Roman einer Ehe

Part 7

Chapter 73,753 wordsPublic domain

Wir gingen auch hin, und der Genuß, den mir der Ball verschaffte, übertraf alle meine Erwartungen. Auf dem Balle hatte ich noch mehr als früher den Eindruck, ich sei der Mittelpunkt, um den sich alles bewegte, als sei dieser große Saal nur meinetwegen erleuchtet, als spiele die Musik nur für mich und als hätten sich alle diese Menschen versammelt, nur um mich zu bewundern. Alle, vom Friseur und der Zofe bis zu den Greisen, die durch den Saal gingen, schienen mir zu sagen und gaben mir zu fühlen, daß sie mich liebten. Das allgemeine Urteil, das sich über mich auf diesem Balle gebildet hatte und das ich von der Kusine zu hören bekam, lautete, daß ich allen anderen Damen gar nicht ähnlich sehe, daß an mir etwas Besonderes, Ländlich-Einfaches und Reizendes sei. Dieser Erfolg schmeichelte mir so sehr, daß ich meinem Mann ganz offenherzig sagte, wie gerne ich in diesem Jahre noch zwei oder drei Bälle besuchen möchte; »um sie ordentlich satt zu bekommen,« fügte ich nicht ganz aufrichtig hinzu.

Mein Mann willigte gerne ein und führte mich in der ersten Zeit mit sichtlichem Vergnügen auf die Bälle, freute sich über meine Erfolge und schien das, was er früher gesagt hatte, ganz vergessen zu haben oder es zu verleugnen.

Mit der Zeit fing er an sich offenbar zu langweilen und das Leben, das wir führten, als eine Last zu empfinden. Aber ich kümmerte mich nicht viel darum; wenn ich zuweilen auch seinen aufmerksamen und ernsten, fragend auf mich gerichteten Blick sah, verstand ich seine Bedeutung nicht. Ich war von diesem Gefühl, das ich so plötzlich in allen Fremden geweckt hatte und das ich für Liebe hielt, von dieser Luft des Luxus, der Vergnügungen und der neuen Eindrücke, die ich hier zum erstenmal atmete, so benebelt, sein mich erdrückender moralischer Einfluß war so spurlos verschwunden, es war mir so angenehm, hier in dieser Welt nicht nur auf der gleichen Stufe mit ihm, sondern sogar über ihm zu stehen und ihn darum noch mehr und selbständiger zu lieben als früher, daß ich unmöglich verstehen konnte, was er in diesem Leben in der großen Welt Unangenehmes für mich erblickte. Ich empfand das mir neue Gefühl des Stolzes und der Genugtuung, wenn bei meinem Erscheinen auf einem Balle alle Blicke sich auf mich richteten, während er, als schämte er sich, dieser Menge zu zeigen, daß er mich besitze, mich eiligst verließ und sich in der schwarzen Schar der Fracks verlor. -- Wart' einmal! -- sagte ich mir oft, mit den Augen am Ende des Saales seine unauffällige Gestalt mit dem oft gelangweilten Gesicht suchend, -- wart' einmal! -- sagte ich mir, -- wenn wir wieder zu Hause sind, so wirst du auch verstehen, für wen ich so schön und glänzend sein wollte und wen ich von allen, die mich am heutigen Abend umgeben, liebe. -- Ich glaubte selbst aufrichtig daran, daß meine Erfolge mich nur darum so freuten, weil ich sie ihm zum Opfer bringen konnte. Das Einzige, was mir in dieser großen Welt gefährlich werden konnte, glaubte ich, sei die Möglichkeit, mich in einen der Männer, die ich da traf, zu vergaffen und in meinem Manne Eifersucht zu wecken; aber er vertraute mir so sehr und schien so ruhig und gleichgültig, und alle diese jungen Männer kamen mir im Vergleich zu ihm so unbedeutend vor, daß diese Gefahr, die ich für die einzige hielt, mich gar nicht erschreckte. Aber die Aufmerksamkeit mancher Menschen in der Gesellschaft gewährte mir dennoch Vergnügen, schmeichelte meinem Ehrgeiz, brachte mich auf den Gedanken, daß meine Liebe zu meinem Manne mir als Verdienst anzurechnen sei und verlieh meinem Benehmen gegen ihn eine gewisse Überlegenheit und sogar Nachlässigkeit.

»Ich habe gesehen, wie lebhaft du dich mit der N. N. unterhalten hast,« sagte ich ihm einmal bei der Rückkehr von einem Ball, ihm mit dem Finger drohend und eine der bekannten Damen der Petersburger Gesellschaft nennend, mit der er an diesem Abend wirklich gesprochen hatte. Ich sagte dies, um ihn etwas aufzurütteln, denn er war besonders schweigsam und langweilig.

»Ach, wie kann man nur so sprechen? Und das sagst du, Mascha!« sprach er durch die Zähne und das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend. »Das steht uns beiden nicht! Überlaß das den anderen; solch ein verlogenes Verhältnis könnte unser wahres Verhältnis zueinander trüben, und ich hoffe doch, daß dieses wahre Verhältnis wiederkehrt.«

Ich schämte mich und schwieg.

»Es kehrt doch wieder, Mascha? Wie glaubst du?« fragte er.

»Es hat sich doch gar nicht getrübt und wird sich nie trüben,« entgegnete ich und glaubte in jenem Augenblick wirklich daran.

»Gott gebe es!« sagte er. »Sonst wäre es Zeit, aufs Land zurückzukehren.«

Das war aber auch das einzige Mal, daß er so zu mir sprach; sonst schien es mir immer, daß er sich ebenso wohl fühlte wie ich, mir war aber so lustig und fröhlich zumute. -- Wenn er sich sogar manchmal langweilt, -- tröstete ich mich, -- so habe ich mich doch seinetwegen genug auf dem Lande gelangweilt; und wenn unser Verhältnis sich auch etwas verändert hat, so wird es doch wiederkehren, sobald wir im Sommer wieder allein mit Tatjana Ssemjonowna in unserem Hause von Nikolskoje sind. --

So verging für mich unmerklich dieser Winter, und wir blieben sogar, entgegen unserer Absicht, auch die Osterwoche in Petersburg. In der Woche nach Ostern, als wir schon reisefertig waren, als alles eingepackt war und mein Mann, der die Geschenke, Blumen und andere Gegenstände für unser Landleben einkaufte, besonders zärtlich und fröhlich gestimmt war, kam zu uns unerwartet die Kusine, um uns zu überreden, bis zum nächsten Sonnabend zu bleiben und noch eine Soiree bei der Gräfin R. mitzumachen. Sie sagte, die Gräfin R. wolle mich unbedingt bei sich sehen und der Prinz M., der sich damals in Petersburg aufhielt, hätte noch auf dem letzten Ball den Wunsch geäußert, mich kennenzulernen; er würde nur deswegen zu der Soiree kommen und hätte gesagt, ich sei die hübscheste Frau in ganz Rußland. Die ganze Stadt werde dabei sein, mit einem Worte, es wäre ganz unerhört, wenn ich nicht käme.

Mein Mann stand am anderen Ende des Wohnzimmers und sprach mit jemand.

»Nun, werden Sie kommen, Marie?« fragte die Kusine.

»Wir wollen übermorgen aufs Land,« antwortete ich unentschlossen und blickte meinen Mann an. Unsere Augen begegneten sich, und er wandte sich schnell weg.

»Ich will ihn überreden, zu bleiben,« sagte die Kusine, »und am Sonnabend gehen wir zur Gräfin, um allen die Köpfe zu verdrehen. Ja?«

»Das würde alle unsere Pläne über den Haufen werfen, und wir haben auch schon gepackt,« antwortete ich, nahe daran, nachzugeben.

»Das beste wäre, sie ginge heute abend selbst zum Prinzen, um ihm ihre Aufwartung zu machen,« sagte mein Mann vom anderen Ende des Zimmers in einem so gereizten Ton, wie ich ihn bei ihm noch nie gehört hatte.

»Ach, er ist eifersüchtig! Das hätte ich doch nicht erwartet!« rief die Kusine lachend. »Ich bitte sie ja nicht des Prinzen wegen, Ssergej Michailytsch, sondern weil wir es alle wünschen. Wie flehentlich hat mich doch die Gräfin R. darum gebeten!«

»Das hängt von ihr ab,« entgegnete mein Mann kühl und verließ das Zimmer.

Ich sah, daß er erregter war als sonst; dies quälte mich, und ich versprach der Kusine nichts. Als sie fort war, ging ich sofort zu meinem Mann. Er ging nachdenklich auf und ab und sah und hörte nicht, wie ich auf den Zehen zu ihm ins Zimmer trat.

-- Er denkt schon an sein liebes Haus zu Nikolskoje, -- sagte ich mir, ihn anblickend, -- an den Morgenkaffee im hellen Wohnzimmer, an seine Felder und Bauern, an die Abende im Diwanzimmer und an unsere geheimen nächtlichen Mahlzeiten. Nein! -- sagte ich mir sehr entschieden, -- alle Bälle auf der Welt und die Schmeicheleien aller Prinzen gebe ich gerne für seine freudige Verlegenheit und seine stillen Liebkosungen hin! -- Ich wollte ihm schon sagen, daß ich zu der Soiree nicht gehen würde, als er sich plötzlich umwandte, mich bemerkte und der sanfte und nachdenkliche Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand. Sein Blick drückte wieder Klugheit, Weisheit und eine gönnerhafte Ruhe aus. Er wollte nicht, daß ich ihn als einen gewöhnlichen Menschen sähe: er mußte unbedingt als Halbgott auf einem Piedestal vor mir stehen.

»Was hast du, liebes Kind?« fragte er, sich gleichgültig und ruhig an mich wendend.

Ich antwortete nicht. Mich verdroß es, daß er sich vor mir verstellte und nicht so bleiben wollte, wie ich ihn liebte.

»Willst du also am Sonnabend zu der Soiree?« fragte er.

»Ich wollte es,« antwortete ich, »aber du hast keine Lust. Auch ist ja schon alles gepackt,« fügte ich hinzu.

Noch nie hatte er mich so kalt angesehen, noch niemals so kalt mit mir gesprochen.

»Ich reise nicht vor Dienstag ab und werde die Sachen wieder auspacken lassen,« sagte er. »Darum kannst du auch die Soiree mitmachen, wenn du Lust hast. Geh bitte hin. Ich reise nicht ab.«

Wie immer, wenn er aufgeregt war, ging er mit ungleichen Schritten auf und ab und sah mich nicht an.

»Ich kann dich unmöglich verstehen,« sagte ich, ohne mich ihm zu nähern und ihn mit den Augen verfolgend. »Du sagst, daß du immer so ruhig seist (er hatte das niemals gesagt), warum sprichst du dann so merkwürdig mit mir? Ich bin bereit, dir dieses Vergnügen zu opfern, du aber verlangst von mir mit einer Ironie, mit der du zu mir noch niemals gesprochen hast, daß ich zu der Soiree gehe.«

»Nun, du bringst _ein Opfer_ (er betonte dieses Wort ganz besonders), auch ich bringe ein Opfer; was kann man sich besseres wünschen? Es ist ein Wettstreit der Großmut. Kann man sich denn ein schöneres Familienglück denken?«

Ich hörte von ihm zum erstenmal so erbitterte und höhnische Worte. Sein Hohn beschämte mich nicht, sondern verletzte mich, und seine Erbitterung erschreckte mich nicht, sondern teilte sich auch mir mit. Kamen diese Worte wirklich von ihm, der sonst in unserem Verhältnis jede Phrase mied und immer so aufrichtig und einfach war? Womit hatte ich das verdient? Damit, daß ich ihm wirklich mein Vergnügen opfern wollte, in dem ich nichts Schlimmes erblicken konnte, und daß ich ihn erst vor einer Minute so gut verstanden und geliebt hatte! Wir hatten die Rollen getauscht: er vermied die einfachen und direkten Worte, während ich sie suchte.

»Du hast dich sehr verändert,« sagte ich seufzend. »Was habe ich gegen dich verbrochen? Es ist nicht der Abend bei der Gräfin, es ist etwas anderes, Altes, was du gegen mich im Herzen hast. Warum diese Unaufrichtigkeit? Hast du sie denn bisher nicht selbst immer gefürchtet? Sag mir ganz offen, was du gegen mich hast!« -- Was wird er mir wohl sagen? -- dachte ich mir, von der angenehmen Gewißheit erfüllt, daß ich mir im Laufe des ganzen Winters nichts zuschulden kommen ließ, was er mir vorzuwerfen hätte.

Ich trat in die Mitte des Zimmers, so daß er ganz nahe an mir vorübergehen mußte und sah ihn an. -- Er wird auf mich zugehen, mich umarmen und damit wird alles enden, -- ging es mir durch den Kopf, und es tat mir sogar leid, daß ich nicht dazu kommen würde, ihm zu beweisen, daß er im Unrecht sei. Aber er blieb am Ende des Zimmers stehen und sah mich an.

»Verstehst du noch immer nichts?« fragte er.

»Nein.«

»Dann will ich es dir sagen. Es ist mir ekelhaft, es ist mir zum erstenmal ekelhaft, was ich empfinde und was ich empfinden muß ...« Er blieb stehen, sichtlich vom rauhen Ton seiner eigenen Stimme erschreckt.

»Was ist es denn?« fragte ich mit Tränen der Entrüstung in den Augen.

»Es ist ekelhaft, daß der Prinz dich hübsch findet, und daß du ihm darum nachlaufen willst, darüber deinen Mann, dich selbst und die weibliche Würde vergißt und nicht begreifen willst, was dein Mann an deiner Statt empfinden muß, wenn dir selbst das Gefühl der Würde abgeht; im Gegenteil, du kommst zu deinem Mann und sagst ihm, daß du ein _Opfer_ bringst, d. h.: ›es ist für mich ein großes Glück, mich seiner Hoheit zu zeigen, aber ich bringe dieses Glück zum _Opfer_.‹«

Je länger er sprach, um so mehr geriet er in Feuer, und seine Stimme klang giftig, grausam und roh. Niemals hatte ich ihn so gesehen und von ihm so etwas auch nie erwartet; das ganze Blut schoß mir ins Herz, ich fürchtete mich, aber zugleich erregte mich das Gefühl einer unverdienten Beschämung und einer verletzten Eigenliebe, und ich fühlte den Wunsch, mich an ihm zu rächen.

»Ich habe das schon längst erwartet,« sagte ich, »sprich nur, sprich.«

»Ich weiß nicht, was du erwartet hast,« fuhr er fort, »aber ich konnte das Schlimmste erwarten, da ich dich täglich in diesem Schmutz, im Müßiggange und Luxus dieser dummen Gesellschaft sah; und ich habe es auch erlebt ... Ich hab' es erlebt, daß ich heute Scham und Schmerz empfinde wie niemals; es war mir schmerzvoll genug, als deine Freundin mit ihren schmutzigen Händen in mein Herz griff und von meiner Eifersucht zu sprechen begann; und von was für einer Eifersucht? -- auf einen Menschen, den keiner von uns, weder du noch ich, kennt. Du aber willst mich wie zu Trotz nicht verstehen, du willst mir etwas zum Opfer bringen, -- doch was? ... Ich muß mich für dich, für deine Erniedrigung schämen! ... Ein Opfer!« wiederholte er.

-- Ach, so ist also die Gewalt des Mannes, -- dachte ich mir: -- Eine Frau zu beleidigen und zu demütigen, die nichts verbrochen hat. Das sind also die Rechte des Mannes, aber ich werde mich ihnen nicht fügen. --

»Nein, ich will dir nichts zum Opfer bringen,« sagte ich und fühlte, wie meine Nüstern sich unnatürlich erweiterten und wie mir das Blut aus dem Gesicht strömte. »Ich werde am Sonnabend zu der Soiree gehen, werde unbedingt hingehen.«

»Gott gebe dir viel Vergnügen, aber zwischen uns ist alles aus!« rief er in einem Anfalle von Raserei, die er nicht mehr beherrschen konnte. »Aber du wirst mich nicht länger quälen. Ich war dumm, daß ich ...« begann er wieder, aber seine Lippen zitterten, und er nahm sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen, um den angefangenen Satz nicht zu Ende zu sprechen.

Ich fürchtete und haßte ihn in diesem Augenblick. Ich wollte ihm vieles sagen und mich für alle die Beleidigungen rächen; hätte ich aber nur den Mund aufgemacht, so wäre ich in Tränen ausgebrochen und hätte mich vor ihm erniedrigt. Ich verließ schweigend das Zimmer. Als ich aber seine Schritte nicht mehr hörte, entsetzte ich mich vor dem, was wir getan hatten. Ich entsetzte mich vor dem Gedanken, daß dieses Band, das mein Glück ausgemacht hatte, für immer zerreißen würde, und ich wollte schon zu ihm zurückkehren. -- Hat er sich aber auch genügend beruhigt, um mich zu verstehen, wenn ich ihm schweigend die Hand reiche und ihn anblicke? -- fragte ich mich. -- Wird er meine Großmut begreifen? Wie, wenn er meinen Schmerz für Heuchelei hält? Oder wenn er meine Reue mit dem Bewußtsein seines Rechts und mit stolzer Ruhe hinnimmt und mir verzeiht? Warum, warum hat er, den ich so sehr liebte, mich so grausam beleidigt? --

Ich ging nicht zu ihm, sondern in mein Zimmer, wo ich lange allein saß und weinte, mich mit Grauen jedes Wortes, das zwischen uns gefallen war, erinnernd, diese Worte mit anderen vertauschend und andere, gute Worte hinzufügend, dann wieder mit Entsetzen und einem Gefühl der Kränkung des Vorgefallenen gedenkend. Als ich am Abend am Teetisch erschien und in Gegenwart von S., der bei uns zu Besuch war, meinen Mann traf, fühlte ich, daß an diesem Tage sich ein ganzer Abgrund zwischen uns aufgetan hatte. S. fragte mich, wann wir abreisten. Ich kam nicht dazu, ihm zu antworten.

»Am Dienstag,« antwortete mein Mann. »Wir wollen noch die Soiree bei der Gräfin R. mitmachen. Du gehst doch hin?« wandte er sich an mich.

Ich erschrak über den einfachen Ton seiner Stimme und sah ihn ängstlich an. Seine Augen waren gerade auf mich gerichtet, der Blick war boshaft und spöttisch, seine Stimme klang gemessen und kalt.

»Ja,« antwortete ich.

Am Abend, als wir allein geblieben waren, ging er auf mich zu und reichte mir die Hand.

»Vergiß bitte, was ich dir gesagt habe,« sagte er.

Ich ergriff seine Hand, ein zitterndes Lächeln erschien auf meinem Gesicht, die Tränen wollten mir schon aus den Augen stürzen, aber er zog seine Hand zurück und setzte sich in einen Sessel ziemlich weit von mir, als fürchtete er eine empfindsame Szene. -- Glaubt er denn wirklich, daß er im Rechte sei? -- dachte ich mir, und die schon fertige Erklärung und die Bitte, nicht zur Soiree zu gehen, erstarben mir auf den Lippen.

»Wir müssen Mama schreiben, daß wir die Abreise aufgeschoben haben,« sagte er, »sonst wird sie unruhig werden.«

»Wann gedenkst du denn zu reisen?« fragte ich.

»Am Dienstag nach der Soiree,« antwortete er.

»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen geschieht,« sagte ich, ihm in die Augen blickend, aber seine Augen sahen mich nur an und sagten nichts, als wären sie verschleiert. Sein Gesicht kam mir plötzlich alt und unangenehm vor.

Wir gingen zu der Soiree, und zwischen uns stellte sich äußerlich wieder ein gutes und freundschaftliches Verhältnis ein; aber dieses Verhältnis war ganz anders als das frühere.

Auf der Soiree saß ich unter den Damen, als der Prinz auf mich zuging, so daß ich aufstehen mußte, um mit ihm zu sprechen. Als ich aufstand, suchte ich unwillkürlich mit den Augen meinen Mann und sah, daß er mich vom anderen Ende des Saales beobachtete und sich plötzlich wegwandte. Ich empfand plötzlich solchen Schmerz und solche Scham, daß ich unter den Augen des Prinzen furchtbar verlegen wurde und über das Gesicht bis zum Hals hinunter errötete. Ich mußte aber stehen und anhören, was er sagte, indem er mich von oben herab betrachtete. Unser Gespräch war nur kurz, es gab neben mir keinen Platz, wo er sich hinsetzen konnte, und er merkte wohl auch, daß ich mich unbehaglich fühlte. Wir sprachen vom letzten Ball, wo ich den Sommer zuzubringen pflege usw. Als er mich verließ, äußerte er den Wunsch, auch meinen Mann kennenzulernen, und ich sah, wie sie sich am anderen Ende des Saales trafen und ins Gespräch kamen. Der Prinz sagte wohl etwas von mir, da er sich mitten im Gespräch lächelnd nach mir umwandte.

Mein Mann wurde plötzlich rot, machte eine tiefe Verbeugung und ließ den Prinzen stehen. Auch ich errötete: ich mußte mich schämen, als ich mir dachte, welche Vorstellung der Prinz wohl von mir und besonders von meinem Manne gewonnen haben müßte. Mir kam vor, als hätten alle bemerkt, wie verlegen ich war, als ich mit dem Prinzen sprach, als sei allen auch das sonderbare Benehmen meines Mannes aufgefallen; Gott weiß, wie sie es sich wohl erklären mögen; wissen sie vielleicht etwas vom Gespräch, das ich mit ihm gehabt habe? Die Kusine brachte mich nach Hause, und unterwegs kamen wir auch auf meinen Mann zu sprechen. Ich konnte mich nicht beherrschen und erzählte ihr alles, was zwischen uns anläßlich dieser unglückseligen Soiree vorgefallen war. Sie beruhigte mich und sagte, daß es ein ganz bedeutungsloses, durchaus gewöhnliches Zerwürfnis sei, das keinerlei Folgen haben werde; sie äußerte sich auch von ihrem Standpunkte aus über den Charakter meines Mannes und meinte, daß er verschlossen und stolz geworden sei; ich stimmte ihr bei, und es war mir, als finge ich jetzt an, ihn ruhiger und besser zu beurteilen.

Aber später, als ich wieder allein mit meinem Manne war, lastete dieses Urteil über ihn wie ein Verbrechen auf meinem Gewissen, und ich fühlte, daß der uns trennende Abgrund noch größer geworden war.

III

Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in unserem Verhältnis eine tiefe Veränderung ein. Wir fühlten uns, wenn wir allein waren, nicht mehr so wohl wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und in Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu sprechen als unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf das Landleben oder auf einen Ball kam, fing es uns vor den Augen zu flimmern an, und wir schämten uns, uns anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag, der uns trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen. Ich war überzeugt, daß er stolz und aufbrausend sei, und daß ich ihn vorsichtiger behandeln müsse, um nicht seine schwachen Seiten zu verletzen. Er aber war überzeugt, daß ich ohne die große Welt nicht leben könne, daß das Leben auf dem Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte Gespräch über diese Gegenstände und beurteilten darum einander falsch. Wir hatten schon lange aufgehört, einander für die vollkommensten Menschen auf Erden zu halten; wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und übten aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte ich, und wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische in der Nähe der Stadt, von wo mein Mann allein zu seiner Mutter reiste. Als er abreiste, war ich schon so weit hergestellt, daß ich mit ihm hätte mitkommen können, aber er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für meine Gesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit Sorgen machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem Lande zusammen nicht wohl fühlen würden; ich widersprach ihm nicht viel und blieb. Ohne ihn kam mir alles so leer und öde vor, als er aber wiederkam, merkte ich, daß er meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen, wo jeder Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm nicht mitteilte, auf mir wie ein Verbrechen lasteten, wo jede Handlung und jedes Wort von ihm mir als der Gipfel der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, -- dieses Verhältnis war unmerklich zu einem anderen geworden und verschwunden, ehe wir uns dessen versahen. Ein jeder von uns hatte jetzt seine eigenen Interessen und Sorgen, die er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es bedrückte uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen Gedanken gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon sogar in unseren Augen zu flimmern auf, wenn wir einander ansahen. Seine früheren Anfälle plötzlicher Lustigkeit waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen, seine Allverzeihung und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der mich früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen Gebeten und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht selten, denn er war immer auf Reisen, und es tat ihm weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein zu lassen; ich aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht brauchte.

Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr vor; ich bemühte mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte alle meine Wünsche, und es sah so aus, als ob wir einander noch liebten.