Romanzen vom Rosenkranz

Chapter 9

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Doch jetzt nahten sich die Nonnen, Die verschleiert fern gestanden, Leis hinschwebend an dem Boden, Rosarosens Sterbelager.

Und es knieet Rosadore Eingehüllet in den Mantel. Stille war es, nur der Odem Wehte und das Licht der Lampe.

Und die eine sprach: "O Tochter, Ich bin deiner Mutter Schatten. Weh mir, daß ich es geworden! Rosatristis ist mein Name.

Und auch du, o Rosadore, Hast durch mich das Licht empfangen; Fürchte nichts, erheb vom Boden Deinen Blick, der mich erlabet.

Ach, so kann ich nach dem Tode Mutterfreuden erst erlangen! Wie unendlich ist die Wonne Unergründlichen Erbarmens!"

Und nun schweift sie wie ein Vogel Freudig um das Bett der Kranken, Und umschwebet Rosadoren, Streifend kühl durch ihre Haare.

Rosarosens Lebenswoge Hebt sich nochmals Wellen schlagend, Stumme Freudentränen flossen Nieder von der bleichen Wange.

Denn sie hört im Ton der Worte Jene Stimme widerschallen, Die ihr einst das Haupt geschoren, Ihrer Blöße sich erbarmend.

Durch die Seele Rosadorens Bebt ein tiefes, süßes Bangen; Furchtlos hat emporgehoben Sie die Arme nach dem Schatten.

Denn sie sieht in dieser Nonne Jenes Bildlein ihrer Kammer, Das mit ihr gefunden worden, Das sie stets so wert gehalten.

Rosatristis nun voll Wonne Löst der Kranken Brustgewande, Daß des Busens heilge Wogen Schimmernd zu dem Lichte drangen.

Eine rote blutge Rose Rosarosens Brust bestrahlet; Was ihr unterm Herzen wohnet, Hat sie so im Tod erfahren.

Während leis zu Rosadoren Sich die andre Nonne nahte, Und sie sah, die sie erzogen, Rosalätens heilgen Schatten.

Rührend sprach sie: "Rosadore Die ich sonst Biondette nannte, Teure Jungfrau, zeig die Rose, Die dir gab den neuen Namen.

Lasse, die dich hat geboren, Meiner armen Schwester Schatten, Lasse ihres Heiles Rose Vor ihr blühn im keuschen Garten!"

Und in Zucht löst Rosadore Ihres Mieders goldne Spangen, Und des Herzens banges Pochen Hört man durch die Stille schlagen.

Eine kleine goldne Rose, Über ihrem Herz gemalet, Zeigt im Spiegel ihr die Nonne Als das Zeichen ihres Stammes.

Rosatristis spricht voll Wonne: "O, gesegnet ist der Garten, O, wie herrlich stehn die Rosen, Und derHerr wird sich erbarmen!

Aber eine weiße Rose Muß ich traurend noch erwarten, # trauernd? Sehen darf ich nicht die Tochter, Die unschuldge Rosablanke!"

Und nun hat sie aufgeschlossen Den Bußgürtel, der die Kranke Noch umgürtete -- da flossen Ströme Blutes von der Armen.

Stürzend in den Arm Meliores Aus dem Fenster bei dem Brande, Hatte von des Gürtels Dornen Tiefe Wunden sie empfangen!

Rosatristis spricht zum Troste: "Du stehst recht im Rosengarten, Den der Herr bei seinem Tode Für die Märtyrer gepflanzet.

Deines Blutes jeder Tropfen Fällt auf meine Seele labend; Heilig hast du es vergossen, Das in Sünden du empfangen."

Und sie gürtet Rosadoren Mit des Gürtels scharfen Stacheln: "Wolle ihn um mich, du Tochter, Treu wie deine Schwester tragen!

Gebe ihn bei deinem Tode", Spricht die Nonne, "Rosablanken!" Peinumgürtet steht die Fromme, Klaglos für die Marter dankend.

Und nun sinkt sie mit den Worten Froh in Rosarosens Arme: "Laß, o Schwester, deinen Odem Mich von deinen Lippen fangen!" --

"Sei willkommen, Todessonne!" Spricht die Kranke liebesstammelnd, "Mir ins Herz mit Siegeswonne Fallen deiner Augen Strahlen!

Aber, was du mir versprochen, Singe mir ein Lied zur Harfe, Daß die Seele vor dem Tode Auf dem Klang vorüber wandle!"

Da ergreifet Rosadore Geistberauschet ihre Harfe, Also süße Töne lockend, Daß die Nonnen selig schwanken.

Doch es tritt nun Jacopone Heftig ein mit einem Arzt: Der unheilige Apone Folgt ihm stolz und dreist zur Kammer.

Und vom Zug der Tür erloschen, Starb das Licht der kleinen Lampe. "Licht her, Licht!" schreit wild Apone, "Was tun hier die alten Ammen?"

Denn er sieht die beiden Nonnen Geistig schimmernd bei dem Lager. Und es eilet Jacopone, Anzustecken schnell die Lampe.

Und es folgen ihm die Nonnen, Geistig rauschend durch die Harfe, Rufen: "Wehe, weh Apone! Fluch der Schlang und ihrem Samen!"

Und nun griff der Arzt im Zorn, # Zorne? Und erfasset bei der Harfe Die versteckte Rosadore, Und die Jungfrau schreit: "Erbarmen!"

"Ha!" spricht Apo, "sei willkommen, Schöne Nachbarin! Zu fangen Solch ein Vöglein ich nicht hoffte Bei dem Bette einer Kranken!

Hat der kluge Jacopone Dich zu seinem Trost belanget? Die Juristen bei den Toten Gerne sich an Leben halten!"

Und nun will er Rosadoren Scherzend um die Hüfte fassen; Doch sie war erstarkt im Zorne, Reißt ihm schmerzlich an dem Barte.

"Also halt ich dich, du Toller," Spricht die Jungfrau, "bis die Lampe Wiederbringet Jacopone, Daß er sehe deine Schande!"

Frech erwidert ihr Apone: "Wenn du mich nicht fester fassest, Sind mir eine rechte Wonne Solche Händlein in dem Barte!"

Und nun kehret Jacopone Mit der Lampe in die Kammer, Und es läßt den Bart Apones Rosadore schamhaft fahren.

"Herr," spricht sie, "wie magst du zum Troste Deines Weibes du den alten, Ehrvergessnen Buben holen? Weh mir, daß ich hier gestanden!"

Aber nun zu Jacopone Spricht mit schwachem Ton die Kranke: "Um den tröstenden Benone Bat ich meinen Herrn und Gatten!"

Und er spricht: "Auch er wird kommen, Jetzt vertrau dem großen Arzte; Dieser Aesculap Bolognens Wird dich, Theure, mir erhalten. # Teure?

Conciliator, dich, Apone, Man ob hoher Weisheit nennet, Dich versühnend wolle folgen Der Bedeutung deines Namens."

Aber nun zu Jacopone Spricht mit schwachem Ton die Kranke: "Um den tröstenden Benone Bat ich meinen Herrn und Gatten!"

Und er spricht: "Auch er wird kommen, Jetzt vertrau dem großen Arzte. Wolle, daß die Kunst Apones, Teure, dich mir noch erhalte!" # Theure?

Und zum Arzt spricht er die Worte: "Herrlicher, vergiß des Kampfes, Der uns trennte oft im Zorne, Nimm die Hand zum Friedenspfande!

Dienen will ich deinem Lobe; Kannst du mir mein Weib erhalten, Geb ich dir zweitausend Kronen, Geb ich mehr noch, geb ich alles!"

Und zum Lager tritt Apone, Reißt die Decke von der Kranken, Doch es stürzt sich Rosadore Über sie mit ihrem Mantel.

Und der Arzt spricht wild im Zorne: "Was soll hier ich besser machen, Wo man meiner nur will spotten? Nackt muß ich die Kranke haben!

Über ihrem Herzen drohend Einen Flecken von dem Brande Sah ich schwarz. Sie ist des Todes, Wenn ich sie nicht heilend salbe!"

"Nimmer," spricht nun Rosadore, "Sollst du sie berühret haben, Ihres Herzens heilge Rose Nimmer sehen, böse Schlange!"

Und erbittert flucht Apone: "Nun, so soll ich sein verdammet! Schöne Buhlrin, dir zum Hohne Sollst du mir zur Seite wandeln!

Du sollst deine Jungfraukrone Selber mir ins Haus eintragen, In den Spuren meiner Sohlen Sollst du liebekrank herwandeln! # liebeskrank?

Abends an mein Lager kommen, Deinen Leib mir anzutragen, Und mit Füßen weggestoßen Sollst du in der Brunst verschmachten!

In der Kirche, vor dem Volke, auf dem offnen vollen Markte Sollst du mir verbuhlet folgen, Wie dem Leibe folgt der Schatten!"

Ihm erwidert Rosadore: "Mein wird sich der Herr erbarmen; Vor dem Fluch, den du geschworen, Wird er seine Magd bewahren!

Eher sollen alle Rosen Mit den Wurzeln abwärts wachsen Und die vollen Liebeskronen In der Erde Nacht begraben,

Eher all die bleichen Toten Aus der Tiefe blühend wandeln Und was lebet an der Sonne Fluchend in die Gräber tragen,

Eh der Mond vom Sternendome Buhlend in ein Nest voll Drachen Steigen und im keuschen Schoße Ungeheure Brut empfangen,

Und eh soll die lichte Sonne Weichen aus des Himmels Bahnen, Durch der Hölle Tor zu wandeln, Eh ich tret in deine Pforte.

Ja, eh wird dem Feinde Gottes, Dem satanschen Sündenvater, Auch ein Gottsohn ausgeboren, Keusch von einer Magd empfangen,

Und zu lösen uns vom Tode, An das heilge Kreuz geschlagen! Gott verzeihe mir die Worte, Antwort ungeheurer Fragen!

Nein! nein! nein! Du hast gelogen! O erscheine, Herr des Gartens, Tritt den Lügner an den Boden, Trete auf das Haupt der Schlange!"

"Kind," spricht Apo, "heiße Kohlen Möchtest auf mein Haupt du sammeln, Aber mir auch blühen Rosen; Gut lacht, wer am letzten lachet!"

Doch indes fragt Jacopone Flehend die geliebte Kranke, Wie sie so viel Blut vergossen? Und sie hat es ihm gestanden.

Und nun bietet er Apone, Daß er helfend ihm mög raten, Abermals zweitausend Kronen, Nimmt das Gold gleich aus dem Schranke.

Jener aber spricht: "Die Dornen, Die ihr schwer den Leib durchstachen, Wirf in einen tiefen Bronnen Oder in ein fließend Wasser;

Dann, so wie der Gürtel rostet, Schließen sich die Wundenmale; Doch vor allem einen Tropfen Nehme sie aus dieser Flasche!"

Und nun reichet ihr Apone Eine Flasche; doch die Kranke Winkt verneinend mit dem Kopfe, Und Apone weicht vom Lager;

Denn er höret eine Glocke; Fackelschein erhellt die Gasse, Weil begleitet von dem Volke Sich der Leib des Herren nahet.

Mit dem Sakrament gezogen Kommt Benone durch die Straße, Und die Kranke hebt frohlockend Und getröstet sich vom Lager.

"Bleibe liegen!" sprach Apone. "Willst du dir dein Weib erhalten," Sagt er dann zu Jacopone, "Hüt sie vor dem Abendmahle!

Sie stirbt eines schnellen Todes Bei der letzten Ölung Salbe. Da ich sie hab übernommen, Werd ich dieses nie gestatten!" --

"Jacopone, Jacopone," Seufzt nun angstbewegt die Kranke, "Willst du mich zur Hölle stoßen? Hüte mich vor diesem Drachen!"

"Seht, sie raset," spricht Apone, "Sie ist nicht mehr bei Verstande, Denn sie spricht verwirrte Worte, Taugt jetzt nicht zu heilgen Sachen!"

Doch nun tritt herein Benone, Nahet sich dem Bett der Kranken, Und sie spricht: "O Herr, willkommen! Wolle meine Beicht empfangen!"

Und der Priester will, es sollen Alle nun allein ihn lassen. "Rosadore, Jacopone Mögen bleiben," spricht die Kranke.

"Und ich geh nicht," spricht Apone, "Bis der Gürtel liegt im Wasser, Bis getrunken sie die Tropfen. Wer bringt meine Pflicht zu wanken?"

Und zu weichen hat Benone Nochmals friedlich ihn ermahnet; Aber höhnisch ihm der Stolze In das würdge Antlitz lachet.

Nun erst fühlet Jacopone, Welcher Geist in diesem Arzte, Und er spricht in schnellem Zorne: "Weich aus meinem Haus, du Laster!" --

"Hast du mich mit Schmeichelworten Hergelocket," spricht der Arge, "Bringst du mich mit bösem Trotze Wahrlich nimmermehr von hinnen!" --

"Weh uns!" jammert Jacopone, "Wer mag diesen Teufel bannen!" Und es nahet Rosadore, Spricht: "Ich wags in Gottes Namen!"

Und sie zieht gleich einem Dolche Jene Nadel Rosablankens Aus dem Haar, das Gold der Locken Fließt, sie rüstend, von dem Nacken.

Und im heilgen Zorne Gottes Springt die Kranke von dem Lager, Und ein Kreuz von rotem Golde Dienet ihr zur frommen Waffe.

Aber beiden reißt Apone Von dem Busen die Gewande. Da er sieht die heilgen Rosen, Fühlt er seine Sinne wanken.

Und er fluchet: "Moles, Moles! Dies ist unser Rosengarten. Daß er ewiglich verdorre, Mußt du dich zur Arbeit halten!"

Doch am Fenster ruft Benone Dem Geleite, und mit Fackeln Dringen sie herauf; Meliore Tritt einher vor allen andern.

Doch er stehet schwer erschrocken, Da er Apo sieht, und fraget: "Meister, lebet ihr hier doppelt? Eben hab ich euch verlassen!

Pietro kam als schneller Bote Zu dem Vater Rosablankens, Der erkrankte, euch zu holen, Und Ihr seid mit ihm gegangen.

Habt mir selbst die Hand geboten, Spracht, daß ihr des alten Hasses Gänzlich nun vergessen wolltet, Weil ich brav gelöscht beim Brande.

Dann hast du mich angesprochen Um ein Büschel meiner Haare; Sprachst: `Aus blondem Haar gesponnen Wird zur Wundennaht der Faden.'

Und ich gab dir eine Locke -- Sieh, hier fehlt sie mir im Nacken -- Folgte weit dir vor dem Tore, Bis in meines Bruders Garten,

Wo du eintratst, weiße Rosen Und Arzneikraut einem Kranken Zur Erquickung gleich zu holen; Dorten hab ich dich verlassen.

Denn es war dort bei den Rosen Solch ein heftger Duft entstanden, Daß mir schier gebrach der Odem; Wankend ging ich aus dem Garten.

Jetzt -- wie find ich dich hier oben?" Doch ihn bei dem Arme fassend Spricht Apone: "Freund Meliore. Jetzt geleite mich von dannen!

Denn die Gattin Jacopones Will das Sakrament empfangen, Gönnen wir ihr Raum zum Troste!" Und nun gehen sie zusammen.

Ihnen folgen, die vom Volke Mit den Fackeln aufwärts drangen. In den Armen Jacopones Ruht ohnmächtig noch die Kranke.

Da sie wieder sich erholet, Segnend ihr der Priester nahet, Und sie spricht mit leisen Worten, Matt aufrichtend sich vom Lager:

"Der du an der Stätte Gottes, Höre, wie ich mich anklage, Was ich sündlich hab verbrochen, Seit auf Erden ich gewandelt,

Mit Gedanken, Werken, Worten. Und zuerst nun mit Gedanken: Ich gedachte, meinem Gotte Könnt ich Sünderin gefallen.

Und ich sündigte mit Worten, Weil ich Gott nicht Wort gehalten, Als das ja ich Jacopone Treulos gab an dem Altare.

Und mit Werken," sprach die Fromme, "Da ich sprang von dem Theater; Denn ich glaubte fest, des Todes Würd ich an die Erde fallen;

Glaubt in meinem bösen Stolze Ohne Sakrament empfangen Käm ich doch zu meinem Gotte, Sündigte auf sein Erbarmen.

Doch mich nicht verderben wollend, Hat er mich zur Buß erhalten, Die von ihm durch dich, Benone, Ich zerknirschet nun erwarte!" --

"Rosarosa," sprach Benone, "Keiner noch trat ohne Makel Vor den Thron des ewgen Gottes; Er wird dein sich auch erbarmen!

In des Vaters, in des Sohnes, In des heilgen Geistes Namen Sei dir, meine fromme Tochter, Deine Schuld erlassen! Amen.

Fühlst du jetzt dein Haus geordnet, Deinen Herren zu empfangen, Speis ich mit dem Himmelsbrote Dich zu diesem letzten Pfade." --

"Bis zum neuen Morgenrote Harret noch", spricht leis die Kranke, "Einen Bissen weißen Brotes Aß ich heut von einer Armen,

Der durch dich, mein Jacopone, Ward ihr kleines Feld erhalten Gen den Anspruch eines Großen; Sie bracht mir das Brot zum Danke,

Bat: `O esse von dem Korne Jetzt aus Liebe zu dem Manne, Der gerettet mir den Boden Dem dies Brot für mich entwachsen!'

Aber hört, die elfte Glocke Schlägt! Noch eine Stunde harret; Reicht indes zum letzten Troste Mir des heilgen Öles Salbe!"

Doch nun klaget Jacopone, Der bis jetzt in stummen Jammer Saß an ihrem Lager oben: "Weh, o weh, ich muß dich lassen!

O dich, aller Jungfraun Krone, Keusch und duldend gleich dem Lamme, Das die Schuld hat hingenommen, Das für uns das Kreuz getragen,

Rosarose, heilge Sonne Meiner irdisch trüben Tage, Firmament voll Lichtessonne, Ewig gleiche Friedenswage! # waage?

Herr, was hab ich denn verbrochen, Daß ich in der Nacht soll wandeln, Daß aus meines Himmels Dome Nun erlischt die heilge Lampe?

Weh, o weh, du süße Rose, Dornen dir das Herz zerbrachen, Die du fromm vor mir verborgen; Schuldig muß ich mich anklagen!

Weh, ich bins, der dich gemordet, Blind an jenem Hochzeitsabend, Da durch mich du von den Toten Hast den Dornengurt empfangen!

Und ich habe zu der Oper Dich geführet heute Abend: Weh, durch mich wards du durchbohret Von dem Gürtel bei dem Brande!

Deine letzte Zeit verdorben Hab ich dir aus falschem Wahne Durch den Bösewicht Apone, Hoffend, dich mir zu erhalten!

Ach, ich diene bösem Stolze! Die ich nie besessen habe, Die mir ewig war verloren, Wollt ich mir durch Kunst erhalten!

Weh, mein Weib, du Jugendrose, Auf dem Wasser der Demanten Spiegelt deiner Schönheit Sonne Ihres Abendrotes Flamme!"

Also jammert Jacopone. Ihm erwidert dann die Kranke: "Wolle nicht mit harten Worten Gegen Gottes Willen klagen.

Lasse uns den Herren loben, Daß er uns zurückgehalten Von dem Abgrund ewgen Todes, Von der Blutschuld hartem Laster.

Wenn der Schleier wird gehoben Über unserm dunklen Stamme, Singst du bis zu deinem Tode Gott und seiner Mutter Psalmen.

Seit das Weib den schwer verbotnen Apfel teilte mit dem Manne, Bringt das Weib das Kind des Todes Zu der Welt mit Not und Jammer.

Und wir durch die Güte Gottes Haben schuldlos uns erhalten, Und er wird uns nicht verstoßen Aus des Paradieses Garten.

Auch ich muß von diesem Orte In den Willen des Erbarmers; Dich, bei dem so gern ich wohnte, Muß ich einsam nun verlassen.

Und du sollst, wie Christen sollen, Deinem irdschen Gut entsagen, O, mein Bruder, wolle folgen Eines schwachen Weibes Rate.

Geh in einen frommen Orden; An die Stelle des Theaters Laß erbaun ein heiles Kloster; Dort auch ruhe meine Asche!

Lasse jetzt von armen Volke Stille mich zu Grabe tragen, Bis erbauet ist das Kloster Zur Kapelle bei Sankt Claren.

Und den Schwestern dieses Ordens Dann das neue Kloster lasse, Weil sie jetzt nur ärmlich wohnen Und das Haus sie kaum mehr fasset.

Meinen Sarg, geschmückt mit Rosen, Laß von armen Jungfraun tragen; Lasse auch die Kinder folgen, Die ich stets geliebet habe.

Allen spende aus zum Lohne Meine vollen Kleiderladen, Aus dem Tuch, das ich gesponnen, Lasse allen Hemdlein machen.

Mein Geschmeide, silber, golden, Alle Perlen und Demanten, Die mir deine Huld erworben, Schenke ich zu dem Altare.

Lasse eine Mutter Gottes Recht vor allen herrlich malen Und ihr vor dem hohen Chore Himmlische Musik erschallen.

Mit des Weihrauchs süßen Wolken, In wollüstger Düfte Kampfe, Soll ein Wald unzählger Rosen Um der Kirche Säulen ranken.

Kelche, Lampe, Weihebronnen, Leuchter, Rauchfaß und Monstranzen: Alle seien goldne Rosen, Durch der Künstler Fleiß gestaltet.

Und die groß und kleine Glocke Und der Taufstein und die Kanzel Seien Rosen gleich geformet. O, welche frommer Rosengarten!

Als ich bin getragen worden Sinnlos weg von dem Theater, Hat sich ein Gesicht ergossen, Hab ich diesen Wunsch empfangen.

Unter einem hohen Dome Sah ich Weihrauchwolken wallen Und Gesang und Klang der Orgel Durch die Säulenwälder wachsen.

Und ich sah den Greis Benone Eine Totenmesse halten, Aber alles war voll Wonne, Alles war voll selgen Glanzes!

Und ich sah viel fromme Nonnen Einsam betend in der Kammer, Sah sie nächtlich in dem Chore Himmlische Gebete lallend.

Und vor allen glanzumflossen Sah ich eine mit der Nadel Weiße, rote, schwarze Rosen Wirken in die Meßgewande.

Und das Bild der Mutter Gottes, Gnädig blickend vom Altare, Glich dir, meine Rosadore, Aber heilger, höher strahlend.

Und ich selbst lag eingeschlossen Kühl in einem Marmorsarge; Auf der schweren Decke oben Schlief der Knabe mit dem Lamme.

Rings um mich geliebte Tote Schlummerten zum letzten Tage; Doch kein Sinn war mir verschlossen, Und ich sah und hörte alles.

Ach, wie mag die Visionen Alle ich in Worte fassen! Durch der Kirche hohe Bogen Himmelschöre niederdrangen!"

Und nun sagte Rosadore: "Ja, des Himmels Tore standen Über diesem Tempel offen, Von den Seligen umscharet.

Und es stand die Mutter Gottes Und der Heiland mit dem Lamme Ganz bekränzt mit süßen Rosen In des Lichtes ewgen Glanze.

Und der Engel Legionen Sangen: Gnade! Gnade! Gnade! Tausend Kränze heilger Rosen Sah ich zum Altare fallen.

Und den Schleier einer Nonne Sah ich nehmen Rosablanken; Eine Goldflut ihrer Locken Vor der Schere niedersanken.

Singend stand ich auf der Orgel, Vor mir stand die goldne Harfe; Aber stille und gestorben Lag mein Herz in kalten Banden,

Wie in bösem Traum der Boden Fliehenden die Füße bannet, Hilferufenden der Odem Kämpfend in der Brust erstarret.

Lebend und doch eine Tote, Sehend und doch dicht umnachtet, Stumm, doch singend vollen Tones, War ich wie von Stein umfangen.

Neben mir stand schwarz Apone. Weh, o weh, was er gesaget, Was er sprach vorhin im Zorne, Füllet mich mit tiefem Bangen!

Doch am Altar aufgezogen Ward ein himmelblauer Mantel, Und das Bild der Mutter Gottes Grüßte laut des Volkes Ave.

Und ich hört in meinen Ohren: Ave, Salve, Mater! schallen, Und aus meinen Augen quollen Wieder Tränen auf die Wangen.

In der Kirche hohem Dome Schmetterten die Nachtigallen, Ganz durchzucket von dem Tone Fühlt mein Herz ich wieder schlagen.

Und ich bin emporgeflogen, Eine Stimme, singend Ave, Bin des Engels Gruß geworden, Ave, Salve, Dei Mater!

Dies Gesicht war mir ergossen, Da ich sinnlos in der Harfe Ruhete, von Meliore Fromm gerettet bei dem Brande." --

"Was du sahest, Rosadore, Sah ich alles," sprach die Kranke, "Herr! du hast in Visionen Wunderbar dich uns erbarmet!"

Und in stiller Wonne schlossen Beide sich in ihre Arme. Ruhig sprach nun Jacopone: "Herr, tu mir nach Wohlgefallen!"

Aber nun tritt durch die Pforte Agnus castus mit dem Lamme, Knieet betend an dem Boden Neben Rosarosens Lager.

Nach der Sanduhr sieht Benone, Eine Schelle rührt der Knabe, Niederknieet Rosadore, Jacopone bei der Kranken.

Beim Gesang des frommen Volkes, In dem Scheine heller Fackeln, Hat sie leis das Haupt erhoben Und des Herren Leib empfangen.

Und dann sprach sie noch die Worte: "Herr, du hast dich mein erbarmet, Herr, dein Wille sei gelobet, Meine Seele nun empfange!"

Mit dem heilgen Öl Benone Haupt und Hand und Fuß ihr salbet. Und sie sprach: "Des Herzens Rose Wirft unendlich weiten Schatten!

O der Wonne, o des Trostes, O des wundersüßen Garten! Singe, meine Rosadore, Mit des Himmels Nachtigallen!

In dem Schatten meines Todes Lasse Gottes Lob erschallen!" Und es sang nun Rosadore Zu dem Klang der goldnen Harfe.

Solch ein Lieb, so selgen Tones, Hat nur da die Luft getragen, Als der Heiland ward geboren Und die Engel Gloria sangen.

Also sang des Lichtes Bogen, Da den Lustkreis aller Farben Gott durch seinen Raum hinrollte In dem Glanz des ersten Tages;

Also tönt des Wassers Woge, Mit dem Rund des Erdenballes Selig spielend in der Sonne, Jauchzend an dem ersten Tage.

In so süßen Tones Strome War die Luft aus Gottes Atem Um die junge Welt ergossen, In der Lust des ersten Tages.

Und die neue Erde rollte Unter also freudgem Klange In den Kreis von Mond und Sonne, Jubelnd an dem ersten Tage.

Also sang das Blut, ergossen Durch des neuen Menschen Adern, Also sang der Mensch voll Wonne, Da er zu der Welt erwachte.

Doch annoch viel höhern Tones Wird das Lied der Selgen schallen, Wenn sie aus dem Haus des Todes Zu dem Antlitz Gottes wandeln.

Aber nun zieht mit dem Volke, Betend bei dem Schein der Fackeln, Nach dem Kloster hin Benone. Einsam steht der Toten Lager.

Und es küßt ihr Rosadore Tränenlos die bleiche Wange, Grüßet scheidend Jacopone Und verläßt ihn mit der Harfe.

Einsam sitzet Jacopone Auf dem stummen Sterbelager, In der Toten Demantkrone Mit des Schmerzes Blick hinstarrend.

Keine Träne ihm entrollet; Seine tiefe Trauer raget Wie die Wüste öd und trocken Auf, am Horizont verschmachtend,

Ohne Schatten, und die Sonne Selbst ein tiefer Feuerschatten, Der sich wie ein weiter Bogen Über seinen Scheitel lagert.

Die Gedanken an dem Boden Schleichend, in dem gleichen Sande, Alle Spuren von dem Odem Heißen Sturmes stets verwaschen.

An dem Himmel keine Wolke, An der Erde keine Pflanze, Auch kein einzger kühler Tropfen In dem ungeheuren Plane.

Also sitzet Jacopone In der Wüste seines Jammers, In die helle Demantkrone Der geliebten Leiche starrend.

Aber auf die Schulter klopfet Agnus castus ihm, der Knabe, Reicht ihm einen Korb voll Rosen: "Jacopone, jetzt erwache!

Kränz des Todes Braut mit Rosen; Sie sind aus demselben Garten, Wo die Rosen ihr gebrochen An dem ersten Hochzeitsabend.

Nimm ihr ab die Demantkrone, Die du ihr hast heute abend In das Silberhaar geflochten; Deiner letzten Pflicht gewarte! # gewahre?

Einst werd ich am rechten Orte Wunderbare Dinge sagen; Du wirst, die dir war verborgen, Deines Namens Schuld erfahren."

Sprachs. -- Da jener nahm die Rosen, Schied er betend aus der Kammer: "Jesus Christus sei gelobet!" Jacopone saget: "Amen!"

Als er löst die Demantkrone Aus dem Strom des Silberhaares, Ist des Schmerzes Kern gebrochen, Und des Jammers Quellen sprangen.

Da er ihr den Kranz der Rosen Legte in die Silberhaare, Sind die Augen in dem Strome Heißer Tränen ihm vergangen.

Da der arme Jacopone Ihr die kalten Hände faltet, Ist der Trauring roten Goldes In die Hand ihm schwer gefallen.

Da er ihr das Aug geschlossen, Brach er aus in lauten Jammer, Ganz in einem Tränenstrome Der Geliebten Antlitz badend.

Als die Nacht war hingezogen, Stand des Morgensternes Fackel An dem stillen Horizonte, Wie ein Irrlicht auf dem Grabe.

Wie in eines ausgestochnen Auges leere Höhle, zagend Sah des neuen Tages Sonne In das Herz des armen Mannes.