Reisen durch die Inselwelt der Südsee

Part 4

Chapter 43,471 wordsPublic domain

Auf der Rückreise, die durch Windstillen verzögert ward, fanden wir immer den Hai als treuen Begleiter, und war die See ruhig, die Fahrt des Schiffes gering, so kamen langsam die Haie durch die klare Fluth heran, das Schiff nach Beute umkreisend. Wenn wir einen dieser gefährlichen Gesellen fangen wollten, so wurde die Lockspeise, ein Stück Fleisch, an starker Leine ins Meer geführt, und war der Hai hungrig, besann er sich nicht lange, sondern faßte, sich auf den Rücken legend, gierig zu. War Fleisch und Haken verschluckt, so gab es keine Möglichkeit mehr für ihn, sich zu befreien; von Schmerz gepeinigt, peitschte der Hai mit dem kraftvollen Schwanze die Fluthen und es hatte dann seine Schwierigkeit, das gefangene 8-10 Fuß lange Thier an Deck zu bringen und nicht eher gelang es, bis es erschöpft war und auch der Schwanz fest in einer Schlinge lag. An Deck geschafft, peitschte der Hai die Planken, daß diese erzitterten, und rathsam war es nicht, sich in seine gefährliche Nähe zu wagen. Erst ein Axthieb, der die Schwanzflosse vom Rumpfe trennte, führte die Verblutung herbei und allmählich entfloh das zähe Leben des Thieres.

Auch mit der Schlinge, auf deren Handhabung ich zurückkommen werde, habe ich viele Haifische gefangen, namentlich wenn ich Samoaner als Besatzung an Bord hatte, für die der Hai eine Leckerspeise ist, nahm ich mir dazu die Zeit und fing zuweilen 2-4 Stück hintereinander. Auffällig war mir dabei, daß die Leute immer erst die Leber eines getödteten Haies untersuchten; war diese nach ihrer Ansicht zu groß oder zeigte sie sonst besondere Eigenheiten, so wurde das Thier nicht gegessen, sondern über Bord geworfen. Aber nicht bloß bei den Samoanern, auch bei den benachbarten Insulanern fand ich solche auffällige Untersuchung der Leber des Haifisches. Mitunter wurden eingehende Betrachtungen über die Lage und Länge derselben vorgenommen; entstanden Zweifel und Meinungsverschiedenheiten darüber, so war meist immer der endgültige Beschluß, daß das Thier verworfen wurde.

Fast bin ich jetzt geneigt, da ich nicht dahinter kommen konnte, was solche Untersuchung zu bedeuten habe, anzunehmen, daß ein weitverbreiteter Aberglaube damit in Verbindung gebracht, oder daß der Leber des Haies eine medizinische Eigenschaft zugesprochen wird. Vielleicht auch erkennen die Eingebornen an bestimmten Zeichen, ob das Thier gesund oder krank gewesen ist. In den Fällen, wo ich mir Klarheit darüber zu verschaffen suchte, erreichte ich solche nicht, möglicherweise aus dem Grunde, weil ich nicht der verschiedenen Sprachen mächtig genug war, um die Auseinandersetzung zu verstehen.

Die treuen Begleiter der Haie, die Lotsenfische, schön gezeichnete Thierchen von der Größe eines Makrels, schwimmen gewöhnlich, 2-4 an der Zahl, über dem Hai, sie suchen, wie angenommen wird, für diesen Nahrung auf und kehren stets in dessen sichern Schutz zurück. Ein jeder Hai soll solche Führer haben; indes so häufig ich auch solche gesehen habe, ebenso oft fand ich, namentlich wenn mehrere Haie beisammen, diese ohne ihre Begleiter. So viel ist gewiß, der Hai, mag er noch so hungrig sein, wird sich doch nicht an seinen Wegweisern vergreifen; zum schnellen Schwimmen selbst zu träge, überläßt er vermuthlich es den flinken Fischen, für ihn Nahrung zu suchen. Wohl bekannt ist es den Seeleuten, daß der Pilotenfisch sehr schmackhaft ist, indes nur einmal war es mir möglich, einen solchen mit Mühe zu erlangen, obwohl dieselben längere Zeit noch beim Schiffe verbleiben, nachdem der Hai, den sie begleiteten, weggefangen worden. An Köder beißen die Piloten nicht, höchstens gelingt es ihrer mit dem Elker, d. h. Wurfeisen, habhaft zu werden.

Im Anfang des Jahres 1885 mit der Führung eines der kleineren der Plantagen-Gesellschaft zugehörenden Schiffes betraut, wurde ich beordert, eine Reise durch die gesammte Tonga-Gruppe, den sogenannten Freundschafts-Inseln, zu unternehmen. Im Augenblick der Abreise wäre mir aus Mangel an Raum im kleinen Hafen (Apia) bald die Riffspitze Kap Horn, worunter vier Jahre später das deutsche Kriegsschiff „Eber“ mit seiner braven Besatzung versank, verhängnißvoll geworden. Durch die Strömung wurde das Schiff aus seiner Richtung gedrängt, von der einlaufenden See, gegen welche die Kraft der das Schiff bugsirenden Mannschaft zu schwach war, nach dem Kap hingeworfen und nur ein schnell Hülfe leistendes Boot verhinderte die Katastrophe. Da wir schon zu nahe dem Riff waren, so hätte ein Aufstoß genügt, Ruder und Hintersteven des Schiffes, schwerbeladen wie es war, auf den Korallensteinen zu zertrümmern und aus der gurgelnden Tiefe des hier weit unterhöhlten Riffes hätte es für Schiff und Mannschaft keine Rettung gegeben -- aber zufällige Hülfe kam zur rechten Zeit.

Nachdem wir die offene See gewonnen hatten, verlor ich mit umlaufenden Winden, wie sie in dieser Jahreszeit häufig sind, ostwärts steuernd, bald die in dichten Wolkenschleier gehüllte Insel Upolu aus Sicht. Bestrebt, westlich von der Tonga-Gruppe zu laufen und so Tonga-tabu zu erreichen, da der vorherrschend westliche Wind eine schnelle Reise in Aussicht stellte, hatte ich am dritten Tage bereits die Vulkan-Insel Amargura gesichtet, eine namentlich an der Süd- und Südostseite steile Insel mit dem 375 Meter hohen Krater, an dessen Abhängen leichte Rauchwolken hervorquollen, ein Zeichen, daß er nicht ganz erloschen ist. Da sprang mit schweren Gewittern und harten Windböen der Wind südlicher und zwang mich, der zehn Seemeilen südöstlich liegenden 30-40 Meter hohen Insel Toku auszuweichen. Als der Wind immer härter wehte und schließlich bis zum Sturm wuchs, hatte ich noch Zeit, Schutz unter der hohen Insel Vavau zu suchen, ehe das Schiff von der wildlaufenden See zum Beidrehen gezwungen wurde.

Unter dichtgerefften Segeln wurde eine schlimme Nacht verbracht, mit dem neuen Morgen aber brach sich die Gewalt des Sturmes und eine starke Nordwestbrise trieb das Schiff durch die wilde See nach Süden, östlich der Hapai-Gruppe, an den langgestreckten Korallen-Inseln Haano, Foua, Lefuka und Ouia entlang. Die vielen gefährlichen Riffe dieser Gruppe meidend, kam am 7. Tage früh die hohe Vulkan-Insel Eoua in Sicht. Nachdem wir darauf die gleichartige kleine Insel Enaigee erreicht hatten, kreuzte ich die tiefe östliche Einfahrt, welche zwischen der großen Insel Tonga-tabu und den vorgelagerten Korallenpatschen und Inseln hindurchführt, auf und gelangte sicher zum Hafen von Nukualofa.

Im Schmucke immergrüner Palmen liegt die flache, wenige Erhebungen aufweisende Insel langgestreckt vor den Augen des Beobachters. Kultur und fortschreitende Gesittung haben auch hier festen Fuß gefaßt, hoch über die Wipfel der Palmen ragt die Kirche empor; großartig ist der Königspalast; freundlich aber und heimisch erscheinen die vom Strande zurückliegenden europäischen Gebäude und bekunden, daß auch hier eine Stätte regen Handels und Verkehrs geschaffen wurde.

Vor allem ist es die deutsche Factorei, geleitet vom deutschen Konsul Herrn v. Treskow, die sofort ins Auge fällt; auf Pfeilern errichtet, wie alle Tropengebäude hier, war derzeit dieses Haus mit seinem freundlichen Wirth das besuchteste.

Sämmtliche Tonga-Inseln, mit Ausnahme der meist hohen Vulkan-Inseln, sind Korallengebilde, einige sind von großer Ausdehnung, wie die Tonga-tabu und die schon erwähnten Haano und Foua. Diese haben eine fruchtbare Erdschicht und ein reiches Pflanzenleben hat sich darauf entwickelt; neben der stolzen Palme sind Brotfruchtbäume, Papiermaulbeerbäume, die den Bewohnern ihre Bekleidung, Tapa genannt, liefern, Zuckerrohr, Bananen, selbst Baumwollen- und Feigenbäume zu erwähnen.

Die Eingebornen, derselben Rasse wie die Samoaner zugehörig, zeigen mehr Verständniß für Landbau und Fischfang, als diese, freilich können diese Inseln auch nicht mit Samoa einen Vergleich bestehen.

Kein Naturvolk hat so schnell und leicht das Christenthum angenommen wie diese Tonga-Insulaner, rasch gewannen die Missionare großen Einfluß, Schulen und Bildungsanstalten förderten das Werk. Das Volk, bildungsfähig und begabt, hatte bald eigene Lehrer aufzuweisen; oft habe ich eingeborne Missionare von Insel zu Insel gebracht. Da die Kirchen und Schulen immer gut besucht, so ist ein Fortschritt in der Bildung dieses Volkes leicht erklärlich. Was aber leider ernste Besorgniß erwecken kann, ist der Umstand, daß verschiedene Religionssekten mit gleichem Eifer bestrebt sind, unter der nicht zahlreichen Bevölkerung ihren Glauben zu verbreiten. Es ist zu befürchten, daß auf diese Weise Spaltungen im Volke entstehen, die üble Folgen haben können.

Der ehemalige englische Missionar Baker, langjähriger Premierminister des Königs Georg I., entging zwar dem Angriffe einer fanatischen Horde in Nukualofa, seine erwachsene Tochter aber, die die tödtliche Waffe traf, ward ein Krüppel. Soweit ich unterrichtet, war dieser Anschlag eine Ausgeburt wilden Hasses, gerichtet gegen den Vertreter einer großen Kirchengemeinde, den gefürchteten und gehaßten Staatsmann.

Die ganze weitverzweigte Tonga-Gruppe bildet ein einheitliches Reich, das damals von dem alten Könige Georg regirt wurde. Neben unserm ehrwürdigen deutschen Kaiser Wilhelm der älteste Monarch, steht dem Herrscher eine gesetzgebende Versammlung von angesehenen Häuptlingen zur Seite, die auch als Statthalter die verschiedenen zum Reiche gehörenden Inselgruppen verwalten. Sitz der Regierung und Residenz des Königs ist Nukualofa.

Ein Freundschaftsvertrag ist mit dem deutschen Reiche am 1. November 1876 vom Könige Georg abgeschlossen. Trotz des englischen Einflusses hätte wohl erwartet werden können, daß die so erworbenen Vorrechte gewahrt bleiben würden, aber wie in Samoa, so ging auch hier der einst mächtige deutsche Einfluß allmählich verloren, englische Politik wand den Deutschen einen fast sicheren Besitz aus den Händen.

Stolz prangt im Königspalaste zu Nukualofa das Reiterstandbild unseres großen Kaisers in natürlicher Größe, und nicht unbekannt sind diesem Volke dessen Thaten geblieben; auf dieses Bild sah mit Bewunderung jeder Insulaner und pries den großen, mächtigen Herrscher der Deutschen.

Tags zuvor, ehe ich in Tonga-tabu eingelaufen, war der Sohn des Königs Georg, der Thronfolger, gestorben und große, allgemeine Landestrauer herrschte überall. Alle Vornehmen des Volkes, soviel ihrer nur die königlichen Schiffe zu fassen vermochten, waren nach der Insel Ouia, dem Begräbnißplatze der Königsfamilie, abgesegelt. Der deutsche Konsul, dem kein eigenes Schiff zur Verfügung stand, unmöglich aber als Europäer auf den überfüllten kleinen Segelfahrzeugen der Eingebornen die lange Reise unternehmen konnte, beeilte sich sehr, als sich nun doch noch Gelegenheit fand, mit meinem Schiffe die Reise zu machen, das Schiff abzufertigen und nach eintägigem Aufenthalt verließ ich, mit der Familie des Konsuls an Bord, nordwärts steuernd, Tonga-tabu.

Günstiger, frischer Wind konnte es allein möglich machen, am Begräbnißtage Ouia noch zu erreichen. Aber obwohl ich den Weg zu kürzen suchte und durch mir unbekannte Korallenbänke lief, so kam doch erst am Abend des zweiten Tages Ouia in Sicht. Da ich inmitten von Korallenriffen nirgends sicheren Ankerplatz fand, die Insel selbst aber zu weit entfernt war, als daß ich solche gegen Ostwind aufkreuzend, in der Nacht erreichen konnte, so wurde ich gezwungen, die freie See wieder aufzusuchen. In dunkler Nacht die gewaltigen Krater-Inseln Kao (5000 Fuß) und Tasoa (etwa 2500 Fuß), nur durch eine schmale Straße von einander getrennt, als weit sichtbare Punkte im Auge haltend, suchte ich das Schiff in der Nähe der Außenriffe zu halten, um mit Tagesanbruch aufs Neue nach Ouia aufzukreuzen oder wenigstens die südliche Einfahrt durch die Hapai-Gruppe zu gewinnen.

Während sonst die Tropennächte in der guten Jahreszeit einen herrlichen Anblick bieten, wenn das Sternenheer magisches Licht über die weiten bewegten Fluthen streut, drohten in dieser Nacht gewitterschwere, unheilkündende Wolken und bald nach Mitternacht umfing uns rabenschwarze Dunkelheit. Dann brach das Unwetter über uns mit plötzlicher Gewalt herein, als wollte der furchtbare Wind das kleine Schiff niederpressen. Die heftigsten Stöße fegten von den hohen Vulkan-Inseln herab. Im Schiffe wurde alles, was nicht niet- und nagelfest war, durcheinander geworfen und das Fahrzeug schwer auf die Seite gedrückt; die schnell aufgewühlte See that das Ihre dazu, die Lage, namentlich für die Familie des Konsuls, recht ungemüthlich zu machen.

In Lee waren die gefährlichen Riffe, von denen freizukommen die erste Sorge sein mußte, deshalb bot ich allmählich dem Winde wieder so viel Leinewand, als das Schiff zu tragen vermochte. Sobald ich frei von der Insel Kao war, hielt ich nördlicheren Kurs und obgleich die See schwerer wurde, so konnte ich doch mit volleren Segeln durch die Wogen pressen und größeren Abstand von den auch mehr ostwärts abfallenden Riffen gewinnen. Der neue Morgen fand uns westlich von der niedrigen Insel Otolonga, die, nördlich umsegelt, zur Nordeinfahrt der Hapai-Gruppe führte.

Als ich nahe genug dieser Insel gekommen war, der einzuschlagende Kurs bedingte dies, wurde eine ehemalige Niederlassung der Walfischfänger sichtbar, die vor Zeiten in diesen Gewässern ertragreiche Beute gefunden, aber auch bald genug die Schaar der gewaltigen Meerbewohner so gelichtet hatten, daß ein Kreuzen auf Beute zwecklos war. Die Station wurde deshalb aufgegeben, ihre Trümmer am öden Korallenstrand sind jetzt werthlos und verkommen.

Der Kurs nach Lefuka führte uns zwischen Inseln und Korallenpatschen hindurch. Erst am Nachmittage dieses Tages konnten wir die der Insel Lefuka vorgelagerten Riffe passiren und vor der deutschen Station zu Anker gehen.

Solch ungünstiger Wind und zum Theil schlechtes Wetter hatten natürlich den Zweck der Reise vereitelt, noch nach Ouia zu laufen und an dem dort stattfindenden großartigen Todtenfeste theilzunehmen, war zwecklos. So entschied sich der deutsche Konsul, hier die Ankunft des Königs Georg abzuwarten und mit diesem dann die Rückreise nach Nukualofa anzutreten.

Die Insel Lefuka, im Verhältniß zu ihrer Länge nur schmal, zeigt an der Ostseite, gegen welche der freie Ozean seine gewaltigen Wogen donnernd wirft, ein Riff übereinandergethürmter Korallenblöcke und Steine; man sieht hier so recht, wie die Gewalt der Wasser einen Schutzwall aufgeworfen, der das flachere Land selbst gegen die furchtbarste See zu schützen vermag. Immer weiter aber baut die Koralle in die offene See hinaus, immer breiter wird das Trümmerfeld, bis dieses auch durch Zersetzung zu anbauungsfähigem Lande umgestaltet wird.

Die Erzeugnisse, die Tonga-tabu aufweist, sind hier auch vertreten, namentlich ist der Ertrag an Kokosnüssen groß auf dieser Insel. Was ich aber hier zuerst gesehen, war die Zubereitung des Tapa, jenes Stoffes, welches den Eingebornen zur Bekleidung dient, der schön gefärbt und gezeichnet ist. Selbst große Stücke, umfangreichen Decken ähnlich, werden aus dem Papiermaulbeerbaum angefertigt, dessen Bast dazu verwendet wird. Und zwar werden lappenförmige Streifen im feuchten Zustand aufeinander angelegt und dann tüchtig geklopft, hierdurch wird der Stoff geschmeidig und fest; ist dieser in gewünschter Größe fertiggestellt, wird der Stoff im Schatten getrocknet und nachher mit brauner oder schwarzer Naturfarbe reichlich bemalt.

Fernhin hört man die Tapa klopfenden Weiber, die mit wuchtigen Schlägen den Bast bearbeiten; erklärlich ist dieses Geräusch, da sie meistens auf dem Boden eines umgekehrten Kanoes diese Arbeit vornehmen, wodurch die dumpf dröhnenden, lauten Schläge hervorgebracht werden.

Wie bei fast allen Naturvölkern, bei denen der Aberglaube weiteste Verbreitung gefunden, so ist auch namentlich bei den Südsee-Insulanern das Zauberwort „Tabu“ in allgemeine Anwendung gekommen. Dieses Wort, eine Macht, ersetzt, möchte man sagen, die in zivilisirten Ländern nothwendige Sicherheitspolizei. Wenn eine als „tabut“, d. h. unverletzliche Person, z. B. ein König oder ein Häuptling, irgend etwas als tabut erklärt, so wird kein Rassenangehöriger es wagen, Person oder Sache anzurühren, oder eine Oertlichkeit, Haus oder Hütte, zu betreten.

Im Allgemeinen aber findet das Tabu Anwendung, wenn irgend ein Gegenstand vor Berührung, Wegnahme u. s. w. geschützt werden soll, dann wird unter bestimmten Zeremonien dieser mit einer Schnur, in der Knoten mit oder ohne Zaubereien eingeknüpft sind, umgrenzt oder umwunden. Die Ueberzeugung, daß jedem, der es wagen würde, dieses Schutzmittel zu entfernen, alle Uebel unfehlbar zustoßen, welche der Knotenschürzer hineingeknüpft, hält jede unbefugte Verletzung fern. Mehrfach, und hauptsächlich auf dieser Insel Lefuko, wurden mir Gegenstände, Baum oder Hütte gezeigt, die so durch das „Tabu“ geschützt waren.

Geschickte Fischer sind die Eingebornen. Sie brachten, ehe der Europäer ihnen seine Angelhaken zugeführt, folgende Methode in Anwendung: Aus einer dicken Perlmutterschale verfertigten sie sich durch festes Verbinden einzelner zurechtgeschliffener Stücke starke Fanghaken, die, mit einem Bastbüschelchen versehen, an langer Leine hinter Kanoes geschleppt wurden. Die wie Silber im klaren Wasser schwimmende Perlmutter lockt größere Fische an, die gierig, vermeinend eine Beute zu haschen, den Haken verschlucken und so gefangen sind. Heute noch sind diese Haken im Gebrauch, nur mit dem Unterschied, daß im Büschel verborgen sich jetzt ein scharfer, eiserner Angelhaken befindet, der dem Fische ein Losreißen nicht mehr gestattet.

In Mengen halten sich Fische unter den Riffen auf, wo sie Nahrung suchen und finden, namentlich befinden sich unter diesen zahlreiche fliegende. Um nun diese flinken Meerbewohner, welche die Natur so ausgestattet hat, daß sie durch die Größe ihrer Seitenflossen im Stande sind, eine beträchtliche Strecke über dem Wasser zu fliegen und dadurch ihren Vorfolgern zu entgehen, auf leichtere Art und Weise, als mit großen Netzen zu fangen, wendet der Eingeborne folgende Fangart an: Nachdem die leichten, flinken Kanoes bemannt sind, ziehen die Eingebornen in dunkler Abendstunde oft in beträchtlicher Zahl ins tiefe Wasser zum Riffe hinaus. Bald flammen, hell leuchtend, die aus den Blattrippen des Kokosbaumes verfertigten Fackeln auf; die Kanoes, bald hier- bald dorthin eilend, schwirren, von kräftiger Hand durchs Wasser getrieben, als sollte das Schauspiel eines Fackelreigens dort aufgeführt werden, im Kreise oder durcheinander umher. Die Fische, bekanntlich durch Feuerschein leicht angelockt, werden durch die grell leuchtenden Fackeln verwirrt, springen oder fliegen nach diesen, und sehr gewandt, mit nur kleinem Handnetze versehen, weiß der Fischer sich die Beute zu sichern.

Meistens, wenn die Fackeln niedergebrannt sind, kehren die Kanoes zurück, und war der Fang lohnend, bringt jedes reiche Beute heim. Für wenig Tabak oder Geld bekam ich mitunter so viele von diesen wohlschmeckenden Fischen, daß es zuweilen der Schiffsbesatzung nicht gelang, alle aufzuzehren.

Der Ankerplatz vor der Insel Lefuka (die Rhede von Pangal) ist durch die ringsum liegenden Riffe gut geschützt, aber schwer zugänglich für größere Segelschiffe; das meistens gegen konträren Wind nothwendige Einkreuzen in den schmalen, gewundenen Riffeinfahrten ist zudem nicht ungefährlich und erfordert die ganze Thatkraft einer Schiffsbesatzung. Die Tonga-Gruppe ist häufiger den verheerenden Orkanen und zeitweiligen Erschütterungen durch plötzlich in Thätigkeit tretende Vulkane ausgesetzt, erstere treten namentlich im Süden der Gruppe, um Tonga-tabu, fast alljährlich einmal auf; zieht, was freilich selten geschieht, das Zentrum solches furchtbaren Wirbelsturmes direkt über die Inseln, so ist die ganze Kultur auf Jahre hinaus vernichtet. Nicht Haus, nicht Hütte, weder Baum noch Strauch verschont der furchtbare Wirbelsturm; den Weg, den er mit rasender Schnelle genommen, bezeichnen unzählige Trümmer.

Nach Norden zu werden solche atmosphärischen Erscheinungen seltener. Hat die Samoa-Gruppe ein Orkan heimgesucht, so herrscht bei den Eingebornen die Annahme vor, daß erst nach Verlauf von sieben Jahren ein neuer zu erwarten ist. Solche Voraussetzungen aber sind durchaus nicht zutreffend; die Orkane treten viel häufiger auf, und je nachdem sie in näherer oder weiterer Entfernung vorüberziehen, äußert sich ihre Gewalt mehr oder weniger.

Da mein Aufenthalt in Lefuka nur von kurzer Dauer war, setzte ich, nachdem Güter u. s. w. gelandet und neue Passagiere für Vavau und Niuatobutabu an Bord gekommen waren, die Reise fort nach Neiafu, dem Haupthandelsplatz in der Vavau-Gruppe, diese besteht aus vielen und zum Theil hohen Inseln, die von Riffen umgeben und hierdurch untereinander verbunden sind, auch zeigt sich hier auffällig die einstige Thätigkeit der Vulkane. Steile hochaufstrebende Massen sind die meisten dieser eng aneinander gelagerten Inseln; nur die Hauptinsel Vavau, nach allen Seiten steil abfallend, ist eine Hochfläche, auf welcher auf verwitterter Lava eine unglaublich reiche Pflanzenwelt Fuß gefaßt und sich entwickelt hat. Dies ist das fruchtbarste Land, abgesehen vielleicht von der Insel Niua-fu, im ganzen Königreiche Tonga. Apfelsinenbäume, schwer beladen mit goldgelben Früchten, ausgedehnte Palmenwälder u. s. w., überhaupt alle herrlichen Tropengewächse der Südsee sind hier reich vertreten. Dazu giebt die im Sonnenglanze ausgebreitet liegende Bai, umgeben von hohen Inseln, dem ganzen Panorama so recht den Anblick einer echten Tropenlandschaft.

Die Einfahrt befindet sich an der westlichen Seite zwischen den Inseln Hounga und Vavau. Die schmale aber tiefe Wasserstraße windet sich zwischen den hohen Inseln hin, und dicht unter den steil anstrebenden, mit Busch und Baum bedeckten Massen, kann man ungefährdet mit einem Schiffe segeln. Inmitten der Einfahrt nur liegt ein mächtiger Felsblock, der hunderte Fuß hoch ist und steil aus großer Tiefe aufragt, auch bemerkt man an diesem, welche zerstörende Einwirkung die Meereswogen selbst am harten Gestein ausüben können. Sie haben den Felsen tief unterwaschen und große Spalten ausgehöhlt. In diesen Höhlen und Riffen braust und zischt selbst die leicht wogende See. Das Geräusch wächst aber zum Donnern an, wenn sie ihre ganze Wucht gegen den starren Felsen anbranden läßt, der dann durch den gewaltigen Anprall wohl in seinen Grundfesten erschüttert werden mag.

Ganz schmal, wenigstens für ein aufkreuzendes Schiff recht beengt, wird die Straße, sobald die weite Bai vor dem Dorfe Neiafu sichtbar geworden ist, die wie ein herrlicher, von allen Seiten geschützter Hafen, geräumig daliegt. Indes nur wenig Raum hat die Koralle übrig gelassen, die geschäftig fast die ganze Bai aufgefüllt hat und wo tiefes Wasser vorhanden, ist der Ankergrund schlecht, so daß größere Schiffe es vorziehen, wollen sie nicht auf 200 Fuß Wassertiefe vor Anker gehen, inmitten der Fahrstraße vor der Station Tuanuku zu ankern.

Nach wenig Tagen schon verließ ich, da ich allen diesen Stationen in der Tonga-Gruppe neue europäische Waaren und Proviant zu bringen hatte, Ladung aber noch nicht einnehmen sollte -- die Hauptstationen, als Vavau, Lefuka und Tonga-tabu verschiffen direkt Kopra, Baumwolle u. s. w. nach Europa -- den Hafen von Neiafu, und segelte nordwärts nach Niuatobutabu (Keppels Eiland), das 180 Seemeilen entfernt ist.

Begünstigt von Wind und Wetter, bekam ich am zweiten Tage bereits die 2000 Fuß hohe Insel Boskaven in Sicht, welcher südwärts davon und durch eine Straße von etwa einer Seemeile Breite getrennt, die niedrige Korallen-Insel Niuatobutabu vorgelagert ist. Diese langgestreckte Insel umgiebt namentlich an der Nord- und Westseite ein mächtiges, 5-7 Kilometer breites Riff, auf derselben sind zwei Kraterkegel, etwa 200 Fuß hoch, die einzig nennenswerthen Erhöhungen.