Reisen in den Philippinen

Part 18

Chapter 183,544 wordsPublic domain

Früh Morgens ritt ich auf dem Gaule des Pfarrers nach Legaspi, und Abends durch tiefen Schlamm zum Alkalden nach Albay. Wir befanden uns jetzt (Juni) mitten in der sogenannten trocknen Jahreszeit, es regnet aber fast täglich. Der Weg zwischen Albay und Legaspi war schlechter als je. Während meines Besuches ging vom Kommandanten der Falúas an der Südküste die Meldung ein, dass er zwei Seeräuberboote verfolgte als plötzlich sechs andre erschienen, um ihm den Rückweg abzuschneiden, weshalb er schleunig umkehrte. Die Falúas sind zwar stark bemannt, und mit Kanonen versehn, aber die von den Ortschaften der Küste gestellte Mannschaft ist gänzlich ungeübt im Gebrauch der Feuerwaffen, und hat solche Furcht vor den Moros, dass sie, wenn nur die geringste Hoffnung zur Flucht vorhanden, mit allen Kräften das Land zu erreichen sucht um davon zu laufen. Die Küstenorte, ohne andre Waffen als hölzerne Piken, waren den Seeräubern völlig preisgegeben, die in Catanduánes, Biri, und mehreren kleinen Inseln festen Stand gefasst hatten und ungestraft Schiffe kaperten oder am Lande Menschen raubten. Fast täglich wurden neue Räubereien und Mordthaten aus den Stranddörfern gemeldet. Die während des Raubzuges zum Rudern verwendeten Gefangenen werden schliesslich als Sklaven verkauft. Bei der Theilung sollen je zwei dem Dato, der die Schiffe ausgerüstet, einer der Mannschaft zufallen. [185] Zwar sind die Küstenfahrer in diesen Gewässern grösstentheils mit Geschützen versehn, doch liegen diese gewöhnlich im Schiffsraum, da Niemand an Bord damit umzugehn weiss. Sind die Kanonen auf Deck befestigt, so fehlen die Kugeln oder das Pulver, aber der Kapitän verspricht es das nächste Mal besser einzurichten. [186] Der Alkalde berichtete die Thaten der Seeräuber mit jeder Post nach Manila, wies auf die grossen dem Handel zugefügten Verluste, und auf die Pflicht der Regierung ihre Unterthanen zu schützen, um so mehr, als diesen keine Feuerwaffen gestattet sind. [187] Von den Bisaya-Inseln ertönten dieselben Hülferufe. Die Regierung war aber machtlos gegen das Uebel. Wurden die Klagen gar zu laut, so sandte sie in die am meisten heimgesuchten Gewässer ein Dampfboot, das fast nie einen Seeräuber zu sehn bekam, obgleich diese dicht vor und hinter ihm ihr Wesen trieben.

In der Hauptstadt Samars traf ich später einen Regierungsdampfer, der seit vierzehn Tagen vergeblich gegen Piraten kreuzte; denn diese, gewöhnlich schon durch ihre Spione gewarnt, sehn den Rauch des Dampfbootes früh genug, um mit ihren flachen Kähnen zu entschlüpfen. Die Offiziere wussten von vornherein, dass ihre Fahrt schwerlich andern Erfolg haben würde, als den geschädigten Provinzen zu zeigen, dass ihr Nothschrei nicht unbeachtet blieb. [188]

Es waren indessen damals schon 20 kleine Dampfkanonenboote von geringem Tiefgang in England bestellt und ihrer Vollendung nahe, sie wurden in Stücken um das Kap transportirt, die ersten beiden trafen bald darauf in Manila ein, die übrigen folgten, und es gelang ihnen den Archipel auf einige Zeit von dieser schweren Plage fast zu befreien [189], wenigstens von den ächten Moros, die jährlich aus der Solosee meist von der Insel Tavi-tavi kamen, im Mai nach den Bisayas gelangten, und dann ihre Raubzüge im Archipel fortsetzten, bis der Wechsel des Monsun im Oktober oder November sie zur Rückkehr zwang. [190] In den Philippinen erhielten sie neuen Zuwachs durch Vagabunden, Desertöre, entlassene Sträflinge, ruinirte Spieler. Aus denselben Elementen werden auch die Banden von Strassenräubern (Tulisánes) gespeist, die zuweilen sehr zahlreich auftreten und Streiche von ausserordentlicher Keckheit ausführen. Nicht lange vor meiner Ankunft waren sie in eine Vorstadt Manila's eingefallen und hatten in den Strassen mit dem Militär gekämpft. Ein Theil des letzteren pflegt regelmässig durch den Dienst gegen Tulisanes in Anspruch genommen zu werden. Die Räuber sollen in der Regel gegen ihre Opfer nicht grausam sein, wenn kein Widerstand geleistet wird. [191]

In Legaspi fand ich mehrere Kisten mit Blechfuttern, die mit der Ueberlandpost nach 16 Monaten, statt nach 7 Wochen, für mich angekommen waren, da sie von Berlin über Triest versandt, wegen des italienischen Krieges dort liegen geblieben. Ihr fast ausschliesslich zum Gebrauch in den Philippinen bestimmter Inhalt war mir jetzt zum grössten Theil überflüssig. In einer Kiste befanden sich zwei mit Glasstöpseln verschlossene Fläschchen, die eine mit feuchtem Kohlenpulver, die andre mit feuchtem Lehm gefüllt, beide enthielten Samen von Victoria regia und Knollen rother und blauer Nymphäen. Die in der ersten Flasche waren verdorben -- wie sich erwarten liess; aber in der mit feuchtem Lehm gefüllten hatten zwei Knollen 1/2 Zoll lange Keime getrieben und sahen ganz gesund aus. Ich pflanzte sie sogleich; in einigen Tagen entwickelten sie kräftige Blätter. Eine dieser schönen, ursprünglich für den Buitenzorger Garten in Java bestimmten Pflanzen blieb in Legaspi, die andre sandte ich nach Manila, wo ich sie später in voller Blüthe wieder sah. Im Kohlenpulver hatten zwei Victoriakerne über einen Zoll lange Wurzeln gemacht, die aber abgefault, vielleicht auch bei der Zollrevision abgerissen und dann gefault waren, denn der Hals des Fläschchens war zerbrochen; das Kohlenpulver sah aus als wäre darin gerührt worden. Ich theilte dem Inspektor des Berliner botanischen Gartens den glänzenden Erfolg seiner Verpackungsart mit; er machte eine zweite Sendung direkt nach Java, die im besten Zustande ankam, so dass nicht nur die Victoria, sondern auch die von einem afrikanischen Vater und einer asiatischen Mutter in Berlin erzeugten rothen Teichrosen jetzt die Wasserbecken Java's (letztere Pflanzen vielleicht auch die der Philippinen) schmücken.

Wegen der anhaltenden Regen benutzte ich zwei Backöfen, um meine Sammlungen vor dem Einpacken zu trocknen. Mein Diener verbrannte den grössten Theil, so dass der Rest in einer geräumigen Kiste Platz fand, die ich für einen Dollar erstand. Leider fehlte der Deckel. Um diesen zu beschaffen, musste ich zuerst einen Zimmermann, der wegen einer kleinen Schuld gefangen sass, frei machen, dann Vorschuss geben, um ein Brett zu kaufen und Vorschuss um das versetzte Handwerkzeug auszulösen; die endlich begonnene Arbeit wurde mehrere Male unterbrochen, weil ältere Vorschüsse ungestümer Gläubiger durch Arbeit getilgt werden mussten. Nach fünf Tagen war der Deckel fertig; er kostete drei Dollar, hielt aber nicht lange, denn schon in Manila musste er durch einen neuen ersetzt werden.

In Legaspi fand ich Gelegenheit einen kleinen Schoner nach der Insel Samar zu benutzen, die SO. von Luzon, jenseits der 3 Leguas breiten S. Bernardino-Strasse liegt. Im Augenblick der Abreise verliess mich mein Diener »um ein wenig von den Strapazen auszuruhn« -- zu meinem grossen Bedauern, -- denn Pepe war gutmüthig, sehr anstellig und immer guter Laune. Er hatte in seinem Geburtsorte Cavite, wo viele spanische Soldaten und Seeleute leben, diesen manches abgesehn, und wurde scherzweis Español de Cavite genannt. Das Herumstreichen von einer Ortschaft zur andern gefiel ihm sehr, er machte schnell Bekanntschaft, und wusste sich bei den Frauen beliebt zu machen; denn er besass viele gesellige Talente, verstand auch Guitarre zu spielen und Büffelkühe zu melken. Kamen wir in ein Pueblo, wo eine Mestizin oder gar eine »Landestochter« (Kreolin) wohnte, so requirirte er, wenn es anging, sogleich eine milchende Büffelkuh, molk sie, brachte der Señora einen Theil der Milch und hielt, unter dem Vorgeben der Dolmetscher meiner Gesinnungen zu sein, eine so höfliche wohlgesetzte Rede, pries die Schönheit und Anmuth der Dame und liess sich mit demüthigster Miene so ungeheuerliche Reiseabenteuer abfragen, dass Ritter und Knappe in hellem Glanze strahlten. Das Geschenk war immer willkommen, (und brachte uns manch Körbchen Orangen ein); denn Büffelmilch ist zur Chocolade sehr beliebt, es kommt aber, wie es scheint, nur selten jemand auf den Einfall eine Kuh zu melken. Leider mochte Pepe nicht Berge steigen, und bekam Bauchweh, wenn er mich begleiten sollte, oder er verschenkte meine starken Schuhe oder liess sie stehlen; die einheimischen aber blieben unangetastet; denn er wusste wohl, dass sie fast nur zum Reiten taugen, woran auch er Freude hatte. In meiner Gesellschaft arbeitete er schnell und gern, aber allein langweilte es ihn, er fand überall Freunde, die ihn abhielten; dann liess er bei dem Abbalgen der Vögel das Fleisch in den Beinen sitzen, so dass sie verfaulten und fortgeworfen werden mussten. Noch unangenehmer war ihm das Packen, darum that er es so schnell als möglich, doch nicht immer mit genügender Sorgfalt, wie einmal, wo er Schuhe, Arsenikseife, Zeichnungen und Chocolade in ein Tuch zusammenband. Trotz solcher kleinen Mängel war er mir sehr nützlich und angenehm. Nach einer so unzivilisirten Insel, wie Samar, ging er aber nicht gern, und als er gar seinen Lohn für acht Monate auf einmal erhielt, und plötzlich ein kleiner Kapitalist war, konnte er der Versuchung nicht widerstehn, ein wenig von den Strapazen auszuruhn.

NEUNZEHNTES KAPITEL

REISEN IN SAMAR. -- WETTER. -- BEAMTENWAHL. -- NORDKÜSTE. -- CATBALOGAN. -- FLATTERMAKIS. -- SCHLANGENBÄNDIGER. -- TERTIÄRVERSTEINERUNGEN. -- STROMSCHNELLEN DES LOQUILOCUN. -- GESPENSTERTHIER.

Die Insel Sámar, von beinahe rhombischem Umriss, mit wenig ausgezackten Rändern, erstreckt sich NW.--SO. von 12° 37' bis 10° 54' N., ist im Mittel 22 M. lang und halb so breit; ihr Flächenraum beträgt über 220 quadr. M. Im Süden wird sie durch die schmale San Juanico-Strasse von der Insel Leyte getrennt, mit welcher sie früher zu einer Provinz vereinigt war. Jetzt steht jede Insel unter einem besondern Guvernör.

Von ältern Schriftstellern wird die Insel Tendaya, Ybabáo, auch Achan und Philippina genannt, später hiess die östliche Seite Ybabáo, die westliche Sámar, welches jetzt die amtliche Benennung für die ganze Insel ist; das östliche Gestade wird als die Contracosta unterschieden. [192]

Der NO. Monsun überwiegt hier, wie an den Ostküsten Luzon's, an Dauer und Stärke den SW.-Monsun, dessen Gewalt durch die südwestlich liegenden Inseln gebrochen wird; während die NO. Winde mit ihrer ganzen Kraft und der Wucht ihrer im grossen Ozean aufgesogenen Wassermasse gegen die Küsten dieser östlichen Inseln anprallen. Im Oktober treten zwischen NW. und NO. schwankende, vorherrschend nördliche Winde ein, Mitte November wird der Nordost beständig und dauert, nur selten von Nord unterbrochen, bis zum April. Dies ist auch die Regenzeit; am nassesten sind Dezember und Januar, wo es zuweilen vierzehn Tage ohne Unterbrechung regnen soll. An der Nordküste bei Láuang dauert die Regenzeit von Oktober bis Ende Dezember. Januar bis April sind trocken; Mai, Juni, Juli Regen; August, September trocken. Es giebt also dort zwei nasse und zwei trockene Jahreszeiten. Von Oktober bis Januar kommen zuweilen heftige Stürme vor (Baguios = Taifun); sie beginnen gewöhnlich mit Nordwind, gehen nach Nordwest, von schwachem Regen begleitet, dann zurück nach N., mit zunehmender Stärke nach NO. und O., wo sie ihre grösste Gewalt erreichen, und dann mit schwachem Winde nach Süden übergehen; zuweilen aber drehen sie schnell durch Ost nach Süd und erlangen erst dort ihre grösste Kraft.

Von Ende März bis Mitte Juni herrschen unbeständige östliche Winde (NO. O. SO.) mit sehr hoher See an der Ostküste. Der Mai ist gewöhnlich windstill. Im Mai und Juni häufige Gewitter, welche den SW.-Monsun einleiten, der in den Monaten Juli, August, September zur Geltung kommt, aber nie so beständig ist, wie der NO.. Die genannten drei Monate bilden die trockene Jahreszeit, sie wird aber von häufigen Gewittern unterbrochen. Es vergeht wohl keine Woche regenlos. In manchen Jahren findet an jedem Nachmittage ein Gewitter statt. In dieser Jahreszeit können Schiffe an der Ostküste anlegen; während des NO.-Monsun ist Schifffahrt dort nicht möglich. Diese allgemeinen Verhältnisse sind manchen örtlichen Abweichungen, namentlich an der Süd- und Westküste unterworfen, wo die Regelmässigkeit der Luftströmungen durch die davor liegenden, bergigen Inseln gestört wird. Nach dem Estado geogr. 1855 S. 345 tritt alljährlich bei dem Monsunwechsel, im September oder Oktober eine ausserordentlich (unter Umständen 60 bis 70 Fuss) hohe Fluth ein, Dolo genannt, die sich mit furchtbarer Gewalt gegen die Ost- und Südküste wirft, grossen Schaden anrichtet, aber eine Gezeit nicht überdauert. Das Klima von Samar und Leyte scheint an den Küsten sehr gesund zu sein und zu den zuträglichsten des Archipels zu gehören. Ruhr, Durchfall und Fieber kommen seltener vor als in Luzon; auch Europäer sollen ihren Anfällen hier weniger ausgesetzt sein als dort.

Samar ist fast nur an seinen Rändern von zivilisirten Indiern bewohnt, und zwar von Bisayern, die durch Sprache und Sitten etwa in demselben Grade von den Bicols verschieden sind, wie diese von den Tagalen. Im Innern fehlen Strassen und Dörfer beinahe gänzlich; es ist mit dichtem Walde bedeckt und dient unabhängigen Stämmen zum Aufenthalt, die etwas Ackerbau treiben (Knollengewächse und Bergreis), und die Produkte des Waldes sammeln, namentlich Harze, Honig und Wachs, woran die Insel sehr reich ist.

Am 3ten Juli verliesen wir Legáspi, schlichen, durch häufige Windstillen aufgehalten, am Nordrande von Albáy bis zur Punta Montúfar, dann an der kleinen Insel Viri vorbei, und erreichten Láuang erst am 5ten Abends. Das Gebirge von Bácon (Pocdol bei Coello), das mir auf früheren Reisen durch Nacht oder Nebel verborgen geblieben, zeigte sich im Vorüberfahren deutlich als ein Kegelberg, daneben ragte eine sehr schroffe tiefgefurchte Bergwand auf, anscheinend der Rest eines Ringgebirges. Nachdem der Steuermann, ein alter, aus der Gegend gebürtiger Indier, der die Reise schon oftmals gemacht, uns zuerst nach einem falschen Hafen gefahren, setzte er das Schiff auf der Barre fest, obgleich hinreichend Wasser vorhanden war, um bequem in den Hafen einzulaufen.

Die Ortschaft Láuang (Láhuan) von mehr als 4500 Einwohnern, liegt zusammengedrängt auf dem 40 Fuss hohen Südwestrande der gleichnamigen kleinen Insel, durch einen Arm des Catúbig von Sámar getrennt. Nach einer verbreiteten Ueberlieferung lag der Ort früher auf Sámar selbst, inmitten seiner noch heut dort vorhandenen Reisfelder, bis wiederholte Ueberfälle von Seeräubern die Einwohner bewogen sich trotz der damit verbundenen Unbequemlichkeiten zu ihrem Schutz auf der Südkante der steil aus dem Meer emporsteigenden kleinen Insel anzusiedeln. [193] Diese besteht aus fast horizontalen, 8 bis 12 Zoll dicken Tuffbänken. Die an der Fluthgrenze von den Wellen fortwährend benagten Schichten veranlassen die obern Bänke abzubrechen, so dass die ziemlich gleich dicken, durch vertikale Sprünge zerklüfteten Schichtenköpfe wie Festungsmauern erscheinen. Die Kirche und das Convento haben des beschränkten Raumes wegen jeden flachen Absatz des Felsens in verschiedenen Höhen benutzen, sich der Oertlichkeit anbequemen müssen und sind daher, wohl ohne Absicht des Erbauers, ganz malerisch geworden.

Der Ort liegt hübsch, die Häuser sind aber nicht, wie sonst häufig, von kleinen Gärten umgeben, es herrscht grosser Wassermangel und übler Geruch. Zwei oder drei spärliche Quellen, fast im Meeresniveau, liefern ein trübes, brackisches Wasser, mit dem die trägen Leute sich begnügen, so lange es eben ausreicht. Wohlhabende lassen ihr Wasser von Samar holen, wozu auch die Aermeren zuweilen durch das Versiegen der Quellen gezwungen werden. Zum Baden reicht das Quellwasser nicht aus, Seebäder sind nicht beliebt, die Leute sind daher sehr schmutzig. Ihre Kleidung ist dieselbe wie in Luzon, die Frauen tragen aber keinen Tapis, sondern nur Camisa (ein kurzes, die Brüste kaum deckendes Hemd) und Saya, meist aus grober, störriger Guinara, die hässliche Falten bildet und wenn nicht schwarz gefärbt, sehr durchscheinend ist. Schmutz und dezentes Wesen schützen aber mehr als dichte Gewänder. Die Bewohner von Láuang stehen wohl mit Recht in dem Ruf sehr träge zu sein. Ihr Gewerbfleiss beschränkt sich fast auf etwas Landbau, selbst der Fischfang wird so vernachlässigt, dass es häufig an Fischen mangelt. Eigene Schifffahrt ist kaum vorhanden, obgleich es keine Landstrassen giebt. Der Handel wird meist durch Schiffer aus Catbalógan betrieben, die den Ueberschuss der Ernten gegen andere Erzeugnisse eintauschen.

Vom Convento überblickt man einen Theil der Insel Samar, deren Bergformen die Fortsetzung der flachen Schichtung anzeigen. In der Mitte der Landschaft ragt in Entfernung einiger Meilen ein in der Geschichte der Gegend berühmter Tafelberg hervor. Dorthin hatten sich die Eingeborenen des nahen Dorfs Palápat, nachdem sie ihren Pfarrer, einen zu lüsternen Jesuitenpater, ermordet, zurückgezogen und Jahre lang mit den Spaniern Guerillakrieg geführt, bis sie endlich durch Verrath überwältigt wurden.

Das Innere der Insel ist schwierig zu bereisen, da keine Wege vorhanden sind; die Küsten werden sehr von Seeräubern heimgesucht. In den letzten vierzehn Tagen waren mehrere Pontins und vier mit Abacá beladene Schoner gekapert, die Mannschaft zum Theil grausam ermordet, ihre Leichname zerstückelt worden, -- eine Abweichung vom Brauch, denn gewöhnlich werden die Gefangenen während der Dauer des Raubzuges zum Rudern benutzt und später in den Inseln der Solosee als Sklaven verkauft. Es war gut, dass wir den Piraten nicht begegnet, denn obgleich wir vier kleine Kanonen an Bord führten, verstand Niemand ihre Behandlung. [194]

Der zur Leitung der Wahlen für die Gemeindeämter erwartete Guvernör sandte, durch Krankheit verhindert, einen Stellvertreter. Da die Wahlen alljährlich im ganzen Lande nach derselben Vorschrift vollzogen werden, so mag diese, der ich beiwohnte, als Beispiel beschrieben werden: Sie findet im Gemeindehaus statt; am Tisch sitzt der Guvernör (oder sein Vertreter), ihm zur Rechten der Pfarrer, links der Schreiber, der zugleich Dolmetscher ist. Sämmtliche Cabezas de Barangay, der Gobernadorcíllo und die es früher gewesen, haben auf Bänken Platz genommen. Es werden zuerst durch das Loos je 6 von den Cabézas, und von den Gobernadorcillo's zu Wählern ernannt; der fungirende Gobernadorcíllo ist der dreizehnte, die Uebrigen verlassen den Saal. Nachdem der Vorsitzende die Statuten verlesen und die Wähler zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflicht ermahnt, treten diese einzeln an den Tisch und schreiben drei Namen auf einen Zettel. Wer die meisten Stimmen hat, wird, wenn weder Pfarrer noch Wähler begründeten Einspruch erheben, sofort zum Gobernadorcíllo für das kommende Jahr ernannt, vorbehaltlich der Bestätigung der Oberbehörde in Manila, die wohl immer erfolgt, denn schon der Einfluss des Cura würde eine missliebige Wahl verhindern. Auf dieselbe Weise findet die Wahl der übrigen Beamten statt, nachdem zuvor der neue Gobernadorcillo in den Saal gerufen, damit er etwaige triftige Einwendungen gegen seine aus der Wahl hervorgehende künftige Beamten machen könne. Die ganze Handlung ging mit grosser Ruhe und Würde vor sich. [195]

Am folgenden Morgen fuhr ich in Gesellschaft des gefälligen Pfarrers, dem sich fast alle Knaben des Dorfes anschlossen, in einem grossen Boot nach Samar über. Von elf kräftigen Gepäckträgern, die der Vertreter des Guvernörs für mich ausgewählt hatte, bemächtigten sich vier einiger Kleinigkeiten und eilten damit voraus, drei andere verbargen sich im Gebüsch, vier waren schon in Láuang davongelaufen. Das Gepäck wurde auseinandergenommen, unter die zurückgeholten vier Träger und die zum Vergnügen mitgegangenen kleinen Jungen vertheilt. Wir folgten dem Seestrand in westlicher Richtung und erreichten sehr verspätet die nächsten Visitas, wo es dem Cura nach vieler Mühe gelang, die fehlenden Träger zu ersetzen. Westlich von der Mündung des Pambújan springt eine Landzunge in's Meer, ein Lieblingsaufenthalt der Seeräuber, da sie dort im Walde verborgen, den Strand übersehen können, der sich zu beiden Seiten in weiten Bogen ausdehnt und die einzige Strasse zwischen Láuang und Catárman bildet. Schon viele Menschen sind hier geraubt worden und nur mit genauer Noth war der mich bis hierher begleitende Pater vor einigen Wochen dieser Gefahr entgangen.

Der letzte Theil der Tagereise verlief sehr munter. Ein vorausgesandter Bote hatte an allen Flussmündungen Kähne stellen lassen; da man in diesem Gebiet kaum andre Europäer kennt, als Geistliche, so wurde ich in der Dunkelheit für einen Kapuziner im Reiseanzug gehalten, die Männer leuchteten mir mit Fackeln bei der Ueberfahrt, die Frauen drängten sich heran um mir die Hand zu küssen. Ich übernachtete unterwegs und gelangte am folgenden Tage nach Catárman (Caladman auf Coellos Karte), einem reinlichen, geräumigen Ort von 6358 Seelen, an der Mündung des gleichnamigen Flusses. Sechs Pontins aus Catbalógan lagen dort um Reis für Albáy zu laden. Die Bewohner der Nordküste sind zu schlechte Seefahrer, um ihre Produkte selbst auszuführen; sie überlassen es den Leuten aus Catbalógan, die, weil es ihnen an Reisfeldern mangelt, gezwungen sind, ihre Thätigkeit auf anderen Gebieten zu entfalten.

Früher mündete der Fluss von Catárman weiter östlich und war sehr verschlämmt. Im Jahre 1851 bahnte er sich in dem lockeren, aus Quarzsand und Muscheltrümmern bestehenden Boden nach anhaltendem, heftigen Regen einen neuen, kürzeren Ausgang zum Meer, den jetzigen Hafen, in welchem Schiffe von 200 Tonnen unmittelbar am Lande laden können, zerstörte aber dabei den grössten Theil des Dorfes, auch die steinerne Kirche und Priesterwohnung. In dem neuen Convento sind zwei Säle, der eine von 16,2×8,8, der andre von 9×7,6 Schritt Inhalt, mit Brettern aus einem einzigen Ast eines Dipterocarpus (guiso) gedielt. Den Schritt = 30 Zoll, die Dicke der Bretter mit Inbegriff der Abfälle zu einem Zoll angenommen, entspricht dies einem festen Holzblock, so hoch wie ein Tisch (2 1/2'), ebenso breit und 18' lang, etwa 110 Cubikfuss. [196] Die Häuser sind von Gärten umgeben, zum Theil auch nur von Einzäunungen, in denen Unkraut wuchert. Bei dem Neubau des Dorfes nach der grossen Wasserfluth wurde die Anlage von Gärten befohlen; es fehlt aber oft der Fleiss, sie zu erhalten. Südlich vom Dorf dehnen sich Weideplätze aus, mit feinem kurzem Grase bewachsen, doch ist mit Ausnahme einiger dem Cura gehörenden Rinder und Schafe, kein Vieh vorhanden.

Immer noch ohne Diener, fuhr ich mit meinem Gepäck in zwei kleinen Kähnen den Fluss hinauf, an dessen beiden Seiten sich Reisfelder und Kokoshaine ausbreiten, die aber, durch einen dichten Saum von Nipapalmen und hohem Rohr verborgen, nur durch gelegentliche Lücken sichtbar sind. Die zuerst flachen, sandigen Ufer werden allmälig steiler, bald zeigt sich anstehendes Gestein, feste Bänke von sandigem Thon, mit seltenen Spuren undeutlicher Versteinerungen. Eine kleine Muschel [197] hat an der Wassergrenze so zahlreiche Löcher in die Thonbänke gebohrt, dass diese wie Honigwaben aussehn. Um 12 kochten wir unsern Reis in einer einzeln stehenden Hütte bei freundlichen Leuten. Die Frauen, die wir in zerlumpten, schwarzen Guináragewändern überraschten, zogen sich beschämt zurück und erschienen bald darauf in sauberen bunten Sayas, messingenen Ohrringen und Schildkrötenkämmen. Als ich ein kleines nacktes Mädchen zeichnete, nöthigte die Mutter sie ein Hemd anzuziehn. Um 2 bestiegen wir die Boote wieder, ruderten die ganze Nacht und erreichten um 9 Vormittags eine kleine Visita, Cobocóbo. Nach Abzug der zweistündigen Mittagsrast hatten die Leute 24 Stunden ununterbrochen gearbeitet und waren guter Dinge, wenn auch etwas müde.