Reisen durch die Inselwelt der Südsee

Part 13

Chapter 133,557 wordsPublic domain

Das Innere der Insel mit seinen Urwäldern ist zum Theil selbst für den Eingeborenen noch unzugänglich und unbekannt, nur wenige schmale Thäler, gebildet von steilen Felswänden, führen durch die einzelnen Gebirgspartien; auch längs der Flüsse, deren Wasserkraft sich im Gestein breite Wege gebahnt hat, ist ein Aufstieg zu den steilen Höhen möglich. Aber der Eingeborene trägt kein Verlangen, sich in der Wildniß umzuschauen, überall in gleich großartiger Weise tritt sie hervor. Am Strande wie auch am Fuße der unzugänglichen Höhen und verborgen im Gebüsch, an Felswänden, im Schatten gewaltiger Bäume hat er sich seine Dörfer erbaut.

Die Entdeckung der Karolinen-Inseln ist den Spaniern zuzuschreiben und zwar soll Quirosa bereits im Jahre 1595 Ponapè gesehen haben. Versuche der Spanier im 17. Jahrhundert, auf den westlichen Inseln Fuß zu fassen, scheiterten aber gänzlich an der Wildheit der Eingebornen, die stets die Priester und Kolonisten ermordeten. Die Folge war, daß das weite Gebiet bis zum 19. Jahrhundert fast ein unbekanntes Land geblieben ist. Jedenfalls war der Anspruch der Spanier auf diese reiche Inselgruppe unberechtigt, da sie sich nie darum bekümmert haben, auch kaum Kenntniß von dem dort verborgenen Reichthum hatten. Deutschen und Amerikanern blieb es überlassen diesen Völkern die Gesittung zu bringen und sie an den Anblick des weißen Mannes zu gewöhnen.

Ueberfälle und Wegnahme einzelner Schiffe haben auch hier wie anderswo in früherer Zeit stattgefunden. Die Eingeborenen, lüstern nach fremden Schätzen, bemächtigten sich meist durch Verrath der fremden Fahrzeuge, nachdem ihrer Uebermacht die Besatzungen erlegen waren. Nach Ueberlieferungen haben die Spanier mehrmals Ponapè besucht, sind aber, da sie den Eingebornen vertrauten, in deren Hände gefallen und niedergemacht. Unter anderen soll im Süden der Insel, wahrscheinlich im Kiti-Hafen, ein Schiff genommen sein, dessen Leute nicht anders getödtet werden konnten, als dadurch, daß man ihnen die Augen ausstach; sie hätten eine solche feste Haut gehabt, daß sie vor jeder Verletzung geschützt gewesen wären. Unzweifelhaft sind es in Panzern gehüllte Spanier gewesen, die hier der Uebermacht erlagen.

Auch im Metalanim-Hafen soll ein Schiff gestrandet sein und die ersten Hühner zu dieser Insel gebracht haben. Die Angabe scheint richtig zu sein, denn man fand später in den Händen der Eingebornen eine Messingkanone, ein silbernes Kruzifix, einen kupfernen Kessel, spanisches Geld u. a. m. Die eigentliche Entdeckung Ponapès erfolgte aber erst im Jahre 1828 durch die russische Korvette „Seniavina“ (Commandant Lutke) und die genauere Kenntniß verdanken wir amerikanischen Walfischfängern und den Missionaren.

Die Bewohner Ponapès, deren Zahl 5000 nicht überschreiten mag, sind, soweit ich sie kennen gelernt, im Umgange ein friedliches Völkchen, gefällig und gastfreundlich; trotzdem zeigen sie dem Europäer gegenüber eine gewisse Zurückhaltung im Benehmen. Etwas Lauerndes liegt in ihrem Gesichtsausdrucke, sie verleugnen das malayische Blut nicht, das, zum Theil wenigstens, durch ihre Adern rollt. Es ist die gezähmte Wildheit, die in dem funkelnden Blick der schwarzen Augen liegt; wie dem Malayen gegenüber hat der Fremde das unbestimmte Gefühl, als hätte er es mit einer Katzennatur zu thun und die scharfen Krallen könnten unerwartet den Arglosen packen.

Der freie Mann duldet kein Unrecht, Blut allein ist die Sühne dafür; bin ich recht unterrichtet, so ist unter diesen Eingeborenen die Blutrache weit verbreitet, auch heute noch ersteht in manchen Familien immer wieder ein Rächer für die beleidigte Ehre oder für das einst vergossene Blut.

Unter sich, im Verkehr mit einander und im Familienleben sind die Eingeborenen gütig und liebevoll, ganz anders als im Verkehr mit dem Fremden, dem gegenüber sie nicht selten sich unfreundlich und abstoßend zeigen; sie haben nur zu wohl dessen Selbstsucht begriffen, daher treten sie auch kalt und zurückhaltend ihm entgegen. Wohl findet der Europäer überall in den Hütten Schutz und Obdach, Speise und Trank und konnte zu jener Zeit unbelästigt wandern, wohin er wollte, aber solche geübte Gastfreundschaft ist nicht selbstlos, der Gastgeber erwartet stets eine Entschädigung, die seiner Mühe entsprechend ausfallen muß, und zwar ein Gegengeschenk, das in seinen Augen werthvoll genug ist.

Von kräftigem Körperbau, stehen die Männer nach Gestalt dem Weißen nicht nach, ebenso ist Klugheit ihnen nicht abzusprechen; auch gewisser Wissensdurst macht sich bei ihnen bemerkbar, und solche, die Gelegenheit gefunden, andere Länder und Völker zu sehen, stehen bei ihnen in hoher Achtung. Dennoch scheint die eingedrungene Gesittung niederdrückend auf das jetzige Geschlecht eingewirkt zu haben, sei es auch nur, daß sie mehr und mehr grollend, sich in sich selbst zurückziehen. Die große Fruchtbarkeit, welche diese hohen vulkanischen Inseln aufweisen, ist durch reichlichen Regenfall bedingt. Ueber der Gebirgsmasse lagert sehr oft ein dichter Wolkenschleier, der vorübergehend heftige Regenschauer herabsendet. Im Jahresdurchschnitt sollen nur 97 schöne, klare Tage vorkommen, 155 bedeckt mit Regenschauer und 72 Tage ständiger Regen.

Selten sind elektrische Ansammlungen, Blitz und Donner, und nach dem Glauben der Eingeborenen besucht dann ihr Gott „Ani“ die Insel und kündet seine Nähe durch zuckende Blitze und rollenden Donner an.

Ganz auffallend ist, wie wenig Ueberlieferung bei diesen Volksstämmen vorgefunden wird, nichts vernimmt man von großen Thaten, nichts von hervorragenden Häuptlingen; das Leben und Wirken früherer Geschlechter ist einfach ausgewischt, selbst im Gedächtnisse der Alten. Ob so geringe Theilnahme vorhanden, ob wirklich nichts Wichtiges in Sagen und Gesängen zu überliefern war, steht dahin, jedenfalls ist das, was an Ueberlieferungen vorhanden ist, so gering und unbestimmt, daß kein Schluß daraus auf das Vorleben dieser Stämme zu machen ist. Nur die Steine reden, wo der Menschen Mund schweigt -- gewaltige Bauten, heute noch ausgedehnte Ruinen, stehen als Wahrzeichen einer längst entschwundenen Zeit und bezeugen die Thatkraft und Klugheit, welche den vergangenen Geschlechter innegewohnt hat. Woher sie stammen, darüber fehlt jede Spur; so staunend der Europäer die gewaltigen von Menschenhand errichteten Werke betrachtet, ebenso kopfschüttelnd und zweifelnd steht der heutige Eingeborene vor den Werken seiner Vorfahren. Die Antwort, die ich auf meine Frage erhielt, wer diese gewaltigen Mauern und Bauten aufgeführt habe, wie es möglich gewesen sei, Felsblöcke so übereinander zu thürmen und genau in passende Lage zu bringen, war; daß habe Niemand gethan; vor langer, langer Zeit habe ein schöner junger Mensch, ein Gott, in den Bergen gewohnt, der habe zu den Steinen gesagt, sie sollten sich aufeinander legen und so wären diese Mauern und Bauten entstanden.

Ich ging durch die Ruinen von Kusai, als ich diese Antwort erhielt; der Eingeborne, der sie mir gab, schien mir einer der aufgeweckteren zu sein, überzeugen aber ließ er sich von der Nichtigkeit seiner Angaben nicht und ich erhielt damit den Beweis, daß diese von den Vorfahren aufgeführten Werke heute von den Nachkommen als etwas Unnatürliches angesehen werden.

Aus gleicher Veranlassung müssen sowohl auf Ponapè wie auf Kusai vor Jahrhunderten diese Bauten errichtet worden sein und demselben Zweck gedient haben, da die Lage und Wahl des Ortes auf beiden Insel die gleiche ist. Diese am Metalanim-Hafen auf Ponapè und im Lela-Hafen auf Kusai liegenden Ruinen erzählen eine Geschichte, mit Felsentrümmern aufgeführt, mit Steinen geschrieben und sind eine Ueberlieferung aus der großen längst entschwundenen Zeit eines einsichtigen Volkes. Die Eingebornen, von einem einheitlichen Willen einst beherrscht und geleitet, haben wahrscheinlich diese sowohl zur Vertheidigung wie zum Wohnsitz geeigneten Bauten aufgeführt. Weniger auffällig wäre es, wenn aus kleinerem Gestein solche mächtigen Mauern, die große Quadrate umschließen, aufgeführt worden wären. Das ist aber nicht der Fall, Felsstücke von ungeheurem Gewichte sind aufeinander gethürmt; Zwischenräume mit kleineren ausgefüllt; 20 Fuß hoch und 12 Fuß breit liegen Gesteinmassen in dieser Höhe, die mit ungewöhnlichem Aufwand von Kraft und Geschick hinaufgeschafft sein müssen.

Selbst wenn man annimmt, die mächtigen Blöcke seien auf schrägliegender Unterlage aufgerollt worden, so fehlt doch die Erklärung dafür, auf welche Art diese an Stelle geschafft wurden, zumal da auf der Insel Lela die Steine erst über eine weite Wasserfläche haben geschafft werden müssen. Möglich ist auch, daß die Eingeborenen die so großen und schweren Felsstücke auf Flöße gerollt und weiter geschafft haben, aber dann müssen solche auch eine ganz bedeutende Tragfähigkeit besessen haben. Jedenfalls muß der Gedanke, daß dies alles ohne unsere heutigen Hülfsmittel ausgeführt ist, jeden, der diese Bauten gesehen, in höchstes Erstaunen versetzen. Jedes Quadrat in den Ruinen ist durch Gänge mit einander verbunden, es führen lange Kanäle zum Wasser, und an der Südseite von Lela münden diese in eine Art von künstlichen Hafen, dessen Umrisse zwar noch erkennbar, doch zum größten Theil durch Anschwemmungen verwischt und mit Mangrovengebüsch bedeckt sind. Uebrigens, als der Aufbau dieser Steinmassen vor nicht festzustellenden Jahrhunderten begonnen, ist die heute verschwemmte weite Bucht des Lelahafens bis zum Fuße der Bergmassen auf der Insel Kusai frei gewesen, heute erstrecken sich dagegen in der Runde große ausgedehnte Mangrovensümpfe, durch die nur einige wenige Wasserstraßen führen, und sind höchstens mit einem Kanoe bis zum festen Lande befahrbar.

Ein Beweis dafür, welch ein gewaltiger Zeitraum hingegangen ist, seit diese Werke ausgeführt wurden, ist, daß das Innere der Ruinen sowohl, wie selbst die Steinwälle vollständig überwuchert sind. Hohe Bäume stehen auf den Mauern, tief sind deren Wurzel ins Gestein eingedrungen und haben selbst die mächtigen Blöcke durch ihr Wachsthum auseinander gesprengt. Wie lange diese Ruinen als einstige Residenz der Könige gedient haben, sei dahingestellt, sie wurden schließlich ein Mausoleum der großen Todten und sind heute noch die Grabstätte der „Tokesau“ (Häuptlinge).

* * * * *

Die Insel Kusai, die östlichste der Karolinen-Gruppe, unterscheidet sich von Ponapè nach Form und Größe, sowie dadurch, daß das diese Insel umgebende Riff bei weitem nicht die lagunenartige Bildung aufweist, sondern mit dem Lande mehr verbunden bleibt, und nur größere Ausdehnung an der Nordwest, Nord und Nordostseite hat. An der ersteren, durch einen Durchbruch im Riff, wird dort der Coquille-Hafen, an der letzteren durch die Insel Lela „Nin-molchon“ von den Eingebornen genannt, der Lelahafen gebildet, während im Süden durch Inselchen auf dem Riffe selbst, durch eine Einbuchtung der Felsenmassen, die hiervon umgeben sind, der kleine aber sichere Lottin-Hafen entstanden ist.

In jeder Hinsicht stimmen sonst die beiden Inseln überein, was von der einen gesagt, gilt auch von der anderen; dieselbe Großartigkeit der wilden Natur, dieselbe Unzugänglichkeit zu dem Innern und zu den steilen Bergen, wie auch dieselbe furchtbare einstige vulkanische Thätigkeit.

Vorauszusetzen ist, daß auf dieser so fruchtbaren Insel eine ebenso zahlreiche Bevölkerung gelebt hat, wie auf Ponapè; selbst im ersten Drittel dieses Jahrhunderts war die Zahl der Bewohner noch mehr als doppelt so groß wie heute. Früher sollen sogar nach Angabe der ältesten Eingebornen viel tausende rings auf der Insel gelebt und gewohnt haben. Die einst zahlreich genug waren, stark bemannte Schiffe zu nehmen, und im heißen Kampfe die gut bewährten weißen Männer zu überwältigen, sind heute nur noch ein kleines Häuflein Menschen, 300 an Zahl.

Furchtbar hat eine schreckliche Seuche, eingeschleppt durch amerikanische Walfischfänger, unter dieser Bevölkerung besonders gehaust. In absehbarer Zeit wird auch der letzte Bewohner Kusais bei seinen Vätern versammelt sein, denn keine menschliche Hilfe kann dem Aussterben derselben mehr halt gebieten.

Schrecklich war es solche Kranke zu sehen, noch schrecklicher ihnen mit Rath und That beizustehen. Manchem verband ich die Wunden, andere lehrte ich wie solche rein zu halten und zu behandeln sind. Dafür waren sie auch sehr erkenntlich; lag ich im Hafen von Lela, wurde mir von Fischen, Schweinen und Schildkröten immer ein Antheil vom Könige Keru, der mit christlichem Namen Georg II. hieß, an Bord gesandt. Es ist nämlich Gebrauch, daß alle Speisen für den König sowohl, wie für die Angesehensten insgesammt, bereitet werden, diese werden dann vor das Haus des Königs gebracht und dieser bestimmt jedem seinen Theil.

Sehr unterwürfig sind die Unterthanen gegen ihren mit unbeschränkter Gewalt ausgerüsteten König, keiner wird unaufgefordert dessen hochgelegenes und kunstvoll aufgebautes Haus betreten, tief verneigt sich jeder Vorübergehende; hat einer aber ein persönliches Anliegen, kniet er auf der untersten Stufe der Treppe, die zum Hause hinaufführt nieder und bringt in solcher Stellung sein Anliegen vor. Des Königs Ausspruch ist Gesetz; so oft ich auch bei solcher Gelegenheit im Königshause anwesend war, fand ich dies bestätigt.

Durch beiderseitiges Entgegenkommen stand ich mit dem Könige und den Häuptlingen auf besonders gutem Fuße, was darauf zurückzuführen war, daß ich auch ihnen unentgeltlich Arznei gab, ihre Wunden verband und Schmerzen linderte. Sie lohnten mir dafür mit den Erzeugnissen des Landes, oft brachten sie mir so viel, daß meine Leute kaum alle Nahrungsmittel zu verzehren im Stande waren. Bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich Kenntniß von einem merkwürdigen Aberglauben. Ich war im Lelahafen eingelaufen, und da ich Wassermangel an Bord hatte, fuhr ich sofort mit einem Boote durch das Mangrovengebüsch den Fluß hinauf zum festen Lande um die mitgenommenen Fässer auffüllen zu lassen. Im Flußbett bemerkte ich auf klarem sandigen Grunde viele Aale, die aber zu gewandt waren, als daß sie mit den Händen zu greifen waren, nur ein mächtiges Thier von 4 Fuß Länge, dessen Schwanz wahrscheinlich von einem Hai abgebissen war, konnte sich nur mühsam fortbewegen. Diesen Aal im flachen Wasser zu ergreifen wäre zwecklos gewesen, deshalb befestigte ich, um ihn doch zu erhalten, ein starkes Messer an einer Stange, stieß dieses dem Aale durch den Kopf und nagelte ihn am Grunde fest. Bald waren die Kräfte des Thieres erschöpft, und es gelang die Beute zu sichern.

Zurückgekehrt zum Schiffe, fand ich dort eine ganze Zahl Eingeborner, auch Häuptlinge versammelt, die wieder Geschenke gebracht hatten; kaum aber hatten die Niue-Leute den großen Aal, den sie essen wollten, an Deck gebracht und aufgehängt, als die Eingebornen zum großen Theil auffällig verschwanden, ohne ihr Anliegen vorgebracht zu haben. Ich las in aller Mienen Abscheu und Furcht, und einen Häuptling befragend, warum sie sich vor solchem todten Thiere fürchteten, sagte er mir, daß in den Aalen, die von niemand gegessen werden, der böse Geist sich aufhalte, und wer solches Thier tödtet oder gar davon ißt, wird sicher gestraft.

Dieser Ausspruch war genügend, um die gewiß von thörichtem Aberglauben erfüllten Niue-Leute stutzig zu machen; sie ließen den Aal, dem sie die Haut schon abgezogen hängen, und wiewohl ich sie thöricht und unklug schalt, wollte doch keiner mehr etwas damit zu thun haben, viel weniger davon essen; es blieb nichts anderes übrig als den „bösen Geist“ über Bord zu werfen, worauf dann erst die in ihren Kanoes wartenden Eingebornen an Bord zurückkehrten.

Bemerkenswerth ist, daß Hundefleisch als besonderer Leckerbissen auf Ponapè gilt und werden Hunde dort gerne eingetauscht und gemästet. Ich hatte gelegentlich einmal einen elenden alten Hund, der mir von Eingebornen der Marschall-Inseln angeboten wurde, angenommen, um das Thier nicht elendiglich verkommen zu lassen; da es aber gar nichts werth, dazu bissig und häßlich war, so nahm ich in Ponapè das Angebot, es für zwei große Schweine abzugeben, an, zufrieden auf solche Weise den Hund loszuwerden, dem keiner nahen durfte und der mit Vorliebe seine Zähne in die nackten Beine der Leute einzugraben liebte.

Zeigen die Marschall-Insulaner im Flechten der Matten u. a. ganz besonderes Geschick, so übertreffen die Frauen und Mädchen auf Kusai in einer Hinsicht diese dennoch. Auf einem kleinen Webestuhle, der eigenartig gebaut ist, weben sie aus feinem Baumbast sehr kunstvolle Lendengurte, so fein und sauber -- die Zeichnungen und die Zusammenstellung der verschiedenen Farben sind sorgfältig ausgeführt -- wie es die kunstfertige Hand einer europäischen Dame nicht fertigbringen würde. Als Schere, um die oft kaum zolllangen Fädchen abzuschneiden, bedienen sie sich der messerscharfen Kante einer kleinen Seemuschel.

Staunend habe ich oft in ihren Hütten dieser kunstvollen mühseligen Arbeit zugeschaut. Wie der Knabe von Jugend auf sich mit dem Speere übt, den schnellen Fisch im Wasser zu tödten, so sitzen die Mädchen im jugendlichen Alter schon flechtend und webend, um ihre einfache Kleidung so schön wie möglich zu schmücken, denn wie alle Evastöchter sind auch diese einfachen Naturkinder nicht gänzlich frei von Eitelkeit.

Daß früher schon die Bewohner Kusais unter sich nicht allein Tauschhandel getrieben, sondern eine Art Werthgegenstand als Geld benutzten, gleichwie afrikanische Völker die Kauri-Muschel, ist erwiesen, und zwar haben sie die werthvolle Perlmutterschale dazu benutzt, die auf tiefem Korallengrunde, namentlich in Ponapè häufig gefunden wird. Von einer großen, sauber bearbeiteten Schale hatte das Kernstück, nach Größe und Breite, einen entsprechenden Werth, ein solches, etwa zwei Zoll breit und 6 bis 7 Zoll lang, wurde einem Arbeiter als Tagelohn ausbezahlt, die kleineren Stücke galten weniger. Wann aber dieses Geld, von dem ich einige Stücke noch in Lottin-Hafen bekam, in Kurs gewesen, darüber konnte ich gewisses nicht erfahren.

Einst nach längerer Abwesenheit nach Jaluit zurückgekehrt, erfuhr ich, daß in der Zwischenzeit, ein mir auch bekannter Europäer am Strande ermordet worden sei. In dunkler Abendstunde aus einer der Wirthschaften, deren zwei vorhanden waren, heraustretend, sei er von Malayen die irgend ein Schiff zurückgelassen, überfallen und getödtet worden. Ein Racheakt sei es gewesen und eine Verwechslung habe in der Dunkelheit stattgefunden, und ihr sei dieser junge Mann zum Opfer gefallen.

Der Mörder und seine Mitschuldigen waren schnell gefaßt und dem eingelaufenen deutschen Kriegsschiffe „Bismarck“ ausgeliefert worden; der Thäter büßte seine Schuld mit dem Leben.

Am Abend jenes Tages, an welchem ich in Jaluit eingelaufen war, folgte ich der Aufforderung des Leiters unserer Gesellschaft, den Abend mit Billardspielen gemeinschaftlich hinzubringen. Um diese Absicht auszuführen begaben wir uns zu dem Hause des deutschen Wirthes, das gewöhnlich von den Europäern besucht wurde. Nicht weit davon lag die Wirthschaft eines Schwarzen, der mehr Zuspruch von den zu Zeiten im Hafen anwesenden Schiffsbesatzungen hatte; hier pflegte es öfter auch recht lebhaft zuzugehen. Es mochte etwa 9 Uhr abends geworden sein, als ein wilder Lärm von jenem Hause herüberschallte, unter anderen hörte ich die lärmenden Stimmen meiner Niue-Leute heraus. Daß einige an Land gegangen waren wußte ich, ich hatte ihnen selber Urlaub gegeben, daß aber der Steuermann, ein von mir in Ponapè aufgenommener Matrose, der dort von einem Schiffe krank zurückgelassen worden war, ein Norweger, entgegen meiner Weisung die ganze Besatzung an Land gelassen und ihr noch dazu Geld zu Schnaps gegeben hatte, ahnte ich nicht.

Sogleich unterbrach ich das Spiel und eilte in der Meinung meine Leute seien mit anderen in Händel gerathen, zu dem anderen Wirthshause. Als ich schnell das Haus erreicht, fand ich in der Schenkstube eintretend allerlei Volk vor, darunter meine ganze Besatzung. Alle waren angetrunken und zwei Parteien befanden sich im heftigen Streite, der augenblicklich verstummte, als ich meinen Leuten befahl, sofort an Bord zu gehen. Aber nur einige waren vernünftig und folgten der Weisung, vier weigerten sich entschieden zu gehorchen; als sie auch einer zweiten Aufforderung nicht Folge leisteten, faßte ich schließlich, durch die Widersetzlichkeit aufgebracht, einen an, und schob ihn der Thüre zu. Kaum aber war meine Absicht den Umstehenden klar, als ich von hinten gefaßt und mit Faustschlägen zu Boden gestreckt wurde; im Fallen riß ich den Angefaßten mit mir, der auf mich fiel, dieser Umstand rettete mich, denn so kurz die Zeit auch war, bis der Mann aus meinen Händen befreit werden konnte, sie genügte um die Schaar, welche mit gezückten Messern und dem Rufe „tödtet den weißen Mann“ „_kill the white man_“, von der Mordthat zurückzuhalten.

Wider Erwarten war ich plötzlich frei und von dem Eigenthümer des Hauses, einem riesigen Neger, aufgerichtet sah ich, wie ein Weißer einen wuchtigen Stock auf die Köpfe der braunen Gesellen niedersausen ließ, die durch Fenster und Thüren entflohen. Der Retter in der Noth war ein amerikanischer Schiffsführer, von Honolulu, der gegen Abend noch in den Hafen eingelaufen, hier zufällig vorbeigekommen und mit angesehen hatte, wie ich niedergeschlagen wurde.

Meine Leute, soviel ich gesehen, waren es nicht gewesen, welche die Messer gezogen, die Uebelthäter aber wollten oder konnten sie nicht nennen, wenigstens konnten diese nicht ermittelt werden. Der deutsche Konsul mußte sich also damit begnügen die vier Mann, die Widersetzlichkeit gezeigt, dafür drei Tage lang in Eisen zu legen.

Nicht lange nach diesem Vorfall war mein Schiff wieder segelfertig, um eine Reise nach den Karolinen anzutreten; ich wurde von verschiedenen Seiten gewarnt, mit solcher Besatzung wieder in See zu gehen, denn dem rachsüchtigen Charakter der Niue-Leute sei nicht zu trauen. Indes ich verließ mich darauf, daß es keiner wagen würde, eine Meuterei an Bord auszuführen, da sie wohl wußten, daß sie vielleicht elendig auf See verhungern müßten, wenn sie ihren Führer überfallen und tödten würden. Wieder ging ich, ohne einen Europäer an Bord zu haben (der vorige wurde nach jenem Vorfall an Land sofort abbezahlt) in See, machte dafür aber einen der Niue-Leute jetzt zum Bootsmann, und als am Horizonte das letzte Land verschwunden war, rief ich die Leute alle zusammen und machte ihnen den Standpunkt klar.

Ihr vier, Bela, Sepona, Fiticefu und Mißcoffi, erklärte ich, seid dafür bestraft worden, was ihr in der Trunkenheit an Land begangen habt, zehnfach härter aber fällt die Strafe aus, wenn ihr ein Gleiches an Bord versuchen solltet. Für mich ist die Sache abgethan und ich hoffe für euch ebenfalls, doch, da ich euch nicht unbedingt vertrauen kann, so bin ich auf alles gefaßt und vorbereitet; zeigt ihr Ungehorsam oder gar Widersetzlichkeit, dann fallen die Folgen auf euch, also thut wie früher eure Pflicht.

Und die Leute thaten sie. Ich hatte nicht zu klagen, es schien als wollten sie durch Willfährigkeit gut machen, was sie in einer schwachen Stunde, als sie nicht Herr ihrer Sinne mehr gewesen, begangen hatten.

Auf dieser Reise nun lief ich die Insel Kusai zuerst an, um dann über Ponapè nach dem Providenz-Atoll weiterzusegeln. Nach erfolgter Ankunft im Lela-Hafen kamen am anderen Morgen 16 Eingeborene der Gilbert-Gruppe mit einem großen Brandungsboote zu mir an Bord und baten, ich möchte sie nach Jaluit mitnehmen.

Sie wären, erzählten sie, vor wenigen Tagen auf Kusai gelandet, nachdem sie zehn Tage auf dem Ozean zugebracht, kraftlos und nahezu verhungert, hätten sie die größten Qualen erduldet, ehe sie an dieser Insel in dunkler Nacht angetrieben wären. Ihre Heimath, die Insel Apamama, hätten sie mit ihrem Boote verlassen, um nach der nördlicher gelegenen Insel Maiana zu segeln, der starke Aequatorialstrom aber hätte sie weggeführt.