Reisen durch die Inselwelt der Südsee

Part 15

Chapter 153,672 wordsPublic domain

Da die deutsche Station ziemlich frei gelegen war, konnte ungesehen so leicht keiner herankommen, auch war es möglich, mit Schußwaffen alle Seiten zu bestreichen. So führten denn die Arbeiter ungehindert die Aufträge ihres Herrn aus und brachten so unauffällig als möglich Lebensmittel u. s. w. zum Werfthause und legten Bootsgeschirr, Segel und Ruder bereit.

Aber trotzdem wurde dies alles doch vom Feinde bemerkt und die Absicht erkannt. Da die Werft ganz links von der Station lag, so konnte nicht bemerkt werden, wie einige durchs Gebüsch und durchs Wasser längs derselben sich hinschlichen und sämmtliche Boote, drei an Zahl, losschnitten und treiben ließen. Die Bedrängten, die nun ihre letzte Hoffnung schwinden sahen, setzten, als der Vorgang gleich darauf bemerkt wurde, alles daran, die Boote wieder zu erhalten und einige Arbeiter, tüchtige Schwimmer, brachten denn auch nach vieler Mühe zwei derselben zurück.

Die Boote wurden nun auf dem Riffe gegenüber der Station im Bereich der Waffen festgelegt, aber da man nicht daran gedacht hatte, daß sie mit der ablaufenden Ebbe festkommen mußten, so kostete es viel Zeit und Mühe, als um 8 Uhr Abends alles bereit war, nur eins der Boote wieder abzubringen, und dieses, zum Ende der Werft gerudert, sollte dort bemannt werden. Mit größter Vorsicht wurden die Frauen und Kinder dorthin gebracht, die Männer trugen Geld, Bücher und Waffen hin und fast schien es, als würden sie unbelästigt entkommen. Herr Ruß aber, der als der letzte das Wohnhaus verschloß und zwei Behälter mit Trinkwasser dann zum Boote schleppen wollte, wurde von einem Kundschafter gestellt und angehalten, der schnell erkennend, was hier vorging, seine Genossen durch einen lauten Ruf herbeizulocken suchte.

Wie groß die Gefahr, sah Herr Ruß schnell ein, er setzte also die Behälter schnell nieder, und zwang mit gezogenem Revolver den Verräther, der unbewaffnet war, dies Wasser selber in schnellster Gangart zum Boote zu tragen. In größter Eile wurde darauf ins Boot geworfen, was zur Hand war, vor allem Korallensteine aus der Werft gerissen, um das Boot zu beschweren, dann sprangen die Nahestehenden hinein und losgeschnitten trieb das Boot in die Nacht hinaus. Die meisten der Arbeiter, die zurückbleiben mußten, sprangen seitwärts auf das Riff und flohen strandaufwärts.

Keine Minute zu früh waren die Flüchtlinge entkommen, denn von allen Seiten stürmten die Feinde heran; schnell folgten flinke Kanoes den Fliehenden, die aber den Vorsprung ausnutzend und mit rasch entfaltetem Segel vor dem Winde laufend, durch die Riffenge die offene See gewannen, wo im bewegtem Wasser kein Kanoe ihnen mehr zu folgen vermochte.

Man könnte fragen, warum die Deutschen sich nicht auf die „Maria de Melina“ geflüchtet haben. Solcher Versuch aber wäre wohl fehlgeschlagen, denn die Spanier hätten höchst wahrscheinlich auf das in der Dunkelheit sich nähernde Boot Feuer gegeben. So würden sie den Feinden entronnen, von Freunden niedergeschossen worden sein. Auch war ihnen bekannt, daß in dieser Nacht der Versuch gemacht werden sollte, die so schwach vertheidigte Korvette zu nehmen. Daß dieses unterblieb, das hatte die schwache Besatzung der geglückten Flucht der Deutschen zu danken, denn da diese nun den Händen der Aufständigen entgangen waren, so wurde die Unschlüssigkeit unter den Häuptlingen wieder groß, die vermeiden wollten, daß über die Vorgänge auf Ponapè irgend welche Nachricht verbreitet würde. Sobald die Deutschen die freie See gewonnen und keine Verfolgung mehr zu befürchten war, wurde beschlossen nach der 75 Seemeilen von Ponapè in Südwest-Richtung liegenden Inselgruppe Ngatik zu segeln, dem nächsten Land außer Parkim. Sie wurden aber durch die Verhältnisse gezwungen diesen Plan aufzugeben, denn wie gut nämlich auch alles vorher bedacht und überlegt worden war, in der Hast war im letzten Augenblicke nicht darauf geachtet worden, was in das Boot hineingeworfen wurde und nun stellte sich, als auf bewegtem Meere eine Untersuchung vorgenommen wurde, zum allgemeinen Schrecken heraus, daß nur sehr wenig Mundvorrath im Boote war.

Es blieb also nichts übrig, als den Kurs nach Parkim zu nehmen, wo es vielleicht noch möglich war, aus dem Hause des Händlers Lebensmittel zu holen, sofern die Eingeborenen es noch nicht erbrochen und ausgeraubt hatten. Der frische Wind trieb das schnelle Boot durch die Wogen und schon nach Mitternacht fanden die Flüchtlinge sich in der Nähe der Station. Hier ließen Ruß und Schmidt ihr Boot mit seinen Insassen zurück und gingen mit einigen Leuten auf Kundschaft aus; der dritte Deutsche und ein Eingeborener von Guam (Marianen-Archipel) San Jago, der mit den Deutschen alle Gefahren redlich theilte, blieben im Boote zurück und bewachten einen der Parkim-Leute, der zur Bootsbesatzung des Herrn Schmidt gehörte, und da ihm nicht zu trauen war, nicht freigelassen werden durfte.

Was Eßbares noch im unversehrten Hause vorgefunden wurde (wenig genug war es), wurde so schnell und geräuschlos als möglich fortgeschafft, ebenfalls noch frische Kopra und zahlreiche Kokosnüsse. Alles ging gut, in früher Morgenstunde konnte wieder abgesegelt werden, um jetzt den Kurs südwärts nach Ngatik zu richten. Der gefangen gehaltene Mann wurde vorher frei gelassen, schon um einen Esser weniger zu haben, es waren ihrer im Boote doch genug.

Es war ein gefährliches Unternehmen. Die in dieser Jahreszeit eintretenden Windstillen, die unbekannten Meeresströmungen, sowie öfters sturmartige Böen von langer Dauer machten es mehr als zweifelhaft, ob es den Seefahrern überhaupt gelingen würde, so niedriges Land, wie die kleinen Koralleninseln es sind, aufzufinden; doch im schlimmsten Falle konnte man das hohe Land von Ponapè immer wieder aufsuchen, das bei klarem Wetter doch beinahe 60 Seemeilen weit sichtbar blieb.

Mit dem seetüchtigen Boote war es auch nicht so sehr gefährlich große Strecken zu machen, dennoch mag ihnen allen nicht sonderlich zu Muthe gewesen sein, da keiner auf dem Ozean die Wege, die zu Land und friedlichen Menschen führten, kannte.

So kam der Tag mit seiner Gluth, einsam zogen sie auf weitem Meere dahin -- es kam die Nacht und brachte einen Gewittersturm, der sie weit aus ihrem Kurs verschlug -- und wieder kam trostlos ein Tag für sie; nun wußte keiner mehr wohin, auf bewegtem Ozean irrten sie umher, kein Land in weiter Runde -- die Inselgruppe Ngatik fanden sie nicht und mußten nun, um bloß zu wissen, wo sie sich befanden, nach Osten gegen den Wind aufkreuzen. Tage sahen sie kommen und gehen, bis endlich Ponapè wieder in Sicht kam.

Der Insel nahe, erkannte Herr Ruß, daß sie sich an der Südseite von Ponapè befanden und wollte nun versuchen, in Kiti-Hafen einzulaufen, wo, wie er wußte, im Hause des dort ansässig gewesenen amerikanischen Händlers sich eine Seekarte befand, die, wenn noch vorhanden, ihnen wenigstens einen Anhalt bot, wo sie weiter Land finden könnten. Wohl erinnerte sich Herr Ruß, daß ich ihm den genauen Kurs nach Mokil, der nächsten östlich von Ponapè liegenden Insel, einst angegeben hatte, aber muthlos geworden, mit wenig Mundvorrath im Boote -- Wasser hatten sie sich bei verschiedenen Regengüssen mit ihrem Segel aufgefangen -- mochte keiner mehr zu einer neuen Irrfahrt rathen.

Im Kiti-Hafen eingelaufen, bemerkten sie, daß die dortigen Bewohner, die längst das sich nahende Boot erkannt, die Absicht hatten, mit Kanoes ihnen den Weg zu verlegen, und nur mit genauer Noth entgingen sie zum zweiten Male ihren Verfolgern. Auf Ponapè durften sie also nirgends landen, sie segelten deshalb wieder nordwärts unter dem Außenriffe hin und suchten die Parkim-Inseln abermals auf.

Ueberrascht, am Strande vor der Station das Boot des Herrn Schmidt zu finden, erfuhren sie bald, daß die auf Ponapè zurückgebliebenen Arbeiter noch in derselben Nacht, als sie selbst geflohen waren, dem Beispiel ihres Herrn gefolgt und das zweite Boot mit steigender Fluth vom Riffe frei gemacht hatten, um ihr Heil auf dem Meere zu suchen; ein ungewisses Schicksal zogen die Leute dem gewissen Tode von der Hand der erbitterten Feinde vor.

Die Deutschen fanden die Hauptinsel gänzlich verlassen, die Eingebornen waren mit ihren Kanoes abgesegelt, nachdem sie die Station gänzlich ausgeraubt hatten, um sich am Aufstand auf Ponapè zu betheiligen. So konnten sie denn in Ruhe sich nach Lebensmitteln umsehen, sie fanden fast nur Kokosnüsse und Brotfrucht, doch gelang es ihnen auch noch einige Schweine zu schießen und Hühner einzufangen, die sie zubereitet mit sich nahmen.

So ausgerüstet, wollte Herr Ruß zum zweiten Male versuchen Ngatik aufzufinden. Auf Parkim durften sie nicht bleiben; die siegestrunkenen Eingebornen hätten sie nach ihrer Rückkehr sicher nicht geschont. Sie segelten also mit beiden Booten wieder ab und vertrauten sich abermals dem Ozean an. Aber als der zweite Tag anbrach, fanden sie wieder kein Land -- schon muthlos, zum Theil verzweifelt, wollten sie jetzt das Boot westwärts laufen lassen, auf gut Glück einem unbestimmten Schicksal entgegen gehen.

Doch nur kurze Zeit hielten sie diesen Kurs, da entdeckte einer ihrer Leute, der auf den schwankenden Mast geklettert war, mit seinen scharfen Augen in weiter Ferne südwärts die Kronen hoher Palmenbäume über den im Sonnenlicht glitzernden Wogen, sein Ruf „Land, Land“ riß alle aus ihrer Versunkenheit empor -- nach Stunden schon lag vor ihnen das ersehnte und so vergeblich gesuchte Ziel -- hier wenigstens waren sie sicher vor ihren einst so guten Freunden, nun aber um so mehr erbitterten Feinden. --

VII. Das Auffinden der Entflohenen. Rückreise nach Samoa. Ende.

Die geschilderten Vorgänge sind die wortgetreue Wiedergabe dessen, was mir die später Aufgefundenen erzählt haben und ich überzeugte mich selber davon, daß alle Angaben der Wahrheit entsprachen, ja selbst, daß die Irrenden auf weitem Meer viel Härteres erduldet hatten, als sie zu berichten imstande waren.

Von jenen Ereignissen auf Ponapè, insonderheit davon, daß ein Aufstand dort befürchtet wurde, ahnte auf den Marschall-Inseln Niemand etwas. Ich lag mit meinem Schiffe „Futuna“ bereit, in wenig Tagen über Pleasant-Eiland nach Ponapè abzusegeln, ebenso der deutsche Dreimast-Schooner „Brigitta“, der, wie bestimmt, mit mir zusammen dort eintreffen sollte. Es war am 6. Juli um die Mittagsstunde, als, wie gewöhnlich, wenn ein Schiff in Sicht gekommen, das laute „Sail ho“ von den Eingebornen auf Jaluit gerufen wurde und von den hohen Schiffsmasten über die niedrige Insel hinweg auf den Ozean schauend, erkannte man bald, daß das Missionsschiff, der Dampfer „Morningstar“ auf die Südostdurchfahrt von Jaluit abhielt. Doch wie sonst lief das Schiff nicht in den Hafen ein, sondern drehte bei und sandte nur ein Boot hinein, das geradewegs zum deutschen Reichskommissar fuhr und diesem wichtige Nachrichten überbrachte.

Ohne Verweilen fuhr das Boot wieder ab; bald hatte sich die Kunde wie ein Lauffeuer verbreitet, auf Ponapè hätten die Eingebornen unter den Spaniern ein furchtbares Blutbad angerichtet, die deutschen und anderen Händler seien diesem zwar glücklich entronnen, irrten aber auf dem weiten Meere umher, dem sie sich in leichten Booten anvertraut hätten. Alle Schiffe, die in Ponapè einliefen, ließen die Bewohner nicht wieder fort, um zu verhindern, daß nach Westen den Spaniern Nachricht über den Aufstand gebracht würde.

Welche Gefahr für die deutschen Stationen auf Ponapè entstanden war, ließ sich gar nicht beurtheilen, vielleicht war der ganze Handel auf dieser reichen Insel zerstört, vielleicht durch Vernichtung der Bauten und Güter, der Gesellschaft ein ungeheurer Schaden zugefügt worden.

Leider war die mir gegebene Weisung, daß ich zuerst nach Pleasant-Eiland laufen sollte, nicht mehr zu ändern, so wurden denn schleunigst Waffen und Schießbedarf an Bord geschafft, damit wir, wenn nöthig, uns vertheidigen könnten. In aller Frühe des 7. Juli verließ ich den Hafen von Jaluit mit der Weisung, die Reise nach Möglichkeit zu beschleunigen und, wenn ich Ponapè erreicht hätte, vorerst nach den Entflohenen zu suchen; in dem Hafen dort aber nicht eher einzulaufen, als bis ich mich vergewissert, ob solches ohne große Gefährdung für Schiff und Mannschaft geschehen könne.

Nach Pleasant-Eiland, von welcher Insel ich eine beträchtliche Menge Kopra für die „Brigitta“ abzuholen und auf welcher ich auch viel Ladung, Güter und Holz, zu landen hatte, gelangte ich schon nach wenigen Tagen und kreuzte hier unablässig drei Tage und Nächte. Schon war am vierten Tage die Ladung zum größten Theil an Bord gebracht, als der Wind plötzlich schwächer wurde, der Abstand von der Insel vergrößerte sich immer mehr und sah ich ein, daß ich gegen den Strom mich nicht mehr halten würde, deshalb Signale für den an Land befindlichen Geschäftsführer aufhißend, kam dieser schließlich ab; brachte jedoch den deutschen Händler ebenfalls mit, weil er mit diesem noch nicht alles Geschäftliche erledigt hatte.

In der Voraussetzung, der Wind würde wieder stärker werden, blieb der Händler auf Anrathen des Geschäftsleiters an Bord und ließ sein Boot zur Insel zurückfahren; aber die Hoffnung erwies sich als trügerisch, der Wind wurde ganz still und am nächsten Morgen war kein Land mehr in Sicht. Ob das Boot, da der Abstand zwischen Land und Schiff schon ganz beträchtlich gewesen war, die Insel wieder erreicht hat, darüber habe ich Gewisses nie erfahren können.

Wie verhängnißvoll der Strom für die Insassen eines Bootes werden kann, zeigt folgender Vorfall, der sich im Jahre 1889 zutrug und den auf Pleasant-Eiland ansässigen Europäern, die mir persönlich wohl bekannt waren, nebst ihren Leuten das Leben kostete.

Im Juli 1889 wurde im Bismarck-Archipel die Nachricht verbreitet, es seien auf der Insel Tatan drei Weiße und eine Anzahl Kanaken von den dortigen Eingebornen ermordet worden. Da S. M. Schiffe „Alexandrine“ und „Sophie“, im Bismarck-Archipel anwesend waren, unternahm die „Sophie“ es, nähere Erkundigungen einzuziehen und es bestätigte sich, daß zwar keine Europäer, aber sieben Eingeborne von Pleasant-Eiland, sowie zwei Frauen erschlagen waren, zwei Frauen aber noch lebten, von denen eine, ein junges Mädchen, Irivon mit Namen, ermittelt werden konnte und auf ihren Wunsch an Bord des Kriegsschiffes nach Matupi gebracht wurde.

Der dort ansässige Vertreter der Firma Hernsheim & Co., Herr Thiel, der mehrere Jahre auf den Marschall-Inseln (Jaluit) gelebt hatte und die Sprache dieser Insulaner verstand, erfuhr aus dem Munde des Mädchens Folgendes:

Sie selbst sei einst mit dem Schooner „Mangaribien“ (Kapt. Reiher) von Pleasant-Eiland nach Likieb gekommen und habe dort gearbeitet, später sei sie längere Zeit auf Jaluit thätig gewesen, dann aber, als sich Gelegenheit geboten, in ihre Heimath zurückkehren, habe sie sich mit noch drei anderen Weibern auf einem nach Pleasant-Eiland bestimmten Fahrzeuge eingeschifft. Als die Insel schon in Sicht war, sei dieses wahrscheinlich vom harten Strom gefaßt, und abgetrieben worden. Vorher aber sei noch ein Boot mit den Europäern von der Insel gekommen, die Waaren aufgekauft hätten; es waren dies die Händler Harris, van Been (ein Holländer) und Bair, begleitet von dem Häuptlinge Banegain und 6 Kanaken.

Diese nun hätten sie und die anderen Weiber zu ihrer Freude mit in das Boot genommen, doch wegen des zu starken Stromes, den zu überwinden die Mannschaft zu schwach gewesen, hätten sie die Insel nicht erreicht sondern wären drei Monate auf dem Ozean umher getrieben; das Leben hätten sie von den aufgekauften Lebensmitteln, Hartbrod und Reis gefristet. Nach entsetzlichen Leiden wären dann zuerst Bair, dann van Been, zuletzt Harris gestorben, wohl aus Mangel an Wasser. Längere Zeit nach dem Tode der Weißen wären sie an eine Insel angetrieben, auf der sie sich für den im Boote befindlichen Taback Kokosnüsse hätten kaufen wollen.

Sie hätten auch Nüsse erhalten, darauf aber wären die Eingeborenen in das Boot gekommen und hätten mit Tomahawks die sieben männlichen Kanaken und zwei Weiber erschlagen. Sie selbst und ein Weib, Namens Bananie, waren ins Wasser gesprungen und weggeschwommen. Aus dem Wasser hätten die Eingeborenen Papilin und Mamalu sie gezogen und vor der Wuth der anderen dadurch gerettet, daß sie sie in ihre Hütten aufnahmen und zu ihren Frauen machten.

In ähnlicher Weise wie das erwähnte Schiff war auch ich wieder von dieser Insel abgetrieben und hatte keine Aussicht schnell dorthin zurückzukehren, um wenigstens den Händler wieder abzusetzen; versuchte ich es, konnten Wochen hingehen, ehe es mir gelang, die Insel zu erreichen, was mit meiner Weisung, schnell nach Ponapè zu segeln, nicht zu vereinbaren war. Deshalb besann ich mich nicht lange, als jede Aussicht auf frischen Wind geschwunden war, sondern ließ das Schiff nordwärts vom schwachen Windhauch langsam durch die spiegelglatte See treiben, um aus dem widrigen Strom herauszukommen; viel nöthiger schien es mir, den von Ponapè Entflohenen Hilfe zu bringen, als unersetzliche Zeit zu opfern, um Pleasant-Eiland wieder aufzusuchen.

48 Stunden waren hingegangen, als gegen Abend wie gewöhnlich die Pumpen untersucht wurden, weil das im Schiffe angesammelte Wasser ausgepumpt werden sollte. Da fand sich, daß über 3 Fuß Wasser im Schiffsraum war. Bald wurde es zur Gewißheit, daß wir uns auf einem leckenden Schiffe befanden, denn obgleich unablässig die Nacht hindurch gepumpt wurde, war erst gegen Morgen das Wasser bewältigt.

Unter anderen Verhältnissen wäre es, wenn nicht die dringende Sorge um die von Ponapè geflüchteten Deutschen mich gezwungen hätte, die Reise fortzusetzen, meine Pflicht gewesen, wieder nach Jaluit zu segeln, da ich nicht wissen konnte, ob ich in der Folge mit der Mannschaft würde das Schiff halten können. So wurde der Kurs nicht geändert -- aber es war, als sollten wir nicht vorwärts kommen, denn selbst in den äquatorialen Gegenstrom gelangt, fanden wir wenig Wind und trieben eigentlich mehr nach Westen, als daß wir segelten.

Die Ursache, daß das Schiff leck geworden, war der Seewurm gewesen, der an einer vom Kupfer entblößten Stelle nahe am Kiel zwei Planken durchfressen hatte. Dieser Wurm bohrt sich als unscheinbares Thierchen in das Holz hinein, wächst darin bis zur Fingerstärke, und wenn eine Planke ganz durchbohrt ist, genügt ein größeres Loch, das Schiff in ernstliche Gefahr zu bringen.

Als ich im Januar 1887 das von Apia gekommene Schiff übernahm, wurde mir nicht bekannt gegeben, daß dieses vorher auf einer Reise nach der Gilbert-Gruppe in der Lagune von Tapetuea auf ein Riff gerathen war und dort wahrscheinlich am Kupfer Beschädigungen erlitten hatte; wären diese gleich in Apia in Stand gesetzt, d. h. das beschädigte Kupfer ausgebessert worden, so hätte das sonst so gute Schiff der Seewurm nicht durchfressen können. Doch es war geschehen und vorläufig nichts weiter zu machen, als durch ständiges Pumpen das Schiff über Wasser zu halten.

Es ist übrigens eine besondere Vorsicht nöthig, wenn man die nicht mit Kupfer oder Zink beschlagenen Fahrzeuge, wie Boote, aussetzen will, denn sehr zahlreich bohren sich diese kleinen Würmer ein und sind im Stande, Bootsplanken von ½ bis 1 Zoll Stärke schon nach mehreren Wochen völlig zu zerstören. Darum dürfen selbst mit Kohlentheer bestrichene Boote nie lange im Wasser liegen bleiben, sondern müssen stets aufs Land geholt werden, sobald sie außer Gebrauch gesetzt sind.

Auch die Eingebornen im weiten Ozean auf jeder Insel befolgen diese Regel, ob ihre Kanoes klein oder groß sind, stets holen sie diese nach dem Gebrauche aufs trockene Land.

Meine Absicht war, zuerst die Insel Mokil anzulaufen, da ich vermuthen konnte, daß dorthin die von Ponapè entkommenen Händler geflohen wären, oder wenigstens von mehreren der Versuch gemacht sein würde diese Insel zu erreichen, da es für sie dort eher möglich war, ein vorübersegelndes oder dort anlaufendes Schiff anzutreffen. Aber trotzdem, daß tagelang die Insel in Sicht war, konnte ich wegen Windstille doch nicht herankommen, und als endlich wieder leichter Wind aufsprang, war ich zu weit entfernt, so daß es besser war, geradewegs nach Ponapè zu laufen.

Vor der Nordeinfahrt angekommen sah ich die „Brigitta“ im Hafen liegen, nicht weit entfernt vom spanischen Kriegsschiff, und als ich auch Boote zwischen beiden Schiffen verkehren sah, hielt ich jede Gefahr für ausgeschlossen und lief hinein.

Die „Brigitta“, später von Jaluit abgegangen, hatte zwar leichten aber ständig guten Wind auf ihrem viel nördlicheren Kurse gefunden, hatte auch Mokil angelaufen und einige dorthin geflüchtete amerikanische Händler gesprochen, dieselben waren aber vollständig unwissend über das Schicksal der Deutschen. Das Schiff umsegelte darauf Ponapè, lief nach Parkim und Ngatik, fand aber auf letzterer Gruppe die Geflüchteten nicht mehr vor. Diese hatten dort, entblößt von allen Mitteln, kaum ihr Leben fristen können und, als der Zeitpunkt gekommen, wo Herr Ruß ein Schiff erwarten konnte, daß von Jaluit nach Ponapè unterwegs wäre, hatte er es mit den Gefährten gewagt, ihm nach Mokil entgegen zu segeln.

Dort angelangt hörte er, daß die „Brigitta“ vor kurzem ihn dort gesucht hätte und nochmals dieserhalb nach Ngatik gesegelt wäre. Da sich gerade günstige Gelegenheit bot schleunigst dem Schiffe zu folgen, nahm er einen Platz auf einem amerikanischen Schooner und ließ sich auf Ngatik, wo er sein zweites Boot zurückgelassen hatte, wieder absetzen. Aber auch hier kam er wieder zu spät an und mußte sich nun zum zweiten Male mit seinem Boote der trügerischen See anvertrauen. Doch als er abermals Mokil erreicht hatte, war die Brigitta, die ihn vergeblich gesucht, vor ihm zu dieser Insel zurückgekehrt, hatte sein großes Boot mitgenommen und war nach Ponapè weiter gegangen.

Diese langwierigen und im offenen Boote nicht ungefährlichen Reisen hatte denn auch die Umherirrenden stark mitgenommen; vor allem hatte die seit langen Wochen schlechte Ernährung ihr körperliches Befinden schädlich beeinflußt. Doch nichts anderes blieb übrig, als nochmals dem Schiffe zu folgen; endlich wurde es an der Nordseite von Ponapè umhertreibend aufgefunden.

Seit dem 2. Juli bis zu dem Tage, an welchem die deutschen Schiffe eingelaufen waren (ich traf etwa 36 Stunden nach der „Brigitta“ ein) war inzwischen ein spanischer Kriegsdampfer, der während des Aufstandes schon auf der Reise nach Ponapè gewesen, angekommen, hatte die fast verlassene „Maria de Melina“ neu besetzt und war dann mit der traurigen Nachricht von der Niedermetzlung der Garnison und der Schiffsbesatzung schnell nach Manilla zurückgedampft.

Unter dem Schutze des jetzt wieder starken Kriegsschiffes konnten wir auf Lungur landen; doch wie verändert war dort alles! Wo einst schöne Wege, wucherten Gras und Unkraut, was in schönster Ordnung gewesen, war verfallen. Zwar hatten die Eingebornen die Station nicht zerstört, sondern nur erbrochen und Waffen und Munition herausgeholt, auch sonst mitgehen heißen, was ihnen nützlich schien, doch war der Schaden und die Zerstörung groß genug.

Nachdem die „Maria de Melina“ Verstärkung erhalten, eröffnete der neue Kommandant Jose de Concha sehr bald die Beschießung, alle im Bereiche der Geschütze liegenden Inseln und Ortschaften wurden unter Feuer genommen; doch, da diese eine ausrangirte Segelkorvette mit alten Vorderladern war, die ihren Ankerplatz nicht verlassen konnte, blieb die Beschießung so gut wie erfolglos.

Wie die Eingebornen erzählten und auch von anderer Seite verbürgt wurde, sind sie, sobald ein Geschoß eingeschlagen hingelaufen und haben, überzeugt von seiner Gefahrlosigkeit, den Zünder herausgerissen; der solches unternahm, dem gehörte dann auch das in dem Halbgeschosse enthaltene Pulver. Nur eine Kugel, die auf solche Weise erlangt wurde, platzte, als ein Verwegener die Lunte fassen wollte, und riß ihm beide Beine weg. So unglaublich dies auch klingen mag, so ist es doch wahrscheinlich, denn die jedenfalls längst nicht mehr zeitgemäßigen Geschütze und die ganz veralteten Geschosse waren zu einer erfolgreichen Beschießung nicht mehr geeignet.