Reisen durch die Inselwelt der Südsee
Part 3
Die Blüthe der Palme tritt unterhalb der Blätterkrone in länglicher blattähnlicher Form am Stamme hervor, in ihr sammelt sich der süße Saft und zwar in solchen Massen, daß, wenn die Blüthe angeschnitten wird und man die Wunde nicht vernarben läßt, weit über die Dauer der Wachszeit hinaus der Saft fortwährend läuft. Solch ein Baum, dessen Blüthen zur Gewinnung dieses Saftes einmal angeschnitten sind, bringt in Folge davon keine Früchte, giebt aber den wohlschmeckenden, süßen Stoff „Toddy“, den jeder gerne trinkt; frisch ist er ein angenehm kühles Getränk, in Gährung übergegangen, was bald geschieht, wirkt er aber stark berauschend.
Der Palmenbaum wird durch die Entziehung des Saftes natürlich geschädigt, und wenn mit Nachlässigkeit verfahren wird, kann man sagen verblutet sich derselbe und stirbt langsam ab. Meistens werden immer dieselben Bäume zur Gewinnung des Toddy verwendet, da der Eingeborne den Werth der Palme ebenso wie der Europäer wohl zu schätzen weiß, auch ist das Toddystehlen, wozu der Samoaner große Neigung hat, arg verpönt und wird ein Europäer dadurch geschädigt, steht auf Toddy-Raub eine empfindliche Strafe.
Die junge Kokospalme bedarf eines fünfjährigen Wachsthums, ehe sie Früchte bringt, und auch dann muß der Boden gut sein; auf Korallengrund gepflanzt, entwickelt sie sich langsamer und braucht etwa sieben Jahre. Von dieser Zeit aber an trägt sie auch immerwährend Nüsse, obwohl man eigentlich bei den zwei Mal im Jahr eintretenden Haupternten den Ertrag des einzelnen Baumes auf durchschnittlich 100 Nüsse rechnen kann. Drei Nüsse werden gemeinhin auf ein Pfund Kopra gerechnet.
Reife, abgefallene Nüsse treiben, wenn sie längere Zeit unbeachtet bleiben, leicht Keime. Häufig sah ich Haufen Nüsse, die mit jungen Schößlingen bedeckt waren, auf freier Erde liegen, es bedurfte nur einer Auspflanzung und der Entwicklung der anspruchslosen Pflanze stand nichts im Wege. Regel ist, daß jeder Baum 30 Fuß Spielraum erhält, aufeinandergedrängt entwickeln die Palmen sich schwerer, wenigstens ist der Ertrag kein guter. Jung und grün gepflückt ist die äußere Schale der Nuß noch verhältnißmäßig weich und inwendig ganz mit farbloser, wohlschmeckender Milch gefüllt.
Diese, wohlschmeckend, kühl und angenehm, stillt zwar den Durst, doch darf man nicht zu viel und zu häufig davon trinken, da sich dann leicht Unterleibsbeschwerden einstellen. Das innere, zarte Fleisch der Nuß, der in der Bildung begriffene Kern, ist für Mensch und Thier nicht minder angenehm.
Zur Zeit der Fruchtbildung, wenn die Faserhülle noch weich und dünn ist, machen sich mit Vorliebe die Ratten daran, die die Bäume, namentlich die etwas geneigten, selbst die höchsten, erklimmen und die Nüsse anschneiden und der angerichtete Schaden ist ganz beträchtlich. Gegen diese Nagethiere vermag der Pflanzer die Früchte nur dadurch einigermassen zu schützen, daß er seine Bäume mit Blechstreifen, über welche die Ratten schlecht hinwegkommen, benagelt, auch gefallene Nüsse möglichst schnell aufsammelt, da die scharfen Zähne der Ratten selbst die zähe Faserhülle und die äußerst harte Schale der Nuß durchzufressen vermögen. Ein Laie, der in den Besitz einer beinahe reifen Nuß gelangt ist, wird schwerlich solche leicht öffnen können, da das Durchschneiden der zähen Faserhülle selbst mit einem scharfen Messer kaum möglich ist.
Der Eingeborne bedient sich dazu eines 2-3 Fuß langen Stockes, den er an beiden Enden zugespitzt hat; dann stößt er das eine Ende in die Erde, faßt die Nuß mit beiden Händen und schlägt damit gegen die Spitze des Stockes, sodaß dieser tief in die äußere Hülle eindringt. Alsdann bricht er, mit der linken Hand den Stock festhaltend, mit der anderen die Schale auf indem er die Nuß kräftig zur Seite biegt; wenige Schläge genügen, und die Nuß ist von der zähen Hülle befreit. Um nun auch die harte innere Schale zu öffnen, schlägt man mit einem Stein oder Messer oder einer anderen Nuß dagegen, dann springt an der getroffenen Stelle die spröde Schale leicht auf, Kern und Milch wird frei.
Soll die fasrige Hülle zu Matten oder Tauwerk verwendet werden, so wird solche für längere Zeit in einen Frischwassertümpel gelegt; die Fasern lösen sich dann auf und lassen sich, gereinigt, leicht auseinander ziehen. Gewöhnlich spinnen die Eingeborenen daraus den Cajar, einen zweidrilligen Faden, aber auch starkes, zähes Tauwerk, jener dient ihnen namentlich dazu, ihre Hütten zu befestigen, die mit Cajar gebunden, selbst vom wirbelnden Orkan nicht leicht niedergefegt werden können. Zuletzt sei noch die harte Kernschale erwähnt, diese, an und für sich nicht weiter verwendbar, wird zur Feuerung benutzt. Sie entwickelt, da sie leicht brennbar ist, eine ganz beträchtliche Hitze.
Lehrreich ist es, zu beobachten, wie gewandt der Samoaner selbst die höchsten Palmen zu erklimmen vermag und die hochhängenden Früchte dieses Baumes zu erlangen versteht. Ein Hinaufklettern ist es freilich eigentlich nicht, eher ein Vorwärtsschieben des Körpers mit Händen und Füßen. Dabei weiß der Eingeborne sich auf eine einfache Weise zu helfen. Der Stamm der Palme, obgleich ziemlich glatt, hat doch eine beträchtliche Zahl leicht vorstehender Ringe, die ehemaligen Blätteransätze, diese geben dem Kletternden dann einen gewünschten Halt, wenn er sich mit dem erwähnten Cajar die Knöchel der Füße so verbindet, daß vielleicht sechs Zoll Abstand bleibt. Wird die Fußsohle gegen den Stamm gedrückt, so findet dieses kurze Tau an den vorspringenden Ringen Halt; mit den Händen immer höher greifend, schiebt sich der Körper bis zur schwankenden Höhe hinauf.
Der hohe Werth der Kokospalme, den auch der Europäer sehr zu schätzen weiß, läßt sich aus dem Gesagten entnehmen; kein größerer Schade kann daher dem Eingebornen zugefügt werden, als wenn man seine Palmen vernichtet, was leider die Samoaner unter sich bei ihren häufigen Parteikämpfen nicht unterlassen. Der siegende Theil schlägt, wenn er Zeit findet, die Anpflanzungen der Besiegten nieder und fügt dadurch dem Unterliegenden einen unersetzlichen Verlust zu.
Auffallend schnell hat der Samoaner sich dem Christenthume zugeneigt, da er sehr empfänglich für das Neue und mit schnellem Auffassungsvermögen ausgestattet ist. Das evangelische und katholische Bekenntniß zählt zahlreiche Anhänger, man kann sagen, dem Namen nach sind die meisten Bewohner der Samoagruppe Christen.
Um so leichter hat der Eingeborne die göttliche Lehre angenommen, als er in ein Labyrinth von Göttern und Götzen gerathen war, aus dem ihm selbst seine reiche Phantasie durch Umstürzen alter und Aufstellung neuer Götter schwer einen Ausweg schuf. Im Allgemeinen war die Anschauung der Allbeseelung der Naturwelt und der Menschen in ihm lebendig.
Etwas eigenartig liegen die politischen Verhältnisse auf Samoa. Das tapfere Volk, in Stämme und Parteien getheilt, schwingt trotz seiner monarchischen Staatsverfassung immer aufs Neue die Fackel des Bruderkrieges, schnell ist es zum Kampf bereit, schnell auch wieder zur Versöhnung, die es durch großartige Feste feiert. Den Frieden aber, der eigentlich nur ein Waffenstillstand ist, können geringfügige Vorfälle leicht wieder stören.
Die Kriege sind, als noch Lanzen, Keulen und Schlachtbeile mehr im Gebrauch waren, wohl nie sehr blutig gewesen, da Mann gegen Mann gefochten wurde und schon bei einem geringen Verluste die schwächere Partei das Feld räumte, die erbeuteten Köpfe der gefallenen Krieger nahm der Sieger als Trophäe mit und legte sie seinem Oberhäuptling oder dem Könige zu Füßen.
Von dieser scheußlichen Gewohnheit, den Todten und Verwundeten die Köpfe abzuschneiden, lassen die Samoaner auch heute noch nicht, zum mindesten wird, wenn keine Zeit vorhanden ist, die Schändung vorzunehmen, schnell ein Ohr abgeschnitten, dann hat nämlich der Kopf für einen anderen keinen Werth mehr. Missionare und strenge Gesetze sind machtlos dagegen; von der Gewohnheit ihrer Vorfahren, solche Trophäen heimzubringen, wollen sie durchaus nicht lassen.
Besser wurde die Lage auf Samoa auch nicht nach der Ansiedelung der Europäer, und haben die Deutschen als die ersten auch großen Einfluß gewonnen, so hat doch die Nebenbuhlerschaft der Engländer und Amerikaner das Parteiwesen nur verschlimmert. Die Einfuhr von Waffen, namentlich des Winchester Gewehrs, haben den begabten Samoaner, der Landbesitz und große Mengen Kopra für die Erlangung solcher Waffe hergab, zu einem nicht zu verachtenden Gegner gemacht.
Ja der Haß der Fremden gegen die Deutschen, welche den werthvollsten Theil der Insel Upolu in ihren Besitz gebracht hatten, ging so weit, daß sie trotz ihrer geringen Anzahl offen Partei gegen unsere Landsleute nahmen und die Samoaner gegen ihre einstigen Freunde aufstachelten, wodurch deutsches Eigenthum schwere Schädigung erlitt.
Es ist genugsam bekannt, wie thatkräftig die Regierungen eingreifen mußten, um die blutigen Fehden einzuschränken, die blinder Haß und Neid entfacht hatte. Da der deutsche Reichstag im Jahre 1878 den Plan des eisernen Kanzlers, die Samoa-Inseln an Deutschland zu bringen, zunichte machte, als diese noch herrenlos und durch politische Wirren geschwächt waren, hat uns später viel Blut und Leben gekostet; damals war es eine geringe Summe, um welche es sich handelte, hätte man sie bewilligt, die Perle des Großen Ozeans wäre deutsch gewesen!
Unsere aufblühenden Kolonien, die kaum ein Jahrzehnt in deutschem Besitz sind, haben gezeigt, daß der Deutsche auch in seinem eigenen außereuropäischen Besitzthum der rechte Mann der That sein kann, also nicht bloß versteht, anderen Nationen die leicht erworbenen Länder zu bebauen und zur Größe und zum Wohlstand zu verhelfen. Wahrlich genug deutsche Kraft und Einsicht ist anderen Völkern zu gut gekommen, so daß es fürwahr an der Zeit war, dem erstarkten deutschen Volksbewußtsein weitere Kreise zu ziehen, wie es der Begründer des neuen Reiches als ernste Nothwendigkeit erkannte; hemmen läßt sich der gewaltige Trieb einer aufflammenden Volkskraft wohl, aber niederhalten, in andere Bahnen lenken, niemals! Wie später die deutschen Pioniere in Afrika alles daransetzten, für ihr deutsches Vaterland das zu schützen, was das Schwert erkämpft hatte, so würde damals ein gut bebautes, reiches Land schnell unter den Fittichen des deutschen Aars den Frieden und das Volk die Ruhe nach langem Hader und blutigen Kämpfen gefunden haben.
Dagegen wurde den drei betheiligten Mächten Deutschland, England, Amerika die Oberhoheit zugesprochen, dem kleinen Volke aber die Selbständigkeit gelassen. Ohne Zweifel ging das Bestreben dahin, auf diese Weise dem Volke den Frieden zu geben aber die Eifersucht der Fremden vereitelte die gute Absicht. Vor allem gönnten die Engländer und Amerikaner, so geringen Antheil sie auch an Samoa hatten, den Deutschen nicht die Früchte ihrer Mühen, und was im hohen Rathe der Mächte eine Möglichkeit schien, Land und Volk den Frieden zu geben, vereitelte auf Samoa selbst die Eifersucht der Ansiedler. Willkommen war jeder Anlaß, dem vorherrschenden deutschen Einflusse den Boden zu entziehen und dessen Ansehen zu schädigen.
Fürsten und Volk der Samoaner lauschten den Einflüsterungen übelgesinnter Eingewanderter, welche den Zwiespalt der Parteien schlau benutzten und die Fackel des Aufruhrs und der Widersetzlichkeit entflammten. Daß die Deutschen endlich dieses Treibens müde wurden und 1885 auf Mulinuu, dem Gebiete des übel berathenen und feindlich gesinnten Königs Maliatoa, die deutsche Reichsflagge hißten, war ein Akt zwingender Nothwendigkeit. Standen auch 2000 Krieger um Apia bereit, die Flagge niederzureißen und die erklärte Schutzherrschaft aufzuheben, so wurden diese doch durch die Geschütze der deutschen Kriegsschiffe und die beträchtliche Zahl der bewaffneten Deutschen von einem Angriffe zurückgehalten.
Wie jubelten wir alle der stolzen Flagge zu! Ein großer Festtag war es, als, geschützt durch Wall und Graben, durch die Waffen der deutschen Matrosen das Reichspanier sich hoch am schlanken Maste entfaltete. Jener 6. Januar 1885 schien endlich das Sehnen der Deutschen auf Samoa erfüllt zu haben.
Es kam wirklich nach Hissung der Flagge ein kurzer Zeitabschnitt, wo Ruhe und Friede auf der Insel Upolu einzukehren schien; das thatkräftige Einschreiten der deutschen Beamten, der einheitliche Wille, der den Verhältnissen voll gewachsen war, sowie die entfaltete Macht, die den Eingebornen Achtung einflößte, schien bessere Verhältnisse herbeizuführen. Aber anders war es im Völkerrathe beschlossen. Kurz war die Freude aller Deutschen, kurz der Traum von Ruhe und Frieden. Muthlosigkeit, bittere Enttäuschung erfüllte alle, aussichtslos war der weitere Kampf, die Freudigkeit am Ringen um den Preis so hohen Gutes war dahin, als die deutsche Flagge niederging.
Der Versuch, den deutschen Einfluß, der einst die ganze Inselwelt der Südsee beherrschte, zu brechen, war gelungen, wohl niemals wieder werden wir uns denselben in der ganzen Größe und dem ganzen Umfange wie einst erringen können. Die feste Hand, der starke Wille, dem Fürst und Volk Samoas allein sich unterordnen, fehlt hinfort und fehlt bis heute. Welche Kämpfe gefolgt sind -- keinem System, als dem der unbeschränkten Macht wird der Samoaner sich beugen -- hat die Folgezeit gezeigt.
Um der Todten, um des deutschen Blutes willen, das den Boden Samoas getränkt, möge noch einmal die Zeit kommen, in welcher kräftig und dauernd der deutsche Aar sein Kleinod festhält und es niemals wieder fahren läßt.
II. Reisen durch die Samoa- und Tonga-Inseln.
Das im vorigen Kapitel Gesagte ist das Ergebniß solcher Beobachtungen, die zu machen ein Aufenthalt am Lande, oder im Hafen von Apia mir ermöglichte. Viele weitere Einzelheiten, deren Kenntniß der Verkehr mit den Samoanern und langansässigen Europäern mit sich bringt, verdienten zwar noch der Erwähnung, indes, da ich in großen Zügen nur meine Erlebnisse in der Südsee schildern will, muß Unwesentlicheres zurücktreten; darum sehe ich auch von der Beschreibung einzelner Fahrten und Reisen durch dieses weite Gebiet ab.
Alle mit mir zugleich auf demselben Segelschiffe angekommenen Passagiere, die, wie ich, sich auf 3 Jahre der Plantagen-Gesellschaft verpflichtet hatten, wurden bald nach unser Ankunft ans Land beordert und nahmen die ihnen zugewiesene Beschäftigung auf. Meine Bestimmung dagegen lautete, sogleich an Bord des Schooners „Hapai“ zu gehen und dort vorläufig den Dienst des ersten Steuermanns zu versehen.
Zwei Tage später schon lichteten wir Anker und segelten nach Matautu, dem Haupthafen der Insel Savai, von dort sollten wir schnell das daselbst lagernde Kopra, wie solches auf den verschiedensten Inseln von den Händlern der Gesellschaft aufgekauft wird, abholen.
Auf Savai, das nur durch die Straße von Apolima von Upolu getrennt ist, erhebt sich die dunkle Bergmasse, gleich der auf Upolu, hoch und mächtig; ja, aus der Ferne gesehen, scheint ein gewaltiger Höhenrücken die ganze Insel auszumachen. 4000 Fuß hoch, die höchsten Krater auf Upolu, den Tofua, Maugalaila, Taitoelau und Sigaele um 1000 Fuß überragend, erhebt sich diese Kraterregion gleich einer Scheidewand, die zwar von reichem Pflanzenwuchse bedeckt, aber wenig bevölkert ist; nur einzelne Pfade führen durch Urwälder und tropische Wildniß über die von Lava starrenden wildzerklüfteten Berge. Jungfräulicher Boden, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigt und für Kaffee, Vanille, Baumwolle geeignet ist, liegt brach und unbenutzt, denn es herrscht vollständiger Mangel an gut geschützten Häfen.
Weniger als auf Upolu bildet das die Insel umgebende Korallenriff gesicherte Einfahrten, auch die größte vor Matautu wird durch schwer anrollende See gefährdet. Wohl vertraut mit der nicht so leicht aufzufindenden Durchfahrt im Riffe, führte mit günstigem Winde der Führer der „Hapai“ sein Schiff längs der schwer aufrollenden Grundsee am langgestreckten Riffe hin; die wild schäumende Brandung brach sich donnernd auf diesem, und die mächtigen Wogen schienen das Schiff dem Verderben zutragen zu wollen. Ich selber hielt es für sehr gewagt, so nahe dem gefährlichen Riffe zu laufen, jedoch als wir die Einfahrt nach Matautu gewonnen hatten, ließen wir bald die wilde Brandung hinter uns.
Weit von Land ankernd, ist es Regel hier, da der Ankerplatz nur ein tiefer liegendes Riff ist, auf welchem sich einrollende See brechen kann, weit vom Lande zu ankern und muß man in der unbeständigen Jahreszeit immer bereit zum Auslaufen sein, sobald westlicher oder nordwestlicher Wind aufspringt, denn gefährlich würde jedem Schiffe die direkt einlaufende See werden.
In Hast und Eile ging denn auch das Einschiffen der Ladung vor sich, da Wind und Wetter wenig Beständigkeit versprach; wohl 70 Savaileute brachten mit großen Brandungsbooten die oft von der am Strande laufenden See durchnäßte Ladung an Bord. Längsseit des Schiffes schöpften die Boote oft noch Wasser, so unruhig war selbst im Hafen noch die See; wildes Halloh erhoben die Kerle, die höchstens mit einem Grasschurze bekleidet waren, wenn sie der Länge nach niederstürzten und es auch deshalb vorzogen, auf das vor seinen Ankern schwer rollende Schiff zu springen. So kostete es mich viel Mühe, die braunen, zügellosen Kerle, deren Sprache ich noch nicht verstand, zur Arbeit anzuhalten.
Obgleich die Bewohner Savai's gleicher Abstammung wie die Upolu-Leute sind, so herrscht doch zwischen der Bevölkerung beider Inseln fast immer Hader und Streit. Die Savai-Leute, vielleicht kühner im Angriffe, bemannen oft genug ihre großen Kriegskanoes und versuchen einen Ueberfall auf Upolu, um sich gelegentlich für die Schimpfworte, „Schweine von Savai“, bitter zu rächen.
Schnell nach Apia zurückgekehrt, erhielt das Schiff Weisung, schon am 24. November wieder in See zu gehen und zwar nach der einsamen Insel Niue, von wo ebenfalls Kopra und ein größerer Segelkutter, der in der schlechten Jahreszeit für den dortigen Händler nicht recht verwendbar und an der steilen Küste gefährdet war, abgeholt werden sollte. Aufkreuzend gegen wieder vorherrschenden Südost-Wind erreichten wir die Insel erst nach zehn Tagen. Als wir in deren Nähe kamen, waren die ersten Häuser, die wir sahen, das Missionshaus und die Kirche, die zurückliegenden Hütten der Eingebornen ließen sich, weil sie durch Busch und Palmen verdeckt waren, nicht unterscheiden. In einer kleinen Einbuchtung, wo ein Spalt in der steilen Uferwand allenfalls das Landen gestattete, 100 Fuß von Land dicht vor der Brandung -- ein Schwingen des Schiffes vor seinen Ankern war nicht möglich -- ankerten wir am steilen Korallenriff.
Von der auffallenden Erscheinung, daß durch vulkanische Kräfte ganze Inseln gehoben werden, giebt die Insel Niue einen Beweis, mir war sie um so bemerkenswerther, als es die erste war, an welcher ich die unterseeische Korallenformation erkennen konnte. Wohl 30 Fuß hoch zeigen die Uferwände der Insel die gewaltige Arbeit der Korallenpolypen, die von neuem, seit der vielleicht viele Jahrhunderte schon zurückliegenden Hebung dieser Insel, am steilabfallenden Meeresgrunde weitergebaut und an vielen Stellen wieder ein zusammenhängendes Riff aufgeführt haben. Später, als ich selbst mit eigenen Augen die ungeheure vulkanische Kraft, die zeitweise auf diesem ausgedehnten Kratergebiet in Erscheinung tritt, gesehen, war es mir klar, daß die schlummernde Naturkraft nicht bloß die Erdrinde und das Meer zu erschüttern vermag, sondern spielend Inseln hebt.
Die wenigen Tage, die wir vor Niue zu Anker lagen, war eine Zeit ängstlichen Hastens, weil wir so schnell als möglich mit der aus Kopra, Fungos, einer Pilzart, und der aus Arrowroot-Wurzeln bestehenden Ladung fertig werden mußten, denn mit Gefahr für Boot und Ladung war eine jedesmalige Landung verbunden, da fast in der Brandung jedes Boot beladen werden mußte. Für das Schiff war Gefahr insofern vorhanden, als dieses durch auflandigen Wind trotz der Anker leicht aufs Riff getrieben werden konnte, wir also immer bereit sein mußten, bei einem Wechsel des Windes, wenn nöthig, schnell die Anker zu schlippen und die offene See zu gewinnen. Drohende Anzeichen für schlechtes Wetter gingen aber glücklicher Weise vorüber; übrigens war dieses die letzte glücklich vollbrachte Reise des Schiffes überhaupt, wenige Monate später schon lag es zerschellt auf einem Riffe der Neu-Hebriden.
Die Bewohner dieser Insel Niue, ein kräftiger, stattlich gebauter Menschenschlag, der zwar der Samoa- und Tonga-Rasse an Gestalt und hohem Wuchs nicht gleichkommt, jedoch mehr Temperament als diese zeigt, auch Schlaffheit und Unlust zur Arbeit bemerkt man weniger an ihnen. Als tüchtige Seefahrer, welchem Gewerbe sie mit Vorliebe zugethan sind, werden sie in Apia, wo mit der Zeit eine Ansiedelung derselben stattgefunden, gerne als Matrosen angenommen, wenigstens dem Samoaner bei weitem vorgezogen.
Savages-Eiland, Insel der Wilden, ist die Insel Niue, ihre Heimath, benannt worden, und soweit meine persönlichen Erfahrungen reichen, verdienen sie beinahe diesen Namen, als ich bei einem Streite mit ihnen beinahe das Leben hätte lassen müssen und nur ein Zufall mich aus den Händen dieser leicht erregbaren Menschen befreite.
Da sie von hellerer Farbe als die Samoaner, stammen sie vermuthlich von einer weit östlich liegenden Inselbevölkerung ab. Die ersten Ansiedler, wahrscheinlich vor langer Zeit von ihrem Heimathlande verschlagen, fanden das rettende Eiland und bevölkerten es allmählich. Der Trieb, die unbekannte Welt kennen zu lernen, die im Schoße des mächtigen Ozeans für die fernen Inselbewohner verborgen lag, läßt sie noch heute oftmals das Wagniß unternehmen, sich mit ihren leichten Kanoes auf die unendliche See hinauszuwagen. Die Gewalt des Windes und der Strömungen unterschätzten sie und haben sie einmal Land aus Sicht verloren, sind sie den Elementen hülflos preisgegeben, so zahlten sie ihre Kühnheit mit einem qualvollen Sterben, wenn nicht ein gütiges Geschick nach schrecklichen Leiden sie Land finden läßt.
Die Rettung von 16 solcher vertriebenen Menschenkinder, die ich in den Karolinen-Inseln auffand und Hülfe brachte, werde ich später eingehender erzählen.
Mit Vorliebe tragen die Niue-Leute reichen Goldschmuck und zwar als Ohrgehänge; massive Goldstücke hämmern sie aus und befestigen solche geschickt an den Ohrlappen; das verdiente Goldgeld wird häufig dazu verwandt.
Der ganze Südseehandel beschränkt sich in der Hauptsache auf Tabak, Seife und Zeug, namentlich für Volksstämme, die erst wenig mit dem weißen Manne in Berührung gekommen sind. So boten auch hier für ein Geringes die Eingebornen Speere, Muscheln und Nüsse feil, vor allem war Tabak der begehrteste Artikel. Im Gegensatze zu den Booten der Samoaner, die solche sich von ganz beträchtlicher Ausdehnung erbauen, sind die Kanoes dieser Niue-Leute nur klein und behende, aber nett mit Muscheln und anderem Zierrath ausgeschmückt, der vornehmlich rings um die Bordwand befestigt ist; auch sind diese Fahrzeuge vorne und hinten überdeckt, um das Einschlagen der See, wenn sie, zum Fischen ausziehend, die Brandung passiren müssen, zu verhindern.
Sehr fischreich sind namentlich die Gestade aller Inseln, und wie ich gelegentlich anführen werde, wissen ihre Bewohner sich mit besonderem Geschick der wohlschmeckenden, fliegenden Fische zu bemächtigen. Auf freier See aber herrscht sehr zahlreich der gefürchtete und gefährliche Hai, ein Zeichen, daß derselbe auch im tiefen Wasser reichlich Nahrung findet, und solche sich nicht nur in Buchten oder in der Nähe des Landes zu suchen braucht.