Reisen in den Philippinen

Part 17

Chapter 173,545 wordsPublic domain

Ein junger Bursche machte Musik auf einer Art Laute, Baringbau genannt; sie bestand aus dem trocknen Schaft einer Scitaminee, die statt der Sehne (Saite) durch eine dünne Ranke bogenförmig gespannt war. In der Mitte des Bogens war eine halbe Kokosschale befestigt, die beim Spielen gegen den Bauch gesetzt wird und als Resonanzboden dient. Die Saite gab, mit einem Stäbchen geschlagen, einen angenehm summenden Ton, (Lyra und Plectrum in einfachster Form). Einige begleiteten den Musiker auf Maultrommeln aus Bambus, genau wie die der Mintras auf der Malayischen Halbinsel. Ein Andrer spielte auf einer Guitarre, die er zwar selbst, aber nach einem europäischen Muster gemacht hatte. Ausser Bogen, Pfeilen und Kochtopf enthielt die Hütte kein Geräth. Wer Kleider besass, trug sie am Leibe. Die Frauen fand ich so dezent gekleidet wie christliche Indierinnen, sie trugen überdies ein Waldmesser. Als ein Zeichen vollkommenen Vertrauens führte man mich in die wohl verborgenen, durch Fusslanzen vertheidigten Tabakfelder, die mir sorgfältig gepflegt schienen.

Was ich im Verkehr mit diesen Leuten bisher erfahren hatte und noch erfuhr, fasse ich kurz zusammen: Sie wohnen auf den höheren Abhängen des Berges, wohl nie unter 1500', jede Familie für sich. Wie viel ihrer noch vorhanden sein mögen, ist schwer zu ermitteln, da unter ihnen nur geringer Verkehr besteht. Auf dem zum Gebiete von Goa gehörigen Theile des Berges wird ihre Anzahl auf etwa 50 Männer und 20 Weiber mit Inbegriff der Kinder geschätzt. Vor 20 Jahren war die Bevölkerung zahlreicher. Ihre Nahrung besteht ausser etwas Gabi (Caladium), vorzüglich aus Bataten. Auch ein wenig Mais wird gebaut, etwas Ubi (Dioscorea) und eine geringe Menge Zuckerrohr zum Kauen.

Zur Anlage eines Batatenfeldes wird ein Stück Wald gelichtet, der Boden mit dem stumpfen Waldmesser gelockert, in diesen werden Knollen oder Ableger gepflanzt. Schon nach 3 bis 4 Monaten beginnt die Ernte und dauert ununterbrochen fort, da die auf dem Boden kriechende Pflanze Wurzeln schlägt und Knollen bildet. Nach 2 Jahren hat aber der Ertrag so abgenommen, dass man die alten Pflanzen ausreisst, um für neue, aus den Ausläufern entstandene Ableger Platz zu machen. Das Feld wird weder gewechselt oder mit andern Früchten bebaut, noch gedüngt. Ein Stück Land, 50 Brazas lang, 30 breit, genügt für den Unterhalt einer Familie. Nur in der nassen Jahreszeit versagt zuweilen diese Hülfsquelle, dann wird Gabi genossen, das auf trocknem und feuchtem Boden ziemlich gleich gut zu wachsen scheint, aber nicht so lohnend ist wie Bataten. Die jungen Schösslinge des Gabi werden in Entfernungen von einer Vara gepflanzt und dürfen, wenn man sie ausgiebig nutzen will, nicht vor einem Jahre ausgebeutet werden. Jede Familie mag wöchentlich ein oder zwei Wildschweine erlegen. Hirsche sind selten, doch erhielt ich ein schönes Geweih; ihr Fell wird nicht benutzt. Zur Jagd dienen Bogen mit Pfeilen und Lanzen (s. Zeichnung) theils giftfrei theils vergiftet. Jeder Rancho hält Hunde, die hauptsächlich von Bataten leben, auch Katzen um die Felder gegen Ratten zu schützen. Einiges Geflügel ist ebenfalls vorhanden, aber keine Kampfhähne, die in den Hütten der Indier fast nie fehlen. Hahnenkämpfe sind erst durch die Spanier in die Philippinen eingeführt worden; die Ysarogbewohner sind noch frei von dieser Leidenschaft.

Ihre geringen Bedürfnisse an Erzeugnissen einer fortgeschritteneren Zivilisation erlangen sie durch den Verkauf der freiwilligen Produkte ihrer Wälder, hauptsächlich Wachs und Harze: Pili [181], Apnik, Dagiangan (eine Art Copal) und etwas Abacá. Wachs, das wegen der Kirchenfeierlichkeiten sehr begehrt ist, wird mit 1/2 Dollar das Katti bezahlt; die Harze gelten durchschnittlich 1/2 Realen die Chinanta. Der Handel findet auf die Weise statt, dass ein Indier, der mit den Ygorroten im Verkehr steht, mit diesen einen Lieferungsvertrag schliesst; die Ygorroten sammeln die Produkte und bringen sie an einen bestimmten Ort, wo die Indier sie aufnehmen, nachdem sie den dafür bedungenen Preis niedergelegt haben.

Aerzte, Zauberer oder Leute, denen geheime Kräfte zugetraut werden, kennt man nicht; jeder hilft sich selbst. Um über ihre religiösen Ansichten in's Klare zu kommen, würde längerer Verkehr nöthig sein; sie glauben an einen Gott, oder sagen es wenigstens, wenn sie von Christen zudringlich befragt werden, auch haben sie dem Katholizismus manche äusserliche Gebräuche aufs Gerathewohl entlehnt, die sie wie Zauberformeln anwenden.

Jagd und schwere Arbeit ist Sache des Mannes wie in den Philippinen allgemein. Die fast allen rohen Völkern eigene, aber auch noch bei manchen Nationen Europa's (namentlich Basken, Walachen, Portugiesen) bestehende Sitte, die Frau als Lastthier zu nützen, scheint in den Philippinen schon zur Zeit der spanischen Entdeckung verschollen gewesen zu sein; auch bei den Wilden des Ysarog verrichten die Weiber nur leichte Arbeit und werden gut behandelt. Jede Familie erhält ihre Greise und Arbeitsunfähigen. -- Als herrschende Krankheiten wurden mir angegeben Kopfweh und Fieber, als Heilmittel: braun gerösteter Reis, der gestossen mit Wasser zu Brei angerührt, genossen wird. Bei starkem Kopfweh macht sich der Leidende Einschnitte in die Stirn. Rührt die Krankheit davon her, dass jemand erhitzt zu viel Wasser trank, so trinkt er grosse Mengen warmen Wassers, hatte er aber in solchem Zustande zu viel Kokoswasser getrunken, so trinkt er warmes Kokoswasser. Ihre Muskelkraft ist gering; mehr als 50 Pfund Gewicht vermögen sie nicht eine grössere Strecke weit zu tragen.

Ausser Jagd und Feldbau beschränken sich ihre Gewerbe auf die Anfertigung ziemlich roher Waffen, wozu sie das Eisen, falls solches dazu erforderlich, von den Indiern kaufen, und auf die von den Frauen verfertigten groben Gewebe und Flechtarbeiten. Jeder Familienvater ist Herrscher in seinem Hause und erkennt über sich keine höhere Gewalt an. In Fällen von Krieg mit benachbarten Stämmen, oder bei den Raubzügen der Steuerbeamten, stellt sich der Tapferste an die Spitze, die andern folgen ihm, so lange sie eben mögen; Wahl eines Anführers findet nicht statt.

Sie sind meist friedliebend und ehrlich unter einander; doch stehlen die Faulen zuweilen Feldfrüchte. Wird der Dieb ertappt, so straft ihn der Bestohlene mit Rotangschlägen, ohne Rache dafür fürchten zu müssen. Stirbt jemand, so ziehn die nächsten Verwandten aus, um den Tod durch den Tod irgend eines Andern zu vergelten. Für einen gestorbenen Mann soll eigentlich ein Mann, für eine Frau eine Frau, für ein Kind ein Kind erschlagen werden, man pflegt aber das erste sich zufällig darbietende Opfer zu tödten, ausser wenn es ein Freund ist. In neuer Zeit soll dieser Brauch immer mehr in Verfall kommen, da es Männern von einigem Ansehn häufiger als früher gelingt, den Todesfall als ein unvermeidliches Geschick darzustellen, in welchem Falle die Verwandten ihn nicht zu sühnen brauchen. Es gelingt dies namentlich, wenn der Verstorbene eine gleichgültige Person war, stirbt aber ein geliebtes Kind oder Weib, so wird gewöhnlich auch jetzt noch Rache dafür genommen. Tödtet ein Mann eine Frau aus einem andern Hause, so sucht der nächste Verwandte der Erschlagenen eine Frau aus dem Hause des Mörders zu tödten; dem Mörder thut er nichts. Der Leichnam des als Todtenopfer Erschlagenen wird nicht verscharrt, auch wird ihm nicht der Kopf abgeschnitten. Die Familie des Erschlagenen sucht den Tod am Mörder zu rächen; dies ist das ehrenvollste; ist der Mörder aber zu stark, so wird zur Vergeltung irgend ein Schwächerer erschlagen, daher vielleicht die geringe Verhältnisszahl der Frauen.

Vielweiberei ist gestattet, aber selbst die Tapfersten und Geschicktesten haben fast nie mehr als eine Frau. Ein junger Mann, der heirathen will, beauftragt seinen Vater mit dem Vater der Braut den Preis zu verabreden, der in neuer Zeit sehr gestiegen ist (durchschnittlich 10 Waldmesser zu 4 bis 6 r. und 10 bis 12 Doll. baar). Um eine so hohe Summe durch Verkauf von Wachs, Harz und Abacá zu beschaffen, braucht der Bräutigam oft zwei Jahre. Das Brautgeld geht theils an den Vater, theils an die nächsten Verwandten. Jeder der Letzteren erhält einen gleichen Antheil. Sind ihrer Viele, so bleibt fast nichts für den Vater übrig, der einen grossen Schmaus zu geben hat, bei welcher Gelegenheit viel Palmenwein getrunken wird.

Ein Mann, der gegen ein Mädchen Gewalt braucht, wird von deren Eltern getödtet. Ist ihm das Mädchen zu Willen gewesen und der Vater erfährt es, so verabredet er mit jenem einen Tag, an welchem er den Brautschatz bringen soll; weigert er sich, so wird er von den Verwandten gefangen, an einen Baum gebunden und mit Rohr gepeitscht. Ehebruch findet fast nie statt; kommt er dennoch vor, so muss entweder die Frau den Brautschatz zurückerstatten, wodurch sie frei wird, oder der Verführer, dem die Frau dann folgt. Der Ehemann hat nicht das Recht, sie zurückzuhalten, wenn er das Geld annimmt, wohl aber, wenn er dasselbe ausschlägt. Der letzte Fall soll aber nie vorkommen, da sich der Mann für dasselbe Geld eine neue Frau kaufen könne.

Nachmittags erreichten wir, 973 Meter über Uacloy, etwa 1134m Meereshöhe, eine grosse Schlucht »Basira« zwischen hohen, steilen, bewaldeten Wänden, sie streicht SO. -- NW., ihre Sohle hat 33° Neigung, besteht aus einer nackten Felsbank und veranlasst nach jedem heftigen Regen einen Wasserfall, da sie schroff abbricht. Hier wurde biwuakirt; die Ygorroten bauten in der kürzesten Zeit eine Hütte und waren ausgelassen munter. Bei Tagesanbruch zeigte das Thermometer 13,9° R.

Der Weg zum Gipfel ist sehr beschwerlich wegen des schlüpfrigen Thonbodens und des zähen Pflanzengewirres, die letzten 500 Fuss aber sind unerwartet bequem, denn die sehr steile Spitze ist mit einem überaus dichten Wuchs von blätterarmen, knorrigen, bemoosten Thibaudien, Rhododendren und andrem Krüppelholz bestanden, deren zahlreiche starke Aeste in geringer Höhe über dem Boden und ihm parallel verlaufend, ein enges sicheres Gitterwerk bilden, auf dem man, wie auf einer schwach geneigten Leiter emporsteigt. Die Spitze, die wir erreichten, ist der auf der Zeichnung sichtbare höchste Zacken der hufeisenförmigen Bergwand, welche die grosse Schlucht von Rungus im Norden begrenzt. Die Kuppe hat wohl kaum 50 Schritt Durchmesser, sie ist so dicht mit Bäumen bestanden wie ich ähnliches nie gesehn: wir hatten nicht Raum zum Stehn. Meine rüstigen Gastfreunde gingen aber, obgleich ihnen die Arbeit einen Pfad durch den Wald zu schlagen, grosse Mühe verursacht hatte, sogleich an's Werk, kappten Aeste und baueten daraus auf den Wipfeln der abgestutzten Bäume eine Warte, von wo aus ich eine weite Rundsicht und Gelegenheit zu Peilungen gehabt haben würde, wäre nicht alles in dichten Nebel gehüllt gewesen. Nur auf Augenblicke erschienen die nächsten Vulkane, die Bucht von S. Miguel und einige Binnenseen. Gleich nach Sonnenuntergang zeigte das Thermometer 12°5 R.

Auch am folgenden Morgen blieb es trübe, und als gegen 10 Uhr die Wolken immer dichter wurden, traten wir den Rückweg an. Ich wollte die Nacht in einem Rancho zubringen, um am nächsten Tage eine Solfatara zu besuchen, die eine Tagereise weiter gelegen sein soll; meine Begleiter waren aber von den Strapazen so angegriffen, dass sie wenigstens einige Tage Rast verlangten.

Ausser Calamus bemerkte ich keine Palmen auf dem oberen Abhange, Baumfarne sehr häufig, und eine ausserordentliche Fülle von Orchideen. An einer Stelle waren alle Bäume in bequemer Höhe mit blühenden Aërides behangen, man hätte sie mühelos zu tausenden sammeln können, die schönste Pflanze war eine Medinella, von so weichem Gewebe, dass es nicht möglich war sie einzulegen.

Eine Viertelstunde NO. von Uacloy sprudelt eine starke kohlensaure Quelle (28° R.) aus dem Boden und setzt reichlich Kalksinter ab. Brennende Fackeln verlöschten schnell, und ein mit einer Zigarrenkiste zugedecktes Huhn starb in wenigen Minuten, beides zum grössten Erstaunen der Ygorroten, denen diese Erscheinungen bisher unbekannt geblieben waren.

Meine armen Gastfreunde, die mich nach Uacloy zurückbegleitet hatten, fühlten sich auch noch am zweiten Rasttage so müde, dass sie zu keiner Unternehmung tauglich waren. Mit nacktem Kopf und Oberleib hockten sie sich in die glühende Sonne, um dem Körper die Wärme wieder zuzuführen, die er durch das Biwuak auf dem Gipfel verloren hatte; Wein aber mochten sie nicht trinken. Als ich sie endlich am nächsten Tage verliess, waren wir so gute Freunde geworden, dass man mir ein gezähmtes Wildschwein zum Geschenk aufnöthigen wollte. Ein Trupp Männer und Frauen begleiteten mich, bis sie die Dächer von Maguíring schimmern sahen, worauf sie nach herzlichem Abschiede in ihre Wälder zurückkehrten.

Die aus Goa mitgenommenen Indier hatten sich bei der Expedition so faul und mürrisch gezeigt, dass fast die ganze Arbeit einen Pfad durch den Wald zu schlagen, den Ygorroten zugefallen war; selbst das Trinkwasser hatten die indischen Träger aus Faulheit fortgeschüttet, die Ygorroten mussten für unser Biwuak auf dem Gipfel aus ziemlicher Entfernung frisches holen. Bei allen beschwerlichen Märschen bin ich immer besser mit Cimarronen, als mit Indiern ausgekommen. Jene fand ich gefällig, zuverlässig, thätig, ortskundig, während diese gewöhnlich die entgegengesetzten Eigenschaften zeigten. Es wäre aber ungerecht daraus auf das beiderseitige Wesen schliessen zu wollen; denn die Wilden sind im Walde zu Hause, was sie thun, geschieht freiwillig, der Fremde wird, wenn er ihr Vertrauen besitzt, als Gast behandelt. Die Indier aber sind gezwungene Begleiter, Polistas, die selbst wenn man ihnen höheren Tagelohn giebt, von ihrem Standpunkte aus ganz richtig handeln, wenn sie so wenig als möglich thun. Es ist für sie durchaus kein Vergnügen, ihr Dorf zu verlassen, um als Gepäckträger oder Wegbahner anstrengende Märsche in unwegsame Gebiete zu machen, und unter Entbehrungen im Freien zu kampiren. Für sie, mehr noch als für den europäischen Bauer, ist Ruhe die angenehmste Erholung. Je weniger Bequemlichkeit Jemand zu Haus geniesst, um so schwerer verzichtet er darauf. In Europa kann man dieselbe Beobachtung machen.

Da die Ygorroten, um nicht das Monopol der Hacienda zu beeinträchtigen, keine Kokospalmen zur Bereitung von Wein, Essig und Branntwein haben durften, so überreichten sie mir eine Bittschrift, damit ich ihnen diese Gunst erwirken möchte. Das Dokument ist von einem indischen Schreiber so drollig konfus verfasst, dass ich es als Probe philippinischen Kanzleistils mittheile [182]: Es hatte übrigens den besten Erfolg, da den Bittstellern doppelt so viel bewilligt wurde als sie erbaten.

Der SW. Monsun dauert in dieser Gegend (Gebiet von Goa) von April bis Oktober. Der April ist sehr windstill (navegacion de señoras) am beständigsten sind die SW.-Winde von Juni bis August, am trockensten März, April, Mai. Der NO.-Monsun herrscht von Oktober bis Ende Februar. März und Anfang April Wechselwinde, Oktober bis Dezember ist die Zeit der Stürme: »San Francisco (4. Okt.) bringt schlechtes Wetter«. Der Reis wird im September gepflanzt, im Februar geerntet.

ACHTZEHNTES KAPITEL

ERSTEIGUNG DES YRIGA UND DES MAZARAGA. -- SEE- UND STRASSENRÄUBER. -- WASSERPFLANZEN VON BERLIN NACH DEN PHILIPPINEN. -- MEIN DIENER PEPE.

Vom Ysaróg kehrte ich über Naga und Nábua zum Yriga zurück, den es mir endlich zu ersteigen gelang.

Der Häuptling der Montesinos hatte täglich Rationen für zweiundzwanzig Mann erhalten, mit denen er angeblich einen Weg zum Gipfel bahnte. Als er aber am Abend des dritten Tages selbst nach Yriga kam, um neue Vorräthe zu holen, da die Arbeit noch einige Zeit erfordere, erklärte ich, dass ich am folgenden Morgen versuchen würde den Berg zu besteigen und forderte ihn zum Führen auf. Er willigte ein, verschwand aber Nachts sammt seinem Begleiter, da die Indier im Tribunal sich das Vergnügen gemacht hatten, ihnen schwere Strafen in Aussicht zu stellen falls die Leistung nicht den Arbeitstagen entspräche. Nach vergeblichem Bemühn um einen andern Führer, verliessen wir Buhi Nachmittags, und übernachteten im Rancho, wo man uns früher so freundlich aufgenommen hatte. Die Feuer brannten noch, aber die Bewohner waren bei unserer Annäherung geflüchtet. Am folgenden Morgen um 6 Uhr begann die Besteigung. Nachdem wir mit Benutzung der früher von uns gebahnten Pfade den Wald durchschritten, ging es durch 3 bis 4 Fuss hohes Gras mit scharfschneidenden Blättern, dann folgte 7 bis 8' hohes Rohr, vom Habitus unseres Arundo phragmites (es stand aber nicht in Blüthe), das den ganzen oberen Theil des Berges bis zum Rande einnimmt; nur in den Schluchten reichten die Bäume hoch hinauf. In den untern Gehängen waren sie mit Aroideen und Farnen, gegen den Gipfel zu mit Flechten und Moosen bedeckt. Ich fand hier eine schöne neue eigenthümlich gestaltete Orchidee. [183] Die Cimarronen hatten etwas Rohr umgehauen, weiter bahnten wir uns mit Waldmessern den Weg und erreichten schon um 10 Uhr die Spitze. Es war sehr trübe. Auf einen klaren Abend oder Morgen hoffend, liess ich eine Hütte bauen, wozu das Rohr sehr geeignet war. Für sich selbst ein Obdach zu errichten und Brennholz zum Wachtfeuer herbeizuschaffen, waren die Indier zu faul. Sie kauerten, um sich zu erwärmen, dicht an einander gedrückt auf dem Boden, assen kalten Reis und dursteten dazu, da keiner Wasser holen wollte. Von zwei Wasserträgern, die ich mitgenommen, hatte der Eine sein Wasser unterwegs »aus Versehn« verschüttet, der Andre es unten ausgegossen, »weil er geglaubt, dass wir es nicht brauchen würden«.

Ich fand die höchste Spitze des Yriga 1212 Meter, 1120 Meter über dem Spiegel des Buhi-See's. Von Buhi ging ich nach Bátu.

Der Batu-See (111 Meter Meereshöhe) war seit meinem letzten Besuch im Februar noch tiefer gesunken, der Algenteppich hatte an Breite beträchtlich zugenommen, sein oberer Rand war an vielen Stellen zerfetzt, der untere ging allmälig in einen dicken Wulst faulender Wasserpflanzen über (Charen, Algen, Pontederien, Valisnerien, Pistien u. s. w.), der den Wasserspiegel ringsum einfasste und nur durch einzelne Lücken an das Ufer zu gelangen gestattete. Queer vor der Mündung des Quinali in den See lag eine Barre von schwarzem Moder, in welcher einige schmale Wasserrinnen die weichsten Stellen anzeigten. Da wir mit einem grösseren Boote nicht über die Barre gelangen konnten, so wurden zwei kleine schmale Nachen durch einen Bambusrost verbunden, und mit einem Sonnendach versehn. Vermittelst dieser Vorrichtung, die von 3 kräftigen Büffeln gezogen wurde, während die Mannschaft mit sichtlichem Behagen und lautem Jubel knietief im schwarzen Schlamm watend, schieben half, gelangten wir, wie auf einem Schlitten über das Hinderniss in den Fluss, der bei meinem ersten Besuch an vielen Stellen die Felder überfluthete, so dass die Hütten der Eingeborenen wie Schiffe aus dem Wasser ragten und jetzt (im Juni) nicht einmal sein Bett ausfüllte. Wir mussten daher die Schlittenfahrt bis dicht vor Quinali fortsetzen.

In Ligáo stieg ich bei einem befreundeten Spanier ab, da seit meinem letzten Besuch ein grosser Theil der Ortschaft sammt Tribunal und Convento abgebrannt war. Nachdem die nöthigen Vorbereitungen getroffen, ging ich Abends nach Barayong, einem kleinen Cimarronen-Rancho, am Fuss des Mazarága, mit dessen Insassen ich am folgenden Morgen den Berg bestieg. Auch die Frauen begleiteten uns eine gute Strecke und erhielten die Gesellschaft in munterer Laune. Unterwegs wurde einem zu dem Zweck mitgenommenen Indier eine Bambuse voll Wasser zum Tragen übergeben, er warf sie fort, und lief davon, eine Alte trat für ihn ein und schleppte das Wasser unverdrossen bis auf den Gipfel. Dieser Berg war feuchter, als alle die ich je bestiegen, den Semeru in Java etwa ausgenommen. Auf halbem Wege fand ich einige angefaulte Rafflesien. [184] Zwei elend aussehende Cimarronenhunde jagten uns einen jungen Hirsch zu, den einer der Leute durch einen Schlag mit dem Waldmesser erlegte. Im Drittel der Höhe hörte der Pfad auf, doch war es nicht schwierig durch den Wald zu gelangen, der mit Rohr dicht bewachsene obere Theil des Berges verursachte wiederum grosse Schwierigkeiten. Gegen zwölf erreichten wir die Gipfelplatte, die von keinem Krater durchbohrt, flach gewölbt, fast horizontal, und dicht mit Rohr bestanden ist. Ihre Höhe ergab sich = 1354 Meter. In kurzer Zeit bauten die unermüdlichen Cimarronen eine schöne grosse Rohrhütte: ein Zimmer für mich und das Gepäck, einen grossen Vorsaal für die Leute, ein besonderes Haus für die Küche. Leider war das Rohr so nass, dass es nicht brannte. Um etwas Brennholz zum Reiskochen zu haben, wurden dicke Aeste aus dem Walde geholt, und ihr verhältnissmässig trockner Kern mühsam herausgeschält. Die Schwefelhölzer waren so feucht, dass der Phosphor sich beim Reiben ablöste; auf Löschpapier gesammelt, mit dem geschwefeltem Ende des Zündholzes geknetet, ward er trocken, und entzündete sich durch die Reibung. Von anstehendem festem Gestein war nicht eine Spur zu sehn. Alles, von da ab wo der Pfad aufhörte, war dicht bewachsen, der Boden mit einer hohen Schicht feuchter Walderde bedeckt. Der folgende Morgen war hell und gestattete eine weite Rundsicht, aber noch ehe ich sie fertig gezeichnet, ward es wieder trübe, und als nach mehrstündigem Warten der Himmel sich mit dichten Regenwolken bezog, traten wir den Rückweg an.

Auf dem Gipfel schwärmten viele Schmetterlinge umher. Wir konnten aber nur wenige fangen, da das Gehn zwischen den hohen Rohrstoppeln für nackte Füsse sehr beschwerlich war: von zwei Paar, aus Manila bezogenen neuen Schuhen hatten sich, noch ehe ich die Spitze erreichte, die nur leicht angehefteten Sohlen abgelöst, so dass ich den Weg nach Ligao barfuss zurücklegen musste.

Am folgenden Tage ging mein spanischer Gastfreund zweimal nach dem Tribunal, um mir die zur Beförderung meiner Sammlungen nöthigen Büffelkarren zu verschaffen. Seine höflichen Bitten blieben ohne Erfolg; dem Befehl des Cura, der den Gobernadorcillo zu sich in's Haus beschied, wurde sogleich gehorcht. Für spanische Privatleute haben die einheimischen Behörden in der Regel wenig Rücksichten, sie begegnen ihnen nicht selten mit deutlicher Geringschätzung. Eine amtliche Empfehlung des Alkalden ist gewöhnlich wirksam, aber nicht in allen Provinzen, denn manche Alkalden schaden ihrem Ansehn, indem sie zur Förderung ihrer persönlichen Interessen die Mithülfe oder Verschwiegenheit der einheimischen Behörden in Anspruch nehmen.

Ich schoss hier einige Paníkes, grosse Fledermäuse, mit Flügeln von fast fünf Fuss Spannweite, die im Tagesschlaf an den Aesten eines Baumes hingen (s. Reisesk. S. 216), darunter zwei Mütter mit unversehrten säugenden Jungen. Es sah rührend aus, wie sich die Thierchen fester und fester an den Körper der sterbenden Alten klammerten und auch noch nach erfolgtem Tode sie zärtlich zu herzen schienen; der anscheinenden Innigkeit lag aber nur Selbstsucht zu Grunde, denn als ihr Milchvorrath erschöpft, wurden die Alten rücksichtslos, wie leere Schläuche behandelt. Sobald die Jungen abgenommen wurden, frassen sie Bananen und lebten mehrere Tage lang bis ich sie in Spiritus steckte.