Part 27
Im vergangenen Jahre, nachdem wir erfahren, dass wegen der Lüge Tioneg's so viele Chinesen in Luzon umgekommen, traten viele von uns Mandarinen zusammen, und beschlossen dem König anheim zu stellen Rache zu nehmen wegen so vieler Tödtungen; und wir sagten: das Land von Luzon ist ein elendes Land von geringer Bedeutung, und war vor Alters nur ein Wohnsitz für Teufel und Schlangen und weil (seit einigen Jahren bis jetzt) eine so grosse Anzahl Chinesen dorthin gegangen, um mit den Castillas zu handeln, hat es sich so sehr veredelt, wobei die besagten Sangleyes viel gearbeitet, indem sie Mauern aufgeführt, Häuser und Gärten angelegt, und andre Dinge von grossem Nutzen für die Castillas; und da dies also ist, warum haben die Castillas nicht Rücksicht auf diese Dinge genommen, und diese guten Werke mit Dank erkannt, ohne so viele Menschen grausam zu tödten? und obgleich wir zwei oder dreimal an den König über die besagten Angelegenheiten geschrieben, antwortete er uns, da er über die oben erwähnten Dinge zornig war, und sagte: aus drei Gründen sei es nicht angemessen Rache zu nehmen, noch Krieg zu fuhren gegen Luzon. Der erste Grund, weil die Castillas (seit langer Zeit bis jetzt) Freunde der Chinesen sind, und der zweite Grund war, weil man nicht wissen könne, ob die Castillas oder die Chinesen den Sieg erlangen würden, und der dritte und letzte Grund, weil die Leute, welche die Castillas getödtet hatten, schlechtes Volk wären und undankbar gegen China, ihre Heimat, ihre Aeltern und Verwandten, da sie schon seit so vielen Jahren nicht nach China zurückgekehrt, welche Leute, so sagte der König, er wenig achte, aus den oben erwähnten Gründen; und er befahl nur dem Vizekönig, dem Eunuchen und mir, diesen Brief durch diesen Gesandten zu schicken, damit die von Luzon wissen, dass der König von China ein grosses Herz hat, grosse Langmuth und viel Barmherzigkeit, denn er hat nicht befohlen die von Luzon zu bekriegen, und seine Gerechtigkeit tritt wohl zu Tage, da er auch die Lüge Tioneg's bestraft hat. Und da die Spanier weise und verständig sind, wie kommt es, dass es ihnen nicht leid thut, so viele Menschen umgebracht zu haben, und dass sie nicht Reue darüber empfinden und milde sind gegen die Chinesen, die übrig geblieben? Denn wenn die Castillas Wohlwollen zeigen, und die Chinesen und Sangleyes die vom Kriege übrig geblieben, zurückkehren, und das schuldige Geld erstattet wird und das Eigenthum, was den Sangleyes fortgenommen worden, so wird Freundschaft bestehn zwischen diesem Königreich und jenem, und alle Jahre werden Handelsschiffe kommen und wenn nicht, so wird der König nicht erlauben, dass Handelsschiffe abgehn, im Gegentheil wird er Befehl geben tausend Kriegsschiffe zu bauen, mit Soldaten und Verwandten der Getödteten bemannt und mit den übrigen Leuten und Königreichen, welche Tribut an China zahlen, und sie werden Krieg führen ohne irgend Jemand zu schonen. Und darauf wird man das Königreich Luzon an die Leute geben, welche Tribut an China zahlen. Der Brief ist geschrieben vom General-Visitadór am zwölften des zweiten Monats.«
Einen denkwürdigen Gegensatz bildet ein etwa gleichzeitiger Brief des Herrschers von Japan:
Brief Daifusama's, des Herrschers von Japan, an den Guvernör Don Pedro de Acuña im Jahre 1605. Ich habe von Eurer Herrlichkeit zwei (Briefe) erhalten und alle Gaben und Geschenke, entsprechend dem Verzeichniss. Unter dem was ich erhalten, war der Wein aus Trauben gemacht; ich habe mich daran sehr erfreut. In früheren Jahren bat Eure Herrlichkeit, dass sechs Schiffe kommen dürften, und im vergangenen Jahre bat sie um vier, welche Bitten ich immer gewährte. Das aber erregt mein grosses Missfallen, dass unter den vier Schiffen, um die E. H. bittet, eines von Antonio ist, welcher die Reise gemacht, ohne dass ich es befohlen; dies war eine Sache von grosser Keckheit, und eine Geringschätzung für mich. Will E. H. etwa das Schiff, das sie nach Japan senden möchte, ohne meine Erlaubniss senden? Abgesehen davon haben E. H. und Andre vielemal wegen der Sekten in Japan verhandelt und viele Dinge diese betreffend erbeten, welches ich eben so wenig gestatten kann; denn dieses Gebiet heisst Xincoco, welches bedeutet »den Götzen geweiht«, die seit unsern Vorfahren bis heut mit höchsten Lobpreisungen verehrt worden sind, deren Thaten ich allein nicht ungeschehn machen und vernichten kann. Weshalb es in keiner Weise statthaft ist, dass in Japan Euer Gesetz (Lehre) verbreitet und gepredigt werde; und wenn E. H. Freundschaft halten will mit diesen Reichen von Japan und mit mir, so thue sie das was ich will, und das was mir nicht gefällt, das thue sie niemals.
Endlich haben mir Viele gesagt, dass viele Japanesen, schlechte, verdorbene Menschen, die in jenes Königreich gehn und viele Jahre dort bleiben, darauf nach Japan zurückkehren, welches meinen grossen Unwillen erregt; und deshalb gestatte E. H. von jetzt fortan nicht, dass einer von den Japanesen in dem Schiffe mitkomme, welches hierher geht und in den übrigen Dingen wolle E. H. mit Ueberlegung und Vorsicht verfahren und solcher Art, dass sie fortan nicht mein Missfallen errege.
SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL
KURZER ABRISS DER GESCHICHTE. -- SCHLUSSBETRACHTUNGEN.
Die Philippinen wurden von Magellan am 16. März 1521, dem S. Lazarus-Tage entdeckt, [289] aber erst 1564, nachdem mehrere frühere Versuche fehlgeschlagen, gelang es Legaspi, der mit fünf Schiffen von Neu-Spanien auslief, den Archipel für Philipp II. in Besitz zu nehmen. Der Entdecker hatte die Inseln nach dem heiligen Lazarus getauft, dieser Name wurde indessen nicht gebräuchlich; die Spanier nannten sie hartnäckig die westlichen, islas del poniente (s. S. 2), die Portugiesen islas del oriente; Legaspi gab ihnen ihren gegenwärtigen Namen zu Ehren Philipps II., der ihnen seinerseits den später wieder verschollenen Titel Neu-Castilien beilegte. [290] Zunächst nahm Legaspi Cebu, dann Panay in Besitz, erst sechs Jahre später (1571) eroberte er Manila, damals ein von Palissaden umgebenes Dorf und begann sofort den Bau einer befestigten Stadt. Die Unterwerfung der übrigen Gebiete geschah so schnell, dass sie bei Legaspis Tode (Aug. 1572) im Wesentlichen vollendet war. Zahlreiche wilde Stämme im Innern, die Muhamedaner-Staaten Mindanaos und der Sulugruppe haben bis heut ihre Unabhängigkeit bewahrt. Der Charakter der Bevölkerung sowohl als ihre politischen Einrichtungen begünstigten die Besitznahme. Es gab kein mächtiges Reich, keine alte Dynastie, keine einflussreiche Priesterkaste zu überwältigen, keine nationalstolzen Ueberlieferungen zu unterdrücken. Die Eingeborenen waren Heiden oder seit Kurzem oberflächlich zum Islam bekehrt und lebten unter vielen kleinen Häuptlingen, die mit grosser Willkür herrschten, einander befehdeten und leicht überwunden wurden. Eine solche Gemeinschaft hiess Barangay; sie bildet noch heut, wenn auch in sehr veränderter Form, die Grundlage der Gemeindeverfassung.
Die Spanier beschränkten die Gewalt der eingeborenen Häuptlinge, hoben die Sklaverei auf und verwandelten den Erbadel in einen Dienstadel; sie führten aber alle diese Veränderungen mit Vorsicht, sehr allmälig aus. [291] Die alten Gebräuche sofern sie nicht gegen das natürliche Recht verstiessen, blieben zunächst bestehn und hatten bei Prozessen Gesetzeskraft; in Kriminalsachen galt spanisches Recht. Heut haben die Cabezas de Barangay ausser dem Titel Don und der Befreiung von Kopfsteuer und Frohnden keine Vorrechte; sie sind, abgesehn von Ausnahmen, zu unbesoldeten, aber mit ihrem Privatvermögen haftbaren Steuereinnehmern geworden, -- eine Maasregel, deren Klugheit bezweifelt werden mag; denn abgesehn davon, dass sie die Häuptlinge zu Unterschleifen und Erpressungen verleitet, entfremdet sie der Regierung eine Klasse von Eingeborenen, die eine Stütze ihrer Macht sein könnte.
Wenn die vorgefundenen Verhältnisse die Eroberung ausserordentlich erleichterten, so scheinen auch die ersten Guvernöre und ihre Begleiter, die der Zeit angehörten, wo Spanien reich an Helden war, sich durch Muth und Klugheit ausgezeichnet zu haben. Legaspi besass beide Eigenschaften in hohem Grade. Angelockt wurden jene kühnen Abenteurer, wie in Amerika, durch Privilegien, die ihnen die Krone gewährte, und durch gehofften, zum Glück für das Land aber nicht bestätigten Goldreichthum. In Luzon, so meldet Hernando Riquel [292], sind viele Goldminen, an vielen Orten, die von Spaniern gesehn wurden; das Erz ist so reichlich, dass ich nicht darüber schreibe, damit ich nicht in den Verdacht der Uebertreibung komme; aber ich schwöre als Christ, dass auf dieser Insel mehr Gold ist als Eisen in Biscaya. Von der Krone erhielten sie keinen Sold, aber das förmliche Recht die von ihnen eroberten Länder auszubeuten. Einige unternahmen solche Eroberungszüge für eigene Rechnung, andere waren zur Verfügung des Guvernörs und wurden von ihm je nach Verdienst mit Kommenden, Aemtern und Benefizien (Encomiéndas, ofícios y aprovechamiéntos) belohnt.
Die Kommenden wurden anfänglich für drei Generationen gewährt (in Neu-Spanien für vier), aber sehr bald auf zwei Generationen beschränkt; denn schon di los Rios [293] hebt dies als eine der Krone sehr nachtheilige Maassregel hervor, »da sich nur wenige bereit finden Sr. Majestät zu dienen, indem ihre Enkel in das äusserste Elend gerathen.« Nach dem Tode des Belehnten fielen die Encomiendas an den Staat zurück, der Guvernör verfügte von neuem darüber. Das ganze Land war übrigens gleich Anfangs in Encomiendas getheilt worden, deren bei Weitem grössten Theil die Krone zur Bestreitung ihrer Ausgaben behielt. Dergleichen Lehne bestanden in einem mehr oder weniger grossen Gebiet, dessen Bewohner dem Komthur (Encomendéro) Tribut zahlen mussten; letzterer wurde aber in Produkten des Landbaues zu einem vom Lehnsherrn selbst festgesetzten sehr geringen Werth erhoben und mit grossem Vortheil an die Chinesen verkauft. Auch begnügten sich die Lehnsherren nicht mit diesen Einnahmen, sondern hielten die Eingeborenen als Sklaven, bis es durch R. C. und Breve des Papstes [294] verboten wurde. »Kaffern- und -Negersklaven, welche die Portugiesen über Indien einführten«, blieben noch gestattet. [295]
Die alten Komthure beuteten ihre Lehne rücksichtslos aus. Schon vom Interims-Guvernör Labezares (1572-75) meldet Zuniga (S. 115), dass er die Bisayas besuchte und die Habgier der Encomendéros zügelte, so dass sie wenigstens während seiner Anwesenheit in ihren Erpressungen nachliessen. Gegen Ende von Lasánde's Regierung (1575-80) bricht heftiger Streit zwischen Priestern und Komthuren aus, erstere predigen gegen die Bedrückungen der letzteren und berichten darüber an Philipp II., der König befiehlt die Indier zu schützen, da die Habsucht ihrer Lehnsherren alle Schranken übersteige. Es ward nun den Eingeborenen freigestellt ihren Tribut in Geld oder in natura zu entrichten. In Folge dieser wohlmeinenden Verordnung scheinen Ackerbau und Gewerbfleiss abgenommen zu haben, »da die Indier ohne Zwang nicht über das äusserste Bedürfniss arbeiten mochten«.
In Kürze mögen hier noch die Thaten Juán's de Salcédo erwähnt werden, des ausgezeichnetsten jener Conquistadoren. Von seinem Grossvater Legaspi mit 45 spanischen Soldaten unterstützt, rüstete er auf eigene Kosten eine Expedition aus, schiffte sich im Mai 1572 in Manila ein, zog die ganze Westküste der Insel hinauf, lief in alle, seinen kleinen Schiffen zugänglichen Buchten und wurde an den meisten Orten von den Eingeborenen gut aufgenommen. Grösseren Widerstand fand er gewöhnlich, wenn er in das Innere drang, doch unterwarfen sich auch viele Stämme des Binnenlandes, und als er die NW.-Spitze Luzon's, Kap Bogeadór erreichte, erkannten die ausgedehnten Gebiete, welche gegenwärtig die Provinzen Zambáles, Pangasinán, Nord- und Süd-Ylócos bilden, die spanische Herrschaft an. Die Ermüdung seiner Soldaten zwang Salcédo zur Umkehr. In Bígan, der jetzigen Hauptstadt von Süd-Ylócos, baut er ein Fort und lässt darin seinen Lieutenant mit 25 Mann zurück, er selbst aber kehrt um, begleitet von nur 17 Soldaten in drei kleinen Fahrzeugen. So erreicht er den Cagayánfluss an der Nordküste, und fährt denselben hinauf bis die grosse Zahl feindlicher Eingeborener ihn zur Rückkehr an das Meer zwingt. Die Reise an der Ostküste fortsetzend, gelangt er endlich nach Paracali, von da zu Lande an den See von Bay, dort schifft er sich auf einem Nachen nach Manila ein, schlägt um und wird, dem Ertrinken nahe, durch vorüberfahrende Indier gerettet.
Inzwischen war Legaspi gestorben; von Labezares, der provisorisch die Regierung führte, erfährt Salcédo kränkende Zurücksetzung. Als er über seine Neider gesiegt, wird ihm die Unterwerfung von Camarines aufgetragen, die er in kurzer Zeit vollbringt. 1574 kehrt er nach Ylócos zurück, um seinen Soldaten Encomiendas auszutheilen und die ihm zufallenden zu übernehmen. Noch mit dem Bau von Bígan beschäftigt, sieht er die Flotte des grossen chinesischen Seeräubers Limahón, der sich der Kolonie bemächtigen wollte, 62 Schiffe mit zahlreicher Mannschaft, an der Küste vorüberfahren. Sofort eilt er mit allen in der Nachbarschaft zusammengerafften Anhängern nach Manila, wo er an Stelle des bereits gefallenen Maestro de Campo zum Befehlshaber der Truppen ernannt, die Chinesen aus der von ihnen zerstörten Stadt vertreibt. Sie ziehn sich nach Pangasinán zurück, Salcedo verbrennt ihre Flotte; nur mit genauer Noth gelingt es ihnen zu entkommen.
1576 starb dieser »Cortes der Philippinen«. (Zuñiga)
Abgesehen von den Geistlichen, bestanden die ersten Ankömmlinge nur aus Beamten, Land- und Seesoldaten (Morga 159); ihnen fiel daher auch der hohe Gewinn am Chinahandel zu. Manila war der Stapelplatz desselben und zog einen grossen Theil des hinterindischen an sich, den die Portugiesen durch ihre Grausamkeiten aus Malacca verscheucht hatten. Die Portugiesen sassen zwar in Macao und in den Molukken, es fehlte ihnen aber die von den Chinesen fast ausschliesslich begehrte Remesse, das Silber nämlich, das Manila aus Neu-Spanien erhielt.
1580 fiel überdies Portugal mit allen seinen Kolonien an die spanische Krone. Der Zeitraum von diesem Ereigniss bis zum Abfall Portugals (1580-1640) bezeichnet zugleich die höchste relative Machtstellung der Philippinen. Der Guvernör von Manila gebot über einen Theil von Mindanao, Sulu, die Molukken, Formosa, und die ursprünglich portugiesischen Besitzungen in Malacca und Vorderindien. »Alles was vom Kap v. Sincapura bis Japan liegt, hängt von Luzon ab; seine Schiffe befahren die Meere, gehn nach China, nach Neu-Spanien, und treiben so reichen Handel, dass man ihn, wenn er frei wäre, den bedeutendsten der Welt nennen könnte.« (Grav 30). »Es ist unglaublich, welchen Ruhm diese Inseln der spanischen Krone verleihen. Der Guvernör der Philippinen unterhandelte mit den Königen von Cambodia, Japan, China, ersterer war sein Verbündeter, letzterer sein Freund, sowie der von Japan. Er erklärte Krieg und Frieden ohne Befehl aus dem fernen Spanien abzuwarten.« -- Aber schon begannen die Niederländer den Kampf, den sie gegen Philipp II. führten, in jenen fernen Erdwinkel zu tragen, und bereits 1610 klagt di los Rios, dass er seit 30 Jahren das Land wegen der Fortschritte der Holländer sehr verändert fände. Auch die Moros von Mindanao und Sulu wurden, von den Niederländern unterstützt, immer unbequemer (Carillo 3). Mit dem Abfall Portugals gingen auch die portugiesischen Kolonien wieder verloren. Die spanische Politik, das Priesterregiment, der Neid der spanischen Kaufleute und Gewerbetreibenden that das Uebrige um die Entwickelung des Ackerbaus und des Verkehrs zu hemmen -- vielleicht zum Glück für die Eingeborenen.
Die spätere Geschichte der Philippinen ist in ihren Einzelheiten eben so uninteressant und unerfreulich als die der spanisch-amerikanischen Besitzungen. Fruchtlose Expeditionen gegen Seeräuber, Streitigkeiten zwischen den geistlichen und weltlichen Behörden, bilden den Hauptstoff. [296]
»Als die ersten Zeiten des Glaubens und Waffenruhmes vorüber waren, ergriff elende Selbstsucht die Gemüther, Veruntreuungen wurden zur Regel, die meisten derjenigen, die später nach diesen entlegenen Besitzungen gingen, pflegten aus der Hefe der Nation zu bestehen. [297] -- Die spanischen Schriftsteller sind voll von Schilderungen jener traurigen Gesellschaft, die hier nicht wiederholt zu werden brauchen.
Von äussern Feinden, ausgenommen von Seeräubern, ist die Kolonie kaum belästigt worden. In frühester Zeit unternahmen die Holländer einige Angriffe gegen die Bisayas. 1762 (im Kriege über den Bourbonischen Familienpakt) erschien plötzlich eine englische Flotte vor Manila und bemächtigte sich ohne Mühe der überraschten Stadt. Die Chinesen hielten zu den Engländern, unter den Indiern bricht ein grosser Aufstand aus, die Kolonie von einem schwachen Erzbischof interimistisch regiert, schwebt in grosser Gefahr. Einem energischen Patrioten, dem Kanonikus Anda gelingt es aber, die Indier der Provinz gegen die Fremden aufzureizen. Von den Geistlichen eifrig geschürt, wächst der Widerstand so, dass die thatsächlich in der Stadt eingeschlossenen Engländer froh sind, abziehen zu können, als im folgenden Jahre die Nachricht des Friedensschlusses aus Europa eintrifft. Inzwischen hatten die durch die Invasion hervorgerufenen Aufstände sehr an Ausdehnung gewonnen; erst 1765 gelang es durch Aufhetzen der verschiedenen Stämme gegen einander, ihrer Herr zu werden. Die Provinz Ylocos soll dabei 269,270 Personen, die Hälfte ihrer Bevölkerung, verloren haben. (Zuñiga).
Härten und Taktlosigkeiten der Regierung und ihrer Werkzeuge, auch abergläubische Missverständnisse haben unter den Eingeborenen manchen Aufstand hervorgerufen, wohl keinen indessen von ernster Gefahr für die spanische Herrschaft. Die Unruhen blieben immer auf einzelne Gebiete beschränkt, denn die Eingeborenen bilden keine einheitliche Nation, weder das Band Einer Sprache, noch das gemeinsamer Interessen verbindet die verschiedenen Stämme, die staatliche Gemeinschaft reicht bei ihnen kaum über die Grenzen des Dorfes und seiner Filiale.
Ein für die ferne Metropole viel bedenklicheres Element als die gleichgültigen, der augenblicklichen Eingebung folgenden, politisch zerrissenen, ziellosen Indier sind die Mestizen und Kreolen, deren Unzufriedenheit mit ihrer Zahl, ihrem Wohlstande und ihrem Selbstgefühl zunimmt. Schon die 1823 ausgebrochene Militärrevolte, deren Hauptanstifter zwei Kreolen waren, hätte leicht verhängnissvoll für Spanien enden können. Viel gefährlicher nicht nur für die spanische Herrschaft, sondern für die gesammte europäische Bevölkerung scheint der jüngste von Mestizen ausgegangene Aufstand gewesen zu sein: Am 20. Januar 1872 zwischen 8 und 9 Uhr Abends empörten sich in Cavite, dem Kriegshafen der Philippinen, die Artillerie, die Marine-Soldaten und die Zeughauswache und machten ihre Offiziere nieder. Ein Lieutenant, der die Kunde nach Manila bringen wollte, fiel einem Haufen von Eingeborenen in die Hände; erst am nächsten Morgen gelangte die Nachricht nach der Hauptstadt. Sofort wurden die verfügbaren Truppen abgesandt, aber erst nach heftigem Kampfe glückte es am folgenden Tage die Zitadelle zu erstürmen. Ein furchtbares Blutbad folgte, alles wurde nieder gemacht, niemand verschont. In Manila wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen.
Nicht Ein Europäer war unter den Verschworenen, aber viele Mestizen, darunter eine Anzahl Geistlicher und Advokaten. Wenn die unter dem Eindruck des Schreckens geschriebenen ersten Berichte vielleicht auch manches übertreiben, so stimmen doch amtliche sowohl als Privatbriefe überein, das Komplot als lange geplant, weitverzweigt und wohl angelegt zu schildern. Die gesammte Flotte und ein zahlreiches Truppenkorps befand sich damals auf dem Feldzuge gegen Solo abwesend (s. S. 181), ein Theil der Garnison von Manila sollte sich gleichzeitig mit der von Cavite erheben, und Tausende von Eingeborenen waren bereit sich auf die caras blancas (die weissen Gesichter) zu stürzen und alle zu ermorden. Das Scheitern des Komplots war, wie es scheint, nur einem glücklichen Zufall zu danken, dem Umstände nämlich, dass ein Theil der Verschworenen einige bei Gelegenheit eines Kirchenfestes abgebrannte Raketen für das verabredete Signal hielt und zu früh losbrach.
Zum Schluss sei es gestattet, einige meist schon im Text zerstreut vorkommende Bemerkungen über das Verhältniss der Philippinen zum Auslande zusammenzustellen und kurze Betrachtungen daran zu knüpfen.
Spanien gebührt der Ruhm, die auf niederer Kulturstufe vorgefundene, von kleinen Kriegen zerfleischte, der Willkür preisgegebene Bevölkerung in verhältnissmässig hohem Grade zivilisirt, ihre Lage erheblich verbessert zu haben. Wohl mögen die gegen äussere Feinde geschützten, von milden Gesetzen regierten Bewohner jener herrlichen Inseln im Ganzen genommen während der letzten Jahrhunderte behaglicher gelebt haben als die irgend eines andern tropischen Landes unter einheimischer oder europäischer Herrschaft. Die Ursache lag zum Theil an den mehrfach erörterten eigentümlichen Verhältnissen, welche die Eingeborenen vor rücksichtsloser Ausbeutung schützten. Einen wesentlichen Antheil an dem Erfolge hatten aber auch die Mönche. Aus dem niederen Volke hervorgegangen, an Armuth und Entbehrungen gewöhnt, waren sie auf den nahen Verkehr mit den Eingeborenen angewiesen und daher besonders geeignet ihnen die fremde Religion und Sitte für den praktischen Gebrauch anzupassen. Auch als sie später reiche Pfarren besassen und ihr frommer Eifer in dem Maasse nachliess als ihre Einkünfte zunahmen, hatten sie den wesentlichsten Antheil an der Gestaltung der geschilderten Zustände mit ihren Licht- und Schattenseiten; denn ohne eigene Familie und ohne feinere Bildung blieb ihnen der intime Umgang mit den Landeskindern Bedürfniss, und selbst ihr hochmüthiger Widerstand gegen die weltlichen Behörden kam in der Regel den Eingeborenen zu Statten.
Die alten Zustände sind aber unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart nicht mehr haltbar. Die Kolonie kann nicht länger gegen Aussen abgeschlossen werden. Jede Verkehrserleichterung ist ein Riss in das alte System und führt nothwendig zu weiteren freisinnigen Reformen. Je mehr fremdes Kapital und fremde Ideen eindringen, Wohlstand, Aufklärung und Selbstgefühl zunehmen, um so ungeduldiger werden die vorhandenen Misstände ertragen.
England mag seine Besitzungen unbekümmert dem Auslande öffnen, Fremde den Nationalen gleichstellen; die britischen Kolonien sind durch das Band gegenseitiger Vortheile, Erzeugung von Rohstoffen mit englischem Kapital, Austausch derselben gegen englische Fabrikate an das Mutterland gebunden, Englands Reichthum ist so gross, seine Einrichtungen zum Betriebe des Welthandels so vollkommen, dass die Ausländer in den britischen Besitzungen zumeist Agenten des englischen Handels werden, dessen altgewohnte Geleise selbst ein Aufhören des politischen Verbandes kaum merklich verrücken dürfte. Anders ist es mit Spanien, das die Kolonie wie ein ererbtes Gut besitzt, ohne sie zweckmässig bewirthschaften zu können.