Roman einer Ehe

Part 4

Chapter 43,968 wordsPublic domain

Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, die Pferde immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. Unterwegs verbeugte ich mich demütig vor allen, denen ich begegnete und suchte Gelegenheit, jemand mit Tat oder Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald half ich einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald wiegte ich ein Kind und trat bald von der Straße in den Schmutz, um jemand den Weg frei zu machen. Eines Abends hörte ich, wie der Verwalter Katja erzählte, daß der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter zu einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel für die Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben habe. »Sind denn die Leute so arm?« fragte ich. -- »Sie sind sehr arm, gnädiges Fräulein, sie haben nicht mal Salz,« antwortete der Verwalter. Mein Herz schnürte sich zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie Freude, als ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr wenig, aber doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und ging allein über die Terrasse und den Garten ins Dorf zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am Rande des Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand kam aus dem Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck zitternd und am ganzen Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin heim. Katja fragte mich, wo ich gewesen und was mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was sie zu mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir auf einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und ging lange auf und ab, außerstande, etwas zu tun, an etwas zu denken, außerstande, mir Rechenschaft über meine Empfindungen zu geben. Ich dachte an die Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an die Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der das Geld hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich ihnen das Geld nicht in die Hand gegeben hatte. Ich dachte auch daran, was wohl Ssergej Michailytsch sagen würde, wenn er von dieser Tat erführe und freute mich darüber, daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so schlecht, und ich betrachtete mich und die anderen so mild, daß der Gedanke an den Tod mir wie ein Traum von Glück erschien. Ich lächelte und betete und weinte und liebte in diesem Augenblick alle Menschen und auch mich selbst so heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses Buch, immer rührender und einfacher erschien mir die Geschichte dieses göttlichen Lebens und immer unheimlicher und unergründlicher die Tiefe des Gefühls und der Gedanken, die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach erschien mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so schwer, nicht gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und von allen geliebt zu werden. Alle waren so gut und sanft zu mir; sogar Ssonja, der ich noch immer Unterricht erteilte, war eine ganz andere geworden und gab sich Mühe, mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch zu mir. Ich überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die ich vor der Beichte um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte mich nur eines jungen Mädchens aus der Nachbarschaft, über das ich mich einmal vor Gästen lustig gemacht hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie um Vergebung bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, in dem sie mich selbst um Verzeihung bat und auch mir verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich diese einfachen Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und rührendes Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, als ich sie um Vergebung bat. -- Warum sind sie alle so gut zu mir? Womit habe ich solche Liebe verdient? -- fragte ich mich. Ich erinnerte mich auch unwillkürlich Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich konnte nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo ich zum erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an ihn wie an mich selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich mit jedem Gedanken an meine eigene Zukunft. Der erdrückende Einfluß, den ich in seiner Gegenwart verspürt hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden. Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn vollkommen von der Höhe der geistlichen Stimmung herab, in der ich mich befand. Alles, was mir an ihm früher seltsam erschienen, war mir jetzt klar. Erst jetzt begriff ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin liege, für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein unendliches und ruhiges Glück erwartete. Ich dachte aber dabei nicht an Reisen ins Ausland, nicht an den Glanz der großen Welt, sondern an ein ganz anderes, stilles Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung, mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis der milden und hilfreichen Vorsehung in allen Dingen.

Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, an meinem Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der Kirche zurückkehrte, war mein Herz von einem so vollkommenen Glück erfüllt, daß ich mich vor dem Leben, vor jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke vor unserer Freitreppe entstiegen, als auf der Brücke das mir bekannte Kabriolett rasselte und ich Ssergej Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir, und wir traten zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an diesem Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, die er nicht begriff, die größer war als er. Ich empfand vor ihm nicht die geringste Verlegenheit. Er merkte wohl, woher das kam, und benahm sich besonders zartfühlend, sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier, aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.

»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.«

Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an; dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an, daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann ich mir das unmöglich erklären; aber an jenem denkwürdigen Tage war es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen wird.

Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden. Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann, das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick, als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber, die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand. Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr aufgeregten Mannes sein.

»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm gerade ins Gesicht blickend.

Er antwortete nicht gleich.

»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend.

Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.

»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es wissen muß. Warum verreisen Sie?«

»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß. Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer ... Und Sie verstehen es doch.«

Mein Herz fing heftig zu schlagen an.

»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »_ich kann es nicht_, aber _Sie selbst_, sagen Sie es mir um Gottes willen, schon weil es ein so besonderer Tag für mich ist, ich kann alles ruhig anhören!«

Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den Fliederzweig wieder zu sich.

»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer Stimme, die sich vergebens bemühte, fest zu erscheinen, »obwohl es dumm und unmöglich ist, es mit Worten auszusprechen, obwohl es mir schwer fällt, will ich mich doch bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend.

»Nun?« fragte ich.

»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein Herr, sagen wir ein Herr A.,« begann er, »ein alter und abgelebter Mann, und es war ein gewisses Fräulein B., ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und die Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte gar nicht daran, sie anders lieben zu können.«

Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht.

»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, daß das Leben für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er plötzlich schnell und entschlossen fort, ohne mich anzublicken, »daß es sehr leicht sei, sie anders zu lieben, und daß dies ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er hatte sich aber geirrt und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so schwer wie die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen abbrechen könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor dies geschähe.« Als er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, mit der Hand die Augen und schloß sie wieder.

»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« fragte ich kaum hörbar, meine Erregung zurückhaltend, so daß meine Stimme ruhig klang; ihm erschien aber mein Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie beleidigt:

»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen spielen, aber ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, aber nur nicht mit mir, denn sonst werde ich es vielleicht ernst nehmen, und das wäre für mich nicht gut, und Sie würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. »Es sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, warum ich verreise. Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte Sie!«

»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich aus, und meine Stimme zitterte vor zurückgehaltenen Tränen. »Liebte er sie oder nicht?«

Er gab keine Antwort.

»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann mit ihr wie mit einem Kinde?« fragte ich.

»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, mich hastig unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und sie schieden ... als Freunde.«

»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer Ausweg möglich?« brachte ich mit Mühe hervor und erschrak gleich darauf über meine eigenen Worte.

»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, indem er die Hand von seinem aufgeregten Gesicht nahm und mir gerade in die Augen blickte. »Es gibt zwei verschiedene Auswege. Aber um Gottes willen, unterbrechen Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich erhob, mit einem schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, »die einen sagen, A. sei verrückt geworden, hätte sich in die B. wahnsinnig verliebt und ihr seine Liebe gestanden ... Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es nur ein Spiel, für ihn aber eine Lebensfrage.«

Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen, daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine eigenen Gedanken unterzuschieben, aber er legte seine Hand auf die meine, um mich zurückzuhalten.

»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die einen sagen, sie hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, die die Menschen noch nicht kannte, hätte sich eingebildet, daß sie ihn wirklich lieben könne, und eingewilligt, seine Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt, daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte selbst begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie ... Sprechen wir nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, weiter zu sprechen, und fing an, vor mir auf und ab zu gehen.

Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich sah, daß er mit der ganzen Sehnsucht seiner Seele ein Wort von mir erwartete. Ich wollte sprechen, konnte es aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen. Ich sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich fühlte Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, zerriß plötzlich die Fesseln des Schweigens und begann mit leiser, verhaltener Stimme, die, wie ich fürchtete, jeden Augenblick versagen konnte.

»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; aber er schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie nicht liebte und ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte zu sein, und verließ sie und rühmte sich auch noch dessen. Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für mich, ich habe Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte ich, und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin leise und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, vor dem ich selbst erschrak.

Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, und zwei Tränen rollten über seine Wangen.

»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die unterdrückten Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. »Womit habe ich das verdient?« fragte ich und erhob mich, um fortzugehen.

Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem Schoße, seine Lippen küßten meine zitternden Hände, und seine Tränen netzten sie. »Mein Gott, wenn ich es gewußt hätte!« rief er.

»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner Seele war ein Glück, das dann für immer entschwand und nie wiederkam.

Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und schrie, daß es im ganzen Hause hallte: »Mascha will Ssergej Michailytsch heiraten!«

V

Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, und weder er, noch ich wünschten das. Katja wollte allerdings erst nach Moskau fahren, um Verschiedenes für die Aussteuer einzukaufen und zu bestellen, und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe und das Haus neu tapezieren lasse; wir beide setzten aber unseren Entschluß durch, dies alles, wenn es schon so notwendig sei, erst später zu besorgen und uns zwei Wochen nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer, ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner und sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. Er erzählte mir, wie ungehalten seine Mutter darüber war, daß unsere Hochzeit ohne Musik, ohne einen Berg von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die einst dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter seinem Rücken die alten Kisten und Kasten durchwühlt und sich mit der Wirtschafterin Marjuschka ernsthaft wegen der für unser Glück unentbehrlichen Teppiche, Gardinen und Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es ebenso mit der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr nicht scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir von unserer Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn trieben, wie es Menschen in dieser Lage überhaupt eigen sei, daß aber das wesentliche Glück unserer Zukunft nur davon abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und genäht und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien. Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal am Tage geheime Berichte darüber ausgetauscht, was auf der einen und auf der anderen Seite vorbereitet wurde; obwohl die Beziehungen zwischen Katja und seiner Mutter äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas feindselige, wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine Mutter, Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen lernte, war eine steife und strenge Hausfrau, eine Dame der guten alten Zeit. Er liebte sie nicht nur als Sohn aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher Neigung, da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer gut zu uns, besonders zu mir, und freute sich, daß ihr Sohn heiraten wollte; als ich sie aber als seine Braut besuchte, kam es mir vor, als wollte sie mich fühlen lassen, daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch besser hätte sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und war mit ihr einverstanden.

In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte -- und ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, -- daß er ohne mich gar nicht lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen blieben bis zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit, mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück fassungsloses Kind. -- Das ist also alles, was an ihm war! -- sagte ich mir oft: -- Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. -- Jetzt schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles, was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand.

Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab. Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein.

»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel aufgeblieben waren. »Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.«

»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.

»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«

»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.

»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte von A. und B. erzählte?«

»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist gut, daß sie so ausgegangen ist ...«

»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu Ende erzählen.«

»Ach, bitte nicht.«

»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will mich nur rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit langen Betrachtungen kommen.«

»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll man niemals.«

»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen meinen Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem Leben begangen hatte, sagte ich mir, als ich diesmal aufs Land kam, so entschieden, die Liebe sei für mich zu Ende und es bleibe mir nur noch die Pflicht, mein Leben irgendwie abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine Rechenschaft darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie sei und wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte auch nicht. Bald schien es mir, daß Sie kokettieren, bald glaubte ich wieder, Sie seien aufrichtig, und ich wußte selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach jenem Abend, Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen, erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir viel zu groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, wenn ich mir erlaubt hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? Aber ich dachte natürlich nur an mich, denn ich bin ein ganz gemeiner Egoist.«

Er schwieg eine Weile und sah mich an.

»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals sagte. Ich durfte und mußte auch fürchten. Ich empfange von Ihnen so viel und kann Ihnen so wenig geben. Sie sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst aufbrechen wird, Sie lieben zum erstenmal, während ich ...«

»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit ...« begann ich, bekam aber plötzlich Angst vor seiner Antwort. »Nein, lieber nicht ...«

»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, meinen Gedanken sofort erratend. »Das kann ich Ihnen sagen. Nein, ich habe noch nicht geliebt. Ich habe noch nie etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich wäre ...« Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie lieben zu dürfen,« sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir nicht vorher überlegen, ehe ich Ihnen sagen durfte, daß ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine Liebe, allerdings.«

»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen blickend.

»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« fuhr er fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend! Ich kann jetzt oft in der Nacht vor Glück nicht einschlafen und denke immer daran, wie wir zusammen leben werden. Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was ich zum Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames Leben in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den Menschen Gutes zu tun, solchen Menschen, denen es so leicht ist, Gutes zu erweisen, weil sie daran noch nicht gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der man Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, Musik, die Liebe zu den uns Nahestehenden, -- das ist mein Glück, das höchste Glück, das ich mir ersehnte. Dazu noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht auch eine Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.«

»Ja!« sagte ich.