Rupertsweiler Leut

Part 4

Chapter 43,822 wordsPublic domain

Der Pfarrer, der ein etwas cholerischer Mann war, sonst aber gern seine Ruhe hatte, unternahm nichts gegen die Gertrud, was die natürlich auf ihre Weise den Bauern ausdeutete: „Gellener,“ sagte sie, „der hüt sich, er hät Angscht.“ Die Bauern glaubten’s gern, und der Pfarrer hatte nur noch wenig Anhänger im Dorf. Denn wenn sie auch alle einen großen Respekt vor Gertruds Weisheit hatten, daß der Pfarrer sich auch vor der Gertrud zu fürchten schien, das schadete seinem Ansehen doch sehr. Und die Gertrud herrschte immer unumschränkter im Dorf, die Kirche wurde immer leerer, und selbst die Feldprozessionen, die sonst immer mit großem Zulaufe abgehalten worden waren, waren dieses Jahr armselig: ein paar Kinder, die von Zwangs wegen mitmußten und ein paar alte Männlein und Weiblein. Die Bauern erwarteten viel mehr vom Spruch der Gertrud, die auf Bitten hin gerne in Mondscheinnächten über die Felder ging und den Bauern volle Scheunen herabzog mit dem kräftigen Mondsprüchlein, das da heißt:

„Mondsichel steige, Belade die Zweige Mit quellender Frucht. Wenn du rundest dich wieder, So falle hernieder Der silberne Tau Auf die blühende Au. Bis im Dunkeln du ruhst, Behüte den Blust.“

Im Dorfe gärte es immer mehr, und die Gertrud triumphierte immer bescheidener. Der Pfarrer, dem die gute, bequeme Pfründe ans Herz gewachsen war, wetterte gelegentlich von der Kanzel, aber wenn er seinem Zorn wieder Luft gemacht hatte, dann ließ er seine rebellische Gemeinde laufen, wie sie wollte. Aber der Pfarrköchin, der Fräulein Martha, der brach’s schier das Herz, daß ihr Herr so wenig Macht und Ansehen mehr hatte; man kam ja kaum mehr zu ihr ins Pfarrhaus um Rat und Hilfe zu bitten, was hatte sie denn jetzt von ihrem Pfarrköchinnentum. Jede simple Bauersfrau hatte genau soviel Einfluß wie sie, und da war nur diese gottlose Schwäche ihres Herrn daran schuld. Das wollte ein Diener der heiligen Kirche sein! Sie, die einfache, bescheidene Pfarrköchin, sie wußte besser, was der liebe Gott und die heilige Kirche verlangten. Nicht umsonst sollte sie der Bischof bei der heiligen Firmelung zum Streiter Gottes geweiht haben; wenn ihr Herr das vergessen konnte, dann mußte sie eben kämpfen. Das war sie unserer lieben Mutter, der Kirche schuldig. Soviel war ihr in diesen Wochen der Vernachlässigung klar geworden. Nun hieß es zunächst, unauffällig sich dem Feinde nähern und dessen Position kennen lernen. Dann würde ein Feldzugsplan ihr schon klar werden. Sie wollte sich krank stellen und scheinbar um Hilfe bitten; irgend eine Blöße, wo sie angreifen konnte, würde die Gertrud ihr dann schon bieten.

So ging sie denn mutig an einem hellen Nachmittag zur Gertrud ins Häuschen. Sie begrüßten sich ein wenig feierlich, die entthronte Fürstin und die regierende Fürstin, sie reichten sich die Hände, und die Gertrud schob dem Gast den geerbten Lehnsessel hin und setzte sich erst auf einen Holzstuhl, als die Fräulein Martha wohl plaziert war. Dann wartete sie auf die Eröffnung des Kampfes; denn daß es sich darum handelte, war ihr schon gleich klar geworden, als sie die Pfarrköchin auf ihr Häuschen zukommen sah.

„Behaglich und gar still habt Ihr’s aber hier,“ eröffnete Fräulein Martha das Gespräch, „wer doch auch so in beschaulicher Ruhe leben könnte.“ Die Gertrud verzog keine Miene. „Jo, i bin scho z’friede,“ hielt sie für eine genügende Antwort. „Ich wär schon lang gern komme, Euch in Euerm neue Häusle zu besuche, aber Ihr wißt ja, unsereins, man ist halt nicht sein eigener Herr.“ „He jo frili,“ schaltete die Gertrud ein. Fräulein Martha unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer. So kam sie nicht vorwärts. Sie gab sich einen Stoß und meinte: „Ihr werdet lache und denke, so sind die Mensche, und Ihr habt eigentli recht, wenn ihr schimpfet: erst die Not treibt mich zu Euch.“ „He des wär,“ nahm die Gertrud teil. „Ja,“ beteuerte Fräulein Martha, „i weiß mer nimmer z’helfe, und Ihr wißt ja: wenn die Not am höchsten, ist die Hilfe am nächsten, das kann man hier wohl sagen. Ihr seid mir eingefallen in meiner Not, i kenn ja Euer gscheite Kopf von früher her, und da hab i mir denkt, wenn einer helfe ka, wenn’s Gotts Wille isch, dann isch es die Gertrud.“ Wenn das Fräulein Martha in Eifer kam, vergaß sie manchmal ihr Hochdeutsch, und sprach gut Rupertsweilerisch. „Ja, aber des wär,“ meinte wieder die Gertrud, „was könnt denn ’s Fraile Martha drucke, wo sie doch die bescht Hilf im Hus hät; un wenn einer e gute Rat brucht hät, no hät er doch nur zum Fraile Martha z’goh g’het, un g’holfe war em.“ Fräulein Martha schluckte etwas an dieser Vergangenheit in Gertruds Satz; aber Gertruds Ernst und das Geheimnisvolle im Häuschen, der starke Duft der Kräuter, die Tiere in den Spiritusflaschen, die merkwürdigen Zeichnungen an den Wänden, all das fing an, auf Fräulein Martha zu wirken. Gertrud erschien ihr stark, wie noch nie, als die Mächtige, in deren Händen wirklich das Wohl und Wehe des Dörfleins ruhte. Das ward ihr klar, mit List war da nichts zu erreichen. Helfen konnte die Gertrud, das fühlte sie, aber nur wenn sie gerne helfen wollte. Und so verwarf sie mit einem Ruck ihren ganzen vorsichtigen Plan, sie fühlte sich zu unsicher, und die abwartende Ruhe der Gertrud brachte sie ganz aus der Fassung. Wirkliche Tränen kamen ihr in die Augen, und sie ergriff Gertruds Hand und bat: „Gertrude, helfet us.“ Gertrud horchte auf, das klang ehrlich. „Gertrude,“ begann die Pfarrköchin noch einmal, „schau, Ihr seid doch so e gscheite Person, Ihr mißt doch des selber isehe, des kann kei guets End nehme. Der Pfarrer im Ort darf doch nit alle Reschpekt verliere; wenn seine Pfarrkinder lache über de Pfarrer, no isch’s us, und er ka nimmi zu Gottes Ehre wirke in sim Dorf. Un entweder die Lüt verkomme grad im Dreck un Elend, oder er muß halt go. Un schau, Gertrude, wenn unser Herr fortgeht, was hän Ihr denn eigentli gwonne? Es kummt jo nur ä anderer, un ob ä bessere, des wisse mer au nit. Un Ihr seid doch immer fromm gwese, un habt doch sicher nix gege unsere heilige Kirche. Denket au, wenn’s emol ans Schterbe got, ’s schtirbt sich doch au viel lichter, wenn mer sei Pfarrer bei sich hät, bei dem mer sei erschte heilige Kommunion gnomme hät, der eim au kennt. Ihr könntet unserm Herr sei Ansehe wiedergebe, wenn Ihr nur wolltet. Gellener Gertrud, Ihr helfet?“ Die Gertrud hatte die ganze Rede mit unbeweglichem Gesicht über sich ergehen lassen. Nun stand sie auf und ging, an ihrem Pult ein Buch langen. Sie fürchtete, der Schalk in ihrem Auge könnte sie verraten. Ihr kam die Bitte der Pfarrköchin gar nicht so ungelegen. Sie hatte sich selber schon gefragt, wozu das alles führen sollte. Ihr wuchs die Bewegung über den Kopf. Sie wollte den Pfarrer ja eigentlich gar nicht aus dem Dorf forthaben. Sie hatte nur den Weg nicht gefunden, mit Anstand zurückzugehen. Den bot ihr nun die Pfarrköchin, und sie stand noch groß da als Helferin und großmütige Feindin. Und einen kleinen Schabernack wollte sie dem Pfarrer schon noch antun. Als sie ihre Miene wieder in der Gewalt hatte, kam sie zu der in ängstlicher Atemlosigkeit harrenden Pfarrköchin zurück. „Fraile Martha, i will Euch was sage. Des was Ihr mir do verzählt, des han i mer alles scho lang gsait. I hät scho lang gern e Sympathiemittel angwendet, um unsere Herr wieder wohlan si zlasse bei de Bure, aber i ka’s nit allei mache. Un daß Ihr zu mir komme sin, des isch grad e Fügung Gottes. Aber --“ und sie zögerte lange -- „aber, aber i sag Euch glei, Fraile Martha, ’s isch e schweri Sach un ob Ihr’s werdet durchführe könne --?“ Die Fräulein Martha fuhr eifrig auf: „’s mag si was es will, i werd ’s scho mache.“ „Wenns nämli nit ganz gnau durchgführt wird,“ meinte die Gertrud eindringlich, „no bfallet den Betreffende, für den mer’s tut, böse Schmerze, un d’Sach schtoht schlechter als vorher. ’s erscht wär licht. Ihr müsset nur von der Kirche, vom Schulhus, vom Rathus un von de angsehnschte Burehüser ä Schnipfeli Holz abschnide. Sell könnet er licht so nach un nach mache.“ „Ja natürlich,“ nickte die Fräulein Martha voller Spannung. „Wenn Ihr denn alle bienander hänt,“ fuhr die Gertrud fort, „no müssener domit in der Fruah ’s Herdfüer azünde un im Pfarrer druf si Kaffee koche, ’s derf aber niemed suscht vu dem Kaffee trinke. Un e weng vom Wasser hebener uf un traget’s unbschraue in d’Kirche un schüttet’s ins Wihwasser.“ „Ja, ja, das will ich schon gewissenhaft ausführe“, sagte zögernd das Fräulein Martha. „Jo weggerle, wenn Ihr jetzt scho zappelt,“ meinte schmunzelnd die Gertrud, „des isch’s Lichtescht an dere Sach. Also höret: Drei Nächt lang, bschtimmti Nächt, wenn Vollmond isch, muß der Pfarrer im Bett von ere Jungfrau schlofe. Jo bhüt Gott,“ wehrte sie der entsetzt aufspringenden Pfarrköchin, „bhüt Gott, daß i was Unrechts mein; natürlich im ä Bett, wo e Jungfrau drin gschlofe hät; was denkener denn au.“ Die Pfarrköchin setzte sich tief aufatmend. „Grad in dem Fall isch ’s meini gar nit so schwer zmache, Fraili Martha, Ihr weret scho irgend e Usred finde, daß der geischtlich Herr drei Nächt in Euerer Kammere schloft.“ Die Pfarrköchin nickte und meinte nachdenklich: „Jo jo, das ging schon z’ mache.“ „Un des isch grad bsonders gut, wie sich des in Euerm Fall trifft,“ fuhr Gertrud fort, „denn wissener, sunscht hät i schier Angscht des zrote. Denn im Buch schtoht mit menge Bischpiel, wenn’s ebe kei reine Jungfrau isch, no schtirbt der Ma im nächschte Mond.“ Wieder drehte sich die Gertrud geschäftig nach ihrem Pult um und blätterte in einem Buch. Fräulein Martha saß versunken in Gedanken. Nun hob sie den Kopf und sprach zu dem breiten Rücken der Gertrud hin: „Meinet Ihr, des mit dem Verbrenne von de Spänli dät nit allei scho helfe?“ „Jo bhüt,“ sprach die Gertrud, „Ihr wisset jo, was e reine Jungfrau für e bsunderi Kraft un Gwalt im Himmel un uf der Erd hat, un die Kraft muß in der Pfarrer übergoh, daderdurch, daß er drei Nächt in dem Bett schlofet; sunscht hilft die ganzi Sympathie nix. Un wie i scho gsait hab, in Euerm Fall ...“ „Ja,“ unterbrach die Pfarrköchin, „sell scho. Natürli könnt i des scho so einrichte ...“ Sie wand sich auf ihrem Stuhl, zupfte imaginäre Stäubchen von der Armstütze ihres Sessels; endlich fiel ihr ein triftiger Grund ein: „Aber denket au, die böse Müler! Wir Pfarrköchinnen könne nit vorsichtig genug sei. Wenn jemand davon erführ, der Herr in meim Zimmer sehe tät, mei Zimmer liegt nach der Straße zu. Nein, das geht nicht.“ Die Gertrud blätterte immer noch in ihrem Buch. „Ja, wie denket Ihr des sonscht zmache,“ meinte sie nun, „in änem fremde Hus, do wird’s halt schwer zmache si. Un des Mittel isch e so sicher. Do lies i grad e Bischpiel, wie si e Bürgermeischter in äre große Stadt grad uf Hände trage hänt, nachdem er die Sympathie angwendet hät, un vorher hen sie em d’Fenschter igschmisse.“ Fräulein Martha schlug auf die Lehne ihres Sessels: „So goht’s, so mache mer’s.“ Gertrud spitzte die Ohren. „Wissener,“ erklärte Fräulein Martha, „mei Bäsle, ’s Eva, siebzehn Jahr isch’s alt. I hab’s in d’Schtadt in d’Nähschul tue. Da leg i d’Hand ins Feuer, eine reine Jungfrau isch es noch. Scho als kleins Mädele hat sie für kei andere Mensche so viel übrig ghabt, wie für unsere Lehrer, vor eme Jahr scho hätet sie sich gern ghürotet, die zwei; deshalb hab i sie in d’Schtadt tue. Der Herr will’s nit ha, der Lehrer isch so e Liberaler; sonscht e ordentlicher Mensch. I hät’s dene zwei gunnt, daß sie e Pärle worde wäret. Wenn i der Eve schreib, sie dürf auf e paar Woche heimkomme, die isch selig. Un derno, wenn sie ä paar Tag da isch, dann kann ich ja in des Herrn Zimmer irgend eine Reparatur mache lasse, und ihn ins Ev sei Zimmer umquartiere, des geht scho.“ Die Gertrud hatte sich umgedreht und große Zufriedenheit strahlte aus ihrem Gesicht. „Nei, Fraile Martha, Ihr hän der Kopf am rechte Fleck, des isch gar ä gute Ifall. Natürli, ’s Ev. Aber hörener, im Ev si Kammere isch jo nur vom Garte us übers Trippel zugängli.“ „Ja,“ nickte Fräulein Martha erstaunt. „No müsset Ihr’s irgend dem Herr bibringe, daß er jo recht heimli in d’Kammere goht, ’s derf niemet sehe, ’s derf niemet dervu wisse. Soviel wissener jo au vu dene Sache. Bschraut mer si, no isch’s vorbi mit aller Kraft un allem Sege.“ „Jo, i muß halt dem Herrn sage, daß er wege de Leut vorsichtig sei soll; des mach i denn scho,“ beruhigte die Pfarrköchin. „Hejo,“ beschloß Gertrud, „mehr kann i nit dabei tue. Ihr müsset Spänli sammle und im Bäsle schribe, un derno sag i die Nächt, die mer wähle müsse. In vierzehn Täg hän mer Vollmond, derno isch die recht Zit. Aber redet nit drüber. Un wenn’s Gotts Wille isch, no goht alles guet us.“ Fräulein Martha hatte sich erhoben und schüttelte der Gertrud dankbar die Hand. „Vergelt’s Gott tusigmol, und an mir soll’s nit fehle. Ich bin nur froh, daß ich den Mut gefaßt hab, Euch meine Sorgen zu klage. Bei Euch findet man immer Hilfe.“ „Gern gschähe isch’s, gern,“ versicherte die Gertrud und begleitete ihren Besuch bis vors Häusle. Und dann sah sie der eilig Davoneilenden noch lange mit sehr vergnügtem Schmunzeln nach. „So, Herr Pfarrer, ne kleine Denkzettel krieget Ihr jetzt doch noch, oder i will nit d’Gertrude heißen. Aber dann isch Friede.“ Sie nickte sich selbst bestätigend eifrig mit dem Kopf, und ging ins Häusle zurück an ihre Arbeit.

Das Bäsle kam ins Dorf, und in dem Lehrer wachte die Hoffnung wieder auf, seine Ev doch noch zu erringen, und gar gefühlvoll spielte er die Orgel am Sonntag, so daß der Pfarrer ganz freundlich ihn grüßte nach dem Gottesdienst, denn schöne Musik liebte er auch. Der Vollmond kam, und Fräulein Martha hatte der Gertrud noch einen Besuch im Häusle gemacht. Und am Morgen nach der Vollmondnacht traf die Gertrud den Lehrer an der Kirchhofsmauer, sie kam scheinbar vom Wald zurück, sie hatte große Kräuterbündel im Arm. Der Lehrer wollte, noch bevor er in die Schule ging, den Pfarrgarten, der an den Kirchhof stieß, ein bißchen inspizieren, ob er keinen heimlichen Gruß von seiner Eva erhaschen könnte. Die beiden begrüßten sich, und die Gertrud knüpfte geschickt ein Gespräch an. Ganz gelegentlich kam dann die Frage: „Han se eigentli im Pfarrhus Herrebsuch?“ „Nit daß ich wüßte,“ meinte der Lehrer. „So, so,“ sagte die Gertrud, „i han geschtern Obig, ’s war scho arg schpot, han i e Mannsbild uf em Trippele gseh un in d’Fremdekammer ni goh.“ Der Lehrer lachte. „Aber Gertrud, ich glaub gar, Ihr seht Gspenster. ’s Ev ist doch da, die wohnt doch oberm Trippel.“ „So, so, ’s Ev,“ murmelte die Gertrud scheinbar mißtrauisch, „aber blind bin i nit,“ setzte sie trotzig zu. „Des war nit d’Ev, geschtern z’Nacht.“ Dann, als sie den Argwohn im Gesicht des Lehrers aufleuchten sah, sagte sie harmlos schelmisch: „Herr Lehrer, Herr Lehrer, so, ’s Ev wohnt da; no i will nix gseh habe.“

Und lächelnd und kopfschüttelnd ging sie eilig fort und ließ den armen Lehrer mit seiner Eifersucht stehen. Und es kam, wie sie erhofft hatte. Am Abend stand der Lehrer Schildwache, sie beobachtete ihn, gedeckt hinter einem Stein des Friedhofs. Bald darauf sah sie den Pfarrer schnell und scheu um die Ecke huschen und die kleine Treppe hinaufeilen. Erkennen konnte man ihn nicht; plötzlich war er aufgetaucht und schnell schon hinter der Tür verschwunden, und die Seite des Hauses lag im tiefen Schatten der großen alten Nußbäume. Dann sah Gertrud den Lehrer über die Mauer klettern und nach dem Trippel zueilen. Erst fürchtete sie, er würde Lärm schlagen, aber die Eifersucht machte den armen Kerl klug. Er duckte sich in den Schatten und setzte sich auf die Bank unter dem Trippel. Wieder hatte die Gertrud richtig gerechnet. Der Lehrer wollte den Eindringling abpassen, und der derbe Knotenstock, den er in der Hand hielt, der würde wohl dann mitsprechen. Die Gertrud beschloß auch zu warten. Ihr machte das gar nichts, eine kurze Sommernacht im Mondschein zu sitzen. Ihre Gedanken würden sie schon wachhalten, und dem Lehrer gönnte sie die Qual dieser Stunden, er hatte doch manchmal etwas hochmütig zu ihr gesprochen. Und der Mond ging langsam nach Westen und bald erhob sich ein leiser Wind, im Osten flammte lichte Röte auf, und der rosige Schein verschlang die bleiche Kugel im Westen, bis sie nur noch wie ein helles Wölkchen über dem Horizont stand. Da erklang auch schon die Betglocke im Kirchturm, und andächtig faltete Gertrud die Hände. Friede sollte heute werden zwischen ihr und dem Pfarrer, Friede in der ganzen Gemeinde. Sie wollte es ganz dem lieben Gott anheimstellen, ob der Lehrer den Pfarrer rechtzeitig erkennen würde, ober ob ein paar Hiebe noch erst den unschuldigen geistlichen Herrn treffen würden. Das stellte sie in Gottes Hand, ob er das Unrecht, das ihr, der Gertrud, geschehen war, noch strafen wollte, oder ob er dem Lehrer die Augen noch früh genug öffnen würde. Aber dann würde sie dazwischentreten und alles erklären und versöhnt fortan dem Pfarrer sein Recht einräumen im Dorf. Die Betglocke verklang, und gespannt richtete sich die Gertrud auf, nach dem Pfarrhaus zu sehen. Der Pfarrer mußte jetzt jeden Augenblick heraustreten, es wurde bald Zeit zur Frühmesse. Der Lehrer hatte sich ganz in die Ecke des Lattenwerks unter dem Holzgang gedrückt, kaum konnte sie ihn erkennen. Da knarrte oben die Tür, und eiligen Schrittes stieg der Pfarrer die Stufen herunter. Er war in Hemdsärmel und Hosen, die Soutane hatte er über dem Arm hängen. Gerade wollte er um die Ecke biegen, als er von hinten gefaßt wurde und eine von Erregung heisere Stimme aufbrüllte: „Hab ich dich, du Lump du!“ Und ein derber Hieb mit dem Knotenstock saß da auf dem breiten Rücken des Pfarrers. Der versuchte vergebens sich frei zu machen, sein unbekannter Gegner hielt ihn mit eiserner Faust im Genick fest. Bevor aber noch ein zweiter Hieb fiel, stand die Gertrud wie aus dem Boden gewachsen vor dem ergrimmten Lehrer: „Ums Jesu Wille, Herr Lehrer, was machet Sie au!“ schrie sie den Verblüfften an. „Was packet Sie de Herr Pfarrer, so kommet doch zu Euch.“ Der Lehrer war aber durch die Erklärung, wer der nächtliche Besucher im Zimmer seiner Ev sei, keineswegs beruhigt. Er ließ allerdings los und trat zurück, aber sein Gesicht sah finster genug aus. Der Pfarrer rieb sich ergrimmt die schmerzende Schulter und suchte nach Worten, seine Entrüstung zu äußern. Aber die Gertrud war schneller bei der Hand. „Ihr Hansnarr Ihr,“ sprudelte sie den Lehrer an, „schämet Euch au, von unserm Herrn Pfarrer so zdenke. Un au no mit der Ev, wo doch sei ... Ihr wisset jo. Un von der Ev, von Euerm Bräutle. -- Ganget doch ufi ins Kämmerle, wenn Ihr mir nit glaube went, da isch die Ev nit. Wenn Ihr nit so hochnäsig wäret un au mit de Leut rede tätet, no wüßtet Ihr, wie mir alle im Dorf, daß im Pfarrer sim Zimmer sit zwi Täg der Schriner isch, die Diele sind ufgrisse, un so isch er usquartiert worde ins Bäsle sei Kammer. Un ’s Bäsle schloft bei der Fraili Martha. He, ’s isch nur au grad e Schickung, daß i vom Kräutersammle grad zrück kumme bi un Euer Schraue ghört hab, ’s het jo grad e Unglück passiere könne.“ Der Pfarrer schaute ziemlich verdutzt drein, er verstand von der Sache sehr wenig und der Lehrer wußte auch kaum, was nun tun. Da kam, von dem erregten Sprechen angelockt, Fräulein Martha und die Ev aus dem Haus heraus und sahen mit Staunen die drei Menschen da stehn. Dem Lehrer schwanden nun die letzten Zweifel, und verlegen und sehr herzlich bat er den beleidigten Pfarrherrn um Verzeihung ob des Überfalls. Die Gertrud erklärte mit ein paar rasch geflüsterten Worten dem Fräulein Martha soweit möglich den Vorfall und gab ihr noch ein paar weitere Verhaltungsmaßregeln. So ging denn Fräulein Martha und half die beiden versöhnen und äußerte zum Schluß: „Aber Herr Lehrer, ich hoffe doch, wir dürfen uns auf Ihre Diskretion verlassen, davon darf nichts in die Öffentlichkeit dringen.“ Und da die Gertrud Gelegenheit gehabt hatte, dem Lehrer auch zwei Worte ins Ohr zu flüstern, so verstand er auch, wie er die Lage zu seinem Vorteil wenden konnte. Er trat noch einmal zu dem Pfarrherrn vor und machte einen ehrerbietigen Kratzfuß: „Herr Pfarrer, Sie haben ’s Eve mir emal abgeschlagen, ich mein alls, wenn ich Ihr ... wenn Sie mir ’s Bäsle von der Fräulein Theres zur Frau geben würden, dann wäre diese ganze traurige Sache am besten begraben. Als Ihr ... als Mann vom Bäsle von der Fräulein Martha können Sie doch meiner ganz sicher sein, und meiner Treue und Ergebenheit.“ Die Fräulein Theres stupfte den Pfarrer in die Rippen, und der zögerte auch nur eine ganz kleine Weile, dann reichte er der Ev die Hand und zog sie zum Lehrer und legte die Hände der beiden ineinander. „Meinetwegen, meinen Segen habt ihr.“ Er rieb sich noch einmal die schmerzende Stelle und fügte dann hinzu: „Und wenn’s mal not tut, dann verteidigt mich auch so tapfer wie ihr ...“ Auf einen erneuten Rippenstoß von Fräulein Martha schluckte er den Satz hinunter. „’s isch höchste Zeit zur Frühmesse,“ schaltete Fräulein Martha eilig ein, „nachher sprechen wir weiter; der Herr Lehrer ist ja doch unser Gast beim Mittagessen, und ich mein, auch die Gertrud gehört heute dazu.“ Die Fräulein Martha wußte, was sich schickte. Mit einem Knicks bedankte sich die Gertrud, und „Vergelt’s Gott, und b’hüt’s Gott miteinander“ murmelte sie noch, und dann eilte sie ihrem Häuschen zu.

Am Abend war der Zulauf zu ihrer Bank besonders stark; denn die Ehre, die der Gertrud widerfahren war, hatte sich schnell herumgesprochen. In ihrem höchsten Staat war Gertrud um die Mittagszeit in den Pfarrhof gewandert und erst um zwei Uhr wieder fortgegangen, in heiterm Gespräch mit dem Herrn Lehrer, der dann hell lachend in das Schulhaus verschwand. Und nur am Abend erzählte die Gertrud von der Verlobung im Pfarrhaus, die nun kein Geheimnis mehr war. „Un wissener,“ schloß sie ihren Bericht, „unser Pfarrer isch recht, alles was recht isch, mer ka nit anders sage. Er isch in dere letzschte Zit e weng ufg’hetzt gsi vo dene ganz Schwarze in der Stadt un het nimme recht gwußt, wonaus und wonei. Aber mir hän üs usgschproche, un wie gsait, alles was recht isch, ’s isch e braver Herr. Un daß er ’s Ev em Lehrer gibt, der doch e Liberaler isch, do sehener doch, daß er e guts Herz hät un kei so stockvernagelte Schwarze isch, wie mer gmeint hät. Wie gsait, mir hen üs so recht usgsproche hüt, dodrum hät er mi emol im Pfarrhus ha wolle, daß mer so recht gmütli dischkuriere könne, un i kann nur sage: ’s isch e rechte, brave Herr. Jetz wo er wieder weiß, weller Weg er geh soll.“

Und die Rupertsweiler fügten sich ihrem Urteil, und bald genug hieß es einstimmig im Dorf: „Unser Pfarrer? Jo des isch e rechte, brave Herr.“

Ein verdienstliches Werk