Reisen durch die Inselwelt der Südsee
Part 16
Der Verkehr mit den spanischen Offizieren, während unserer Anwesenheit auf Lungur, war recht freundlich, sie zeigten sich uns in jeder Weise gefällig, auch hatten sie keinen anderen Verkehr und konnten mit Sicherheit nur auf der Insel Lungur landen, da jedes Betreten der Hauptinsel selbst ihnen mit Waffengewalt von den Eingebornen verwehrt wurde. In welcher Weise die Spanier, wenn die erwartete Verstärkung von Manilla eingetroffen sei, vorgehen würden, darüber äußerte sich der Kommandant Jose de Concha folgendermaßen:
Es sollten rund um Ponapè befestigte Stationen unter dem Schutze mehrerer dort stationirter Kriegsschiffe errichtet werden und würden dann tausend Mann genügen, bei allmählichem Vordringen die Aufständigen zu Paaren zu treiben. Namentlich sollten die Bezirke Jokoits, Nut, Aru, Mants und Tahunk gesäubert werden. Wären einmal die Eingebornen in das unwirthliche Innere der Insel getrieben, würden sie durch Hunger und Mangel an Schießbedarf genöthigt, bald genug zu Kreuze kriechen.
Doch die Erwartungen, die dieser Kommandant gehegt, haben sich nicht erfüllt, Spanien konnte vorläufig solche Macht nicht entfalten und als diese später zur Stelle war, mußte es sich mit der Bestrafung der Hauptbetheiligten begnügen, denn inzwischen waren auch die Bewohner von Ruk und Yab in den Aufstand eingetreten, und bald versuchten auf der ganzen Gruppe der Karolinen im Osten wie im Westen fast gleichzeitig die kriegerischen Stämme, sich von dem ihnen auferlegten Zwange zu befreien.
Es ist eine Eigenthümlichkeit der Spanier, daß sie so schnell zu strengen Maßregeln in neuerworbenen Ländern den Eingebornen gegenüber schreiten und immer geschritten sind und so wenig ihre Gebräuche und Sitten berücksichtigen. Und gerade auf den Karolinen war Gewalt am wenigsten angebracht, hier, wo diese Völker noch nie die Hand einer stärkeren Macht gefühlt, wo sie unabhängig, frei und zufrieden lebten.
Unausgesetzte Kämpfe werden die Spanier, so lange diese Inseln in ihren Händen verbleiben, führen müssen, bis der letzte Rest dieses begabten Volkes dem Verderben geweiht ist, bis die weiten blühenden Fluren, auf denen hundertfacher Segen die geringe Arbeit lohnt, Brandstätten und Trümmer geworden sind; die Spanier werden endlich Sieger bleiben, aber um welchen Preis!
Die Kulturarbeit auf diesen Inseln wird ein ander Volk, wenn das jetzt dort lebende Geschlecht in seinem Heimathlande begraben und vergessen ist, zum späteren Segen vollbringen müssen. --
Sobald beide Schiffe segelfertig waren, verließen wir die deutsche Station auf Lungur: Herrn Ruß nahm ich mit nach Jaluit, er durfte nicht zurückbleiben, über kurz oder lang wäre er doch der Rache der Eingebornen verfallen. Die „Brigitta“ steuerte westwärts nach Yab, wo sie vollständig verloren ging, mit der „Futuna“ aber ging ich nordwärts nach dem Providenz-Atoll. Obgleich das Schiff noch immer stark leckte, die Pumpen zu bestimmten Stunden bei Tag und Nacht stets in Betrieb gehalten werden mußten, so hatten doch tüchtige Taucher dem Schlimmsten durch Uebernageln eines Stückes Kupfer am Schiffsboden abgeholfen, und da ich auch u. A. für den einsam auf jenem Atoll lebenden Deutschen Proviant an Bord hatte, wo seit 8 Monaten kein Schiff erschienen war, hielt ich es für nothwendig auch dort noch einzulaufen.
Von Ujelang segelte ich zurück nach Pingelap, einer zwischen Ponapè und Kusai liegenden Insel; dort holte ich mir von dieser eine neue Besatzung, Leute die ich mir erst auszubilden hatte, welche aber wegen geringerer Heuer eine Ersparniß ermöglichten, und kehrte von hier geradenwegs nach Jaluit zurück.
Die „Futuna“ war in den Marschall-Inseln nicht auszubessern, darum beschloß der Vertreter der Gesellschaft, Herr Brandt, dieselbe nach Apia zu senden; doch mußten vorerst noch sämmtliche Stationen mit Handelsgegenständen versehen werden, und auf dieser langen Rundreise durch die Marschall-Gruppe lernte ich verschiedene mir noch nicht bekannte Atolle kennen.
Was die Kulturfrage anbelangt, die das deutsche Reich auf diesen fernen Inseln besonders berücksichtigen muß, so kann ich erwähnen, daß die Ertragfähigkeit noch einer ganz bedeutenden Steigerung fähig ist, sofern der Sinn der einheimischen Bevölkerung für den Handel immer mehr geweckt und diese angeleitet wird, mehr zu erzielen als bisher, was darauf hinausläuft, die vielen brachliegenden Inseln mit Kokosbäumen zu bepflanzen. Dadurch würde nicht bloß ein greifbarer Vortheil erzielt, sondern auch der Gefahr vorgebeugt, daß die Wogen des Ozeans zeitweilige Zerstörungen auf diesen niedrigen Koralleninseln anrichten können. Findet doch jede hier wachsende Baumart, vornehmlich die Kokospalme, selbst auf steinigen Korallengrund, einen dankbaren Boden und gutes Fortkommen.
Im Begriffe nach Samoa abzusegeln, mußte ich meinen Obersteuermann Kannegießer, der die Führung des Schooners „Ebon“ erhielt, welches Schiff dem König Kabua und Nelu gehörte, zurücklassen, und an seiner Stelle den Japanesen Kitimatu nehmen. Kannegießer, der auf den Marschall-Inseln seit jener Zeit verblieben ist, wurde 1894 auf der Insel Butaritari (Gilbert-Gruppe) von den Eingebornen dort, die im Verkehr viel unzugänglicher sind als die Marschall-Insulaner, ermordet. In den letzten Tagen des Jahres 1887 verließ ich Jaluit; gegen starken östlichen Wind aufkreuzend, hoffte ich östlich von der Gilbert- und Ellis-Gruppe nach Süden segeln zu können, fand aber noch nördlich vom Aequator wieder solchen starken Strom, daß ich gezwungen war, diesen Plan aufzugeben, und zwischen 8 bis 12 Grad nördlicher Breite fortan Ost zu gewinnen suchte.
Oft genug hatte ich die Erfahrung gemacht, daß, während im südlichen Theil der Marschall-Inseln gutes Wetter vorherrschend war, im nördlichen zur Zeit des Nordost-Passates starke Winde wehten, so daß an den Gestaden der nördlichsten Atolle sich eine schwere See brach; ob die Annahme, jene Atolle sinken noch langsam, erwiesen ist oder nicht, steht dahin, soviel aber ist sicher, daß die nördlichsten Atolle wegen der immer weiter vordringenden See von ihren Bewohnern haben verlassen werden müssen und die wenigen noch über dem Meere liegenden Inseln heute unbewohnt sind.
Auf 176 Grad westlicher Länge, nahe der Linie, die ich in wenig Stunden zu passiren erwarten konnte, sahen wir, als die Sonne in ihrer wunderbaren Schönheit über den endlosen Ozean aufgegangen war, plötzlich wenige Seemeilen voraus eine niedrige, unbewachsene und unbewohnte kleine Insel. Als wir näher gekommen waren und dieser auf der Westseite vorüberfuhren -- ich hatte schon tags vorher weit nördlicher erwartet eine Insel zu sehen und war überrascht jetzt noch eine unerwartet in Sicht zu laufen -- sah ich, daß nahe derselben eine große Menge Haifische umherschwamm, auf dem niedrigen Sande aber saßen abertausend Seevögel, die noch mit ihrer Morgentoilette beschäftigt sich erst in Schwärmen erhoben, als der ungewohnte Anblick des immer näher kommenden Schiffes sie aufscheuchte.
Nicht das geringste war auf diesem öden Sand weiter zu entdecken, nur hin und wieder leuchteten im Sonnenstrahl weiße Flecken auf, es waren die angehäuften Ausleerungen der Seevögel, die in Schaaren noch saßen oder mit krächzendem Geschrei in der Luft umherschwirrten. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen, hier frische Eier in Mengen zu erhalten, doch sah ich nirgends an der Westseite flacheren Grund und erst ganz dicht heranzulaufen und danach zu suchen schien mir der Mühe nicht werth. So segelte ich weiter, zufrieden, daß die im direkten Kurs gelegene Insel erst am frühen Morgen in Sicht gekommen und nicht, als noch Dunkelheit herrschte, von uns getroffen war, denn dann hätte sie uns und dem Schiffe verhängnißvoll werden können.
Uebrigens war ich auf alle Möglichkeiten vorbereitet, wenn das schon stark leckende Schiff nicht mehr zu halten gewesen wäre -- die Mannschaft konnte nichts weiter thun, als nur die Segel bedienen und unablässig jede halbe Stunde pumpen, -- dann hätte ich dieses mit den bereit gehaltenen Booten, in denen für Wochen Mundvorrath und Wasser bereit lag, verlassen.
Schon darum war ich soweit nach Osten aufgesegelt und suchte, als der Aequatorialstrom schwächer geworden, noch immer etwas Ost zu gewinnen, damit ich die Phönix-Gruppe durchschneiden oder in Lee von mir zu liegen hatte. Wäre auch keine große Gefahr damit verbunden gewesen, mit den guten Booten auf freiem Meer vor dem Winde zu segeln und Land zu suchen, so wäre solche Fahrt für zwei Frauen, Samoanerinnen, die ich als Fahrgäste an Bord hatte, doch recht unangenehm geworden.
Die Walfischfänger, die in früheren Jahrzehnten so zahlreich diesen Theil des Ozeans durchkreuzt und reiche Beute fanden, haben wenige der gewaltigen Meerbewohner verschont, und doch sah ich hin und wieder noch einige riesige Walfische in der dunkelblauen Fluth sich tummeln.
Mit langsamer Fahrt nach Süden segelnd, (die Phönix-Gruppe lag hinter uns) wurden wir eines Tages von einem, jungen Walfisch begleitet, dem es Vergnügen zu bereiten schien bald vor, bald mit dem Schiffe zu laufen, und gar leicht wäre es gewesen, dem Thiere in den dicken, plumpen Körper eine Harpune hineinzuwerfen, doch sah ich ein, daß, wenn wir auch wirklich mit sicherem Wurfe das Thier hätten tödten können, wir schwerlich einen Nutzen davon gehabt hätten, und Harpune und Leine wollte ich nicht darum opfern. Doch versessen darauf, den Walfisch zu erlangen, oder wenigstens den Versuch zu machen, bot der Steuermann Kitimatu mir immer wieder, wenn der Fisch dem Schiffe recht nahe gekommen, seine werthvolle Harpune an. Er wollte diese verlieren, sollte der Fisch entkommen, nur möchte ich ihm gestatten, eine der besten langen Leinen zu nehmen. Schließlich selbst neugierig gemacht, wie wohl der Fang verlaufen würde, ließ ich alle Vorbereitungen dazu treffen und um sicher zu gehen, damit der harpunirte Fisch die gute Leine nicht zerreißen könnte, beauftragte ich Kitimatu, diese, solange der Wal in die Tiefe schießen sollte, immer weiter auslaufen zu lassen. Ich selbst ging auf den Klüverbaum hinaus und unter diesem am Stammstocke Fuß fassend, durch eine Brustleine gut gehalten, daß beide Arme frei blieben, wartete ich auf den Augenblick, wann der Wal wurfgerecht wieder vor dem Schiffe laufen würde, um dann die bleibeschwerte Harpune dem Thiere in oder neben das Spritzloch mit voller Wucht zuzuwerfen.
Nicht lange brauchte ich zu warten, der Wal kam heran und mit sicherem Wurfe geschleudert, fuhr ihm die tödtliche Harpune seitwärts unter dem Spritzloch tief in den Leib. Zu Tode getroffen, den Schwanz hoch über Wasser schnellend, schoß das Thier mit gewaltiger Kraft in die Tiefe. Die starke Leine fuhr rauchend hinterher; um den Spillkopf zum Wegführen belegt, war sie, da Kitimatu sie nicht fahren lassen wollte, mit furchtbarer Geschwindigkeit um dieses Holzstück herumgerissen worden, sodaß Rauch und Feuer heraussprangen und die Leine zum Theil verbrannt war. Kitimatu, dessen Hände ebenfalls verbrannt wurden in Folge der Reibung, konnte nicht mehr festhalten. Schon war ich selbst inzwischen an Deck gekommen und hatte das Messer gezogen, um diese zu kappen, als plötzlich die Leine aufhörte, weiter auszulaufen. Die Kraft des Thieres war gebrochen oder es kam herauf, um Luft zu schöpfen, die ihm aus der tödtlichen Wunde schnell entflohen sein mochte, -- doch diese schnelle Fahrt in die Tiefe war sein Todeslauf gewesen. Weit entfernt an der Steuerbordseite -- die ganze 450 Fuß lange Leine war fast ausgelaufen -- kam der Wal hoch, Blut und Wasser spritzte er in die Luft, in Strömen floß sein Blut aus der klaffenden Wunde und färbte rings um ihn das Meerwasser roth.
Sich hin und her wälzend, peitschte er noch mit letzter Kraft einige Male das Wasser mit dem Schwanze, dann lag er still. Das Schiff, an den Wind gebracht, trieb mit backgebrassten Raaen; darauf ward der Wal herangeholt, und lag bald in Schlingen aufgefangen sicher längsseit. Nun war die Frage, wie wohl das schwere Thier an Deck gehißt werden könnte, nicht, weil wir nicht gewußt hätten, wie das anzufangen wäre, sondern es fragte sich, ob die stärksten Takel (Flaschenzüge) an Bord ausreichend sein würden.
Im Großtop wurde das stärkste Takel aufgebracht, dann wurde der todte Wal am Schwanze, mit Hilfe unserer Winde hochgeholt, doch der Körper erwies sich, als die Tragfähigkeit des Wassers aufgehoben, zu schwer. Ihn fahren lassen wollten wir nicht, deshalb wurde, um das Gewicht des Körpers zu erleichtern, der ganze Leib, soweit anzukommen war, aufgeschnitten, der Inhalt entfernt, und der Wal schließlich so hoch gewunden, daß sein Uebergewicht über Deck zu liegen kam. Jetzt wurde ein anderes Takel vom Vortop an der Harpune befestigt -- am Kopfe war durchaus keine festsitzende Schlinge anzubringen, zumal da dieser nicht frei vom Wasser zu bringen war -- an Bord sicher festgelegt, dann stürzte, indem wir plötzlich das Hintertakel fahren ließen, mit gewaltigem Krach der schwere Körper, 22 Fuß lang, über die Regeling (Bordwand) weggleitend, an Deck. Obgleich wir unvollkommene Mittel an Bord hatten, um den nicht besonders dicken Speck des Wals auszulassen, wurden dennoch gegen hundert Liter Thran gewonnen, vom Fleische jedoch wurde soviel als die Leute irgend unterbringen konnten, in Salzlacke gelegt, dann in Streifen geschnitten und an der heißen Sonne getrocknet. Der Vorrath war so groß, daß die Mannschaft noch in Apia damit Tauschhandel trieb.
Da beim schönsten Wetter mit leichtem Ostwind die östlichste Insel der Unionsgruppe in Sicht gekommen war, konnte ich darauf rechnen, in einigen Tagen die hohen Berge von Upolu nach zwei Jahren wiederzusehen. Wir erübrigten uns trotz des häufigen Pumpens die Zeit, dem Schiffe ein schmuckes Aussehen zu geben und arbeiteten fleißig um die Takelage sauber in Stand zu setzen.
Schon war die Arbeit beendet, und ich freute mich darüber ohne zu ahnen, daß alles vergeblich gewesen, und obwohl ich wußte, wie leicht in dieser schlechten Jahreszeit südlich vom Aequator stürmische Westwinde plötzlich auftreten, dachte ich doch nicht daran, nur noch 200 Seemeilen von Samoa entfernt, von einem Sturm überrascht zu werden.
Am Morgen des 25. Januars 1888, der ebenso golden und friedlich angebrochen, wie seit Wochen schon ein jeder Tag, fand ich eine Aenderung am Aneroid-Barometer, der langsam fallend auf ungewöhnliche Vorgänge in der Atmosphäre hinzuweisen schien, obgleich kein Wölkchen am azurblauen Himmelsgewölbe sich zeigte. Zog weit vom Standorte des Schiffes ein Sturm oder gar ein Orkan vorüber? Das konnte ich noch nicht wissen, ist doch der Umkreis des letzteren oft gewaltig groß. Doch das Barometer sank mehr und mehr, der leichte Ostwind ward ganz still, und auf der spiegelglatten Fluth wiegte sich das Schiff. Der Mittag kam und noch dieselbe Ungewißheit blieb, nur im Nordwest und Norden kamen am Horizonte weiße Wölkchen auf, näherten sich mit großer Geschwindigkeit, als fegten sie, leichten Federn gleich, vor einem entfesselten Sturm dahin!
Die Gewißheit jedoch erhielt ich bald, mehr und immer drohender kam schweres Gewölk herauf, die Luft, bisher klar und rein, ging in ein fahles Graugelb über, kein Zweifel war mehr, daß ein Orkan heranziehe, der, wenn wir ihm nicht entfliehen konnten, seine Mitte sich nach Osten fortschiebe, uns mit seinen wirbelnden Armen erfassen und in die schweigende Tiefe des Ozeans unfehlbar ziehen würde.
Was geschehen konnte, geschah, obwohl ich überzeugt war, daß das schwer lecke Schiff kaum einen heftigen, anhaltenden Sturm überdauern würde.
Sehr erstaunt war die in solchen Dingen unerfahrene Mannschaft, als während der tiefsten Stille, -- kein Windhauch regte sich, -- der Befehl zum Dichtreffen sämmtlicher Segel gegeben wurde, und nach kurzer Zeit lag das Schiff unter Sturmsegeln, selbst die Zeit fand ich noch, ein neues Vorstagsegel, das auf der Reise fertig geworden, anschlagen (anbinden) zu lassen.
Da kam von Norden her, (am wirbelnden Wasser, das mit tausend kleinen Wellen und weißen Köpfen wie tanzenden Kobolden aufwallte, war es schon von weitem erkennbar,) der erste heftige Windstoß. In immer kürzeren Pausen mit immer wachsender Gewalt, kam der Sturm daher und trieb trotz der wenigen Segel das Schiff vor sich her, durch die immer wilder und höher schäumende Fluth.
Ich befand mich in dem äußern Kreise des wirbelnden Sturmes, der von Stunde zu Stunde wuchs; wohin aber zog die Mitte? Ihr mußte ich mit aller Gewalt entfliehen, so lange es noch eine Möglichkeit dazu gab. Mit großer Besorgniß beobachtete ich das Barometer, das bis 5½ Uhr Nachmittags ständig fiel, dann stand es, der Sturm hatte seine höchste Gewalt erreicht.
Ich wußte nun, da der Wind von Zeit zu Zeit in der nördlichen Richtung, woher er wehte, wenig hin und her umsprang, daß der Orkan nach Süden zog, seine Mitte vielleicht sehr weit entfernt im Westen lag. Aber doch war seine Gewalt so furchtbar, daß er den Athem benahm, und die See so wild und furchtbar, wie ich sie selten gesehen. Das Schiff ächzte in allen Fugen, den Kopf niedergedrückt in die brandenden Wogen, raste es vor dem heulenden Sturm dahin. Die Leute, zitternd und unfähig ernstlich noch zu kämpfen, festgebunden an den Pumpen, damit die überbrechenden Seen sie nicht mit fortrissen, arbeiteten, doch vergeblich; denn die Pumpen warfen kein Wasser auf, obgleich durch die donnernden Wogen, durch den heulenden Wind, das unheimliche Geräusch davon zu vernehmen war, wie die Wassermassen im Raume hin und her spülten; wenn das Schiff ein Spielball der Wogen recht schwer rollte, wollte es mir scheinen, als könne es sich nur schwer wieder aufrichten, die große Wassermasse im Raume drückte es auf die Seite und wenn diese reißend anwuchs, konnte es geschehen, daß das sinkende Schiff sich auf die Seite legte, um sich nie mehr aufzurichten.
Mit andern Mitteln dem Verderben zu wehren war unmöglich, keine Luke konnte geöffnet werden, denn fußhoch spülten die Wellen über das Deck, die Wassergewalt war so groß, daß an beiden Seiten die Verschanzung zum Theil weggerissen war, und jede von hinten oder seitwärts aufstauende See fegte Wasserberge über das Schiff.
So konnte es nicht weiter gehen, ich sah den Untergang vor Augen, nicht die wilde See und den rasenden Sturm fürchtete ich, vielmehr das steigende Wasser im Schiffsraume, das in absehbarer Zeit uns in die Tiefe des brüllenden Ozeans ziehen mußte. Das Schiff an den Wind zu bringen, war das einzige, was noch geschehen konnte, aber ob es nicht schon zu spät, ob bei dem Versuche nicht eine einzige wilde See, die mit voller Gewalt beim Anluven sich über das Schiff brechen mußte, genügte, dasselbe auf die Seite zu drücken und es mit allen an Bord verschwinden ließ! Das ließ sich nicht sagen. Das Untermarssegel stand noch immer wie ein Brett geschanzt, dahinter setzte sich der Sturm und so klein auch die Fläche Leinewand war, mit größerer Gewalt und Geschwindigkeit war das Schiff noch nie durch die Fluthen getrieben worden. Dies Segel mußte verschwinden wollte ich das gefährliche Manöver noch ausführen, solch Oberdruck, wenn erst der Wind von einer Seite einfiel, mußte verderblich werden. Der Gedanke, das Segel noch aufgeien und bergen zu können, wäre thöricht gewesen, keiner meiner Leute, mit denen, vom Japanesen abgesehen, gar nichts mehr anzufangen war, hätte auch nur den Versuch gemacht, den wie eine Gerte hin und her schwankenden Mast zu erklettern.
Ein matter Tagesschimmer lag noch über dem erregten Ozean, den furchtbaren Kampf der Elemente verdeckte noch nicht die dunkle Nacht -- so durfte ich denn nicht mehr zögern, vielleicht beschleunigte ich das unabwendbare Schicksal, vielleicht auch, war das Manöver, wenn es gelang, unsere Rettung.
Mit Kitimatu besprach ich das Nothwendigste, er sollte mit einigen Leuten vorne im Schiff aufpassen, vorerst die Schoten des Marssegels fliegen lassen, damit dieses in Stücke peitschen könne, dann das dichtgereffte Vorstagsegel setzen, während ich hinten ein wenig das Großsegel anhissen lassen wollte, um durch dessen Druck das Schiff schnell an den Wind zu bringen. Ehe aber die Mannschaft verzweifelt und muthlos, wie es kaum anders von solchen braunen Menschen erwartet werden konnte auf ihren Posten stand, fegte plötzlich der Sturm mit seiner wildesten Gewalt daher, die See war nur ein Schaum, keine hohe Welle hob sich -- es war, als hielt der Druck der Atmosphäre die schäumenden Wogen nieder -- da, ein furchtbares Krachen, das den heulenden Sturm übertönte, das Marssegel, gespalten und mit wenigen Schlägen aus seinen Tauen geflogen, flog im Winde wie leichtes Papier dahin. Vor Top und Takel lief jetzt das Schiff. Hatte es aber vorher den von hinten heranstürmenden Wogen entrinnen können, so drohten diese nun, da die Geschwindigkeit vermindert worden, über das Heck herein zu brechen.
Kaum hatte ich diese Gefahr in den wenigen Augenblicken erkannt, so rollte auch schon eine furchtbare Woge heran, die grüne Kopfmasse glitzerte selbst schon im Abenddunkel -- das Herz im Leibe machte die Erwartung, was die nächste Sekunde bringen mußte, stille stehen -- den unvermeidlichen Tod, wenn diese Woge das Schiff überlief. Als wollte das Schiff sich in seine Länge überwerfen, so hoch auf dem Kamm der Woge hob sich das Hintertheil, dann brach die See. Instinktmäßig sprang jeder fußhoch in die Wanten, um von der brüllenden Gischt nicht fortgerissen zu werden, das Deck war sogleich von der See überspielt, daß nur die Masten, das Karten- und Deckhaus hervorragten. Krachend waren beide Boote unter ihre Träger gepreßt, die Böden eingedrückt worden und vollgefüllt mit Wasser waren die starken Befestigungen wie Bindfaden zerrissen.
Eine zweite See, eine dritte kam heran, gleich drohend und verderbenbringend, dann war es still, als hätte die Wuth des Meeres ausgetobt -- jetzt oder nie war der Augenblick gekommen, das Schiff an den Wind zu bringen. Indem ich Kitimatu das Zeichen gab, sein Segel zu hissen, und selbst den letzten Halt des Großsegels fahren ließ, dem Manne am Ruder den Befehl gab, das Steuer nach Backbord zu legen, wirbelte unter dem Drucke der Leinewand das Schiff herum, und die nächste See schon, wie ein Wasserberg herankommend, faßte es von vorne.
Doch war die Gewalt des Windes groß, als wir vor der See liefen, war diese, von vorne kommend, derart, daß man den Kopf wegwenden mußte, um geduckt hinter der Verschanzung, nur athmen zu können. Mit dem letzten harten Stoße hatte sich der Wind etwas nach Osten gedreht und da dort der Kopf des Schiffes den Wellen zugekehrt war, so brachen diese nicht so schwer über das stampfende Fahrzeug. Aber schlimmer kam es. Das Vorsegel nicht ganz aufgehißt, holte zu furchtbaren Schlägen aus; ehe ich selbst bei der jetzt herrschenden Dunkelheit nach vorne gekommen, war schon das Vorstag gebrochen; das neue Segel an seiner Schot nur noch gehalten, wehte, auf die heranrollenden Seen peitschend, in Lee. Dieses bargen wir; doch was schlimm war, der Vordermast hatte seinen besten Halt verloren, und, konnte der Schaden nicht ausgebessert werden, so brachen die stehenden schwächeren Befestigungen, brach auch durch das furchtbare Arbeiten des Schiffes der Mast und mußte, um das Schlimmste zu verhindern, gekappt werden.
Hatte der Japaner in den Stunden der höchsten Gefahr gezeigt, daß er nicht nur ein unerschrockener Seemann war, so zeigte er jetzt kühnen Muth und Verachtung jeder Gefahr, ohne diesen Helfer wäre mir nichts gelungen. Die Pingelap-Leute hielten sich nur fest und kein Zureden, kein Schelten half -- der böse Geist, sagten sie, sei gekommen und würde sie alle holen. --
Da keine Mittel zur Hand waren, in solcher Dunkelheit die nothwendige Arbeit auszuführen, so wurde zunächst das große zerschlagene Boot an Deck geführt, die Taljen abgenommen und mit diesen und dem zerrissenen Stag eine vorläufige Verbindung zwischen Mast und Bugspriet hergestellt, die stark genug war, dem Maste den verlorenen Halt wieder zu geben.