Reisen durch die Inselwelt der Südsee
Part 12
Der Grund, daß dieser Mangel eintreten konnte, war folgender: es hatte in Jaluit längere Zeit nicht geregnet, die Wasserbehälter, die das von den Dächern abfließende Wasser auffangen, waren fast leer, so ging ich mit wenig Wasser in See, fest darauf rechnend, in der Nähe des Aequators Regen anzutreffen. Die Wassernoth an Bord wurde schließlich sehr groß, hatte ich doch außer der Mannschaft noch 6 Eingeborne von Pleasant-Eiland mit mir, die während der Ladezeit als Arbeiter helfen sollten und vom Händler, damit er dieser Leute sicher wäre, sofort mit dem ersten Boote abgeschickt worden waren.
Um die Qual des Durstes zu stillen, durchsuchten die Leute alle Räumlichkeiten des Schiffes, wo eine Kokosnuß verborgen sein konnte, und in der höchsten Noth war ein Tropfen halb verdorbener Kokosmilch ein Labsal für uns alle. Die nächste Insel „Greenwich-Eiland“ sollte etwa 120 Seemeilen östlich von uns liegen, aber auch wenn ich Wind gehabt, hätte ich Tage gebraucht, diese niedrige Koralleninsel zu erreichen. So von Tag zu Tag hoffend, daß endlich eine Aenderung eintreten oder doch Regen kommen werde, suchte ich mit den schwachen Lüften, die das Schiff kaum eine Seemeile in der Stunde durchs Wasser trieben, nur nördlich zu kommen. War ich erst hoch genug und ständiger Wind wieder vorherrschend, konnte ich die nächste Insel in der Karolinen-Gruppe aufsuchen, fand ich voraussichtlich dort auch kein Wasser, so würden doch Kokosnüsse zu erhalten gewesen sein.
Regenschwere Wolken hingen am Horizonte schon tagelang, und wie sehnsuchtsvoll nach dem Himmelsnaß ausgeschaut wurde, daß jene Wolken heraufkommen und sich öffnen möchten, kann nur der ermessen, der qualvollen Durst gelitten hat und bereits die Verzweiflung in den Augen der Gefährten blitzen sah, die lechzend nach Wasser riefen.
Doch Gottes Hilfe ist am nächsten, wenn die Noth am größten. Drei Wochen waren hingegangen, da setzte ein frischer Ostwind ein, neue Hoffnung beseelte uns, in 36 Stunden konnte ich die Mortlok-Inseln erreichen, und alle Noth hatte ein Ende. Aber noch gnädiger war der Himmel, nach dem Winde kam bald der Regen und so reichlich, daß alle Behälter gefüllt werden konnten; die furchtbare Qual des Durstes war vorüber. An der Grenze der äquatorialen Gegenströmung, mit der ich jetzt auf etwa 4 Grad nördlicher Breite schneller ostwärts zu kommen suchte, fand ich verhältnißmäßig schlechtes und kühles Wetter vor, schwere Regenböen nöthigten mich häufig nur gereffte Segel zu führen.
Ueber fünf Wochen waren hingegangen, ehe ich wieder Pleasant-Eiland sichtete und diesmal mich drei Tage dort halten konnte. Ein besserer Segler, ein amerikanischer Schooner, war bald nach mir eingetroffen, derselbe trieb auch in den ersten Nächten ab, kehrte aber in drei Wochen wieder zurück und, da dies das einzige Schiff blieb, welches in diesem Zeitraum die Insel angelaufen, hatte der Vertreter der Firma dasselbe nicht zur Rückreise nach Jaluit benutzt, sondern auf meine Rückkehr gewartet. Somit fand ich denselben wohlbehalten dort wieder vor, wiewohl sich schon bei den Weißen die Ueberzeugung Bahn gebrochen, es müsse meinem Schiffe etwas zugestoßen sein; auch nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort die Nachricht verbreitet, ich sei verloren gegangen.
Weitere Reisen nach der Ratak-Kette, zunächst nach dem Milli-Atoll, machten mich auch dort mit den staatlichen Verhältnissen bekannt. Bald sah ich, daß die Bewohner weniger Nutzen von der vordringenden Civilisation gehabt hatten, als die der Ralik-Kette. Während erstere die monarchische Regierungsform zur Einigung geführt und Auflehnungen einzelner Häuptlinge verhindert hat, hat auf der Ratak-Kette die Herrschsucht der Häuptlinge viele Unzuträglichkeiten geschaffen, vor allen wenn zwei oder mehrere sich in den Landbesitz eines Atolls zu theilen hatten.
Vielfach fand ich auch um Dörfer und an den Grenzen einzelner Besitzungen, gerade oder in Kreisform aus Korallensteinen aufgeführte Mauern. Diese bilden die Grenzscheide, wo gelegentlich Belagerer, die immer die stärkeren sind, und Belagerte zusammentreffen. Es ist kein Kriegführen, nur ein Zerstören, als das Gebiet des Unterliegenden außerhalb der Mauer vernichtet wird. Selten, wiewohl die Eingebornen bereits europäische Waffen in Menge besitzen, selbst die Häuptlinge die besten Hinterlader haben, fällt aus Zufall ein Gegner von einer verirrten Kugel getroffen. Fertigkeit im Zielen haben sie noch nicht erlangt, was ein Glück ist, denn hätten sie diese, so würden sie, mit ihrem scharfen Gesicht sehr gefährliche Gegner sein.
Eigenthümlich ist, daß der Belagerer fast nie die Mauer zu nehmen wagt und ein Handgemenge möglichst vermeidet, eher versucht der Belagerte nächtliche Ausfälle, freilich ohne dabei etwas zu gewinnen. Der Streit endet gewöhnlich durch Uebergabe oder Aushungern, auch durch freiwilliges Abziehen des Stärkeren, der bei der Zerstörung der Palmen und Pandanusbäume sein Müthchen gekühlt hat; nicht selten aber auch durch so unvernünftige Handlungen eine Hungersnoth heraufbeschwört.
Helden sind die Männer alle nicht, sinn- und zweckloses Schießen ist ihnen die Hauptsache, mehr noch das gegenseitige Beschimpfen und die Aufführung kriegerischer Tänze. Nicht genug aber, daß verschiedene Häuptlinge sich auf einem Atoll bekriegen, sie rüsten sich auch mit ihren Proas Kriegszüge nach anderen Atolls zu unternehmen. Noch im Jahre 1885 zogen von Majuro 16 Kanoes mit 300 Mann unter Lailik aus um einen Häuptling auf Aurh zu bekriegen. Diese große Zahl Menschen ist aber niemals dort angekommen, obwohl der Abstand beider Atolle nicht besonders groß ist, sondern nur etwa 70 Seemeilen beträgt, es müssen Wind und Strömungen sie vertrieben haben, wenigstens wurde nie wieder etwas über das Schicksal dieser Schaar bekannt. Ich fand einmal sechs Monate nach jenem Aufbruche zwischen den nördlichen Atolls einen Theil eines großen Kriegskanoes treiben, theilte dieses den Händlern später auf Majuro mit und die Eingebornen entnahmen aus dieser Mittheilung, daß sie nun völlig ihre Angehörigen als verloren zu betrachten hätten.
Unter den Häuptlingen der Ratak-Kette war der angesehenste der verstorbene Kaibuke, dessen Neffe Leaugnat über Milli herrschte, andere, der junge Kaibuke, neben dem Häuptling Jiberik herrschte auf Majuro, auf Maloebab, Murijil; außer diesen war noch eine ganze Anzahl kleinerer Despoten vorhanden, die durch persönliche Zänkereien die Entwicklung der Inseln hinderten und auf einem Atoll oft solche Zustände schufen, daß jahrelang ein Verkehr einzelner Stämme untereinander unmöglich ward.
Zwar ist nach der Besitzergreifung der Marschall-Atolle durch Deutschland entschieden Wandel geschaffen worden, das Erscheinen der großen Kriegsschiffe, oft innerhalb der ausgedehnten mit Untiefen besäeten Lagunen, hat gewaltigen Eindruck gemacht. Jetzt, wo eine neue Obrigkeit vorhanden, haben die Privatkriege zu unterbleiben, jetzt gilt nicht mehr das Recht des Stärkeren, sondern die Streitigkeiten müssen vor das deutsche Gericht gebracht werden. Mancher Häuptling, der die Einmischung der Weißen in seine Angelegenheiten, d. h. in die eines muthwillig herbeigeführten Streites, unbequem fand und widersetzlich wurde, hat zum eigenen Nachtheil empfinden müssen, daß Verletzung der Pflichten und Gewaltthätigkeiten schwer geahndet werden.
Von Apia aus hatte ich einen langjährigen Diener des Herrn Konsuls Weber an Bord, ein Marschall-Insulaner, mit Namen Angenang, der in seine Heimat zurückbefördert werden sollte und so lange an Bord die Pflichten eines Kochs zu versehen hatte, bis sich Gelegenheit gefunden, ihn auf Milli abzusetzen. Es hatte diesem im Dienste der deutschen Gesellschaft so gut gefallen, daß er mit dem Plane umging, seine ganze Verwandtschaft zu beeinflußen, ebenfalls auf drei Jahre sich nach Samoa zu verpflichten. Als sich nun die Gelegenheit bot, den Milli-Atoll anzulaufen, erhielt ich Weisung die Anwerbung der freiwillig sich Meldenden an Bord vorzunehmen. Mehrere Tage in der Milli-Lagune hin und her segelnd, (es waren allerlei Förmlichkeiten mit einzelnen Häuptlingen zu erledigen) landete ich schließlich im Nordosten unter der Insel Ennanlik. Nicht lange währte es, bis sich einige Familien, Männer und Frauen, im ganzen 26 Personen, bereit fanden, auf einige Jahre nach einem fernen, unbekannten Lande auszuwandern, das freilich im Gegensatz zur öden, wenig fruchtbaren Korallen-Insel ein Paradies war.
Den Abschied zu verkürzen, der endlos zwischen den Scheidenden und den Zurückbleibenden zu werden drohte -- viel Herzlichkeit, wie ich solche den Eingebornen kaum zugetraut, zeigten sie gegen Verwandte und Eltern -- beschleunigte ich die Abreise und befand mich am ersten Abend bereits weit von Milli entfernt, als sich ein Vorfall ereignete, der Schiff und Mannschaft, sowie Fahrgästen einen schrecklichen Tod hätte bereiten können.
Da wenig Ladung Kopra im Raum war, hatte ich, um die kaum bekleideten Menschen Nachts nicht unnütz an Deck frieren zu lassen, auf alten Segeln eine Lagerstatt bereiten lassen. Aber anstatt die Ruhe zu suchen, unterhielten sie sich nach alter Gewohnheit, dabei war ihnen die Dunkelheit im Schiffsraume wohl nicht genehm, sie suchten also aus ihrem wenigen Gepäck eine einfache Petroleumlampe, von deren Vorhandensein ich nichts wußte, hervor und zündeten sie an. Lampe und Brennmaterial war recht schlechte Waare, von Händlern auf Milli eingetauscht, von deren Gefährlichkeit diese Naturkinder natürlich keine Ahnung hatten, und so kam es, daß die auf den Kopra gesetzte Lampe umfiel und explodirte.
Schon waren nach 8 Uhr Abends längst die Wachen abgelöst. Die Wache an Deck hatte ihre Posten, Ausguck und Ruder bezogen, und unter dem sternenklaren Himmel einer friedevollen Nacht herrschte völlige Ruhe auf dem einsam durch den Ozean ziehenden Schiffe. Da plötzlich ein gellender Aufschrei, ein helles Aufblitzen einer Feuerwelle -- wie ich vom Hinterdeck aufgesprungen bin und im Augenblick die Größe der Gefahr erkannt habe, wußte ich nachher selber nicht. Die Männer, welche vor den Frauen die befestigte Leiter emporkletterten, stieß ich mit Gewalt zurück und sprang, der von allen Seiten herbeistürzenden Mannschaft befehlend, mir zu folgen, mitten unter die vor Schrecken gelähmten Menschen.
Zum Glück war nur die Hauptluke geöffnet geblieben, kein Luftzug regte die Flammen an, der von hinten wehende Wind trieb den schnell entwickelten beißenden Qualm zum leeren Vorraum; da glücklicher Weise die Lampe auf unbedeckten Kopra, von den Sachen und der Schlafstätte der Leute, weit entfernt aufgestellt gewesen war, so brannte auch erst das umhergespritzte Petroleum allein und von diesem mit entzündet der oelhaltige Kopra. Als einziger Europäer an Bord, (ich hatte nur einen Insulaner als Bootsmann, Lajibid, da es eigentliche Steuerleute nicht gab, vielmehr oft genug solchen Posten irgendwo entlaufene Matrosen, die das Schicksal bis hierher verschlagen, ausfüllen mußten) galt es zuerst die im Hinterraum zusammengedrängten Frauen herauszubringen, was ich schnell dem Lajibid übertrug, während ich mit den inzwischen ebenfalls herabgesprungenen Leuten die Schlafmatten ergriff, und solche ausgebreitet in das Feuer schleuderte, um es etwas zu dämpfen. So erreichte ich es, daß die nackten Leute, welche sich sonst der entwickelten Gluth nicht nähern konnten, muthig vordrangen und so schnell Matte auf Matte deckten, daß diese selbst nicht anbrennen konnten, auf die Weise wurde das Feuer erstickt.
Ueber dem Feuerheerde wurden dann alte Segel ganz ausgebreitet und nun, da hilfreiche Hände genug vorhanden waren, (den Milli-Leuten ließ ich nicht lange Zeit sich zu besinnen) wurden Ströme Wasser mit Eimern oder mit dem was gerade zur Hand war ausgegossen. Nachdem dann dem furchtbaren Rauche durch Oeffnen aller Luken Abzug geschafft war, wurde schnell mit Schaufeln, freiliegende Kopra haufenweise über Segel und Matten aufgeschüttet; als auch diese wieder durchnäßt war, war nach mehrstündiger Arbeit jede Gefahr beseitigt.
Welch ein Schicksal aber wäre uns beschieden gewesen, wenn wir des furchtbaren Elementes nicht Herr geworden wären! Nicht die Hälfte der Leute hätte ich retten können, das einzige Boot würde mit 20 Menschen schon bei bewegtem Seegange überladen gewesen sein und ehe es möglich geworden wäre Land zu erreichen, -- Jaluit lag noch annähernd 120 Meilen vor uns, zurück gegen Wind und See zu rudern war ausgeschlossen -- wären wir sicher eine Beute der Haie geworden wie alle anderen.
Selbst für den mit allen Gefahren der See vertrauten Seemann -- Gefahren von denen der Landbewohner sich nichts träumen läßt -- sind solche Augenblicke schrecklich, vor allem für einen Führer, der weiß, daß Menschenkraft im Kampfe gegen drei Elemente erliegen muß. Er selber harrt auf seinem Posten aus und stirbt, wenn er das Schicksal der ihm anvertrauten Wesen nicht mehr wenden kann, aber er weiß auch, daß die, die sich vielleicht auf Trümmern gerettet, einem grausamen Geschick verfallen sind.
Solche Gedanken geben einem Menschen übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten -- die Gefahr liegt vor ihm, Tod oder Leben hängt von seiner Entschlossenheit und seinem Können ab -- und mit dem Muthe der Verzweiflung stürzt er sich ihr entgegen, um die Planke zu schützen, auf der er steht, die ihn und die Gefährten über die blau schimmernde Tiefe, über den Ozean trägt.
Nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort mein früher geführtes Schiff, das von Apia hierher beordert worden war, als Ablösung vor und hoffte schon die Milli-Leute nach Samoa bringen zu können; indeß ich hatte nur die Schiffe zu wechseln und befand mich bald wieder auf einer Monate langen Reise durch die Karolinen-Gruppe. Da die Mannschaft, Niue-Leute, für längere Zeit an Bord zu verbleiben verpflichtet war, so hatte ich nun wieder eine geübte Besatzung.
Ich muß mich darauf beschränken von dieser ausgedehnten Gruppe hoher Vulkan-Inseln und zahlreicher Korallen-Atolle ein begrenztes Bild zu entwerfen und kann nur aufrichtig bedauern, daß den zur Kolonialarbeit wenig tauglichen Spaniern diese reiche Inselwelt zurückgegeben war und über ein zukunftreiches Gebiet die entfaltete deutsche Flagge wieder eingezogen wurde. Die Atolle der Karolinen, zwar nicht an Umfang denen der Marschall-Inseln gleich, sind aber doch ebenso reich an Erzeugnissen wie diese, auch meist in größerer Ausdehnung bebaut, da die Bevölkerung zahlreicher ist.
Die hohen Basalt-Inseln wie Yap, Ruk, Ponapè, und Kufat, Stammvesten der Bevölkerung, sind dagegen in Wahrheit Edelsteine im weiten Ozean, die an Fruchtbarkeit in nichts den Samoa-Inseln nachstehen, vielmehr diese noch übertreffen. Die überreiche Natur wartet nur der fleißigen Hand, welche die aufgespeicherten Schätze heben soll. Soll man ein Urtheil über die gesammte Gruppe abgeben, so trifft noch immer der von früheren Entdeckern gethane Ausspruch zu „Das ganze Meer ist besät mit Edelsteinen, gerade wie der Spiegel des sternenbesäten Himmels über diesem.“ „_The whole is studded with ocean gems, as if the mirror of the starry sky above it._“
Wenn ich hauptsächlich bei den östlichen Inseln verweile, so geschieht es darum, weil auch ich mit diesen besser bekannt geworden und hier zum Theil Augenzeuge von Vorgängen gewesen bin, die wenigen noch in der Erinnerung, vielen nie wahrheitsgemäß geschildert worden sind.
Zunächst nach Ponapè bestimmt, sah ich diese weithin sichtbare große Insel bereits am sechsten Tage. Einen hochwillkommenen Anblick boten die hohen Felsenmassen dem einsam auf weitem Meere hinziehenden Schiffer; geschmückt mit ewigen Grün vom höchsten Bergesgipfel bis zum blauen Ozean, breitete sie sich gleich einem Paradiese aus vor den staunenden Augen, wie solches von der Hand der Natur nicht schöner geschaffen, wie es einem sorglos glücklichen Volke nicht besser geboten werden kann.
Wie ausgestorben, scheinbar unbewohnt, liegt im smaragdenen Kleide im Ozean gebettet die Insel da, nichts als das Laub zahlloser Bäume ist sichtbar, aus dem vom Strande aufwärts die hochragenden Palmen sich vereinzelt oder in Massen abheben. Wenn man dicht unter die weit abliegenden Riffe, die mit schmalen Inseln besät sind, vorübersegelt, erblickt man hinter diesen ein weites ruhiges Becken, das von den draußen stürmenden Wogen des Ozeans nicht im geringsten bewegt wird und, wie weit man auch an diesem Riffe und Inselkranze entlang segelt, sich immer gleich bleibt. Zwischen dem dichten Laube der Bäume wird keine Hütte sichtbar, doch Rauch steigt hier und dort auf; unter den steilen Felswänden zieht phantastisch ein Kanoe, um bald zu verschwinden.
Ein bloßer Punkt auf meiner Karte, war diese 60 Seemeilen im Umfang große Insel. Sie war nur nicht genau bekannt, auch wußte ich nicht wo ich die Einfahrt zur deutschen Station zu suchen hatte, darum lief ich unter der Ostküste nach Süden und suchte westwärts weiter nach einer Durchfahrt. Da das Wasser still war, wagte ich es als ich gegen Abend eine ganz schmale Durchfahrt zwischen zwei Riffinseln fand, für mein Schiff gerade breit und tief genug, einzulaufen. Zwar lagen anfänglich schlecht sichtbare Riffpatschen umher, die gefährlich werden konnten, doch näher dem Lande verschwanden auch diese, und bald lag wie im sichersten Hafen das Schiff ruhig vor seinem Anker.
War vorher nichts von Menschen sichtbar gewesen, so erschien jetzt bald hier und dort ein Kanoe, und nicht lange währte es, dann lag eine Anzahl derselben längsseit; Hühner, Eier, Yams, Ananas, Bananen, Fische und Kokosnüsse, sowie Perlmutterschalen u. s. w. wurden zum Kaufe angeboten, gegen wenig Tabak konnten von den nackten Eingebornen die wohlschmeckenden Erzeugnisse dieses reichen Landes eingetauscht werden. Lungur-Eiland, den Bestimmungsort, mir zu zeigen, ließen sich willig einige Leute gegen geringes Entgelt bereit finden, sie meinten eine freie Durchfahrt führe innerhalb der Riffe dahin.
Wohl segelte ich am anderen Morgen einige Stunden weiter nördlich im ganz stillen Wasser, doch unter der 1000 Fuß hohen senkrechten Felswand von Jocoits an der Nordseite, fand ich zwischen den hier zahlreichen großen und ausgedehnten Riffen nur schmale gewundene Engen, die mit konträrem Winde nicht gut zu durchsegeln waren. Ich nahm deshalb das Kanoe der Eingebornen an Deck, und suchte durch eine Oeffnung im Hauptriffe wieder die freie See auf, um so nach der eigentlichen Jocoits-Einfahrt zu gelangen. In der That wurde bald Lungur-Eiland und die Station erreicht.
Durch dieses theilweise Umsegeln der ganzen Insel, ward mir die Gelegenheit gegeben, die mächtigen Felsenpyramiden sowohl, wie auch die überaus reiche Pflanzenwelt aus der Nähe zu beobachten; machte ich mich später auch mit dem Innern der Insel näher bekannt und sah die Großartigkeit der Natur in ihrer vollen Pracht und Wildheit, so schwächte dies doch nicht den zuerst gewonnenen Eindruck ab.
Die Insel muß in früherer Zeit eine öde Felsenmasse gewesen sein, bis die allmähliche Zersetzung der Lava und Basaltmassen auf der Oberfläche für das Pflanzenleben fruchtbaren Boden geliefert hat. Heute krönt die Höhen ein fast undurchdringlicher Urwald, reicher Humus hat sich abgelagert, die Verwesung der Pflanzen, die gestürzten Baumriesen erzeugten ihn, hohe Schichten der fruchtbarsten Erde deckten Thal und Höhen überall. Kurze reißende Ströme, aus tausend Quellen genährt, stürzen zu Thal, an ihren Mündungen weite Flächen abgeschwemmtes Land wieder ablagernd, das oft weithin bis zum Fuße der Felsen mit Seewasser überdeckt wird und doch dem Mangroven-Baum und vielen anderen ein Fortkommen gestattet, so daß, gleichwie in der Höhe, auch hier, mächtige Wälder sich ausgebreitet haben.
Silberklar und kühl ist das herrliche Wasser dieser Flüsse, oft bin ich, so weit ich nur mit einem Boote kommen konnte, diese hinaufgefahren, um die Großartigkeit der Urnatur zu betrachten; selbst im Innern des dunklen Erdtheils (Afrika) habe ich in den jungfräulichen Urwäldern kaum solche eigenartige Schönheit der Natur gefunden, wie sie sich hier auf so kleinem Raume dem Auge darbot. Gestürzte Baumriesen lagen, gestützt auf ihre mächtigen Zweige, von Ufer zu Ufer, Brücken, auf denen die zahllosen Insekten hin und her wanderten; auch See- und bunt gefiederte Singvögel liefen ohne Scheu auf solchen auf und ab. Tausende von Luftwurzeln, Lianen und Schmarotzerpflanzen strebten von den Bäumen herab zur Erde, um sich wieder in endloser unentwirrbarer Kette zu heben. Girrend lockt die Taube überall, nicht erkennbar wegen ihres dunklen Gefieders, im dichten Laub der Bäume, und nur das scharfe Auge des Eingebornen weiß sie zu finden und mit sicherem, unfehlbarem Schusse aus der luftigen Höhe herab zu holen.
Die Arten der Pflanzen und Bäume mit ihren Abarten, die Nahrung und Kleidung geben, sind sehr zahlreich; hauptsächlich aber sind es von den Bäumen Brotfrucht, Pandanus, Kokosnuß und Bananen, von den Erdpflanzen Yams, Taro, Ananas und andere, die ohne jegliche Pflege überall wachsen bis weit hinaus auf dem Inselkranz, woran gleich einer schäumenden weißen Linie die Wogen des Ozeans sich unablässig brechen.
In geologischer Hinsicht weist Ponapè besondere Merkmale auf. Der Unterbau ist fester Basalt, darüber thürmen sich aus gleichem Gesteine 2-3000 Fuß hohe Bergkuppen und Höhenzüge auf und darauf wieder vielfach schichtweise gelagerte Lavamassen. Ebenso fand ich auch im südlichen Theil der Insel, nahe dem Kiti-Hafen, als ich zu den schwer zugänglichen Höhen aufstieg, zu Tage tretenden rothen Lehm in ziemlich starken Schichten abgelagert vor, sicher ein Erzeugniß vulkanischer Ausbrüche. Auffallend aber ist, daß das Berggefüge in seiner Masse sowohl, wie in einzelnen Theilen, ein Spielball furchtbarster Naturkräfte gewesen zu sein scheint, denn entkleidet des überaus reichen Pflanzenwuchses böte sich dem Auge des Beobachters ein Gemenge übereinander gethürmter Felsen und Gesteine dar. Nicht die alles zersetzende Zeit allein hat ihnen hier ihren Stempel aufgedrückt, vielmehr sind die zahllosen Sprengstücke, mit denen die ganze Insel besät ist, sicher nur Erzeugnisse der gewaltigsten Erschütterungen und Umwälzungen schon erstarrt gewesener Massen.
Der Hauptheerd der vulkanischen Thätigkeit muß an der Nord- und Nordostseite gelegen haben, da hier eine Reihe kleinerer und größerer Inseln, die getrennt von der gewaltigen Masse der Insel Ponapè liegen, sich als muthmaßliche Krater erwiesen haben. So die Inseln Mutok, Yokocts, 800-1000 Fuß hoch, Yarum, Momts, Takain und Lungur. Die genannten sind alle Basaltgebilde, oft steil und schwer zugänglich, und steigen bis zu 300 Fuß und darüber. Allerdings habe ich keine Krateröffnungen gefunden, wohl aber Lavageschiebe, wenn auch nur in geringerer Menge.
Eine von Fachleuten unternommene Durchforschung der Inselgruppe dürfte zur Bestätigung meiner Ansicht führen. Diese stützt sich auch namentlich darauf, daß Lungur ein stumpfer von allen Seiten steil abfallender Kegel ist (ich habe ihn öfter an steiler Wand erklettert) und oben im Gestein eine geschlossene kahle Vertiefung zu Tage tritt. Auch ist das weite fruchtbare Vorland mit mächtigen Felsblöcken bedeckt, die von der Hauptmasse eine gewaltige Kraft abgesprengt haben muß.
Auffallend ist die oft bedeutende Tiefe innerhalb des mächtigen Riffes, welches die ganze Insel in einem Umkreise von 60 Seemeilen umgiebt; einzig erklärlich dadurch, daß in früherer Zeit ein Sinken der Gebirgsmasse stattgefunden hat, ein neuer Anbau der Korallen aber durch das frische Wasser der Flüsse verhindert wurde und nur dort die Polypen den äußeren Riffwall schaffen konnten, wo ihnen der Ozean reichlich Nahrung bot, so daß schließlich um die ganze Insel Ponapè eine Lagune entstanden ist.