Reisen durch die Inselwelt der Südsee
Part 5
Nur eine einzige, sehr gewundene und gefährliche Einfahrt, führte von Norden durch das Riff, und zwar nur eine Strecke weit bis zu einem tieferen Becken, in welchem aber ein kleineres Schiff geschützt und sicher liegt. Da der Verkehr mit dem Lande allein zur Zeit des Hochwassers möglich, der Ankerplatz vor dem Riffe nur in der guten Jahreszeit einigermaßen sicher ist, suchte ich auf Anrathen des Lotsen, eines Eingebornen, doch lieber den kleinen gesicherten Hafen auf, obwohl das Durchbringen des Schiffes, das mehrfach auf Korallenblöcke fest kam, keine leichte und gefahrlose Arbeit war.
Daß ich es gethan, war ein Glück, denn ein heftiger, plötzlich in einer der ersten Nächte aufspringenden Nordwestwind hätte das Schiff im Verein mit der hohen See sicher aufs Riff geworfen und zerschellt; ein Versuch, in tiefdunkler Nacht die offene See zu gewinnen und gegen den starken, auflandigen Wind von den Riffen freizukreuzen, wäre schier unmöglich gewesen.
Nicht minder einsam wie diese Insel im weiten Ozean war das Leben, welches hier zwei Europäer (ein Deutscher und ein Engländer) führten, die nur mit der Außenwelt in Verbindung traten, wenn nach langer Zeit ein Schiff vor der Insel zu Anker ging. Freilich ist an Verkehr mit Menschen kein Mangel, nur kommt in Betracht, daß die Eingebornen für einen Europäer doch kein rechter Umgang sind; so freundlich gesinnt, friedfertig und zum Theil lernbegierig sie sich auch zeigen, so stehen sie dennoch auf einer zu tiefen Bildungsstufe. Zwar paßt sich ein einsam lebender Mensch schnell genug den Verhältnissen an, und in der Folge habe ich ja so viele gefunden, die, obgleich sie noch abgeschlossener von der Welt lebten, mit ihrem Loose ganz zufrieden waren. Hier aber kommt dem Europäer das zu statten, daß er hier ein bildungsfähiges, strebsames Volk um sich hat, dessen Häuptlinge und Lehrer nach Aufklärung trachten und stundenlang dem weißen Manne zuhören, wenn er ihnen von anderen Ländern und Völkern erzählt.
So oft ich auch nach dieser Insel beordert worden war, konnte ich jedesmal die Beobachtung machen, mit wie großem Interesse alle Neuigkeiten aufgenommen wurden; hatte ich eingeborne Passagiere mit an Bord, so wurden diese sogleich nach der Landung von den Häuptlingen begrüßt und ausgefragt. Sonst kamen die Häuptlinge entweder insgesammt zum Hause der erwähnten Europäer oder luden uns zu sich ein, damit wir ihnen Abends bei einer Schale Kava Auskunft über etwaige Vorgänge im Tongareiche gaben.
In langer, vielleicht gänzlicher Unthätigkeit verharren die kleinen, wohl für immer erloschenen Krater auf dieser Insel, sonst wären sie eine gefährliche Nachbarschaft, denn eine erhebliche Erschütterung würde genügen, die Insel in die Tiefe versinken zu lassen. Wo man auch immer auf der gut bewachsenen Insel geht, klingt jeder Fußtritt hohl und man gewinnt die Ueberzeugung, daß nur eine verhältnißmäßig dünne Schicht über wahrscheinlich ausgedehnte Höhlen gelagert liegt.
Nirgendwo sonst auf Korallen-Inseln, deren Fundamente naturgemäß stets fest aufgebaut sind, habe ich solche Wahrnehmung wieder gemacht; würden hier nicht die beiden Kraterhügel eine genügende Erklärung für solche Erscheinung abgeben, ließe sich schwerlich die Ursache dafür ergründen. Das Eine scheint sicher (wie ich in diesem selben Jahre als Augenzeuge an einer anderen Stelle feststellen konnte), es sind am Rande eines hier schon vorhandenen Korallenriffes plötzlich unterseeische Vulkane in Thätigkeit getreten, die mit sich das Riff emporgehoben haben und dann nach einiger Zeit erloschen sind.
Außerdem giebt eine vorhandene schmale, aber tiefe Frischwasserrinne, die im festen Korallengrund eingebettet ist und tieferliegend als der Meeresspiegel, einen neuen Beweis, daß die Insel hohl ist. Das Süßwasser in dieser Rinne ist natürlich durch Korallen filtrirtes Seewasser, aber der Zufluß erfolgt unterirdisch aus dem Innern der Insel; derselbe soll zu Zeiten stärker, zu Zeiten schwächer sein. Uebrigens beschleicht den Wanderer, namentlich in stiller Nachtzeit, ein eigenthümliches Gefühl, wenn jeder Tritt so hohl und dumpf wiedertönt und ihm zum Bewußtsein bringt, daß er auf einem Boden wandelt, der über Höhlen oder gar über tiefe Wasserbecken gewölbt liegt.
Insbesondere weicht die Insel Niuatobutabu in nichts von anderen gut bewachsenen Koralleninseln ab, mit dem Unterschiede nur, daß auf dem verwitterten Lavagrunde eine überaus reiche Pflanzenwelt sich entwickelt hat. Salze und andere Chemikalien, die in der Lava enthalten sind, scheinen für die Entwicklung des Pflanzenlebens ungemein viel beizutragen, auch sonst, wo ich im weiten Inselmeer des Stillen Ozeans vulkanischen Grund betreten, fand ich dies ausnahmslos bestätigt.
Das Thierreich auf allen Inseln ist sehr schwach vertreten, Schweine, Hühner und Tauben sind fast die einzigen Arten, indes fand ich auf Niuatobutabu außerdem noch eine große Fledermausgattung, den fliegenden Fuchs. Da jeder von der Nützlichkeit und noch mehr von der Harmlosigkeit dieser Thiere überzeugt war, belästigt dieselben niemand, kein Eingeborner verscheucht sie. Vielleicht kommt auch noch der Umstand hinzu, daß diesen lautlos erscheinenden Thieren ein gewisser Aberglaube anhaftet, denn wer nicht mit ihrer Eigenart, unhörbar und schnell durch die Dunkelheit zu fliegen, vertraut ist, dem wird ein gewisses Unbehagen zuerst nicht erspart bleiben. Vornehmlich fand ich diese Füchse in Sträuchern, wo sie sich, Schatten findend, an dünnen Zweigen an den Hinterfüßen aufgehängt hatten. Den Kopf nach unten gebogen, umschließen sie mit der großen Flughaut den Körper und verblieben in dieser Stellung, bis die Dämmerung der nach ganz kurzer Dauer die Nacht folgt, hereinbricht, dann erst werden sie munter und suchen, die Luft gleich gespenstigen Schatten durchfliegend, sich ihre Nahrung. Werden sie am Tage gestört oder berührt man mit der Hand ihr sammetweiches Fell, schauen die schwarzen, erbsengroßen Augen den Störenfried wohl an, scheinen aber geblendet zu sein, denn obwohl unruhig geworden, wagt das Thier doch keinen Flug, verändert seine Stellung auch nicht und wollte man die Hinterfüße lösen, müßte Gewalt angewendet werden. Ein Weibchen, das seine beiden Jungen wohlgeborgen an der Brust hängen hat, die diesen Platz nie verlassen, auch während des Fluges nicht, wird, wenn es gestört worden, leichter erregt und beißt wohl mit den kleinen, nadelspitzen Zähnen um sich. So sind in Folge davon, weil diesen Thieren nie etwas zu Leide geschieht, dieselben zutraulich und oft habe ich sie, selbst in der Nähe der Hütten der Eingebornen und vor den Wohnungen der Weißen in Menge vorgefunden.
Höchst lästig und oft zu einer großen Plage werden hier Schaaren von Fliegen. In des Wortes vollster Bedeutung kann man sagen, es wimmelt davon. Ist in Europa die Hausfliege dreist und störend, ist sie dort, wo die Natur ihr den Tisch gedeckt, unglaublich lästig, und das vor allem zu der Zeit, wenn die Früchte des Brotfruchtbaumes reif geworden sind. Diese Früchte, an und für sich sehr schmackhaft, werden, sobald sie überreif geworden sind, eine wahre Brutstätte für Fliegen. Sind sie ausgeflogen, so ist jeder Ort, selbst Gras und Busch, dicht von ihnen besetzt; schon ihr Schwirren und Surren ist höchst lästig.
Sind die Ameisen, vor denen nur mit Mühe Genießbares geschützt werden kann, schon unangenehm, so treiben es die Fliegen noch zehnfach ärger, in Wahrheit muß man diesen Plagegeistern jeden Bissen erst streitig machen, der gegessen werden soll, vornehmlich von solchen Speisen, die Zucker und andere leicht flüssige Stoffe enthalten, wie Reis, Brotfrucht, Ananas u. s. w.
Geradezu eine Fliegenwolke schwebt über solchen aufgetragenen Speisen, selbst fortwährendes Abwehren scheucht diese gierigen Insekten nicht fort; machte es nicht die Gewohnheit und schließlich die Gleichgültigkeit, müßte sich Ekel und Widerwillen einstellen, Nahrung zu genießen, weil diese vom Unrath der Fliegen durchaus nicht freizuhalten ist.
Die Insel Boskaven, ein mächtiger, unzugänglicher Bergkegel, ist aller Wahrscheinlichkeit nach, gleich den anderen Inseln, wie Lette, Kao u. a., ein erloschener Krater, der in der Neuzeit jedenfalls noch in Thätigkeit gewesen ist. Menschen wohnen darauf nicht, auch hat wohl noch keines Menschen Fuß den steilen Gipfel dieser Insel erklommen. An der Südostseite soll im Schutze eines kleinen Riffes an einer vorspingenden Felsenkante eine schwierige Landung möglich sein und Fischer von Niuatobutabu wagen es, zu Zeiten sich dort aufzuhalten, nachdem sie mit ihren leichten Kanoes den breiten Meeresarm, der beide Inseln trennt, durchquert haben.
Basaltmassen, aus denen sie aufgebaut ist, steigen gleich steilen Wänden aus dem Meere auf, unterspült zum Theil von den brandenden Wogen, darüber aber, wo der das Pflanzenleben vernichtende Staubregen des Salzwassers nicht mehr hinaufreicht, hat sich an den sehr schrägen Flächen des Kegels ein starker Pflanzenwuchs entwickelt, welcher die Form und Lagerung der Gesteinmassen verdeckt, ein Zeichen, daß Eruptionen seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben.
Mein Schiff war, wie erwähnt, inmitten des Riffes, in dem beschränkten Wasserbecken, gut verankert worden und lag wohl geschützt gegen die am Außenriff brüllende See. Aber da nach Verlauf von sieben Tagen der starke, nordwestliche Wind erst nachließ, der die ganze Osterwoche hindurch geweht hatte, durfte ich, obwohl längst segelfertig, es doch nicht wagen, in See zu gehen. Erst als günstiger Wind einsetzte, der stark genug war, das Schiff gegen die draußen anlaufende See durchzubringen, mußte ich Anstalten treffen und versuchen, die freie See zu gewinnen. Ohne Anstoßen am Korallenriff ging es in der engen Durchfahrt freilich nicht ab; eine unberechenbare Strömung, durch die einlaufenden Seen hervorgerufen, vereitelte alle Vorsicht. Dennoch gewann ich ohne Beschädigung das offene Meer, habe aber den Versuch nie wiederholt, sondern lieber vor dem Riffe mit zwei Ankern, diese klar zum Schlippen, Wind und See ausgeritten, um das Schiff nicht an den harten Kanten des Korallenriffes zu gefährden.
Von Niuatobutabu hatte ich weiter nach Niua-fu zu segeln, einer hohen Vulkan-Insel, die in etwa West-Nord-West-Richtung 120 Seemeilen von hier entfernt liegt. Es war mir schon in Apia mitgetheilt worden, daß das Auffinden des Ankerplatzes und der Station vor Niua-fu seine Schwierigkeit habe; auch soll man sofort absegeln, wenn nördlicher Wind und Seegang einsetze, da dort auf hartem Lavagrund die Anker nicht genügend Halt finden und ein Freikommen von der Küste sehr schwierig sei.
Vollauf fand ich denn auch diese Angaben bestätigt, als ich wenige Tage später unter der steilen, an Stellen mehrere hundert Fuß hohen Küste entlang segelte und hinter der etwas vorspringenden Nordost-Ecke nach der sehr hoch gelegenen Station nach einem Ankerplatz suchte. In der guten Jahreszeit, d. h. wenn der Süd-Ost-Passat weht, hat es keine besondere Gefahr, so nahe der Küste zu ankern; werden doch selbst große Segelschiffe hierher beordert, ihre Ladung Kopra aufzufüllen, allein in den Monaten Januar bis April machen häufig nördliche Winde ein Ankern und Landen hier unmöglich.
Diese Insel ist etwa 550 Fuß hoch und in ihrer ganzen Ausdehnung ein vollständiges Lavafeld; man sieht vom Meeresspiegel, wie sich Schicht über Schicht die fließende Masse gelagert hat und wie steile Abhänge gebildet wurden, indem die schon erkaltete Lava abgesprengt oder als noch zähe Masse übereinander geschoben wurde. Unregelmäßig, bald hier, bald dort, scheinen die Lavaströme sich aufgestaut oder über steile Abhänge ergossen zu haben, denn nach Gestalt und Form der Abhänge und Wände zu urtheilen, hat die glühende Masse sich nur langsam fortbewegt. Auch scheint die Ausdehnung und Dicke der fließenden Lava nur eine geringe gewesen, dafür aber desto häufiger vorgekommen zu sein. Der ganzen Natur nach müssen, da der Hauptkrater meiner Schätzung nach mit dem Meeresspiegel fast gleich liegt, die verschiedenen Ausflüsse und die Anhäufung der Lava von einer Anzahl parasitischer Seitenkrater herrühren, die von Zeit zu Zeit, da die ganze Insel als ein Vulkan zu betrachten ist, hier oder dort die Lavakruste sprengten und flüßige Massen ausströmten. Es muß dies als feststehend angenommen werden, denn heute noch befürchten die Eingebornen, es könne sich überall der Boden plötzlich öffnen; ich selbst habe Stellen gefunden und zwar nahe der deutschen Station, wo die fließende Lava die starken Kokosbäume mehr als sechs Fuß hoch umschlossen und vernichtet hatte.
Wie hier in der Nähe der deutschen Station, so habe ich auch an der Westseite der Insel Stellen gesehen, wo ebenfalls die blühende Pflanzenwelt zerstört wurde. Auch wird diese Insel sehr häufig von starken Erschütterungen heimgesucht, so daß die Eingebornen in steter Sorge leben müssen (die Alten erzählen von schrecklichen Zeiten, die sie durchgemacht haben). Etwas Unheimlicheres giebt es kaum, als zu fühlen, wie der Erdboden, auf dem man geht, durch heftige Erschütterungen wankt, also auf einem thätigen Vulkan zu leben, der mit furchtbarer Gewalt die Erdkruste zu spalten, Verderben und Tod auszustreuen im Stande ist.
Der letzte große Ausbruch hatte um das Jahr 1870 stattgefunden, wohlbebaute Flächen und Dörfer auf dieser etwa eine deutsche Quadratmeile große Insel wurden zerstört; die Bevölkerung, auch hier Tonga-Insulaner, ersuchte, von Furcht erfüllt, selbst vorüberfahrende Schiffe, sie aufzunehmen. Es sind auf der Insel keine, höchstens ein paar elende Kanoes vorhanden, mit denen auf der fast immer erregten See kaum eine Fahrt unternommen werden kann. Bin ich recht unterrichtet, so gab es sogar ein Verbot, das der Bevölkerung geradezu untersagte, sich Kanoes zu halten, denn es war vorgekommen, daß bei einem Ausbruche viele Bewohner sich aufs offene Meer hinauswagten, um dem Verderben zu entfliehen und da sie mit ihren gebrechlichen Nußschalen kein Land auffinden konnten, ausnahmslos ein Opfer ihrer Angst und Tollkühnheit wurden. Den schwankenden, von heftigen Stößen erzitternden Boden ihrer Insel verließen sie, um einen langsamen, qualvollen Tod auf dem Meere zu finden.
Daß dennoch Niua-fu gut bevölkert ist (es sollen 1200 Tonganer hier leben), muß der überaus reichen Vegetation zugeschrieben werden; ist doch die Fruchtbarkeit der verwitterten Lava so ungeheuer, daß überall, wo nicht jüngere Eruptionen weite Strecken zerstört haben, die Pflanzenwelt im reichsten Maße sich entwickelt hat, besonders gedeiht die Kokospalme hier in vorzüglicher Güte. Die größten Kokosnüße, die ich je gesehen habe, wachsen hier, deshalb ist der Ertrag an Kopra auch so bedeutend. Thatsache ist indes, daß die Furcht vor einem Ausbruche, dessen Ausdehnung niemand wissen kann, die Insel zeitweilig entvölkert, doch kehren die Einwohner immer wieder zurück, sobald die unheimliche Naturkraft ausgetobt hat und wieder Ruhe eingetreten ist.
Meine Ordre lautete dahin, hier auf dieser Insel das Schiff mit Kopra aufzufüllen und nach Samoa (Apia) zurückzukehren. Ich hatte demnach also den Versuch zu machen, trotz der ziemlich unruhigen See, eine Landung ins Werk zu setzen. Ein Eingeborner, der es gewagt hatte, mit einem kleinen Kanoe abzukommen, aber kenterte, erreichte schwimmend das Schiff und zeigte mir alsdann den sicheren Ankerplatz.
Der einzige Landungsplatz an dieser steilen, unzugänglichen Küste ist ein tiefer Spalt in den massiven Lava-Felsen, den rechts und im Hintergrunde hohe, senkrechte Wände umschließen, gegen welche die einlaufende See wild aufschäumt, während zur Linken eine zwar steile, aber niedrigere Wand mit einer Versenkung diesen einfaßt.
Da der Spalt nur so breit ist, daß ein Boot einfahren kann, so muß dieses stets an einem sicheren Tau, welches vor der Mündung verankert und hinten an der Lavawand um einen Felsblock befestigt wird, mit der See eingeführt werden. Zwei Mann haben nur darauf zu achten, daß sie das Boot stets recht auf der mit wilder Macht eindringenden Woge halten und ebenso, daß das mit großem Getöse zurückfluthende Wasser das Boot nicht herumreißt und zum Kentern bringt.
Ein vorspringender Lavablock an der linken Seite, längst von den ihn immerwährend umspülenden Fluthen geglättet und abgeschliffen, dient als Landungsplatz, auf den man aber ohne Hülfe nicht hinauf gelangen kann, außer wenn man den Sprung wagt, sobald eine einlaufende See das Boot so hoch gehoben hat, daß es mit dem Block in gleicher Höhe sich befindet. Wenn das Boot am starken Tau festgehalten wird, ist es natürlich, daß die See es mit Gewalt gegen den Block preßt und ein unablässiges Aufpassen der Leute ist nöthig, um ein Kentern zu verhindern. Halb am Felsen hängend, müßte sich sonst das Boot seitwärts umlegen, sobald die Woge, welche es gehoben, wieder niedersinkt.
Ein wildes Donnern und Brausen (man kann mitunter sein eigenes Wort nicht verstehen) erfüllte den Spalt und wie ein mächtiger Sprühregen fällt der hochaufspritzende Gischt mancher Woge von der Felswand zurück, an welcher sie ohnmächtig zerstäubt ist, um immer wieder das Spiel zu erneuern.
Will man zu dem etwa 350 Fuß überm Meeresspiegel liegenden Hause des deutschen Agenten gelangen, muß man auf Zickzackwegen die steile Höhe erklimmen; oben angelangt, kann der Blick frei über das endlose Meer schweifen, während zu Füßen die gewaltigen Formen erstarrter Lavamassen aufgehäuft liegen, bedeckt mit Aschenstaub oder sprießendem Gras. Große Erwartungen darf man an die Behausung eines so einsam lebenden Europäers nicht stellen. Ein solches Gebäude, nur aus Holz hergestellt, ist, dem Klima entsprechend, luftig und bequem, sonst aber baar aller Bequemlichkeit. Die einzigen Möbel sind ein paar Stühle und ein Tisch, alles andere hat sich der mehr oder weniger geschickte Bewohner aus Kisten und Kasten zusammengezimmert.
Die gefüllten Koprasäcke von solcher Höhe herabzutragen wäre sehr mühevoll, man pflegt sich aber damit zu helfen, daß über Einsenkungen und Vorsprünge des Felsbodens hinweg eine Lattenbahn zur Tiefe geführt wird, auf der, wegen ihrer Steilheit, die Säcke leicht niedergleiten können.
Ein unverzügliches Angreifen der Arbeit nach Ankunft eines Schiffes ist unter den obwaltenden Umständen hier eine Nothwendigkeit, man weiß nicht, was die nächsten Stunden bringen; eine nur gering zunehmende See macht oft der Arbeit ein Ende. Schwierig und namentlich für die Besatzung des Bootes gefährlich ist das Einschiffen der Ladung. Sicher sind die Leute erst, wenn die Oeffnung des Spaltes erreicht ist, denn oft genug wird das Boot von den einlaufenden Seen überschwemmt, und ist oft halb mit Wasser angefüllt, ehe es zum Schiffe gelangt. Gewohnheit aber macht ein Unternehmen weniger gefahrvoll. Um so mehr war ich erstaunt, daß anfangs meine Boote glücklich aus dem zischenden, brausenden Schlund herauskamen, mancher Zentner Kopra war bereits verschifft, da brachte mir unerwartet ein Bote die Nachricht, Boot und Ladung seien verloren. Sofort von der Höhe herab eilend, sah ich, wie frei von den Klippen die Mannschaft mit dem gekenterten Boote umherschwamm und bemüht war, dasselbe so längsseit des Schiffes zu bringen, was den Leuten auch nach langer Zeit gelang; in den Felsenspalt selbst aber tauchten die Eingebornen auf und nieder, um die gesunkene Bootsladung wieder heraufzuholen, indes gelang ihnen dies nur halb, da die einlaufenden Seen die Säcke gegen die Felsenwände warfen und diese sich öffneten oder zerrissen wurden. Veranlassung zum Kentern gab eine schwere See; das Boot wurde gegen den Felsblock gedrängt und schlug, während das Tau durch die Gewalt des Wassers den Händen des Mannes entrissen wurde, quer und war im nächsten Moment mit der Mannschaft und Ladung von der zischenden Wassermasse im brodelnden Kessel überspült. Das Boot zu retten, ehe es an die Felsenwand geschleudert und zerschellt wurde, war das Einzige, was die Leute thun konnten.
Da die Bevölkerung der Insel Niua-fu aus lauter Christen besteht, so ist die Heilighaltung der Sonn- und Festtage auch hier eingeführt und die Arbeit ruht. So konnte ich ungehindert dem Wunsche, diese Insel näher kennen zu lernen und namentlich den im Innern tiefliegenden Krater zu besuchen, nachkommen. In früher Morgenstunde, die erfrischende Kühle benutzend, stiegen mit mir der deutsche Agent und einige Eingeborne bergaufwärts. Wir folgten den Windungen der breiten, festen Wege, auf denen nur das Eine unangenehm war, der pulverisirte, feine Aschenstaub, der überall dick lagert und bei jedem Schritte aufwirbelte. Auf der Höhe fand ich die Kokosbäume nicht besonders schlank gewachsen, vielmehr hatten viele Stämme eine mehr oder weniger starke Neigung nach Westen, was auf den Einfluß des mitunter recht stark wehenden Südostpassates zurückzuführen ist, sonst war der Anblick der zahllosen Palmen, die Höhen und Abgründe bedeckten, großartig.
Der Weg führte uns bald am Rande eines senkrecht steilen Abgrundes hin, der hunderte Fuß tief, aber so mit Buschwerk bewachsen war, daß man nicht bis auf den Grund hinabsehen konnte. Nur eine Stelle gab es, wo man mühsam, an Gestein und Strauch sich haltend, hinabzusteigen vermochte, und als diese erreicht war, übernahmen die Eingebornen die Führung, denen wir, rückwärts rutschend, zu folgen hatten. In der Tiefe angelangt, zeigte sich ein großartiges Panorama, ringsum steile, unzugängliche Felswände. Inmitten dieses Randgebirges, wenn ich so die 4-500 Fuß steilen Wände bezeichnen darf, aber liegt ein weiter, tiefer See, aus dem sich drei Bergkegel erheben, die leicht rauchenden, zuweilen in Dampf gehüllten Krater.
Kann diese so ausgedehnte Senkung, in die wir hinabgestiegen waren, auch als der eigentliche Kraterkessel bezeichnet werden und jene drei Hügel als die thätigen Vulkane in demselben, so steht doch außer Frage, daß größere Ausbrüche seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben, sondern höchstens starker Aschenregen ausgeworfen ist, der, wie wir gefunden, überall vertheilt lag. Bei einem stattfindenden heftigen Ausbruche würde die fließende Lava keinen Schaden thun können, diese würde vielmehr in den den weiten Krater umgebenden See fließen.
Betrachtet man diesen großen Kraterkessel mit seinen steilen Wänden, in welchem wir in aller Seelenruhe gemüthlich umherspazirten und uns am breiten, flachliegenden Ufer des Sees tummelten, so kann man nicht annähernd die gewaltige Kraft ermessen, die diese Wände aufgebaut hat, die hier einst gewaltet und alles verändern und zerstören wird, sobald sie sich hier im Centralpunkt äußern sollte.
Man muß wirklich die unheimliche Gewalt thätiger Krater gesehen, an solchen mit Schwefeldünsten und mächtigen Rauchwolken gefüllten Kesseln gestanden haben, um sich ein Bild davon machen zu können, mit welcher Furchtbarkeit auch hier Feuersäulen, Rauch und Gase emporgeschleudert worden sind. Was nun diesen salz- und schwefelhaltigen See anbelangt, dessen Wasser bitter und von keinem organischen Wesen belebt ist -- so weit ich bei meiner flüchtigen Beobachtung das behaupten kann -- so hat er einst bis an die steilen Lavawände herangereicht; ob aber allein Verdunstungen oder andere Umstände den Rücktritt der Wasser verursacht haben, mag dahin gestellt sein. Soviel ist erwiesen, daß die jetzt mit Strauch und Buschwerk bewachsenen Flächen unter Wasser gestanden haben, denn feines Geröll, abgestürzte Lavablöcke geben den Beweis dafür.