Part 5
„Gell Lenebas, du denksch au ans Mariele bei seinere erschte Kommunion? I kan em jo die fine Sache un alles nit anschaffe. Der Pfarrer hett mer vom Kommunikanten-Verein der Stoff zum Kleidli gä, un dem Lehrer si Frau ’s Betbuch und der Rosekranz, aber ’s ander alls fehlt no.“ Die alte Sailern war das Bitten und Betteln gewohnt, seit ihr Mann sie früh als Witwe in dem kleinen winkligen Häusle mit vier kleinen Kindern zurückgelassen hatte. Hier und da konnte sie in die nahe Stadt als Waschfrau gehen oder ein paar Eier den Stadtfrauen verkaufen, im Sommer brachten die Kinder Beeren aus dem Wald für den Markt; aber doch war Bargeld eine rare Sache, und wenn die Paten der vier Maidele nicht hier und da ausgeholfen hätten, wäre es wohl gar nicht gegangen, den kleinen eigenen Winkel zu behalten. Die Lenebas nickte auch freundlich zu der vorgetragenen Bitte: „He freili jo, wenn eins zum erschtemol zu unserem Herrgott geht, des isch e gar guet Werk, wenn mer doderzu hilft, dös tu i gern. Schick’s Mariele nur her, i gang so morn i d’Stadt, no kann’s am Obig sei Sach hole.“ Die Sailern empfahl sich mit vielen „Vergelt’s Gott tusigmol“ von der wohlhabenden Bas und ging ein paar Häuser weiter, dieselbe Bitte vortragen, und am Abend hatte sie so ziemlich die Runde bei allen reichern Bauernfrauen gemacht und war ihrer Sorgen wieder einmal ledig. Alle hatten gern versprochen, ihr Scherflein für die kleine Erstkommunikantin beizutragen. Am andern Abend schickt die Sailern denn auch das Mariele zur Bas: „Un vergiß au nit z’sage, daß de an dim Ehretag recht bette wilsch für deini Wohltäter.“ Und die Lenebas hatte auch richtig ein paar feine Knopfstiefel fürs Mariele gekauft, mit schönen Lackspitzen. ’s Mariele hätt vor lauter Freud über die „glänzige“ Stiefel fast sein Sprüchle vergessen „vom bette für seine Wohltäter“. Vergnügt zeigt’s die Stiefel, „schönere het’s Bürgermeisters Marie au keine g’hätt“, der Mutter, und die schickt’s gleich weiter zur Patin, zur Burgerbäckin: „Paß uf, die schenkt ders Kränzli und der Schleier und am End gar no d’Kerze.“ ’s Mariele geht den steilen Weg zu dem stattlichen Hof mit ungeduldigen Hopsern hinauf, und die Bäuerin winkt ihr vom Eckfenster schon zu mit freundlichem Lachen. „Grüß Gott, Mariele, jo du kumsch gerad zrecht, i ha der dei Sach scho gricht. Waisch, i tu’s gern, ’s isch gar e verdienschtlichs Werk“ ... und damit wickelte sie ein Paket auf, „wenn mer em Erstkommunikantli d’Stiefel schenkt, mit dene ’s zum erschtemol zum Tisch des Herrn geht.“ Dem Mariele kamen fast Tränen in die Augen, wie’s hörte, daß es schon wieder Stiefel bekommen sollte, aber als die Bäuerin ihr das Paar entgegenhob, verschlug’s ihr fast den Atem: weiße Lederstiefel! So fein war nur ’s Doktors Tochter zur ersten heiligen Kommunion gekommen vor drei Jahren. „Jo gell, do schaust,“ meinte die freundliche Patin, „i han mer’s ebbes koschte losse. Weisch, nochher kansch se schwarz mache -- aber unser Herrgott wird’s mir anrechne, so ä arm Maideli muß doch au ämol im Läbe si Ehretag ha -- bett halt schön für mi, wenn de unser Heiland zum erschtemol in dim reine Herzle häsch. ’s isch kei Gebet so kräftig, wie des von so enem unschuldige Erstkommunikantli.“ Die Sailern machte ein betroffenes Gesicht, als ’s Mariele strahlend zurückkam, aber die selige Freude ihres Kindes mochte sie doch nicht verderben, und so ging sie zur Lenebas und erzählte der von dem zweiten Paar Stiefel. Die erboste sich aber arg, nachdem sie die Sache begriffen: „Was! meini Stiefel sind der Rotznas jetzt nimi schön gnug, weil die hochnäsig Burgerbäckin dem Maidli der Kopf verdreht hätt mit wiße Stiefel! I loß mir vo dere nix wegnehme. Wenn mer d’Stiefel schenkt, mit dem eins zum erschtemol zur Kommunion geht, so rechnet des unser Herrgott eim ganz bsonders a, dös laß i mir nit nehme, und in meine Stiefel geht’s Mariele in d’Kirch, oder i will nix mehr von euch Bettelpack wisse -- so, jetzt waisch’s.“ -- Die Sailern wollt’s nicht verderben mit der sonst gutmütigen, kinderlosen Lenebas und ging auf ihre Seite über: „Jo i ha’s glei gsait, ’s isch verruckt, dem arme Maidli wißi Stiefel zgä, i gang jetzt zu ner, un ’s Mariele muß dine Schuh anziehe, un unser Herrgott soll’s der vergelte.“ Die Burgerbäckin nahm aber das Anliegen der Sailern, die Stiefel gegen irgend ein anderes nötiges Stück umzutauschen, erst recht ungnädig auf. „I ha’s gut gmeint, un dös isch jetzt mei Lohn, so geht’s uf dere Welt. -- D’ Lenebas hätt gar kei Recht, d’Stiefel z’schenke, des kommt mir zua, i bin d’Patin, un unser Herrgott tät’s mir nit verzeihe, wenn i meim Patekind nit d’Stiefel zu seinere erschte heilige Kommunion schenke tät. Des laß i mir nit nehme, des ghört zu meine geischtliche Pflichte, un uf em Sterbbett tät i’s im Mariele nit verzeihe, wenn’s nit mit meine Stiefel ’s erschtmol zu unserm Herrgott geh tät.“ -- Die Sailern nickte mit bekümmertem Herzen und stimmte der reichen Patin zu, gab ihr in allem recht und verschwand aus der Stube mit einem „Tusigmol vergelt’s Gott“. Und ’s Mariele bekam eine derbe Ohrfeige, als sie bei der Heimkunft der Mutter mit den weißen Stiefeln im Zimmer vorsichtig herumstolzierte. „Des mag unser Herrgott wisse, wie i aus dem Schlamassel rauskomme soll,“ meinte sie ernstlich besorgt zur ältesten Tochter, „i mein alls, i frag der Pfarrer drum.“ Zunächst schickte sie aber ’s Mariele zu den andern Wohltätern; der Schleier, die Kerze, ’s Kränzle, die Handschuh, Strümpfe und Wäsche mußten noch kommen. Wie’s mit den beiden feindlichen Stiefelspenderinnen werden sollte, das mußte der Herr Pfarrer und der Herrgott halt entscheiden. Als aber ’s Mariele vom dritten, vierten und fünften Bittgang auch je mit einem Paar Stiefel, verschieden nur an Güte und Feinheit zurückkam, mit der Versicherung von jeder Spenderin, daß „d’Stiefel, mit dem eins zum erstemal zum Tisch des Herrn geht, halt a ganz a besonderi Gnad vom Himmel der Spenderin in Aussicht stellen“, da jammerte sie mit dem Mariele um die Wette, und es war kein „Vergelt’s Gott tusigmol“, was sie an dem Abend für die „Wohltäter“ gen Himmel aufschickte. Der Pfarrer, dem sie am Morgen ihr Leid klagte, machte ihr wohl den Vorschlag, die Stiefelpaare dem Verein zur Ausstattung von Erstkommunikanten zu geben und dagegen die andern Gebrauchsstücke einzutauschen; damit war allerdings ’s Mariele angezogen aber der Zorn der Wohltäterinnen nicht abgewendet. Der kleinen buckligen Schneiderlene klagte sie schließlich ihre Not, und die wußte in ihrem hellen Kopf einen Rat: „Wissener, i mach ’s Kleid vom Mariele so lang, daß mer d’Stiefel gar nit sieht -- in der Stadt hän sie jetzt au immer d’Kleider vorne und hinte so lang, daß mer druftritt“, und sie zeigte der ungläubigen Sailern ein farbiges Modebild, wo wirklich das Kleid ringsum zehn Zentimeter auf dem Boden lag -- „ganz so lang nit“, beruhigte sie die Mutter, die zweifelte, ob ihr „gaschpliges Mariele“ drin würde gehen können, „aber a so, daß mer halt d’Stiefel nit sehne kann.“ Die Sailern wollte sich schon beruhigen, als ihr einfiel: „Jo, aber die wiße Schuh von der Burgerbäcki.“ Aber auch dafür wußte die Lene Rat. „Jetzt gangsch no amol zur Burgerbäcki und saisch zu nere: du tätsch natürli im Mariele ihre Schuh lo, aber der Pfarrer hätt’s verbote im Mariele, ’s derf nit in wiße Schuh komme, von wege weil das Neid bi de andere un Hoffart bim Mariele erwecke könnt. Du müscht se gli anschwärze und sie soll der’s doch jo nit verüble und em Mariele nix davu sage, dem tät’s so scho schier’s Herz abdrücke, daß es sie nit wiß anziehe könnt. Aber der Verdienst von seinere liebe Patin vor unserem Herrgott, der blibt si jo glich.“ Und so geschah’s, und ’s Mariele ging in einem so langen „vürnehme“ Kleid zur Kirche, daß es die Treppe hinaufstolperte, und die verschiedenen Wohltäterinnen verlangten alle vom lieben Gott ihre Extrabelohnung, weil sie so schön fürs Mariele gesorgt hatten und die Stiefel geschenkt hatten, mit denen ’s zum erstenmal zur heiligen Kommunion gegangen war.
Die Lenebas
Die Lenebas war nicht immer die bestgeachtetste Frau im Dorf Rupertsweiler gewesen. Lange hatte man ihr sehr verdacht, daß sie es durchsetzte, ihren Hof ganz ohne Knecht besorgen zu wollen. Ein Abweichen von der Regel liebt man auf dem Dorf gar nicht, und auf ein Gut von der Größe des der Lenebas gehört ein Großknecht. Und selbst, daß sie bald Preise heimbrachte von den Geflügelausstellungen, und daß das Gespinst von ihr und ihren Mägden auf der Großherzoglichen Landesausstellung den ersten Preis errang und sie von der Großherzogin die Brosche erhielt, die für fleißige Spinnerinnen von der hohen Frau gestiftet worden war, das alles half ihr im Dörflein Rupertsweiler nichts, man zuckte die Achseln über sie und meinte: „So e einschpännigs Frauezimmer isch halt gschupft, un ’s wird schon noch e bös End nähme.“ Erst als die Großherzogin bei einer Besichtigung des neuen Waisenhauses, das in dem ehemaligen Kloster eingerichtet worden war, auch einen Besuch bei der Lenebas machte und fast eine halbe Stunde lang deren Geflügelhof besichtigte und sogar ein „Strüweli“ annahm und am Kaffee, den die Lene ihr anbot, nippte, da schlug die Stimmung um, und die Bauern rückten die Zipfelmütze, wenn sie an der Lenebas vorbeikamen, fast wie beim Pfarrer, und sagten hinter ihr drein: „Die Lenebas, die schafft wie zwei Mannsbilder, dös isch e tüchtigs Frauezimmer.“ Und von da an kamen sie Rat holen zur Lenebas; eine Frau, von der sogar die Großherzogin sich hatte zeigen lassen, wie man die Ställe und Nester für Hühner und Enten einrichtet, die mußte schon über alles Bescheid wissen. Aber einmal hätte sie doch fast wieder ihren ganzen Einfluß verloren, und wochenlang tobte der Kampf im Dörfchen zwischen den Verteidigern, die sehr in der Minderzahl waren, und den Anklägern der Lenebas, und es gab erhitzte Köpfe. Nur grad die Lenebas selber blieb ruhig und ging ihren Weg weiter und schien es gar nicht zu merken, daß sie die meistbeschimpfte Person im ganzen Dörflein war. Die Lenebas hatte nämlich den Pfarrer zu ihrem Hause hinausgewiesen, richtig hinausgewiesen, wie einen lästigen, gefährlichen Strolch. Die Großmagd erzählte es immer wieder im Dorf: „Dagschtande isch se, wie der heilig Erzengel Gabriel, mir hän uns grad gfürchtet, un zum Pfarrer hät sie gsait: ‚Ganget usi, uf der Schtell ganget er, oder bigelt, i nimm e Schtecke und trieb euch usi‘.“ Und die Großmagd und die Zuhörer bekreuzigten sich jedesmal, wenn sie in der Erzählung wieder an diesem Höhepunkt angelangt waren. Die Mägde hatten ernstlich unter sich beraten, ob sie nicht allesamt der Lenebas kündigen wollten; denn das Strafgericht Gottes mußte ja das Haus treffen, wo so was geschah, und da wären sie unschuldig mitgehangen. Aber der Erdboden verschlang das Haus merkwürdigerweise nicht, auch kam kein Hagelwetter und zerstörte alle Ernte, nicht einmal unter dem Federvieh brach eine Seuche aus; die legten ihre Eier, als wäre nichts geschehen. Die Großmagd prophezeite zwar, es würden Basilisken aus den Eiern ausschlüpfen, die die Hennen grade bebrüteten -- solche Gottesgerichte standen in ihrem Gebetbuch viele angezeichnet -- aber es kamen gesunde und lustige Kücken und Entlein heraus wie immer, und da legte sich allmählich die Unruhe der Mägde, und an deren Stelle kam ein gewisser Stolz, auf einem Hof zu dienen, wo so eine Frau Bäuerin war, die nicht nur die Großherzogin zu Kaffee und Sträuble bei sich sah, sondern sogar den Herrn Pfarrer ungestraft aus dem Haus jagen durfte. Und gut war die Stelle, und gut war die Lenebas immer gewesen, die Mägde hingen eigentlich alle an ihr und standen denn auch bald tapfer auf ihrer Seite, wenn jemand wagte, in ihrer Gegenwart ihre Bäuerin anzugreifen. Und nach und nach wurde die Auffassung der Mägde vom ganzen Dorf angenommen, und man war jetzt doppelt stolz auf das „Dunderswib“, die Lenebas.
Und daß die Lenebas den Pfarrer aus ihrem Haus gejagt hatte, das war so gekommen: Als sie einmal um Weihnachten herum spät abends noch nach dem Weiher gegangen war, um eine Marderfalle frisch zu stellen -- der Räuber hatte ihr zwei Prachtshennen weggefangen in den letzten Nächten -- da sah sie ’s Marei, die Magd vom Schulzenhof, durch den dichten Schnee auf den Weiher zukommen. Fast wie betrunken stolperte sie daher, und als die Lenebas sich ihr in den Weg stellte und mit der Laterne ihr ins Gesicht leuchtete, da sah sie ein verweintes, verstörtes Gesicht und ein paar Augen, die kaum zu erkennen schienen, was um sie vorging. Kurz entschlossen, nahm die Lenebas ’s Marei am Arm, schwenkte sie herum und wollte sie ins Haus führen. Da wehrte und sträubte sich aber ’s Marei und fing an zu jammern: „Lasset mi los, i muß ins Wasser, des überleb i nit.“ Aber die Lenebas hielt nur um so fester und sagte: „Schtill bischt, Maidli, ins Wasser kannsch immer noch, erscht kommsch jetz emol zu mir in e warmi Schtube un verzehlsch mer, wenn de ufgfrore bisch, bisch jo de reinscht Isklumpe, was de für Schmerze häsch. I halt keins, wenns us dere Welt dervolaufe will, aber erscht musch emol wie e vernünftige Mensch dei Sach vom Ofewinkel us mit ere warme Suppe im Leib aschaue. Wenn de derno immer no meinsch, ’s isch kei Plätzli meh für di do, sell isch denn en anderi Sach; aber in dere Verfassung ka mer keini Bschlüß fasse.“ Und während sie so redete, hatte sie die immer weniger Widerstrebende bis ins Haus gebracht, installierte sie im Ofenwinkel und eilte nun, ihr warme Strümpfe und Schuhe und einen trockenen Rock zu bringen.
’s Marei ließ alles mit sich geschehen; als sie trocken und warm angezogen war, rückte die Lene nahe zu ihr auf die Ofenbank und sagte: „Glei kommet jetz d Mägd mit der Obedsuppe in d Schtube rei. Du bisch e ordentli Mädli, i kenn die vo klei uf un hen dini Eltere, Gott hab sie selig, kennt, des ware bravi Lüt. Hüt Nacht schlofsch in der Schrankkammere nebe meiner, un morge dischkuriere mer derno wieder über dei Sach. Aber solang d Mägd in der Schtube sind, nimmsch di z’samme un tusch nit dergleiche, des versprichsch mer.“ Und sie streckte der Marei die Hand hin, und die schlug ein, und damit war die Lenebas befriedigt. Und bei der Abendsuppe wurde über die täglichen Verrichtungen gesprochen wie sonst auch, und nur ganz beiläufig sagte die Lenebas: „’s Marei will no was von der Hühnerzucht zulerne. Annastasi, du richtesch derno ’s Bett für’s in der Schrankkammere, bruchsch d’Pfulbe nur us der Truhe nemme, ’s liegt alles bienander.“ Und dann wurde das gemeinsame Abendgebet gesprochen, und die Mägde schoben mit einem „Gut Nacht au“ zur Tür hinaus. Die Bäuerin hielt ’s Marei einen Augenblick zurück: „’s Annastas zeigt der dei Kammere, un schlof guet die erscht Nacht im Maidlihof, un halt di tapfer.“ Und damit reichte sie dem Marei die Hand und nahm dann die Stalllaterne vom Türpfosten, ihren üblichen Rundgang noch zu machen.