Part 3
Der Erfolg, den Gertrud mit diesen und ähnlichen Ratschlägen hatte, stachelte sie an, und sie verlegte sich aufs Studieren. Die Sympathie durchzustudieren, war nun ihr Ziel. Sie steckte Heiligenbilder und Traktätlein in ihre Tasche und wanderte von Bauernhof zu Bauernhof. Überall ein gerngesehener Gast, da sie für ihre Ratschläge nie Geld nahm, und in Eiern und Chriesewasser zahlt der Bauer im Schwarzwald immer gern ohne zu rechnen. Wo sie nun einen alten Kalender oder gar ein Sympathiebuch aus Großvaters Zeiten vorfand, da versuchte sie einen kleinen Tauschhandel. Gegen ihre bunten Heiligenbilder oder löschpapiernen Heiligengeschichten handelte sie die alten Schmöker ein. Stieß sie doch mal auf Widerstand, so „verdlehnte“ sie doch wenigstens das Buch zum Durchstudieren. Großen Wert legte sie scheinbar gar nicht auf die alten „Fetze“. „Wissen ’r,“ pflegte sie zu sagen, „wenn mer halt au gar so allei z’ Hus hockt am ä Obig, no ka mer halt au nit immer de Rosekranz bette, no liest mer halt menchmol gern so Gschichtli.“ Und meistens erreichte sie ihren Willen, und verstohlen schmunzelnd schob sie die alten Bücher in ihre tiefe Tasche. Zu Hause versenkte sie sich dann in die Weisheit der alten Kalender, besonders die astronomischen Tafeln versuchte sie mit heißem Eifer sich anschaulich zu machen. So eifrig war ihr Studium, daß die Kirchgänge bald anfingen darunter zu leiden. Werktags wurde sie überhaupt nicht mehr in der Kirche gesehen. Am Fenster ihrer Stube saß sie im Winter, im Sommer unter dem Holunderbaum ihres Gärtchens auf einer Bank, die der Burgertoni ihr gezimmert hatte, als Dank für Befreiung von Zahnschmerzen durch ihre Sprüchlein. Immer strickend und lesend; nur wenn das Studieren ganz besonders schwierig wurde, ruhten die Nadeln; dann kraute sie sich wohl minutenlang mit der kühlen Stahlnadel die immer noch starken Haare an der Schläfe und las immer wieder mühsam und langsam die gar so schweren Worte. Aber einen Sinn fand sie immer heraus, und oft verblüffte sie dann am Abend die Bauern auf der Hausbank mit ihrer neuen Weltanschauung. Aber das Studium war schwer, immer mehr Zeit brauchte sie, und in ihrem Eifer saß sie bald auch an Sonn- und Feiertagen hinter ihren Kalendern und Sympathiebüchern und versäumte Messe und Predigt.
Drei, vier Wochen sah der Pfarrer geduldig zu. Aber dann, als er sie einmal abends eifrig disputierend auf der Hausbank sitzend traf, blieb er einen Moment stehen, nicht ohne Erstaunen über die Gesellschaft, die um das alte Weiblein versammelt war. Seine besten Bauern saßen und standen um sie herum. Er fand die Gelegenheit gerade günstig, ein Wörtlein mit seinem saumseligen Schäflein zu reden. „No,“ meinte er nach dem üblichen Gruß, „ich hab gmeint, die Gertrud wär krank, weil sie gar nicht mehr in die Kirch kommt.“ Aber der Gertrud paßte die Vermahnung vor all den Zuhörern gar nicht, nur alter Respekt band ihr die Zunge. „’s zieht au so fürchterli in der Kirche,“ murmelte sie, „i han halt s’ Riße in de Glieder.“ Der Pfarrer hatte eine Entschuldigung oder Erklärung erwartet, die gegebene klang doch gar zu sehr nach Lüge. „Ich mein doch,“ hub er deshalb noch einmal an, „Eurem Reißen tät die Kirch besser als das Herumlaufen zu Nacht in den Wäldern.“ Das hatte die Gertrud wirklich öfters in letzter Zeit in mondhellen Nächten getan. Sie wollte die „Kraft vom Mond“ in sich aufnehmen, und auch allerlei Kräuter sammelte sie, und Rezepte aus ihren Sympathiebüchern probierte sie aus dabei. Die Pfarrköchin hatte das dem Pfarrer erzählt. Nun wurde aber die Gertrud zornig, der Pfarrer brauchte ihr keine Vorwürfe zu machen. Resolut hob sie den Kopf und sah dem Geistlichen scharf in die Augen: „Was i scho lang hab frage wolle, Herr Pfarrer,“ sagte sie laut, „hän die Lüt uf dene andere Schterner au sonigi Kirche -- und so Pfarrer?“ setzte sie in ihrem Ärger halb für sich noch zu. Dem Pfarrer gab’s einen kleinen Ruck, und die Bauern sahen sich mit eingekniffenen Augen an, nur einander, beileibe nicht den Pfarrer. Einer stellte sich breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, einen Schritt aus dem Kreis heraus, einer spuckte aus und zertrat die Sache mit großer Sorgfalt im Grund. Stolz auf die Gertrud lag in der Luft und gespannte Erwartung auf des Pfarrers Antwort. Der kannte seine Leute wohl, aber er sah doch nicht ein, wieviel von seiner Antwort abhing; er dachte nicht, wie oft die Gertrud schon unentgeltlich in Viehstall und Familie geholfen hatte, wo er und seine Gebete versagt hatten. Es schoß ihm durch den Kopf, daß er in eine seiner nächsten Predigten wohl einmal über diese neuen Theorien ein paar Sätze einflechten könne, aber laut sagte er nur: „Aber Gertrud, wo habt Ihr denn den Blödsinn aufgeschnappt. Bewohnte Sterne! Und gar schon viele! Davon versteht Ihr nun wirklich nichts, sonst müßtet Ihr wissen, daß kein Himmelskörper, außer unserer Erde, die physikalischen Bedingungen erfüllt, die es Menschen ermöglichten, darauf zu leben. Der Mond ist wie ein ausgebrannter Krater, und viele andere Sterne sind in halbflüssig feurigem Zustande. Nein, nein,“ unterbrach er sich, „schlagt Euch das aus dem Kopf, das ist dummes Zeug. Kommt fleißig in die Kirche und betet, das ist besser für Euch.“ Er rührte an den Hutrand und ging mit einem „Gutnacht miteinander“ weiter. Ein paar gemurmelte „Gelobt sei Jesus Christus!“ und „Gutnacht au Herr Pfarrer!“ folgten ihm nach. Dann setzte aber sofort wieder die Stimme der Gertrud ein: „So meinet ’r i wär jetz ufs Mul gschlage, meinet ’r des wär a Antwort gsi? Blödsinn aufgschnappt? Jo weggerle, e schöner Blödsinn. I han’s glese in äme Buch, ä langi Gschicht vu nem Professor gschriebe, die sin halt doch noch andersch glehrt als unser Pfarrer; der saits und bewist’s, ä Kuh könnt’s verschtoh, daß uf em Mars, wisse ner, des isch der Schtern, der als am Obig gege d’Rhinebene zu so rot ufblitzet, jo der isch bewohnt, un mit große Lichter hen d’Lüt dort uns scho Zeiche gä, durch d’Ferngläser hät mer’s gsähe. Sie wisset nur no nit recht, die Professore, wie mer soll än Antwort gä. Große Lichter hän sie au scho anzunde, aber’s schint, sie sin nit hell gnua. Jo, un jetz hän ’r ghört, was der Pfarrer gsait hät: In halbflüssig feurigem Zuschtand wäre die Schtern! Jetz denket doch au nur selber, wenn des wohr wär, no täte se jo doch runtertroppe. Hänget Sie doch ämol ä Honigkugle an der Himmel ufi, Herr Pfarrer!“ Ein beifälliges Murmeln erhob sich. Der Stollenbauer sagte: „Ihr hän bigelt ä dundersgschite Kopf, Gertrude.“ Aber der bedächtigere Burgersepp meinte doch: „Aber der Pfarrer hät doch die Sach au schtudiert.“ Die Gertrud war aber mutig heute, und angefeuert von der Anerkennung des angesehenen Stollenbauers trumpfte sie nun auf: „Wissener, im Vertrauen gsait, die Pfarrer schtudiere halt doch nit so älles, die hän d’Bibel immer vor der Nase, und do schtohn doch au gar bsunderi Sache drin ...“ Sie merkte die Mißbilligung dieser ihrer Behauptung, aber nun war sie im Zug: „Im Vertraue gsait, wissener, so um Wihnächte rum hät der Pfarrer ämol uf der Kanzel so ä Schtückle us der Bibel verzellt vom Josua, uf dem sei Gebet d’Sonne schtillgschtande isch; wissener ’s no?“ „He jo“, murmelten die Zuhörer. „No also,“ fuhr die Gertrud fort, „do driber han i mänchi schloflosi Nacht nachsinniert. ’s klingt au gar so gwaltig, aber wenn i mers so recht eindringli vorgschtellt hab, no isch mer’s immer mehr wie ä Lug vorkomme, akkurat so wie uf em Jahrmärkt der Mann mit em Kitt immer schreit: Wenn ihr eure zerbrochene Häfe mit dem Kitt leimt, so kann ein Riese sie nit mehr auseinanderbreche. Un wenn mer denn so ä Fläschle voll nach Hus nimmt un ä zerbrochene Vase mit kittet, no hängt’s z’samme wie ä liderliche Noht. Ma ka höchschtens no trockeni Blume in d’Vase neischtelle.“ „He aber au Gertrude, wie schwätze ner denn au,“ tadelte der Burgersepp wieder, „unser Herrgott kann doch ä Wunder tue.“ Die Gertrud gab keine Antwort. Nach einer kleinen Weile sagte sie: „Hän Ihr schon emol in äre Uhr ei Rädle aghalte, ei einzigs? Was meint ’r, goht d’Uhr dann no witers? Oder schtoht alles schtill, ’s ganz Werk? Un i mein alls, d’Sonn wär au so ä Rädli“, schloß sie nachdenklich. „Aber jetz isch gnua dischputiert,“ setzte sie hinzu und stand auf; „’s isch schpot. Gutnacht mitenander, än andersmal wieder.“
Sie zog sich in ihr Zimmer zurück, das jetzt ein ganz anderes Aussehen hatte, als in den ersten Monaten ihres Darinhausens. Die Heiligenbilder waren von den Wänden verschwunden, nur ein Marienbild und die heilige Gertrud hingen noch über dem Myrtenkränzchen. Statt dessen waren die Wände voller astronomischer Karten, ausgeschnitten aus Kalendern, schön säuberlich auf Pappe aufgezogen. Aus einem neueren Kalender hatte sie sogar eine der Schiaparellischen Marskarten mit den Kanälen ausgeschnitten und, mit den Köpfen von Schiaparelli und Flammarion auf einem Blatt vereinigt, in einen der Rahmen eingefügt, die früher ein Heiligenbild enthielten. An der Kaminwand hingen Dutzende von Kräuterbündeln, in den Fensterchen nach Osten standen Medizinflaschen, worin Kräuter, einzelne Tiere, besonders Spinnen, auch eine Eidechse, im Spiritus unter dem Einfluß der Sonne „ihren Geist“ einfangen lassen sollten. Und das Schreibpult lag nicht mehr voller Traktätlein und Heiligenlegenden, sondern Kalender und altaussehende dicke Bücher waren da aufgehäuft und eine Unzahl von Steinen, die wohl wegen des Katzengolds, das sie enthielten, gesammelt zu sein schienen.
Die Gertrud war sehr eifrig, als sie in ihr Zimmer gekommen war. Heute hatte sie noch einen großen Hauptschlag vor. ’s Annemai, die arme Witwe eines Holzhauers, war von einer Mücke gestochen worden, der Arm angeschwollen, eine böse Blutvergiftung war in dem entkräfteten Körper ausgebrochen, und morgen in der Frühe sollte sie in die Klinik geholt werden, man wollte ihr den Arm abnehmen. Und ’s Annemai hatte gar nicht an ihre Schmerzen gedacht, nur immer an ihre drei kleinen Kinder, und hatte gejammert und sich gewehrt; nur nicht den Arm ihr abnehmen, lieber wolle sie sterben, dann kämen die Kinder doch ins Waisenhaus, aber wenn sie, die Mutter, am Leben und nur noch den linken Arm habe, wie solle sie dann die Kinder ernähren; jetzt mit ihren fleißigen zwei Armen könne sie nur grad ’s trockene Brot und Kartoffeln aufbringen. Und Bettelleute wollten sie nicht werden. Die Gertrud hatte von dem Jammern der Annemai ganz das Herz schwer, und schließlich schlich sie sich heimlich zu ihr. „Annemai, wenn Ihr den Glaube an mich hän, könnt i Euch scho helfe; aber bschraue darf’s nit werde. Wenn Ihr niemand was verzehle wollt, no komm i in der Nacht un kurier Euch.“ ’s Annemai griff mit Jubel zu. „Jo Gertrude, Ihr könnt mir sicher andersch helfe als die Professore. Nei, gwiß sag i niemend nix, kommet jo au gwiß un vergelt’s Gott tusigmol.“ Und die Gertrud war nach Hause geeilt und hatte gekocht und geprozelt und unter ihren Kräutern gewählt und immer wieder in dem Buch nachgesehen, wo das unfehlbare Rezept stand: gegen verdorbene Säfte und bösartige Geschwülste. Und jetzt war der Kräutersaft fertig und ausgekühlt. Sie steckte das Fläschchen zu sich, wählte noch einige Farrenkräuter aus einem Bündel, und mit dem Buch zusammen steckte sie alles in ihre Tasche. Nun noch in den Wald an eine feuchte Stelle, die sie kannte, wo die großen Huflattichblätter wuchsen. Drei große Blätter wählte sie aus. Kein Insektenstich durfte daran sein, und lange mußte sie suchen, bis sie ganz tadellose Exemplare fand. Jedes einzelne leuchtete sie genau mit ihrer kleinen Laterne ab, und feierlich murmelte sie beim Pflücken:
„Huflattich du kalter, Du Hitzezerspalter, Üb’ deine Kraft, Halt’ deinen Saft Zur Kühlung der Wunde, Daß ’s Annemai gesunde.“
Dann löschte sie ihr Laternchen, denn sie wollte nicht gesehen werden, und eilte zur Wohnung der Annemai. Beim Eintritt in deren Kammer legte sie den Finger auf den Mund, gesprochen durfte jetzt nicht werden. Rasch löste sie den Umschlag, der auf dem kranken Arm befestigt war. Drei Kreuzzeichen machte sie über sich, drei über den kranken Arm der Annemai, dann rieb sie den dunkelgrünen, zähflüssigen Kräutersaft auf den geschwollenen Arm und sprach:
„Sieben Kräuter, Sieben Schmerzen, Maria hilf. Bilsenkraut und Erdbeerblüten, Müßt des Herzens Schlagen hüten. Knabenkraut und Eisenhut Schüttet Kraft ins kranke Blut. Holderblüt und Minzekraus Treibt das Fieber mir hinaus. Mit Johanniskraut so lind Hilf Maria deinem Kind. Sieben Kräuter, Sieben Schmerzen, Maria hilf.“
Dann legte sie kreuzweise um den Arm zwei Huflattichblätter und band sie mit einem weißen Faden fest. Das dritte Blatt legte sie der Kranken aufs Herz. Nun holte sie noch aus der Tasche die Farrenkrautblätter und schob sie unter das Kopfkissen mit dem gemurmelten Spruch:
„Farrenkraut den Schlaf dir schafft Durch des Schlangensamen Kraft. Wenn Schlangenmutter dich bewacht, Hat kein böser Dämon Macht.“
Nun hat sie das Ihre getan. „So Annemai,“ meint sie nun in ihrem gewöhnlichen Ton, „jetz müsset ’r schlofe. Schlofe!“ wiederholt sie noch einmal nachdrücklich, und die erschöpfte Frau, die mit ängstlicher Spannung den geheimnisvollen Worten und Manipulationen gefolgt war, schloß auch willig die Augen und versank in ein dämmerndes Schlummern.
Die Gertrud saß Stunde um Stunde am Fensterchen der engen Stube und lauschte den immer ruhiger werdenden Atemzügen ihrer Patientin. Mit dem ersten Hahnenschrei wachte das älteste, siebenjährige Mädele, ’s Liesele, auf und sah mit Angst nach der Mutter hinüber. Bis jetzt hatten die drei Kinder eng gekauert in ihrem kleinen Bettchen am Ofenwinkel geschlafen; nun wurden sie unruhig. Die Gertrud schlich sich leise zu ihnen hin und redete dem Liesele zu: „Ihr müsset ganz schtill si, d’Mutter derf nit ufwache. Lieget ganz schtill un bettet au für d’Mutter.“ Und die verängstigten Kinder lagen mäuschenstill in dem Bettchen, falteten die Händchen und flüsterten leise, leise ihre kleinen Gebetchen, bis sie wieder einschliefen. Die Gertrud saß wie aus Holz geschnitzt am Fenster und sah dem lichter werdenden Himmel entgegen. Um fünf Uhr wurde es lebhaft im Häuschen. Die Bäuerin, bei der ’s Annemai zur Miete wohnte, rumorte im Stall, die Kühe brüllten, nun ließen sich auch die Kinder nicht mehr halten. Das Kleinste weinte, und die Kranke wachte auf. Und die Gertrud sprang geschäftig hin und her, die Kinder anziehen, die Milch wärmen, das Zimmerchen herrichten; flink ging ihr alles von der Hand. Dann erst nahm sie vorsichtig die Huflattichblätter vom Arm. Sie hätte beinah geheult vor Rührung, als sie sah, daß die Röte am Arm wirklich etwas geschwunden war und die Haut sich auch gar nicht mehr so prall und heiß anfühlte. „I mein alls,“ sagte sie bedächtig, „Ihr bruchet nit in d’Schtadt. D’Gschwulscht isch scho e weng ufgsoge. Wenn Ihr mir glaubet, no trinket Ihr jetz no ä Holdertee un derno schwitzener, un morge schtohn Ihr gsund uf.“ ’s Annemai hatte die Augen voll Tränen: „Jo, Gertrude, vergelt’s Euch Gott, i tua, was Ihr saget, i gschpür selber, daß es mir besser goht. Ihr hän meine Kinderle d’Mutter grettet, durchs Feuer ganget i für Euch.“ Die Gertrud war geschäftig fortgeeilt, um Tee zu kochen, und was an Federbetten aufzutreiben war, das wurde dann aufgetürmt über die geduldige Annemai. Nun dauerte es nicht mehr lang und man hörte Wagengerassel draußen. Dann ein energisches Klopfen an der Tür, und ein Krankenwärter mit einer Schwester traten herein. „Die Frau Annemaria Kohler sollen wir holen. Sind wir hier recht?“ fragte die Schwester. „Sell schon,“ antwortete Gertrud, „die Frau Annemaria Kohler tät schon hier wohne, aber hole, sell bruchen ’r nit.“ Die Schwester sah auf. „Gestorben?“ fragte sie leise. „Nei, sell nit,“ meinte wieder die Gertrud, die breitspurig den Eingang ins Zimmer versperrte, „aber gsund isch sie oder wird sie, in d’Klinik brucht sie nit un will sie nit.“ Die Schwester sah den Wärter an, der Wärter die Schwester. „Wir haben den Auftrag und -- ja, gute Frau, was wissen Sie denn, ob die Frau gsund ist“, meinte die Schwester. „Weil i nit blind bin, do drum weiß i’s,“ entgegnete grob die Gertrud, „un zwinge könnet Ihr die Frau nit un sie will nit in d’Klinik. Annemai,“ rief sie mit lauter Stimme, ohne sich von der Tür verdrängen zu lassen, „saget’s au selber, daß Ihr dobliebe wollet.“ „I dank au für d’Müh,“ kam die schwache Stimme aus den Federbetten, „aber gwiß nit will i do furt, nit in d’Klinik“, steigerte sie sich voller Angst. „Aber Frau Kohler,“ rief nun die Schwester, die absolut nicht an der stämmigen Gertrud vorbeikam, „überlegen Sie sich’s doch, Sie wollen doch gesund werden! Das können Sie doch nur bei uns in der Klinik.“ „Nei,“ schrie die Kranke, „nei, i laß mer der Arm nit abschnide, lieber will i schterbe, aber mit meine beide Ärm. Wenn i schterbe soll, mit meine beide Ärm, no kann i doch d’Mutter Gottes mit beide Ärm anflehe, daß sie mir meine Kindli bschützt. Nei, i gang nit. Un wenn’s Gotts Wille isch, no werd i au do gsund. Un dobliebe will i, dobliebe“, jammerte sie still für sich weiter. Die Gertrud griff die Schwester fest am Arm: „Kommet usi in de Gang, i will Euch was sage, Schwester,“ flüsterte sie rasch; und als sie Schwester und Wärter draußen hatte, und die Tür hinter ihr einschnappte, sagte sie: „Jetz fahret nur mitenander wieder in d’Schtadt un saget dene Herre vergelt’s Gott, un i sag Euch au für’s Annemai vergelt’s Gott, aber mitgoh tut sie nit, sie will nit und i lids nit. Un i weiß, morge isch sie gsund un hät ihre Ärm, un doderzue brauche mer keine gschtudierte Herre. Mit Gwalt kenne ner sie nit fortführe, un gutwillig goht sie nit.“ Nach einigem Zögern und Reden fuhren die beiden denn auch wieder zurück, und die Gertrud sah ihnen vom Trippel des Hauses sehr befriedigt nach. Und dann eilte sie zur Kranken zurück, ermahnte sie zur Ruhe und predigte dem Liesele, sie solle ja keinen Menschen ins Zimmer lassen: „Wenn einer nit höre will un doch in d’Schtube will, no schrausch, daß i’s im Wald obe hör, i gang nit wit weg, i hol nur drei neue Huflattichblätter, die kühlet no gar de Brand usi.“ Und eilig wuschelte sie fort. Als sie nach einer knappen Viertelstunde zurückkam, stand der Pfarrer aufgeregt schimpfend im Zimmer, dem hatte das Liesele doch nicht den Eintritt zu weigern gewagt. Auch zu schreien nach der Gertrud wäre ihr als Sünde erschienen. Die Ehre! Kaum war die Gertrud im Zimmer, drehte sich der Pfarrer scharf nach ihr um: „Da wäret Ihr ja,“ polterte er sie an, „höret emal Gertrude, jetzt hab ich Eure Narrenspossen aber satt, das geht denn doch zu weit. Was fällt Euch denn ein, die Frau da ohne Hilfe sterben zu lassen, eigenmächtig die Leute aus der Klinik fortzuschicken?“ Der Pfarrer schöpfte Luft, und die Gertrud fiel ihm schnell ins Wort: „I mein alls, Herr Pfarrer, vor Ihr so schimpfet, guckener Euch ’s Annemai erscht emol a. Gsund wird sie, un ihr Arm behaltet sie un ....“ „Unsinn,“ wehrte der Pfarrer ihr eifriges Reden ab, „Ihr meint, Ihr wärt der einzig gscheite Mensch auf der Welt, so scheint mir. Macht meinetwegen Eure Teufelskuren bei den Kühen und Schweinen der Bauern; wenn die so dumm sind, ist das ihre Sache, aber von Menschen habt Ihr Eure Finger zu lassen. Seid froh, wenn ich Euch nicht anzeige, ins Zuchthaus könntet Ihr kommen. Und wie Ihr das Menschenleben, das Ihr da in Lebensgefahr gebracht, vor dem lieben Gott verantworten wollt, das weiß ich nicht. Ich hab den Löwenwirt gebeten, den Wagen anzuspannen, er wird bald hier sein, und daß Ihr mir dann nicht wieder Geschichten macht, das rat ich Euch, sonst bekommt Ihr’s mit mir zu tun.“ „Liesele,“ wandte sich die Gertrud an das Mädele, „geh, lauf zum Löwewirt, was de laufe kahsch, wenn de dei Mutter lieb häsch, un sag em, ’s brucht de Wage nit, der Herr Pfarrer heb sich g’irrt.“ Und sie schob das zögernde Kind mit einem harten: „Lauf, oder wilsch, daß dei Mutter uf der Gottesacker kommt?“ zur Tür hinaus. Dem Pfarrer hatte es die Sprache verschlagen. Jetzt wetterte er los: „Ins Zuchthaus kommet Ihr. Meint Ihr, so kann man mit Menschenleben umspringen und mit Eurer geistlichen Obrigkeit? Meint Ihr, Ihr könnt mit Euren Hexenkünsten das ganze Dorf rebellisch machen? Ich hab den Geist des Aufruhrs schon an allen Ecken bemerkt, das geht von Euch aus. Meint Ihr ich sei blind? Aber das Handwerk soll Euch gelegt werden, Ihr Hexe Ihr. Ins Zuchthaus mit solchem Gesindel wie Ihr.“ „I han Euch rede lo, Herr Pfarrer,“ sagte die Gertrud nun sehr ruhig; „aber ’s wird Euch g’raue, was Ihr gsagt hän. Im Beichtschtuhl könnet Ihr mir meintswege der Marsch mache, wenn i zu Euch kumm no mol, aber hier hän Ihr kei Recht uf mi z’schimpfe, hier in dere Schtube han i mehr Recht als Ihr. I han im Annemai gholfe, un mit Gotts Hilf han i ner gholfe, un nit mit Hexekünschte. Un des isch Husfriedensbruch un Beleidigung, soviel weiß i au no vom Recht. Un wenn’s druf akummt, mein i alls, Ihr hänt Dreck am Schtecke un nit i. Un i mein alls, Ihr hänt hier nix verlore. ’s Annemai hät nit nach Euch verlangt, un händle am e Krankebett tu i nit.“ Sie machte dem Pfarrer höflich die Tür auf und stand wartend da. Der hob drohend die Faust. „Ich gehe, ich gehe Euerm ungewaschenen Mundwerk aus dem Weg, aber das sollt Ihr mir büßen.“ Und ohne einen Blick nach der Kranken, ohne einen Gruß ging er.
Als wäre nichts geschehen, wickelte die Gertrud der Kranken die neuen Huflattichblätter um den Arm, legte das dritte ihr aufs Herz und beruhigte die leise Jammernde: „Schauet nur, d’Gschwulscht isch scho fascht völlig gschwunde, i sag Euch, morge seid Ihr gsund.“ Und die Kranke fühlte selber, wie sehr der Arm besser geworden war, und lag schließlich mit glücklichen Tränen in den Augen beruhigt unter ihren Federbetten.
Am Nachmittag kam der Doktor aus der Stadt, und wenn er auch wetterte und fluchte auf die Altweiberwirtschaft, er mußte doch zugeben, daß jede Gefahr für die Kranke vorüber war. Er zuckte die Achseln, sprach von Selbsthilfe der Natur und verließ kopfschüttelnd die Stube. Draußen fing ihn die Bauersfrau auf und erzählte ihm, was die Gertrud gewagt hatte, denn sie hatte natürlich an der Türe gehorcht bei dem Disput mit dem Geistlichen. Der Arzt hörte ihr zuerst etwas ungeduldig zu, dann aber lachte er doch laut auf, als die Bäuerin die resoluten Worte der Gertrud wiedergab, und er klinkte die Tür noch einmal auf und rief fröhlich der Annemai zu: „Ich laß auch die Gertrud schön grüßen.“ Und immer noch lachend sprang er die Treppe hinunter in seinen Wagen und fuhr davon.
Als ’s Annemai am dritten Abend richtig bei der Gertrud auf der Bank saß, da hätte die Gertrud nicht mit einer Königin getauscht. Die Bauern machten nicht viel Worte, aber sie wußte, sie war die Erste im Dorf jetzt, und ohne ihren Rat und ihre Hilfe geschah nichts mehr, und wenn einer den Pfarrer erwähnte oder ängstlich fragte: „Wird er wirklich d’Gertrude verklage?“, dann sagte sie nur mild: „Der arm Tschole.“ Und bei den Bauern, die von Anfang an zu ihr gehalten hatten, fügte sie wohl noch hinzu: „Es wundert mi eigentli doch, daß Ihr Euch so ä bschränkte Mensch als Pfarrer gfalle losset. ’s Dorf hätt au ä anders Ansehe, wenn mer e weng ä gschitere Herr hätte.“