Reisen durch die Inselwelt der Südsee

Part 7

Chapter 73,601 wordsPublic domain

Das Rauchen ist unter den Eingebornen der Südsee stark verbreitet, daher ist eigens für sie zubereiteter, kräftiger Taback ein bedeutender Tauschgegenstand geworden. Selten nur findet man die Tabackpfeife in Gebrauch, dagegen kommt allgemein die Cigarette in Anwendung, die mit Vorliebe von beiden Geschlechtern geraucht wird. Sehr oft habe ich mich ebenfalls derselben bedient und gefunden, daß der Europäer in der Hütte des Eingebornen stets willkommen ist, der seinen Vorrath mit ihnen theilt, wenigstens aber so viel abgiebt, um das augenblickliche Bedürfniß zum Rauchen zu befriedigen. Einfach genug ist die Herstellung einer Cigarette, als Umhüllung dient ein Streifen vom getrockneten Bananenblatt; der Taback, aus zusammengepreßten Blättern bestehend und meistens feucht, wird nach Bedarf auseinander gewickelt, über ein entzündetes Streichholz oder eine kleine Flamme, auch über Kohlengluth etwas angeröstet, eigentlich nur dadurch betrocknet und dann in den bereitgehaltenen Streifen eingewickelt. Auf diese Weise ist eine Cigarette schnell genug angefertigt; diese geht dann von Hand zu Hand und hat Jeder durch einige Züge das augenblickliche Verlangen befriedigt, so wird der Rest der Cigarette von einem der Anwesenden hinter der Ohrmuschel so lange aufbewahrt, bis sich wieder das Bedürfniß zum Rauchen einstellt.

Es erwies sich übrigens als leichter, mit einem schwerbeladenen Boote gegen die starke Brandung zu rudern, als mit dem leeren vor derselben zu laufen, im letzteren Falle meistens von dem Kamme einer Woge riffaufwärts getragen, wird das Boot von ihr schließlich überlaufen und die darauf folgende gefährdet es. Zweimal geschah es während der 60-70 Fahrten, welche das Boot zum Schiffe hin und zurück machen mußte, daß dieses in der Brandung überworfen wurde, jedoch ohne weiter Schaden zu nehmen. Ich habe manche Brandung an Korallenriffen mit weniger tüchtiger Mannschaft und schwächeren Booten passirt, bin aber niemals später genöthigt gewesen, wie hier, bei so hohem Seegange Ladung abzunehmen. Diese See, eigentlich nur längs und auf das Riff laufende Roller, war schon schwer genug; eine Möglichkeit hätte es aber nicht mehr gegeben, durch die Brandung zu kommen, wenn auch nur ein leichter Wind die Wogen verstärkt hätte; diese sind übrigens desto gefährlicher, je weiter vom Strande entfernt abflachender Grund der Wassermasse gestattet sich aufzurollen.

Des Ungeziefers, welches mit einer Kopraladung an Bord gebracht wird und sich dort schnell einnistet, habe ich früher Erwähnung gethan, namentlich der Ameisen und der Kakerlaken. Mich jener zu erwehren, wenigstens sie möglichst aus der Kajüte zu vertreiben, wurden Fugen und Ritzen im Holz mit Petroleum angefeuchtet oder gut verkittet; solche Mittel lohnten zwar nicht viel, aber eine Zeit lang wenigstens etwas; hingegen die Kakerlaken zu vertreiben, wollte nichts verfangen. Unglaublich vermehren sich die bis zu 1½ Zoll und darüber wachsenden Thiere; da sie an feuchten Stellen mit Vorliebe sich aufhalten, ist ihnen zwischen den Rippen des Schiffes nicht beizukommen. Selbst wenn ich zeitweilig eine Ausräucherung des ganzen Schiffes mit Kohlengas vornahm, um die nicht minder lästigen Ratten zu vertilgen, gelang es wohl, die schlimmen Nager zu tödten, die meistens in der Nähe der erloschenen Kohlenbecken, wo sie wegen des hierher strömenden Sauerstoffes am längsten zu leben vermochten, aufgefunden wurden; den Kakerlaken hingegen schadete solche Ausräucherung nichts.

Bei Tage nicht sichtbar, kommen die Kakerlaken Abends aus ihren Verstecken hervor, dann aber ist es in geschlossenen Räumen nicht auszuhalten, so groß ist die Menge der Thiere. Sehr lebhaft aber werden sie und die, welche fliegen können, schwirren umher, sobald sich eine Aenderung im Wetter bemerkbar macht; ich beobachtete, daß jedesmal Regen eintrat, wenn die Kakerlaken zu fliegen begannen.

Doch nicht nur sehr unangenehm und widerwärtig sind diese Thiere, sondern sie sind auch im Stande, empfindlichen Schaden anzurichten; man darf kein unreines Zeug oder Leibwäsche frei liegen lassen, soll solche nicht angefressen werden. Anfänglich, ehe ich dahinter kam, maß ich den Ratten die Schuld bei, wenn mir gute wollene Hemden verdorben wurden. Glücklicherweise gab mir der Zufall ein Mittel an die Hand, diese Kakerlaken nach Möglichkeit zu vernichten. Eine entleerte Flasche Bier war unabsichtlich in eine leere Koje gesetzt worden und zwar so, daß es den durch den Biergeruch angelockten Thieren möglich geworden war, den Hals der Flasche zu erreichen und hinein zu kriechen. Einmal hinein gab es kein Zurück mehr, und ich fand, einem widerlichen Geruch nachspürend, diese Flasche ganz angefüllt mit todten Kakerlaken.

Später ließ ich denn auch frisch geleerte Bierflaschen aufstellen und konnte bald, da oft Hunderte in einer Nacht gefangen wurden, eine Abnahme bemerken. Auf längeren Reisen, wenn der geringe Vorrath an Bier ausgetrunken war, setzte ich entweder eine Schüssel mit Seifenwasser oder mit einem Zusatz von Syrup den Kakerlaken hin und richtete es so ein, daß sie bequem hineinkommen konnten; war es auf solche Weise auch nicht möglich, die Thiere auszurotten, weil sie sich zu stark vermehrten, so wurde doch ihre Zahl sehr vermindert.

In späterer Zeit hatte ich leider nie wieder Gelegenheit, die Manua-Gruppe anzusegeln und meine Beobachtungen zu vervollständigen, dagegen wurde ich mit den Tonga-Inseln, ihrer Beschaffenheit und Bevölkerung, vertrauter, da ich meistens längere Reisen durch diese ausgedehnte Gruppe zu machen hatte.

Der bereits geschehenen Erwähnung, daß in freier See sowohl, wie unter den zahlreichen Inseln, eine große Zahl Haifische zu finden ist, wollte ich noch näher darauf eingehen, in welcher Weise es mir gelang, eine beträchtliche Anzahl dieser gefährlichen Meerbewohner zu fangen, die zum Theil dann von meiner Schiffsbesatzung verzehrt wurde. Möglich ist der Fang des Haifisches nur bei ruhiger See und bei Windstille; er wird um so leichter, wenn der Hai hungrig ist und nach allem gierig schnappt, was über Bord geworfen wird. War also Windstille eingetreten, wiegte das Schiff sich steuerlos auf der blauen Fluth, so währte es gewöhnlich nicht lange und die Rückenflosse eines oder mehrerer Haie wurde sichtbar, die langsam näher kamen und entweder hinter dem Schiffe verblieben, wenn dessen Fahrt vielleicht noch gering war, oder sonst um dieses herumschwammen.

Kamen die Thiere nicht nahe genug heran, so wurde eine Lockspeise an dünner Leine befestigt, jedoch so, daß diese der Hai wohl befühlen, aber nicht erfassen konnte; die Leine wurde nämlich schnell eingeholt, sobald der Hai sich auf den Rücken legte und zuschnappen wollte. War der Hai erst gierig gemacht, so folgte er dem Köder schneller, besonders, wenn es ihm doch gelungen war, ein Stückchen Fleisch zu erfassen.

Auf diese Weise bis dicht unter das Heck des Schiffes gelockt, schwamm der Hai achtlos auf die Gefahr, welche ihm drohte, in die weit in das Wasser reichende Schlinge hinein, schnell diese fallen gelassen und zusammengeholt, war solch großer Fisch immer gefangen, weil ein Uebergleiten der Schlinge wegen der unbiegsamen Schwanzflosse nicht mehr möglich war. Bot sich eine Gelegenheit in der Nähe der Insel Upolu einige Haie zu fangen, und war das Schiff nicht allzufern dem Hafen von Apia, gestattete ich der Besatzung meistens die Fische aufzubewahren, die dann außenbords in den Rüsten oder unter dem Bugspriet aufgehängt wurden, denn der Fischgeruch war nicht besonders angenehm. Verzögerte sich die Ankunft aber und hatte die heiße Sonne schon zersetzend eingewirkt, ließ ich die Haie losschneiden, was von den Samoanern immer bedauert wurde; hingegen, wenn wirklich ein todter Hai mitgebracht werden konnte, gab es einen Festschmaus bei den Anverwandten am Lande.

Anstoß an dem strengen, widerlichen Geruch des Fisches nahmen die Samoaner nicht, vielmehr durch eingetretene Zersetzung ward das Fleisch desselben mürbe, das sonst hart, zähe und trocken ist. Aus Noth habe ich auch einmal versucht, das zubereitete Fleisch eines jungen, frisch gefangenen Haies zu essen, aber es wollte selbst gebraten nicht munden, obgleich sicher ein gewisser Widerwille das meiste dazu beitragen mochte.

Das Gebiß eines großen Haifisches ist furchtbar, die vorderen festen Zähne im Unter- und Oberkiefer sind an der Wurzel breit und flach und scharf wie ein Messer, die Zähne fassen so ineinander, daß alles, was der Hai erfaßt, von diesen durchschnitten wird. Hinter den festen Vorderzähnen liegen noch sechs Reihen ebensolcher, jede kleiner als die andere und in den Rachenmuskeln beweglich. Faßt der Hai eine Beute, ist er nicht im Stande, solche wieder fahren zu lassen; die hinteren Zahnreihen richten sich auf und geben einmal Gefaßtes schwerlich wieder frei.

Einmal, in der nördlichen Einfahrt von Tongatabu (ich war zwischen den Riffen von Windstille befallen worden) hielten sich schon längere Zeit zwei mächtige Haie von seltener Größe beim Schiffe auf. Schließlich machte ich mich daran, da diese Thiere ohne Scheu längsseit kamen, einen mit der Schlinge zu fangen. Ohne daß Köder angewandt war, hatte sich bald eines der Unthiere in der Schlinge festgelaufen; am Schwanz gefangen, peitschte der Hai wüthend das Wasser und die Leute hatten zu thun, das starke Thier zu halten, das erst jeden weiteren Versuch sich zu befreien aufgab, als es ermattet an der Schiffsseite hochgezogen war.

Der zweite Hai, der anfänglich gleich verschwunden, kam bald wieder zum Vorschein und so nahe an seinen gefangenen Gefährten heran, daß auch er nach einigen Versuchen demselben Schicksal verfallen war. Die Leute sollten nun den zweiten nicht zu nahe dem schon hochgezogenen aufholen, aber in ihrer Hast zogen sie das heftig um sich schlagende Thier doch nahe an dem ersten Hai vorbei und dieser, ebenfalls unruhig gemacht, wohl auch von dem Schwanze des zweiten getroffen, schwang seinen Oberkörper im Wasser hin und her, dabei den mächtigen Rachen auf- und zuschnappend.

Solange der Hai noch im Wasser war, sträubte er sich mit seiner ganzen Kraft und folgte nur widerwillig der angewendeten Gewalt, er entriß auch den Händen der Leute das Tau, ehe dasselbe befestigt werden konnte und schoß seitwärts in die Tiefe. Indeß da das Tau, womit der Hai gefangen worden war, zum Aufhissen eines der Vordersegel diente und an diesem befestigt war, so vermochte er nicht zu entkommen. Als er wieder herangeholt war, sollte gewartet werden, bis er sich müde gearbeitet hätte; aber übereifrig geworden, zogen die Leute weiter und als sie unachtsam wieder dem ersten Hai zu nahe gekommen waren, hielten sie plötzlich das lose Tau in Händen. Der hängende Hai hatte nämlich nach dem Schwanze des zweiten geschnappt, die halbe Flosse mitsammt dem starken Tau durchbissen und so seinem Gefährten die Freiheit gegeben. Ein kurzer, aber gewaltiger Schlag war es, den dieser Hai führte, als er gebissen sich zur Wehr setzte, doch bald schoß er frei mit einer Geschwindigkeit hinweg, wie man solche diesen sonst trägen Thieren nicht zutrauen sollte.

Um nun den gefangenen Hai, dessen Körper noch halb im Wasser niederhing, sicher an Deck zu bringen, mußte ihm eine zweite Schlinge oberhalb der Rückenflosse umgelegt werden; an dieser wurde das Thier dann hochgezogen, der Schwanzwirbel durchgeschlagen und erst, als es sich verblutet hatte, an Deck genommen. Das Thier maß etwas über 13 Fuß und hatte ein furchtbares Gebiß. Dieses sollte später ein Tonganer für mich präpariren und reinigen, nachdem der Kopf wochenlang in Salz-Seewasser gelegen und alles Fleisch sich abgelöst hatte; ich sah aber nie etwas davon wieder, es hieß, die Kiste mitsammt dem Kopfe des Haies, die am Riffe versenkt worden war, sei verschwunden.

Auf meiner zweiten Reise, von Apia nach Tongatabu, lief ich, von Vavau kommend, westlich von der ganzen Tongagruppe, und befand mich eines Tages im Mai 1885, als voraus die Basaltkegel Hunga-hapei und Hunga-tonga gut in Sicht gekommen waren, nicht allzufern von den in der Karte angeführten Culebrasriffen. Mein Kurs, der südwärts gerichtet war, mußte mich gerade darauf führen. Aber als ich die hohen Inseln Kao und Tofua in Deckung gebracht hatte -- die Kreuzpeilung von der Insel Namuka und Hunga-tonga ergab, ich müsse zwischen den Riffen mich befinden -- wollte von den Riffen nichts sichtbar werden. Vergeblich hielt ich selbst von den Masten aus Umschau, ich konnte weit in der Runde kein Riff, noch flacheres Wasser sehen und ebensowenig die noch schärferen Augen meiner Leute.

Fünf Monate später bekam ich auf ebensolcher Reise, die Hapai-Gruppe anlaufend, in Lefuka einen Lootsen als Passagier an Bord, der sich erbot, mir den Weg durch die Riffe der Kotu- und Namuka-Gruppe zu zeigen. Ich nahm das Anerbieten an, schon weil der Weg kürzer war und ich auch wußte, dieser Mann kenne die Durchfahrten ganz genau. Es war am Nachmittage des 12. October 1885, die Insel Namuka in Sicht, hielt ich den Kurs nach der freien See zu, um nicht während der Nacht zwischen gefährlichen Riffen laviren zu müssen.

Westwärts mit freiem, leichtem Winde zog das Schiff, ich konnte hoffen, ehe die Nacht hereinbrach, die freie See zu gewinnen, bevor, wie ich fürchtete, westlicher Wind, der in der Ferne mächtige, drohende Wolkenmassen aufballte, mein Vorhaben, Namuka zu umsegeln, vereitelte. Keiner anderen Annahme konnte ich Raum geben, so ungewöhnlich in dieser Jahreszeit mir auch eine Aenderung in der Witterung erscheinen wollte, als der, es müsse ein schwerer Sturm heraufziehen. Das schönste Wetter war um uns, der Himmel blau und klar, ich konnte nicht verstehen, da auch das Barometer immer noch keine Aenderung zeigen wollte, was im Westen das Anstürmen der Wolkenmassen, die dunkel wie die heraufziehende Nacht waren, zu bedeuten habe.

Unverändert, den ganzen Horizont im Südwesten bedeckend, blieb diese Erscheinung. Wider Erwarten entwickelte sich nicht ein heraufziehender Sturm, auch nicht das Gewölk, welches ein solcher vor sich hertreibt. Ein Räthsel war es, dessen Lösung ich nicht fand.

Die Nacht brach herein, herrlich glänzte über uns der Sternenhimmel einer friedevollen Tropennacht. Nur von den Riffen, die die Insel umgeben, schallten vereinzelte Stimmen über das stille Gewässer, dort rüsteten sich die Bewohner zum Fischfange, und bald leuchteten die Kokosfackeln in den zahlreichen Kanoes auf, eine Beleuchtung, wie solche stimmungsvoller nicht der ganzen Umgebung angepaßt werden konnte.

Aber auch die tiefdunkle Nacht in der Ferne wurde erleuchtet, Feuergarben zuckten zum Himmel empor, momentan die dunkle Masse wie mit magischem Lichte erhellend. Unerklärlich, wußte ich doch, daß dorthin auf hunderte Seemeilen kein Land zu finden war; die kleinen Felseninseln Hunga-tonga und Hunga-hapai lagen südlicher. Es war nicht der Blitz, der durch die Wolken zuckte, aus der Tiefe des Meeres herauf glühte es, sekundenlang immer wieder mit graufahlem Schimmer, mit blitzendem Feuerschein, den Horizont durchleuchtend.

Nichts veränderte sich während dieser Nacht, das Phänomen blieb sich gleich, auch trotz der größer werdenden Entfernung, bemerkte ich keine wesentliche Veränderung; erst der neue Tag bleichte den Feuerschein, der, was ich schließlich als positiv habe annehmen müssen, nur von einem zum Ausbruch gelangten Vulkan herrühren konnte. In Nukualofa eingelaufen, erfuhr ich, daß am 11. Oktober ein zeitweise heftiges Erdbeben die Insel Tongatabu erschüttert habe, und die Feuergarben, die ich gesehen hatte, waren auch hier beobachtet worden.

Natürlich war jedermann auf Tongatabu in Spannung versetzt, als nach meinen Angaben, die ich zu machen im Stande gewesen, kein Zweifel blieb, daß nördlich der Inseln Hunga-tonga und Hunga-hapai der Ausbruch eines unterseeischen Vulkans stattgefunden habe; das Erdbeben also hiermit in Verbindung zu bringen sei. Selbst begierig, den näheren Zusammenhang zu erfahren, kam ich mit Herrn von Treskow überein, das Schiff so schnell wie möglich abzufertigen, und ich nahm mir vor, so eingehend als möglich zu erforschen, welche Bewandtniß es mit dieser Erscheinung habe.

Am 14. Oktober früh, nach eintägigem Aufenthalt, segelte ich wieder ab, und meinen Kurs direkt auf jene Gegend setzend, fand ich am Nachmittage, sobald die Felseninsel Hunga-tonga querab lag, daß in nordwestlicher Richtung eine neue Insel entstanden war, genau auf derselben Stelle, wo ich vor 5 Monaten vergeblich das in der Karte angegebene Culebrasriff gesucht hatte. Der frisch wehende Südost-Passat trieb das Schiff schnell vor sich her und ehe der Abend hereinbrach, war ich keine halbe deutsche Meile von dieser Insel und dem in furchtbarer Thätigkeit befindlichen Vulkan entfernt. An der Ostseite dieser neuentstandenen Erhebung, die etwa 300 Fuß hoch und ¾ deutsche Meile im Umfang haben mochte, befand sich ziemlich in der Mitte dicht am Strande der Krater. Am Südende der Insel stieg eine etwa 40 Fuß hohe, weiße Dampfsäule ebenfalls unmittelbar am Strande auf, die wie ein mächtiger Springbrunnen ununterbrochen emporschoß, und soweit ich es unterscheiden konnte, war es heißes Wasser.

Hatte der Anblick dieser entfesselten Naturgewalt schon etwas Furchtbares, so wurde das grollende Rauschen, der gewaltigsten Brandung, dem dumpfen Rollen entfernter Donnerwogen vergleichbar, fast unheimlich. Meine Leute, Eingeborne der Samoa-Gruppe und der Insel Niue, erzitterten, und ich selbst konnte mich eines Schauders nicht erwehren. Die Sprache, möcht' ich sagen, ist zu arm, um das Empfinden bei solchem Anblicke wiedergeben zu können.

Jede Minute brachen fünf gewaltige Rauchmassen aus dem tiefen Schlunde herauf, abwechselnd ein schwererer, dann ein etwas leichterer Ausbruch, unter diesen war immer einer, der mit solcher Gewalt zum Himmel fuhr, daß erst in gewaltiger Höhe die geballte Rauchmasse sich vertheilte; kaum daß der starke Wind seinen Einfluß ausgeübt hatte, war schon die nächste aus dem rauschenden, zischenden Schlunde emporgefahren.

Mit diesem günstigen Südost-Winde, der mich, das wußte ich wohl, nicht im Stiche ließ, hätte ich es gewagt, so nahe als möglich heranzusegeln, obgleich die See, durch den starken Wind erregt, um mich schäumte und brüllte; es waren keine langgestreckten Wellen mehr, sondern ein Chaos weißköpfiger, tummelnder Wogen. Aber wie wohl ich bis zum Strande nirgends Brandung sah, fürchtete ich schließlich doch, daß mit der Insel auch Untiefen, die dem tiefgehenden Schiffe verderblich werden können, gehoben sein möchten.

Ich stand hoch oben im Vordermast und schaute scharf voraus, bis plötzlich ein Blick unter mir auf die brausende See mich erschauern machte; einer gewaltigen Stromkabelung nämlich gleich war die See, durch welche mit schneller Fahrt das Schiff sich Bahn brach. Noch wartete ich, obgleich ich nicht mehr als eine Seemeile vom Krater entfernt war, da geschah ein furchtbarer Ausbruch, um den Krater, der noch immer die schwarzen Massen scheinbar direkt aus der See herausschleuderte, hoben sich die Wogen, was ich mit einem guten Glase deutlich unterscheiden konnte, als wallten sie auf von einer gewaltigen Kraft zurückgeschleudert, das Meer erzitterte, und ich fühlte das Beben des Schiffskörpers. Nun war es genug, die Unruhe meiner Leute war zu groß, ich mußte fürchten, ein plötzlicher Befehl würde ungeschickt ausgeführt werden -- in so unheimlicher Nähe einer solchen Naturgewalt hätten auch wohl andere Herzen gezittert -- und „hart an den Wind“ durch das Zischen der See, durch das Brausen der Eruption, rief ich das Kommando. Da ich schwerlich von den Leuten verstanden wurde, war eine Handbewegung bezeichnender, unter dem Druck seiner Segel fuhr das Schiff herum und stampfte, seine Fahrt vermindernd, auf und nieder in dieser wild durcheinander laufenden Wassermasse.

Als ich aber die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß keine Gefahr vorhanden, die Erschütterung nur durch den heftigen Ausbruch verursacht worden war, vergrößerte ich den Abstand nicht, und hielt, überall frei Wasser auch vor mir sehend, wieder nach Norden ab, nur lief ich nicht näher heran. Bald wurde um das Schiff die See wieder ruhiger, lief wenigstens gleichmäßiger und als ich die Nordspitze bei gleichem Abstande umsegelte, hatte ich große Lust, hier im ruhigen Wasser, an der Westseite zu landen. Doch freiwillig wäre keiner meiner Leute in das Boot gegangen und, da ich als einziger Europäer -- meinen Steuermann hatte ich in Apia für ein anderes Schiff abgeben müssen -- mein Schiff nicht verlassen durfte, hätte der Anbruch des nächsten Tages abgewartet werden müssen, um eine genaue Ortsbestimmung vornehmen zu können, für diesen Tag war es zu spät.

Mit dem Lothe die Tiefe zu sondiren und vorsichtig heranzulaufen hätte uns solche Untersuchung, obgleich auf einer Seemeile Abstand noch kein Grund gefunden wurde, viel Zeit weggenommen; auch lag eine tiefe Dämmerung, verursacht durch die über die Insel getriebenen Rauchwolken, an der Westseite. Einer tiefschwarzen Nacht fuhr ich entgegen, es war, als läge in ihr das Verderben vor uns.

Diesen Plan gab ich auf, wendete und fuhr, beim Winde haltend, so weit wieder ostwärts, daß der Krater in seiner unheimlichen Schönheit vor Augen blieb. Bald kam der Abend, bald entzog die dunkle Nacht, da ich nun den richtigen Kurs wieder aufgenommen hatte, die Insel unsern Augen; nur der Krater spie fort und fort seine dunklen Massen empor, aber nicht mehr wie am Tage, wo das unterseeische Feuer nur hellgrau den Fuß der emporgeschleuderten Massen färbte, sondern jetzt glühte es, als wenn ein undenkbar gewaltiger Schlot seine Feuergarben zum Himmel sendete.

Wie schnell das Schiff auch vor dem Winde seines Weges zog, so verminderte sich doch nicht diese gewaltige Erscheinung, und während dieser langen Nacht wandte ich kein Auge von diesem grausig schönem Schauspiele. Erst die im Osten aufsteigende Morgenröthe eines neuen Tages, die, wer sie einmal in ihrer Pracht auf dem endlosen Meere gesehen, nie vergißt, und immer wieder sehen möchte, bleichte den Schimmer der Feuersäule und in der hier friedevollen Natur zogen wir beflügelt unseres Weges dem fernen Ziele entgegen.

Andere Schiffe nach mir haben diese Insel in Sicht gelaufen, aber viel größeren Abstand gehalten, nach den Berichten ist, soweit ich solche verfolgen kann, die Landmasse noch weiter gehoben worden, und der Krater noch lange in Thätigkeit gewesen; auch wird berichtet, daß am Südende später drei Dampfsäulen gesehen worden sind. Sehr leid hat es mir nachher gethan, daß ich nicht den nächsten Tag abgewartet und nach einer Möglichkeit gesucht habe, an der Nordwestseite eine Landung zu versuchen, nicht dem ersten Drange, die deutsche Flagge dort aufstecken zu lassen, gefolgt bin.

Meinem Berichte über den Ausbruch dieses unterseeischen Vulkans und die Entstehung dieser neuen Insel, scheint das deutsche Konsulat in Apia keine Bedeutung beigemessen zu haben, bekannt geworden sind nur Berichte von englischer Seite und der des deutschen Kriegsschiffes „Albatros“, das wenige Monate nach mir, am 21. Januar 1886, die neu entstandene Insel sichtete. Direkt von Tongatabu nach der Insel Niua-fu bestimmt, fand ich dort die ganze Bevölkerung in großer Aufregung, denn heftige Erdbeben hatten zur selben Zeit auch diese Insel erschüttert; ein Ausbruch wurde erwartet. Der Hauptkrater, die drei Hügel im See, rauchten heftiger, dennoch wurde hier kein Ausbruch vorausgesetzt, vielmehr befürchtet, an irgend einer anderen Stelle würde ein solcher erfolgen.

Eine Beruhigung für alle war die Kunde, die ich hierher gebracht, daß im Süden ein gewaltiger Ausbruch stattgefunden habe, die Annahme, ein Ausgleich der Naturkräfte hätte sich dadurch ergeben, wirkte beruhigend auf die Gemüther, zumal da schon während der letzten Tage die Erschütterungen auf Niua-fu immer schwächer geworden waren.