Roman einer Ehe

Part 6

Chapter 63,839 wordsPublic domain

Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder ließ sich von Marja Minitschna die Karten schlagen; dann küßte und bekreuzigte sie uns beide, und wir zogen uns zurück. Meistens blieben wir aber noch bis nach Mitternacht auf, und das war unsere schönste und angenehmste Zeit. Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir schmiedeten Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht höre und es nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von uns verlangte, daß wir zeitig zu Bett gingen. Manchmal bekamen wir Appetit, schlichen uns in die Speisekammer, verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen Kerze in meinem Kabinett. So lebten wir beide wie fremde Leute in diesem großen, alten Hause, in dem alles vom strengen Geist der alten Zeiten und dem Tatjana Ssemjonownas beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder flößten mir Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein ein, daß wir hier nicht ganz auf unserem Platze seien und uns sehr vorsichtig und aufmerksam zu benehmen hätten. Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe ich, daß vieles -- diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause -- unbequem und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung vergrößerte unsere Liebe. Nicht nur ich, sondern auch er verriet durch keine Miene, daß ihm etwas mißfiele. Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, Dmitrij Ssidorow, ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, ging regelmäßig nach dem Essen, wenn wir uns im Diwanzimmer befanden, in das Kabinett meines Mannes, um sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen haben, mit welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch auf den Zehen zu mir kam und, mit dem Finger drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij Ssidorow zeigte, der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und wenn Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, sagte mir mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut abgelaufen war, wie auch bei jeder anderen Gelegenheit, ich sei ein entzückendes Geschöpf und gab mir einen Kuß. Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare Gleichgültigkeit gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte nicht, daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und hielt sie für eine Schwäche. -- Ganz wie ein Kind, das sich nicht getraut, seinen Willen zu zeigen, -- dachte ich mir.

»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm einmal sagte, daß ich über seine Schwäche staunen müsse, »kann denn ein Mensch über etwas unzufrieden sein, wenn er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel leichter, nachzugeben, als sich die anderen gefügig zu machen; davon habe ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, in der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es aber so gut! Ich kann nicht zürnen, es gibt für mich jetzt nichts Schlechtes, es gibt nur Bemitleidenswertes und Komisches. Vor allen Dingen aber: ~le mieux est l'ennemi du bien~. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens höre, wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach erwache, überkommt mich zuweilen ein Grauen. Es ist so schrecklich, daß man leben muß, daß sich etwas ändern kann; etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber gar nicht geben.«

Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich wohl, aber ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders sein müsse, und daß es auch allen anderen Menschen ebenso ginge; daß es aber irgendwo auch noch ein anderes, wenn auch nicht größeres, aber ein anderes Glück gäbe.

So vergingen zwei Monate, es kam der Winter mit seinen Frösten und Schneestürmen, und ich fing an, obwohl er mit mir war, mich einsam zu fühlen; zu fühlen, daß das Leben sich wiederhole, daß weder in mir noch in ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften ohne mich, und es kam mir wieder vor, als wäre in seiner Seele eine eigene Welt, in die er mich nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und war auch über seine Liebe nicht weniger glücklich als früher; aber meine Liebe war in ihrem Wachstum stehengeblieben, und neben ihr keimte in meinem Herzen irgendein neues unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben, nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir aufblühen zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und nicht nach einem ruhig dahinfließenden Leben. Ich sehnte mich nach Aufregungen, Gefahren und Aufopferung des Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft, die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich überkamen Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas Schlimmes vor ihm zu verbergen suchte, und Anfälle einer ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die ihn erschreckten. Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte mir den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn, es nicht zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und unser Glück nicht zu stören. Ich war in der Tat glücklich, aber mich quälte es, daß dieses Glück mich gar keine Mühe, gar kein Opfer kostete, während mich der Überfluß an Tatkraft und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn und sah, daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern suchte, ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte. Mein Geist und sogar meine Empfindung waren beschäftigt, aber es gab auch noch ein anderes Gefühl von Jugend, ein Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen Leben keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß wir in die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte? Hätte er es mir nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden, daß das Gefühl, das mich bedrückte, eine dumme und schädliche Einbildung und ein Fehler von mir war, daß das Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in der Unterdrückung dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich meiner Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die Stadt zöge, kam mir unwillkürlich in den Sinn; zugleich wäre es aber für mich beschämend und schmerzlich, ihn von allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit ging aber dahin, der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern auf, und wir waren immer allein und immer noch die gleichen zueinander; aber irgendwo draußen wogten in Glanz und Lärm Scharen von Menschen, die litten und sich freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes Dasein zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich fühlte, wie die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage zu einer bestimmten Form erstarren machten, wie unser Gefühl, statt frei zu werden, sich dem gleichmäßigen und leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am Abend zärtlich. -- Gut! ... -- sagte ich mir, -- es ist gut, Gutes zu tun und ehrlich zu leben, wie er es nennt; aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt auch noch etwas anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. -- Mir tat etwas anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das Gefühl unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde. Ich wollte mit ihm an den Rand eines Abgrunds treten und sagen: -- Ein Schritt, und ich stürze mich hinab, eine Bewegung, und ich bin verloren! -- Er aber sollte am Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten, so daß mir das Herz erkaltete, und mich dann forttragen, wohin er wollte.

Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und ich wurde nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch schlechter als gewöhnlich; er war aus dem Gutskontor in übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm selten der Fall war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe. Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht der Rede wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik einige von unseren Bauern zu sich berufen und von ihnen, um meinen Mann zu ärgern, unter Drohungen etwas Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich erschiene; er war gereizt und wollte darum mit mir nicht sprechen. Mir schien aber, er wolle darum nicht sprechen, weil er mich für ein Kind halte, welches gar nicht verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte mich von ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei uns zu Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der sehr schnell getrunken war, ging ich mit Marja Minitschna ins Diwanzimmer und begann ihr irgendeinen Unsinn zu erzählen, der mich gar nicht interessierte. Er aber ging im Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche Wirkung, daß ich immer größere Lust verspürte, zu sprechen und sogar zu lachen; alles, was ich selbst sagte, und auch alles, was Marja Minitschna sagte, kam mir so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in sein Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine Schritte nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine ganze Lustigkeit, so daß Marja Minitschna mich sogar fragte, was ich habe. Ohne ihr zu antworten, setzte ich mich aufs Sofa und war bereit zu weinen. -- Was fällt ihm bloß ein? -- dachte ich mir. -- Es ist irgendein Unsinn, der ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte, es mir zu sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn ist. Nein, er muß sich unbedingt einreden, daß ich es nicht verstehen werde, er muß mich mit seiner majestätischen Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber behalten. Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen will, aber nicht immer auf demselben Flecke bleiben und fühlen, wie die Zeit über mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen, ich will jeden Tag und jede Stunde etwas Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum Stehen zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er brauchte mich gar nicht in die Stadt zu bringen, es genügte, wenn er nur so wäre, wie ich, wenn er sich keinen Zwang antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach leben wollte. Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht einfach. Das ist es! --

Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich gegen ihn gereizt war. Ich erschrak vor diesem Gefühl und ging zu ihm. Er saß im Kabinett und schrieb. Als er meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen, gleichgültigen und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben. Dieser Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb ich vor dem Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein Buch auf und blickte hinein. Er hielt noch einmal in seinem Schreiben inne und sah mich an.

»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er.

Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte: -- Brauchst nicht zu fragen! Was sind das für Liebenswürdigkeiten? -- Er schüttelte den Kopf und lächelte scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich auf sein Lächeln nicht mit meinem Lächeln.

»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast du es mir nicht gesagt?«

»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er. »Aber ich kann es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen in die Stadt ...«

Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen.

»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt, als ich dich danach fragte?«

»Damals hätte ich dir eine Dummheit gesagt, denn ich war wütend.«

»Aber ich wollte es gerade damals wissen.«

»Warum?«

»Warum glaubst du, ich könnte dir niemals helfen?«

»Und ob ich es glaube!« sagte er, die Feder fortlegend. »Ich glaube, daß ich ohne dich nicht leben kann. In allen Dingen, in allen Dingen hilfst du mir nicht nur, sondern tust alles statt meiner. Was dir plötzlich einfällt!« rief er lachend. »Ich lebe doch nur dank dir. Alles erscheint mir nur darum gut, weil du hier bist, weil man dich ...«

»Ja, ich weiß es: ich bin ein liebes Kind, das man beruhigen muß,« sagte ich in einem solchen Ton, daß er mich so erstaunt, als sähe er mich zum erstenmal, anblickte. »Ich will die Ruhe nicht, du hast sie ja im Überfluß,« fügte ich hinzu.

»Nun siehst du selbst, worum es sich hier handelt,« begann er hastig, mich unterbrechend, als fürchtete er, mich aussprechen zu lassen, »was würdest du in diesem Falle sagen?«

»Jetzt will ich nichts sagen,« antwortete ich. Ich hatte zwar Lust, ihm zuzuhören, aber es war mir so angenehm, seine Ruhe zu stören. »Ich will nicht so tun, als ob ich lebte, ich will leben,« sagte ich, »genau so wie du.«

Sein Gesicht, das jeden Eindruck so schnell und so lebhaft wiederspiegelte, drückte Schmerz und gespannte Aufmerksamkeit aus.

»Ich will genau so wie du leben, mit dir ...«

Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen: sein Gesicht nahm einen so traurigen, einen so tieftraurigen Ausdruck an. Er schwieg eine Weile.

»Worin liegt der Unterschied zwischen meinem und deinem Leben?« fragte er. »Doch nur darin, daß ich, und nicht du, mich mit dem Isprawnik und den betrunkenen Bauern herumschlage ...«

»Nein, das ist nicht alles,« erwiderte ich.

»Begreife es doch, liebes Kind, um Gottes willen,« fuhr er fort, »ich weiß, daß alle solche Aufregungen uns immer weh tun; ich kenne das Leben und weiß es. Ich liebe dich und kann darum nichts anderes wollen, als dir alle diese Aufregungen ersparen. Darin liegt mein Leben, in der Liebe zu dir; erschwere mir nicht dieses Leben.«

»Du hast immer Recht!« sagte ich, ohne ihn anzusehen.

Es kränkte mich, daß in seiner Seele alles wieder so heiter und ruhig war, während ich Ärger und ein Gefühl, das der Reue glich, empfand.

»Mascha, was hast du nur?« sagte er. »Die Rede ist doch nicht davon, ob ich Recht habe oder du Recht hast, sondern von etwas ganz anderem: was hast du gegen mich? Sage es mir nicht sofort, überlege es dir erst und sage mir alles, was du dir denkst. Du bist mit mir unzufrieden, du hast wahrscheinlich Recht, aber erkläre mir, worin ich Unrecht habe.«

Aber wie konnte ich ihm das Innerste meiner Seele aufdecken? Daß er mich sofort verstanden hatte, daß ich wieder wie ein Kind vor ihm dastand, daß ich nichts anfangen konnte, ohne daß er es begriff und voraussah, -- regte mich noch mehr auf.

»Ich habe nichts gegen dich,« sagte ich. »Ich langweile mich nur und will, daß diese Langweile aufhört. Aber du sagst, daß es so sein muß, und hast wieder Recht!«

Nachdem ich das gesagt hatte, sah ich ihn an. Ich hatte meinen Zweck erreicht: seine Ruhe war dahin, sein Gesicht drückte Schrecken und Schmerz aus.

»Mascha,« begann er mit leiser, erregter Stimme, »es ist kein Scherz, was wir jetzt treiben. Unser Schicksal steht auf dem Spiele. Ich bitte dich, mir nichts zu antworten und mich anzuhören. Warum willst du mich so quälen?«

Aber ich unterbrach ihn.

»Ich weiß, daß du Recht behältst. Sprich lieber nicht, du hast Recht,« sagte ich kühl, als spräche ich es nicht selbst, sondern irgendein böser Geist in mir.

»Wenn du nur wüßtest, was du tust!« sagte er mit zitternder Stimme.

Ich fing zu weinen an, und die Tränen erleichterten mir das Herz. Er saß neben mir und schwieg. Ich empfand Mitleid mit ihm, ich schämte mich und ärgerte mich über mein Tun. Ich sah ihn nicht an. Ich glaubte, er müsse mich in diesem Augenblick entweder streng oder erstaunt ansehen. Ich wandte mich zu ihm: ein sanfter, zärtlicher, wie um Verzeihung bittender Blick war auf mich gerichtet. Ich nahm seine Hand und sagte:

»Vergib mir! Ich weiß selbst nicht, was ich sagte.«

»Ja, aber ich weiß, was du sagtest, und du hattest Recht.«

»Wieso denn?« fragte ich.

»Wir müssen wirklich nach Petersburg gehen,« antwortete er. »Hier haben wir nichts mehr zu tun.«

»Wie du willst,« sagte ich.

Er umarmte und küßte mich.

»Verzeih mir,« sagte er. »Ich war im Unrecht.«

An diesem Abend spielte ich ihm lange vor, während er im Zimmer auf und ab ging und etwas flüsterte. Er hatte die Gewohnheit, so zu flüstern; ich fragte ihn oft, was er geflüstert habe, und er sagte es mir dann immer nach kurzem Besinnen; meistens waren es Verse und zuweilen auch irgendein Unsinn, aber selbst an diesem Unsinn konnte ich immer seine Stimmung erkennen.

»Was flüsterst du heute?« fragte ich.

Er blieb stehen, dachte nach und antwortete mir lächelnd mit den zwei Zeilen Lermontows:

»... Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen, Als wäre in den Stürmen Ruh!«

-- Nein, er ist mehr als ein Mensch, er weiß alles! -- dachte ich mir. -- Wie sollte ich ihn nicht lieben! --

Ich stand auf, ergriff seinen Arm und begann mit ihm auf und ab zu gehen, mir Mühe gebend, gleichen Schritt mit ihm zu halten.

»Ja?« fragte er und sah mich lächelnd an.

»Ja,« antwortete ich flüsternd; und eine eigentümliche, lustige Stimmung ergriff uns beide, unsere Augen lachten, wir machten immer größere Schritte und reckten uns immer höher auf den Zehen empor. Mit dem gleichen Schritt gingen wir zu großer Entrüstung Grigorijs und zum Erstaunen Mamas, die im Wohnzimmer Patience legte, durch alle Zimmer ins Speisezimmer, blieben dort stehen, sahen einander an und brachen in Lachen aus.

Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir schon in Petersburg.

II

Unsere Reise nach Petersburg, die acht Tage in Moskau, das Wiedersehen mit seinen und meinen Verwandten, die Einrichtung in der neuen Wohnung, die Fahrt selbst, die neuen Städte und die neuen Gesichter -- all das zog wie ein Traum an mir vorüber. Das alles war so abwechslungsreich, neu und lustig, so warm und hell von seiner Gegenwart, von seiner Liebe erleuchtet, daß unser stilles Leben auf dem Lande mir als etwas Längstvergangenes und Nichtiges erschien. Zu meinem großen Erstaunen kamen mir alle (und zwar nicht nur die Verwandten, sondern auch die Fremden), statt mit dem Hochmut und der Kälte der großen Welt, die ich erwartete, mit einer so unverfälschten Liebenswürdigkeit und Freude entgegen, daß ich den Eindruck hatte, als hätten sie nur an mich gedacht und nur mich erwartet, um selbst ihre Freude an mir zu haben. Ebenso unerwartet für mich zeigte es sich, daß mein Mann in den vornehmsten Kreisen, die mir als die besten erschienen, viele Bekannte hatte, von denen er mir niemals erzählt hatte; und es war mir oft so sonderbar und unangenehm, aus seinem Munde strenge Urteile über manche dieser Menschen zu hören, die mir so gut zu sein schienen. Ich konnte nicht begreifen, warum er sie so kühl behandelte und vielen Bekanntschaften aus dem Wege ging, die mir so schmeichelhaft erschienen. Ich glaubte, je mehr gute Menschen man kenne, um so besser sei es, und alle Menschen seien doch so gut.

»Siehst du, wie wir uns einrichten müssen,« hatte er mir vor der Abreise vom Lande gesagt. »Hier sind wir reiche Leute, aber dort sind wir es lange nicht. Darum dürfen wir in der Stadt nur bis zur Osterwoche bleiben und müssen die große Welt meiden, sonst könnten wir Schwierigkeiten haben; auch deinetwegen möchte ich es nicht anders.«

»Wozu die große Welt?« fragte ich. »Wir wollen nur die Theater und unsere Verwandten besuchen, ein paarmal in die Oper gehen, gute Musik hören und schon vor der Osterwoche aufs Land zurückkehren.«

Kaum kamen wir aber nach Petersburg, als diese Pläne vergessen waren. Ich befand mich plötzlich in einer so neuen, glücklichen Welt, war von so viel Freuden umfangen und von solchen neuen Interessen in Anspruch genommen, daß ich mich sofort, wenn auch unbewußt, von meiner ganzen Vergangenheit und den in der Vergangenheit gefaßten Plänen lossagte. -- Bisher war alles nur ein Spiel, das Richtige hatte noch nicht begonnen; das da ist aber das wahre Leben! Und was erwartet mich noch alles?! -- dachte ich mir. Die Unruhe und die beginnende Langweile, die mich auf dem Lande gequält hatten, waren plötzlich wie durch einen Zauber gänzlich verschwunden. Meine Liebe zu meinem Mann war ruhiger geworden, und hier kam mir niemals der Gedanke, ob er mich nicht weniger liebe als früher. Ich durfte auch nicht an seiner Liebe zweifeln: er erriet sofort jeden meiner Gedanken, teilte jedes meiner Gefühle und erfüllte jeden meiner Wünsche. Seine Ruhe war hier verschwunden oder hatte bloß aufgehört, mich zu reizen. Dabei fühlte ich, daß zu seiner früheren Liebe sich auch noch ein Entzücken gesellte. Gar oft sagte er nach einem Besuch, oder wenn wir eine neue Bekanntschaft gemacht oder bei uns eine Abendgesellschaft gehabt hatten, wo ich vor Angst, irgendeinen Mißgriff zu machen, zitternd die Pflichten der Hausfrau erfüllte: -- »Sehr gut, mein Kind! Ausgezeichnet! Mut! Wirklich ausgezeichnet!« Und ich war dann sehr froh. Bald nach unserer Ankunft in Petersburg schrieb er seiner Mutter einen Brief, und als ich einige Worte hinzuschreiben sollte, wollte er mir nicht zeigen, was er geschrieben hatte; infolgedessen bestand ich natürlich darauf und bekam das Geschriebene zu lesen. »Sie werden Mascha gar nicht wiedererkennen,« schrieb er ihr, »und auch ich selbst erkenne sie nicht wieder. Woher hat sie nur diese nette, graziöse Sicherheit, diese ›~affabilité~‹, diese Fähigkeit, in der Gesellschaft durch Geist zu glänzen, und diese Liebenswürdigkeit! Und all das ist bei ihr so einfach, lieb und gutmütig. Alle sind von ihr entzückt, und auch ich selbst kann sie gar nicht genug bewundern; wenn es möglich wäre, müßte ich sie noch mehr lieb gewinnen.«

-- Ach so, also so eine bin ich! -- dachte ich mir. Es wurde mir so wohl und so lustig zumute, und es kam mir sogar vor, als liebte ich ihn noch mehr. Mein Erfolg bei allen unseren Bekannten war für mich völlig unerwartet. Von allen Seiten hörte ich, daß ich hier einem Onkel besonders gut gefallen, daß dort eine Tante sich in mich verliebt hätte; der eine sagte mir, daß es in ganz Petersburg keine ähnliche Frau gäbe, die andere versicherte mich, ich brauche nur zu wollen, um die »exklusivste« Dame der Gesellschaft zu werden. Besonderen Eindruck machte ich auf eine Kusine meines Mannes, die Fürstin D., eine nicht mehr junge Dame der großen Welt; diese hatte sich plötzlich in mich verliebt und sagte mir so schmeichelhafte Dinge, daß es mir schwindelte. Als diese Kusine mich zum erstenmal aufforderte, einen Ball zu besuchen, und meinen Mann darum bat, wandte er sich an mich mit einem kaum merklichen schlauen Lächeln und fragte, ob ich hingehen möchte. Ich nickte bejahend und fühlte, wie ich errötete.

»Sie gesteht wie eine Verbrecherin, was sie möchte,« sagte er mit einem gutmütigen Lächeln.

»Du hattest doch selbst gesagt, daß wir keine großen Gesellschaften besuchen würden, auch magst du so was nicht,« antwortete ich lächelnd und ihn flehend anblickend.

»Wenn du so große Lust hast gehen wir hin,« sagte er.

»Nein, wirklich, lieber nicht.«

»Hast du große Lust?« fragte er wieder.

Ich gab keine Antwort.

»Die große Welt ist noch kein Übel,« fuhr er fort, »aber die unbefriedigten Gelüste, die sie in uns weckt, sind schlimm und häßlich. Wir müssen aber unbedingt hin und werden es auch tun,« schloß er sehr bestimmt.

»Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll,« entgegnete ich, »so wünsche ich in der ganzen Welt nichts so sehr, wie diesen Ball zu besuchen.«