Roman einer Ehe

Part 5

Chapter 53,604 wordsPublic domain

»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«

»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon gedacht habe.«

Er lächelte.

»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder.

Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte.

»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder um meiner selbst willen?«

»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit einem durchdringenden und anziehenden Blicke an.

Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen. Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das, was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir, und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen; dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich, ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick weckte ...

Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend. Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke, daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt. Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum erstenmal silbern auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen.

-- Ist es wirklich heute? -- fragte ich mich, meinem Glücke nicht trauend. -- Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr ängstigen? -- Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend, er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. -- Werde ich denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda, ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht, Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für immer? -- Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so schwer, allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr.

Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen verstorbenen Vater zu hören.

-- Wenn er doch jetzt am Leben wäre! -- dachte ich, als wir nach Hause zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte, der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er, mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus, von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren.

Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen wollte. -- Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke? -- kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn übrigens zu nennen.

»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹«

»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der den meinigen stützte, noch fester an mich.

»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie damals ›Mascha‹.«

»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.

»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher, anziehender Blick ruhte auf mir.

Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker. Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen, als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße Sonne spielte.

Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch.

»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone, und mußte dabei erröten.

Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch freudiger und glücklicher an.

Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein.

Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur, daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. -- Ist das alles?! -- dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond. Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte ich doch seine Nähe. -- Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab, von dem ich so viel erwartet hatte? -- dachte ich, und es kam mir noch immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und Angst an seine Stelle getreten.

»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick.

»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich.

»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine Hand und beugte über sie sein Gesicht.

Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor Kälte weh.

»Ja,« flüsterte ich.

Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu klopfen an, meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, es wurde mir heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel seinen Blick, und ich fühlte plötzlich, daß ich ihn nicht mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe sei, eine neue, noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich fühlte, daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt über mich glücklich war.

Zweiter Teil.

I

Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende, grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las, trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß, und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl, aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein, für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt so ein Weib zu sein.

Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu lachen an und konnte nicht mehr beten.

»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.

»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«

»Du betest doch hoffentlich?«

Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück.

»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.

Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.

»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände küssend.

Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft, ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier, zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer, auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze für das Unangenehmste auf der Welt), -- alle diese Leute waren stolz auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche Teppiche geklopft; an jedem Ersten wurden Gottesdienste mit Wasserweihe abgehalten, und an jedem Namenstage Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an meinem -- zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein Festmahl für die ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah unverändert seit ältester Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna sich ihrer selbst erinnerte. Mein Mann mischte sich in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich nur mit der Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer. Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim Aufwachen nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee zurück, den wir allein tranken, und befand sich um diese Stunde, nach allen Mühen und Unannehmlichkeiten, die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in der besonders lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten. Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was er am Morgen getrieben hatte, und er erzählte mir dann solchen Unsinn, daß wir uns beide vor Lachen kugelten; manchmal bestand ich darauf, daß er mir alles ernsthaft berichte, und er berichtete es mir, sein Lächeln unterdrückend. Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich bewegen, verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn sah und seine Stimme hörte.

»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte er von mir. Aber ich konnte nichts wiederholen. Es kam mir so komisch vor, daß er mir nicht von sich selbst und nicht von mir erzählte, sondern von irgendwelchen anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen einigermaßen zu verstehen und mich für sie zu interessieren. Tatjana Ssemjonowna zeigte sich am Vormittag nicht, trank ihren Tee allein und ließ uns nur durch Abgesandte begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen, wahnsinnig glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem anderen ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich oft nicht beherrschen konnte und nur laut lachte, wenn ihre Zofe, die Hände auf der Brust gefaltet, mir mit monotoner Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe ihr befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, daß ihr die ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß ein dummer Hund im Dorfe gebellt und sie nicht schlafen lassen habe. Ferner lasse die gnädige Frau fragen, wie uns das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu bemerken, daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen Brezeln seien ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er aber angebrannt.« Bis zum Mittagessen blieben wir wenig zusammen. Ich spielte Klavier oder las allein, er schrieb und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen, das wir um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; die Mama tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen irgendwelche arme, adlige Damen oder Wallfahrerinnen, von denen immer zwei bis drei im Hause wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß er den anderen Arm mir reiche, und so gab es in der Türe regelmäßig Schwierigkeiten. Den Vorsitz beim Mittagessen führte die Mama, und das Gespräch bei Tische hatte immer einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton. Die einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, störten auf eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser Sitzungen. Zwischen Mutter und Sohn kam es zuweilen zu Streitigkeiten und Sticheleien; ich mochte diese Streitigkeiten und Sticheleien besonders gern, weil bei diesen Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen setzte sich Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer und rieb Tabak oder schnitt die neuangekommenen Bücher auf, während wir etwas vorlasen oder ins Diwanzimmer zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel, aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, da sie jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum Tönen brachte und uns einander in einem neuen Lichte zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke spielte, setzte er sich auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht sehen konnte und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu verbergen, den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er es gar nicht erwartete, stand ich vom Klavier auf und ging auf ihn zu, um in seinem Gesicht noch die Spuren der Erregung und den unnatürlich feuchten Glanz der Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir im Diwanzimmer waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, und ging zuweilen, ohne uns anzublicken, mit einem geheuchelt ernsten und gleichgültigen Ausdruck durchs Zimmer. Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf ihr Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, den ich einschenken mußte, tranken wir im großen Wohnzimmer, und alle Hausgenossen versammelten sich wieder bei Tisch. Diese feierlichen Sitzungen um den Samowar herum und das Verteilen der Gläser und Tassen brachten mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer vor, als sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung und zu leichtsinnig, um den Hahn des so großen Samowars umzudrehen, um Glas für Glas auf Nikitas Tablett zu setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch, für Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« und um einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die verdienten Dienstboten zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« sagte mir oft mein Mann, »ganz wie eine Erwachsene!« Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.