Chapter 8
Daß mich nicht errötend sehe So entblößt der junge Morgen; Herr, nur aus der Laube trete, Ich will rufen dich zum Morde!
Denn ich kann dir nimmer nennen, Was mir unterm Herzen wohnet, Da ichs nimmer hab gesehen, Da es immer bleibt verborgen.
Herr und Gatte, hör mein Flehen! Laß mich beten vor dem Tode, Laß mich nicht so elend sterben Ohne Sakramentes Troste!"
"Das will ich dir zugestehen!" Sprach voll Unwill Jacopone, "Doch die Kleider dir verstecke Ich, daß du nicht kommst vom Orte.
Ich will bald zurücke kehren Mit dem alten Mönch Benone; Der den bösen Bund gesehen, Seh zerhauen auch den Knoten!"
Und mit ihrem Mantel gehet Schnell von dannen Jacopone. Hartes Weh ist ihr geschehn, Die zurückblieb in den Wogen.
Doch den Herrn um Hilf anflehend, Ist ihr Herz erstärket worden, Mutig stieg sie aus der Quelle, Und die Nacht ist dunkler worden.
Da sie nackt in der Kapelle Bleibe vor dem Licht verborgen, Breitet sie der Haare Flechten Um sich her bis auf den Boden.
Und auf ihre Augen senket Nieder sie den Kranz der Rosen, Den als Braut sie aus dem Tempel Traurig trug in ihren Locken.
Da sie tritt zu der Kapelle, Ist die Lampe schnell erloschen, Ihre Keuschheit zu verehren; Und sie suchet an der Orgel,
Wo der goldne Schlüssel hänget Zu dem Grabe der Dolores; In verzweifeltem Gebete Hat sie dann die Gruft erschlossen.
Und die Stufen abwärts tretend Sprach sie: "Heil euch, heilge Toten! Wollet meine Blöße decken, Einer armen züchtgen Tochter!"
Und sie hört die Stimme beben Der verstorbenen Dolores: "Liebe Tochter, wir dir geben Hilfe, kniee an den Boden!"
Und sie fühlt sich um die Lenden Ein Cilicium geschlossen, Und von einer schnellen Schere Ihre Locken abgeschoren,
Dann mit seidenen Gewändern Ihren züchtgen Leib verborgen, Hört dann nahe vor sich reden Die unendlich süßen Worte:
"Den Bußgürtel um die Lenden Trage, bis bei deinem Tode Deine arme Schwester erbet; Büß um meine Schuld, o Tochter!
Trage züchtig, die dich decken, Diese farbgen Seidenstoffe, Und die Schuld, die sie beflecket, Helf mir büßen, liebe Tochter!
Einstens werd ich bei dir stehen; Zu unendlich süßem Troste Wirst du deine Mutter sehen; Jetzo gehe, süße Tochter!"
Und es scheidet Rosarose Freudig von der gütgen Toten, Hängt den Schlüssel an die Stelle, Da sie hat die Gruft verschlossen.
Und die Lampe brennet helle; Sie setzt freudig sich zur Orgel, Läßt ein Requiem erschwellen, Recht in freudig vollem Tone.
Als in des Benone Zelle Eingetreten Jacopone, Lag der Alte im Gebete Und sprach hörbar diese Worte:
"Herr, dein Aug nicht von mir wende, Wenn ich steh in bösem Zorne! Herr, o leite meine Seele Durch des Sündenmeeres Toben!
Herr, laß keinen trostlos sterben, Ohne heilge Sakramente, Laß den Sünder nicht verderben, Ohne Buß vor seinem Ende!"
An der Zelle Türe stehet Dieses hörend Jacopone, Und von Schrecken ganz erbebet Pochet er und ruft: "Benone!"
Und, die Tür geöffnet, redet Ernst der Mönch: "O Jacopone, Gott hat mein Gebet gesegnet, Daß du bist an diesem Orte!
Doch du hast ein wildes Wesen, Was willst du mit diesem Dolche? Deine Haare um dich wehen, Kommst du, mich hier zu ermorden?
Oder hast du Rosarosen, Deine fromme Braut, erstochen? Fremde Lieb bei ihr erkennend, Was der Herr verhüten wolle?
Oder hast du gen dich selber Diesen bösen Stahl erhoben, Willst in blinder Wut du sterben? O, du armer Jacopone!
Weh, ich seh Rosarosens Mantel deinem Arm entrollet! Rede, rede, du Entstellter, Gibt dem stummen Schrecken Worte!"
"Vater, zu dem Garten gehe," Spricht nun bebend Jacopone, "Wo mein Weib in der Kapelle Täglich singet zu der Orgel.
Trete zu ihr an die Quelle, Wo sie badet in dem Bronnen, Laß sie beichten, laß sie beten, Eh sie stirbt von diesem Dolche.
Daß sie nackt die Flucht nicht nehme, Hab ich ihr Gewand genommen; Du magst rücklings hin es werfen, Wenn du zu dem Bronnen kommest."
Und der Mönch schließt seine Zelle, Folgt zum Garten Jacopone. Da sie an der Brücke stehen, An des Reno blauen Wogen,
Spricht der Mönch zu dem Gesellen: "Wirst du mich nicht hier durchbohren, Mich dann in den Reno werfen? Sieh, ich trau nicht deinem Dolche;
Gib ihn mir doch aufzuheben!" Und es gibt ihn Jacopone, Und sie gehn. Doch unbemerket Wirft der Mönch ihn in die Wogen.
Vor dem Garten nun begehret Seinen Dolch der Jacopone: "Er ruht in des Reno Wellen!" Spricht zu ihm der Mönch Benone.
Und die Arme um ihn legend Küßt die Stirn er Jacopone, Spricht: "Zu deiner Kammer kehre, Deine Seele steht im Zorne!
Dir zum Troste wiederkehren Will ich bald mit Rosarosen. Gott verleih dir seinen Segen!" Und es gehet Jacopone.
Und auf seinem Weg begegnet Suchend ihn der Meliore, Fragt ihn bang nach Rosarosen, Doch es schweiget Jacopone.
Da sie in die Stube treten, Schlummert Pietro an dem Boden, Abgebrannt sind tief die Kerzen, Traurig stehn die Blumenbogen.
Jacopone spricht: "O wehe!" Und bricht aus im Tränenstrome, "Weh, ihr dunkeln Hochzeitskerzen, Weh, ihr armen Blumenbogen!
Nieder brennt ihr in dem Herzen Und erlöscht im Tränenstrom, Nieder welkt ihr in den Schmerzen Unter meiner Klage Odem!
Kehret nicht zum Firmamente, Sterne, Mond und hohe Sonne1 Ewig an des Himmels Schwelle Steh blutweinende Aurore!
Also ewig stille stehen Soll der Puls im Herz gebrochen, Ewig meine Hochzeitskerze Niederbrennen unverloschen!
Ewig meine Kränze welken, Von den Tränen nur begossen, Stille ewig sterbend leben Nur die bittren Tränen rollend!
Blumenkränze, Hochzeitskerzen, Sterne, Mond und hohe Sonne, Ewgen Schmerzes Tränenquellen Und blutweinende Aurore:
Welket, brennet, steht in Schmerzen! Nimmer lachet Jacopone; Die die Liebste mir gewesen, Sie ist schlecht mir vorgekommen!"
Aber zu dem Mahl einkehret Nun der alte Mönch Benone, Ihm zur Seite traurig stehet Rosarose ohne Locken.
Pietro, vom Geräusch erwecket, Springet auf; die Myrtenkrone Reichet er der neuen Schwester, Lieb und Treue ihr gelobend.
Dann putzt schnell er rings die Kerzen, Daß es helle ward. Meliore Grüßt sie, reicht ihr die Sonette Und blickt schüchtern an den Boden.
Aber auf dem Hochzeitsbette Lieget jammernd Jacopone: "Die die Liebste mir gewesen, Sie ist schlecht mir vorgekommen!" --
"Nun genug der frevlen Reden!" Spricht zu ihm der Mönch Benone, Daß, der du ihr lieb gewesen, Ihr nicht schlechter vor mögst kommen!
Hier empfange Rosarosen, Und bei Gott im Himmel droben Bist gleich ihr du reines Herzens, Will ich dich vor Engeln loben.
Ich hab all ihr Tun gesehen, Da ich bin ihr Beichtger worden, Konnt des Herren Leib ihr geben Ohne Absolutionen.
Sie hat dir auch schon vergeben, Daß du sie ermorden wolltest. Die du hast entblößt im Leben, Ward gekleidet von den Toten."
Aber Rosarosa redet: "Denke meiner ersten Worte: `Ich erflehe eure Ehre, Gebe meine Gott zum Opfer.
So bin eine Braut des Herren Ich, und dennoch Euch verlobet, Teile mit euch eure Ehre, Meine bleibe unverloren!
Was im Garten hat geredet Jener Knabe, dunkle Worte Sind es mir wie dir; erhellen Müssen sie zukünftge Sonnen!"
Und sie knieet vor dem Bette, Nimmt die Rechte Jacopones, Auf ihr nacktes Haupt sie legend In den vollen Kranz der Rosen.
Und der Jüngling, tief beweget, Spricht: "O Weib, wo sind die Locken, Die ich wollte liebend flechten? Was soll mir der Kranz voll Dornen?"
Liebvoll Rosarosa redet: "Ich ließ sie den gütgen Toten, Die dein nacktes Weib bedecket, Das du hast entblößt im Zorne.
Auch den Hochzeitsmantel schwebend, Den zurück mir gab Benone, Hab ich ihnen hingegeben, Ihre Güte zu belohnen.
Herr, o wolle dich erheben, Sieh, es kehret schon Aurore, Wolle mich zu dir aufnehmen, Züchtig will ich bei dir wohnen!
Eine Magd mich dir bequemen, Spinnen dir zur Nacht, zum Morgen. Für dich beten, für dich sterben; Herr, entsage deinem Zorne!"
Jetzt erhebt er sich, doch sehen Kann er nicht, ein Regenbogen Schwebt um sie von seinen Tränen In dem Schein des Morgenrotes.
Und sie trocknet seine Tränen, Still mit ihres Kranzes Rosen, Und Benone gibt den Segen, Will dann kehren nach dem Kloster.
"Trink des Brautweins einen Becher, Heilger!" flehte Jacopone. "Gib ihn mir, ich will zur Messe Ihn verwandeln!" spricht Benone.
"Dort will eurer ich gedenken Und als Christi Blut ihn opfern!" Und nun kehrt zu seiner Zelle Still der alte Mönch Benone.
Rosarosa spricht nun: "Denke, Lieber, was ich dir versprochen: Hier ist Wasser aus der Quelle, Hier sind unsres Gartens Rosen.
Lasse unsre Augen netzen, Die getrübt vom Weinen worden." Und nun auf die Tafel setzet Sie das Glas bekränzt mit Rosen.
Und sie kühlen mit der Quelle, Den die Tränen all entquollen, Ihrer Augen heiße Quellen; Sieh, da steigt herauf die Sonne.
"Sie will sein bei unserm Feste!" Spricht der stille Meliore; Aber Pietro laut erhebet Seine Stimme ihr zum Lobe:
"Grüß dich, Held des Orientes, Grüß dich, Gottes Morgensonne, Grüß dich, Heiland aller Wesen, Grüß dich, Heiland voller Rosen!
Grüß dich, Trost der dunklen Felder, Grüß dich, Quell der Tauestropfen, Grüß dich auf dem Himmelswege, Grüß dich, goldne Morgensonne!
Singt mir, was sie spricht, ihr Lerchen, Singt die sieben letzten Worte, Singt den Held des Orientes, Der die schwere Nacht gebrochen!"
Also sang er, während betend Die drei andren zu ihm horchen, Und die volle Sonne sehen Sie, und waren voll des Trostes.
Und sie trinken einen Becher Brautwein, haben angestoßen Einer zu des andern Segen, Und dann aßen sie des Brotes.
Da ertönt das Glöcklein helle An dem wohlbekannten Kloster, Und sie gehen zu der Messe Ihres alten Freunds Benone. --
Also liebte er ihr Wesen, Hat sich so mit ihr versprochen, Feiert so die Hochzeitsfeste, Der gelehrte Jacopone.
Und sie war ihm tief ergeben, Eine Magd ihm unterworfen, Winke waren ihr Befehle Und Gesetze seine Worte.
Auf sein Haus strömt voller Segen, Und man pries ihn allerorten; Die er führte, die Prozesse, Waren alle bald gewonnen.
Und sie füllte spinnend, webend, Seine Schränke an bis oben, Nähte ihm wohl hundert Hemden, Die sie alle selbst gewoben.
Sie half ihm die Bücher stellen, Wußte sie gar wohl zu ordnen, Schrieb ihm ab viel dicke Hefte Und gar manchen schweren Codex.
Als sie einst ihm die Pandekten Heimlich schrieb mit flüssgem Golde Auf schneeweißem Pergamente Und ihm gab am Christtagsmorgen,
War er gar in Lieb beweget, Schenkte ihr, die sie gesponnen Und gewebet, all die Hemden Und dazu viel Münzen Goldes.
Und sie ließ auf allen Wegen Zu sich bald die Armen kommen, Ihre Linnen sie ausspendet, Recht zu aller Frommen Troste.
Und so lebten sie in Segen, Wohl vier Jahre ohne Sorgen, Und es wußte kaum zu bergen Seinen Reichtum Jacopone.
Und Bologna war getrennet In Parteien. Die des Volkes Sich die Gieremei nennen, Stritten für das Recht des Volkes.
Lambertazzi, ihre Gegner, Für des Adels Recht erhoben; Von zwei feindlichen Geschlechtern War der Namen angenommen.
Und da diesen eigenen Händeln Sich noch fremde eingeflochten, Ghilbellinen und die Guelphen, Ward die Sache mehr verworren.
Und so ward gar viel gerechtet, Manches Blut im Streit vergossen, Daß die Frauen bittre Tränen Um die Toten weinen konnten.
Oft erteilte den Geschlechtern Seinen Rat auch Jacopone, Und in ihrer Mitte stehend Mußte Freund und Feind ihn loben.
Wenn in diesem stolzen Leben War sein irdscher Mut erhoben, Sah er oft sein Weib beschämet Neben sich so still verborgen.
Die den Schleier nie ableget Von des schönen Hauptes Locken, Die mit Edelstein und Perlen Nimmer vor ihm prangen wollte.
Und sie wollte niemals gehen Zu dem Tanze, zu der Oper, Ging vor Tag nur in die Messe Und zu der Kapelle Orgel.
Endlich hat er sie erbeten, Ihm zu folgen in die Oper, Da die Sängrin Biondette Wollt entsagen zu dem Kloster.
Und er hat ihr angeleget Schwere Spangen roten Goldes, Edelsteine, reiche Perlen Und Rubinen, blutge Rosen.
Als er ihr den Schmuck anlegte, Stand sie wie ein Lamm des Opfers, Und er sprach: "Den Schleier lege Ab, laß flechten mich die Locken!"
Doch sie wollt ihn nicht ablegen, Bis er zürnend es befohlen; Ach, was muß erschreckt er sehen: Schneeweiß sind des Hauptes Locken!
Ruhig sie da zu ihm redet: "Darum hielt ich sie verborgen. Seit sie von der Totenschere Fielen, sind sie bleich geworden!"
Ach, wie recht im tiefsten Herzen Traf die Rede Jacopone, Da er sah die Jungfrau stehen Mit des Alters grauen Locken.
"Könnte ich mit meinen Tränen Dir das Silberhaar vergolden! Ach, ich habe dich dem Schrecken Jener Schere unterworfen!"
Und er hat die Silberflechten Mit Rubinen ihr durchzogen, Wie ein Busch im Blütenschnee, Vom Johanniswurm umflogen.
Wunderbar war sie zu sehen, Eine Diamantensonne, Und es freut an Rosarosen Wie ein Kind sich Jacopone.
Wie die Flitterkränze schweben, Und die flimmernden Goldrosen Zitternd auf der Jungfraun Särgen, Schien sie in der Glorien Krone
Eine selge Braut der Engel, Eine Königin der Toten, Eine hochzeitliche Seele, Ein gestirnter Geist voll Wonne.
Schier geneigt, sie anzubeten, Ging bei ihr der Jacopone. Da sie ins Theater treten, Ging ein Flüstern durch die Logen.
Nie noch hatte man gesehen Die Gemahlin Jacopones, Und nun wie ein höhres Wesen Stand sie blendend vor dem Volke.
Und in der erstaunten Menge Hat ein Klatschen sich erhoben, Bis beschämt in tiefstem Herzen, Sie den Schleier umgenommen.
Als die liebliche Biondette Sang ihr Leben vor dem Volke, War die schöne Rosarose Tief im Herzen scharf getroffen.
"Daß du mich mit dir zu gehen Hast bewogen, Jacopone," Sprach sie, "dank ich dir ohn Ende. O, wie ist mir wohl geworden!
Diese Jungfrau anzusehen Ist mir nie genossne Wonne, Und ich könnte ruhig sterben, Spräch sie zu mir süße Worte!
Ach, ich fühle ihrem Wesen Meine Seele tief verwoben, O, ich werde nie genesen, Steht sie mir nicht bei im Tode!"
Und sie war so tief beweget, Da die Jungfrau ihre Rollen Wiederholt als Judith, Jephthe, Daß sie nachsprach alle Worte.
Aber als sich um Biondetten Hat die wilde Glut erhoben, Hat sie, nicht um sie, um jene Nur, das Hilfsgeschrei erhoben.
Und es brachte sie zu retten Mit Gewalt nun Jacopone Hinzu einem hohen Fenster, Da ersah sie Meliore.
Keine Leiter ruht am Fenster, Rings schon alles um sie lodert, Und sie sprang, sich Gott befehlend, Nieder in den Arm Meliores.
Glücklich nieder zu der Erde Folgt ihr springend Jacopone, Doch er findet sie mit Schrecken Blaß und schon ihr Aug geschlossen.
Und rings unter ihrem Herzen Blutge Tropfen niederflossen, Doch sie sprach: "Mein Herr, ich lebe Annoch durch die Hilfe Gottes!"
Und vier rheinische Studenten Sie auf ihren Mantel hoben, Trugen still sie durchs Gedränge, Weinend folget Jacopone.
Und sie ward auf ihren Wegen Angestaunet von dem Volke, Wie ein Kunstwerk von Juwelen Und ein Bild von lauterm Golde.
Nimmer ward von solchem Werte Ein geheimer Schatz gehoben, Und die tragenden Studenten Nimmer von ihr blicken konnten,
Wenn sie in dem Schein der Sterne Oder in dem Glanz des Mondes Auf dem weißen Mantel blendet, Wie auf Schätzen Flammen lodern.
Hätte sie nicht von Biondetten Oft den Namen ausgesprochen, Für die Leiche eines Engels Hätte man sie halten sollen.
Über ihres Hauses Schwelle, Bis zu ihrer Kammer oben, Auf sein keusches Hochzeitbette Ließ sie tragen Jacopone.
Dann entließ er die Studenten, Ihre Treue zärtlich lobend, Und zu ihm sprach Rosarose: "Höre mich, mein Jacopone!
Da ich aus dem Leben gehe, Soll dir bleiben unverborgen, Was ich mußte dir verhehlen, Das Geheimnis jenes Bronnens.
Warum du mich wolltest töten, Als den Knaben du gehorchet. Wisse, daß ich deine Schwester, Deinem Vater bin entsprossen!
Und ich danke, daß du ehrend Meine Unschuld nicht verdorben, Daß von Blutschuld unbeflecket, Keusch wir bei einander wohnten.
Aus versündeten Geschlechtern Sind wir sündenvoll geboren, Und die Sünde wird erst enden, Wenn ein schweres Jahr verflossen.
Von der eitlen Welt dich wende, Geh in einen frommen Orden, Wo das Schauspielhaus verbrennte, Laß erbauen mir ein Kloster!
Aber jetzo, eh ich sterbe, Hole mir den Greis Benone, Daß ich nehm die Sakramente, Zu der Seele letztem Troste!"
Jacopone steht entsetzet, Ohne Regung, ohne Worte, Nur sein Haar hebt sich zu Berge; Doch er eilet zu Benone.
Aber auf der Treppe schellet Schon des kleinen Lammes Glocke, Und zu Rosarose gehet Ein der Knabe blondgelocket.
"Grüß dich Gott zum Wiedersehen1 Ei, wie bist du schön geworden, Meine liebe Rosarose!" Hat das Kind zu ihr gesprochen.
Und sie sprach: "Mein guter Engel, Du kamst, wie du mir versprochen, Doch du bleibest stets derselbe, Du bist größer nicht geworden!"
"Mir ist", hier das Kind versetzte, "Dieses Maß gegeben worden. Ach, es war nicht zu ermessen, Als dies Maß war voller Wonne!"
Doch nun fühlt die Jungfrau Schmerzen; Klagend sprach sie: "O, Benone, Komme bald zum Trost der Seele Und geselle mich den Toten!"
Und der Knabe sorglich legte Auf die Stirn ihr eine Rose, Und von ihrem Duft erwecket, Hat die Jungfrau sich erholet.
"Du hast dich zum Hochzeitsfeste", Spricht er, "schön geschmückt mit Golde, Und mit Perlen und Juwelen Strahlst du in der Jungfraunkrone!
Wird dein Bräutigam dich auch kennen, Der dich sonst nur sah mit Rosen?" "Ja," sprach sie, "er wird mich kennen An dem Blut, das ich vergossen!"
** Romanze XIII: Tod der Rosarosa
Wie in dunklen Meereswogen Ein verbranntes Schiff entmastet Unterm weiten Himmelsbogen Traurig steht auf ödem Sande,
Wie die Flamme scheu noch lodert, Von den Fluten rings belagert, Bis die traurig tote Kohle Leicht umschaukelt in dem Wasser,
Fern schon ziehn die dunkeln Wolken, Die geübt die böse Rache, Und die Sterne vor dem Monde Ziehn heran, unschuldig fragend:
Wo ist hin das segelvolle Freudge Schiff, so hoch bemastet, Das wie eine Braut die Wogen, Buhlend mit dem Wind, durchtanzte?
Wo sind hin die Schifferchöre, Die in feuchten Tauen tanzten? Ist von all dem stolzen Volke An dem Fels der Ruf verhallet?
Und das Meer spielt mit den Toten, Mit den Segeln, mit den Masten; Sterbend zischen noch die Kohlen, Und dann schweigt und ruhet alles.
Und die Sterne zu dem Monde Brechen aus in bittre Klagen: Ach! wo ist die schöne Tochter, Die uns grüßte mit Gesange?
Die gelöst die goldnen Locken, Ließ in freudgen Lüften flaggen, Unsern Spiegel in den Wogen Betend grüßt mit Harfenklange?
Muß sie auch im Wasserschlosse, Von Untieren rings bewachet, Bei Sirenen und Tritonen Fern von uns nun sein gefangen?
Also klagen sie dem Monde, Der zu ihrer Klage lachet Und das blaue Feld der Wogen Überschüttet weit mit Glanze.
Und was schimmert dort so golden, Rauschend durch die Wasserbahnen, Zieht gleich einem Arione Ruhig durch die Meere, harfend?
Heil! Es ist die schöne Tochter; Sie steht auf dem Wundermantel Sicher, wie auf starkem Boote, Und ihr Schleier ist die Flagge.
Und die Sterne freudig horchen, Denn es zieht durch ihre Harfe Äolus mit süßem Tone, Daß die Ufer rings entschlafen:
Also unterm Himmelsbogen Stand zerstöret das Theater, Um die trüben Säulentore Schauerten der Wachen Fackeln.
Also in dem Glanz des Mondes Trat Biondette mit der Harfe Aus den hohen, dunkeln Pforten, Wie in lichter Geist umwandelt.
Unterm hohen Sternendome Steht sie auf dem öden Platze, Unter ihren leichten Sohlen Knirscht die Kohle auf den Platten.
Und zum Monde auf sich wolket Noch der Rauch des toten Brandes, Dumpf schallt fernes Wagenrollen Und es rinnet rings das Wasser.
Und des blauen Reno Wogen Lauter durch die Nacht hinwallen, Lauter rauschen auch die Bronnen Siegreich ob dem Feuerkampfe.
Und Biondetta wiederholet: "Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne hell von falschem Glanze,
Ihr dient einem Flittermonde!" Sprachs, da klang es in der Harfe, Und zwei hohe, weiße Nonnen Geistig ihr zur Seite standen.
Von dem Schleier ganz verborgen Schienen sie zwei selge Schatten, Winkend, ihnen nachzufolgen, Sie Biondetten still ermahnten.
Eine schweift in einem Bogen Um sie, Freudenzeichen machend, Und die andre sah zu Boden, Traurig ihr Hände faltend.
"Sprechet, was ihr von mir wollet, Fromme Schwestern von Sankt Claren?" Frug die Jungfrau. Nachzufolgen Winkend jene sie ermahnten.
Und Biondetta folgt den Nonnen, Die wie Geister vor ihr wallen, Zu dem Hause Jacopones, Zu der Rosarosa Lager.
"Sei willkommen mir im Tode!" Sprach die Kranke, und vom Lager Hat sie leis ihr Haupt erhoben, Unterstützet von dem Knaben.
"Daß dem Feuer du entkommen, O, Biondetta, Gott ich danke; Wolle nun zu meinem Troste Mir ein Lied zur Harfe schlagen!"
Als die Jungfrau harfen wollte, Sah sie an den blonden Knaben: "Sah ich heut dich nicht am Bronnen Mit dem Vogel, mit dem Lamme,
Bei der Jungfrau mit den Rosen, Bei der süßen Rosablanke, Die heut früh den Kranz geflochten Für Marien am Altare?"
Und der Knabe hat gesprochen: "Reicher als heut am Altare Ward auch hier ein Kranz geflochten, Und du wirst die Dornen tragen.
Als der Gärtner säte Rosen In der Buße bittren Garten, Fiel dein Körnlein in die Dornen, Und du kennst nicht deinen Namen.
Denn du heißest Rosadore, Jene heißet Rosablanke, Rosarosa, rote Rose, Ihr seid aus demselben Stamme!
Seid geschenkt der Mutter Gottes, Als sie vor zwölfhundert Jahren Auf der sündgen Erde wohnte; Jetzt erst seid ihr aufgegangen.
Doch noch seid ihr kaum entsprossen! O erscheine, Herr des Gartens, Hüte deine heilgen Rosen Und zertritt die falsche Schlange!" --
"O, Benone, mir zum Troste Eile!" nun die Kranke klaget, "Denn es wirft die Lebenssonne Über mich schon lange Schatten!"
Und der Knabe spricht: "Zum Kloster Gehe ich, ihn zu ermahnen; Doch zuvor, o fromme Tochter, Muß ich deiner Treue danken.
Denn ich kann nicht wiederkommmen, Eh erfüllet sind die Tage, Daß wir alle durch die Pforte Der Barmherzigkeit einwandern.
Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Und, zu hören Gottesworte, Kinder gern um dich versammelt!
Viele dich am Himmelsthrone Palmen schwingend schon erwarten, Und sie singen dort im Chore, Die du sie gelehrt, die Psalmen.
Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Daß du dich dem Herrn verlobet Und die Treue ihm gehalten!
Also ist auch Jacopone In die Blutschuld nicht gefallen, Und so bricht der Tod dich Rose Zu der Sühnung ewgem Kranze!
Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Und das Kleid der gütgen Toten Unbeflecket hast erhalten!
Den Bußgürtel scharf gedornet Trugst du still und ohne Klagen, Und so halfst du, fromme Tochter, Deiner Mutter Sünde tragen.
Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt. Was dir unterm Herzen wohnet, Hast du nimmer mich gefraget!
Aber nun vor diesen Nonnen Öffne ruhig die Gewande, Zeige deines Herzen Rose, Dieses Siegel deines Stammes!
Und es soll auch Rosadore, Die man sonst Biondetten nannte, An des eignen Busens Rose Wahr erkennen ihren Namen.
Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Wisse, daß dir stets zu folgen, Mich mein eigen Heil ermahnte.
Denn ich harre der drei Rosen Länger als zwölfhundert Jahre. Eine bist du, bald gebrochen, Bald auch breche ich die andre!
Als der Heiland ward geboren, Hab ich auch das Licht empfangen, Und ich gab ihm meine Rosen, Da er spielte bei dem Lamme.
Und er gab mir eine Knospe Aus den Gräsern seines Lagers, Hat dann liebvoll auch gesprochen: `Agnus castus sei dein Name!'
Und wo ich bis jetzt gewohnet, Sät ich dieser Pflanze Samen, Ehrt sie höher als Kleinode, Weil der Herr auf ihr geschlafen.
Agnus castus aller Orten Heißt, wie ich, nun diese Pflanze. Weißt du noch, wie ich dir Mosse Sammeln sollte mit den Knaben,
Weil du dir bereiten wolltest Deiner Hochzeit keusches Lager, Wie ich dir zu deinem Schoße Nichts als Agnus castus brachte?
Und du hast sie angenommen, Dankend für die Hochzeitsgabe, So schliefst du und Jacopone Wie der Herr auf dieser Pflanze.
So hat eurem frommen Wollen Gern der Heiland beigestanden, Und das Lager deines Todes Blieb durch ihn der Keuschheit Lager.
Bald steht deines Herzens Rose Nun im selgen Himmelsgarten Und schmückt ihm die Dornenkrone, Die er hat für uns getragen!"
Als der Knabe so gesprochen, Ging er betend aus der Kammer: "Jesus Christus sei gelobet!" Und die Sterbende sprach: "Amen!"