Reisen durch die Inselwelt der Südsee

Part 8

Chapter 83,418 wordsPublic domain

Aber mag auch der Ausbruch jenes unterseeischen Vulkans ein Ableiter gewesen sein, am Ende des Jahres 1885 mehrten sich doch wieder die Anzeichen einer drohenden Gefahr; die heftigen Erschütterungen mehrten sich, bis plötzlich am Südende von Niua-fu ein sehr starker Ausbruch erfolgte, und ob ich auch nie wieder diese Insel betreten habe, hörte ich doch in den fernen Marschallinseln, daß die Verheerung durch fließende Lava auf Niua-fu furchtbar gewesen sein soll.

Ein beschränktes Feld nur ist es, im Verhältniß zur ausgedehnten Inselwelt des großen Ozeans, dessen ich hier Erwähnung gethan, und doch im Gegensatz zu den einzelnen, erwähnten Inselgruppen, den niedrigen Koralleninseln, muß die beträchtliche Anzahl erloschener, und zum Theil noch thätiger Vulkane auffällig erscheinen. Sie alle aufzuzählen scheint mir unnöthig, zumal jede hohe Insel vulkanischen Ursprungs ist, fast ohne Ausnahme ließen sich auf allen erloschene Krater nachweisen.

Bedenkt man nun, daß schon dieses kleine Gebiet seit grauer Vorzeit ein ausgedehnter Kraterheerd gewesen ist, worauf der Einfluß der stets thätigen Naturkraft Veränderungen hervorgerufen haben mag, deren Größe und Bedeutung wir heute kaum zu ermessen im Stande sind, so tritt, wenn wir die ganze ausgedehnte Inselwelt in Bereich der Frage ziehen, welchem Ursprung entstammen diese Ländermassen, unwillkürlich beim Nachdenken die Möglichkeit heran, wir könnten es hier mit einem ehemaligen, versunkenen Festlande zu thun haben. Und ganz erklärlich muß dies erscheinen, sofern nur in Betracht gezogen wird, daß bedeutende Umwälzungen und Veränderungen auf unserer Erdoberfläche stattgefunden haben, ehe die heutige Lage und Gestaltung stetig geworden ist. Wir wissen, daß die Festlande aus der Tiefe der Ozeane gehoben wurden, die mächtigen Gebirge als vereinzelte Inseln oder Inselmassen über die Oberfläche der Wasser hervorragten an denen sich dieselben Vorgänge, während zehn Jahrtausenden vielleicht abspielten, wie an den Vulkaninseln des heutigen stillen Ozeans.

Fußen wir auf diese Theorie, dann sind die vereinzelten und zusammenhängenden Bergmassen im großen Ozean, die höchsten Punkte eines versunkenen, gewaltigen Festlandes deren vulkanischer Charakter im Laufe der Zeiten zur Erhöhung durch häufige, heftige Ausbrüche viel beigetragen hat. Die Koralleninseln, ebenfalls unter der Meeresfläche gesunkene Gebirgsrücken, auf denen es der Korallenpolype ermöglicht wurde sich anzubauen, haben die Thierchen trotz des langsamen, allmählichen Sinkens der Ländermassen immer höher und höher zur Meeresoberfläche gebaut, bis auch hier Stetigkeit eingetreten ist und ausgedehnte Inseln gebildet wurden.

Die Tiefenverhältnisse im großen Ozean ergeben ein Bild, wonach mächtige Gebirgszüge diesen durchziehen, ausgedehnte Thäler umschließend, und zum Theil sehr steil anstreben bis zu 18000 Fuß und darüber; hohe Inseln im Ozean kämen demnach unsern höchsten Bergen gleich.

Die Annahme nun, daß die ganze große Inselwelt ehemals eine zusammenhängende Landmasse gewesen, führt dahin, daß diese auch von verschiedenen Völkerstämmen bewohnt worden ist; streng geschiedene Rassen, vielleicht getrennt durch natürliche Grenzen, haben hierauf weite Strecken bewohnt. Im Westen die schwarze, die Papuarasse, ganz Melanesien umfassend, östlich davon die kupferfarbene, die Polynesier, und im Norden von beiden, Mikronesien, Mischarten der Malaien. Kann angenommen werden, daß die heutige Bevölkerung Ueberreste der Urbewohner sind, die durch Versinken der Landmassen isolirt wurden, wäre die Erklärung dafür gefunden, wie allmählich selbst die niedrigen Koralleninseln bevölkert worden sind. Denn der Drang nach Ausdehnung, Aufsuchen neuer Wohnsitze, kann nach ostwärts nur im beschränkten Maaße stattgefunden haben, die Strom- und Windverhältnisse im Ozean mußten Versuche auf großen Wasserflächen vereiteln, hingegen nach Westen begünstigen, zumal da bessere Verkehrsmittel als die heutigen Kanoes schwerlich den einzelnen Stämmen zur Verfügung gestanden haben.

Der in früherer Zeit bei diesen Rassen und einzelnen Stämmen gebräuchliche Kannibalismus hat alle Spuren vertilgt, die über die Verbreitung derselben Aufschluß geben könnten, es bleibt also nur die Gewißheit übrig, daß die einzelnen Rassen ihr ursprünglich bewohntes Gebiet heute noch innehaben, was namentlich auf die Polynesier und Melanesier Bezug hat.

IV. Die Marschall-Inseln.

Sowie im Bereich der deutschen Handelsgesellschaft die ausgedehnte Tonga-Gruppe, früher auch die Vitji-Inseln, gezogen wurden, sind nördlich und westlich von Samoa in der Phoenix, Ellis, Gilbert-Gruppe, auf Una und Rotomah Handelsbeziehungen eröffnet worden und die Schiffe der Gesellschaft hielten auf diesem weiten Gebiet den Verkehr aufrecht. Verbindungen mit den Neu-Hebriden und Salomon-Inseln wurden ferner zu dem Zwecke unterhalten, um dort die Anwerbungen der so sehr benöthigten Plantagenarbeiter vorzunehmen, da der träge Samoaner sich zur dauernden Arbeit nicht bereit finden läßt. Ein Gemisch verschiedener Stämme, zu denen Rotumah- und Tapituwea-Leute (Gilbert-Inseln), sowie auch Marschall-Insulaner sich gesellen, findet man auf den deutschen Plantagen, und doch genügt oft die Arbeitskraft nicht, da nicht immer für heimbeförderte Arbeiter, nach Ablauf ihres dreijährigen Vertrages hinreichender Ersatz geschafft werden kann.

Die Marschall-Inseln und, im Zusammenhang mit diesen, die weite Karolinen-Gruppe und die Gilbert-Inseln bildeten in den achtziger Jahren getrennte Niederlagen für sich, gleichwie ein solches auch in Matupi (Neu-Pommern) errichtet war, unter Leitung von Beamten der deutschen Gesellschaft. Den Handelsverkehr hielten auf diesen Stationen, ebenso wie in Apia, die daselbst stationirten Schiffe aufrecht. Ablösungen der Schiffe erfolgten je nach Maßgabe der Verhältnisse, oder sobald sie reparaturbedürftig geworden waren, dem nur in Apia, der Hauptstation, abgeholfen werden konnte.

Aus dem Grunde schon, um meine Kenntniß über die Inselwelt des stillen Ozeans zu bereichern, begrüßte ich freudig die Weisung, mit einem anderen Schiffe auf den Marschall-Inseln stationirt zu werden, und im Anfang Januar 1886 segelte ich von Apia nach Jaluit, um erst nach Verlauf von zwei Jahren nach Samoa zurückzukehren.

Ziemlich nordwärts durch die Phönix-Gruppe ging mein Kurs, dem zu Folge die Marschall-Inseln weit westlich bleiben mußten, wenn keine oder nur schwache Aequatorialströmung vorhanden gewesen wäre; auch war es nöthig, wegen des nördlich vom Aequator zu erwartenden Nordost-Passatwindes, möglichst östlich von der Gilbert-Gruppe zu bleiben, um, sobald dieser einsetzen würde, mit freiem Winde die Fahrt des Schiffes zu beschleunigen; denn wenn diese Inseln in Lee blieben, wäre es zwecklos gewesen, gegen den starken Strom und Wind nordwärts zu kreuzen.

Wider Erwarten fand ich schon nördlich der Phönix-Gruppe einen starken Strom, der in 24 Stunden das Schiff 70-80 Seemeilen nach Westen versetzte, dessen Gürtel so schnell als möglich passirt werden mußte, wollte ich nicht in absehbarer Zeit gezwungen werden, mir durch die Gilbert-Gruppe hindurch einen Weg zu suchen. Zum Glück aber trat keine Windstille ein, der östliche Wind blieb beständig, wenn auch leicht, bis ich aus dem stärksten Strom heraus mit immer nördlichem Kurs die Insel Milli sichtete; ich hatte also in Wirklichkeit durch die Stromversetzung einen nordwestlichen Kurs gesegelt. Gerade drei Wochen waren vergangen, als ich den Bestimmungsort Jaluit erreichte, und begünstigt von anhaltend schönem Wetter die 1800 Seemeilen lange Entfernung in dieser Zeit zurückgelegt hatte.

Zum allgemeinen bessern Verständniß und, ehe ich zu einzelnen bemerkenswerthen Reisen durch die Marschall-Gruppe übergehe, scheint es mir angebrachter, vorher schon eine kurz gefaßte Uebersicht von diesen Inseln und deren Bevölkerung zu geben, um so mehr als besondere Eigenthümlichkeiten in der Bildung und Entstehung dieser Inseln zu erwähnen sind. Eine Gruppe verschieden geformter Atolls, oft von beträchtlicher Ausdehnung, umfassen, vom 4-12° nördlicher Breite und 166-172° östlicher Länge, die Marschall-Inseln ein weites Gebiet. Ihrer Bauart nach, sind es Randriffe der verschiedensten Bildung, die ein mehr oder weniger tiefes Korallenbett umschließen. Und wenn ich auf ihre Entstehung hinweisen soll, so haben wir die viel tausendjährige Arbeit der Korallenpolypen vor uns, die aus großer Tiefe Schicht auf Schicht bis zur Meeresfläche aufgebaut haben, und schwere See, Wind und Witterungseinfluß haben mit der Zeit zwar schmale, aber langgestreckte Inseln in beträchtlicher Zahl auf den Randriffen gebildet.

Die eigentliche Bezeichnung dieser Randriffe wäre Korallenwälle, da diese sehr steil bis zu einer großen Tiefe abfallen, und jeder Atoll erscheint wie ein langgestreckter, steiler Bergrücken, in einzelnen Fällen auch wie eine Bergkuppe, sofern man sich die thatsächliche Bildung des Meeresbodens vergegenwärtigt. Da nun die Koralle nicht tiefer als etwa 200 Fuß zu bauen beginnt, müssen in der That diese Erhebungen gleich Bergkuppen aus der Tiefe des Meeres aufragen, worauf als Grundlage die Polypen ihre Werke aufgebaut haben. Aber erwiesen ist es, daß die Korallenwälle viel hundert Fuß tief sich unter der Meeresfläche erstrecken, mithin kann der schichtweise Aufbau aus so bedeutender Tiefe nicht begonnen worden sein.

Es bleibt also nur die Annahme übrig, fast die Gewißheit, daß auch hier versunkene Höhen, besser gesagt Gebirgskuppen, das Fundament abgegeben haben, auf welchem die Koralle sich ansiedelte. Hätte nun nach erfolgtem Verschwinden der höchsten Bergspitzen ein Tiefersinken der Landmassen nicht stattgefunden, würden feste Riffflächen entstanden sein, auf denen sich im Laufe der Zeiten niedrige Inseln gebildet hätten, eine Bildung der heutigen Atolle würde naturgemäß dann nicht möglich gewesen sein. Einen anderen Anschein hingegen gewinnt es, sofern man der Vermuthung Folge giebt, daß, worauf ich schon hingewiesen, die ganze ausgedehnte Inselwelt des stillen Ozeans einst aus verschiedenen mächtigen Gebirgszügen, mit sehr zahlreichen thätigen Vulkanen bestanden hat, deren Kratersenkungen oft einen sehr bedeutenden Umfang gehabt haben müssen.

Wird dieses als erwiesen betrachtet, dann sind sämmtliche Atolls einst für lange Zeit noch über die Meeresfläche ragende Krater gewesen, Inseln, an deren Rändern die Koralle fortgebaut hat. Je tiefer die Kraterinseln langsam versanken und ein gänzliches Erlöschen der Vulkane die Folge war, ebenso schnell baute die Koralle fort und füllte schließlich die weiten Oeffnungen aus. Die Randriffe schon weit im Vorsprung konnten diese durch die bessere Ernährung der Polypen auch schneller anwachsen, aber der innere Aufbau und die allmähliche Auffüllung blieb zurück, was natürlich war, sobald das allmähliche Sinken der Landmassen aufgehört hatte, denn jetzt gestatteten die zusammenhängenden Randriffe den bauenden Polypen nicht mehr oder doch zum Theil nur, durch die von der Strömung offen gehaltenen Durchfahrten, die Zufuhr frischen Meerwassers und mit diesem frische Nahrung.

Die eine Gewißheit aber liegt bestimmt vor, ehe die heutige Beschaffenheit der Atolle herbeigeführt worden ist, sind große Zeiträume hingegangen, die alle Spuren der Entstehung verwischt haben.

Geht man von der Annahme aus, daß auffallende Veränderungen nicht mehr stattfinden, vor allem ein weiteres Sinken seit vielen Jahrhunderten unterblieben ist, dann müssen, da kein Stillstand im Schaffen der Natur eintreten kann, der einst sämmtliche Atolls durch die theils an der Innenseite, theils an den Außenriffen weiter bauenden Korallen geschlossen werden, wie es bei zwei kleineren Atolls in der Marschall-Gruppe bereits geschehen ist. Es werden, wenn dadurch auch der innere Aufbau der Korallen zum Stillstand gekommen ist, mehr oder weniger tiefe Wasserbecken zurückbleiben, die naturgemäß versumpfen müssen, sobald der vordringende Pflanzenwuchs festen Fuß faßt. Es ist erwiesen, daß starke Strömungen, wie solche durch den gleichmäßigen Wechsel von Ebbe und Fluth hervorgerufen werden, der Koralle am Weiterbau hinderlich sind, wenigstens nur langsame Fortschritte gestatten, dagegen findet man bei solchen Atolls, wo nur noch durch enge Zufahrten ein Zugang möglich, daß die Koralle diese von innen zu verbauen sucht. Begünstigt durch die immerwährend frische Zufuhr an reichhaltigen Nährstoffen, führen die Polypen in der Nähe der Durchfahrten allmählich kleinere Bänke auf, und bauen so weiter, bis jede Oeffnung im Randriff schließlich verschlossen wird, was bei den südlich liegenden Atolls zunächst zu erwarten ist.

Die Marschall-Gruppe bildet zwei nahezu parallel laufende Ketten von Insel-Atolls in Nord-Nord-West- und Süd-Süd-Ost-Richtung, die östliche die Ratock-, die westliche die Ralik-Gruppe; die Bezeichnung beider Ketten ist der Sprache der Marschall-Insulaner entlehnt. Die Ralik-Kette zählt 15, die Ratock- 14 Korallengruppen, unter denen sich einige kleinere Inseln befinden, die keine Atolle sind.

Soweit die geschichtliche Kunde reicht, soll bereits im Jahre 1529 der spanische Kommandant Alvaro de Saavedra einige Atolls gesehen und besucht haben; nähere Nachrichten liegen aber erst seit 1788 vor und zwar von den englischen Befehlshabern Marschall und Gilbert, nach denen auch die beiden großen Inselgruppen benannt worden sind. Trotzdem nun in den folgenden Jahrzehnten der stille Ozean mehr und mehr von Kriegs- und Kauffahrteischiffen befahren und erforscht wurde, sind doch nur spärliche Nachrichten von jener fernen Inselwelt zu uns gekommen; bisweilen meldeten sie auch von dort verschollenen oder ermordeten Schiffsbesatzungen.

So befand sich im Jahre 1824 der amerikanische Walfischfänger „Globe“ in der Nähe der Insel Milli, wo der größte Theil der Besatzung dieses Schiffes meuterte und landete. Es gelang zwar einigen von der zahlreichen Mannschaft, die gezwungen den Meuterern hatten folgen müssen, ihr Schiff wieder zu erreichen und die offene See zu gewinnen, auch waren diese, obschon es ihnen an Offizieren fehlte im Stande die Sandwich-Inseln zu erreichen; auf ihren Bericht hin wurde dann im folgenden Jahre der Schooner „Delphin“ ausgesandt, um wenn möglich die Meuterer zu ergreifen. Aber nur zwei ganz junge Leute, die keinen Antheil an der Meuterei gehabt, wurden noch lebend vorgefunden, alle übrigen waren von den Eingebornen erschlagen worden, weil diese die ihnen überlassenen Frauen roh behandelt hatten, sie verfielen der Rache der Eingebornen und ernteten so den Lohn ihrer Thaten.

1834 landete Kapitän Dowsett auf den Marschall-Inseln. Dieser unterhielt freundlichen Verkehr mit den Eingebornen und nichts befürchtend, landete er eines Tages, und ging allein in ein Dorf, nicht ahnend, daß inzwischen seine Mannschaft am Strande ermordet worden war. Die an Bord zurückgebliebenen, die den Vorgang mit ansahen, waren der Meinung, ihr Führer sei auch erschlagen worden. Sie lichteten sofort die Anker und entflohen. Als das Schiff nach Honolulu zurückgekehrt war, wurde sogleich die „Waverley“ ausgerüstet, um nach Kapitän Dowsett oder dessen Schicksal zu forschen. Es wurde aber nichts weiter gefunden, als einige dem verschollenen Kapitän gehörende Sachen, und sein, in die Rinde verschiedener Bäume eingeschnittener Name. Die Eingebornen, mit denen wohl schwer eine Verständigung erzielt werden konnte, erzählten, der Kapitän sei mit seinem Boote in See gegangen; jedoch der Führer des „Waverley“ glaubte ihnen nicht und ließ eine ganze Anzahl niederschießen. Darauf segelte das Schiff weiter nach Ponape, der größten Insel der Karolinengruppe, und lief auch die östlichste dieser Inseln, „Kusai“ an, hier aber ereilte alle das Schicksal, das Schiff wurde von den Eingebornen genommen und die ganze Besatzung getödtet. Späteren Nachrichten zu Folge hat Kapitän Dowsett noch im Jahre 1843 auf einer Insel in der Ralikkette, die er mit seinem Boote erreichte, gelebt, wahrscheinlich aber hat er von hier die Karolinen erreicht und ist auf einer dieser Inseln getödtet worden.

Ich könnte noch mehrere solcher Fälle anführen, wo an verschiedenen Inseln Schiffe genommen, oder der Versuch dazu gemacht wurde, selbst schiffbrüchige Seeleute wurden nicht verschont; noch im Jahre 1852 wurde vor der Insel Ebon ein Schiff erobert, dessen Besatzung der Rache der Eingebornen verfiel, weil Jahre vorher dort von Weißen ein großer Häuptling getödtet worden war.

Selbst auf Jaluit, der heutigen Hauptinsel, wurde, wie ich aus sicherster Quelle erfahren, wenige Jahre später ein amerikanisches Handelsschiff die „See-Nymphe“ genommen. Es ankerte in der Lagune unter der Insel „Medjado“, und, hier mit den Bewohnern Tauschhandel treibend, ließ sich der Führer hinreißen, einen Häuptling thätlich zu beleidigen. Die Folge war, daß dieser mit seinen Verwandten und seinem Anhang einen Ueberfall plante, der, sobald die Mannschaft des Schiffes wieder landete, ins Werk gesetzt wurde. Es heißt, der damals noch junge Kabua, der jetzige König in der Ralik-Kette, habe selbst den nichtsahnenden Schiffsführer auf seinen Schultern über das Riff getragen, andere Eingeborne trugen auf gleiche Weise die Besatzung zum Lande. Weit genug vom Schiffe entfernt, wehrlos in die Gewalt der Eingebornen gegeben, wurden die Ahnungslosen auf ein gegebenes Zeichen hinterrücks niedergeschlagen. Das Schiff wurde darauf ausgeraubt und es entging keiner dem Tode.

Die Ursache dieser Metzeleien, der so viele Unschuldige zum Opfer gefallen sind, ist in der Roheit zu suchen, welche die Führer amerikanischer Walfischfänger, die in diesem Gebiete reiche Beute erjagten, an Eingebornen verübt haben. Sie litten es, daß oft mit Gewalt den Eingebornen die Weiber entrissen wurden, auch verhängten sie ungerechte Strafen. Mehr aber noch haben die zügellosen Mannschaften solcher Schiffe, deren brutales Auftreten die Führer nicht zu hindern vermochten, verschuldet, und bitteren Haß gegen den weißen Mann in die Herzen der Inselbewohner gesät.

Schlimmer noch, sie hinterließen scheußliche Krankheiten, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, tausende hinwegrafften und ein gesundes Volk zur Verzweiflung brachten. Erst nachdem die Meerbewohner vernichtet, die Walfischjagden nicht mehr lohnend genug geworden waren, wurden die Marschall-Insulaner seltener belästigt. Als dann die Missionare kamen, (zuerst 1857 auf der Insel Ebon) predigten diese das Evangelium und fanden willige Hörer bei denen, die so oft ihre Hände in das Blut des weißen Mannes getaucht hatten; eifrig befolgten die Eingebornen die göttliche Lehre und vergaßen ihre Rachsucht.

Heute, unter deutschen Schutz gestellt, mögen diese Insulaner, die so manche gute Eigenschaft besitzen, aufathmen, und sich in Sicherheit, ihres Daseins freuen; aber leider ward mit der Zivilisation auch der Todeskeim ausgestreut, langsam, aber sicher geht diese Menschenrasse dem endlichen Verfall entgegen.

Sowie geographisch der Marschall-Archipel in zwei Gruppen getheilt wird, so kann dies auch in Bezug auf Bevölkerung und politische Verhältnisse geschehen, denn sowohl die Ralik- als auch die Ratak-Kette ist in dieser Beziehung jede für sich als ein getrenntes Ganzes zu betrachten. Schon die Sprache beider Gruppen ist verschieden, nicht in ihrem Bau, vielmehr im Dialekt, und gleiche Unterschiede zeigen sich in den politischen Verhältnissen der Bewohner. Während auf der Ratak-Kette fast jeder Atoll von einem, oder mehreren Häuptlingen beherrscht wird, die oft in gegenseitiger Fehde leben und sich der Herrschaft zu bemächtigen trachten, selbst zur Eroberung anderer Gruppen (Atolls) lang vorbereitete Kriegszüge unternehmen, liegt die ganze Macht auf der Ralik-Kette in den Händen eines Königs, jenes schon erwähnten Kabua, besser gesagt, in den Händen seiner Familie.

Die Macht richtet sich hier nach Besitz und Anhang, und obgleich Kabua nicht der reichste der Häuptlinge, ist er doch als der älteste als König anerkannt worden, zumal da die Besitzungen seiner Stiefsöhne und deren Einfluß sein Ansehn erhöhte. Sein Stiefsohn Nelu (Lojab), dessen Bruder Lagajime, Litokua und neben diesen Launa sind die einflußreichsten Häuptlinge auf der Ralik-Kette; namentlich Nelu, seine Brüder und seinen Anhang habe ich häufig an Bord gehabt und mit diesen Reisen von Atoll zu Atoll gemacht.

Bei den meisten ungebildeten, sogenannten wilden Völkern findet man, daß das Weib nicht als gleichberechtigt angesehen wird, vielmehr die Sklavin des Mannes ist, auf deren Schulter alle Lasten und Mühen abgewälzt werden. Doch die Polynesier zeichnen sich darin aus, daß sie das Weib höher stellen, mehr noch ist dieses bei den Mikronesiern der Fall; vor allem bei den Marschall-Insulanern, bei welchen es volle Gleichberechtigung hat, d. h. keine Beschränkung im Handeln, in Haus und Hütte, und soweit des Weibes Einfluß reicht, der, da Rang und Würde nur vom weiblichen Geschlechte abgeleitet wird, häufig groß ist.

Die Bevölkerung ist zum großen Theil besitzlos, aller Landbesitz liegt in den Händen der Häuptlinge, deshalb ist es den Bewohnern nur gestattet, eine Frau zu haben, wo hingegen die Häuptlinge mehrere haben dürfen, doch bleibt die erste Frau, sofern sie Kinder hat, die rechtmäßige; sie ist bei den Vornehmen gewöhnlich die Tochter eines Besitzenden. Steht die Frau im Range höher als der Mann, so erhält dieser auch eine höhere Würde, nur über das Eigenthum der Frau hat er kein Verfügungsrecht, das verbleibt als mütterliches Erbtheil den Kindern. Die Tochter eines Häuptlings kann einen gewöhnlichen Mann heirathen, durch diese Verbindung wird derselbe ebenfalls in den Häuptlingsrang erhoben, auch auf die Kinder geht diese Würde über. Dem Häuptlinge steht es frei, sich die Frau eines seiner Untergebenen anzueignen, nie aber kann ein Besitzloser sich wiederum eine Häuptlingsfrau (also Wittwe) zum Weibe nehmen.

Etwas auffallend will es mir scheinen, daß nach meiner eigenen Wahrnehmung selbst im Innern Afrikas, bei den Völkern am Nyassa-See und oberen Schire, die ganz gleiche Einrichtung der weiblichen Erbfolge besteht, nur daß dort nicht direkt der Sohn als Nachfolger bestimmt wird, sondern der Neffe, und trotz des dem Weibe zugestandenen Vorrechtes, dieses doch nur sehr gering geachtet und mehr als Sklavin betrachtet wird.

Die Ehe bei den Marschall-Insulanern ist nur ein lockeres Band, leicht geschlossen und leicht gelöst. Der Eingeborne nimmt sich das Mädchen zur Frau, die ihm gefällt, sofern die Eltern desselben damit einverstanden sind, gefällt sie ihm aber nicht mehr, so schickt er sie einfach fort und sucht sich eine andere. Zwar hat wie in anderen Gewohnheiten auch hierin der Einfluß der Missionare Wandel geschaffen, namentlich auf den südlicheren Atolls, wo das Christenthum große Verbreitung gefunden hat, doch hat auf Gesittung die neue Lehre wenig Einfluß gehabt; Keuschheit ist keine Tugend der Insulaner, schon sehr jung verkehren, ohne daran gehindert zu werden, die Geschlechter mit einander und üble Folgen bleiben nicht aus, ebenso ist selbst die nächste Verwandtschaft kein Hinderungsgrund für solchen Umgang.

Als Beweis recht lockerer Sitten gilt der Umstand, daß es keiner Frau verargt wird, wenn sie sich einen anderen Verkehr sucht, sobald der Mann auf längere Zeit abwesend ist oder sich auf Reisen befindet; indeß schwinden solche Gewohnheiten immer mehr und mehr, häufiger trifft man sie nur noch auf den nördlicheren Atolls an. Von Erziehung kann eigentlich keine Rede sein, den Kindern wird in jeder Hinsicht volle Freiheit gelassen, Arbeit lernen die Kinder nicht kennen, das einzige was ihnen vielleicht von Seiten der Eltern beigebracht wird, ist die Einübung der Tänze und Gesänge. Auffallend ist auch die große Sterblichkeit unter den Kindern, wohl eine Folge zu geringer Aufsicht und schon früh entwickelter Krankheitskeime; die stetige Abnahme der Bevölkerung ist darauf zurückzuführen.