Reisen durch die Inselwelt der Südsee
Part 6
Es liegt eine wunderbare Kraft im Walten der Natur! Man glaubt todte, starre Oede dort zu finden, wo giftige Gase fast ununterbrochen den Schlünden thätiger Krater entströmen; hier aber blüht und wächst durch der Sonne Gluth, durch periodisch stark fallenden Regen, erfrischt durch nächtlichen, schweren Tau, selbst auf dem salzhaltigen, freigelegten Seegrunde eine üppige Vegetation. Das ganze Panorama, den See zu Füßen, dessen Wasser im Sonnenlicht wie flüssiges Silber glänzen, durch die Palmen gekrönten Höhen, den steilen, dichtbewachsenen Wänden, wird durch diese tropische Ueppigkeit ungemein verschönt. Das sonst schauerliche Empfinden, welches den Menschen befällt, wenn er sich hineinwagt in die Werkstätten der furchtbarsten Naturkraft, deren Hauch Land und Wasser erzittern macht, schwindet hier beim Anblick thätigen, blühenden Lebens.
Die Heilkraft des Wassers, von der die Eingebornen erzählten, wollte ich auch nicht unversucht lassen; schnell folgten wir Europäer dem Beispiele unserer nackten Begleiter und tummelten uns in dem warmen Bade, bis eine wohlthuende Ermattung eintrat; daß den beiden Hunden, die wir mit uns hatten, das Bad ebenso gut bekam, will ich nicht behaupten; den Thieren, die mehrfach in das Wasser geschickt wurden, um ein weit weggeworfenes Holzstück zurückzubringen, schien wenigstens der bittere Geschmack desselben nicht besonders zu behagen.
Bei näherer Untersuchung habe ich gefunden, daß die Wassertiefe dieses Sees überall schnell zunahm und nach der Schräge des Bodens zu urtheilen bis zur Mitte eine ganz beträchtliche sein muß, auch die Eingebornen bestätigten dies, sie gaben an, es sei in nicht großer Entfernung vom Ufer in weiter Runde kein Grund mehr zu finden, demnach wären also die drei Kraterhügel nur die über Wasser ragenden Kuppen vielleicht gewaltiger Vulkane.
In tiefster Ruhe, im Sonnenglanz gebadet, liegt der weite See, in ihm schlummern Gigantenkräfte! Wann werden diese wieder erwachen, Menschen zittern und Felsen erbeben machen! Wir standen hier auf einem Vulkan, wir wußten das, aber nicht, daß unter uns, rings in der Runde, die unterirdischen Geister erwacht waren, die die Feuer schürten, um solche wenige Monate später schon mit verheerender Gewalt über diese Insel auszuspeien.
Nicht so friedfertigen Sinnes wie heute waren die Tonga-Insulaner, als sie zuerst mit den weißen Männern in nähere Berührung kamen. Die erste Entdeckung dieser Insel erfolgte im Jahre 1643, dann wurden sie erst wieder 1773, also über ein Jahrhundert später, von dem berühmten Entdecker Cook aufgefunden, in der Folge dann von mehreren kühnen Forschern besucht, denen aber ihr langer Aufenthalt an einzelnen dieser Inseln, wie Tongatabu, Lefuka u. a. verhängnißvoll wurde.
Im Vertrauen auf die freundliche Gesinnung dieser Insulaner wurden die Europäer zu sorglos, dahingegen die Eingebornen aber, welche die Schwächen der weißen Männer bald genug erkannten, planten Tod und Verderben. Wohl entgingen viele Europäer dem geplanten Anschlag auf ihr Leben und waren noch stark genug, ihre Schiffe zu schützen und zu fliehen, manche aber haben ihre Achtlosigkeit mit Verlusten von Gut und Leben büßen müssen. Heute hat Gesittung den verrätherischen Sinn der Eingebornen geändert, sie kennen zur Genüge die Macht des weißen Mannes und diese Erkenntniß ist der beste Schutz.
III. König Maliatoa. Olosinga. Der Ausbruch eines unterseeischen Vulkans und die Entstehung einer neuen Insel.
Bei meiner Rückkehr nach Samoa waren die politischen Verhältnisse auf Upolu noch verwickelter als früher und für die deutschen Beamten eine stete, ernste Sorge, namentlich da die ansässigen Amerikaner und Engländer ihre Wühlerei unvermindert fortsetzten. Mir, als einem Uneingeweihten, fehlt die genaue Kenntniß, um ein anschauliches Bild der politischen Wirren, der feindlichen Kundgebungen wahrheitsgetreu wiedergeben zu können -- viel Gutes wäre, nebenbei gesagt, nicht zu berichten gewesen -- nur so viel sei erwähnt, hätte gehandelt werden dürfen, wie es uns Deutschen hier zu jener Zeit ums Herz war, mit der kleinen Zahl jener Abenteurer, die desto lauter schrieen, je mehr sie beachtet wurden, wäre bald genug aufgeräumt worden; es wäre ein Glück für Land und Volk, eine wahre Wohlthat für uns Deutsche gewesen!
Es lag mir viel daran, den Mann gelegentlich kennen zu lernen, in dessen schwachen Händen das Geschick Samoas lag, um dessen Gunst so viel Ausländer buhlten, dessen Macht ein Schein, dem nur sein Anhang -- die stolzen, selbstbewußten Häuptlinge -- die Königskrone sicherten. Der Zufall fügte es, daß ich auf einem Spaziergange nach Mulinuu einen langansässigen Deutschen traf, der mir behülflich sein wollte, den König sprechen zu dürfen. Während kein Samoaner wagen darf, ohne Erlaubniß den geheiligten Grund zu betreten, auf welchem sein König wohnt und auch dann nur unter Beobachtung gewisser Zeremonien, fanden wir dort ungehinderten Zutritt und, ohne nach unserm Begehr gefragt zu sein, näherten wir uns dem im Schatten seines Hauses sitzenden Könige Maliatoa.
Die Gastfreundschaft der Samoaner ist bekannt, und ihr König ist nicht minder bestrebt, solche seinen Gästen gegenüber auszuüben. Seine braune Majestät hieß uns willkommen und führte uns in den großen Vorraum des mit vielem Kunstsinn aufgeführten Palastes und lud uns ein, auf den mit Matten bedeckten Holzkisten Platz zu nehmen. Darauf rief der König dienstbare Geister, wohlgenährte Samoanerinnen erschienen und ließen sich geschäftig im Hintergrunde des Zimmers nieder. Schnell waren Steine, Becken und Wasser herbeigeschafft, das Zerklopfen der Kavawurzel begann und nach kurzer Zeit schon wurde durch Händeklatschen das Zeichen gegeben, daß der Trank bereitet sei.
Mit vieler Grandezza sich auf ein Knie niederlassend, reichte eine junge Maid dem Könige zuerst die Kokosschale, wurde aber bedeutet, diese seinen Gästen erst zu reichen. Da nahm ich sie in die Hände und leerte sie mit einem Zuge, obgleich sie wohl einen halben Liter faßte; das Wort „_fafataii_“, d. h. danke, war ich kaum im Stande, vernehmbar auszusprechen, so hatte das etwas starke Getränk mir den Athem genommen. Während dessen setzte sich der König würdevoll nach samoaner Art mit untergeschlagenen Beinen, auf weichen, feinen Matten vor uns nieder und eröffnete erst die Unterhaltung, als auch er die Schale geleert und seinen Gästen Bescheid gethan hatte.
Mit ausgesuchter Höflichkeit lenkte Maliatoa, nachdem er erfahren, daß nur der Wunsch uns hergeführt hatte, ihn kennen zu lernen (was besonders auf mich Bezug hatte), das Gespräch auf unsern großen Kaiser, er stand auch auf und holte unter anderen Sachen ein wohlgelungenes Bildniß des Kaiser Wilhelms herbei und fragte uns, ob der mächtige, deutsche Kaiser mit diesem Bilde sprechende Aehnlichkeit habe, wie ihm versichert worden sei. Unsere Bestätigung befriedigte ihn, und für einen Augenblick im Anschauen des Bildes versunken, fragte er dann plötzlich, wann ich eingelaufen sei und von welcher Insel ich gekommen wäre. Als ich Niua-fu erwähnte, lobte er die dort wachsenden großen Kokosnüsse; er wäre immer bestrebt, sagte er, solche zu bekommen und benutze sie gewöhnlich zur Auspflanzung, wenn anders nicht seine Frauen dieselben wegnähmen und zu Wasserbehältern oder Kavaschalen benutzten. Schiffsführer, die Niua-fu anliefen, brächten ihm mitunter schöne, große Nüsse mit, es wäre aber selten der Fall, weil dort wohl nur wenige Schiffe zu Anker gingen.
Das Letzte war mehr eine Frage an mich, und die Höflichkeit gebot, diese so zu verstehen, als sei es ein ausgesprochener Wunsch, darum erbot ich mich sofort, diesen zu erfüllen, sobald mir Gelegenheit dazu gegeben wäre; ich wüßte zwar nicht, wohin ich beordert werden würde, aber solcher geringen Mühe wollte ich mich gerne unterziehen und gelegentlich Nüsse mitbringen. Dankend nahm Maliatoa das Anerbieten an. Dann wurde uns auf seinen Wink die zweite Schale Kava von schöner Hand gereicht, worauf wir uns bald vom Könige verabschiedeten.
Während der kurzen Unterhaltung war es nicht uninteressant, zu beobachten, wie der König in nichts von den Gewohnheiten seiner Unterthanen abwich. Wie der Samoaner setzte er sich auf den mit Matten belegten Erdboden, stützte gewohnheitsgemäß den Oberkörper auf einen Arm oder gab bei nach vorne geneigter Haltung seinem Körper dadurch einen festen Stützpunkt, indem er die Ellbogen auf die fast flach am Boden liegenden Knie setzte. Bei solcher Haltung bleiben dann die Hände zur Vornahme beliebiger Verrichtungen frei. Wiewohl nach unseren Begriffen in der Haltung des Königs nicht allzuviel Majestätisches zu finden war, so gestehe ich doch offen, daß die ganze Erscheinung den Herrscher verrieth, dessen Blick Gehorsam zu heischen schien.
Einige Monate später, ich war über Niuatobutabu nach Niua-fu beordert worden, löste ich meine Zusage ein, und kaufte dort die größten Nüsse, welche ich mit Hülfe des deutschen Agenten auftreiben konnte, für den König Maliatoa auf. Nach Apia zurückgekehrt, traf ich leider den König nicht in seinem Palaste bei Mulinuu an, ich gab daher die Kokosnüsse an anwesende Häuptlinge ab, die solche sogleich den aufwartenden Weibern einhändigten, somit mag der König wohl Recht haben, daß ihm geschenkte Nüsse meistens zu anderen Zwecken, als zur Auspflanzung Verwendung finden.
Bei weiteren Reisen in der Südsee war ich insofern vom Glück begünstigt, als mir Gelegenheit gegeben wurde, auch die entlegensten Inseln der Samoa-Gruppe kennen zu lernen und dort Beobachtungen über Land und Bewohner zu machen. Auf solchen Fahrten zeigte freilich oft genug der gepriesene Stille Ozean ein recht unfreundliches Gesicht; widrige, stürmische Winde, gefährliche See, straften solche Bezeichnung Lügen. Ist man aber mit der wechselnden Eigenart der Witterung erst vertraut geworden, namentlich mit der unbeständigen, sogenannten schlechten Jahreszeit, so nimmt der Seemann alles ruhig mit in den Kauf und sucht dem Unfreundlichsten noch eine gemüthliche Seite abzugewinnen.
In freier See, wenn dem Schiffe keine Gefahren weiter drohten, als durch Wind und Wetter, war ich immer zufrieden, hier war des Menschen Können den Elementen gewachsen, wenn diese es nicht gar zu böse meinten, hingegen vor gefährlichen Riffen auf schlechtem Ankergrunde, wo das Schiff gefährdet lag, schlich sich recht oft die Sorge bei mir ein.
Kräftig hatte der Südost-Passat wieder eingesetzt, vor dessen Hauch das düstere Gewölk entfloh, das regenschwer oft genug über Land und Ozean gebreitet lag; ein dauernd heiterer Himmel lachte auf die blaue Fluth hernieder, deren schaumgekrönte Wellen sich im lustigen Spiele endlos jagten. Aufkreuzend gegen solchen steifen Wind und einer in Folge dessen recht bewegten See, brauchte ich, nach der Manua-Gruppe bestimmt, acht Tage, um die 130 Seemeilen lange Strecke von Apia bis zur Insel Ofu und Olosinga aufzusegeln; in Wirklichkeit aber hatte das Schiff annähernd 800 Seemeilen im Zickzackkurse zurückgelegt, ehe das Ziel erreicht war.
Durchzieht die langgestreckte Insel Tutuila ein mächtiger Höhenrücken, der wegen seiner Form und Steilheit unübersteiglich ist, eine Basaltformation von solcher Zerrissenheit darstellend, daß thatsächlich zwischen der Nord- und Südküste keine Verbindung besteht, so bieten die beiden kleinen Inseln Ofu und Olosinga fast noch ein verzerrteres Bild vulkanischer Wildheit dar. Die Massen dieser Inseln, steil und hoch, gleich senkrechten Wänden aus der Tiefe des Meeres aufragend, zeigen nicht die stumpfe Kegelform vulkanischer Bildung, sondern die zackigen Bergspitzen sind hier und dort durchbrochen und getrennt, als wären diese durch Gigantenhände aufgethürmt worden, sie scheinen das Ergebniß übergewaltiger Eruptionen zu sein. Diese unzugänglichen Spitzen und Zacken, gesprengte Lavablöcke, ragen fast 3000 Fuß hoch über dem Meeresspiegel empor, in Wirklichkeit starre Zeugen einer längst entschwundenen Zeit, die auch hier einst die unterirdischen Gewalten schaffen und zerstören sah.
An der Südseite der Insel Olosinga öffnet sich eine von Korallenriffen eingeengte Bucht, die durch vielzackige sehr steile Basaltfelsen abgeschlossen wird, namentlich sind drei spitze zusammenstehende Kegel auffallend und geben ein gutes Merkzeichen. Die große Wassertiefe in dieser Bucht bedingte es, daß ich sehr weit hineinlaufen mußte und erst ganz in deren Nähe Ankergrund fand; fast blieb für das Schiff kein genügender Raum frei von diesen zu schwingen, so nahe der Brandung war ich zu ankern gezwungen. Zudem war die Verbindung zwischen Schiff und Land nur zur Zeit des Hochwassers herzustellen, da das Riff ganz trocken fällt und nur während weniger Stunden des Tages, ebenso wie der Nacht, konnte Ladung an Bord geschafft werden.
Eine schmale Fläche Landes liegt nur zwischen Strand und steiler Felswand, noch dazu bedeckt mit großen abgestürzten Lavablöcken, zwischen denen die Hütten der wenigen Bewohner dieser Insel zerstreut errichtet sind; aber wie drohend und kahl auch die gewaltigen Felsmassen von der Höhe herabschauen, ihnen zu Füßen auf fruchtbarster Erde, ja selbst aus jedem Felsspalt blüht und sprießt eine reiche Vegetation. Vornehmlich gedeihen hier der Kokosbaum und die Bananen vortrefflich, jener der genügsam ist, reckt am Felsengrat sowohl wie am Strande seine stolze Krone in die Lüfte und das in solcher Zahl, daß es sich verlohnt hatte hier eine kleine Handelsstation anzulegen.
Die Händler an solchen entlegenen Orten, meistens Mischlinge, tauschen für geringe Waare den Ueberschuß an Nüssen von den Eingebornen ein und erzielen durch die Verarbeitung derselben zu Kopra für sich einen Gewinn, der ihnen sogar ermöglicht Ersparnisse zu machen, da ihre Bedürfnisse sehr gering sind. Zwei höchstens drei mal im Jahre versieht ein Schiff die Händler mit Tauschartikeln und holt die erhandelten Erzeugnisse ab, daher ist denn auch das Einlaufen eines Fahrzeuges immer ein Ereigniß von Bedeutung, sowohl für den Händler wie für die Eingebornen. In der Station Olosinga, die seit Kurzem durch einen von der Insel Tau hierher übergesiedelten Zwischenhändler errichtet war, schien hier ein weißer Mann kaum je gesehen worden zu sein, denn sowohl der älteste Greis wie der jüngste Sproß waren am Strande versammelt als ich landete und Neugierde mit auffallender Scheu gepaart, ließ sie die fremde Erscheinung anstarren; namentlich die Kinderschaar fürchtete sich und anfänglich genügte eine rasche Bewegung meinerseits schon die neugierige Menge auseinander zu treiben. Das kleine Haus des Händlers, mit dem ich den geschäftlichen Theil abzuwickeln hatte, war schon, noch ehe ich eintrat, voll von Menschen, so daß die Jüngeren herausgetrieben werden mußten, um Raum zu schaffen.
Angenehm ist solches Anstarren und Umdrängtwerden nicht, und mancher würde es höchst lästig finden; weiß man aber, daß barsche Worte wenig nützen, zumal den Erwachsenen gegenüber nicht, so erduldet man schon solche Unbequemlichkeit, bald kommt man auch zu der Ueberzeugung wie vortheilhaft es ist, da bald die Neugierde dieser Naturvölker gestillt ist, Vertrauen erweckt zu haben. Frauen und Kinder laufen nicht ängstlich davon, Männer gehen nicht mit scheelen Blicken an einem vorüber, das „_talofa, ali_,“ guten Tag, Herr, hat einen freundlicheren Klang; ich muß sagen, natürliche oder sogar erzwungene Ruhe, die ein Europäer zeigt, imponirt den Eingebornen am meisten.
In diesem Falle war es ein kurzer Sprung von auffälliger Scheu bis zur Vertraulichkeit. Der Händler wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, seine Angaben schienen einigen Erwachsenen aber nicht zu genügen; diese wollten durchaus wissen, ob ich auf der Brust ebenso weiß sei wie im Gesicht und obwohl die Frage eigenthümlich genug klang, so war sie doch ernst gemeint, denn sie öffneten mein weißes Hemde und überzeugten sich selbst davon -- das war ihnen genügend, befriedigt gingen sie fort. Nun war nach Verlauf einer halben Stunde die erst so große Neugierde aller gestillt; ein Anstarren, geschweige denn eine Belästigung kam nicht mehr vor, höchstens trat ein kleiner Bursche noch heran und wagte mich um ein Stückchen Tabak anzusprechen.
Zu den Pflichten eines Schiffsführers gehört es, stets für den Empfang einer Schiffsladung die Ladescheine zu zeichnen; so war es auch hier (gleichwie an anderen Orten war ich der einzige Europäer), es war meine Aufgabe, die zu empfangende Menge Kopra abzuwiegen. Schon um den Aufenthalt hier unter den gefährlichen Riffen abzukürzen, wurde die Verschiffung der Ladung auch während der Nacht bei lodernden Feuern, die immer von Neuem mit trockenen Palmenrippen angefacht wurden, ausgeführt. Dabei nun leisteten uns einige Kinder Gesellschaft, die es vorzogen wach zu bleiben, um die Feuer zu unterhalten. Unter diesen war ein etwa siebenjähriges Mädchen von auffallender Schönheit, wie ich noch keins unter farbigen Völkern gesehen; es mag sein, daß die leicht gebräunte Hautfarbe dies Kindergesicht so anziehend und interessant machte, so viel wenigstens kann ich behaupten, dieses Naturkind konnte mit seinen weißen Schwestern wetteifern und sich den Hübschesten seines Geschlechts an die Seite stellen. Manches hübsche Mädchen habe ich zwar unter den Samoanerinnen gesehen, ein solches aber, wie dieses in dieser weltentlegenen Gegend aufgewachsen, nicht wieder. Unter anderem erhielt ich noch Kenntniß von einem unterseeischen Vulkan, der sich an der Ostseite der Insel Olosinga befindet. Ich zog darüber Erkundigungen ein, erfuhr aber nur Folgendes: Die älteren Bewohner haben vor einer Reihe von Jahren einen Ausbruch desselben beobachtet, dabei aber nur leichte Erschütterungen des Bodens, sonst nichts Auffallendes wahrgenommen, und seit jener Zeit sei an der bezeichneten Stelle im Ozean weiter kein Ausbruch erfolgt. Immerhin ist das Vorhandensein eines solchen Vulkans, auch wenn ihn die Fluthen des Meeres bedecken, eine gefährliche Nachbarschaft und ein Zeichen, daß die Naturkraft fortbesteht, die diese gewaltigen Basaltmassen aufgethürmt hat, wenn auch längst die Krater dieser Inseln erloschen sind.
Die größte der Inseln in der Manua-Gruppe ist Tau, ebenfalls vulkanischen Ursprungs, an Umfang aber viel bedeutender noch als Ofu und Olosinga zusammen genommen; in der Mitte dieser Insel erheben sich gegen 3000 Fuß hohe Krater, deren Umgebung indeß weniger wild und zerrissen erscheint, da sie von der Hügel- zur Bergform übergeht und ausgedehntes Vorland die ganze Erhebung umgiebt. Fraglos ist es, daß auf gehobenem Korallengrunde im Laufe der Zeiten die flachen Landstrecken gebildet wurden, die wiederum ein weites Riff umgiebt, das stetig an Ausdehnung durch den Fortbau der Korallenpolype gewinnt. Nimmt auch die Kratergegend den bei weitem größten Flächenraum dieser 16 Seemeilen im Umfang großen Inseln ein, so hat sich doch auf verwittertem Lavagrunde eine reiche Pflanzenwelt entfaltet und von See aus gesehen erscheint dieselbe sich bis zu den hohen Bergkuppen ausgedehnt zu haben; vor allem sind die Umgebungen der Dörfer Tau, Siufanga, Faleasao an der West- und Nordwestseite von ausgedehnten Kokospflanzungen umgeben. Bestimmt von Olosinga zunächst nach Tau zu segeln, mußte ich hier, nachdem mit Schwierigkeit Waaren gelandet, auch der Vertreter der deutschen Handelsgesellschaft abgeholt war, nach Faleasao weiter fahren, wo in der guten Jahreszeit der sicherste Ankerplatz sein sollte. Hier befand sich auch der Hauptstapelplatz für Kopra. Als ich vor Faleasao ankam, schien mir dort der Ankerplatz nahe dem Riffe einigermaßen sicher und ein Landen nicht zu schwierig zu sein. Weht der Südostwind, so hat Faleasao wohl den Vorzug der gesichertste Ort für ein Schiff zu sein, da sich hier ausgedehnte Korallenflächen unter Wasser hinstrecken, wenn auch bei schnell zunehmender Tiefe; weht derselbe aber östlicher, wie ich es fand, so läuft die schwere See längs der kreisförmigen Insel auf und erzeugt selbst hier noch eine gefährliche Brandung.
Von einem Schiffe aus gesehen scheint freilich eine Brandung nie so schwer als sie in Wirklichkeit ist, befindet man sich aber mit einem Boote in derselben, erkennt man erst die gewaltige Kraft der mit großer Geschwindigkeit heranrollenden und sich überstürzenden Wogen.
Genöthigt zu warten bis Hochwasser eingetreten war, wodurch am Riffe die Brandung vermindert wurde, machten wir doch beim ersten Landungsversuch eine unliebsame Bekanntschaft mit derselben. Obgleich die Bootsbesatzung tüchtig und geübt war, überlief uns dennoch die See; in dem Augenblicke, wo es galt, mit aller Kraft zu rudern, um die hinter uns brechende Woge nicht über das Boot stürzen zu lassen, unterlief die Kraft der neben dem Boote aufrollenden Vorwelle den Riemen (Ruder) eines Mannes, den dieser nicht schnell genug zu heben vermocht hatte. Trotz der Anstrengung des Steuerers wirbelte im Augenblick das Boot herum, die Welle brach über das breitseits liegende Boot herein, überschlug dasselbe, und Menschen, Boot und dessen Inhalt bildeten ein Chaos, daß die brüllende Woge strandaufwärts trug. Weil ich selbst kein Schwimmer war, und keinen Grund unter den Füßen fand, so wurde für mich die Lage bald bedenklich, zumal da ich nichts zu sehen im Stande war, und nur donnerndes Brausen mir in den Ohren gellte. Ein Spielball des Wassers, mußte ich das Schlimmste befürchten, wenn die rücklaufende Welle mich mit sich riß; aber plötzlich fühlte ich einen Halt, ein Eingeborner der Bootsbesatzung hatte mich gefaßt, ehe es zu spät gewesen, ich fand auch gleich wieder Grund und tummelte fort, nur beschleunigte die nächste Welle mein Bestreben, den Strand zu gewinnen dermaßen, daß ich durch den heftigen Stoß ziemlich unsanft auf die spitzen Korallen geworfen wurde; aber abgesehen von einigen Verletzungen an den Händen kam ich noch glimpflich davon. Weitere Verwundung erhielt keiner, nur der Mann, dessen Ungeschick alles verschuldet hatte, hatte sich den Kopf verletzt. Zum Glück war auch das große von Tau mitgenommene Brandungsboot unbeschädigt geblieben, die Besatzung desselben, an solche Fahrten gewöhnt und aus guten Schwimmern bestehend, wußte mit Geschick einen verderblichen Aufstoß des Bootes auf den harten Korallengrund zu vermeiden. Schnell war das Mißgeschick vergessen. Das Boot wurde ausgeschöpft und flott gemacht, dann mit dem Verschiffen der Ladung begonnen. Freilich manchmal glaubten wir Boot und Ladung nicht wieder zu sehen, wenn es in der Brandung verschwand oder in Gefahr war, von einer steilen Woge überworfen zu werden.
Soweit die Leute Grund unter den Füßen hatten, schoben sie das Boot stets hinaus, dann wurde gewartet, bis drei schwere Seen herangelaufen waren, sofort aber hinter der dritten schwang sich die Besatzung in das Boot und ruderte mit aller Kraft der vierten, gewöhnlich schwächsten Woge entgegen, die passirt sein mußte, ehe sie sich brach; gelang dies nicht, kam häufig das Boot fast sinkend längsseit des Schiffes und es entstand dadurch eine Verzögerung.
Dem Manne, der mich flüchtig gestützt, als ich kraftlos ein Spiel der Wogen gewesen, gab ich auf Anrathen des Händlers eine Hand voll Stangentaback, kaum aber hatte derselbe begriffen, daß solcher sein Eigenthum sein solle, als er wie besessen umhersprang, immer wieder sein „_fafataii_“, danke, brüllend, bis sich seine Genossen um ihn geschaart und er schnell die Hälfte seines Geschenkes los geworden war.