe, als jeder an seine Arbeit gegangen war, blieb die Lenebas mit dem Marei im Herrgottswinkel sitzen. „So,“ meinte sie, „jetz hen mer e Schtündli für uns, jetz könne mer schaue, ob’s wahr isch, was de geschtern gmeint hesch, daß kei Plätzli meh für di uf derer Herrgottswelt isch; aber alls schön der Reih nach. Hesch dei Sach no uf em Schulzehof?“ Das Marei nickte nur. „Hesch bündeled?“ fragte die Lene weiter. Dem Marei kamen doch wieder die Tränen in die Augen: „Er hät mi fortgjagt, i hätt scho Zit gha z’bündle, aber i hen ghült, un derno wie’s dunkel worde isch un der Schulzebur a mei Kammere klopft hät, no bin i grad wie ni war an nem vorbigrennt, alls fort ...“ Sie stockte und die Lene ergänzte gelassen: „Glücklicherwis der Lenebas grad in d’Arm neigrennt.“ Und nun fragte sie bündig: „’s Kind isch vom Bur, nit vom e Knecht?“ ’s Marei guckte erstaunt auf. Das wußte die Lenebas also schon. Wie zur Antwort nickte die Lenebas: „Worum hättscht denn suscht ins Wasser renne wolle. Aber i verschtoh do nit recht, worum hät der Bur di denn fortgjagt? D’Frau liegt krank un schtoht au kaum meh uf, bis mer sie mit de Füeß vorweg zum Hof naustraget. Die hät’s doch nit erfahre un nit verlangt; un der Bur ... hät der scho wieder en anderi wolle?“ „Nei, sell nit,“ erzählte nun ’s Marei, „wenn i em Bur zwille wär, so könnt i grad e Herrelebe führe uf em Hof.“ Und jetzt brach’s aus ihr heraus, der ganze Jammer, und die Worte überstürzten sich fast, mit denen sie der Lenebas klar machen wollte, wie sie in die elende Lage gekommen sei. „Jo schauet, der Bur isch mer nachgange vom erschte Tag, wo ni uf em Hof war, i hän mer lang nix derbi denkt, i war halt au no e dumms Ding un hab gmeint, wo ner doch verhürotet isch, no solt’r do nit nach de Mädli luege. Aber derno hän’s die andere gmerkt un hän gschpöttelt und gschtichelt un händ alles tue, um im Bur d’Glegeheit z’mache. Si hän mer e Kammere gä, ganz ab vu de andere Mägdekammere, si hän gsait, daß i nächer bei der kranke Büeri si soll. Wie ni emol uf em Heubode z’ tue ghabt hab un der Bur au rufgschtiegen isch, no het der Großknecht unte d’Leiter ewegzoge. Un derno hän i deutli gmerkt, was der Bur vu mer will; blaui Flecke han i ghabt, no acht Däg lang, so han i kamplet mit em, aber ’s het mer nix gholfe, er het si Wille ghet. I will nit lüege, Lenebas, i han mi gwehret, sell isch wohr, aber ’s isch e Moment gsi, wo ni mi nimmi gwehrt hab, un i het jo au glei derno bündle könne, aber i bin dobliebe, un i han em am Obig d Kammeretüre nit zugmacht. Aber derno, wie ni d’Büeri wieder gsehe hab uf ihrem Siechbett, un wie die Huslüt alli so schiech guckt hän, oder au gar so um mi rumg’schmeichelt hän un mi schier scho wie d’künftig Büeri um alles gfragt hän, wo doch d’recht Büeri no lebig isch, do han i en Ekel kriegt. I han der Bur nimmi sehe könne un hab mi gschämt, daß d’Sonn mi ascheint. Der Bur hät bettelt un hät mer bei alli Heilige versproche, daß i sei Büeri wir, wia die ander tot isch; aber wenn er bei mer i der Kammere gsi isch, no isch grad immer d’Büeri mit ihrem breschthafte Lib zwische uns gsi, so daß es mer graust het, un i hans nimmi könne ushalte, i hab nei gsait un nei, un wie i’s Kind gmerkt hab, derno hab i erscht recht gwußt, daß i der kranke Büeri des nit antue ka. Der Bur het in sim Zorn brüllt un gsait, wenn i nem nit z’wille bi, so gibt er der Büeri grad Rattegift. Derno han i mer nimmi z’helfe g’wußt andersch, i han em gsait, daß i en Andere gern heb, un er soll mi in Ruh losse. Jo, un derno hät er mi verschlage un hät mi dervog’jagt; un wie ’r am Obig wieder komme isch un bettlet hät un mer alles möglich versproche hät, un i soll em nur sage, daß des von dem Andere e Lueg isch, do bin i fortg’rennt un hab mer denkt: lebe kann i nimmi.“ Die Lenebas hatte den ganzen Ausbruch ruhig mit angehört und ihr Spinnrad gedreht: „So han i m’r d’Sach ug’fähr scho selber denkt, i kenn jo de Schulzebur“, meinte sie jetzt gelassen, „daß de weggange bisch vom Schulzehof isch recht, du hetsch ’s a weng früher tue könne, ’s wär besser gsi, aber was g’schehe isch, isch g’schehe. Nur Maidli, do verschtoh i kei Schpaß, du bisch zu dem Kind komme, nit viel anders, wie ne Henne en Ei legt; ’s isch der halt so komme, un i sag der g’wiß nix dergege, aber jetz häts en End mit dem in Dag neilebe, jetz bisch für des Kind do un nit für di. Jetz häsch derfür z’sorge, daß des Kind e warms Plätzli uf dere Welt findet, un wenn de nix andersch häsch als dini Ärm, no häsch halt dini Ärm um so fester um des klei Wurm z’samme z’halte, daß es nit gar z’frue merkt, wia kalt d’Welt suscht isch. Un helfe will i der derbi, do de mer grad in d’ Ärm neigrennt bisch. Jetz blibsch uf em Hof un hilfsch mer bei der Arbet, un was witers wird, des wolle mer unserm Herrgott überlasse.“ Und ’s Marei sagte „Vergelt’s Gott viel dusigmol“ und weinte noch ein Weilchen, und dann nahm sie ihr Leben wieder in zwei Hände und ging an die Arbeit. Und es wäre alles gut gegangen, denn die Mägde des Maidlihofs nahmen die Sache natürlich und gutmütig, und die Lenebas war die letzte, die sich um Gerede gekümmert hätte, wenn geredet worden wäre. Aber ’s Marei fand sich doch nicht immer mit dem gleichen Mut in ihre Lage; oft genug ertappte die Lenebas sie, wie sie mit verweinten Augen vor sich hinstarrte. Und da der Lenebas eine Aussprache mit ihrem Herrgott immer geholfen hatte, so riet sie der Marei eines Morgens: „I mein alls, dir täts guet, emol bichte z’goh; du bisch jetz scho zwei Monet bei mer un häsch in dere Zit dei Friede nit g’funde. I ganget jetz emol, wenn i di wär, un tät unserm Herrgott ’s Herz usschütte, un e gueti Bicht hilft mengesmol, wenn mer e schwers Herz hät.“ Und da ’s Marei in den zwei Monaten gelernt hatte, die Lenebas wie eine Mutter zu verehren, so folgte sie auch jetzt, und eilte gleich am nächsten Samstag zur Beichte. Aber das Resultat war anders, als die Lenebas erhofft hatte. ’s Marei kam verstört und halb von Sinnen aus der Kirche zurück und erzählte der erschrockenen Base, der Pfarrer habe sie so hart beschimpft, daß sie nicht mehr wisse, wie sie weiter leben solle. „O die Mannsbilder,“ fuhr die Bäuerin auf, „die elendige Mannsbilder, wenn die nur alles hinterefür aschtelle könne! Schau Marei, was so a Mannsbild sagt, un wenn’s der Herr Pfarrer isch, des gilt grad gar nix; was verschtoht denn so a Mannsbild, noch derzue so e einschichtigs, vu uns Wibervölker. So laß en doch schwätze un halt dich an unsere liebi Mutter Gottes; jetz häsch dei Pflicht tue, wie ’s d’Kirche vorschreibt, un jetz bettescht zum liebe Gott, un derno wird’s d’r scho besser were. Was der Pfarrer gsait hät, des schlagsch d’r aus em Kopf, der schwätzt halt wie’r ’s verstoht un wie’r meint, daß er muß; aber des musch nit schwerer nehme, als wenn unser Geißbock dir e Stoß mit de Hörner gibt, ’s tut e weng weh, aber so em e uverninftige Tier ka mers do nit verdenke, un derno lacht mer drieber.“ Es schien, als würd’s der Marei etwas leichter ums Herz unter dem Zuspruch der Lenebas, aber es hielt nicht an. Ihr Gemüt war verstört und wurde es immer mehr. Als sie gar erfuhr, daß die Schulzenbäuerin gestorben sei, da wuchs ihre Aufregung so, daß die besonnene Lenebas sich fragte, ob das Mädel nicht besser in einem Krankenhaus untergebracht würde. ’s Marei schrie laut, sie habe die Schulzenbäuerin getötet, und die Lenebas konnte ’s Marei nur mit Mühe davon abhalten, vor dem ganzen Dorf und vor dem Gericht sich des Mordes anzuklagen. ’s Marei war geisteskrank, das wurde der Lenebas klar, aber sie vertraute immer noch auf die gute Natur des Mädchens, und ein Arzt, den sie aus der nahen Stadt hatte rufen lassen, gab ihr im Grunde recht und tröstete sie mit der Behauptung, daß diese Verstörung mit der Schwangerschaft zu Ende gehen werde. Die letzten Tage vor der Niederkunft wich die Lenebas dem Marei fast nicht von der Seite. Ein kleiner Bub kam zur Welt, und ’s Marei hörte auf zu jammern und zu schreien und lag still in ihren Kissen und hätschelte den kleinen Kerl. Und die Lenebas atmete auf und ging nun wieder mit erleichtertem Gemüt ihren etwas vernachlässigten Geschäften nach und überließ ’s Marei sich selbst und dem Einfluß ihres Kindes. Und da geschah das Unheil. Als die Lenebas eines Nachmittags ihre Geflügelställe inspizierte, kam plötzlich die Anastas gelaufen und meldete ihr: „Der Herr Pfarrer isch kumme, er hät nach em Marei gfrogt un ’r isch drin bi n’ re.“ Die Lenebas eilte was sie konnte nach dem Haus zurück; da hörte sie schon auf dem Gang zu Mareis Stube lautes Weinen und dazwischen die erregte Stimme des Pfarrers. Ohne Zaudern riß die Lenebas die Tür auf und stand vor dem erstaunten Geistlichen. Mit einem kurzen „Grüß Gott, Herr Pfarrer“, ging sie an ihm vorbei zur weinenden Marei und nahm sie tröstend in ihre Arme. „Bäuerin, Ihr tut Unrecht, den Trotz dieser Verworfenen noch zu stützen,“ fing der Pfarrer an, „ich bin mit den besten Absichten hergekommen der Schulzenhofbauer hat mich beauftragt, Geld für das Kind, für dieses Kind der Sünde, zu bringen. Seine Verirrung reut den Mann, und er will ’s Marei wieder zu Ehren bringen und, soweit möglich, gutmachen, was er gefehlt und wozu er doch wohl von dieser Person eigentlich ist verführet worden, denn er war immer ein braver Sohn unserer heiligen Kirche; aber er will ’s Marei zu seiner christlichen Ehefrau machen. Das hab ich ausgerichtet und der Marei gesagt, sie soll in Demut unserm Herrgott danken, daß er sie aus ihrem tiefen Fall wieder sich erheben lassen will.“ Geduldig hatte die Lenebas bis jetzt zugehört, die erregte Kranke mit leisem Zuspruch zwischen hinein tröstend; nun war ihre Geduld zu Ende: „Un mit Verlaub, Herr Pfarrer, i mein alls, Sie könnte jetz dodervu ufhöre; ’s Marei isch krank, un ob sie eine Sünderin un eine Verworfene isch, des könnet Sie doch unserm Herrgott überlasse un meinswege im Beichtstuhl mit e’re usmache. Aber jetz scheint’s m’r nit grad die recht Zit dazue, un was Sie vom Schulzebaur z’sage händ, des könnet Sie mir sage, aber in meine’re Schtube; i sag derno scho im Marei, was se z’wisse brucht.“ ’s Marei rief dazwischen: „E Sündekind isch der Klei, so hät der Pfarrer gsait, un i bin schlecht un in der Schand. O himmlischer Heiland, brenne müsse mer alle zwei im höllische Feuer, o heilige Mutter Gottes hilf, un e Mörderin bin i, i han d’Schulzebäueri umbrocht; i, i hans tue, schterbe will i, so schlaget mer doch de Kopf ab ...“ „Was liegt da noch vor,“ fragte der Pfarrer, „da scheint ja noch die irdische Gerichtsbarkeit einschreiten zu sollen.“ „Marei, jetz bisch schtill,“ wandte sich die Lenebas zunächst an die Kranke, „e arme Tschole bisch un witers nix, un do hesch dei Kindli,“ und sie legte ihr den Kleinen in den Arm; „jetz sei verninftig un red nit so, ’s Kind wird jo no krank, un mir meine’s guet mit dir alli, un nix Böses häsch tue, du arme Tropf du, nix ...“ „So darf man doch wohl ...“ wollte der Pfarrer unterbrechen; aber jetzt wandte sich die Bäuerin ihm zu: „Händ Sie no nie e Fieberkranks dumms Zeug schwätze höre, Herr Pfarrer? Kommet Se jetz, ’s witer verzell i ne in meinere Schtube,“ und sie drängte den Pfarrer in den Gang hinaus. „I bin glei wieder bei d’r,“ rief sie dem Marei noch zu. Und dann führte sie den Geistlichen in ihre Stube. Was die beiden da sprachen, konnte selbst die hellhörige Anastas nicht erfahren; als kleine Befriedigung ihrer Neugierde bemerkte sie nur, daß Bäuerin wie Pfarrer nach einer kleinen halben Stunde mit ziemlich roten Köpfen herauskamen und die Verabschiedung recht kurz war. Die Lenebas eilte dann schnell zur Marei zurück, da fand sie Bett und Wiege leer. Voller Angst eilte sie aus dem Hause in den Hof und in banger Ahnung nach dem Weiher. Da sah sie rasch genug, was passiert war. Das Kind lag fast am Rand des Weihers, die Kräfte hatten ’s Marei wohl verlassen, sie hatte es fallen lassen, es war mit dem Köpfchen auf einen Stein gefallen und war tot, das sah die Lenebas auf den ersten Blick. Nicht weit davon im flachen Wasser, deutlich erkennbar, lag ’s Marei in einem Gewirr von Wasserpflanzen, die sie niederhielten. Ein paar Augenblicke stand die Lenebas, unfähig sich zu rühren; dann eilte sie zum Nachbarhof, Hilfe zu holen. Und nun setzte das Räderwerk der Staatsmaschine sich in Bewegung. Polizei und Schulze machten die nötigen Notizen und Berichte, und erst nach langen, langen Stunden konnte ’s Marei mit ihrem Kind in den herbeigeschafften Sarg gelegt werden.

Am andern Nachmittag kam der Pfarrer auf den Hof, von der Bäuerin den Hergang zu erfragen. Die Lenebas empfing den Geistlichen zuerst ruhig, als er aber nach den ersten Worten von „Selbstmörderin“ sprach, da riß sie die Tür zum Nebenzimmer auf, wo der Sarg stand und wo die Anastas mit zwei andern Mägden den Rosenkranz für die armen Seelen beteten, und zeigte auf die Tote: „Herr Pfarrer, nix für ungut, aber i mein alls, an dere Lich täte Sie besser, nit vo Selbstmord z’rede; wenn Einer in dere Schtube Schuld hät, no sind Sie’s, Herr Pfarrer, un wenn g’mordet worde isch, no hän Sie g’mordet, Herr Pfarrer! Des Maidli wär e bravs Wibervolk worde, wenn mer em über die schweri Zit nüberg’holfe hät; aber uf si schwere Weg auch no Schtei z’werfe, des het i nit g’meint, daß des e Mensch tue könnt, wenn i Sie, Herr Pfarrer, nit rede hät höre am Bett vu dem arme Maidli.“ „Was Sie da reden, werd’ ich überhören, weil Sie in begreiflicher Aufregung sind,“ sprach der Pfarrer, „aber ich spreche im Namen unserer heiligen Kirche und an Gottes Statt: ich verweigere der Marei das christliche Begräbnis als einer Selbstmörderin.“ „No sprech ich im Name vo unserm liebe Heiland un verzehl am Grab, wenn’s sei mueß, wer sie zu dem triebe hät,“ sagte die Lenebas gelassen; „aber mir zwei sind fertig miteinander, Herr Pfarrer,“ und sie richtete sich in ihrer ganzen Größe auf, „jetz ganget usi un kommet mer nimmi ins Hus, un wenn i uf em Totbett lieg nit. Ganget usi, oder i trib Euch mit em Stecke usi, wie e Räuber und Mörder.“ Der Pfarrer ging, und die Lenebas stand an der Leiche und betete ein andächtiges „Gott gebe ihr die ewige Ruh, und das ewige Licht leuchte ihr. Amen.“

Die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne

Seit etwa einem halben Jahr ging die Euphrosyne vom Plattenhof auch schier gar nicht mehr aus der Kirche heraus, und im Dorf munkelte man allerlei, und nicht gar freundliche Randglossen machte man. Die drei Geschwister, die „einschichtig“ auf dem abseits an steiler Halde liegenden Plattenhof hausten, waren nicht beliebt bei den Dörflern. Man verdachte ihnen ihr besonderes Wesen. Die drei hatten bei dem frühen Tod der Eltern beschlossen, gemeinsam den Hof zu behalten, um die Erbteilung, die jedem wenig gelassen hätte und den Hofbesitzer mit Schulden belastet hätte, zu umgehen. „Der Karli hät halt in en Hof ihirote solle, ’s Euphrosyne in e Dienscht gehe un der Gottlieb eini mit Geld uf de Hof nehme. No wär’s scho gange. Anderi maches au eso,“ meinten die Dorfweisen, und die Plattenhofbuben und ’s Maidli, wie die drei ihres ledigen Standes wegen immer noch genannt wurden, obwohl der Karli fünfzig, die Euphrosyne achtundvierzig und der Gottlieb, der Jüngste,[1] sechsundvierzig Jahre alt war, wurden ziemlich gemieden von den Nachbarn. Nur der geistliche Herr besuchte sie öfters auf ihrer Höhe, weil sie halt gar so fromm waren und für die Kirche immer einen offenen Beutel hatten. Aber gerade das, daß man wissen wollte, der zuletzt Überlebende solle den Hof der Kirche hinterlassen, das machte erst recht bös Blut unter den Bauern. „E paar hundert Märkli für Seelemesse, sell scho, wenn mer’s mache ka, aber e Hof braucht d’ Kirche nit,“ meinte wieder die Dorfweisheit. Und schadenfroh sah man jetzt zu, wie die Euphrosyne gar so viel betete, seit die junge frische Magd auf dem Hof war; nur damit konnte ihr bekümmertes Wesen erklärt werden, darüber waren die schlauen Frauen vom Dorf nur einer Meinung. Und sie hatten recht mit ihrer Vermutung. Dem Gottlieb war plötzlich eingefallen, daß er eigentlich noch jung genug sei zum Heiraten. Der Hof war in den langen Jahren der sparsamen Geschwisterwirtschaft besser geworden, manch Stücklein Acker war dazugekommen; er hätte jetzt die Geschwister schon auszahlen können, ohne sich selber zu ruinieren. Und die Resi „isch halt gar e schaffigs und luschtigs Maidli,“ meinte er, „das wär doch ein ander Leben, als mit der fromme Schwester.“ „’s druckt mer schier ’s Herz ab,“ sagte die Euphrosyne zu ihrer alten vertrauten Magd, die noch von Elternzeiten her auf dem Hof war, „wenn i denk, daß i g’schafft un g’rackert habe soll für des herg’laufe Mensch. Un jetz uf mei alti Täg no unter fremdi Lüt soll, un die setzt sich grad nei in Fetthafe. Un wo ni do gschafft hab für unser Herrgott, daß mer doch au e Fürbitt hät, wenn’s ans Schterbe geht, un jetz soll die’s ha für ihre Bube, die sie, wer weiß woher, dem alte Narr, dem Gottlieb, ufschwätze wird, des Mensch, des schlecht. Gott verzeih mer d’Sünd, wenn i er ’re Unrecht tue, i hät’s gern fortg’jagt, scho lang, aber no wär der Unfriede erscht recht do, un der Gottlieb tät se mer grad z’leid nit goh lo un vom Fleck weg hürote. Alli Wallfahrte han i jetz mitg’macht i dem Johr, im heilige Joseph han i’s ans Herz g’legt, daß er doch au d’Keuschheit vom Gottlieb hüte soll, un der Muttergottes uf em Lindeberg han i e Kerze g’opfert. Du weisch’s jo, fascht ’s ganz’ Wachs vom obere Bienestock han i derzu hergä, sie soll mer do e Licht ufstecke, wie ni des Maidli us em Hus bring, eso, daß d’Bube selber dermit iverschtande sin. Was meinsch, ob villicht mei Traum hüt Nacht m’r vu der Mutter Gottes g’schickt isch: i han träumt, der Pfarrer hät ’s Resi mit em Weihwasserwedel zum Hus naustriebe, un der Gottlieb hät er ’re no d’Sau hintenoch g’hetzet. I mein alls, i will emol mit em Pfarrer rede über d’Sach; i han mer nie recht traut, weisch, in so Sache; unser Pfarrer in Ehre, aber da haltet d’Mannslüt doch alli z’samme. Aber wenn mer d’Mutter Gottes hilft, wird er doch am End isehe, wenn i em recht schön klar mach, was für e G’fahr droht -- unser Hof isch doch jetz uf siebzigtusend Mark g’schätzt -- un der Unfriede im Haus, wo mer doch so gut z’samme g’lebt hän. Grad verhext muß sie en ha, Gott verzeih mer, wenn i er ’re Unrecht tue.“

Und so setzte sie beim nächsten Besuch des Pfarrers ihr bestes Kirschenwasser und Sträuble von zwölf Eiern gemacht und ihren schönsten Schinken ihm vor, und als er behaglich im Herrgottswinkel installiert war, brachte sie ihr Anliegen an. „I mein alls, Herr Pfarrer,“ schloß sie ihre lange Rede, „Sie könnte’s im Gottlieb in der nächste Bicht sage, daß des nit recht isch, im e christliche Hus so e schlechts Bispiel z’gä. Un ’s Maidli duret mi, wenn er’s so in Unehre bringt. Er soll sie in Gottesname hürote -- d’Kirche verliert jo e schöns Schtückli Geld, aber die gute Sitte isch jo doch meh wert.“ Der Pfarrer unterbrach sie nun doch erstaunt: „Ja, Euphrosyne, was sagt Ihr da, das Maidli ist doch brav. Ihr wollt doch nit sagen, daß da schon ein unehrbares Verhältnis im Gang ist?“ Die Euphrosyne nahm erstmals einen tüchtigen Schluck Kirschenwasser ehe sie antwortete. Es war doch nicht so leicht, dem geistlichen Herrn so geradezu ins Gesicht zu lügen, aber der gute Zweck, und sie hatte ihren Plan, und den hatte sie der Mutter Gottes vorgelegt, und die hatte ihr im Traum ganz deutlich gesagt: „Mach das nur so, Euphrosyne, du tust ein gut Werk, und Gottes Wege sind dunkel. Du mußt das so anpacken, daß die nit merken, daß der liebe Gott sich deiner als Werkzeug bedient. Von wegen deiner Bescheidenheit, daß die nicht Not leidet.“ So antwortete sie denn: „Ja, Herr Pfarrer, Sie fraget au gar e so g’nau, für mich als ehrsame Jungfrau isch des halt e schenierlichi Sach, aber wie ni g’sagt hab, halte Sie’s im Gottlieb nur vor in der Bicht, daß des Maidli durch ihn in Unehre komme isch -- Gott verzeih mer, wenn i e Unrecht tue -- aber saget Sie’s em nur scharf, Sie wüßte’s aus sicherer Quelle, jo des isch e so.“ Der Pfarrer versprach nach ihrem Wunsch zu handeln und lobte sie ob ihres tugendlichen Verzichtes. „Jo, Herr Pfarrer, ’s isch scho schwer, unter fremdi Lüt z’müsse, aber alles mueß recht si, in Unehre soll ’s Maidli nit komme.“

Am nächsten Samstag kam der Gottlieb mit hochrotem Kopf aus dem Beichtstuhl, und ohne seine auferlegte Buße abzubeten, eilte er aus der Kirche dem Plattenhof zu. Die Euphrosyne fing ihn unter der Tür ab. „Bisch scho wieder do vu der Bicht?“ „Jo, los, i möcht di grad was froge; was isch mit em Resi?“ fragte Gottlieb dagegen. Euphrosyne nestelte an ihrer Schürze und schlug schämig die Augen nieder: „I mein alls, sell müßt i eigentlich di froge.“ „Bigelt,“ wetterte Gottlieb, „fangsch au mit dene Verrücktheite a, der Pfarrer hät mer scho der Kopf heiß g’macht. ’s Maidli muß bigöscht Dreck am Stecke ha, der Pfarrer muß es do wisse, er hät gsait, er wüßt es aus sicherer Quelle, daß des Maidli durch mich in Unehre komme wär. Nit mit em kleine Finger han i sie agrührt. Hürote han i’s wolle, jo gell, do schausch, i ha der no nix dervo gsait, vor i im klare bin mit dem Maidli, han i niemed nix sage wolle. Aber des hät scho ä andere Gspusi, scheint mer. Was weisch du vun derene Sach?“ „Jo weisch, wenn de mi so grad uf de Kopf frogscht, i hät mer suscht lieber d’Zung abbisse, aber d’Wohrheit mueß mer alliweil sage, ’s Maidli isch mer komisch vorkomme i de letzte Woche. I ha mer halt denkt, du hesch am End Absichte. Un i mueß der grad sage, i hab viel bettet für di, weil du vor der Hochzit scho ...“ Sie machte eine verschämte Pause. „I hab halt alls g’meint, du wärsch es, wenn i in der Kammere vum Maidli rumore g’hört hab. Aber sell soll mer nit, uf e bloße Verdacht hi, des Maidli verschimpfiere, ’s hät jo au d’Katz si könne ... ’s Maidli isch b’sunders in de letzte Woche, aber nei, nur nit vu andere Böses denke, ’s Maidli isch am End doch brav, hürot sie nur.“ „Jo weggerli,“ fiel der Gottlieb ein, „sell paßt mer nimmi, woher denn soll der Pfarrer wisse, daß i sie in Unehre bracht hab, jo des hät ’r mer gsait, sie muß em doch bichtet ha?“ „Jo, wenn der Pfarrer sait, daß sie in Unehre isch, du bisch’s gwiß nit gsi?“ „Nei, bigelt.“ „I glaub der jo, du häsch nie nit g’loge, aber wenn’s der Pfarrer doch sait, mer hän doch niemed suscht uf em Hof. Der Mathes, unser Knecht, der macht keine so Sprüng meh mit sine fünfundsechzig Johr ... Isch’s am End der Karl gsi?“ setzte sie tastend hinzu. Gottlieb fuhr aus seinem Brüten auf und starrte die Schwester an. „Der Karli?“ „Hei jo, ebber muß ’s doch si, wenn’s der Pfarrer sait,“ bestätigte Euphrosyne, „wenn der Karli ’s Maidli hürote will, musch em uszahle. Aber mer wennt nit Rede halte, vor mer’s g’wiß wisse; unnütze Rede müsse mer verantworte am jüngste G’richt. Weisch Gottlieb, der Pfarrer soll der Karli ushorche, un i will uf ’s Maidli ufpasse, wenn du’s hürote willsch, isch des mei Pflicht, denn d’zukünftig Büeri uf em Plattehof muß e ehrsame Jungfrau si; aber laß der nix amerke, mer wennt erscht höre, was der Pfarrer zum Karli sait.“ Der Gottlieb war damit einverstanden, aber es rumorte in ihm, und nachts schlich er ums Haus herum und horchte an der Kammer, und er vernahm ein leises Murmeln drin und manchmal ein Seufzen, und mit geballten Fäusten schlich er zurück in seine Kammer. Und die Euphrosyne ging am andern Tag beichten und klagte sich an, unbedacht ihren lieben Bruder Gottlieb verleumdet zu haben: „Der isch’s gwiß nit, ’s muß der Karli sei, hät ’r g’meint, aber i will kei übli Nachred mehr halte, Gott verzeih mer d’ Sünd. I leg d’Sach in Gotts Hand, der wird’s scho recht mache; gelle Sie, Herr Pfarrer, Gotts Wille g’schicht, was mir armi sündigi Mensche au plane.“