Part 19
Um 2 1/2 Uhr traten wir den Landweg über die Salta Sangley (Chinesensprung) nach Tragbúcan an, welches in gerader Richtung etwa eine Meile entfernt, an der Stelle liegt, wo der an der Westküste bei Punta Hibáton mündende Calbáyot für Nachen schiffbar wird. Mittelst dieser beiden Flüsse und des kurzen aber beschwerlichen Landwegs besteht eine Verbindung zwischen den bedeutenden Ortschaften Catárman an der Nordküste und Calbáyot an der Westküste. Der Landweg, im besten Falle ein schmaler, von der Sonne nicht beschienener Pfad im dichten Walde, oft nur eine Richtung, führt über schlüpfrige Thonrücken, verschwindet in den Schlammpfützen der dazwischen liegenden Niederungen und läuft zuweilen im Bett der Bäche hin. Die Wasserscheide zwischen dem Catárman und Calbáyot wird von der genannten Salta Sangley, einem flachen, aus Thon- und Sandsteinbänken bestehenden, nach beiden Seiten treppenförmig absteigenden Rücken gebildet, von der das oben angesammelte Wasser in kleinen Kaskaden herabfällt. An den schwierigsten Stellen sind rohe Bambusleitern angebracht. Ich zählte 15 Bäche auf der NO. Seite, die den Catárman speisen und etwa ebenso viele Zuflüsse des Calbáyot auf der SW. Seite. Um 5 Uhr 40 Minuten erreichten wir den höchsten Punkt der Salta Sangley (etwa 90' Meereshöhe). Um 6 Uhr 30 Minuten einen Fluss, den oberen Lauf des Calbáyot, in dessen Bett wir wanderten, bis die zunehmende Tiefe uns zwang, im Dunkeln unsern Weg mühsam durch das Unterholz an seinem Rande zu bahnen; um 8 Uhr befanden wir uns der Visita Tragbúcan gegenüber.
Der Fluss war hier bereits 6 Fuss tief, ein Nachen nicht vorhanden. Nach langem Rufen, Bitten und Drohen entschlossen sich die durch einen Revolverschuss aus dem Schlafe geschreckten Leute ein Bambusfloss zu bauen, auf dem sie uns und unser Gepäck übersetzten. Das nur aus wenigen ärmlichen Hütten bestehende Oertchen liegt hübsch, von bewaldeten Hügeln umgeben, auf einer Sandplatte 50 Fuss über dem schilfbesäumten Fluss.
Dank der Rührigkeit des mich begleitenden Teniente von Catárman war in aller Frühe ein Boot herbeigeschafft worden, so dass wir um 7 Uhr die Reise fortsetzen konnten. Die Ufer blieben 20 bis 40 Fuss hoch. Ausgenommen das Schreien einiger Nashornvögel, die auf den höchsten Bäumen von Ast zu Ast flatterten, nahmen wir keinen Laut, keine Spur von Thierleben wahr. Um 11 1/2 Uhr gelangten wir an eine kleine Visita, Taibágo, um 1 Uhr 35 Minuten an eine ähnliche, Magubáy, und nach zweistündiger Mittagsrast, um 5 Uhr an eine Stromschnelle, die wir geschickt, fast ohne Wasser zu schöpfen, hinabglitten. Der bisher im Mittel 30 Fuss breite, wegen vieler hineingestürzter Baumstämme schwierig zu befahrende Fluss wird hier doppelt so breit. Gegen 11 Uhr Nachts erreichten wir das Meer und ruderten bei völliger Windstille 1 Legua weit die Küste entlang nach Calbáyot, dessen Convento eine herrliche Aussicht auf die davorliegenden Inseln gewährt.
Ein Gewittersturm zwang uns, die Fahrt nach der 7 Leguas entfernten Hauptstadt Catbalógan (oder Catbalónga) auf den Nachmittag zu verschieben. Wir fuhren in einem langen, aus einem Baumstamme gezimmerten, mit Ausriggern versehenen Boote am Strande hin, an welchem sich eine Reihe niedriger bewaldeter Hügel mit vielen kleinen Visitas hinzieht, und umschifften mit einbrechender Dunkelheit die Spitze Napalísan, einen Felsen aus trachytischem Konglomerat, der durch senkrechte Klüfte mit abgerundeten Kanten in eine Reihe thurmartiger Vorsprünge gegliedert, 60 Fuss hoch wie eine Ritterburg aus dem Meere hervorragt. Nachts erreichten wir Catbalógan, die Hauptstadt der Insel (6000 E.) in der Mitte des Westrandes gelegen, in einer kleinen von Eilanden und Landzungen malerisch umgebenen Bucht, schwer zugänglich und dennoch wenig geschützt. -- Nicht Ein Fahrzeug ankerte im Hafen.
Die Häuser, darunter viele von Brettern, sind zierlicher als in Camarínes, die Leute zwar träge, aber bescheidener, ehrlicher, gutmüthiger und von reineren Sitten als die Bewohner Süd-Luzon's. Durch die gefällige Verwendung des Guvernörs erhielt ich schnell eine geräumige Wohnung und einen Diener, der Spanisch verstand. Auch traf ich hier einen sehr intelligenten Indier, der sich grosse Fertigkeit in den verschiedensten Handwerken angeeignet hatte. Mit dem einfachsten Werkzeug besserte er manches an meinen Instrumenten und Apparaten, deren Zweck er schnell begriff, zur vollständigen Zufriedenheit aus und gab viele Proben bedeutender geistiger Fähigkeit.
In Samar sind Flattermakis oder Lemure, Káguang der Bisayer, Galeopithecus, nicht selten. Die Thiere, von der Grösse einer Hauskatze, gehören zu den Vierhändern, sind aber, ähnlich wie die fliegenden Eichhörnchen, mit einer am Halse entspringenden, über Vorder-, Hinterglieder und Schwanz reichenden Flatterhaut versehn, vermittelst welcher sie von einem Baum zum andern in einem sehr stumpfen Winkel gleiten können. [198] Körper und Flatterhaut sind mit einem sehr zarten kurzen Pelz bekleidet, der dem Chinchilla an Feinheit und Weiche wohl kaum nachsteht, und deshalb sehr gesucht ist. Während meiner Anwesenheit trafen zum Geschenk für den Pfarrer sechs lebende Káguangs ein (drei hellgraue, ein dunkelbrauner, zwei graubraune, alle mit kleinen weissen unregelmässig vertheilten Flecken), von denen ich ein Weibchen mit ihrem Jungen erhielt.
Es schien ein harmloses ungeschicktes Thier. Als es von seinen Fesseln befreit war, blieb es am Boden liegen, alle vier Glieder von sich gestreckt, die Erde mit dem Bauch berührend und hüpfte dann in kurzen schwerfälligen Sprüngen, ohne sich dabei emporzurichten, nach der nächsten Wand, die aus gehobelten Brettern bestand. Dort angekommen tastete es lange mit den einwärts gebogenen scharfen Krallen seiner Vorderhände umher, bis ihm endlich die Unmöglichkeit an jener Stelle emporzuklettern klar geworden. Gelang es ihm in einer Ecke oder mit Benutzung einer gelegentlichen Spalte, einige Fuss aufwärts zu klimmen, so fiel es alsbald wieder herab, weil es die verhältnissmässig sichere Stellung seiner Hinterglieder aufgab, bevor die Krallen der vorderen festen Halt gefunden hatten; es nahm aber keinen Schaden, da die Jähheit des Falles durch die schnell ausgespannte Flughaut gebrochen wurde. Diese mit unerschütterlicher Beharrlichkeit fortgesetzten Versuche zeigten einen auffallenden Mangel an Urtheil, das Thier muthete sich viel mehr zu, als es ausführen konnte; daher blieben seine Bemühungen erfolglos, stets aber fiel es ohne sich zu verletzen, Dank dem Fallschirm, womit die Natur es ausgestattet hatte. Wäre der Káguang nicht gewöhnt sich so ganz und gar auf diese bequeme Vorrichtung zu verlassen, so hätte er wohl seinen Verstand mehr gebrauchen, seine Kräfte richtiger beurtheilen gelernt. Das Thier hatte seine fruchtlosen Versuche so oft wiederholt, dass ich es nicht weiter beachtete, -- nach einiger Zeit war es verschwunden. Ich fand es in einem dunklen Winkel unter dem Dache wieder, wo es wahrscheinlich die Nacht erwarten wollte, um seine Flucht fortzusetzen. Offenbar war es ihm gelungen den oberen Rand der Bretterwand zu erreichen und zwischen dieser und der festaufliegenden elastischen Decke aus Bambusgeflecht seinen Körper durchzuzwängen. Das arme Geschöpf, das ich voreilig für dumm und ungeschickt gehalten, hatte unter den gegebenen Umständen die grösstmögliche Geschicklichkeit, Klugheit und Beharrlichkeit gezeigt.
Ein zum Besuch anwesender Padre aus Calbígan versprach mir so viele Wunder in seinem Gebiet, -- eine Fülle der seltsamsten Thiere, höchst unzivilisirte Cimarronen, -- dass ich ihn am folgenden Tage auf seiner Heimreise begleitete. Eine Stunde nach der Abfahrt erreichten wir die kleine Insel Majáva, die aus steil aufgerichteten Schichten eines festen, feinkörnigen vulkanischen Tuffes mit kleinen glänzenden Hornblendekrystallen besteht. Die Insel Buat (Coello's Karte) wird von unsern Schiffern Tubígan genannt. In 3 Stunden gelangen wir nach Umáuas, einem Filial von Calbígan. Es liegt 50 Fuss über dem Meer in einer Bucht, vor welcher sich, wie so oft an dieser Küste, eine Reihe kleiner malerischer Inseln hinzieht, 4 Leguas genau S. von Catbalógan. Calbígan aber, das wir gegen Abend erreichten, liegt von Reisfeldern umgeben 2 Leguas NNO. von Umáuas, 40 Fuss hoch über dem gleichnamigen Fluss, fast anderthalb Leguas von dessen Mündung. An den Ufern des Calbígan ist ein Baum mit schön violblauen Blüthenrispen besonders häufig, er liefert das geschätzteste Bauholz der Philippinen, das dem Teak gleichgeachtet und wie dieses zu den Verbenaceen gehört. Sein inländischer Name ist Molave. (Vitex geniculata Blanco.) [199]
Nach der Versicherung glaubwürdiger Männer soll es in hiesiger Gegend Schlangenbändiger geben. Sie pfeifen die Schlangen angeblich aus ihren Schlupfwinkeln herbei, lassen sie nach ihrem Willen sich bewegen oder innehalten und hantiren sie nach Belieben, ohne von ihnen verletzt zu werden. Den berühmtesten derselben hatten aber die Seeräuber vor Kurzem fortgeschleppt, ein zweiter war zu den Cimarronen in die Berge entwichen, ein dritter, dessen Ruf nicht recht begründet schien, begleitete mich bei meinen Ausflügen, entsprach aber nicht den Schilderungen seiner Freunde. Zwei Giftschlangen [200], die wir unterwegs trafen, fing er, indem er sie geschickt, unmittelbar hinter dem Kopf packte, so dass sie wehrlos waren, und wenn er ihnen still zu liegen befahl, so setzte er ihnen zuvor den Fuss auf den Nacken. Ich verletzte mir auf der Jagd, an einem im Schlamm verborgenen spitzen Ast, den Fuss so erheblich, dass ich unverrichteter Sache nach Catbalógan zurückkehren musste. Die Bewohner von Calbígan gelten für thätiger und umsichtiger als die übrigen der Westküste, auch ihre Ehrlichkeit wird gerühmt. Ich fand sie sehr anstellig, das Sammeln und Zubereiten von Pflanzen und Thieren schien ihnen Freude zu machen, gern hätte ich einen Diener von hier mitgenommen; sie trennen sich aber so schwer von ihrem Dorf, dass alle Bemühungen des Pfarrers, einen zur Mitreise zu bewegen, erfolglos blieben.
In geringer Entfernung NW. von Catbalógan gewahrt man bei Ebbe in weniger als 2 Faden Tiefe einen der üppigsten Korallengärten. Auf einem bunten Teppich von Kalkpolypen und Schwämmen erheben sich wie Staudengewächse Gruppen von lederartigen, fingerdicken Stielen, deren oberes Ende dicht mit Polypen besetzt ist (Sarcophyton pulmo Esp.), die ihre in den schönsten Farben schillernden Tentakelrosen weit geöffnet haben, so dass sie wie Blumen in voller Blüthe erscheinen. Sehr grosse Serpeln strecken aus ihren Kalkröhren zierliche rothe, blaue und gelbe Fühlerkronen heraus, dazwischen wuchern fein gefiederte Plumularien; kleine Fische von wunderbar prächtigen Farben tummeln sich in diesen Nixengärten.
Nachdem Stürme und die Flucht meines Dieners, der das ihm anvertraute Geld beim Hahnenkampf verspielt hatte, mich einige Tage in der Hauptstadt aufgehalten, fuhr ich die Bucht hinauf, die sich im S. von Catbalógan, WO. bis Paránas erstreckt. Der Nordrand derselben besteht aus NS. streichenden, gleich hohen, regelmässigen, von W. sanft ansteigenden, nach O. steil abfallenden Erdwogen, die gegen das Meer scharf abschneiden; 9 kleine Dörfchen liegen an dieser Küste zwischen Catbalógan und Paránas, sie ziehn sich unter Kokos- und Betelpalmen in vereinzelten Häusergruppen von den Mulden aus die westlichen, sanften Abhänge hinauf und endigen, indem sie den Gipfel erreichen, mit einem kleinen Castillo, das schwerlich Schutz gegen die Seeräuber, aber fast immer einen hübschen landschaftlichen Punkt gewährt. Vor dem Südrande der Bucht und nach SW. hin sieht man viele kleine Inseln und bewaldete Felsen, im Hintergrunde die Berge von Leyte, sich zu immer wechselnden Veduten verschieben.
Da die Leute bei schwüler Hitze, völliger Windstille und fast wolkenlosem Himmel beinahe so viel schliefen als ruderten, so erreichten wir erst Nachmittags Paránas, ein sauberes zwischen 20 und 150 Fuss Meereshöhe an einem Abhang gelegenes Dorf. Die am Meere senkrechten Wände bestehn aus grauen gegen das Land einfallenden Thonbänken, und werden überlagert von einer Schicht Muscheltrümmer, deren Zwischenräume mit Thon ausgefüllt sind; über dieser liegt eine festere, durch Kalk verkittete Breccie, aus eben solchen Bruchstücken bestehend. In den Thonbänken finden sich wohlerhaltene Versteinerungen, in Farbe, Habitus, und Vorkommen manchen deutschen Tertiärbildungen zum Verwechseln ähnlich; die Breccien sind gleichfalls fossil, vielleicht auch tertiär; jedenfalls liess sich die Identität der wenigen darin erkennbaren Cerithien, Pecten und Venus mit lebenden Arten nicht feststellen. [201]
Am folgenden Morgen fuhr ich nördlich in einem schmalen Kanal durch einen stinkenden Rhizophorensumpf und setzte dann die Reise zu Lande nach einem kleinen, im Walde gelegenen Dörfchen Loquilócun fort. Halbwegs durchfurtheten wir einen 20' breiten, OW. strömenden Fluss, mit steilen durch Leitern zugänglich gemachten Uferwänden.
Da ich noch immer lahmte (Fusswunden heilen sehr schwer in heissen Ländern), liess ich mich einen Theil des Weges auf landesübliche Weise tragen: der Reisende liegt in einer an einem Bambusrahmen befestigten Hängematte; eine III versinnlicht die Vorrichtung: der mittlere Strich stellt die Hängematte, der Rest den Rahmen dar, dessen hervorragende Enden vier rüstige Polistas auf die Schultern nehmen. Etwa alle zehn Minuten werden die Träger durch andre abgelöst. Zum Schutz gegen Sonne und Regen ist der Rahmen mit einem leichten Pandanusdach versehn.
Die Wege, die man nach Analogie von Unmensch und Unwetter Unwege nennen könnte, waren ziemlich so schlecht, wie die bei der Salta-Sangley; mit Ausnahme des zuweilen bequemen Seestrandes scheinen in Samar keine bessere vorhanden. Nach 3 Stunden gelangten wir an den Loquilócun, der von Norden kommend, dort seinen südlichsten Punkt erreicht, dann NO. dem grossen Ozean zufliesst. Ich fand hier durch die liebenswürdige Fürsorge des Guvernörs zwei kleine Nachen bereit, die durch je zwei in den äussersten Spitzen hockende Männer mit bewundernswürdiger Gewandtheit getrieben zwischen den Baumstämmen und Felsen im Bett des reissenden Bergstromes durchschlüpften. Unter lautem Jauchzen glitten beide Kähne einen 1 1/2 Fuss hohen Fall hinab, ohne Wasser zu schöpfen.
Das Dörfchen Loquilócun liegt in drei Häusergruppen auf drei Hügeln. Die Bewohner waren sehr freundlich, gefällig, bescheiden und so erfolgreich im Sammeln, dass mein mitgeführter Weingeist schnell verbraucht war; in Catbalógan konnten meine Boten nur einige Flaschen auftreiben, und meine eignen Vorräthe waren durch ungeschickte Zuvorkommenheit eines zu gefälligen Freundes in falscher Richtung gesandt, und erreichten mich erst nach Monaten wieder; der in Samar käufliche Palmenwein war zu schwach. Täglich fuhren ein oder zwei Nachen aus, um für mich zu fischen, doch erhielt ich nur wenige Individuen, die fast ebenso vielen Arten und Gattungen angehörten. Wahrscheinlich hat der Missbrauch, die Fische durch Vergiftung des Wassers zu tödten (es wird hier die zerklopfte Frucht einer Barringtonia dazu verwendet) den Fluss so fischleer gemacht.
Nach einigen Tagen verliessen wir das Oertchen um 9 Uhr 30 Minuten Vormittags, enggepackt in zwei kleinen Nachen, und waren, als wir um 1 Uhr 7 Minuten Dini, eine bewohnte Hütte im Walde erreichten, über 40 Stromschnellen von 1 bis 1 1/2 Fuss und mehr Tiefe hinabgestiegen. Die bedeutendsten derselben haben Namen, die auf der Coelloschen Karte richtig angegeben sind. Folgendes sind ihre Abstände nach der Uhr: 10 Uhr enge Felsenschlucht, an deren Ende das Wasser mehrere Fuss tief in ein grösseres Becken stürzt. Die Kähne, die bisher mit wunderbarer Geschicklichkeit, wie gewandte Pferde zwischen allen Hindernissen des Flussbettes und über alle Sprudel und Schwellen, fast ohne Wasser zu schöpfen, geglitten, werden ausgeladen, es bleiben nur 2 Mann in jedem Nachen zurück, die laut jauchzend hinabschiessen, wobei sich die Kähne bis an den Rand füllen.
Dem Wasserfall gegenüber war eine Schuttbank angeschwemmt, in welcher sich, ausser Trümmern des anstehenden Gesteins, sehr abgeschliffene Gerölle von Porphyr und Jaspis, auch einige Stücke Kohle mit vielem Schwefelkies fanden, die wohl zur Regenzeit weiter oberhalb in den Fluss gelangen; ihr Ursprung war den Schiffern unbekannt. -- 11 Uhr 56 Minuten bis 12 Uhr: ununterbrochene Reihe von Schnellen, die mit grösster Gewandtheit, ohne Wasser zu schöpfen, überwunden wurden. Etwas tiefer, um 12 Uhr 3 Minuten nahmen wir so viel Wasser ein, dass wir landen und ausschöpfen mussten. Um 12 Uhr 15 Minuten die Fahrt fortgesetzt, der Fluss war nun durchschnittlich 60 Fuss breit. Im Waldrande machen sich eine kaum 10' hohe, schlanke Palme durch ihre Häufigkeit und viele Phalaenopsis durch seltene Blüthenpracht bemerklich. Weder Vögel noch Affen noch Schlangen wurden wahrgenommen, doch sollen grosse, bis schenkeldicke Python nicht selten sein.
Um 12 Uhr 36 Minuten gelangten wir an eine der schwierigsten Stellen, eine Reihe von Schwellen mit vielen aus dem Wasser aufragenden Felsen, zwischen welchen die in vollem Schuss befindlichen Nachen mit schnellen Wendungen glücklich durchschlüpfen. Das Wagstück wurde von beiden Mannschaften mit gleicher Meisterschaft unter äusserster Anspannung ihrer Kräfte ausgeführt. -- 1 Uhr 17 Minuten Ankunft bei Dini, dem bedeutendsten Wasserfall der ganzen Strecke. Hier mussten die Kähne mit Zuhülfenahme der von den hohen Waldbäumen wie Taue herabhängenden Lianen aus dem Wasser gezogen und über die Felsen geschleppt werden. -- 2 Uhr 21 Minuten Fortsetzung der Reise. -- 2 Uhr 28 Minuten bis 2 Uhr 30 Minuten eine unregelmässige, aus vielen Stufen gebildete Treppe hinabgestiegen, viel Wasser geschöpft. Bisher floss der Loquilócun in einem Felsenbett mit meist steilen Ufern, zuweilen auf lange Strecken unter einem dichten Laubgewölbe, von welchem mächtige Ranken und mehr als Klafter lange zierliche Farne herabhingen. Hier öffnet sich die Gegend etwas; es zeigen sich flache Hügel mit niedrigem Gebüsch, im NW. höhere bewaldete Berge. Während der letzten zwei Stunden von einem Sturzregen begleitet, erreichen wir um 5 Uhr 30 Minuten ein einzelnes Haus mit freundlichen Leuten, wo Nachtquartier gemacht wird.
Am folgenden Morgen wurde die Fahrt stromabwärts fortgesetzt. Nach 10 Minuten glitten wir den letzten Wasserfall hinunter, zwischen weissen marmorartigen mit herrlichstem Pflanzenwuchs beladenen Kalkfelsen. Ganze Aeste voll Phalaenopsis (P. Aphrodite Reichb. fls.) ragten über den Fluss; wie grosse prächtige Schmetterlinge schwebten ihre Blüthen über der schäumenden Fluth. Zwei Stunden später ist der Strom 200' breit geworden und schleicht, nachdem er von Loquilócun eine 50 Meter hohe Treppe herabgesprungen, in gemächlichen Windungen durch flaches Schwemmland der Ostküste zu, ein breites Aestuar bildend, an dessen rechtem Ufer, eine halbe Legua vom Meer entfernt, die Ortschaft Jubásan oder Paríc (2300 Seelen) liegt; sie giebt dem untern Lauf des Stromes ihren Namen. Hier verliessen mich die trefflichen Männer von Loquilócun, um die sehr beschwerliche Rückfahrt anzutreten.
Durch Sturm aufgehalten konnte ich mich erst am folgenden Tage nach Túbig (2858 E.), südlich von Paríc, einschiffen. Immer noch an anstrengenden Märschen verhindert, fuhr ich im Ruderboot die Küste entlang von Túbig nach Boróngan (7685 E.), bei dessen eben so intelligentem als gefälligen Pfarrer ich einige Tage verweilte, und setzte dann die Fahrt nach Guíuan (auch Guiuang, Guiguan) fort, der bedeutendsten Ortschaft Samars (10781 E.), auf einer schmalen von der SO. Spitze der Insel ins Meer ragenden Landzunge gelegen.
Dicht am Strande bricht bei letzterem Ort aus fünf bis sechs Oeffnungen eine wasserreiche, schwach nach Schwefelwasserstoff riechende Quelle aus, die während der Fluth vom Meer bedeckt, bei Ebbe frei liegt, so dass sie dann kaum merklich salzig schmeckt. Zur Untersuchung des Wassers wurde durch Einsenken eines hohen bodenlosen Topfes ein Brunnen geschaffen und nachdem das Wasser eine halbe Stunde lang übergeflossen, eine Probe genommen, die leider später abhanden kam. Wärme des Quellwassers 8 Uhr Vorm.: 27°7., der Luft: 28°7, des Meerwassers: 31°2 C. Die Quelle dient den Frauen zum Färben ihrer Sarongs. Die mit dem Absud einer gerbestoffreichen Rinde getränkten Stoffe (Abacázeuge erhalten zuvor eine Kalkmilchbeize) werden, nachdem sie an der Sonne getrocknet, bei Ebbe in die Quelle gelegt, während der Fluth herausgenommen, getrocknet, in Rindenabsud getaucht und nass wieder in die Quelle gelegt; dies wird drei Tage lang wiederholt. Das Ergebniss ist ein dauerhaftes, aber hässliches Dintenschwarz (gallussaures Eisenoxyd).
In Loquilócun und Borongan hatte ich Gelegenheit, zwei lebende Gespensterthiere [202] zu kaufen. Diese äusserst zierlichen, seltsamen, zu den Halbaffen gehörenden Thierchen sollen, wie man in Luzon und Leyte versicherte, nur in Samar vorkommen und ausschliesslich von Holzkohle leben. Mein erster Mago musste anfänglich etwas hungern, denn Pflanzenkost verschmähte er, in Bezug auf Insekten war er wählerisch; lebende Heuschrecken frass er mit grossem Behagen. [203] Es sah äusserst drollig aus, wie das Thier, wenn es bei Tage gefüttert wurde, aufrecht stehend, auf seine beiden dünnen Beine und den kahlen Schwanz gestützt, den grossen kugelrunden, mit gewaltigen gelben Uhuaugen versehenen Kopf nach allen Richtungen bewegte, wie eine Blendlaterne auf einem Statif mit Kugelgelenk. Nur allmälig gelang es ihm, seine Augen auf den dargebotenen Gegenstand richtig einzustellen; hatte es ihn aber endlich wahrgenommen, so reckte es plötzlich beide Aermchen seitwärts, etwas nach hinten aus, wie ein Kind, das sich freut, griff schnell zu, mit Händen und Maul zugleich, und verzehrte bedächtig die Beute. Bei Tage war der Mago schläfrig, blödsichtig, und wenn man ihn störte, mürrisch; mit abnehmendem Tageslicht erweiterte sich seine Pupille, Nachts bewegte er sich lebhaft und behend mit geräuschlosen schnellen Sprüngen, am liebsten seitwärts. Er wurde bald zahm, starb aber leider nach einigen Wochen. Das zweite Thierchen am Leben zu erhalten, gelang mir auch nur kurze Zeit.
ZWANZIGSTES KAPITEL
REISEN IN SAMAR, FORTSETZUNG. -- SÜDSEE-INSULANER DURCH STÜRME VERSCHLAGEN. -- TODTENHÖHLEN UND LEICHENBESTATTUNG DER ALTEN BISAYER. -- KROKODILE. -- IGNAZBOHNE. -- KOKOSÖL.
In Guíuan erhielt ich Besuch von Mikronesiern, die seit vierzehn Tagen beschäftigt waren, bei Sulángan auf der schmalen Landzunge SO. von Guiuan nach Perlmuscheln zu tauchen, und eigens zu dem Zweck die gefahrvolle Reise unternommen hatten. [204]
Sie waren aus Uleai (Uliai 7°20 N. 143°57 O. Gr.) in fünf Booten, jedes mit 9 Mann Besatzung ausgelaufen, jedes Boot enthielt 40 Kürbis voll Wasser, Kokosnüsse und Bataten. Jeder Mann bekam täglich eine Kokosnuss und zwei in der Asche der Kokosschalen gebackene Bataten. Sie fingen einige Fische unterwegs und sammelten Regenwasser auf. Bei Tage steuerten sie nach der Sonne, Nachts nach den Sternen. Ein Sturm zerstreute die Boote. Zwei derselben gingen sammt der Mannschaft vor den Augen der Uebrigen zu Grunde, nur eines, wahrscheinlich das einzige gerettete, erreichte zwei Wochen nach der Abfahrt Tandag an der Ostküste von Mindanao. In Tandag blieben die Leute zwei Wochen, verrichteten Feldarbeit für Tagelohn und fuhren dann nordwärts die Küste entlang nach Cántilang 8°25' N., Banóuan (bei Coello irrthümlich Bancuan) 9°1' N., Taganáan 9°25' N., von da nach Surigáo an der Nordspitze von Mindanáo und dann mit Ostwind in zwei Tagen gerade aus nach Guíuan. In der deutschen Uebersetzung von Capt. Salmon's Historie der orientalischen Inseln ... Altona 1733 heisst es Seite 63: