Reisen durch die Inselwelt der Südsee

Part 14

Chapter 143,557 wordsPublic domain

Bis ihre letzten Kräfte erschöpft gewesen, so lange hätten sie verzweifelt gegen Strom und Wogen angekämpft, dann aber, als die wenigen im Boot befindlichen Kokosnüsse aufgezehrt waren, Hunger und Durst sich eingestellt, hätten sie ihr Segel gesetzt und wären immer vor dem Winde laufend, nach Westen gesegelt, wo, wie sie früher gehört, große Inseln liegen sollten. Einsam auf dem unendlichen Ozean in einem offenen Boote fahrend, den schrecklichsten Leiden preisgegeben, hätten sie keine andere Hoffnung gehegt, als die, vielleicht im fernen Westen Land zu finden. Aber nie hätten sie Land angetroffen. Da alle zum Tode erschöpft waren, so würden sie so, wenn sie nur wenige Meilen südlich von Kusai, vorbeigetrieben wären, in wenig Tagen schon dem Hunger und Durst erlegen sein.

Welche Qualen diese 10 Männer und 6 Frauen erduldet hatten konnte man daran sehen, daß die Hölzer im Boot mit den Zähnen angebissen waren; das Grüne, welches sich durch faulendes Wasser im Boot angesetzt hatte, war mit den Fingernägeln ausgekratzt worden, selbst ihre mangelhafte Bekleidung aus Grasschurzen bestehend, hatten sie aufgegessen und damit den furchtbaren Hunger zu stillen versucht. Daß das Boot am Riffe in der Brandung nicht zerschlagen, die zum Tode erschöpften Menschen nicht am sicheren Gestade zu Grunde gingen, hatten sie einzig dem Zufall zu danken. Todesmatt waren sie von Bewohnern Kusais aufgefunden, gespeist und getränkt, nicht nach Art eines barbarischen Volkes als Feinde angesehen worden; sie wurden zum König nach Lela gebracht, der ihnen Speisen geben und eine Wohnstätte auf der Hauptinsel anweisen ließ, wo sie warten könnten, bis ein Schiff sie mitnehmen würde. Ihren Wunsch gleich mitgenommen zu werden mußte ich freilich auch abschlagen, da ich noch eine weite Fahrt vor mir hatte, allein ich versprach, sie auf meiner Rückreise von den Providenz-Inseln, abzuholen, und verwandte mich beim König Keru für sie, daß derselbe sie auf einige Wochen noch behalten möchte.

Von Ponapè segelte ich weiter nach Ujelang, der Hauptinsel im Providenz-Atoll, die etwa 240 Seemeilen nordost von der hohen Karolinen-Insel entfernt liegt, hier auf diesem einsamen Atoll fand ich nur etwa 40 Menschen vor, weißköpfige Greise unter ihnen, die erzählten, daß ihre Voreltern von den Marschall-Inseln mit Kanoes vertrieben seien, diese wären einst auf der einsamen Insel gelandet und hätten viele, viele Jahre verlassen gelebt, bis der weiße Mann gekommen sei und sich hier niedergelassen habe.

Einsam und trostlos genug fließt die Zeit und das Leben den wenigen Bewohnern auf dieser weltentlegenen Insel hin, vor allem für den Europäer, einem Deutschen, der höchstens alle acht Monate einmal, wenn ein Schiff einläuft, sich mit einem gebildeten Menschen unterhalten und freuen kann. Die Aufgabe die diesem Manne gestellt, ist nicht leicht, ein arbeitsames Leben muß ihn vor Schwermuth bewahren; die eigentliche Kultur soll er hier einführen und auf dem steinigen Korallenboden Kokosplantagen anlegen, deren Ertrag in späterer Zeit die aufgewendete Müh' und Arbeit lohnen soll.

Alle Bewohner dieser Insel leben nahe der deutschen Station und arbeiten für diese und von Fleiß und stetiger Arbeit zeugt es, daß 70000 Kokosnüsse und junge Bäume in weniger als zwei Jahren ausgepflanzt worden sind. Heute stehen auf einst ödem Korallengrunde Palmenhaine, deren Wipfel stolz im Winde rauschen, ein melodischer Gesang zu der donnernden Woge, die sich ewig in ohnmächtiger Wuth an diesen Gestaden bricht. Auch hier werden in ferner Zukunft einst, wenn die jetzt schon mit Korallenpatschen dicht besäte Lagune geschlossen worden ist, sich ausgedehnte Landflächen bilden, auf denen die Tropenwelt ihre ganze Pracht entfalten kann. Der Lebensunterhalt der wenigen Bewohner besteht aus der Kokosnuß, Taro, Fischen und Hühnern, letztere sind in großer Zahl vorhanden, ebenso Enten, die, da kein Eingeborner auf allen diesen Koralleninseln die Eier als Nahrung betrachtet, sich stark vermehren können. Jedesmal erhielt ich in Ujelang hunderte in Seesalz aufbewahrte Eier, die mir stets willkommen waren.

An solchen einsamen Gestaden halten sich auch mit Vorliebe die mächtigen Riesenschildkröten auf, um zur Brutzeit am Strande ihre Eier im Korallensande einzuscharren, die allein die heißen Strahlen der Sonne auszubrüten vermag. In der Brutzeit kommt das Weibchen dreimal an's Land und setzt jedesmal etwa 140 Eier ab, hält sich aber stets in der Nähe auf, um die aufgekommenen Jungen, die instinktmäßig dem Wasser zustreben, zu schützen. Wie mir versichert wurde, lauert das Männchen der jungen Brut auf und frißt eine große Zahl der jungen Thierchen, denen außerdem auch von großen Seevögeln viele Gefahren drohen, in Wirklichkeit gelangen aus der großen Anzahl Eier nur verhältnißmäßig wenige zur Entwicklung.

Der Fang solcher Riesenschildkröten, der in mondhellen Nächten ausgeführt wird, ist nicht so ganz ungefährlich, gewandt und schnell muß man dabei verfahren, das Thier von der Seite am Panzer zu fassen suchen und es auf den Rücken werfen. Um nicht durch Bisse oder die scharfen Krallen verwundet zu werden, bedienen sich die Eingebornen gewöhnlich bei großen Thieren starker Stöcke, die sie unter den Brustpanzer schieben und so das Thier umzuwerfen versuchen, das auf ebenen Boden dann unfähig ist, sich wieder umzuwälzen und zu entkommen.

Bei Gelegenheit meiner zweiten Anwesenheit auf Ujelang wurde einer großen Schildkröte nächtlicherweile aufgelauert, deren Brutstätte bekannt geworden war, es gelang uns wirklich, das mächtige Thier abzufangen. Nachdem das Thier mit schweren Knütteln getödtet war, wurde ihm der Brustpanzer mit scharfen Messern abgelöst; neben dem fetten wohlschmeckenden Fleische fanden wir 140 reife Eier vor, die kugelrund und mit einer weichen, lederartigen Schale umgeben sind. Letztere werden als besondere Leckerbissen angesehen, doch fand ich, daß sie, gekocht oder gebraten, einen etwas strengen Geschmack haben; wenn auch sehr nahrhaft, so sind sie doch nicht frischen Hühner- oder Enteneiern gleichzustellen. Diese Schildkröte wog etwas über 500 Pfund, doch waren auf Ujelang schon größere und schwerere gefangen worden. Zieht man bei solchen Thieren ihr langsames Wachsthum in Betracht, so müssen solche Meerbewohner ein hohes Alter erreichen.

In keinem Atoll habe ich so viele ausgedehnte Riffpatschen gefunden wie gerade hier, deshalb hat das Hindurchwinden mit einem Schiffe seine Schwierigkeit, ehe man von der Hauptdurchfahrt aus die Insel Ujelang erreicht. Mir fehlte es stets an Zeit und Gelegenheit nachzuforschen, ob die Angaben der Bewohner, im Westen der 12 Seemeilen langen Lagune steigen zeitweilig heiße Dämpfe auf, wahr seien, was auf vulkanische Thätigkeit schließen lassen würde. Daß solchen Angaben etwas Richtiges zu Grunde liegen müsse, daran zweifelte auch der deutsche Händler nicht, besonders deshalb, weil die Bewohner nur ungern den westlichen Theil der Lagune aufsuchten; hat dort jedoch wirklich eine unterseeische Kraft sich geäußert, so liegt ein stattgehabter Ausbruch doch jedenfalls eine Reihe von Jahren zurück.

Von Ujelang segelte ich geradewegs nach Kusai zurück, holte dort die 16 vertriebenen Gilbert-Insulaner ab und brachte sie mit ihrem Boote nach Jaluit, von wo sie später mit einem anderen Schiffe in ihre Heimath zurückbefördert wurden.

Es war gegen Ende des Jahres 1886, als ich von der Karolinengruppe zurückkommend Kusai auf dem Rückwege anzulaufen hatte, um dort vom Könige Georg eine alte Schuld einzufordern, die aus einem Quantum von 20000 Pfund Kopra bestand. Ich lag allein im Lela-Hafen und weilte gerade auf dem höchsten Punkte der Insel, Nin-moschon, als von Eingebornen der Ruf erscholl ein „Schiff in Sicht“. Wirklich kam von Norden mit schneller Fahrt ein in diesen Gewässern nicht oft gesehenes Fahrzeug, ein Dampfer, heran. Als dieser näher gekommen war, erkannte ich ein deutsches Kriegsschiff, das dem Anscheine nach im Lela-Hafen einlaufen wollte. Ehe ich aber vom Berge herab an Bord meines Schiffes gelangen konnte, hatte es vor der Einfahrt beigedreht und nur ein niedergeführter Kutter nahte sich mit raschen Ruderschlägen. Das Boot fuhr geradezu zum Hause des Königs, es landete ein Offizier mit mehreren der Bootsbesatzung und, noch erstaunt, was der plötzliche Besuch zu bedeuten habe, sah ich bald nach kurzer Verhandlung mit dem Könige und den Häuptlingen, wie mit kräftigen Axtschlägen das deutsche Protektoratsschild niedergeschlagen wurde.

Für uns Deutsche in dieser weltentlegenen Inselwelt, die stets der Ansicht waren, daß die einmal gehißte stolze deutsche Flagge nimmermehr würde niedergeholt, die reichen Karolinen-Inseln für alle Zukunft ein Theil des deutschen Reiches bleiben würden, war die unerwartete Rückgabe derselben an ein Volk, das sich nie um den beanspruchten Besitz und um sein zweifelhaftes Recht gekümmert hatte, ein harter Schlag. Wie auf Samoa, so mußten auch hier die Deutschen ihr kühnes Hoffen, auf deutschem Grund und Boden zu streben und zu ringen, so bald zu Grabe tragen. Ja, was ich später erfuhr, auf Ponapè haben die weißen Händler, als das Niederholen der Flagge angekündigt war, trauernd am Fuße des Flaggenmastes auf Lungur-Eiland gestanden und über sich die Flagge halbstocks wehen lassen, aus Leid darüber, daß die lange, friedevolle Zeit vorüber, daß ein Volk, dessen Ansprüche keiner begreifen konnte, fortan hier herrschen sollte.

Und es kam der gefürchtete Kampf, furchtbar und ernst, verhängnißvoll für die, welche ein freies unabhängiges Volk geknechtet, das noch nie den Weißen hatte gehorchen gelernt, unheilvoll auch für die, die Jahrzehnte schon in Frieden hier gelebt hatten.

Der kommandirende Offizier kam später zu mir an Bord und ich vernahm die traurige Nachricht, daß von nun an die Karolinen-Inseln unter spanischer Oberhoheit gestellt seien. Nach kaum zwei Stunden zog der „Albatros“, der auf allen Inseln die deutsche Flagge niedergeholt hatte, seines Weges weiter, und das, was wir Deutsche mit Stolz unser genannt, es war dahin! --

Noch am selben Abend besuchte ich den König, um das Nähere wegen der Einschiffung der Ladung mit ihm zu verabreden, doch kam ich jetzt bei diesem schön an, er weigerte sich entschieden, die Schuld zu bezahlen, unter dem Vorwand, er stünde nicht mehr unter deutscher, sondern spanischer Protektion. Eine Verständigung über den streitigen Punkt war nicht möglich, der sonst immer freundlich und entgegenkommende König kehrte plötzlich ganz andere Seiten heraus, mir blieb nichts übrig, als die Forderung fallen zu lassen und unverrichteter Dinge abzusegeln. Aber daß der König und seine Häuptlinge ein volles Verständniß von dem Protektoratswechsel gehabt haben, bezweifele ich -- doch wie so bald sollten sie den Unterschied kennen lernen.

Dahin war die Zeit friedevoller Ruhe, dahin die Zeit, wo wir Weiße sicher in den Hütten der Eingebornen aus- und eingehen konnten, der besten Gastfreundschaft, des Schutzes und der Führung gewiß. Was die neuen Herren ihnen angethan, das reizte sie zur hellen Empörung, weckte die schlummernde Rache, und nicht diese allein sollten dem Verderben geweiht werden, sondern auch alle Fremden, weiße oder braune.

VI. Der Aufstand und Kampf auf Ponapè.

Schnell, als wollten die Spanier sich ihres neuen Besitzes auf alle Fälle sichern, und was sie in Jahrhunderten versäumt hatten, jetzt plötzlich nachholen, entfalteten sie ihre Macht auf allen Mittelpunkten d. h. auf den Inseln Yap, Ruck, Ponapè und anderen. Wenig Rücksicht nahmen sie auf die Gefühle bisher ganz unabhängiger Stämme, sie führten jene bekannte Gewaltherrschaft ein, durch welche Spanien im Laufe der Zeiten sich um seine blühendsten Kolonien gebracht hat. Durch Militär- und Priesterherrschaft sollte die Kultur dem freien Volke aufgedrängt werden.

Da den Eingebornen keine Zeit gelassen ward sich allmählich an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen, so fühlten sie den ihnen auferlegten Zwang doppelt hart. Die Strenge, die angewendet wurde, sie zum Gehorsam und zur Ergebenheit zu zwingen empörte sie; Wege und andere Bauten auszuführen, wie sie es für die langansässigen, amerikanischen Missionare freiwillig gethan, weigerten sie sich, sie fügten sich auch nicht gutwillig der Forderung, umsonst schwere Tagesarbeit zu leisten. Grollend zogen sich die Eingebornen zurück, im Herzen Wuth und Rache schnaubend. Ganz sorglos müssen die Spanier gewesen sein, oder sie haben gar zu gering einen möglichen Widerstand geachtet, sonst hätten sie den Anzeichen eines kommenden Sturmes, der warnenden Stimme eines hier ansässigen spanischen Abkömmlings von der Insel Guam, Manuel de Tores, mehr Beachtung geschenkt.

So nahte das Verhängniß, durch Gewalt und Ungerechtigkeit heraufbeschworen. Die beleidigten Häuptlinge, der zumeist betroffenen Bezirke im Norden von Ponapè, nämlich Jokoits, Nut, Mants, Tohuak und andere, sammelten ihre Schaaren, und es wurde beschlossen die Spanier einfach aus dem Lande zu jagen. Festgesetzt als Tag der Rache wurde der vierte Juli 1887; also nach nur wenigen Monaten hatten die Spanier sich schon so verhaßt gemacht, daß die Eingebornen verzweifelt zu den Waffen griffen und sich ihre Freiheit um jeden Preis erkaufen wollten.

Gegenüber der Insel Lungur, der deutschen Station, nach Süden am festen Lande war das spanische Regierungsgebäude errichtet worden und war in gewisser Hinsicht durch die Kanonen der im Hafen liegenden spanischen Korvette „Maria de Melina“ gedeckt, obwohl 130 Soldaten, meistens Malayen von den Philippinen-Inseln, als persönliche Bedeckung dem Statthalter zur Verfügung standen.

Am 1. Juli 1887 (vorher war schon manche Versammlung der Eingebornen verboten und zersprengt worden) sandte der Statthalter zum gleichen Zwecke eine Abtheilung unter den Offizieren Don Ricardo Martinez und Don Alferes ab, um abermals eine große Versammlung aufzulösen, auch hatten die Führer wohl den Auftrag, den Häuptling des Bezirks mit sich zu bringen. Auf welcher Seite nun die Schuld gewesen, das bleibe dahingestellt; die Eingebornen sagen, wie mir später ein Theilnehmer erzählte, die Spanier hätten auf sie gefeuert, wenn dies der Fall gewesen, so war es das Signal für die zu hunderten versammelten Bewohner, den Kampf schon jetzt zu eröffnen.

Wer diese Schluchten und Berge gesehen, die oft mit undurchdringlichem Gebüsche bewachsen sind, worin jedes Felsstück jeder Baum einen Hinterhalt bietet, kann sich denken, daß ein Widerstand gegen diese einsichtigen, gut bewaffneten Bewohner vergeblich war.

In kurzer Zeit endete der Kampf mit der gänzlichen Vernichtung der Spanier, auch der den Eingebornen auf Ponapè und uns Weißen so wohl bekannte Dolmetscher Manuel de Tores fiel; ihm, einem langjährigen, mit allem wohl vertrauter Händler, war bittere Rache zugeschworen worden, weil er sich in die Dienste der Spanier gestellt; er wurde buchstäblich in Stücke gehauen.

Nur zwei verwundete Malayen entkamen dem Blutbade und brachten die Schreckenskunde von der Niedermetzelung der Abtheilung zum Fort. Zur Stunde, als im Fort noch nichts über diese Vorgänge bekannt geworden, weilte der Vertreter der deutschen Plantagen-Gesellschaft Herr Ruß beim Gouverneur, der ihn zu sich gebeten, um über die gefährliche Lage, die keinem unbekannt geblieben, zu berathen; auch sollte Herr Ruß so viele Gewehre und Schießbedarf übersenden, als er irgend entbehren konnte. Da traf die schlimme Kunde ein. Herr Ruß übernahm es, dem Kommandanten des Kriegsschiffes die traurige Botschaft zu bringen, deren Tragweite keiner ermessen konnte, und der ersucht wurde die nothwendigen Maßregeln sofort zu treffen; Herr Ruß aber fuhr zu seiner Station und übersandte dem Gouverneur das Gewünschte.

Die Eingebornen, durch den ersten Erfolg kühn gemacht, und längst vorbereitet, den verderblichen Schlag zu führen, stürmten nun bald zu tausenden nach dem Fort, und umstellten es so, daß kein Entkommen mehr möglich war. Ihre Führer waren der Häuptling Lab in Nut und Nanamariki von Jokoits.

Der Kommandant der „Maria de Melina“ führte sofort, auf die ihm gewordene Nachricht, fast seine ganze Besatzung (nur 28 Mann blieben an Bord zurück), in sämmtlichen Boten dem Statthalter zu Hilfe, aber die flinken Eingebornen hatten das Fort schon umzingelt und warteten im sichern Hinterhalt nur, so lange bis alle Boote in Schußweite gekommen, um die Besatzung niederschießen zu können.

Kein Einziger der Offiziere und Soldaten kam mit dem Leben davon, die meisten lagen alle todt in ihren Booten und die, welche schwimmend sich zu retten suchten, traf die tödtliche Kugel im Wasser. Die Gemahlin des Kommandanten, die sich an Bord befand, wurde durch solchen Anblick tief erschüttert und vor Angst wahnsinnig. Der überraschende Erfolg mochte wohl die Aufständigen stutzig gemacht haben oder sie waren über die Zahl der Besatzung der „Melina“ ungenügend unterrichtet, denn sie führten ihren Plan, das Schiff zuerst zu nehmen, nicht aus. Wären sie gleich in der entstandenen Verwirrung mit ihrer Uebermacht vorgegangen, würde es ihnen ein leichtes gewesen sein das Schiff zu nehmen.

So aber langwierige Berathungen pflegend, ließen sie den Ueberlebenden an Bord Zeit, sich so zu verschanzen, daß ein Angriff auf das Schiff nur unter schweren Verlusten noch möglich war.

Das Boot, welches Herr Ruß von Lungur mit Waffen und Munition abgesandt, wurde auf dem Wege zum Fort angehalten und weggenommen, dadurch bekamen die Häuptlinge den Beweis in die Hände, daß der angesehenste aller Händler auf Ponapè die Spanier unterstützt hatte; deshalb beschlossen sie, auch die Deutschen, welche auf ihrer Station bisher nicht gefährdet waren, nieder zu machen.

Noch aber war das Fort erst umschlossen, in welchem eine kleine Schaar sich vorbereitete, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Hätten die Feinde es unternommen am Tage die leichte Feste zu nehmen, wären die Eingeschlossenen nicht ungerächt gefallen, so aber wählte der verschlagene Feind die Nacht zum Angriffe, und nahm den größten Theil der Befestigungen ein, nur wenige der Eingeschlossenen sahen den neuen Morgen wieder, doch auch diese kleine Zahl sank vom tödtlichen Blei getroffen, ehe aufs Neue Dunkelheit die Erde deckte.

Einen letzten verzweifelten Ausfall mit denen die die Schreckensnacht überstanden hatten, unternahm der Statthalter am 2. Juli. Priester und Klosterbrüder voran, verließen alle die unhaltbare Feste, um sich zum Strande durchzuschlagen, aber der hinter Stein und Baum gedeckte Feind mähte fast alle bis auf die durch ihre Kleidung kenntlichen Priester nieder. Nur der Statthalter mit wenigen erreichte den Strand, fand aber den Tod mit den letzten Getreuen, ehe er ein rettendes Boot erreichen konnte, und wurde, ebenso wie der Dolmetscher de Tores, in Stücke gehauen.

Später sah ich selbst die Klosterbrüder, die keine Waffe geführt und deshalb unbelästigt das Schiff erreicht hatten, an Bord der „Melina“, und ich muß sagen, auf ihren bleichen Gesichtern waren noch nicht alle Spuren jener schrecklichen Tage und Stunden verwischt.

Der Eingeborne scheut den offenen Kampf, seine liebsten Waffen sind Verschlagenheit und List. Das bewies auch die Botschaft, welche die Häuptlinge am 2. Juli nach Lungur sandten, die die Zusicherung enthielt, den Deutschen würde nichts geschehen. Wenn die Spanier alle todt wären, wollten sie kommen und die deutsche Flagge wieder aufhissen, es solle wieder so wie früher sein. Doch aus anderen Nachrichten, welche überbracht wurden, war mit Sicherheit zu schließen, daß alles nur ein Vorwand wäre, sogar, daß der Häuptling Lojap auf Lungur schon Befehl erhalten hätte, die Station zu nehmen, keinesfalls aber die Umschlossenen fliehen zu lassen.

Um das zu verstehen, muß man die Sinnesart der Eingebornen berücksichtigen, Verschwiegenheit, auf die bei einem planmäßigen Vorgehen gegen Feinde alles ankommt, kennen sie nicht, sie verrathen sich und ihre Absichten selbst. So soll es auch ein offenes Geheimniß gewesen sein, daß am 4. Juli ein Ueberfall auf die Melina geplant war, der den Aufstand einleiten sollte; sie wollten wie sonst mit Tauschgegenständen an Bord fahren, nur in größerer Zahl, und im gegebenen Augenblick die ahnungslose Besatzung überwältigen.

Wären sie so vorgegangen, so hätten die Spanier unverzeihlich sorglos sein müssen, wenn sie nicht im Kampfe Sieger geblieben wären und die unbewaffneten Eingebornen von Bord geschlagen hätten. Dann hätte der Aufstand auch einen ganz anderen, für die Spanier sicher vortheilhafteren Ausgang genommen; ihr Verderben war jene erzwungene Auflösung der am 1. Juli stattgehabten Versammlung.

Wie vorbereitet der Aufstand war, ist daraus zu schließen, daß selbst die Bewohner der Inselgruppe Parkim, die 26 Seemeilen von Ponapè in WNW.-Richtung gelegen ist, sich daran betheiligen wollten und alle Vorbereitungen trafen, zum bestimmten Tage auf Ponapè einzutreffen.

Der deutsche Händler auf jenen Inseln Namens Schmidt, fuhr aber unauffällig, wie schon sehr oft, als wüßte er nichts von allem, in der Nacht zum 2. Juli ab und traf mit seinem Boote und seiner Familie auf Lungur ein, gerade als Herr Ruß die bedenkliche Botschaft der Häuptlinge empfangen hatte. Jetzt zu dreien auf der Station mit einer Anzahl nicht einheimischer Arbeiter beschlossen diese, wenn möglich, die Station zu halten. Doch am nächsten Tage wurde ihre Lage sehr ernst, nach vollbrachter Niedermetzelung der Spanier, sammelten sich die Aufständigen, um den Deutschen dasselbe Schicksal zu bereiten. Alle anderen Händler auf Ponapè in den verschiedenen Häfen als Mants, Kiti und anderen ansässig, waren gleich auf die Nachricht hin, die Spanier seien alle gefallen mit ihren Booten auf die weite See entflohen, mit Recht befürchtend, sie würden demselben Schicksal und der Rache der Eingebornen verfallen, die jetzt, bis auf die amerikanischen Missionare, jeden Fremden tödten wollten und sich bemühten, völligen Kehraus zu halten.

Daß der Häuptling Lojap allein nicht einen Angriff auf die deutsche Station unternommen hatte, lag daran, daß er wußte, wie gefährlich im offenen Kampf die Waffe in der Hand der Deutschen war und, daß sie die Drohung, auf jeden, der sich nähern würde, zu feuern, wahr machen würden. Hatte er doch häufig genug unsern Schießübungen beigewohnt, wenn wir auf bewegtem Wasser Flaschen oder andere Gegenstände zerschossen und selten nur das Ziel verfehlten.

Die Häuser der Station, nur aus Holz erbaut, waren freilich insofern ein ungenügender Schutz, als jede Kugel die schwachen Wände durchschlagen mußte und so war die erste gemeinsam durchwachte Nacht aufregend genug, da die Umschlossenen wohl bemerkten, wie die Feinde zu ihrer Orientirung umherschlichen, ohne jedoch zum Angriff überzugehen.

Jene erwähnte Eigenschaft der Eingeborenen, nichts geheim halten zu können, versetzte die Eingeschlossenen in die Lage, durch Kundschaft die Absichten ihrer Feinde kennen zu lernen und zwar wurde die Frau des Händlers Schmidt, eine Eingeborene von Ponapè am nächsten Morgen ausgesandt, um sichere Nachrichten einzuholen. Dieselbe brachte denn auch die Gewißheit, daß in der kommenden Nacht der erwartete Angriff würde ausgeführt werden -- die Eingeborenen sammelten sich am Ostende der Insel Lungur.

Dem gewissen Tode zu entgehen gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit -- es mußte versucht werden, mit den Booten die offene See zu erreichen, und wenn das gelungen war, dem Schicksale vertraut werden. Die drei Deutschen, zwar bereit zu kämpfen, hatten doch aber auch Weiber und Kinder zu schützen und sahen wohl ein, daß es ein Unding sei, die große Station gegen eine hundertfache Uebermacht zu halten. Darum wurden so geheim als möglich alle Vorbereitungen getroffen, um mit der hereinbrechenden Dunkelheit die Flucht zu wagen.