Part 20
»Man hat neuerlicher Zeit noch etliche andere Inseln Ostwerts von den Philippinischen entdecket und selbigen den Namen der neuen Philippinischen beigeleget, weil sie in der Nachbarschaft der alten und bereits beschriebenen liegen. Der Pater Clan (Clain) giebet in einem Brief aus Manila, welcher den Philosophical transactions ist einverleibet worden, folgenden Bericht von denselben: Es trug sich zu, als er in der Stadt Guivam auf der Insel Samar war, dass er daselbst 29 Palaos (es waren 30, einer starb bald darauf in Guiuan) oder Einwohner von gewissen erst neulich entdeckten Inseln antraff, welche von den östlichen Winden, welche hier vom December bis an den Majum wehen, dahin waren verschlagen worden. Sie hatten 70 Tage lang nach ihrem Bericht vor dem Winde geseegelt, ohne einiges Land in's Gesicht zu bekommen, bis sie vor Guivam angeländet waren. Als sie aus ihrem Vaterlande geseegelt, waren ihrer zwey Boote gestopft voll, und mit ihren Weibern und Kindern, in allen 35 Seelen gewesen: unterschiedliche aber waren von dem unter Weges erlittenen Ungemach crepiret. Als einer von Guivam zu ihnen an Bord kommen wolte, wurden sie in eine solche Angst gesetzet, dass alle Kerls, die in dem einen Fahrzeug waren, mit ihren Weibern und Kindern über Bord sprungen. Wiewohl sie doch zuletzt am besten zu seyn befunden in den Hafen einzulaufen, so dass sie den 28. Decembris 1696 ans Land kamen. Sie assen Cocusnüsse und Wurzeln; welche ihnen mildiglich zugetragen, und geschenckt wurden: aber den gekochten Reis, die allgemeine Speise der asiatischen Völcker, wollen sie gar nicht einmal kosten. Zwo Weiber welche vormals aus denselben Inseln dahin verschlagen waren, dieneten ihnen zu Dollmetscherinnen ....
... Die Leute des Landes gehen halb nacket und die Männer schildern (malen) ihre Leiber mit Flecken und machen allerhand Figuren darauf ... So lange sie auf der See waren, lebten sie von Fischen welche sie in einer gewissen Art von Fischkörben fiengen, die einen weiten Mund hatten, unten aber spitz zuliefen und hinter ihren Booten hergeschleppt wurden. Das Regenwasser so sie etwa auffingen (oder wie in dem Brief selber stehet, in den Schalen der Cocusnüsse aufhuben) diente ihnen zum Getränk. Als sie vor den Pater sollten gebracht werden, welchen sie wegen der Hochachtung, die man ihm erwiess, für den Gouverneur hielten, färbeten sie ihren Leib ganz gelb, welches sie für den grössten Staat halten in welchem sie für ansehnlichen Leuten erscheinen können. Im Tauchen sind sie sehr erfahren und finden unterweilen Perln in den Muscheln, die sie herauf bringen, welche sie aber als unnütze Dinge wegwerfen.«
Eine der wichtigsten Stellen in Pater Clains Brief hat Capt. Salmon ausgelassen: »Der älteste dieser Fremdlinge war schon einmal an die Küste der Provinz Caragan auf einer unserer Inseln (Mindanao) geworfen worden, da er aber nur Ungläubige gefunden hatte, die in den Bergen und auf dem öden Strande wohnen, war er in sein Vaterland zurückgekehrt.«
In einem Briefe des Pater Cantova an den Pater d'Aubenton, Agdana (d. h. Agaña, Mariannen) 20. März 1722, der die Carolinen- und Paláosinseln beschreibt, heisst es: »das vierte Gebiet liegt westlich. Yap (9° 25' N. 138°1' O. Gr.) [205] welches die Hauptinsel ist, hat über 40 Leguas Umfang ... Ausser den verschiedenen Wurzeln, die bei den Eingeborenen der Insel die Stelle des Brodes vertreten, findet man Bataten, welche sie Camotes nennen und welche sie von den Philippinen erhalten haben, wie mir einer von unseren Carolinen-Indiern mittheilt, der von dieser Insel gebürtig ist. Er erzählt, dass sein Vater, Namens Coorr ... drei seiner Brüder und er selbst durch den Sturm nach einer der Provinzen in den Philippinen verschlagen wurden, welche man Bisayas nennt, dass ein Missionär unserer Gesellschaft (Jesu) sie freundlich aufnahm ... dass sie nach ihrer Insel zurückkehrend, Samen verschiedener Pflanzen dahin brachten, unter andern Bataten, die sich so sehr vermehrten, dass sie genug hatten, um die andern Inseln dieses Archipels damit zu versehn« ... Murillo Velarde (f. 378) erwähnt, dass 1708 einige vom Winde verschlagene Paláos in Palapag (Nordküste von Samar) ankamen. Ich hatte später Gelegenheit in Manila eine Gesellschaft von Paláos und Carolinen-Insulanern zu photographiren, die ein Jahr zuvor durch Stürme an die Küste von Samar geworfen worden waren. Dies sind, abgesehn von der freiwilligen Reise, sechs ungesucht sich darbietende Beispiele von Mikronesiern, die nach den Philippinen verschlagen wurden. Es würde vielleicht nicht schwer sein noch mehrere aufzufinden, aber wie oft mögen vor und nach Ankunft der Spanier Fahrzeuge von jenen Inseln in den Bereich der NO. Stürme gerathen und von diesen unwiderstehlich an die Ostküsten der Philippinen getrieben worden sein, ohne dass die Kunde davon aufbewahrt blieb. [206] Wie am Westrande des Archipels der lange Verkehr mit China, Japan, Hinterindien und später mit Europa den Typus der Rasse beeinflusst zu haben scheint, so mögen wohl auch am Ostrande polynesische Beziehungen in ähnlicher Weise gewirkt haben. Auch der Umstand, dass die Bewohner der Ladronen [207] und die Bisayer [208] die Kunst besassen ihre Zähne schwarz zu färben, scheint auf frühen Verkehr der Bisayer und Polynesier zu deuten. [209]
In Guiuan schiffte ich mich auf einem unangenehm schwankenden, offenen, nur mit einem drei mal drei Fuss grossen Sonnendach versehenen Boote nach Tacloban, der Hauptstadt von Leyte, ein. Ein Windstoss brachte uns in einige Gefahr, sonst hatten wir fortwährend Windstille, so dass die ganze Strecke rudernd zurückgelegt werden musste. Die Fahrt war für die durch kein Dach geschützte Mannschaft sehr ermüdend (Wärme in der Sonne 35°R., des Wassers 25°R.) und dauerte 31 Stunden, mit kleinen Unterbrechungen für die Malzeiten; denn die Leute kürzten freiwillig die Pausen ab, um bald nach Taclóban zu kommen, das in lebhaftem Verkehr mit Manila steht und für die an der unzugänglichen Ostküste lebenden Männer den Reiz einer üppigen Hauptstadt hatte. Es ist fraglich, ob das Meer irgendwo eine Stelle von so eigenthümlicher Schönheit bespült, als die enge Strasse, die Samar von Leyte trennt. Nach Westen hin ist sie von steilen Tuffbänken eingefasst, die keine Mangrove-Sümpfe an ihrem Rande dulden. Dort tritt der hohe Urwald in seiner ganzen Erhabenheit unmittelbar an den Strand, nur stellenweis von Kokoshainen unterbrochen, in deren scharf gezeichneten Schatten einzelne Hütten liegen. Die dem Meer zugekehrten steileren Hügel und viele kleine Felseninseln sind mit Kastellen aus Korallenblöcken gekrönt. Am östlichen Eingang der Enge besteht die Südküste von Samar aus weissem, marmorartigen, wenn auch sehr jungem Kalk, der an vielen Stellen steile Klippen bildet. [210] Bei Nipa-Nipa, einem kleinen Weiler 2 Leguas O. von Basey, setzen sie im Meere fort, in einer Reihe malerischer, über hundert Fuss hoher Felsen, die oben domförmig abgerundet, dicht bewachsen, an der Basis ringsum vom Seewasser benagt, wie riesige Pilze aus der Fluth hervorragen. Es weht über dieser Oertlichkeit ein eigenthümlicher Zauberhauch, dessen Wirkung auf den eingeborenen Schiffer um so mächtiger sein muss, wenn er den draussen vom Nordost gepeitschten Wogen glücklich entronnen, plötzlich diesen geschützten stillen Ort erreicht. Kein Wunder, dass die fromme Einbildungskraft die Stätte mit Geistern bevölkerte.
In den Höhlen dieser Felsen setzten die alten Pintados die Leichname ihrer Helden und Aeltesten bei in wohlverschlossenen Särgen, umgeben von den Gegenständen, die ihnen im Leben am werthvollsten waren. Auch Sklaven wurden bei ihrem Begräbniss geopfert, damit es ihnen in der Schattenwelt nicht an Bedienung fehle. [211] Die zahlreichen Särge, Geräthschaften, Waffen und Geschmeide, welche diese Höhlen enthielten, waren durch Aberglauben geschützt Jahrhunderte lang unangetastet geblieben. Kein Nachen wagte vorüber zu fahren, ohne ein aus der heidnischen Zeit fortgeerbtes religiöses Zeremoniell gegen die Höhlengeister zu beobachten, die in dem Rufe standen, Unterlassungen durch Sturm und Schiffbruch zu bestrafen.
Vor etwa 30 Jahren beschloss ein eifriger junger Geistlicher, dem diese heidnischen Gebräuche ein Gräuel waren, sie mit der Wurzel auszurotten. In mehreren Booten, wohlausgerüstet mit Kreuzen, Fahnen, Heiligenbildern und allem beim Austreiben der Teufel bewährten Apparat, unternahm er den Zug gegen die Geisterfelsen, die unter Musik, Gebeten und Knallfeuerwerk erklommen wurden. Nachdem zuvor ein ganzer Eimer voll Weihwasser zur Betäubung der bösen Geister in die Höhle geschleudert worden, drang der unerschrockene Priester mit gefälltem Kreuze ein, gefolgt von seinen durch das Beispiel angefeuerten Getreuen. Ein glänzender Sieg belohnte den wohlangelegten und muthig ausgeführten Plan; die Särge wurden zertrümmert, die Gefässe zerschlagen, die Skelete in's Meer geworfen. Mit gleichem Erfolg wurden die übrigen Höhlen erstürmt. Die Ursache des Aberglaubens ist nun zwar vernichtet, dieser selbst hat sich aber, wenn auch abgeschwächt, bis heut erhalten.
Durch den Pfarrer von Basey erfuhr ich später, dass in einem Felsen noch Ueberreste vorhanden seien, und einige Tage darauf überraschte mich der liebenswürdige Mann mit mehreren Schädeln und einem Kindersarg, die er von dort hatte bringen lassen. Trotz des grossen Ansehens, das er bei seinen Pfarrkindern genoss, hatte er doch seine ganze Beredsamkeit aufbieten müssen, um die muthigsten zu einem so kühnen Wagstücke zu bewegen. Ein Boot mit 16 Ruderern bemannt war zu dem Zweck ausgerüstet worden; mit weniger Mannschaft hatte man die Reise nicht zu unternehmen gewagt. Während der Heimfahrt brach ein Gewitter aus; die Schiffer betrachteten es als eine Strafe für ihren Frevel und nur die Furcht, die Sache noch schlimmer zu machen, verhinderte sie, Sarg und Schädel in's Meer zu werfen. Zum Glück waren sie dem Lande nahe und ruderten mit aller Kraft demselben zu. Als sie angekommen waren, musste ich selbst die Gegenstände aus dem Boote holen, da kein Eingeborener sie anrühren mochte.
Trotzdem gelang es am folgenden Morgen einige entschlossene Leute zu finden, die mich nach den Höhlen begleiteten. In den beiden ersten, die wir untersuchten, fand sich nichts; eine dritte enthielt mehrere zertrümmerte Särge, einige Schädel, und Scherben von glasirtem, roh bemalten Steingut, es war aber nicht möglich auch nur zwei zusammengehörende Stücke zu finden. Ein enges Loch führte aus der grossen Höhle in einen dunklen, so kleinen Raum, dass man mit der brennenden Fackel kaum einige Sekunden hintereinander darin verweilen konnte. Dieser Umstand mag die Ursache gewesen sein, weshalb sich dort in einem sehr verrotteten, von Bohrwürmern zerfressenen Sarge ein wohl erhaltenes Skelet befand, oder eher eine Mumie, denn an vielen Stellen war das Gerippe noch mit ausgetrockneter Muskelfaser und Haut bekleidet. Es lag auf einer immer noch erkennbaren Pandanusmatte, unter dem Kopf ein mit Pflanzen ausgestopftes, mit Pandanusmatte überzogenes Kissen. Auch Reste von gewebten Stoffen waren noch vorhanden. Die Särge waren von dreierlei Gestalt, ohne alle Verzierungen. Die von der ersten Form aus vortrefflichem Molave-Holz (s. S. 196) zeigten keine Spur von Wurmstich oder Vermoderung, während die übrigen bis zum Zerfallen zerstört waren, die dritte Art, die häufigste, unterschied sich von der ersten nur durch weniger geschweifte Formen und schlechtes Material.
Kein Märchen hätte eine verzauberte Königsgruft mit einem passenderen Zugang ausstatten können, als den zur letzten dieser Höhlen: mit senkrechten Marmorwänden erhebt sich der Felsen aus dem Meer; nur an einer Stelle gewahrt man die kaum zwei Fuss hohe Oeffnung eines natürlichen Stollens, durch welchen der Nachen plötzlich in einen geräumigen, fast kreisrunden, vom Himmel überwölbten Hof gelangt, dessen vom Meer bedeckten Boden ein Korallengarten schmückt. Die steilen Wände sind dicht mit Lianen, Farnen und Orchideen behangen, vermittelst deren man zur Höhle, 60 Fuss über dem Wasserspiegel emporklimmt. Um die Situation noch märchenhafter zu machen, fanden wir gleich beim Eintritt in die Grotte auf einem grossen 2 Fuss über den Boden ragenden Felsblock eine Seeschlange, die uns ruhig anstarrte, aber getödtet werden musste, weil sie wie alle ächte Seeschlangen giftig war. Schon zweimal hatte ich dieselbe Art in Felsenritzen im Trockenen gefunden, wo sie die Ebbe zurückgelassen haben mochte; auffallend war es aber sie hier in solcher Meereshöhe anzutreffen. -- Jetzt ruht sie, als Platurus fasciatus Daud., im zoologischen Museum der Berliner Universität.
In Guíuan hatte ich Gelegenheit, vier aus solcher Höhle stammende reich bemalte chinesische Schüsseln zu kaufen und einen goldenen Ring zu zeichnen; er bestand aus dünnem Goldblech, das zuerst zu einer Röhre mit klaffender Naht von der Dicke eines Federkiels, dann zu einem nicht völlig schliessenden Reifen von Thalergrösse zusammengebogen war. Die Schüsseln wurden in Manila gestohlen.
Aehnliche Todtenhöhlen befinden sich noch an manchen andern Orten in dieser Gegend: auf der Insel Andog bei Borongan (bis vor Kurzem enthielt sie Schädel); auch bei Batinguitan 3 Stunden von Borongan an den Ufern eines kleinen Baches; bei Guíuan auf der kleinen, wegen der stürmischen See schwer zugänglichen Insel Monhon. -- Bei Catúbig sind goldene Geschmeide gefunden, aber in moderne Schmucksachen umgearbeitet worden. In der ganzen Gegend berühmt ist jedoch eine Höhle bei Lánang wegen der darin enthaltenen flachgedrückten Riesenschädel ohne Kopfnähte. [212] [213] Es wird nicht uninteressant sein die geschilderten Verhältnisse mit den Berichten älterer Schriftsteller zu vergleichen, weshalb hier einige Auszüge folgen mögen:
Mas (Informe I. 21) beschreibt ohne Quellenangabe die von den alten Bewohnern des Archipels bei der Todtenbestattung befolgten Gebräuche: sie balsamirten ihre Todten zuweilen mit aromatischen Stoffen ein ... und legten die Vornehmen in eine Kiste, die aus einem ausgehöhlten Baumstamme mit gut zugepasstem Deckel bestand.... Der Sarg wurde nach dem von dem Verstorbenen vor seinem Dahinscheiden ausgesprochenen Willen entweder in den obersten Raum des Hauses, wo sie Sachen von Werth verbargen, oder unter dem Wohnhause in eine Art Gruft gestellt, die nicht zugedeckt, aber mit einem Gitter umgeben wurde; oder in ein abgelegenes Feld, oder auf einen erhabenen Ort oder Felsen am Ufer eines Flusses, auf dass er von den Frommen verehrt werde. Sie stellten eine Wache dabei auf, damit während einer gewissen Zeit kein Boot vorüberführe, und der Todte nicht die Lebenden nach sich zöge.
Nach Gaspar (S. 169.) wurden die Todten in Tücher gewickelt, in einen groben, aus einem Holzblock ausgehöhlten Kasten gelegt, mit Juwelen und goldenen Ringen und einigen Goldblechen über Mund und Augen und unter ihren Häusern mit Mundvorräthen, Schüsseln und Näpfen begraben. Auch pflegten sie Sklaven mit den Vornehmsten zu bestatten, um letztere in der andern Welt bedienen zu lassen.
»Ihr Hauptgötzendienst bestand darin, diejenigen ihrer Ahnen, die sich am meisten durch Muth und Geist hervorgethan hatten, anzubeten und für Götter zu halten.... Sie nannten sie humalagar, welches dasselbe ist was man lateinisch Manes nennt.... Die Greise selbst starben in dieser Eitelkeit, deshalb wählten sie einen ausgezeichneten Ort, wie Einer auf der Insel Leyte, der sich am Rand des Meeres beisetzen liess, damit die vorüberfahrenden Schiffer ihn als Gott anerkannten und sich ihm empfahlen.« (Thévenot Religieux S. 2.)
»Sie legten sie (die Todten) nicht in die Erde, sondern in Särge von sehr hartem unzerstörbaren Holz ... man opferte ihnen Sklaven und Sklavinnen, damit es ihnen in der andern Welt nicht an Bedienung fehle. Starb eine Person von Bedeutung, so wurde dem ganzen Volk Stillschweigen auferlegt, das je nach dem Range des Verstorbenen dauerte und unter gewissen Umständen erst dann aufhörte, wenn seine Verwandte viele Andre getödtet hatten, um den Geist des Todten zu versöhnen.« (ibid. S. 7).
»Aus diesem Grunde (um als Götter verehrt zu werden) wählten die Aeltesten unter ihnen zum Begräbniss einen bemerkenswerthen Ort im Gebirge, und besonders auf Vorgebirgen, die in das Meer hineinragen, damit sie von den Schiffern verehrt würden.« (Gemelli Careri S. 449).
Von Taclóban, das ich des bequemen Tribunals wegen und weil es gut verproviantirt ist, zum Standquartier wählte, kehrte ich am folgenden Tage nach Samar zurück, zunächst nach Basey, Taclóban gegenüber. Die Leute von Basey sind wegen ihrer Trägheit und geringen Begabung in ganz Samar berüchtigt, sollen sich aber von den Bewohnern von Taclóban durch Sittenreinheit vortheilhaft auszeichnen. Basey liegt im Delta des nach ihm benannten Flusses. Wir fuhren einen schmalen Arm hinauf in den Hauptstrom, der sich mit sehr geringem Gefälle durch die Ebene windet; daher reicht das brackische Wasser und der es begleitende Nipapalmensaum mehrere Leguas landeinwärts. Hinter demselben breiten sich Kokospflanzungen aus, zwischen welchen die aus dem engen Felsenbett des obern Flusslaufes zuweilen hervorbrechenden Wasserfluthen (avenídas) grosse Zerstörungen anrichten, wie die verstümmelten Palmen zeigen, die von ihrem Standort fortgerissen, mitten aus dem Fluss emporragen. Nach fünfstündigem Rudern gelangten wir aus dem Flachland in ein enges Thal mit steilen Marmorwänden, die immer mehr zusammenrücken und höher werden. Sie sind an vielen Stellen unterwaschen, zerklüftet, übereinandergestürzt, und bilden mit ihren kahlen Seitenwänden einen schönen Gegensatz zu dem blauen Himmel, der klaren grünlichen Fluth und den üppigen Lianen, die sich an allen Unebenheiten wo sie haften können festgesetzt haben und in langen Guirlanden über die Felsen hängen.
Der Strom wird so reissend und so seicht, dass die Leute aussteigen und das Boot über das steinige Bett ziehn. Auf diese Weise gelangen wir durch einen zwölf Fuss hohen, von zwei gegeneinander gestürzten Felsen gebildeten Spitzbogen in ein ovales stilles Wasserbecken, rings umgeben von 60 bis 70 Fuss hohen, nach innen einspringenden Kalkwänden, auf deren oberem Rande ein Ring von Bäumen nur gedämpftes Sonnenlicht durch dichtes Laub schimmern lässt. Dem niedrigen Eingangsthor gegenüber erhebt sich eine prachtvolle 50 bis 60 Fuss hohe, mit Tropfsteinen reich verzierte Felsenpforte, durch welche man den in Sonne gebadeten oberen Lauf des Flusses noch eine Strecke weit überblickt. In der linken Wand des ovalen Hofes, 40 Fuss über dem Wasserspiegel, öffnet sich eine leicht zu ersteigende Höhle von 100 Fuss Länge; sie endet mit einer schmalen Pforte durch die man auf einen von Tropfsteinen getragenen altanartigen Vorsprung tritt. Von dort überblickt man sowohl die Landschaft, als den Felsenkessel und erkennt letzteren als den Rest einer Tropfsteinhöhle deren Decke eingestürzt ist. Die Schönheit und Eigenthümlichkeit des Orts wird auch von den Eingeborenen empfunden, er heisst Sogóton (eigentlich eine Bucht im Meer). In dem sehr harten marmorartigen Kalk waren Spuren von Zweischalern und Seeigelstacheln in Menge wahrzunehmen, es gelang aber nicht, bestimmbare Reste herauszuschlagen. Der Fluss liess sich noch eine kurze Strecke weiter aufwärts verfolgen. In seinem Bett kommen Gerölle von krystallinischen Talk- und Chloritgesteinen vor.
Mit vieler Mühe wurden einige kleine Fische erlangt; darunter eine interessante lebendig gebärende neue Art. [214] Eine verwandte Art (H. fluviatilis Bleeker), die ich zwei Jahre früher in einer Kalkhöhle auf Nusa Kumbangan bei Java fand, enthielt gleichfalls lebende Junge. Das zum Fischen verwendete Netz schien der Oertlichkeit, einem seichten Fluss voll Geschiebe, wohl angepasst: ein feinmaschiges, länglich viereckiges Netz, mit den langen Seiten an zwei Bambusstangen befestigt, die unten mit einer Art von Holzschuhen (krummen aufwärts nach vorn gerichteten Schnäbeln) versehn waren. Der Fischer packt die obern Enden der Stangen und schiebt das schräg gehaltene Netz vor sich hin, das mittelst seiner Schnabelschuhe über die Steine gleitet, während ein Anderer ihm die Fische entgegentreibt.
Am rechten Ufer unterhalb der Höhle kommen 20 Fuss über dem Wasserspiegel Bänke von fossilen Pectunculus, Tapes, Placuna vor, die zum Theil kaum an der Zunge haften, also sehr rezent sein müssen. Ich übernachtete in einer kleinen, schnell erbauten Hütte und versuchte am folgenden Tage vergeblich flussaufwärts bis an die Grenze des krystallinischen Gesteins zu gelangen. Nachmittags traten wir die Rückfahrt nach Basey an, das wir Nachts erreichten.
Basey liegt etwa 50' über dem Meer, auf einer Thonbank, die im Westen des Orts in einen mehrere hundert Fuss hohen Hügel mit steilen Wänden übergeht. Ich fand darin in 25 bis 30' Meereshöhe dieselben rezenten Muschelbänke wie bei der Tropfsteinhöhle Sogóton. Nach den Aussagen des Cura und Anderer scheint in dieser Gegend eine schnelle Hebung der Küsten stattzufinden: vor 30 Jahren konnten Schiffe bei Fluth in 3 Faden Wasser am Lande anlegen, jetzt beträgt die Tiefe dort nicht viel über einen Faden. Dicht vor Basey liegen zwei kleine Inseln, Genamók und Tapontónan, die gegenwärtig bei tiefster Ebbe durch eine Sandbank verbunden erscheinen. Noch vor zwanzig Jahren war eine solche nicht wahrnehmbar. Die Richtigkeit dieser Angaben vorausgesetzt, wäre zunächst zu ermitteln, wieviel zu diesen Niveauveränderungen die Strömungen, wieviel vulkanische Hebungen beigetragen haben, die nach der nahen thätigen Solfatara auf Leyte zu schliessen immerhin beträchtlich sein mögen.
Im Baseyfluss sollen nach Versicherung des Pfarrers Krokodile von über 30 Fuss Länge vorkommen, und solche von mehr als 20' häufig sein. Der gefällige Pater versprach mir eines von wenigstens 24 Fuss, dessen Skelet ich gern mitgenommen hätte, und sandte einige Leute aus, die im Fangen dieser Thiere so geübt sind, dass sie zu dem Zweck nach entfernten Orten geholt werden. Ihre Fangvorrichtung, die ich aber nicht selbst sah, besteht in einem leichten Bambusfloss mit einem Gerüst, auf welchem mehrere Fuss über dem Wasser ein Hund oder eine Katze angebunden ist. Längs der Seite des Thieres ist ein starker eiserner Haken angebracht, der vermittelst Abacáfasern an dem schwimmenden Bambus befestigt ist. Hat das Krokodil den Köder und damit zugleich den Haken verschlungen, so bemüht es sich vergeblich loszukommen; denn die Nachgiebigkeit des Flosses verhindert das Zerreissen, die eigne Elastizität das Durchbeissen des Faserbündels. Das Floss dient zugleich als Boye für das gefangene Thier. Nach Angabe der Jäger hausen die grossen Krokodile entfernt von menschlichen Wohnungen, am liebsten unter dichtem Gebüsch, in weichem Sumpf, worin ihr schleppender Bauch Spuren zurücklässt, die sie dem Kundigen verrathen. Nach einer Woche meldete der Pfarrer, seine Leute hätten drei Krokodile eingeliefert, deren grösstes aber nur achtzehn Fuss mässe, er habe keines für mich behalten, da er eines von 30 Fuss zu erlangen hoffe. Seine Erwartung ging aber nicht in Erfüllung.